Nord-Abenteuer. Retro. 73 - Stephan Tobolt - E-Book

Nord-Abenteuer. Retro. 73 E-Book

Stephan Tobolt

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Beschreibung

"Gerade als sich Jule, Peter, Karl, Fred und Jonny auf den Rückweg begeben wollen, dringt ein Mark und Bein erschütternder Schrei durch die Finsternis bis zu ihnen. Nur einen winzigen Hauch später nehmen sie das tosende Geräusch des Sees wahr, so als sei etwas aus großer Höhe in das Wasser gestürzt und von dem an manchen Stellen bis zu elf Meter tiefen See verschluckt worden." Auf den ersten Blick ist Lüttensee ein verschlafener Ort. Das ändert sich schlagartig, als Karl, Peter, Jule, Fred und Jonny – die "Kontristen" – in einen abenteuerlichen Kriminalfall verwickelt werden. Plötzlich befindet sich die Gruppe auf der Jagd nach zwielichtigen Ganoven, während ein mysteriöses Seeungeheuer ihre Heimatgemeinde in Atem hält. Zur selben Zeit kämpft Karl mit seinen Gefühlen für Jule.

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-829-3

ISBN e-book: 978-3-99131-830-9

Lektorat: Hannah Lackner

Umschlagfotos: Marseas, Michael Pelin | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Nayani Gannile, Sri Lanka

www.novumverlag.com

1. Kapitel

Karls Schlampigkeit sollte sich jetzt, Stunden später, rächen …

Freitag, 03.08.1973, 10:14 Uhr bis 11:26 Uhr

Langeweile. Nichts Besonderes in einem Nest wie Lüttensee, einer Achttausend-Einwohner-Gemeinde, mitten in der Mecklenburger Pampa, von einigen auch ‚Mecklenburger Schweiz‘ genannt. Drumherum Laub- und Nadelwälder, eine Vielzahl an kleineren und größeren Seen und Felder. Bereits in der Regel von Mähdreschern abgeerntete Felder, über die zahlreiche Traktoren mit ihren Eggen im Schlepptau die trockene Erde lockern und dabei für eine rötlich eingefärbte Staubwolke verantwortlich sind, die man kilometerweit vom Ort des Geschehens ausmachen kann. Auf einem Teil der kleineren Felder stehen noch Heupuppen bereit, um von den Bauern in die Scheunen geholt zu werden. Und auf einigen wenigen Feldern kann man noch das leuchtend gelbe Korn ausmachen.

Lüttensee hat eine zum Teil erhaltene Stadtmauer, eine Hauptstraße, die gleichzeitig als Einkaufs-und Flaniermeile herhalten muss, obwohl sie über den Daumen gepeilt keine 300 Meter in der Länge misst und die sich vom Rostocker Tor bis zum Malchiner Tor erstreckt, mit einigen wenigen Geschäften und einem Ein-Sterne-Hotel mit separater Gastwirtschaft.

Zentral liegt der Marktplatz mit dem Fischbrunnen, der seit Jahren nicht mehr funktioniert, drumherum platziert befinden sich das ehemalige Rathaus, das jetzt von der Volkspolizei genutzt wird, die Sparkasse und das Highlight des Städtchens, die Currywurstklause.

Langeweile, das ist auch der erste Gedanke von Karl, der gerade aufgewacht ist und der nicht ahnt, dass dieser Freitag im August für ihn, und nicht nur für ihn, ein folgenschweres Ereignis bereithalten sollte. Ein Ereignis, das verbunden ist mit folgenschweren Entscheidungen und spektakulären Aktionen. Ein Ereignis, das in den kommenden Tagen sein Leben, das seiner ehemaligen Mitschüler Peter, Jule, Fred und Jonny und das der Einwohner von Lüttensee bestimmen und auch verändern sollte. Zumindest für einen überschaubaren Zeitraum.

Es ist keine Katastrophe, die ihn, wie nach einem gnadenlos treffsicheren und erbarmungslos hart geschlagenen Leberhaken auf den staubigen Ringboden stürzen lässt und ihm die Luft zum Atmen nimmt. Nein, das ist es nicht. Allerdings spielen Misstrauen, Verrat, Raub, Diebstahl und Kidnapping eine nicht unwesentliche Rolle. So viel darf an dieser Stelle verraten werden, ohne ins Detail zu gehen. Aber der Reihe nach.

Karl reckt und streckt sich, gähnt und schielt zum Wecker, der in einem Zwischenfach der Schrankwand steht. Platziert neben allerlei Krimskrams, der sich in den Jahren angesammelt hat. Karl hatte spätabends, nachdem er sich zusammen mit Ben, eigentlich Benjamin, aus Mangel an Alternativen zum dritten Mal den Film ‚Abschied‘ mit Heidemarie Wenzel in der Hauptrolle im Kinopalast angesehen hatte, zwar die schmucklosen, großkarierten und einseitig gelbbraun bedruckten Übergardinen zugezogen, allerdings nicht mit der gebotenen Sorgfalt. Diese nächtliche Schlampigkeit sollte sich jetzt, Stunden später, rächen. Ein Schwertschafft großer, blendender Lichtkeil, in dem unzählige milchige Staubteilchen tanzen, schlägt durch das Zimmer und steckt anscheinend mit der Schwertspitze mitten im Zifferblatt des kleinen Klappweckers, den Karl vor Jahren für ein defektes Multifunktionstaschenmesser bei Joachim eingetauscht hat. So ist es ihm unmöglich, die Uhrzeit abzulesen, so sehr er sich auch bemüht. Er kneift die Augenlider zusammen, deckt mit einer Hand ein Auge ab, wechselt auf das andere Auge. Ohne Erfolg.

„Der Tag fängt ja gut an“, murmelt Karl verschlafen vor sich hin und tritt die dünne Stoffdecke ans Fußende, bevor er die Beine lustlos aus dem Bett schwingt.

„Schiet, elender!“, schimpft er, auf der Bettkante sitzend. Er scheint dabei zu überlegen, ob es tatsächlich eine gute Idee ist, aufzustehen, ganz gleich wie spät es sein würde. Ferien, Ferien, Ferien. Die letzten in meinem Leben, denkt Karl und seufzt, ganz so wie er es hundertfach von seinem Großvater gehört hatte, einem alten Mann von über siebzig Jahren.

