Nörgeln! - Eric T. Hansen - E-Book

Nörgeln! E-Book

Eric T. Hansen

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Beschreibung

Willkommen in der wunderbaren Welt des Meckerns, Maulens und Moserns. Alle Völker tun es, doch die Deutschen tun es häufiger, besser und ambitionierter. Nur hier ist Nörgeln intellektuelle Hochleistung, die stärker bindet als alle Gartenzwerge zusammen. Eric T. Hansen untersucht augenzwinkernd die Rolle des Krittelns in der Kunst, des Klagens in der Religion, des Meckerns in der Politik und des Maulens im täglichen Leben. Geschichtliche Exkurse beweisen, dass Nölen der Motor hinter den großen Bewegungen der Menschheit war; neurologische Studien erhellen die Grundlagen des Meckerns im Gehirn, und die Analyse der erfolgreichsten Nörgeltechniken zeigt, wie man sich auf allen Gebieten steigern kann. Ein Muss für jeden leidenschaftlichen Nörgler.

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Seitenzahl: 348

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Eric T. Hansen

Nörgeln!

Des Deutschen größte Lust

Fischer e-books

Für Oskar, Max und Fine, Ruby und Merve, Katharina, Moritz und Oskar, die in der besten aller möglichen Welten aufwachsen werden, auch wenn alle um sie herum ständig das Gegenteil behaupten. Hört nicht auf sie, meine kleinen Freunde, das sind Nörgler.

1. Willkommen in der wunderbaren Welt des Weh und Ach

Was ist Nörgeln und warum?

Seit der Mensch existiert – mindestens seitdem – isst er. Doch erst in den 1950er Jahren wurde an der Londoner Universität das Fach Ernährungswissenschaft gegründet. Schlafen tut der Mensch genauso lange, doch erst in den 1920ern Jahren haben Biologen begonnen, Schlaflabors einzurichten. Sex wurde sogar schon vor dem Menschen erfunden – die Sexualwissenschaft erst von Sigmund Freud.

Der Mensch nörgelt, seit er den Mund aufmacht, aber bis auf den heutigen Tag gibt es kein wissenschaftliches Fach, das sich mit Nörgelei befasst. Es scheint, dass wir wie immer am wenigsten über die Dinge wissen, die wir am liebsten tun.

Schon in meinem Buch Planet Germany habe ich beklagt, dass diese faszinierende menschliche Aktivität nicht wissenschaftlich erforscht wird. Damals habe ich eine Handvoll deutscher Universitäten angeschrieben, sie mögen bitte einen Lehrstuhl für Nörgelei einrichten und mich darauf sitzen lassen. Zwar hat sich bis jetzt kein Lehrstuhlsponsor gefunden, doch anscheinend hatte ich in ein Wespennest gestochen. Rein theoretisch waren sich alle einig: Die ehrwürdige Disziplin der Nörgelei braucht endlich eine eigene Wissenschaft.

Denn Nörgeln ist kein Privatvergnügen wie in der Nase bohren. Es ist das ursprüngliche Fundament der Gesellschaft und die heimliche Quelle der nationalen Identität. Es gibt jedem Deutschen einen Grund zu leben. Um es mit Descartes zu sagen: Ich nörgele, also bin ich.

Wenn die akademische Elite dieses Landes nicht den Mut hat, jene dringend benötigte Wissenschaft zu begründen, muss ich es selbst tun. Mit diesem Buch lege ich unerschrocken und vorausschauend dafür den Grundstein.

Was genau ist Nörgeln?

Wäre ich nicht Autor dieses Buches, sondern ein Kritiker, dessen Aufgabe es ist, an diesem Buch herumzumäkeln, würde ich als Erstes irgendwas Grundsätzliches in Frage stellen, zum Beispiel die im Buch angewandte Definition von »Nörgeln« und sagen: Der Autor habe sein Thema nicht ausreichend eingegrenzt.

Diesem Kritiker will ich hiermit vorauseilend begegnen und mein Thema definieren. (Im Übrigen nennt man diese Art von Kritik, zuerst irgendwas Grundsätzliches in Frage zu stellen, »ablenkendes Nörgeln« – weil es gekonnt von der Tatsache ablenkt, dass dem Kritiker nichts Besseres eingefallen ist, oder auch »philologisches Nörgeln«, weil man das im ersten Proseminar an der Uni lernt.)

Es gibt viele Formen des Nörgelns, aber allen scheint die Ohnmacht zugrunde zu liegen: Man ist unfähig oder unwillens, etwas zu ändern, was einen nervt, und meckert in der Hoffnung, jemand anderes werde es richten. Nehmen wir zum Beispiel ein Kind, das im Supermarkt quengelt, weil es ein Eis will. Seien wir doch ehrlich: Es könnte ja auch arbeiten gehen, das notwendige Geld verdienen und dann zum Laden zurücklaufen und das Zeugs selber kaufen, aber es denkt nicht dran. Also nölt es rum.

Der Feuilletonautor, der seine Meinung weltgeschehenstechnisch für besonders wertvoll hält, könnte sich einer politischen Partei anschließen und dort versuchen, seine Ideen umzusetzen, doch doof ist er nun wieder auch nicht. Er weiß genau, seine Meinung ist zwar prächtig formuliert, aber sonst eher fragil, und sein hoch abstraktes Gedankengebäude könnte in der realen Welt schnell in Gefahr geraten, von anderen Ideengebern der Partei zu Staub zertreten zu werden. Also zieht er es gleich vor, zu nörgeln. Damit spart er sich eine Menge Energie.

Das sind nur die beiden Enden des Spektrums: Das primitive und das hochgebildete Nörgeln. Dazwischen bewegen sich die nörgelnden Eheleute und die jammernde Sekretärin, ebenso der schwankende Partygast, der spätnachts, leider ohne weibliche Begleitung, auf einen Bus wartet, der niemals kommt, und vor sich hin schimpft. All diese Nörgler haben eines gemeinsam: Sie sind momentan hilflos, ihre Situation zu ändern, müssen aber irgendwas tun, also machen sie den Mund auf, und raus kommt Jammern, Quengeln, Mosern, Maulen, Murren, Meckern, Wimmern, Winseln, Sticheln, Nerven, Kritteln, sich Beschweren, Klagen, Auseinanderpflücken, Kritisieren, Blocken, Mauern, Bremsen und Lamentieren.

Doch Nörgeln ist mehr als ein x-beliebiges Körpergeräusch, es ist auch eine emotional zutiefst befriedigende Lebensauffassung.

