Noir & Blanc - Kathrin Sereße - E-Book

Noir & Blanc E-Book

Kathrin Sereße

0,0

Beschreibung

"Das Buch ist eine Melodie aus Wörtern, glaube ich." Es ist Vertrauen, das Bleuenn ein neues Leben in Paris beginnen lässt. Sie hat den Eindruck, dass Gott sie genau hier möchte. Es begegnen ihr nicht nur die Buchhandlung von Madame Blanc und philosophische Gespräche in Cafés, sondern auch Menschen, welche ihre eignen Nachbarn ignorieren, und zudem eine Gemeinde, die den Weg zum Gottesdienst nur aus Gewohnheit weitergeht. Wer sind die Menschen von Paris? Es scheint Bleuenn, als sei sie hier die Einzige, die noch an Gott glaubt. Gerade Lance, ihr Mitbewohner, spielt zwar wunderschön Piano, streitet Gottes Existenz jedoch stur ab. Zwischen den beiden jungen Menschen entsteht dennoch eine Freundschaft, die sie tief verändern wird...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kathrin Sereße

Noir & Blanc

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Noir et Blanc

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

Impressum neobooks

Noir et Blanc

1. Kapitel

Es war eine lange Zugfahrt nach Paris, die Stadt war fern, so ließ mir dies die Zeit für zahlreiche Gedanken, jedoch sorgte ich mich nicht.

Zwar ließ ich alles, was man sah, zurück, in Wahrheit aber nahm ich mit, was die Vergangenheit in mir bereitet, was mich selbst geschaffen und geformt und ausgerüstet hatte. Ich war offen, dachte ich, bereit, zu tun, was ich tun sollte.

Ich beobachtete aufmerksam. –

Sicherlich kannte auch ich Angst und Zweifel zur Genüge, doch ich wusste, dass sie unbegründet waren, wie oft stellten sie sich nur als Oberflächlichkeit und Imagination heraus. Ich hatte Zeit, zu denken und zu schauen, um letztendlich einzusehen, dass die Wahrheit ganz woanders liegen mochte. Zwar war mir die Zukunft gänzlich unbekannt, doch war mir immerzu bewusst, dass ihr ein Plan, ein guter Wille, Zuneigung zugrunde lagen, und dass sie aus diesem Grund gelingen konnte. Paris war eine große und mir gänzlich fremde Stadt, die ich erst würde finden und begreifen müssen, es war die Verantwortung, die mich bedrückte, nicht die Angst, und dennoch war auch Freude spürbar, denn ich war und würde sein. –

So glaubte ich und darauf wollte ich vertrauen. An dem Entschluss, herzukommen, zweifelte ich keineswegs, denn schließlich hatte mich die Stadt schon längst gerufen, nur war mir noch nicht ganz klar, in welcher Tonart. Und so fremd sie mir mitunter scheinen mochten, gab es dennoch Anknüpfpunkte zu den Menschen, die dort lebten, denn das waren sie doch, Menschen! Und dort lag wohl auch die Kunst, die ersten Brücken zu entdecken, die verbanden.

Naiv war ich sicher nicht, zumindest nicht in dieser Hinsicht. –

Paris, das sei eine verdorbene Stadt, in der nur Leid und boshafte Gefühle herrschten, keine Stadt für mich, der mir dies abscheulich erscheinen sollte und auch tat; kein Ort für unsereins, sagte mir mancher, bleib doch lieber hier, du schadest dir und uns mit diesem irren Schritt. Ich lächelte und meinte, dass ich eben gehe, weil die Stadt so sei; wie feige, anzunehmen, dies sei Grund genug, es gar nicht zu versuchen!

Die Entscheidung, die ich traf, war weder falsch noch recht zu nennen, ja sie prägte wohl mein Leben und mein Sein, doch wusste ich, dass Gott mit allen meine Plänen etwas Gutes schaffen konnte, und ich hoffte, dass Ihm dieser Plan gefiel. Es war ein Plan! Es war nicht nichts, es war ein Schritt, und meine Eltern unterstützten mich mit voller Hingabe, sie teilten mein Vertrauen und versicherten, dass es geprüft und auch erprobt werden würde, doch nicht enttäuscht.

Paris, das sei die Stadt der Liebe, sagte man. –

„Ob Sie mich kennen lernen mögen, Mademoiselle?“, fragte der Herr, der mir im TGV bereits seit Stunden gegenübersaß. Wir hatten uns recht neugierig beobachtet, beim Lesen und beim langen Blicken aus dem Fenster, mit der Neugier, die man Mitreisenden gern entgegenbringt und die nur selten gestillt wird.

„Sie glauben, dass dies in der uns verbleibenden wenigen Zeit möglich sein wird?“, erwiderte ich bedacht.

„Was meinen Sie, wie viel wir bräuchten?“ –

„Nun, wann kennen sich zwei Menschen?“

Er saß ruhig und lächelnd da, wir waren beinah allein, der Zug war leer, er glitt gemächlich in der Mittagshitze über weites Land, leicht widerstrebend, schien es mir, als wolle er Paris in Wahrheit nicht erreichen, da die sommerliche Landschaft vor dem Fenster deutlich liebenswerter wirkte.

„Man lernt sich doch wohl nicht kennen ohne Grund“, fuhr ich nun fort, „wer tut das, wer findet den Mut?“

„Wir haben keinen Grund, da liegen Sie wohl richtig, unsre Wege werden sich in der Minute bereits trennen, in der wir den Zug verlassen, doch wer weiß, wann diese eintrifft? – Es gibt mehr Gründe, als wir oftmals annehmen.“

„Wer sagt mir, ob es funktionieren würde? Es ist möglich, dass wir uns ganz fürchterlich verstehen werden“, warf ich ein. „Ja, angesichts Ihres Gepäckes, Ihrer Kleidung, erscheint es sogar wahrscheinlich, dass keinem von uns Bekanntschaft mit dem anderen gefiele.“

„Folglich meinen Sie, dass Sie mich bereits kennen?“

„Nein, Monsieur, doch kann man sagen, dass die Welten, in denen wir beide leben, sich nicht kennen, was nicht böse gemeint ist, ich sage es ohne zu werten. Wir könnten uns schlicht nicht über eine Sache unterhalten, ohne ihr Grundsätzliches abzugewinnen, das sich scheidet, sodass unsere Worte sich voneinander trennen würden, ohne Hoffnung, sich jemals wieder zu finden, geschweige denn, als eine Einheit fortzuschreiten.“