Großvater lebt allein in einem Siedlungshäuschen, wenige Kilometer entfernt von Lüttensee, in einem Siebzig-Seelen-Dorf. Für sein Alter ist er fit wie ein Turnschuh. Karls trostloser Feriengedanke, mit im Moment eher düsterer Zukunftsaussicht was die zukünftige Freizeit in seinem Leben betrifft, wechselt ungewollt zu dem tröstlichen Gedanken an den Großvater. Dieser ist bestimmt bereits seit Stunden auf den Beinen. Hat die Hühner und Enten gefüttert, ist mit Lore eine Runde gegangen und vielleicht gerade dabei, einen großen Topf seiner sagenhaften Milchsuppe mit Mehlklößchen auf dem Feuerherd zu kochen. Karl wird warm ums Herz, allerdings hilft ihm das wohlige Gefühl in diesem Moment in keinster Weise. Außerdem meldet sich das schlechte Gewissen, wenn er an Großvater denkt. Eigentlich hatte er dem Großvater versprochen, ihm beim Pflügen seines kleinen Hausfeldes zu unterstützen. Das war genau vor drei Tagen.

„Morgen“, sagt Karl zu sich selbst, „oder übermorgen.“ An diesem Morgen muss er eine andere Entscheidung treffen. Aufstehen oder Liegenbleiben, das ist die Frage. Entscheidungen zu treffen ist nicht so sein Ding. Immer geht es darum, abzuwägen. Er kommt sich in diesen Momenten vor wie ein … ja, wie soll man es formulieren, wie ein Gedankenjongleur. Gedankenjongleur, diesen Begriff hatte Jule benutzt, als er sich wieder einmal nicht entscheiden konnte. Damals, vor einigen Monaten, war es darum gegangen, ob sie für die schriftlichen Abi-Prüfungen eine Lerngruppe bilden, oder ob jeder für sich lernen sollte. Karl fühlt sich wohl in der Nähe von Jule, sie kennen sich seit der ersten Klasse, hatten fast denselben Schulweg und sie saß an einem Tisch hinter ihm. In den Pausen kam es häufig vor, dass er die Runde im Park in ihrer Begleitung drehte. Also, eigentlich hatte nichts, rein gar nichts dagegen gesprochen, eine Lerngruppe mit ihrzu bilden. Also keine Gruppe im Sinne der dafür notwendigen Mehrzahl, eher ein Lernduo. Aber, und da kamen so einige ‚Aber‘ zusammen, er hatte auch folgende Gedanken gehabt: Wäre es nicht effektiver, allein zu lernen? Seine Zeit selbst einteilen zu können? Wäre es nicht besser, sich in keine Lernabhängigkeit zu begeben? Und, der entscheidende Punkt war auch gewesen: Was würden die anderen dazu sagen, wenn er ständig mit Jule zusammengluckte? Karl hatte um einen Tag Bedenkzeit gebeten. Jule hatte eingewilligt, allerdings hatte ihr linker Mundwinkel beim bemühten Versuch, zu lächeln, ein wenig nach unten gehangen, während sie „Na klar, sonnenklar!“ geträllert hatte. Am nächsten Tag, hatte Karl immer noch keine Entscheidung treffen können. Jule war schließlich zu ihm gekommen und hatte ihn mit der klaren Ansage darüber informiert, dass sie nun mit Jonny zusammen lernen würde.

„Gedankenjongleur!“, hatte sie ihm zugerufen, als sie sich auf ihr rot lackiertes Klappfahrrad geschwungen hatte und mit wehenden Haaren davongesaust war. Karl hatte seine eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit verflucht und war an diesem Tag nicht mehr ansprechbar gewesen. Ganz ehrlich, das hatte er sich am Abend eingestanden, als er im Bett gelegen und nicht einschlafen hatte können, hätte er eigentlich nur zu gern mehr Zeit mit Jule verbracht.

Okay, dann mal raus aus den Federn. Welche Federn, denkt Karl noch, als er von der Bettkante springt und rüber zur Schrankwand stolpert. Er hat sich mit dem rechten Fuß in der Decke verhakt und es hätte nicht viel gefehlt und Karl wäre bäuchlings auf das bereits ziemlich lädierte Parkett geknallt, das vor einigen Jahren einmal im Fischgrätenmuster akkurat verlegt worden war. Er kann sich gerade noch so mit der linken Hand an der bernsteinfarben, furnierten Schrankwand abstützen, die allerdings bedrohlich ins Wanken gerät. Eine der dickbäuchigen, ziemlich eingestaubten Matroschkas, die zwischen zahlreichen, versteinerten Seeigeln und Donnerkeilen ihren Platz gefunden hat, schaukelt hin und her, bis sie schlussendlich der Schwerkraft folgend auf den Fußboden stürzt. Infolge des harten Aufschlags öffnet sich der betuchte Bauch der fülligen, bunt bemalten Puppe. Aus ihr kullert eine zweite Puppe und auch deren Bauch platzt infolge des Aufpralls auf, sodass eine weitere, kleinere und weniger runde Matroschka zum Vorschein kommt. Auch sie dreht sich auf dem Parkett bäuchlings mehrfach um die eigene Achse, wie Karl, der jetzt das Regal mit beiden Händen ergriffen hat, fasziniert registriert. Wie beim Flaschendrehen, denkt Karl. Seine Müdigkeit ist spätestens in diesem Moment verflogen. Er hält das Regal so lange, bis er keine Schwingung mehr in seinen Fingern verspürt. Nebenbei schüttelt er die verdammte Decke, die zum morgendlichen Chaos geführt hat, von seinem Fuß. Er bückt sich, wirft die Decke auf das Bett und setzt die sowjetische Bauchpuppe zusammen, bevor er sie wieder zwischen die Steine in das Regal stellt. Endlich kann er einen Blick auf das leicht vergilbte, an mehreren Stellen abgeplatzte Ziffernblatt des Weckers werfen. Karl wundert sich, schüttelt den zerzausten, braunen Haarschopf, bevor er den Wecker fasst, um ihn aus der Nähe zu betrachten. 16:30 Uhr oder 04:30 Uhr, je nachdem, liest er vom Ziffernblatt ab.