Es ist das Genießen der wohligen, inneren Hilflosigkeit; es ist das dem eigenen, herrlich winselnden Unterton Hinterherlauschen; es ist die erhebende Empörung, dass man es doch hätte besser machen können, wenn Frau Merkel nur auf einen gehört hätte. Es ist die schaudernde, erregende Angst: Wenn er nicht endlich anfängt, die Zahncremetube zuzumachen, werde ich ihn verlassen! Der Rausch der Verzweiflung: Aber habe ich den Mut dazu? Dann bin ich allein. Der kitzelnde Flirt mit dem Endgültigen: Da bringe ich mich lieber gleich um. Es ist das Martyrium aus dem Nichts, das aus dem stinknormalen Menschen einen Helden macht: Und was wird er wohl ohne mich anfangen? Er kann doch gar nicht für sich selber sorgen. Dann schraube ich die Tube lieber selber zu. Und morgen auch. Und übermorgen. Bald bin ich 30 Jahre mit diesem Arsch verheiratet – Jesus musste nur drei Tage leiden. Und am Ende ist Nörgeln auch die aufgewühlte Erotik des Unterwerfens – denn wenn man den Arsch, der zum 560sten-mal die Zahnpastatube nicht zumacht, nicht verlassen kann, so ist er doch der Stärkere geblieben – noch dazu ein Stärkerer mit verdammt gut gepflegtem Gebiss.

Es ist wie eine Achterbahn der Gefühle, eine Seifenoper, in der man selbst der Hauptdarsteller ist. Nörgeln ist ganz großes Kino, das man lebt, und bedenken Sie: Heute kostet eine Kinokarte mindestens acht Euro – das bisschen Nörgeln kostet nur Nerven.

Ich schätze mich jeden Tag glücklich, dass ich als ausgewanderter Amerikaner in einem Land leben darf, wo das Nörgeln wie ein feiner Wein geschätzt wird, wo alle seine Ausformungen, vom simplen Quengeln über praktisches Schimpfen bis hin zur abstrakten Kulturkritik, wie Jahrgänge und Rebsorten erkannt, diskutiert und zelebriert werden:

Jammern klingt wie süffiges, schmatzendes, vollmundiges Ur-Nörgeln;

Maulen riecht nach muffigem, einfallslosem Maulwurfsgemurmel;

Kritisieren erzeugt ein scharfkantiges, frisch-spritziges, mitunter herbes Nörgeln;

Quengeln dagegen ist ein kindlich-unschuldiges, zielloses, nicht ausgereiftes Nörgeln;

Mosern macht auf naseweises, kritteliges Nörgeln, das Kopfschmerz verursachen kann;

Herumkritteln ist schlecht komponiertes Reste-Nörgeln mit pelzigem Nachgeschmack;

Bedenkentragen ist nörgeln in Bandwurmsätzen, Bremsen ist nörgeln in die Tat umgesetzt, Schadenfreude ist nörgeln im Nachhinein, und Wimmern ist nörgeln ohne Worte.

Hierzulande weiß man auch ganz genau, zu welchem Anlass welche Nörgeltechnik am effektivsten einzusetzen ist:

Will man jemanden in die Fresse hauen, bringt aber nicht das dazu notwendige Adrenalin auf und sagt ihm stattdessen »endlich mal die Wahrheit«, ist das Kampfquengeln;

diskutiert man mit den Kollegen rege, witzig und fasziniert in der Kaffeeküche, im Flur, in der Kantine, auf dem Klo, handelt es sich um Büro-Beckmessern;

plärrt man ständig über Politik, hat aber das Problem, dass einem keiner zuhört, weil die Kritik weder neu, aussagekräftig noch besonders witzig ist, macht dies aber auf einer Bühne, dann ist das politisches Kabarett;

will ein Politiker im fünftreichsten Land der Welt, in dem die soziale Absicherung besser ist als in 99 Prozent aller anderen Länder, mit ernsthafter Miene vor zunehmender sozialer Kälte warnen, handelt es sich um Wählerfang-Lamento;

bringt der Spiegel die erfreulichen Nachricht, dass der NPD die Wähler davonrennen, und versieht sie mit der Furcht erregenden Überschrift, die lautet: »NPD kann auf rechtsextreme Stammwähler bauen!«, ist das eine wirtschaftlich sinnvolle Nörgelei, die auf Ihre 3,80 Euro abzielt;

flattert ein Schreiben vom Finanzamt ins Haus, in dem das Wort »Pfändung« mehrmals auftaucht, ist das eine peinliche, hirnverbrannte, primitive Korinthenkacker-Besserwisserei, und ich will es nicht mehr sehen.

Aber: Wenn ein Autor ein Buch über das Nörgeln schreibt, ist das natürlich ganz was anderes.

Die allererste Äußerung aus dem Munde eines Neugeborenen ist lautes Nörgeln. Wie sonst wollen Sie das herzhafte Geschrei eines Säuglings interpretieren? Könnten wir das erste, enthemmte Ur-Wort eines frisch gebackenen Babys verstehen, würden wir ganz sicher feststellen, dass es sowas ausdrücken will wie: »Was soll der Scheiß? Was seid ihr für Typen überhaupt?« Und das immer wieder, bis die Eltern an den Rand der Verzweiflung getrieben werden.

Nicht nur der Mensch nörgelt. Auch Tiere tun es.

»Im Wesentlichen geht es beim Nörgeln um das Wiederholen eines Wunsches oder einer Beschwerde, immer wieder«, sagte die Amerikanerin Amy Sullivan, als ich sie telefonisch ausfindig machte, um sie zum Thema zu befragen. Sullivan ist nicht nur Tiertrainerin und Autorin, sie ist auch leidenschaftliche Nörgelforscherin – davon später mehr. »Eine Katze streicht Ihnen immer wieder um die Beine; ein Hund winselt und japst und springt so lange, bis er bekommt, was er will. Der ausschlaggebende Unterschied ist: Tiere leben nur im Moment, also nörgeln sie auch nur über aktuelle Anliegen. Haben sie gerade Hunger, nörgeln sie nach Essen. Menschen dagegen denken vorausschauend. Einer Ehefrau könnte beim morgendlichen Kaffeeschlürfen einfallen, dass es nett wäre, wenn ihr Mann das nächste Mal nichts daneben kippt, wenn er den Müll rausbringt. Dann kommt er ahnungslos in die Küche und kriegt mir nichts, dir nichts was zu hören.«

Doch ob Tiere nicht doch abstrakt nörgeln können, ist eine andere Frage.

Ich lebe mit einer Katze zusammen, die sehr genau weiß, was sie will. Eines Tages wollte sie gerade zu ihrem täglichen Streifzug nach draußen aufbrechen, als sie feststellen musste, dass es regnete. Sie streckte eine Pfote in den Garten, die wurde nass und sie zog sie wieder herein. Sie setzte sich auf die Türschwelle. Der Regen ließ nicht nach. Ihr Fell zuckte, ihr Schwanz peitschte. Endlich gab sie auf und kam wieder in die Wohnung herein. Ihre Augen waren nur noch Schlitze, ihr Kiefer hing leicht herunter.