„In der Tat, ich nehme an, Ihren Beruf bereits zu kennen, denn Sie lesen und Sie lesen auf eine besondere Weise.“

„Und ist meine Vermutung genauso richtig wie die Ihre?“

„Ja, das ist sie, meine Welt ist tatsächlich von Büchern meilenweit entfernt.“ Er strich sich seinen Anzug gerade. „Keine Wertung, auch von mir nicht! Aber können Sie erahnen, ob ich mich dazu entschloss oder ob mir das Leben zuflog? – Abgesehen davon glaube ich ganz fest, dass Wille und auch Zeit dem guten Vertragen den Weg bereiten, auf dass es im Erfolg münde. – Man muss sich kennen lernen wollen, Mademoiselle!“

„Doch warum will man es?“

„Die Frage ist zu einfältig! – Erscheine ich Ihnen nicht wenigstens sympathisch?“

„Und was sagt die Sympathie?“

„Sie glauben nicht an sie?“ Er lachte nun ein wenig. „Sie werden erkennen müssen, dass sie oftmals klugen Rat gibt.“

„Wie stünde es in der Welt, wenn man nur jene Menschen kennen lernen müsste, die man mag? – Ich habe wenig Vorurteile, sage ich Ihnen ganz ehrlich, doch glaube ich zudem, dass sich Freundschaft bald von selbst ergibt oder auch nicht.“

Leicht neigte er den Kopf. „Gewollt von wem? Von Ihnen?“

„Nicht zwangsläufig, doch auch nicht unbedingt von dem Gegenüber.“

„Dennoch können Sie sich mir nicht mehr entziehen, da ich längst beschlossen habe, mich mit Ihnen auszutauschen, was geschieht.“

„Doch hätten Sie dies nicht beschlossen, wenn wir nicht zufällig heute zu der Uhrzeit diesen Zug genommen hätten und uns so begegnet wären.“

„Das ist wohl wahr, wir sind nicht ohne ein Schicksal, doch darf man es als ein solches akzeptieren und infolgedessen nutzen! Die Aktion ist etwas, was wir nur schwer lernen, stets glauben wir, dass nur Reaktion uns vorherbestimmt sei, auch ich war lange Zeit der Meinung. Man steckte mich in den Beruf, der günstig schien, und ich gab nach, es sei das Schicksal, dachte ich. Wie falsch! In Wahrheit steht die halbe Welt uns offen! Die Kunst ist es, nicht zu bedauern, sondern das Agieren rechtzeitig zu lernen, und so mögen Sie nun wissen, dass ich tagtäglich bemüht bin, alles Gutes aus diesem Beruf und seinen Vorteilen zu schöpfen und es ist sehr vieles, wenn man danach sucht. Aktion ist stets beschränkt in einem weiten Rahmen, der nicht lähmt, obwohl so viele es annehmen, woraufhin sie gar nicht anfangen, zu handeln. Es ist jedoch nicht verwerflich, dass wir Grenzen haben, es kommt uns entgegen!“ –

Ich erzählte ihm, ich ziehe nach Paris.

„Das verdient Hochachtung und Neid zu gleichen Teilen. – Nun, vielleicht werden wir zwei uns doch begegnen in der Stadt.“

„Diese ist groß…“

„Aber das Licht in ihr begrenzt. – Sind Sie allein?“

„Noch bin ich es, doch werde ich in einer Wohngemeinschaft leben.“

„Welche Chance! Diese Brücke ist gebaut, denn es ist unumstößlich, eine Wohngemeinschaft sorgt dafür, dass man sich näher kommt, als einem lieb ist, und dabei ist man gezwungen, auch zu sehen, was man im Vorübergehen ignoriert. Sie werden vieles sehen in Paris, doch gleichsam wird Paris Sie sehen, Mademoiselle.“

„Man muss sich wohl sehr gut verstehen, wenn man keine tiefe Abneigung bezüglich seiner eigenen vier Wände spüren möchte?“

„Kennen und verstehen wollen! Beides kostet Kraft und Mut, weil es auch immer heißt, die eigne Überzeugung einer Probe auszuliefern. – Ich wünsche Ihnen, dass Paris seine Augen Ihnen nicht verschließen wird, es ist ein Miteinander, vergessen Sie das nicht.“

Als wir in den Bahnhof rollten und uns Lärm und heiße Luft entgegenschlugen, stand er auf und reichte mir voller Ermunterung eine Hand. „Ein wenig Aktion nur von meiner Seite machte uns zu Reisebekanntschaften. So bleibt der Mensch nicht lange alleine, Mademoiselle.“

„Ich habe gerne reagiert“, meinte ich da.

„Paris erfordert eben beides, Mut zur Aktion und zur Reaktion. Im Nichtstun kann niemandem Hilfe kommen.“

Als er freundlich lächelnd seinen Koffer nahm, sah ich das kleine goldne Kreuz, das unter seinem hellen Hemd durchschimmerte.

2. Kapitel

Weder die Aktion noch die Reaktion erschien mir leicht umsetzbar, als ich später die Bekanntschaft mit Juliette Luxanche und Bradford Seamon machte, ich war freundlich, so wie sie, doch mehr war mir zunächst nicht möglich, denn der erste Eindruck von Paris nahm alle meine Sinne in Beschlag, die lauten Straßen, hohen Häuser, und dann jenes Appartement im Quartier Latin, im vierten Stock, das fortan mein Zuhause heißen sollte. –

Noch sah ich nicht viel, denn alles wirkte gleich, all die Gefühle und Gerüche, Farben, Formen, ich suchte Besonderheiten, um den Überblick zu wahren, doch letztendlich rauschte alles geballt weiter. –

Was sagte man jemandem, dem man in Zukunft näher kam als einem lieb war?