„Das ist Unsinn, völlig unmöglich!“, poltert Karl los und hält sich dabei den Wecker an ein Ohr. Er schüttelt das Chronometer, bevor ein Gedankenblitz ihn dazu bewegt, den Wecker aufzuklappen und das Uhrwerk aufzuziehen. Jetzt kann Karl auch das monotone Ticken des Weckers hören, die genaue Uhrzeit hat er jedoch immer noch nicht. Eins ist allerdings sonnenklar, es ist weder 04:30 Uhr noch 16:30 Uhr. Karl zieht die Vorhänge auf und öffnet das gekippte Fenster, aus dem er einen freien Blick auf den Wäscheplatz, die zur rechten Hand aneinandergereihten Garagen und die kleine Schwimmhalle hat. Schwülwarme Luft drückt von draußen in das Zimmer. In diesem Moment verschwindet der strahlende Sonnenball gerade hinter mächtigen, sich auftürmenden, blaugrauen Wolkenbänken. In der Ferne grummelte es.

Für heute ist Gewitter angesagt, erinnert sich Karl. Er lässt das Fenster geöffnet, schnappt sich seine Unterwäsche, Jeans und Shirt, sucht kurz nach den Socken, klemmt sich die Sachen unter den Arm und verschwindet aus seinem Zimmer in Richtung Bad. Nur Sekunden später kehrt er zurück in den Raum und schaltet das Sternradio mit Kassettenteil ein, das er zum achtzehnten Geburtstag von den Eltern geschenkt bekommen hat. Er hat sich eine Kassette mit seinen Lieblingshits zusammengestellt, unter anderem City mit ‚Am Fenster‘, Renft mit ‚Wer die Rose ehrt‘, Silly mit ‚Bataillon d’amour‘. Er sucht kurz, spult zurück, hört kurz in die Aufnahme und spult wieder zurück. Dann hat er den Titel von Pankow ‚Langeweile‘ gefunden, dreht bei den ersten Klängen die Lautstärke hoch. So hoch, dass er sicher ist, die Musik auch im Bad hören zu können.

Karl ist allein in der Wohnung, die im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses liegt. Die Eltern haben die Wohnung vor mehr als zehn Jahren bezogen. Seitdem muss Karl nicht mehr abends allein durchs Treppenhaus bis in den Keller schleichen, um die Toilette aufzusuchen. Auch die Besuche am Samstag im Badehaus entfielen. Und das Wasser für die Gesichtswäsche und zum Zähneputzen muss dank der nachträglich installierten Boiler nicht mehr im Kessel auf dem Gasherd erhitzt werden. Der Kohleofen im Bad wird für eine knappe Wannenfüllung zwei Mal in der Woche beheizt. Karls Aufgabe ist es dabei, regelmäßig für Kohlenachschub aus dem Kohlenkeller zu sorgen. Kein großes Ding, wie Karl es formulierte, als sein Mitschüler Jonny sich bei einem seiner seltenen Besuche seltsam pikiert darüber zeigte, dass bei ihnen das warme Wasser nicht direkt aus der Wand kam.

Aber Jonnys Ansichten sind von untergeordnetem Interesse. Er gehört nicht zum engeren Kreis von Karls Freunden und Verbündeten. Zu den Kontristen, wie sich die fünf seit einem geheimen, nächtlichen Treffen vor zwei Jahren bei der steinalten Windflüchter Weide nennen, die im Stamm gespalten ist. Dazu zählen neben Karl und Jule auch Peter, Fred und Justus. Sie sind die Kontramänner, beziehungsweise eine Kontrafrau. Die Bezeichnungen stammen vom beliebten Doppelkopfspiel der Generation ihrer Väter und Mütter, vorwiegend der Väter. ‚Kontrist‘ sei eine coole Bezeichnung fand Jonny und keiner von den anderen hatte ihm damals widersprochen. Als Kontristen schwörten sie, füreinander einzustehen, immer der Wahrheit verpflichtet zu sein, kleinere Notlügen mal ausgenommen, den anderen in jeder schwierigen Lage beizustehen und einander zu unterstützen. Wenn es notwendig sein sollte, sogar zu verteidigen. Und der wichtigste Punkt in dieser Nacht war die einstimmig beschlossene Verpflichtung, auch nach der Schulzeit, in Verbindung zu bleiben und sich nicht aus den Augen zu verlieren.

„Im Leben danach“, wie es Jule formulierte

„Komme, was wolle“, hatte Peter versichert. Fred hatte noch rasch eingeworfen, dass sie alt genug seien, um auf Kinderkram, wie einen Blutschwur, verzichten zu können. Die anderen teilten seine Ansicht einstimmig, auch wenn Karl damals vermutete, wohl nicht ganz zu Unrecht, dass Fred das Kinderkram-Argument nur aus der Befürchtung heraus gemacht hatte, er könnte umkippen, sobald er die Blutstropfen auf den Fingern seiner Mitschüler sehen würde. Und das noch dazu beim fahlen Licht von zwei Taschenlampen. Ansonsten war er es jedenfalls gewesen, der sich am wenigsten in die Diskussionen, die den Entscheidungen voraus gingen, in dieser Nacht einbrachte.

„Reine Vorsicht, reine Prophylaxe“, hatte Karl vermutet. Es war allgemein bekannt in der Klasse und über diese hinaus, dass Fred eine bestimmte Angst hatte, die sich mindestens bis in die Kindergartenzeit zurückverfolgen ließ. Genauer gesagt handelte es sich bei Fred um eine Phobie. Allerdings tippte Karl, und er hatte seit dem Treffen von vor zwei Jahren mehrfach darüber nachgedacht und auch im Lexikon nachgeschlagen, auf das Vorliegen einer hysterischen Verhaltensstörung. Beschlossen wurde also, auf jegliches Aufnahmeritual zu verzichten. Es sollte keine Satzung und auch keine Mitgliedsbücher geben. Justus erinnerte zum Schluss ihres damaligen Treffens daran, dass es sich bei ihrem Club der Kontristen, das sagte er wörtlich, „um keine Loge oder Bruderschaft handeln würde.“ Leitsatz ihres Clubs sei der Gedanke an die Gemeinschaft, die ihren Wert aus der Verpflichtung jedes Einzelnen bezog, dem anderen in der Not beizustehen. Der Informationsfluss und etwaige Terminabsprachen sollten den Notwendigkeiten und insbesondere den Möglichkeiten entsprechend ständig angepasst werden.