Nun war es so, dass sie vor einigen Monaten Mutter geworden war, und ihre Kätzchen waren für jede Aufmerksamkeit dankbar, die sie von ihr bekamen. An diesem Tag beobachteten sie alles genau, was die Mami tat, und machten sich womöglich Hoffnungen, sie würde jetzt, wo sie nicht raus konnte, mit ihnen spielen. Als Mama auf sie zukam, blickten sie ihr erwartungsvoll mit großen Augen entgegen. Doch ihre Mutter ging, ohne den Nachwuchs auch nur eines Blickes zu würdigen, schnurstracks an ihnen vorbei. Als sie fast schon aus dem Blickfeld war, versetzte sie jedem der beiden wie nebenbei schnell noch eine saftige Ohrfeige: Zack! Zack! Dann schlenderte sie weiter ins nächste Zimmer, ließ sich auf ein Kissen fallen und starrte an die Wand.

Selbst Gott nörgelt gern. Oder was soll man sonst von den Zehn Geboten halten? »Du sollst dies nicht, du sollst das nicht«. Oh Mann, immer nur negativ, immer nur Verbote, darf ich denn gar keinen Spaß haben? Weiß Gott denn nicht, wie das bremst? Wie wäre es mal mit der Kraft des positiven Denkens? Das ist doch kein Leben.

Und was soll das mit dem »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben«? Stellen Sie sich mal vor, Ihr neuer Freund würde Ihnen kaum, dass sie sich kennengelernt haben, mit so was kommen. Da würden Sie ihm doch eine Standpauke über krankhafte Selbstüberschätzung halten, dass ihm Hören und Sehen vergeht.

Nicht nur Menschen und Tiere, auch Dinge können nörgeln. Als überzeugter Cowboystiefelträger kann ich Ihnen das aus eigener Erfahrung versichern. Eine Socke, die sich in einem Stiefel allmählich und zielstrebig im Laufe eines Abends Richtung Zehen gearbeitet hat, nörgelt mit jedem Schritt ihr Herrchen an, er möge doch bitte den Stiefel aus- und die Socke hochziehen. Und sie hört den ganze Abend nicht auf zu nerven, obwohl sie ganz genau weiß, ihr Herrchen steht gerade in einem großen Raum, mitten unter Leuten, die gutes Geld bezahlt haben, ihn aus seinem Buch lesen zu hören, und er kann den Stiefel nicht ausziehen.

Nörgeln funktioniert sogar ohne Worte.

»Bei uns in der Beziehung ist es ein bisschen anders als bei den meisten Paaren«, gestand mir die Journalistin Wiebke M., als wir uns im Restaurant Seidls zu einem Bierchen und einem zwanglosen Gespräch über das Nörgeln trafen – ein Thema, das uns beide brennend interessiert. »Jürgen ist derjenige, der zu Hause Ordnung braucht. Mir ist die Seele wichtiger als Ordnung. In unserer Beziehung war das lange ein Problem. Er hat mich immer wieder angemäkelt, ich solle aufräumen. Mit der Zeit haben wir uns beide ein wenig angenähert. Ich tue mein Bestes, und er wirft mir keine Schlampigkeit mehr vor.«

»Ich erziehe sie nicht mehr«, warf Jürgen stolz ein. »Ich habe mich damit abgefunden, ich sage kein Wort mehr, es stört mich auch nicht.«

»Nun ist es so, dass Jürgen früher aufsteht als ich«, fuhr Wiebke fort, »und er macht Kaffee und ist so lieb, dass er mir den dann ans Bett bringt. Am Bett habe ich einen kleinen weißen Nachttisch. Da liegen meine Uhr, meine Brille und ein Buch drauf. Und hin und wieder mehr. Ein Nachttisch wird halt manchmal unordentlich. Er sagt aber nichts. Demonstrativ nichts. Er bringt mir morgens den Kaffee ans Bett, ich höre ihn kommen, er schaut auf den Tisch und steht nur da, ohne die Tasse abzusetzen. Ohne ein Wort. Nur ein paar Sekunden, aber ich weiß sofort Bescheid.«

Glauben Sie nicht, dass nörgeln nichts bewirkt. Wenn ein Paar zum Therapeuten geht, muss es oft hören, dass solch ein Verhalten in einer Beziehung »unproduktiv« sei und niemals das erwünschte Ziel erreicht. So wollen sie unschuldigen Paaren das Rummäkeln austreiben. Hören Sie nicht auf Sie! Denken Sie lieber an Cato den Älteren, der in Rom, 150 Jahre vor Christus, in jeder, aber wirklich jeder Senatssitzung seine Reden, egal, worum es eigentlich ging, mit den Worten beendete: Ceterum censeo Carthaginem esse delendam (Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss). Endlich hielt der Senat die fortgesetzte Krittelei nicht mehr aus, und Karthago wurde zerstört. Folgenreicher kann Nörgelei gar nicht sein. Merken Sie sich das für Ihre nächste paartherapeutische Sitzung.

Im Gegensatz zu Sehkraft, sexueller Leistung und den Fähigkeiten von Telekommunikationsfirmen, die ihre Dienste billig anbieten, entwickelt sich das Nörgeln immer weiter, je älter wir werden. In einer Langzeitstudie hat das Institut für Sozialforschung an der Universität Michigan 800 Menschen zu ihren Lebenspartnern befragt. Das Ergebnis: Je älter sie waren, desto schlimmer fanden sie ihren Lebenspartner, und desto ungehemmter teilten sie das dem anderen auch mit, dem Arsch. »Je älter man wird und je mehr man sich aneinander gewöhnt, umso besser sind wir in der Lage, uns gegenseitig mitzuteilen, was wir empfinden«, erläuterte Kira Birditt, Leiterin der Studie, diesen Tatbestand.

Ulrike A., Dokumentarfilmerin und Nörgelforscherin mit ungewöhnlicher Beobachtungsgabe, hat solch ein glückliches älteres Paar ausfindig gemacht, und mir bei einem gemütlichen Abend davon berichtet:

»Die Eltern meiner Freundin Kerstin freuen sich richtig, wenn Besuch kommt«, sagte sie, »weil sie dann wieder einmal öffentlich übereinander herziehen können. Sie lieben es vor Publikum, das ist noch viel besser als alleine. Sie brauchen das Gezänk wie die Luft zum Atmen. Und es geht nur unter die Gürtellinie. Er macht ihr klar, sie sei dumm und schusselig. Sie hält dagegen, er sei cholerisch und fett, und sie habe ihre besten Jahre als Dekoration an seiner Seite verschwendet. Ihre Bomben schießen sie mit besonderer Treffsicherheit aus dem Hinterhalt ab, und der Gegenschlag tut immer weh. Das ist so eine Familie, die ihre Befriedigung in der Herabsetzung sucht. Ihr Sinn für Humor ist es, im Beisein anderer den Partner gnadenlos runterzumachen. Sie kommen aus dem gehobenen Mittelstand und halten sich für ausgesprochen kultiviert, doch ihre ganze Kultur besteht nur aus Spott.«

Nörgeln kann sogar eine Waffe sein, die karateartig einen ganz gewöhnlichen Menschen in eine Kampfmaschine verwandelt.