„Fühlen Sie sich hier willkommen, falls Sie Schwierigkeiten haben, helfen wir Ihnen sehr gerne.“

Dabei war es merkwürdig, gleich einem Fremdkörper in diesem Haus zu leben, in das Zimmer einzuziehen, in dem kurz vor mir ein anderer gelebt, geschlafen und gedacht, das Knarren dunkler Dielen gespürt hatte und die Bücher in das schmale Regal an der Wand gestellt. Doch nahm ich Juliettes nette Worte durchaus ernst und stellte fest, dass sie mir Hoffnung und Heimat vermittelten, ja das Gefühl, zumindest wahrgenommen zu sein. Es hieß warten auf die Zeit, dass ich verstand, wer ich hier war und wer ich sein würde und wie nah man sich kam.

In Paris stand die Luft, selbst wenn man alle Fenster zugleich aufriss, zog kein Windzug durch den Raum, nur der Gestank nach Autos und nach Stadt erfüllte ihn sogleich. Es war ein warmer Sommer, in Paris ein Graus. –

„Sie haben ja kein Meer“, bemerkte ich, als Lance Leprince am Fenster stand und einsam rauchte, „deshalb ist die Luft so stickig und verbraucht.“

„Es fehlt mir nicht“, meinte er nur. „Die Hitze ist durchaus erträglich, wenn man sich genügend Ablenkung verschafft. – Es gibt ganz anderes, das Sie verwundern dürfte.“

Was er meinte, war die Hitze in der Nacht, in der noch immer Autos unten auf der Straße übers Kopfsteinpflaster rollten und der Schweiß auf meinem ganzen Körper stand, er meinte die Geräusche einer fremden Welt, die niemals ruhte, denn es gingen ständig Schritte durch das Haus, und etwas schabte, und Juliette besaß unglaublich viel Parfum, und Bradford kam am Morgen gegen ein Uhr heim. –

Was mich am meisten staunen ließ, war jedoch, dass ich mich nicht hilflos noch alleine fühlte, sondern neugierig und beinahe erfreut.

3. Kapitel

Noir & Blanc, dies war der Name jener Buchhandlung im Herzen von Montmartre, die mich fortan einstellte. Auf diese Weise, denn sie lag ein paar Stationen mit der Metro vom Quartier Latin entfernt, fuhr ich tagtäglich durch Paris, und so erlebte ich auf jeder Fahrt mehr und mehr von der Stadt. Der künstlerisch-dörfliche Flair Montmartres faszinierte mich, ich staunte über die vergangene Ästhetik, die das Viertel präsentierte. –

Die Buchhandlung war anders, sie war anders als Paris, sie war die ehrwürdige Stätte großer Werke, wahre Literatur bot die Inhaberin, Madame Blanc, den Kunden feil. Die Klientel war gut betucht und kam nicht zufällig vorbei, man schlenderte nicht ohne Grund durch die strahlend geputzte Glastür.

„Buchhändler ist kein Beruf wie jeder andere“, belehrte Madame Blanc, „es ist vielmehr eine Berufung, denn wir tragen mehr Verantwortung, als man allgemein denkt. Die wenigsten von uns begreifen das! Ich aber bin der Ansicht, dass wir wahres Schriftgut konservieren sollten, auf dass niemand versucht wird, es zu vergessen.“

Das Gebäude war verwinkelt und recht dunkel ob der Bücher, die sich vom Boden bis in die höchsten Höhen stapelten. Man roch sie auch, sobald man eintrat, alte Tinte und die Worte und das Wissen, und alles besaß eine penible Ordnung, die Madame Blanc festlegte und ständig pflegte. Sie sortierte Folianten, eilte dann durch den Raum, sie einzuordnen, und ich suchte nach den altbekannten Titeln jener Klassiker, die mir von klein auf bereits vertraut waren.

„Viele meinen, dass sie Buchhändler sind – doch sie sind es nicht! Dem Anschein nach, dem Titel, aber in Wahrheit kann nicht einer von ihnen wahre Dichtkunst von Banalitäten unterscheiden! Es liegt daran, dass keiner sie leiden kann in diesen Zeiten, man bevorzugt hohles Zeug, das leicht verdaulich ist, und jene Buchhändler, sie wissen wohl, dass nur auf diese Weise Geld zu machen ist, als ginge es beim Buchhandel nur um Profit! So ist es nicht, sage ich Ihnen.“

„Meine Meinung ist sehr ähnlich, aber glauben Sie nicht auch, dass Bücher stark genug sind, mit der Zeit zu gehen? Wessen Geschmack hat den Vorrang, der der Kunden oder Ihrer? – Erlauben Sie mir die Frage, wie wird man ein wahrer Buchhändler, der dennoch Freunde hat in dieser Welt?“

Sie sah mich an. „Das Buchhändlersein kenne ich. Es fängt mit konsequenter Disziplin an und endet mit solcher, Sie dürfen Ziel und Anfang dabei nicht vergessen, Sie müssen alles beherrschen, jede Quintessenz und Logik, doch ist dies nicht möglich ohne Leidenschaft. Wir schulden unseren Kunden starke Kompetenz, die es verhindert, dass man ihnen falsche Lehre unterjubelt. Vertrauen ist stets endlich; wir müssen es wertschätzen und sicher bewahren, nicht zuletzt dadurch, dass auch wir schlechten Büchern nicht verfallen.“

„Ob wir uns einigen würden, Sie und ich, was schlecht ist, was nicht?“

„Ich kann darin keine Schwierigkeit erkennen, denn die Ehrfurcht vor den Büchern sehe ich bereits in Ihnen, und Sie ahnen, was sie bergen und was sie von uns erfordern.“

„Ich habe mich zu der Ausbildung entschieden. Nun bin ich bereit, Madame.“ –

Sie war ein Individuum, so manchen Welten fern und anderen auf Herzlichste verbunden, und ich konnte von ihr lernen, weiter lernen, und ich wusste, dass ich nicht alleine war. – Sie lebte mit der Tochter in der Wohnung über dem Geschäft, und von mir wollte sie nicht viel mehr als nur meinen Namen erfahren, und dann, was ich bereits las und was mir unverständlich blieb. Als ich Madame Blanc kennenlernte, sah ich, dass es Menschen gab, die unaustauschbar waren, deren Wesen ihre Umwelt deutlich prägte. Für sie war die Arbeit weder Pflicht noch Job, es war ihr Leben und der Traum, für den sie lebte. Meine Hochachtung gebührte ihr deshalb, aber ich fürchtete bisweilen, dass ihrer Art von Buchhandlung ein Martyrium bevorstand.