„Was auch immer das heißt“, hatte Fred während Justus‘ Ausführungen beklagt. Dann hatte er in diesem Zusammenhang beginnende Rückenschmerzen betont, die ihn daran hindern würden, noch eine weitere Stunde eingezwängt, frierend und mitten in der Nacht im Bauch eines krüppligen Windflüchters zu hocken. Fred hatte seinen Anmerkungen ein recht kraftvolles Stöhnen folgen lassen. Jule und Justus hatten die Augen verdreht, das hatte Karl trotz der dämmrigen Beleuchtung genau sehen können. Jedenfalls wurde das nächtliche Treffen kurz danach aufgelöst.

Jonny wohnt bei seinen Eltern in einer der alten Villen etwas außerhalb der Stadt. Sein Vater, Leiter des örtlichen Busbetriebs und aktiv im SED-Kreisvorstand, hatte seine Beziehungen auch hier spielen lassen und die alte Villa, um die sich ziemlich viele Gerüchte bezüglich der Vorbesitzer rankten, in kürzester Zeit zu einem Schmuckstück mit allem technischen Drumherum umbauen lassen. An Jonny will Karl allerdings in diesem Moment keinen weiteren Gedanken verschwenden.

Karl steht in der Wanne, duscht kalt und zählt dabei langsam, zum Ende hin jedoch auffällig schneller werdend, rückwärts von zehn bis eins. Bei eins angekommen, dreht Karl blitzschnell den Wasserhahn zu und springt aus der Wanne, greift nach dem zurechtgelegen, borstigen Badehandtuch und frottiert sich ab. Eine wohlige Wärme durchströmt seinen Körper und Karl fühlt sich bereit für den Tag. Er zieht sich an, schlüpft in die ungeliebten 501-er Jeans, die für Tante Caroline in Köln wohl noch einige West-Mark billiger gewesen waren als die von Karl erhofften Levis. Auch Lee-Jeans hätte Karl nicht verschmäht. Er streift sich das kurzärmlige, blaugraue Shirt über und marschiert barfuß in die Küche. Plötzlich verspürt er einen Riesenhunger. Er hat Appetit auf etwas Herzhaftes. Karl öffnet mit Schwung den mit Klebebildchen und Merkzetteln malträtierten Kristall-140-Kühlschrank, der überschaubar gefüllt ist. Eier und ein Stück Kochwurst, genauso wie den Schnittkäse, hat Mutter immer vorrätig. Darauf ist Verlass. Und dicke Milch. Er greift nach der Kochwurst, schlägt die Kühlschranktür zu, hebt den Deckel der Brotdose an und nimmt sich eine Scheibe Schwarzbrot aus dem blaubedruckten Folienbeutel. Die Butter steht bereits auf dem Küchentisch, genauso wie der Topf mit Muckefuck. Karl greift sich noch ein Messer aus der Besteckablage, zieht den ungepolsterten Küchenstuhl mit einem Fuß unter sein Hinterteil und setzt sich. Die Stulle schmiert er, dick bestrichen mit Butter und noch dicker belegt mit der Fleischwurst, direkt auf dem an vielen Stellen bereits brüchigen Wachstuch, auf dem man die ehemals blauen Windmühlen, die Pferdchen und reihenweise aufgereihten Trecker nur noch erahnen kann. Herzhaft beißt er in sein Frühstückbrot und nimmt, nachdem er genüsslich gekaut und den ersten Bissen runtergeschluckt hat, einen kräftigen Schluck aus der angeschlagenen Kaffeekanne, deren Inhalt noch lauwarm ist.

Wenn die Eltern, wie an diesem Vormittag, nicht zu Hause, sondern auf der Arbeit sind, verzichtet Karl auf den Gebrauch einer Tasse. Sein Blick fällt auf die an der gegenüberliegende Küchenwand angebrachte schmucklose Küchenuhr. „Halb elf“, stellt Karl fest, „okay, das passt schon eher.“

Auf dem Tisch liegt noch die Zeitung, in der sein Vater frühmorgens beim Frühstück gelesen hat. Zumindest hat er darin geblättert. In der Regel las Vater sie abends und nickte darüber ein. Karl zieht die Zeitung näher zu sich und überfliegt die Titelseite, während er kaut und von Zeit zu Zeit einen kräftigen Schluck aus der Kanne nimmt.

„Neues Deutschland“, „Rund um die Weltzeituhr …“, liest er darauf. Bis Sonntag würden die Weltfestspiele der Jugend und Studenten noch andauern. Etwas wehmütig betrachtet er die Menschenmenge auf dem Titelfoto, die sich rund um die Weltzeituhr in Berlin drängte. Jule, Peter, Klaus, Fred und natürlich Jonny waren die FDJ-ler aus seiner Klasse, die drei Tage mit nach Berlin fahren durften und heute Nachmittag wieder nach Lüttensee zurückkehren würden. Das damalige Auswahlverfahren war nach Ansicht von Karl undurchsichtig, sogar ungerecht gewesen. Jule und Peter, das war in Ordnung. Beide hatten sich neben dem Abi mächtig in der Vorbereitung des Festivals ins Zeug gelegt. Das mit Fred war bereits etwas schwieriger zu verstehen, seine Auswahl hat Karl dann allerdings auch ohne Kommentar noch akzeptieren können. Aber Klaus und Jonny?

