Noch nie einen Kaktus gesehen? - Balkonia - E-Book

Noch nie einen Kaktus gesehen? E-Book

Balkonia

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Beschreibung

Gibt es bekiffte Katzen? Was haben Kürbisse auf Gräbern zu suchen? Und warum sind Astern im November so traurig? Balkonias Monatskolumnen - ursprünglich für die Internetseite der Schweizer Blumenbörsen geschrieben - sind eigentliche Hängematten-Geschichten: Humorvolle, geistreiche Kürzesterzählungen, Beobachtungen des Alltags. Am besten zu geniessen an einem lauen Sommerabend in der Hängematte oder an einem kalten Wintertag vor dem Kamin - als geistiger Apero für den eigenen Alltag. Kabus bös-liebevollen Karikaturen stammen aus einer anderen Zeit, und doch ergänzen sie Balkonias Geschichten auf gelungene Weise: Trotz Handy und PC haben sich die Menschen in den letzten 50 Jahren nicht wesentlich verändert - zum Glück.

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Seitenzahl: 77

Veröffentlichungsjahr: 2023

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In Erinnerung an Kabu und Detta

INHALT

Vorwort

2. Vorwort

Mittags nie!

Tapetenwechsel

Immer diese Festtage

Balkon mit Küche

Bekiffte Katzen

40° Celsius

«Oh, seids ihr au Bayern!»

Poulet im Chörbli

Von Kürbissen auf Gräbern

Dunkelhaft

Nein, kein Weihnachtsstress

Feigen haben BSE

Imülls

Der Mann mit Schnuller

Raclettfarbene Füsse

Pandabärchen

Mit den Hühnern ins Bett

Sechser im Lotto

An der Expresskasse

Von Wein und Eidechsen

Designer-Gärten aus Stein

«Bitte wenden!»

«Jo chasch dänke!»

Juhuigebrüll

Das Handy

Dekostadtgrün

Antibiotika im Poulet

Mondkalender

Blumen-Mode

«... überall hät’s Rauke dra»

Gartenzwerg im Römertopf

Mitten im Paradies

Überflüssige Pfunde

Katzen haben Personal

Die traurigen Astern

Glossar

In der Freiheit der Haltung erkennt man den Mann von Welt!

VORWORT

Irgendwann hatte Marietta angefangen, ein Buch zu schreiben – so richtig aus dem Leben gegriffen: Ihr ganzes Umfeld, Lebenspartner, Hunde, Katzen, Freunde und Wetterlagen kamen darin vor. Witzig geschrieben, manchmal auch ein wenig boshaft, aber nie verletzend. Leider hat sie irgendwann mit dem Schreiben wieder aufgehört.

Jahre vergingen. Bis ich den Auftrag erhielt, für die Schweizer Blumenbörsen eine Website zu gestalten. Da kam mir die Idee, eine Kolumne einzubauen, um das brachliegende Schreibtalent meiner damals 50-jährigen, in Luzern lebenden Schwester Marietta zu fördern: «Balkonia» war geboren.

Die «Balkonias», die sie seit Juni 2000 geschrieben hat, sind hier in chronologischer Reihenfolge abgedruckt und enden mit dem Beitrag vom November 2002. Die später entstandenen Kolumnen wurden auf www.luzern-direkt.ch veröffentlicht.

Was ihre Texte auszeichnet, sind Beobachtungsgabe, feiner Humor und Übertreibung - Charakterzüge, die der Familie Büller eigen sind. Unser Vater Karl, 1906 in Riga (Lettland) geboren, brachte dies in seinen Karikaturen zum Ausdruck. Von Beruf war er ein seriöser, anerkannter Ingenieur (siehe Seiten 73/74), – Chefkonstrukteur der Tragflügelboote der «Supramar AG», deren Mitbegründer er war.

Aber er war immer auch ein wenig Künstler, entwarf Grafiken, zeichnete während seines Studiums in Berlin Bühnenbilder; und immer pflegte er die Muse, wozu auch ausgelassene Feste gehörten. Die Berliner Zeit prägte «Kabu» – sein Pseudonym als Karikaturist: Berliner Witz, Kalauer und politischer Biss kennzeichnen seine Arbeiten.

Was lag also näher, als die Veröffentlichung der «Balkonia»-Kolumnen mit Zeichnungen von «Kabu» zu verbinden? Natürlich haben die Karikaturen keinen direkten Bezug zum Text, denn unser Vater ist 1983 gestorben. Dennoch ergänzt sich das eine mit dem anderen auf wunderbare Weise. Oder wie unser Vater – im übertragenen Sinne – zu sagen pflegte: «Humor mit Mass genossen, schadet auch in grossen Mengen nicht».