»Ich war mal nachts mit meinem Freund unterwegs in Frankfurt am Main, es war schon spät und wir gingen zu Fuß zu seiner Wohnung, die mitten in der Fußgängerzone lag«, erzählte meine Freundin Ute A., Lektorin und langjähriger Nörgelfan, als wir uns zu einem Milchkaffee bei ihrem Lieblingsitaliener in der Kolonnenstraße in Berlin trafen. »Wir liefen eine ganze Weile durch dunkle, völlig ausgestorbene Geschäftsstraßen. Es war gespenstisch. Meine Absätze klackten auf dem Pflaster, das war das einzige Geräusch weit und breit. Doch auf einmal waren da andere Schritte. Hinter uns liefen zwei Typen, die plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht waren. Ich guckte mich verstohlen um und wurde nervös. Das waren athletische Amis, GIs, sie waren beide etwa einen Kopf größer als mein Freund, sie waren besoffen und sahen aus, als hätten sie kein Geld, aber Lust auf Ärger. Wir versuchten, uns extra normal zu benehmen und diskutierten zwanglos weiter. Die Typen aber kamen zügig immer näher, bis ich schon fast ihren Atem im Nacken spüren konnte. Ich weiß nicht, wie groß die Gefahr war, was sie wirklich vorhatten, aber sie wollten uns auf jeden Fall herausfordern. Sie liefen direkt hinter uns her in der menschenleeren Fußgängerzone, machten Sprüche über uns und wollten uns provozieren. Und mein Freund, der mir noch vor einer Woche angeboten hatte, als mich jemand auf der Tanzfläche anrempelte: ›Soll ich den für dich verprügeln?‹ – genau der guckte mich jetzt nur mit großen Augen an. Irgendwann wurde mir das zu blöd. Ich konnte es nicht mit den Typen aufnehmen, hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte, um die Situation zu deeskalieren, aber mich herzhaft beschweren – wie das geht, wusste ich. Ich blieb mitten im Laufen so abrupt stehen, dass der Kerl, der hinter mir ging, direkt in mich reinlatschte. Er trat mir auf die Sandale, und ich drehte mich um und zeterte: ›Kannst du nicht aufpassen, du Depp? Was soll das, mir auf den Schuh zu treten? Also wirklich, unerhört, mein guter Schuh!‹ Ich machte einen Riesenaufstand, ganz laut, es hallte durch die Fußgängerzone. Ich kanzelte ihn völlig ab, aber nur wegen der Schuhe, als ob wir in einer Schlange bei Aldi stünden, und er war so aus dem Konzept gebracht, dass er sich wortreich entschuldigte und sich mit seinem Freund in die nächste Nebenstraße verdrückte.«

Es gibt Menschen da draußen, die sind Nörgeleien in Menschengestalt.

Sie nörgeln nicht um des Nörgelns willen. Sie sind raffinierter. Sie wissen, welche Schuhe von welchen Kindern in welchen Ländern genäht werden; was die Bezeichnungen für die Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln bedeuten; welche Indianerstämme in Brasilien wie viel weniger Fisch fangen, weil Sie Alufolie gekauft haben. Sie sind nett, sie sind freundlich, sie sind höflich, aber sie geben Ihnen die Hand und es friert Sie; sie lächeln und Sie fragen sich, was Sie im Leben falsch machen; sie sagen Ihnen, »das macht nichts, sei einfach du selbst«, und Sie wollen von der nächsten Brücke springen.

»Ein Alt-68er-Kollege von mir hat kürzlich eine Iranerin geheiratet«, berichtete Käthe C., Zeitungsredakteurin aus Hamburg, »und seitdem sagt er, er würde nie einen Fuß auf israelischen Boden setzen. In den Iran zu fahren, damit hat er allerdings keine Probleme. Als es mal im Sommer richtig heiß war, hatten wir in der Redaktion eine Evian-Sprühflasche geschenkt bekommen, mit der wir uns zur Erfrischung angesprüht haben. Eines Tages kam er rein, sah das und sagte nur nebenbei: ›Und in Palästina verdursten die Kinder.‹«

Genau wie ein schmächtiger Junge, der kein Mädchen abkriegt, es zu seinem Lebensziel macht, irgendwann ein waschechter Intellektueller zu sein, der am laufenden Band Texte produziert, die kein Mensch versteht, um den Rest der Welt intellektuell zu überflügeln, genauso sind diese Menschen von dem Ehrgeiz befeuert, dem Rest der Welt moralisch überlegen zu sein.

Ich wurde als Mormone erzogen. Mormonen erkennen sehr viele göttliche Gebote an: Nicht nur die Zehn Gebote, sondern auch solche wie »Du sollst keine Drogen zu dir nehmen«. Das schließt nicht nur jede Art von Alkohol, sondern auch Kaffee aus. Da kommt irgendwann die Frage auf: Wenn Gott nicht will, dass man Kaffee trinkt, weil Koffein eine Droge ist, was sagt er zu Coca-Cola? Das enthält auch Koffein. Allerdings hat Gott sich nie ausdrücklich zu Cola geäußert, also heißt es offiziell: Von Gott aus gäbe es kein Cola-Verbot, jeder solle das für sich entscheiden. Seitdem gibt es zwei Fraktionen in der Kirche: Diejenigen, die Cola trinken und diejenigen, die keine Cola trinken. Manchmal, in schwachen Stunden, lassen diejenigen, die keine Cola trinken, gelegentlich fallen, dass sie sich einem »höheren Gesetz« verpflichtet fühlen, das Gott zwar nie erlassen hat, das aber irgendwie trotzdem existiert.

Diese Menschen sind Nörgeleien in Menschengestalt. Auch Veganer, militante Tierschützer und Zen-Buddhisten sind Nörgeleien in Menschengestalt. Das sage ich frei von jedem Neid.