Was hatten die vorzuweisen, um die aufregendsten drei Tage des Jahres in der Hauptstadt verbringen zu dürfen? Karl war fest davon überzeugt, dass diese Tage, vollgepresst mit musikalischen und sportlichen Highlights, nicht zu toppen waren. Wieso nicht Justus und wieso nicht er? Diese Ungerechtigkeit hat Karl auch, nachdem bekannt gegeben wurde, wer mit einem der extra bereitgestellten Züge der Deutschen Reichsbahn zum Festival nach Berlin mitfahren darf, bei seinem Vater während des Abendessens angesprochen. Dieser hat ihm zugenickt, jedoch gemeint, dass Karl den Ball flach halten solle. Karl war sauer gewesen. Vater war, wie fast immer, auch in dieser Sache ein Duckmäuser gewesen. Als Filialleiter der ortsansässigen Sparkasse war es sein Credo, es sich um Gottes willen mit keinem Menschen zu verscherzen. Die Menschen waren für ihn, insbesondere wenn sie aus Lüttensee stammten, einzig und allein Kunden oder potenzielle Kunden der Sparkasse.

„Schlecht fürs Geschäft“ war eine seiner Lieblingsfloskeln, wenn er sich mal wieder in einer Diskussion um eine persönliche Meinung drückte. Und „Die da oben werden schon wissen, was sie tun.“

„Geradlinig geht anders“, so hat Karl seinen Unmut dann auch seiner Mutter kundgetan.

„Du musst ihn verstehen, Karl, er hat‘s auch nicht leicht“, wiegelte Mutter besänftigend und gleichzeitig achselzuckend ab. Karls Mutter arbeitet als Laborantin in einem Labor des Fleischhofes, in dem tagtäglich sechzig bis achtzig Schweine geschlachtet werden. Der Fleischhof war unten am Lüttenseeer See, wenige hundert Meter entfernt von der Anlegestelle der ‚Gudrun‘, einer in die Jahre gekommenen Barkasse mit einer zugelassenen Passagierzahl von circa 40 Personen, überwiegend Touristen in den Sommermonaten, einer 11 PS-Maschinenleistung und einer Ein-Mann-Besatzung.

Gemeinsam mit Jule, Justus und Peter hatte Karl wochenlang zuvor beim gemeinsamen Proben in der kleinen Gewichtheberhalle, die direkt neben der eigentlichen Turnhalle lag und die sie nach Verfügung des Direktors seit dem Frühjahr einmal in der Woche abends von 19:00 Uhr bis 20:00 Uhr nutzen durften, ihr Festival-Lied eingeübt, dessen Text Karl geschrieben hatte und das von Peter vertont worden war. Sie sahen sich nicht als reine Singe-Club-Gruppe, beabsichtigten jedoch, sich mit dem Angela Davis gewidmeten Protestsong ein wenig in den musikalischen Vordergrund zu spielen.

„Aufmerksamkeit ist das A und O im Musikgeschäft“, und „Spiele in die Richtung, in die das Wasser fließt“, hatte Peter, der die Führungsrolle in ihrer Gruppe beanspruchte, die von ihm liebend gern auch als Band bezeichnet wurde, wiederholt wie ein Mantra. Karl war nicht immer seiner Meinung, zog es jedoch bei diesem Thema vor, sich auf sein Schlagzeugspiel zu konzentrieren. In der Regel griff er sich seine Sticks, zog sich hinter sein Schlagzeug zurück, setzte sich und trat einige mal in die Bass-Drums.

Jetzt liest er auf der Titelseite der Zeitung, dass die weltbekannte amerikanische Kommunistin, für deren Freilassung aus der Haft sich auch die Schüler der 12 B eingesetzt hatten, auf einer Pressekonferenz gesprochen hatte. Sie hatte sich für die Unterstützung in der Kampagne für ihre Freilassung bedankt. Und dieser Dank ging ja wohl auch in Richtung der 12 B der Graben-Schule in Lüttensee, wenngleich diese im Artikel nicht explizit namentlich genannt wurde und zum jetzigen Zeitpunkt auch gar nicht mehr existierte. Zu gern hätte Karl mit den anderen zusammen sein Lied im Rahmen eines der unzähligen Kulturprogramme präsentiert. Da kann man nichts machen, dachte er.

Und eins der zahllosen kleinen Ersatz-Festivals zu besuchen, kam für Karl schon gar nicht infrage. Das war eine Frage des Stils und der Größe, da war sich Karl sicher. Laura, eine Schülerin aus der 11 A, mit der er vor einem Jahr kurze Zeit gegangen war, kam gestern bei ihm vorbei und wollte ihn überreden, mit ihr nach Waren zu fahren. Mit dem Rad. Junge Menschen aus 13 Ländern würden sich dort treffen. Das könnte megainteressant werden, hatte sie gemeint.

„Wenn du meinst“, hat Karl knapp geantwortet und ihr die gerade frisch lackierte Wohnungstür vor der Nase zugeschlagen. Was sollte in dem Kaff megainteressant sein, wenn alle verfügbaren Sport- und Musikgrößen sich in Berlin ein Stelldichein gaben?

Laura war aber manchmal auch so etwas von hinter dem Mond. Es hatte schon seinen Grund, weshalb sie Schluss gemacht hatten. Vielmehr, dass Karl Schluss gemacht hatte.

Einfach zu unreif für ihr Alter. Karl stopft den letzten Rest der Stulle in den Mund, während er laut zu sich sagt: „Und daran hat sich bis heute nichts geändert.“

Er kaut und blättert dabei in der Zeitung. Normalerweise interessiert ihn nur der Sportteil, aktuell, zu Festivalzeiten, ist es allerdings interessant zu erfahren, wer so alles aus der Welt in Berlin ist, um zu feiern. Welche Veranstaltungen stattfinden, wo welche Band spielt. Einen Extra-Sportteil hat die heutige Ausgabe sowieso nicht, wie Karl beim Durchblättern feststellen muss.

Im Fersehen II wird um 16:00 Uhr das Fußballspiel BFC Dynamo Berlin gegen Dynamo Moskau übertragen. Karl ist kein BFC-Anhänger, nie im Leben.

„Nein, danke“, murmelt Karl und legt die Zeitung zusammen. „Union ist auch nicht die Welt, aber dann schon eher die Eisernen.“

Außerdem hat er sowieso andere Pläne für den heutigen Nachmittag. Nachdem Karl das Messer in das ziemlich ramponierte, bräunlich-grau gesprenkelte Emaille-Abwaschbecken gelegt hat, schlurft er zurück in sein kleines, überschaubares Zimmer, das die Eltern immer noch als Kinderzimmer bezeichneten. Eine Bezeichnung, die, zumal in der Regel vor fremden Personen, oder noch schlimmer, im Beisein seiner Freunde verwendet, ihm jedes Mal sauer aufstößt. Er rülpst auf dem Weg zu seinem Zimmer laut, ohne einen Hauch schlechten Gewissens. Was sein muss, muss sein, denkt er.