Vera Bueller Cavadini

2. VORWORT

Der Verlust eines geliebten Menschen ist eine der schmerzlichsten Erfahrungen, die wir wohl alle irgendwann einmal machen müssen und die uns verändert. Vielleicht beginnen wir dann, bei wichtigen Entscheidungen das Leben vom Ende her zu betrachten. Wir stellen uns vor, wie wir kurz vor unserem eigenen Tod über solche Entscheidungen denken würden – vieles bekommt dann eine andere Gewichtung. Aber nicht nur die grossen Veränderungen sind entscheidend, sondern gerade auch die kleinen Dinge des Alltags und die Geschichten – lustige wie traurige – die wir miteinander teilen.

Das bringt mich zu Marietta, meiner Schwester «Detta», mit der ich eng verbunden war. Ihr Tod am 1. März 2013 hat an dieser Verbundenheit nichts geändert. Ihre Kolumnen, die sie unter dem Namen «Balkonia» schrieb, sind dabei als wunderbare Erinnerung geblieben – und haben sogar noch an Bedeutung gewonnen. Grund genug also, «Noch nie einen Kaktus gesehen» neu aufzulegen. Die Rolle des Ehemannes von Balkonia wurde dabei mit «Kaspar» neu besetzt, was mit seinem Verhalten nach dem Tod von Marietta zusammenhängt. Ausserdem werden in dieser Auflage erstmals einige neue, zum Teil farbige Zeichnungen von «Kabu» veröffentlicht, die mit viel Witz und Scharfsinn die Absurditäten des menschlichen Lebens aufs Korn nehmen. Sowohl die Zeichnungen als auch die Kolumnen sind ebenso unterhaltsam wie nachdenklich und laden zum Schmunzeln und Nachdenken ein. Sie zeigen uns mit einem Augenzwinkern die Widersprüche und Paradoxien unserer Gesellschaft und erinnern uns daran, dass Humor eine wichtige Rolle in unserem Leben spielt.

Beim Lesen der Kolumnen wird auch deutlich, wie sehr Balkonia die Luzerner Altstadt liebte. Dort hatte sie ihre Treffpunkte, wo sie sich inspirieren liess, mit Freunden plauderte, diskutierte und lachte.Und da denke ich heute: Gut, dass Balkonia nicht mehr miterleben musste, wie sich die Innenstadt von Luzern verändert hat. Immer mehr ihrer liebgewonnen Läden, Galerien und Lokale sind verschwunden, mussten anonymen Kettenbetrieben und dem Kommerz weichen. Selbst die Kunstgewerbeschule wurde an die Peripherie verbannt. Marietta hätte sich in ihrer Altstadt immer einsamer gefühlt. Vielleicht ist es deshalb gut, wie es gekommen ist.

Vera Bueller Cavadini

MITTAGS NIE!

Juni 2000

Hat ein Sonnenschirmhersteller eigentlich mal selbst versucht, so ein Ungetüm bei nicht unbeschränkten Raumverhältnissen aufzuspannen? Mir ist das heute wieder mal unbeschadet gelungen. Ich habe mir kein Auge ausgestochen, das Mandelbäumchen hat noch alle seine Blättchen, selbst die Zitronen hängen noch am Baum. Die Katzen sind bei dieser Schwerarbeit nie in Gefahr – sie suchen beim Anblick des besagten Schirms unverzüglich ein Plätzchen weit weg vom Balkon auf –, sicher ist sicher.

Also, der Sonnenschirm ist montiert, eine frisch gebügelte Tischdecke liegt auf dem alten Gartentisch, der Wasserschlauch ist angeschlossen, mit anderen Worten: Eine heisse Juni-Mittagspause beginnt. Vor mir die Tageszeitung, ein riesiger Teller Kopfsalat, ein Stückchen Brot, Essig und Olivenöl, Salz und Pfeffer und ein grosses Glas Früchtetee. Im weinroten Tee knacken die Eiswürfel noch, das Glas beschlägt sich, ich schlage die Zeitung auf und will mir einen Schluck genehmigen, als sich vorerst die Glyzinie einmischt. Sie ist wütend. So im Stil «Du trinkst hier und ich kriege nichts». Ich versuche es ihr zu erklären: «In sämtlichen Gartenbüchern steht: Mittags nie!» Der Ginster hinter mir mischt sich jetzt auch ein: «Scheiss-Gartenbücher, ich habe Durst.» Die anderen drei Männer in meinem Urwald geben ihm Recht, wobei der Basilikum um eine gepflegtere Ausdrucksweise bittet. Die Rosen sagen nichts, sie schauen nur so unerträglich leidend.