Aber noch gab sie nicht auf: „Wir brauchen gute Unterstützung, unsere Mission ist groß, Paris ist größer. Wir sind sehr froh, dass Sie hier sind, Mademoiselle.“

Gleich am ersten Tag gab sie mir eine Liste mit den Büchern, die sie mich zu lesen wünschte, sie war voller Zuversicht und guter Hoffnung, gleichwohl fürchtete ich leise, dass mein Wissen ihrem Anspruch nicht genüge. –

„Seien Sie nur aufmerksam“, sagte sie mir, „und Sie werden überleben.“

Buchhandlungen waren für mich Orte von tiefster Schönheit und die Orte größten Schreckens gleichsam, denn sie bargen Sehnsüchte und Ängste, Kraft und Offenbarung meiner selbst, Antworten, Fragen und auch Rätsel, die wir niemals lösen würden. Ein jeder Mensch sollte lesen, dachte ich manchmal wehmütig, ganz besonders jene Menschen, die es pflegten, einen weiten Bogen um jeglichen Text zu machen. Gerade diese würden eines Tages hart von ihrer Wahrheit eingeholt, glaubte ich fest. Es war beängstigend und unbegreiflich, dass es Bücher in unsrer Welt gab, welch Wagnis, welch Geschenk, all die mächtigen Worte voller Wahrheit! – Sie waren keine Fiktionen aus einer antiken Zeit, sondern von einer Bedeutung, die in mir Ehrfurcht und Aufregung erweckte. Wer wollte dies nicht ermessen, es nicht sehen, dieses Wunder!

„Wir sind Hüter“, sagte Madame Blanc, „diejenigen, die andere mit der Begeisterung anstecken müssen. Die Erkenntnis können wir ihnen nicht schenken, doch den Weg hin zu ihr ebnen. Fehler und Nachlässigkeit sind unter uns wohl kaum zu dulden, denn wir formen unter anderem Gedächtnis und Esprit dieser Gesellschaft.“

Ihre Worte sorgsam prüfend hielt ich sie auf dem Nachhauseweg für wahr; tatsächlich las man selten etwas, das so prägte wie ein Stück Literatur, zweifellos war nichts auf der Welt, zu dem die Bücher keine Weisheit darboten. Die Zeit verging und nur die Bücher konnten in dem, was geschah, Fäden erkennen, nicht die temporären Zeilen, die man auf den Blättern an den Zeitungsbuden der Boulevards ersteigern konnte. Was der kleine Mensch, wie ich es einer war, auch denken mochte, sobald er es niederschrieb wurde es das: ein Buch, das wiederum von anderen gelesen werden konnte, die daraufhin eigene Worte verfassten und begriffen, nach denen sie die Welt neu gestalteten. Jawohl, sie waren von Bedeutung, diese Bücher, Einzelner und auch Gesellschaft wurden fest durch ihren Einfluss! Sie wog schwer auf meinen Schultern, die Verantwortung, denn letztlich waren wir es, die Buchhändler, die nun Schuld waren am Unglück einer Tat, der das falsche Werk zu falscher Zeit zugrunde liegen mochte. Das mochte man so behaupten! – Aber ich war überzeugt, dass ohne das helfende Handeln der Buchhändler sich die Unglücke noch mehrten. –

„Wie wenig verstehen wir, sodass die falschen Dinge oft unterschätzt werden“, sagte ich. Mir gegenüber saß die als solche bezeichnete Freundin von Bradford Seamon und ich zweifelte, ob ihre Gegenwart ihn glücklich oder auch nur nicht unglücklich machte. –

„Könnten Sie das noch erläutern?“, fragte sie.

„Buchhändler! – Viele unterschätzen den Beruf.“

Das Essen schien ihr wichtiger. „Und wenn ich nun einfach nicht lese?“, meinte sie.

„So würden Sie bald überhaupt nichts mehr verstehen, denn wie vieles gründet sich auf das Geschriebene, ohne dass man dies merkt.“

„Meinen Sie nicht die Schriftsteller, Bleuenn, als solche, die die Welt beeinflussen?“, warf Juliette ein.

„Es scheint mir logischer“, sagte auch Lance Leprince und sah mich an. „Sie haben uns so fest im Griff ihrer Gedanken und auch Fähigkeiten, denkt doch nur, dass eine Gesellschaft nie klüger sein wird als diejenigen, die schreiben und das Privileg genießen, ihre Tage mit dem Denken und dem Abwägen zu leben, die sich nicht gehindert sehen von Beschränktheiten des Alltags. Sie bestimmen unser Schicksal, welche Macht! Denn Bücher bleiben ewiglich, viel länger als die einflusslosen Gedanken des einzelnen, den man niemals hineinlässt in die Welt der Schreibenden, er ist zu laienhaft, zu uninteressant und nicht gemacht für diese Herrschaft! – Doch ich glaube, dass die Macht der Schriftsteller letztendlich nur erfunden ist, ein Privileg vielleicht, aber was schaffen sie in ihrer irren Weltfremdheit? Nur Fiktionales, das die Wahrheit niemals kennt und das dem Bürger gar nichts bringt, höchstens Amüsement, kein Geld und keine Nahrung, unbrauchbar! Und wer weiß denn, was mit der Literatur fünfzig, hundert Jahre später noch geschehen mag, wer ahnt denn, welche Einflüsse sie dann entfaltet? Vieles wurde zur Gefahr, ohne dass der Verfasser dies erahnen konnte. Doch bleibt man stetig dabei, die alten Werke zu bewahren, immer wieder, dabei nützen sie uns nichts. Ein arg beschränkter Aberglaube, sage ich.“

„Was schlagen Sie daraufhin vor? Sollte man besser gar nicht schreiben oder lesen, alle Bücher rasch und konsequent verbrennen, nur da Sie, Monsieur Leprince, der Meinung sind, sie würden lügen? Was ist mit all jenen positiven Einflussnahmen und Bequemlichkeiten, die sie täglich unabdingbar ausüben?“

„Zwar haben wir es uns, das Lesen und das Schreiben, angewöhnt und die Abhängigkeit wächst weiter, doch ist sie nicht absolut. Noch ist die Zeit, um umzukehren, und es würde Kriege sparen und auch Menschenleben retten, Mademoiselle.“

„So spricht nur einer, der davon nicht viel versteht, verzeihen Sie.“

„Man lasse jedem seine Meinung“, warf Bradfords Freundin nun ein, „der Friede ist viel wichtiger als das Rechthaben und man glaube mir, es sind letztlich nur Bücher.“

„Und Sie schreiben selbst, Bleuenn?“, bemerkte Lance.