Im Zimmer angekommen zieht er die Tür mit voller Wucht zu, so kräftig, dass die obere rechte Reißzwecke, die ein Poster des Fußballers Frank Kirsche an der vor zwei oder drei Jahren weiß getünchten Wand über seiner Schlafstätte hält, rausspringt und ihn an der gebräunten, mit zahllosen Sommersprossen übersäten Stirn trifft, die in den Wintermonaten regelmäßig abblassten, so dass man sie zu dieser Zeit kaum ausmachen kann,. Karl zuckt reflexartig zusammen, geht dabei leicht in die Hocke. Er schaut, noch immer in der Hocke, auf zu dem Poster. Dann muss er mitansehen, wie sich das farbige, an der linken Seite und auch am bereits leicht vergilbten oberen Rand eingerissene Poster erst aus dem Druck der linken oberen Reißzwecke löst und dann seltsam behäbig, wie in Zeitlupe, über das Fußballer-Porträt klappt. Die linke Reißzwecke steckt noch in der Wand, allerdings hat dieser Widerstand seinen Preis. Das Poster zeigt jetzt einen zusätzlichen Riss, der unübersehbar ist.

„Auch das noch!“, stöhnt Karl und springt aus der Hocke hoch und weiter in Richtung des Bettes, um das Poster mit beiden Händen zu greifen und es daran zu hindern, sich auch noch aus den beiden unteren Reißzwecken zu lösen. Denn das hätte in Folge wohl unvermeidlich weitere Risse zur Folge, die den Wert des Posters nicht unbedingt steigern würden. Ganz davon abgesehen, dass ein an zahlreichen Stellen geklebtes Poster an der Wand ziemlich Scheiße aussieht.

Ich hätte auf Vater hören und zwei zusätzliche Zwecken nehmen sollen, schießt es ihm durch den Kopf. Aber zu spät. Das Poster reißt sich aus den beiden übriggebliebenen Reißzwecken und fällt auf das ungemachte Bett. Karl stürzt Millisekunden später, nur einen Hauch zu spät, auf eben dieses Bett und zuallererst auf das Poster. Für einen Augenblick hält Karl die Luft an. Er weiß in diesem Moment, was passiert ist. Ihm ist bewusst, dass das Poster die längste Zeit an der Wand gehangen hat. Jetzt ist es unbrauchbar.

„Zum Heulen!“, schnaubt Karl und holt erst einmal tief Luft. Dann krabbelt er rückwärts vom Bett, steht auf und greift nach dem völlig zerknitterten Bild. Er schaut es sich an, streicht mit dem rechten Handrücken über das Blatt Papier, geht rüber zu seinem, vom Großvater gezimmerten Schreibtisch, den Karl vor einigen Jahren rot angepinselt hat, eine Farbe, die ihm jetzt, Jahre später, überhaupt nicht mehr gefällt, und legt es auf die Tischplatte. Zumindest diese hat Karl im vergangenen Sommer schwarz überstrichen.

„Traurig, traurig“, entfährt es ihm beim Anblick der ganzen Tragödie. Er setzt sich auf den dreibeinigen Hocker. Seine Mutter hat darauf ein auf einem Markt in Polen erhandeltes und viel zu teures Schaffell aufgenäht. Ein angebliches Schaffell, muss man wohl sagen, die Zweifel während der Begutachtung durch Großvater an der Echtheit waren mit der Zeit immer größer geworden.

„Frank Kirsche, das war es dann wohl mit uns“, versucht Karl dem Malheur die einzig mögliche Richtung zu geben.

„Ab mit dir!“

Karl knüllt das Poster mit beiden Händen so kräftig zusammen, dass die Knöchel sich rot färben, bevor er den Papierball mit einem eleganten Wurf über die Schulter einwandfrei im halbgefüllten Abfallkorb versenkt.

„Geht doch“, sagt Karl und nimmt sich vor, den Korb heute noch zu leeren. Er hatte es Mutter, wie schon so oft davor, am gestrigen Abend hoch und heilig und noch bevor er sich in den Filmpalast aufmachte, versprochen.

Wieso ist es eigentlich so schwer, sich an manche Versprechungen zu halten? Karl hat sich diese Frage tausendmal gestellt, zumal sie sich insbesondere, beziehungsweise, fast ausschließlich auf Versprechungen innerhalb der Familie bezieht. Er nahm sich etwas vor, versprach es, dann wurde in der Regel nichts draus. War das ein Naturgesetzt? Karl weiß es nicht. Eins ist allerdings klar, Frank Kirsche gehört, mit dem Posterwurf in den Abfalleimer, der Vergangenheit an. Als Fußballer hatte ihn der aus Lüttensee stammende Rechtsverteidiger des FC Hansa Rostock nie wirklich interessiert. Allerdings hat Karl ihn einmal im Stadion an der Malchiner Straße die 100 Meter laufen sehen. Das war der Hammer gewesen. Handgestoppte 10,9 Sekunden. Karl war bei diesem besagten Sportfest im Vorlauf ausgeschieden. Mit mäßigen 12,3 Sekunden. Kirsche durfte den Vorlauf auslassen. Gern wäre Karl damals gegen den Lüttenseeer Blitz, wie er auch genannt wird, im Endlauf angetreten. Allerdings war es im Nachhinein vielleicht auch ganz gut, dass er es damals nicht geschafft hat. Vielleicht hätte ihn der Abstand zu dem pfeilschnellen Fußballergenie, der unvermeidbar gewesen wäre, in ein seelisches Tief gestürzt. Und die Folgen eines solchen Gemütszustands sind schwer vorherzusagen, weiß Karl heute.