Nörgeln macht Stimmung. Ach, wie oft habe ich selbst den Fehler gemacht, auf einer Dinner-Party mit redegewandter Gesellschaft in Jeans, Rollkragenpullis und sehr bunten Brillengestellen bei der dritten Flasche importierten italienischen Rotweins, gerade dann, wenn die Stimmung auf dem Höhepunkt war, zu sagen: »Moment mal! Was heißt hier Volksverdummung? Die Deutschen verdummen, nur weil sie Dieter Bohlen gucken? Die Statistik zeigt doch, dass der durchschnittliche Intelligenzquotient in der gesamten westlichen Welt kontinuierlich steigt.«

Da war die Stimmung hin, und sie kam auch nie wieder. Und auch ich wurde nie wieder eingeladen.

Nörgeln schafft Glaubwürdigkeit.

Ich wurde einmal gebeten, vor einer Gruppe mittelständischer Unternehmer einen Vortrag über Optimismus zu halten. Die Unternehmer machten gerade harte Zeiten durch, und wir Amerikaner sind von Natur aus Optimisten, also rief man mich. In einem Gespräch vor der Veranstaltung klagte mir der Vorsitzende sein Leid: Dass man in Deutschland immer alles schwarzmale, sei furchtbar, eine schlimme Sucht sei das, von der man nicht loskäme, man wüsste eigentlich, dass man abgesichert sei, und dass es auch wieder bergauf ginge und selbst in einer Finanzkrise ginge es den Deutschen besser als den Menschen in anderen Ländern, doch jede Kleinigkeit würde als Zeichen für das Ende der Welt gedeutet. Das nerve ihn, er hielte es nicht aus. Ich sollte den Jammerlappen klarmachen, dass sie auch mal optimistisch sein könnten.

Die Veranstaltung begann, und er stand auf, um mich der Gruppe vorzustellen. Interessant war, wie er es tat: »Meine Damen und Herren, es ist schlimm um uns bestellt und es wird noch schlimmer …« Und in diesem Tenor ging es zehn Minuten lang.

War das nicht genau das Gegenteil dessen, was er glaubte, oder zumindest, was er mir gerade gesagt hatte?

Doch als ich die Zuschauer anguckte, verstand ich. Ich spürte, wie alles im Raum sich schlagartig konzentrierte. Weg war die lockere Atmosphäre. Es wurde still, die Blicke wurden intensiver, alle Aufmerksamkeit wurde auf den Punkt fokussiert, den er ihnen vorgaukelte: die nahende Katastrophe. Erst dann war die Bühne für mich bereitet.

Vor seiner Nörgelouvertüre war ich nur ein grundlos optimistischer Amerikaner; jetzt war ich jemand, dem man zuhören sollte – ja musste, um nicht völlig unterzugehen.

Nörgeln schafft Zusammenhalt.

Lange Zeit war ich bei deutschen Frauen nicht erfolgreich. Ich konnte sie ansprechen, ich konnte eine anfängliche Konversation eingehen. Ich glaube sogar, ich habe in vielen Fällen Interesse geweckt. Doch dann passierte Folgendes: Das Thema kam auf Popkultur oder auf gemeinsame Bekannte oder sogar auf Politik. Ihr grauste es vor Reality-TV; ich empfand es immerhin frischer als alles, was man in den öffentlich-rechtlichen Sendern zu sehen bekommt. Sie vertrat die Ansicht, dass Georg danebengegriffen hatte, als er Claudias Wunsch ausschlug, nach drei Monaten gemeinsam in den Urlaub zu fahren. Ich fand, das war Georgs Problem. Sie war überzeugt, dass eine verheerende Klimakatastrophe auf uns zusteuert und dass der unverantwortliche Wohlstand, den wir angehäuft haben, bald in alle vier Winde zerstreut sein wird. Ich dagegen hatte noch nie in einer deutschen Zeitung eine Vorhersage gelesen, die dann tatsächlich eingetroffen ist. Die Beziehung war vorbei, bevor sie anfangen konnte.

Doch irgendwann begriff ich, und es eröffneten sich mir völlig neue Welten. Ich entdeckte das Prinzip des Harmonienörgelns: Man ziehe gemeinsam über irgendwas Drittes her und komme sich so näher – in der Kneipe, im Kino und irgendwann bei Ikea. Die meisten Kinder, die heute noch in Deutschland geboren werden, haben ihr Leben im Prinzip dem Harmonienörgeln zu verdanken.

Seitdem nörgele ich vor dem Spiegel, so oft ich kann, wiege bedenkenschwer mein Haupt und übe eine kritische Miene, obwohl es das Rasieren schon etwas erschwert.

Heute weiß ich, dass ich schon in meiner Heimat Hawaii dann und wann genörgelt habe. Für mich als kleinen Jungen gab es dort entschieden zu wenig mittelalterliche Burgen, und die ganzen Mangos konnte ich irgendwann nicht mehr sehen. Trotzdem bin ich Deutschland dankbar, dass ich hier das volle Potential der Mäkelei erst richtig kennenlernen konnte. Ich entdeckte eine wunderbare, vielschichtige und mit Überraschungen gespickte Welt. Wer lernt, das Leben durch die Brille des Nörgelns zu betrachten, wird Zeuge einer Urkraft, die einen Menschen, ein Paar, ja, ein ganzes Volk umwälzend verändern kann. Ich hoffe, mit diesem Buch kann ich Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, die/der eine treffende Krittelei dann und wann zu schätzen weiß, diese wunderbare, verborgene Welt etwas näherbringen.

Ich fange da an, wo auch ich in Deutschland angefangen habe: Mit einem Blick auf das deutsche Nörgeln mit den Augen eines Ausländers.

2. Der Nebel des Nörgelns

Das deutsche Gesamtmeckervolumen im internationalen Vergleich

Jeder kennt es. Und wer es nicht selbst erlebt hat, hat es von anderen gehört: Man hat gerade den Urlaub seines Lebens hinter sich. Eine Woche New York. Diese vibrierende Stadt, die selbst im letzten Landei das Gefühl weckt, alles sei möglich, wenn man sich nur traut; diese Stadt, die irgendein längst vergessenes Mach-Was-Hormon freisetzt; wo jeder, auch der Ängstlichste, der Vorsichtigste das dringende Bedürfnis verspürt, sich in den Trubel zu stürzen, endlich das eigene Ding durchzuziehen und zu gucken, ob die anderen New Yorker, diese Leute, die allesamt vom Lockruf des Möglichen angetrieben werden, einen mit Applaus oder Hohn belohnen werden.

Noch auf dem Rückflug nach Deutschland ist man zappelig und voller Energie, man will zu Hause die alten Träume umsetzen, was auf die Beine stellen, kann nicht erwarten, endlich damit anzufangen. Dann die Landung, in Berlin, in München, in Hamburg, Frankfurt am Main. Man steigt aus, hört die Durchsagen im Flughafen, macht ein paar Schritte durch die geschäftigen Straßen, atmet ein – und weg ist es. Es ist einem vorher noch nie aufgefallen, aber hier ist alles anders. Irgendwie …, sagen wir bedächtiger. Hier gehen die Leute sparsam mit ihrer Energie um. Sie halten sich zurück und behalten ihre Gedanken für sich, sie gucken ernst, sie sprechen nicht miteinander, keiner wartet auf neue Ideen, im Gegenteil, man will damit in Ruhe gelassen werden. Statt Aufregung liegt etwas anderes in der Luft. Das ist der Nebel des Nörgelns.