„Voll Überzeugung“, sagte ich. –

„Meinen Respekt“, meinte Juliette, „ich selbst besitze nicht genügend Phantasie, um lange Texte zu verfassen, und auch keine Zeit dafür.“

„Zeit kann man durchaus investieren und es sei Ihnen gesagt, dass Phantasie mit Schreiben schlichtweg nichts zu tun hat, wenn der Schriftsteller ein solcher wahrhaft ist.“

„Ich habe viel gelesen, dessen Ursprung weder Phantasie noch sonst etwas zu sein schien, sondern reine Unzulänglichkeit des armen menschlichen Verstandes“, sagte Lance, „und so ließ ich es fortan ganz bleiben.“

„Sie sind wohl an schlechte Buchhändler geraten!“

Bradford hob den Blick. „Buchhandlungen sind für mich angenehm, ob nun ich lese oder nicht. Es scheint mir stets ermutigend, sie aufzusuchen, durchzuatmen und zu wissen, dass ich nicht alleine bin.“

„Das bist du nicht“, sagte die Freundin und sie kicherte ihm zu, und ich bemühte mich, sie nicht zu verurteilen, alle beide. –

„Sie verblenden uns, die Bücher“, sagte Lance, „und wir lassen uns so gern von ihnen blenden. Das ist nicht einmal ein Vorwurf, nur wünsche ich mir von Herzen, dass dieser Fakt anerkannt wird.“

Er sagte es, wie auch sein Name lautete: Leprince. So klang es, doch das war es nicht, denn er missachtete ein jedes Argument, das ich ihm gab, aus Furcht, es könnte ihn besiegen, und so fragte ich mich, wessen Sohn er war, von welchem König und was er regieren mochte. –

Er wusste dennoch, dass ich schrieb, da ich ihm so begegnet war, an meinem ersten Tag bereits in dieser Stadt, auf dem Trottoir mit einer Kladde in der Hand und einem Stift, schreibend und gleichzeitig beobachtend, die Menschen, Häuser, Tiere, was es sonst noch gab, gebückt, mein Bein als eine Unterlage nutzend.

„Verzeihen Sie die Empfehlung des Cafés gleich um die Ecke“, sagte er leise von hinten, und erschrocken fuhr ich auf. Beobachtend hatte ich ihn nicht kommen sehen. „Wenn man dort sitzt und hinausschaut, sieht man alles auf der Straße, und Sie bräuchten nicht fürchten, dass ein nachdenkender Mann in Sie hineinläuft.“

„Vielen Dank für diesen Hinweis, doch wage ich zu bemerken, dass die Angst viel mehr die Ihre war, Monsieur.“

„Das könnte wahr sein.“ Er betrachtete mich länger. „Nun, ich lüde Sie gern ein, doch meine Zeit erlaubt es nicht.“

„So sind Sie nicht Herr Ihrer Zeit? – Man kann viel sehen in Paris, ich bräuchte Stunden im Café.“

„Jedoch ist sehen noch nicht alles, Mademoiselle, viel wichtiger ist, was man denkt.“ Mit einem Lächeln schob er sich die Mütze tiefer ins Gesicht. „Ich wünsche Ihnen einen interessanten Tag.“

Es war so feige, dachte ich, die Welt nur durch die Fenster des Cafés zu sehen, denn wie anders war es, im Gestank und im Gebrüll der Avenuen zu stehen und zu spüren, dass man da war, dass Paris einen umgab und dann zu merken, dass der Stift nicht hinterherkam zu notieren, was man blickte und begriff. – Fensterläden, von den vielen Schuhen glatt geschabtes Pflaster, Blumenkübel, deren Pflanzen fast wie tot im Winde hingen, dann der Herr, der auf der Leiter stehend Straßenschilder putzte, und die Dame, die zwei Zigaretten gleichzeitig ansteckte, jenes Mädchen, das die Blätterhaufen freudig in die Luft warf, die nur zwei Minuten vorher mühsam gekehrt worden waren, und viel mehr Menschen und Dinge, die mir fremd und gleichermaßen vertraut waren. Meinem Bruder schrieb ich, wie Paris so aussah, und sofort war er begeistert, sagte mir, ich solle grüßen, doch war mir dies nimmer möglich, denn sie kehrten niemals wieder, sie verloren sich in jenen weit verzweigten Labyrinthen von Paris. –

Nur Lance Leprince kehrte zurück.

4. Kapitel

Der Sonntag war besonders, schon am Morgen, wenn das Haus und ganz Paris den letzten Rausch und die Erschöpfung der zurückliegenden Woche selig ausschliefen, sodass selbst der Verkehr beinah erlag. Durchs Küchenfenster fielen Streifen klaren Lichtes und ich saß alleine da und spürte es auf meiner Haut.

Der Morgen versprach einen neuen Tag, Erlebnis und Begegnung, er gab Kraft und Mut und zeigte uns das Ende dieser Nacht, und ich wusste, ja ich glaubte, dass er wiederkehren würde, dieser Morgen, immer wieder. –

Ich war glücklich in Paris ohne Paris, denn ich war glücklich über Arbeit, über Menschen, über Frieden in der Wohnung, der mein Herz zutiefst berührte und es springen ließ vor Freude. Ich alleine in der Sonne – aber in der Sonne war ich, und das war für mich genügend. Die nun frische Luft ließ mich viel tiefer atmen, als man es in einer Stadt ansonsten tat, der Duft nach Kaffee mischte sich mit dem nach Pain au chocolat. Kein Mensch bemerkte meine sonntägliche Stille, und ich sorgte mich für kurze Zeit, was war, wenn niemand mich bemerken würde, heute nicht und morgen nicht und vielleicht nie? – Aber wenn sie mich suchen würden, könnten sie mich auch entdecken, dachte ich, das wird gelingen.