Karl hatte in der Vergangenheit den ein oder anderen aussagekräftigen Artikel über den Zusammenhang von Frustrationen und Depressionen in der Modezeitschrift ‚Sibylle‘ gelesen, die Mutter abonniert hat und sich immer für den Sonntagnachmittag aufhebt. Er hat den Inhalt der Artikel so verstanden und für sich übersetzt, dass ein gezielter, harter Schlag auf den Solarplexus wesentlich leichter zu verdauen sei als ein durch ein Trauma ausgelöster seelischer Knacks. Und insbesondere im Hinblick auf die Behandlungsdauer liegen zwischen den beiden Beispielen Welten. Das ist schon mal klar. Und die würden in der ‚Sibylle‘ ja keinen Unsinn schreiben.

Karl sieht rüber zur Wand, an der vor wenigen Minuten noch das Poster mit dem Fußballblitz aus Lüttensee hing. Allein drei Reißzwecken und der Umriss durch die nachgedunkelte Wandfarbe erinnern jetzt noch an den schnellen Fußballer aus der Heimatstadt. So ist das dann wohl mit der Vergänglichkeit. Keiner kann sich ihr entziehen. Keiner. Karl schmunzelt bei diesem Gedanken und dann fällt ihm noch ein Satz, zumindest der Teil eines Satzes, von Nietzsche ein: „In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend blüh’n oder glüh’n, eins von beiden.“ Karl schüttelt, über sich selbst verwundert, den Kopf bei diesem Gedanken. Weder ist jemand aus der Familie gestorben, noch hat er mit dem Posterwurf in den Abfalleimer den Blitz von Lüttensee zu Grabe getragen. Er hat außerdem nicht vor, Philosophie zu studieren. Gedankenjongleur, Gedankenkarussell, Gedankenwirrwarr, oder alles in einem. Ganz sicher ist sich Karl nicht, aber irgendwie beruhigt, dass doch das ein oder das andere aus seiner Schulzeit in seinem Oberstübchen hängen geblieben ist. Es hat zumindest den Anschein, dass es so ist.

2. Kapitel

Großvater lässt das Messer fallen, das mit der Spitze zuerst in Richtung des angespannten Muskels rast …

Freitag, 03.08.1973, 11:27 Uhr bis 15:17 Uhr

Karl erhebt sich vom Hocker, zieht das Fell, das ständig beim Sitzen verrutscht, glatt und geht rüber zur Schrankwand. Er schnappt sich den Klappwecker in der abgewetzten, ehemals froschgrünen Kunstlederhülle, stellt Stunde und Minute ein und packt auf die abgelesene Zeit der Küchenuhr noch fünfzehn Minuten. Über den Daumen gepeilt. Er schaltet das Radio aus und setzt sich auf die freigeräumte Fensterbank. Mutter hat die Angewohnheit, auf jede Fensterbank, die diese Wohnung zu bieten hat, Blumentöpfe zu platzieren. Überwiegend mit Alpenveilchen, aber jahreszeitlich abhängig auch mit Krokussen oder Narzissen oder einfach nur so mit Väschen unterschiedlicher Farbe, Form und Größe. Karl war mit ihr nach einem längeren, kontroversen Gespräch übereingekommen, dass die Fensterbank in seinem Zimmer Blumen- und Vasen-frei bleibt. Mutter hat sich bis heute an ihr Versprechen gehalten.

Draußen schickt das drohende Gewitter seine ersten Windböen in Richtung Lüttensee. Und die ersten prall geformten Regentropften platzen in größeren Abständen auf die an manchen Stellen wellige Dachpappe der kleinen Schwimmhalle. In dieser Schwimmhalle, deren Becken nicht mehr als fünf mal sieben Meter misst und eine Tiefe von gerade mal einem knappen Meter hat, lernte auch Karl schwimmen. Das war in der ersten Klasse gewesen. Karl erinnert sich noch gut an das Gruppenschwimmen.Die Schüler waren damals in die Gruppe der Mädchen und in die Gruppe der Jungen aufgeteilt worden, dann noch einmal, aufgrund der Überschaubarkeit im Becken, in Kleingruppen. Karl denkt daran, wie er in dem kleinen Becken geschummelt hatte und in nach vorn gebückter Haltung, den Oberkörper knapp über der Wasseroberfläche gebeugt, die Strecke mit den Füßen auf dem Beckenboden Schritt für Schritt zurückgelegt hatte.Die Schwimmlehrerin Frau Sausig hatte diese Schummelei nicht bemerkt, oder einfach ignoriert. Was es auch war, noch heute ist sich Karl in diesem Punkt nicht ganz sicher.

Richtig schwimmen lernte er im Lüttenseer See und in der Ostsee. Nach Aussage seines Vaters konnte Karl das bereits im Alter von gerade mal drei Jahren.

„Wie ein Fisch, und keine drei Jahre alt“, hatte der Vater stolz gesagt. Mutter hatte dabei genickt und es gab keinen Zweifel daran, den Eltern in dieser Sache nicht zu glauben. Wenngleich Frau Schröder, Physiotherapeutin im Krankenhaus und Nachbarin, an die diese Information primär gerichtet war, bei den Worten des Vaters leicht zweifelnd die Stirn in Falten gezogen hatte. Aber sie hatte nicht widersprochen. Sie hatte stattdessen genickt wie Mutter, nur war es ein anderes, eher steifes, ja fast etwas verbissenes Nicken gewesen, wenn nicht sogar mit einem leichten Zweifel in den Stirnfalten versteckt.

Draußen grummelt es lauter als noch vor wenigen Minuten. Weit hinter der kleinen Schwimmhalle, noch weit hinter dem durch die Halle verdeckten Buchenhain, dem Tiefen Holz und wohl auch noch hinter der Kieskuhle, macht Karl die ersten feingezackten Blitze aus. Die Kuhle war in früheren Zeiten zum Schießtraining der Volkspolizisten und auch der Mitglieder der GST genutzt wurde. Bis zu dem Tag, als der äußere hintere Rand der mittig flachgewalzten Grube, seitlich von meterhohen Kieswällen und riesigen Gesteinsbrocken geschützt, abgebrochen und fünfzig Meter tief in den angrenzenden Lüttenseer See gestürzt war.