»Das kenne ich«, sagte Elisabete Köninger aus Stuttgart am Telefon. Köninger ist Brasilianerin, Übersetzerin, Dolmetscherin, Nörgelkennerin und lebt seit 25 Jahren in Deutschland. Sie ist mit einem Deutschen verheiratet, spricht mittlerweile mit einem schwäbischen Akzent, und als wir miteinander telefonierten, musste sie immer wieder lachen. »Ich besuche Brasilien, dann fliege ich nach Deutschland zurück, und ich komme mit viel Energie an, aber plötzlich ist die Energie weg. Diesmal war ich länger in Brasilien und habe es deutlich gemerkt. Dort herrscht Aufbruchsstimmung. Die Leute haben das Gefühl, die Finanzkrise sei schon vorbei. Man schaut auf das neue Jahr mit der Zuversicht, dass gute Dinge auf uns zukommen. Hier ist es genau umkehrt. Hier habe ich den Eindruck, wenn man was Neues anfangen will, sagt jeder: ›Ja, aber in dieser Zeit? Überleg dir das lieber zweimal.‹«

Dora Bravin ist ebenfalls Brasilianerin, mit einem deutschen Mann verheiratet und lebt in Berlin. Als sie hörte, dass ich mehr über den Nebel des Nörgelns wissen wollte, wurde sie ganz aufgeregt und meinte, wir müssten uns auf einen Wein in ihrem Stamm-Restaurant Archimboldo treffen.

»Es war immer mein Traum, eine Sambaschule zu eröffnen«, erzählte sie. »Und als ich es dann tatsächlich tat, sagte mein Mann: ›Du hast zu wenig Schüler und musst auch noch arbeiten, wie willst du das schaffen?‹ Als er dann sah, dass es funktionierte, war er dabei. Vorher war es ›meine‹ Schule, nachher war es ›unsere‹. Auch als ich beschlossen habe, mich als Pflegerin selbständig zu machen, meinte er, ›das schaffst du nicht‹. Anfangs war es auch schwer, aber nur wegen des Papierkrams. Es gibt sehr viel Papierkram in Deutschland. Jetzt bin ich seit 2004 selbständige Pflegerin. Und trotzdem. Wann immer ich etwas Neues machen will, sagt mein Mann: ›Was bringt dir das?‹. Und ich antworte: ›Eine neue Erfahrung.‹«

Man muss kein Ausländer sein, um den Nebel des Nörgelns wahrzunehmen. Der Filmemacher und Journalist Tim H. erzählte von einem gewissen Wilfried Merle, über den er einen Dokumentarfilm gedreht hatte. »Das war ein wirklich interessanter Typ«, erinnerte sich Tim. »Anfang der Sechziger ging er als Entwicklungshelfer nach Venezuela und hat in den Slums gearbeitet. In dieser Zeit sind zwei seiner Kinder an simplen Kinderkrankheiten gestorben – an Krankheiten, die in Deutschland ganz leicht geheilt worden wären. Da hat er sich mit seiner Frau hingesetzt und gesagt, das geht nicht. Das können wir unserer Familie – sie hatten noch drei Kinder – nicht antun. Sie kamen nach Deutschland zurück und übernahmen von den Schwiegereltern eine Weinkneipe. Aber er hatte schon fast zwanzig Jahre in einer anderen Kultur gelebt, und er konnte dieses ständige Nörgeln nicht aushalten. Eines Tages hat irgendein zehnjähriges, völlig verfettetes Kind sich beschwert, dass die Nudeln nicht durch waren. Da ist ihm der Kragen geplatzt. ›Das hier ist auch nicht der richtige Platz für meine Kinder‹, sagte er, und ist zurückgegangen und hat die venezolanische Staatsbürgerschaft angenommen.«

Warum ist Deutschland so reichlich mit dem Nebel des Nörgelns beschenkt worden?

Ich rief einige Freunde und Bekannte an, alles Ausländer, die schon länger hier leben und eine Vergleichsmöglichkeit hatten, und fragte sie, ob man in ihrer Heimat ebenso gern mault und nölt wie hierzulande.

»Es gibt eine Art Basismeckern in Deutschland«, beschrieb es der Kanadier Scott Roxborough, Journalist bei der Deutschen Welle. »Eine grundsätzliche Missbilligung von … na ja, von allem. Es ist nicht unbedingt so, dass man unglücklich ist – nur, dass man niemals erwarten würde, dass etwas Gutes passiert. Es ist diese Einstellung: ›Ich bin nicht so dumm, zu glauben, dass alles gut gehen könnte. Ich lasse mich nicht von dir verarschen, Welt.‹«

Sachiko N., japanische Künstlerin und Büroangestellte in Berlin, war überrascht zu erfahren, was einen Deutschen alles verstimmen kann. »Deutsche ärgern sich sogar, wenn wir Japaner zu oft ›Danke‹ sagen«, erzählte sie, als wir uns auf ein Bier im Seidls trafen. »Das tun wir aus Gewohnheit. Ich versuche, es abzustellen, aber es passiert mir ständig. Ich sage ›Danke‹, und sie korrigieren mich. Sie sagen, ›du sollst nicht so viel Danke sagen‹. Dann antworte ich, ›oh, Entschuldigung!‹, und dann ärgern sie sich auch darüber.«

Deutsche sind so sehr von der Unentbehrlichkeit des Meckerns überzeugt, dass sie es gelegentlich sogar ins Ausland zu exportieren versuchen.

»Ich bin mal mit meiner Frau an den Gardasee gefahren« erzählte Francesco D’Angelo, der schwäbisch-italienische Betreiber des kleinen, aber feinen italienischen Stehbistros in der Kolonnenstraße in Berlin, als ich ihn eines Tages mit der Frage konfrontierte, ob Italiener anders nörgeln als Deutsche. »Wir wollten mit der Fähre über den See und standen in der Schlange, um Karten für das Schiff zu kaufen. Vor mir stand eine deutsche Familie und vor ihnen eine englische. Die Briten stellten dem Mann am Ticketschalter tausend komplizierte Fragen und brauchten so lange, dass das Schiff inzwischen abfuhr. Es hieß also fünfundvierzig Minuten warten, bis die nächste Fähre kommen würde. Die englische Familie fluchte: ›Shit, shit, shit!‹ Aber wer wirklich aufgeregt war, das waren die Deutschen: ›Doofe Engländer! Typisch italienisch hier! Wie konnten die nur ohne uns abfahren? Die sehen doch, dass wir warten!‹ Meine Frau und ich fanden das ganz normal: Das Schiff fuhr nach Fahrplan ab. Wir gingen also bis zur nächsten Abfahrt in aller Ruhe einen Cappuccino trinken. Vom Café aus hatten wir einen tollen Blick über den See, es war prima Wetter. Wir nahmen dann die nächste Fähre. Die Deutschen waren mit an Bord, und sie schimpften immer noch über die Engländer. Das war inzwischen fünfundvierzig Minuten her.«

Über den ausgeprägten deutschen Nörgelnebel hatte mein Ausländer-Expertenausschuss einige Theorien.