Die Sonne lächelte sanft über Paris, und ich lag dieser Stadt nicht mehr länger zu den Füßen, sondern reichte ihr versöhnlich meine Hand. Wenn sie still war, war sie durchaus zu ertragen, gab sie Zuversicht und zeigte ihre längst vergangne Schönheit, die im Alltag bald verschwand.

Leer war es nicht auf diesen Straßen, doch die Menschen, die man traf, waren besondere, denn sie hatten begriffen, dass es diesen Morgen gab und dass er weit mehr Leben schenkte als die Zeiten, die man oft „lebendig“ nannte. Freundlich grüßte ich den Straßenkehrer, der geduldig seiner Arbeit nachging. Sonntagmorgens hatte man denselben Blick, wen man auch traf.

Der Sonntag rief mir die Mission strikt ins Gedächtnis, verlor sie sich doch so schnell, war sie doch groß, die Stille jedoch zeigte sie, indem sie Platz schuf, Platz für mich und das, wofür ich leben wollte. Sie machte mich demütig, denn sie war machtvoll. –

Eine Kirche lag nicht weit von meiner Wohnung und so ging ich gern zu Fuß, ich näherte mich ihr aus eignem Willen und eigener Kraft, voller Erwartung.

Mit dem Rücken an dem historischen Bau und tief im Schatten jener Steinmauern und Schmuckwerke und unter hohen Fenstern, deren Glas bunt schimmerte, saß stets der Obdachlose, zerfurcht und verlottert und mit einer leichten Anklage im Blick.

„Die Nacht war klar, doch über dieser Stadt scheint lange kein Stern mehr“, sagte er deutlich und sah mich unverwandt an. –

Ganz wie der Pastor der Gemeinde, jener ungläubig, verblüfft, erschien es mir, als rechne er mit niemandem. Von vornherein fühlte ich mich beheimatet, denn uns verband etwas, das in Paris nicht oft zu finden war. Sie waren kalt und abweisend, viele Pariser, aber hier war man willkommen und das herzlich, ohne Zutun, ohne Mühe. Wir mussten uns nicht vorstellen, denn wir kannten uns bereits, wir mussten nichts erklären, da wir es schon wussten. Dennoch wuchsen wir gemeinsam, denn es war eine Gemeinschaft und der Christ brauchte den anderen, der ihn freundlich ermahnte.

Ich saß in der letzten Bank, von der aus ich die ganze Kirche sehen und erfassen konnte, sowohl die anderen Leute als auch mich und meine Begegnung mit Gott, es war ein Wechselspiel mit beidem, und ganz selbstverständlich geschah es und wir waren dabei, denn um uns ging es und durch uns lebte die Kirche.

Wir sollten mehr einladen, so dachte ich, und uns für viel mehr Menschen öffnen. –

Ihr seid das Licht dieser Welt. –

Ihr seid es, sagte er, ihr müsst es nicht noch werden.

Und dennoch war es ein Auftrag! Oh ihr Lichter dieser Welt, wo seid ihr denn, ja, ihr mögt sein, aber nicht hier, nicht in Paris! Die meisten Lichter der Pariser waren inzwischen erloschen, während meines danach strebte, endlich aufleuchten zu können. Das Wort traf mein Herz und gab mir darin Ruhe, denn ich war es, und ich würde noch mehr leuchten. Meine Karte und mein Kompass waren sie in dieser Stadt, von Gott geschenkt, die Er mir mitgab, auf dass ich mich nicht verfuhr.

Wenn jemand eingetreten wäre in die Kirche, hätte er dann auch gesehen, dass der Raum von Licht erfüllt war und nicht nur von milden Strahlen, die die Buntglasfenster wärmten? –

Ich suchte den Diskurs, denn er war da, in meinem Kopf, warum nicht äußern, wozu Glas sein anstelle von einem Spiegel?

„Paris ist tüchtig verdorben“, meinte er und lachte mich ein wenig aus, der Pfarrer. „Das hier ist kein Licht, so hübsch das Bild auch scheinen mag. Wo sehen Sie es zwischen diesen altern Mauern, die verschandelt sind vom allerersten Tag an? – Selbst sogar im Sommer ist es finster, furchtbar finster in Paris.“

„Dabei fühle ich mich recht wohl in dieser Stadt, zuweilen bin ich fast vergnügt. – Soll dies nun heißen, dass ich nicht dazugehöre, dass ich selbst kein Kind des Lichts bin?“

Beinah leer war es inzwischen in der Kirche, nur der Pfarrer sah mich voller Ruhe an.

„Die wahre Finsternis wird nicht allzu rasch sichtbar, Mademoiselle. Sie wissen doch, wir sehnen uns nach Licht und es gibt viele Dinge, die auch leuchten. Nur ist dieses Licht ein anderes als das, was Sie und ich erkennen und erhalten dürfen. Oberflächlich mag es reichen, doch wir sollten tiefer bohren Mademoiselle. Doch voller Vorsicht!“

Bedächtig deckte er den Altar und dann die Bibel ab. Er blies die Kerzen aus. „Voll Vorsicht, denn darunter ist es schwarz.“

„Sie leben lange in Paris?“

„Zu lange schon. Es hat sich dennoch nichts verändert. – Weswegen sind Sie nun hier?“

„Weil man mich rief. Vielleicht, Monsieur, um das zu sehen und zu handeln.“

„Das hat man Ihnen gesagt?“

Ich lächelte. „Der Wille unsres Herrn ist unergründlich, aber doch unfehlbar. Ich bin voller Lob für Ihn an diesem Morgen, denn ich glaube, dass die Hoffnung noch besteht, solange wir sind. – Denn wir sind das Licht der Welt, das sagten Sie.“

„Wir sind verborgen…“

„Und Sie unternehmen nichts, um ihn zu lüften, diesen Scheffel?“

„Wer hat denn die Kraft dazu? Ich nicht, auch Sie nicht, das ist wahr. Die, die wir retten wollen sind es, die ihn halten und verdichten.“

„Warum tun sie’s?“

Wir waren nun an der Tür und ordneten die Liederbücher, und der Pfarrer schloss die Kordel zu den Bänken, nahm das Geld aus der Kollekte. Ein Wort nur noch, nur ein Ratschlag für mein Leben. –