Wie lange wird es noch dauern, bis das Gewitter Lüttensee erreicht hat, fragt sich Karl, allerdings ohne eine Spur von Sorge oder wohlmöglich gar von Furcht. Es besteht ja durchaus die Möglichkeit, dass das Gewitter an Lüttensee vorbeiziehen wird. Wieso auch nicht? Andererseits, wieso sollte das, den ganzen Norden der Republik umfassende Tiefdruckgebiet, gerade um Lüttensee einen Bogen machen? Das war dann wohl doch zu viel verlangt. So realistisch muss auch Karl die aktuelle Wetterlage beurteilen. Es ist ja auch nicht so schlimm, so ein Gewitter.

Es würde auch nicht Stunden andauern. Allerdings beeinflusst es doch Karls Planungen für den Tag und wohlmöglich auch für den Abend. Davon ist eigentlich zum jetzigen Zeitpunkt bereits auszugehen. Vielleicht sollte er noch kurz bei Großvater vorbeifahren, ehe er sich mit Jule, Peter und Fred trifft, deren Zug aus Berlin gegen 15:00 Uhr auf dem schmucklosen Bahnhof am Rande von Lüttensee, gleich gegenüber der Bushaltestellen, einfahren sollte. Sie hatten verabredet, sich um 15:30 Uhr im Haus der Eltern von Fred zu treffen. Dessen Eltern, beide Lehrer an der hiesigen POS, waren als Betreuer im Rahmen des Festivals eingeteilt worden und bleiben noch bis Sonntag in Berlin. Deswegen hat Fred, wie er es mit leicht geschwollener Brust vor seiner Abreise in die Hauptstadt verkündete, sturmfreie Bude. Sie könnten Karl ungestört vom Festival berichten und ein Bierchen trinken. Ausgenommen von Karl, denn der war laut Jonny ein ausgesprochener Wasserfetischist. Möglicherweise könnten sie sogar die ersten Filme in der Dunkelkammer von Freds Vater entwickeln und sich zeitnah die ersten Festivalfotos ansehen.

Aber bis zu dem Treffen bleibt Karl noch genügend Zeit. Karl rutscht von der Fensterbank, schließt die Fensterflügel und sieht in den anderen Räumen, einschließlich des Bades und der Küche, nach, ob auch diese Fenster geschlossen sind. Erst nachdem er sich vergewissert hat, dass alles in Vorbereitung auf das aufziehende Unwetter getan ist, greift er nach dem Schlüsselbund. Die Schlüssel liegen in der selbstgemachten, unrunden, mit tiefblauer Lasur überzogenen Keramikschale auf dem schmalen Jugendstiltischchen im Flur, er stopft sie in eine Hosentasche, schlüpft in seine ramponierten Volleyballschuhe und bindet sich zuallerletzt die fasrigen Schürsenkel zu. Noch ein Blick durch die habgeöffnete Tür in sein Zimmer mit dem neuen, irgendwie verloren wirkenden hellen Rechteck an der Wand, anschließend drückt er die Klinke der Wohnungstür runter, verlässt die Wohnung, zieht die Tür von außen zu, prüft mit dem rechten Zeigefinger den Fortschritt des Trocknungsprozesses der in dieser Woche durchgeführten Malerarbeiten, indem er den Finger gegen den Türrahmen drückt, scheint mit dem Ergebnis zufrieden und macht sich auf den Weg nach draußen.

Direkt vor dem schmucklosen, grau verputzten, dreistöckigen Gebäude, gleich neben der in der Türblattmitte verglasten Haustür, steht sein ganzer Stolz in einem verrosteten und in den einzelnen Streben bereits mächtig verbogenen Fahrradständer. Ein Herrenfahrrad des VEB Mifa-Werks in Sangerhausen, allerdings im Diamant-Dekor, Modell 201, leider ohne Gangschaltung, jedoch in Metalliclackierung und mit verchromtem Gepäckträger. Die Lackierung weist bereits etliche Gebrauchsspuren auf, das stört Karl jedoch überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Und Jonny mit seinem Original-Angeber-Diamant-Rennrad mit Kettenschaltung hängt er, wenn’s drauf ankommt, noch allemal ab, auch ohne Gangschaltung.

Karl zieht das Fahrrad, nachdem er die Sicherungskette aufgeschlossen und abgenommen, diese unter die Gabel des Gepäckträgers geschoben hat, mit der linken Hand aus dem unnachgiebigen Ständer, während er gleichzeitig mit der rechten Hand das rechte Hosenbein mehrfach umkrempelt, bevor er sich auf den schmalen, abgewetzten Ledersattel schwingt.

Diese Handlungsabfolge hat sich seit dem Sturz im vergangenen Herbst in sein Unterbewusstsein eingebrannt, als er, von Großvater kommend, auf der Abfahrt vom Tiefen Holz in die Stadt hinein, gestürzt war. Damals hatte sich die fladernde Hose in der frisch geölten Fahrradkette verheddert und den Sturz verursacht. Karl zog sich dabei etliche Schürfwunden an den Knien, dem rechten Handrücken und der Stirn zu. Und eine Platzwunde über der rechten Augenbraue. Eigentlich kaum erwähnenswert. Zumindest hatte er das am nächsten Morgen auf dem Schulweg, den Jule und er die letzten hundert Meter gemeinsam zurücklegten, Jule gegenüber abwinkend festgestellt. Diese Aussage hielt Karl jedoch nicht davon ab, später im Klassenraum ausführlich über den Unfall und die Behandlung der Schürfwunden, die seine Mutter mit brauner Jodtinktur vorgenommen hatte, zu berichten. Die Jodtinktur brannte zwar heftig auf den Wundstellen, und er musste die Zähne aufeinanderbeißen, aber alles war halb so schlimm gewesen. Fred, dem Karl eine noch detailliertere Extra-Schilderung der Schürfwunden-Behandlung berichtete, war dabei blass und blasser geworden, insbesondere um die Nasenflügel herum. Als Karl auch noch begann, die Behandlung der circa drei Zentimeter langen Platzwunde über der rechten Augenbraue zu schildern, die im Krankenhaus mit vier Stichen und unter örtlicher Betäubung, die allerdings nach Aussage von Karl so gut wie gar nicht gewirkt hatte, genäht werden musste, hatte Fred fluchtartig den Klassenraum verlassen und somit den spannendsten Teil von Karls Sturz-und Behandlungsmonolog verpasst.