»Es ist eine Frage der Werte«, vermutete die Neuseeländerin Victoria J. per Telefon aus München. »In Deutschland ist Meckern ein Zeichen von Intelligenz. In Neuseeland ist es bloß ein Zeichen, dass du schlecht erzogen bist.«

»Es steht hier nicht nur für Intelligenz, sondern auch für Durchsetzungsvermögen und überhaupt für eine starke Persönlichkeit«, stimmte ihr Scott zu. »Für uns ist Meckern Aggression, und das ist in Kanada nicht positiv. Wir lernen, dass wir immer versuchen sollen, nett zu sein. Von uns Kanadiern sagt man ja, dass wir uns sogar entschuldigen, wenn wir in einen Baum reinlaufen. So ist es überall in der englischsprachigen Welt. Das kommt aus Großbritannien. Es ist diese Sache mit der stiff upper lip. Wer sich beklagt, zeigt, dass er nicht allein mit der Situation zurechtkommt. Er zeigt Schwäche. Für Deutsche ist das umgekehrt: Wer nett und glücklich ist, ist geistig irgendwie zurückgeblieben, er sieht die Dinge nicht, wie sie wirklich sind.«

»Als ich hierher kam, dachte ich lange, die Deutschen sind aber kindisch«, lachte Sachiko N. »Weil sie so schnell sagen, ›das ist Scheiße‹, und sich ihrer schlechten Laune überlassen. In Japan dürfen das nur Kinder. Bei den Deutschen sieht man sofort, wenn einer schlechte Laune hat. Selbst die Politiker in Deutschland sind wie Kinder. Sie zeigen sich sehr emotional, sie haben sehr wenig Kontrolle über sich. In den Talkshows im Fernsehen streiten sie miteinander, sie unterbrechen sich, und wenn einer seinen Satz zu Ende sprechen will, muss er sagen: ›Jetzt hören Sie mal zu, lassen Sie mich ausreden.‹ Als ich das zum ersten Mal sah, war es spannend, weil ich mitgekriegt habe, dass es Krach gibt. Ich war schockiert.«

Carrie D. ist kanadische Journalistin und lebt in Berlin, wo wir uns auf einer lauten Silvesterparty zwischen zwei Martinis begegneten. »Mein Mann ist halb deutsch, halb britisch und zum größten Teil hier aufgewachsen«, erzählte sie. »Er meint immer, ich muss in Deutschland lernen, zu meckern, wenn ich hier überleben will. Das zeigt den Leuten, dass du stark bist. Das ganze kanadische Zeugs mit dem nett und höflich sein, das legen Deutsche dir als Schwäche aus. Wenn du was erreichen willst, musst du dich beschweren. Mein Mann meckert über Kleinigkeiten wie das Essen im Restaurant, und er kann sich über Politik sehr aufregen. Und in Behörden. Ich bin da anders. Meine Mutter sagte immer, man kann mehr Fliegen mit Honig fangen als mit einer Fliegenklatsche. Ich habe probiert, mich zu beschweren und zu schimpfen, und es stimmt wirklich, was mein Mann sagt – es bringt was. Die Leute reagieren. Nur, das widerspricht allem, was ich sein will.«

Sie ist nicht allein – jeder, der von woanders her nach Deutschland kommt und hier überleben will, muss sich früher oder später mit der Frage auseinandersetzen: Schließe ich mich dem Lockruf des Nörgelns an oder leiste ich Widerstand?

»Ich weiß gar nicht, welche Art besser ist. Ich habe inzwischen gelernt, mich etwas deutscher zu verhalten, und ich finde es nicht schlecht«, gestand Scott. »Man hält nichts zurück. Die Deutschen halten sich für sehr vernünftig und friedliebend, aber in Wahrheit pflegen sie eine sehr aggressive Kultur. Jetzt kann auch ich die Leute in den Läden anschreien, und das ist schon eine Befreiung.«

Allerdings soll das nicht heißen, dass andere Länder gar nicht nörgeln. Im Gegenteil, es scheint da noch einiges zu geben, was sich die Deutschen bei anderen abgucken können.

»Die Deutschen sind nichts im Vergleich zu den Spaniern!«, sagte Felix W. begeistert. Ihn rief ich an, weil er Dolmetscher bei der Europäischen Union in Brüssel ist und tagtäglich in den Genuss einer aufregenden Kakophonie von multinationalem Genörgel kommt. »Sie haben so eine Art, wie sie sich in Kleinigkeiten reinsteigern. Der Mythos ist, dass die mediterranen Völker immer so gut drauf sind, aber in den Fahrstühlen in Brüssel fällt mir auf, wie sie sich aufplustern und alles unmöglich finden. Sie haben eine universale Art, sich aufzuregen: ›Como es posible que nos hacen eso?‹ (Wie ist es ist möglich, dass man uns wieder so was antut?). Das ist eine Klage, die in den Raum hinein gebellt wird, ohne dass man das konkretisieren kann, ein missmutiges Aufheulen, wie ein Ventil, das plötzlich pfeift.«

»Ach was«, spottete die englisch-, italienisch-, deutschsprachige Französin Brigitte Le Gouez, Dozentin beziehungsweise Maître de conference an der Sorbonne, als sie in ihrem engen Zeitplan eine Lücke für ein Telefonat mit mir über einen deutsch-mediterranen Meckervergleich fand, »die Franzosen sind sehr viel besser im kritisieren, ärgern und schimpfen als die Deutschen. Weil sie nicht groß darüber nachdenken, wie sie sich in der Öffentlichkeit korrekt benehmen. Zumindest trifft das für die Pariser zu. Das Leben in Paris ist härter als in Berlin, und das, obwohl Berlin eine ärmere Stadt ist. Der Umgangston in Berlin ist entspannter. Die Pariser sind immer sehr nervös und eigentlich stets bereit zu explodieren. Sie stehen immer unter Druck. Wir haben diesen Witz: Wie lange dauert eine Sekunde? Das ist die Zeit zwischen dem Moment, wo die Ampel grün wird, und der Typ hinter dir anfängt zu hupen.«

Felix W. dagegen, mit einer Französin verheiratet, bewundert die Franzosen ob ihres Nörgelns. »In Frankreich kann man sich mit geistreichem Nörgeln interessant machen«, schwärmte er. »Das ist die Pose des kritischen Intellektuellen.«

»Aber machen das die Deutschen nicht genauso?«, fragte ich. »Ich kenne keinen deutschen Intellektuellen, der nicht ständig versucht, sich intelligenter zu machen, indem er alles bekrittelt.«

»Ha! Das kriegen aber die Deutschen nicht so gut hin wie die Franzosen«, meinte Felix. »Das französische Nörgeln hat was Theatralisches. Es explodiert und knallt und sprüht Funken, und dann ist es wieder weg. Das deutsche Nörgeln dagegen bleibt.« Er seufzte.