„Seien Sie weise, besonnen, aufmerksam“, sagte er, „lassen Sie Gott Zeit! Sie sind gewiss, was auf uns nach unserem Tod und allem Leide warten mag. – Was leuchtet, das sind Kerzen, wir sind Kerzen, und wir brennen erst, wenn der Geist unser Herz entzündet hat. Der Schein wächst an, je mehr er uns berührt, je mehr von unsrer Seele wir ihm zum Entfachen geben, bis dass wir schließlich andere anstecken mit diesem Feuer tief in uns, sodass andere Kerzen es empfangen können. Denn ein unverbrannter Docht trägt keine Frucht, und das Wachs schmilzt nicht und ist zu gar nichts nütze. Die ihr Feuer offenbaren, werden dagegen um sich ein Meer von Licht erzeugen können. – Der uns angezündet hat, war selbst ein Arzt, der für die Kranken und nicht die Gesunden da war, und wenn wir ihm nachfolgen, so wissen wir, wohin der Weg führt. Es gibt ausreichend Kranke in dieser Stadt, Abgötterei, Wollust und Gier. Ja, in Paris strahlt keine Hoffnung, sondern sie verströmt nur Dunkelheit und Tod. Was bleibt uns übrig, das ist die mühsame Arbeit, Brücken zu den längst Erloschenen zu bauen.“

Ich wollte es gern enthüllen, dieses Licht, das meines war, aber wie denn den Scheffel heben, wenn man ihn vor lauter Dunkelheit nicht sah? –

„Vielleicht sind sie noch da, doch unbeachtet.“ Draußen hatte der Clochard sich nicht bewegt.

Sie war so abgrundtief, die Weltlichkeit Juliettes, dass sie schon wieder etwas Attraktives hatte. Wir unterschieden uns wie Tag und Nacht, sowohl im Geiste und als auch Wesen, und es war darum erstaunlich, dass man dennoch Tür an Tür verbringen konnte, ohne Streit und ohne Hass, wir waren beide tolerant, doch keinen Schritt konnten wir in dieselbe Richtung auch nur wagen. Ich dachte, ich könnte vielleicht etwas lernen von dem Leben, das sie führte, mehr erfahren über ihre Ideale und Ideen, und gleichsam hoffte ich, dass sie bereit war, zuzuhören, was ich als Fremde zu sagen hatte.

„Sagen Sie“, meinte ich an dem schmalen Tisch, wir saßen Seit’ an Seit’ und Bein an Bein mit anderen Parisern, es war eng und laut in diesem Restaurant, und über uns sammelten sich träge Rauchschwaden, „wie würden Sie die Welt beschreiben?“

„Als sehr gegensätzlich“, antwortete sie, „es gibt viel Armut und daneben großen Reichtum, Schönheit und furchtbares Elend. Wie sollte man sie da einheitlich benennen?“

Sie nippte an ihrem Wein. –

„Würden Sie irgendwas entdecken, das vereinend existiert? – Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen nun sage, dass es eine Kreatur gibt, die das Böse schürt und die omnipräsent ist, die sich Teufel oder Satan oder wie auch immer nennt?“

„Das klingt tatsächlich interessant…“

„Interessant? – So haben Sie wohl keine Furcht?“

„Oh doch, vor vielem, Mademoiselle. – Und sei es nur ein falsches Outfit, doch auch Gier und Neid verachte ich zutiefst.“

„Können Sie sagen, was gut und was böse ist?“

Nun schien sie etwas irritiert. „Ich bin ein Mensch und jeder Mensch besitzt Moral, welche da sagt, was gut und schlecht sei und die prüft, was auch geschieht. An Wertvorstellungen mangelt es uns gewiss nicht.“

„Aber woher stammen diese? Woher kommt Ihre Gewissheit, dass Sie nicht auch böse?“

„Nun machen Sie mir durchaus Angst“, sagte sie da, doch war ihr alles viel zu fremd, als dass sie es ernst meinen konnte. –

„Was tun Sie gegen die Angst? Wie handeln Sie, wenn jenes Böse Ihren Weg kreuzt?“

„Nun, ich ignoriere es, denn ein jeder ist verantwortlich für seine Taten, und meine Moral ist nicht allgemein gültig. Sicherlich gibt es Richtlinien und Fakten, manche Rechte, die doch unumstößlich sind…“

„Und wer hat diese fest gelegt?“

„Herrje, es gibt eine Verfassung, Mademoiselle, und es ist nicht nötig, sie jetzt zu hinterfragen.“

Kokett lächelte sie einem Kellner zu, nippte erneut und dankte ihm charmant, als er das Essen brachte. Sie schien offen und direkt mit andren Menschen umzugehen, denn sie war gekonnt im Flirten und genauso machte sie sehr gerne deutlich, dass nur ihre Meinung stimmte. Ihre Contenance war heilig und distanziert elegant, nicht egoistisch, sondern vielmehr unschuldig. –

Eine gekonnte Spielerin, Juliette Luxanche, der ihre Rolle perfekt auf dem Leibe saß, man konnte beinah neidisch werden auf ihre Textsicherheit. Doch wer sein Leben spielte, mochte es verfehlen. –

Ich wollte nicht spielen wie all die Leute in diesem Café, dessen Geplauder uns stetig benebelte. –

„Und wovor fürchten Sie sich, Bleuenn?“, wollte sie kurz darauf wissen.