Mir vergeht der Durst. Ich verstehe ab sofort jede Mutter, die ihrem quengelnden Kind im Supermarkt Gummibärchen kauft. Ich verstehe meinen Schatz, der es seiner ungezogener Katze erlaubt, sich friedlich auf seinem Schoss räkelt, obwohl die schwarze Hose gerade aus der Reinigung kam; ich verstehe Hundebesitzer, die es herzig finden, dass ihr Liebling grad die Bally-Schuhe anknabbert. Ich verstehe jeden Antiautoritärerziehenden und melde mich in diesem Verein an.

Nun kriegen meine Pflanzen Wasser soviel und wann immer sie wollen. Logisch nicht auf die Blätter. Sie danken es mir, indem sie prächtig gedeihen und mich in Ruhe zu Mittag essen lassen.

«Die Pulle ist voll, nimm ’ne andere!»

«Trink Otto! Biste dot, dann ärgert dich jede nicht getrunkene Molle!»

TAPETENWECHSEL

Juli 2000

Nun haben ja die Einheimischen in unseren Breitengraden gerade im Juli das dringende Bedürfnis, ihre bequem eingerichteten Wohnungen gegen Hotelzimmer, Wohnwagen oder – noch schlimmer – Zelte einzutauschen. Diese Behausungen liegen dann wahrscheinlich irgendwo 10 Kilometer ausserhalb von Rimini, Valencia oder irgendwo auf Mallorca; Hauptsache in der Nähe eines überfüllten Sandstrandes, wo das heiss geliebte Magnum-Eis der Kinderchen so ab fünf Franken zu haben ist. Dieser Tapetenwechsel (gilt nicht für Camper, Zelte haben keine Tapeten), also, dieser Ortswechsel oder wie immer wir das nennen wollen, hat ja seine Vorteile, jedenfalls wenn man das mal unter wirtschaftlichen Aspekten sieht: Heerscharen von Schweizern machen Platz für zahlende Touristen, damit diese sich an den Gestaden unserer endlich warm gewordenen Seen und Flüsse tummeln können. Da die meisten Schweizer mit ihren Pkws in die Ferien fahren, haben die Touristencars genügend Platz in den ausgestorbenen Innenstädten und die unzähligen Insassen dieser Ungetüme die Restaurants zur Verfügung. Aber was hat das mit mir zu tun?

Diese vorbildlichen Schweizer, die sich hier verkrümeln, um Fremden Platz zu machen, haben ein Problem: ihre Blümchen auf dem Balkon. Klar, es gibt automatische Bewässerungsanlagen. Häufig funktionieren die. Wenn nicht, ist es nicht so tragisch, da der geplatzte Schlauch sein Wasser meist – der Schwerkraft folgend – Richtung unteren Balkon verkleckert, und die Mieter des selbigen auch in den Ferien sind. Bis die Innenstadt unter Wasser steht, sind die Besitzer der Bewässerungsanlage in der Regel aus den Ferien zurück.

Leute ohne eine solche Anlage brauchen eine Verrückte, die im Juli/August zuhause bleibt und bereit ist, fremde Pflänzli zu hüten. Da erinnert sich doch so mancher Nachbar an Tante Balkonia. So lerne ich jeden Sommer meine Nachbarn während deren Abwesenheit kennen. Denn, zeig mir deine Pflanzen, und ich sage dir wer du bist!

Na ja, schon bald werde ich Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, die intimsten Geheimnisse meiner Nachbarschaft ausplaudern.

IMMER DIESE FESTTAGE

Mitte Juli 2000

Schon letztes Jahr haben Kaspar und ich den nachbarlichen Balkon von Rosmarie und Urs betreut. Logisch, dass wir auch in diesem Sommer zu dieser Pflege überredet wurden. Mit einem Unterschied: Die 50-jährige Rosmarie wurde durch eine 25-jährige Kahlinka ersetzt. Na ja, vielleicht die Pflanzen auch? Statt rund geschnittenen Margeritenbäumchen wachsen dort jetzt eventuell giftige Daturas mit ihren wunderschönen Blüten, die so verführerisch duften, deren gut verpackten Samen Rausch oder Tod bringen können, wer weiss?