In Italien, so Brigitte, meckert man zwar weniger als in Deutschland, das heißt aber nicht, dass man sein Missfallen nicht auszudrücken weiß: Wer nicht ins Schema passt, wird einfach ignoriert. »In Italien ist es nicht wichtig, wie viel Geld du hast, solange du nach Geld aussiehst. Hauptsache, man macht eine bella figura. In Deutschland ist das nicht so wichtig. Auch reiche Deutsche kleiden sich schlicht, und das ist egal. Als ich zwanzig war, hatte ich eine gute Freundin in Florenz, sie stammt aus einer sehr vornehmen Familie. Wir gingen zusammen shoppen, und es war ihr total peinlich, dass ich mit einer Plastiktüte loszog und nicht mit einer Lederhandtasche. In Deutschland ist so was nicht so wichtig. Frankreich liegt irgendwo dazwischen: Plastiktüte ist okay, aber es sollte schon eine Chanel-Tüte sein.«

Wenn man in anderen Ländern auch gern und ausgiebig lamentiert, warum hängt der Nebel des Nörgelns so hartnäckig nur über deutschen Köpfen herum?

Vielleicht nörgeln die Deutschen einfach anders.

»Die Deutschen sind ernster dabei«, meinte Elisabete Köninger. »Wir Brasilianer nörgeln auch gerne, aber es ist nur ein kurzes Aufflackern– wir vergessen es dann schnell wieder.«

»Die Italiener motzen nur, wenn es einen konkreten Anlass gibt«, warf D’Angelo ein. »Die Italiener meckern auch nicht darüber, dass sie meckern. Zum Beispiel Berlusconi – wir schimpfen über ihn, aber immerhin funktioniert seine Regierung, und wir gehen sowieso davon aus, dass alle Politiker Verbrecher sind, also wählen wir ihn auch. Was soll’s?«

Ich traf mich mit Sonia Vea, Tonganerin, Künstlerin und Lebenskünstlerin in Berlin, zu einem Teller Chili con Carne in dem kleinen Café Ess Eins in Schöneberg, und sie erzählte mir vom Meckern im Paradies.

»Deutsche können sich über alles beschweren«, amüsierte sie sich. »Über den Kellner, über die Nachbarn, wenn die Kinder auf der Couch rumspringen. Und vor allem, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Man muss innerhalb der Markierung parken. Man muss die Gebrauchsanweisungen genau befolgen, wenn man einen neuen Fernseher kauft. Für uns Polynesier ist all das nicht wichtig. Wir meckern erst, wenn jemand uns umbringen will. Dann fangen wir an, uns Sorgen zu machen.«

»Komm schon, irgendwas muss euch doch auch mal ärgern«, sagte ich.

»Na ja«, überlegte sie. »Wenn eine Samoanerin oder eine Tonganerin einen Deutschen heiratet, stellt sie schnell fest, dass der europäische Mann mehr für seine Freunde tut als für die Liebe. Das ist ein Grund, warum die Mädchen aus Tonga oder Samoa meckern. Dass er immer vor dem Computer sitzt. Dass er nicht heißblütig ist. Dass sie es nicht wirklich mögen – du weißt schon. Jedenfalls nicht so oft.«

Das reichte mir schon, aber Sonia kam gerade in Fahrt.

»In Tonga schimpfen die Frauen meist nur, wenn die Männer anderen Frauen nachgucken. Und in Samoa nörgeln die Frauen, wenn die Männer nicht zur Arbeit gehen oder nicht kochen. Dort kochen die Männer, nicht die Frauen. Das ist Tradition. Wenn eine Frau einen europäischen Mann heiratet, dann jammert sie oft, dass er ihre Familie nicht finanziell unterstützen will, und er beschwert sich, weil er das Gefühl hat, er soll wohl für ihre ganze Familie aufkommen. Aber so ist das eben bei uns. Man heiratet die ganze Familie«.

»Du musst das Leben hier hassen«, vermutete ich.

»Ich habe keinen Grund zu klagen«, sagte sie und grinste. »Ich bin glücklich hier, weil ich gelernt habe, zu überleben, wenn es schneit. Das ist etwas, wovon die Leute zu Hause niemals wissen werden, wie das geht.«

Sonia mit ihren langen schwarzen Locken sitzt immer irgendwie der Schalk im Nacken. Ich bin sicher, als sie damals über Frankreich nach Deutschland auswanderte, gehörte es nicht zu ihrem ursprünglichen Plan, in einem Land zu leben, in dem es bis zu 50 Grad kälter ist als in ihrer Heimat.

»Auf jeden Fall beklagt ihr euch auf Tonga nicht über das Wetter«, scherzte ich.

»Och, das kommt schon vor«, meinte sie und rührte in ihrem heißen Tee. »Wenn der Hurrikan kommt, zum Beispiel.«

Das Meckern anderer Völker kann zeitweilig so andersartig sein, dass man als Deutscher gar nicht in der Lage ist, es als Kritik zu identifizieren.

»Wir haben mal in im Gemeindehaus eine Versammlung unter Kollegen gehabt, und ich habe den Tisch mit ein paar Getränken und Keksen und so eingedeckt«, erzählte Teresa U., Pfarrerin aus Gelsenkirchen. »Die Sachen habe ich nicht besonders schön ausgelegt, es sah ein bisschen jugendherbergsmäßig aus. Hätte ein Westfale einen Kommentar abgegeben, wäre es so was gewesen wie: ›Also mit der Ästhetik hast du es wohl nicht so‹. Es war aber eine Österreicherin, die hinterher etwas dazu gesagt hat: ›Ja, so ein schön gedeckter Tisch, wo alles zusammenpasst, ist schon was Gutes.‹ Erst als sie weg war, verstand ich, dass es gar kein Kompliment war.«

Auch die Schweizer nörgeln so, dass man es auf Anhieb gar nicht erkennt – mit Zeitverzögerung sozusagen. Vielleicht, weil man in so engen Tälern nicht so schnell weglaufen kann.