„Nun, vor vielem, doch ich habe einen Retter, einen Helfer, dessen schützende Gestalt von meiner Seite niemals weicht.“

Sie lächelte und nickte lange. „Welch ein Ort Paris doch ist!“, stellte sie fest. „Man trifft die wunderlichsten Menschen.“

„Kennen Sie, Mademoiselle, Jesus?“

Ihre Rolle schlug Alarm. „Ich möchte Ihnen jede Mühe abnehmen und gleich klar stellen, dass jegliche Missionierung ohne Sinn ist, da ich sehr agnostisch bin und keine Zeit habe, daran etwas zu ändern. So verzeihen Sie mir, denn ich akzeptiere Ihren Glauben, doch ich appelliere tunlichst, Ihre Zeit nicht zu vergeuden.“

Mir bleibt noch die Ewigkeit, dachte ich, aber sie hat Recht. Es ist frustrierend. –

„Nun, Sie bleiben mir ein Rätsel“, sagte ich stattdessen nur, „denn ich stelle es mir überaus herausfordernd und hart vor, in Paris zu überleben ohne sich im Klaren zu sein über Gott.“

Welch Gleichgültigkeit und welch abweisende Worte, ehe ich die meinen überhaupt ganz ausgesprochen hatte! Ja, verdorben waren sie alle zusammen, und sie klammerten sich ängstlich ans Verderben, ungewillt, nur einen Finger loszulassen, da sie glaubten, dass danach nur Leere kam, ein Fall ins Nichts. Wie unglaubwürdig, dass in ihnen die Befürchtung überwog, den eignen Unglauben womöglich zu verlieren.

Zeitverschwendung! Ja, die Suche nach dem Glück war sicher drängender, als dass man auch nur kurz die Richtung prüfte, die man einschlug. –

„Meine Klarheit besteht darin, zu erkennen, dass es letztlich gleichsam ist, ob man sein Leben im Glauben oder im Unglauben verbringt. Ich lebe gut, dass können Sie gewiss nicht leugnen, und andere tun es auch, ob sie nun glauben oder nicht. Wer möchte urteilen, wer Recht hat? Wie wollen Sie uns denn zwingen, uns zu ändern?“

„Das möchte ich keineswegs. Die Frage ist, ob Sie bereit sind, dass ein anderer dies tut. – Und wer sagt Ihnen, was ein gutes Leben ausmacht?“

„Das ist unsere Gesellschaft, Mademoiselle. Ich weiß genau, dass Geld entscheidend ist, und was gibt es auch sonst?“

„Die Religion ist nicht ans Geld gebunden“, erwiderte ich, „ein fester Glaube lebt ganz unabhängig und der Glaube macht das Leben wertvoll.“

Doch selbst in mir keimten Zweifel, denn ich kannte noch kein Leid und lebte frei von Angst und jeglicher Bedrohung. Vielleicht suchte ich an diesem schönen Sonntag im Café nach meinen Grenzen, meinem Halt, wie fest ich stand, und war erschüttert, wie bald mich die Furcht vor Anfechtung einholte. –

„Haben Sie denn, meine Liebe, Interesse an Parfum?“, fragte Juliette nun triumphierend. „Wohl nicht sehr, so würden Sie mitnichten denken, dass es Zeit sei, dies zu ändern, bloß weil ich Ihnen davon wärmstens vorschwärme. Warum also sollte ich Ihren Versuchen Folge leisten und an einen Gott und einen Jesus glauben, der mich dann in meinen Freiheiten bloß einschränkt?“

Juliette Luxanche war angestellt bei einem wohl berühmten Parfumier. Sie glaubte, dass ihr Job bedeutend sei, für sie gemacht. –

Ich gab es auf, gegen die Mauer anzurennen, die sich um ihr Herz befand und deren Steine man ihr großzügig gereicht und verbaut hatte. Für sie zählten nur Profit und eine Schönheit dieser Welt, die all den Schmutz verbarg und die sich letztlich auf dem Nichts befand. Daher die Angst, sie anzuheben! Doch wer akzeptierte dies? Ich grübelte; warum stießen sie ohne Zögern einen liebenden Gott fort, der ihnen Seine starke Hand gnädig hinreichte?

Gescheitert gab ich es auf und überlegte, ob es wahr war, dass ich nichts tat, als mein Leben zu verschwenden. Kein Mensch würde es bemerken, wenn ich fort war, wenn ich ging, Paris würde die Schultern zucken und sich weiterhin mit seinem Würgen, Krämpfen, seinem Leid beschäftigen. Warum auch nicht? –

Doch als ich später durch die Straßen ging und rote Abendsonne an den Fensterscheiben reflektierte, als man mir an einem Stand nahe der Seine ein altes Taschenbuch anbot, als ich in unsre stille Wohnung trat und sogleich riechen konnte, dass es Abendessen gab, fragte ich mich, ob ich nicht vorschnell meinen eignen Plänen traute statt den Seinen.

Ich hatte eine Aufgabe und mein Dasein einen Sinn.

Kein kluger Mensch würde versuchen, eine Mauer mit Gewalt niederzuzwingen.

5. Kapitel

Morgen zwischen Herbst und Sommer. –

Die Hitze war längst vergangen und Paris atmete auf, wandte sich seiner Arbeit zu, die schönen Träume von den Sommerabenden bald nur ferne Erinnerung, die Bilder von tiefgrünen Bäumen rasch von anderen ersetzt.

Es roch nach Herbstlaub und die ersten Blätter färbten sich allmählich, doch kein andrer nahm es wahr, die Zeit war rar, die Hetze nötig, bald zur Arbeit, bald nach Hause, und nur ich stand da und richtete die Nase in den Himmel. –

„Sie sind etwas wunderlich, habe ich Recht?“, fragte mich Bradford und berührte mich von hinten an der Schulter.

„Riechen Sie!“

Er schnupperte. „Ihr Haar riecht nach herbem Parfum…“

„Wie wäre es, wenn wir ein Stück des Wegs gemeinsam gehen würden?“

„Mit Vergnügen.“

Kurz darauf erklärte ich: „Riechen Sie nicht, dass der Herbst kommt und die Veränderung herbeiruft? Ganz Paris ist in Bewegung.“

„In Paris? Sie scherzen wohl. Ein jeder Tag ist gleich in dieser öden Stadt und jede Woche, jedes Jahr. Die Einsamkeit verschlingt uns kriechend und wir können uns nicht wehren.“

„Aber schauen Sie, die Blätter…“

„Werden rot und fallen ab. Der Frühling wird daraufhin kommen“, meinte er. Dann schüttelte er seinen Kopf. „Ja, Sie sind wunderlich, tatsächlich. Aus Paris kommen Sie nicht.“

„Mit diesem Wort bin ich wohl sehr rasch abgefertigt?“

„Nehmen Sie es mir nicht übel, darum bitte ich Sie sehr...“

„Auf keinen Fall.“

„Es ist doch nett, gemeinsam einen Teil des Weges zu erleben, Mademoiselle.“