Norwegen in Gummistiefeln - Ben Albrecht - E-Book

Norwegen in Gummistiefeln E-Book

Ben Albrecht

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Beschreibung

Im Buch ,Norwegen in Gummistiefeln' beschreibt Ben irrwitzig bis dramatisch anderthalb Jahre Auslandsaufenthalt bei einer Gastfamilie in Vinstra. Ungeschönt beschreibt er den ganz normalen Farmwahnsinn, gibt aber auch Einblicke in Reisen durch das Land. Wie das Land selbst, spiegeln ungeahnte Freuden, aber auch schmerzhafte Erfahrungen die Höhen und Tiefen Norwegens wider.

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ben Albrecht

Deutsche überarbeitete Zweitauflage 2018

© Ben Albrecht, 2018

[email protected]   www.norwegen-in-gummistiefeln.de

Umschlaggestaltung und Design: Claudia Albrecht

Lektorat und Korrektorat: Eva Lindner; Anneliese Bauer; Katrin Albrecht

Druck und Bindung: Neopubli GmbHKöpenicker Straße 154a10997 Berlin

Vorwort und Danksagung

Dieses Buch widme ich meinen norwegischen Gasteltern, die mir gezeigt haben, wie sich Gelassenheit und Bodenständigkeit leben lassen. Der Aufenthalt bei ihnen, von Anfang bis Ende, bildet einen geschlossenen Lebensabschnitt, den ich in diesem Roman würdigen möchte. Es ist kein rein biografisches Werk, aus diesem Grund sind die Namen abgeändert.

Ich danke meiner Mutter für ihre Einfälle und Geduld. Ihr Glaube an dieses Buch hat mich immer weiter daran arbeiten lassen. Ohne die großartige Hilfe von meiner Lektorin Eva Lindner und meiner ehemaligen Deutschlehrerin Anneliese Bauer wäre dieses Buch ebenfalls nicht erschienen. Ihnen und den vielen anderen Menschen, die an diesem Buch mitgeholfen haben, bin ich zutiefst dankbar.

Erster Teil

Forspill - Auftakt 

Ich war einer jener Typen, die, einmal mit der gewählten Ausbildung fertig, plötzlich vor einer großen Sinnfrage standen.

,Will ich das wirklich mein ganzes Leben lang machen?‘

So befand ich mich auch nach meiner Ausbildung zum Physiotherapeuten an dem Punkt, an dem das Leben scheinbar eine Richtung bekommen sollte, doch ich wehrte mich gegen diese Festlegung. Was darauf folgte war schlicht ergreifend die radikalste Veränderung in meinem jungen Leben, da ich mich entschied, für ein halbes Jahr als Helfer auf einer Milchfarm in Norwegen zu arbeiten.

Die Geschichte beginnt da, wo mein alter Lebensabschnitt aufhörte.

„Gut, dass Sie kommen, Ben. Kann Er gleich noch den Herrn Gruber massieren?“

Frau Frohstern, die Chefin der gleichnamigen Physiotherapie, schaute bittend zu mir. Sie gehörte zu den eigentümlichen Therapeutinnen, die sowohl Patienten, als auch Mitarbeiter immer noch im dritten Fall anredeten.

„Wie? Den Feuergruber?“, fragte ich einigermaßen geschockt.

„Feuergruber?“, fragte Frau Frohstern.

„Ja. Der hatte letztens ein selbstgemischtes Massagegel für seinen Rücken mit. Schlierig wie ranziges Olivenöl und schmerzhaft wie Salz in einer offenen Wunde. 90% Finalgonanteil oder sowas. Außerdem ist sein Rücken so hart, dass man ihn als Surfbrett nehmen könnte.“

„Sehe Er es als eine letzte Heldentat an. Und Er ist sicher, dass Er nicht länger bei uns bleiben möchte?“

Frau Frohstern schaute ernst über ihre altmodische Brille.

„Absolut sicher. Ich will endlich herausfinden, was es mit mir und Norwegen auf sich hat. Unsere ‚Spezialisten‘ hier werde ich jedenfalls vermissen.“

„Also schön, diese Flausen kann ich Ihm nicht austreiben. Nach dem Feuergruber kann Er sich ins Abenteuer stürzen!“

„Das werde ich. Auf Wiedersehen Frau Frohstern!“

Ich kam von der Physiotherapiepraxis in mein Zimmer, wo mir zwischen verstreuten Kleidungsstücken, aufgeschlagenen Büchern und CDs ein Stück Normalität begegnete. Viele Jahre hatte ich in diesem Zimmer verlebt. Die Sammlungen nutzten sich langsam ab, doch nichts trug so große Gebrauchsspuren wie mein Gemüt, das sich Veränderung herbeisehnte. Als ungebundener Single spürte ich mit  21 Jahren die Möglichkeit für etwas ganz Neues.

Meine weiße Therapeutenbekleidung tauschte ich gegen eine komplett schwarze, vom Boden aufgesammelte Kluft. Nach der Metamorphose schob ich eine Scheibe der norwegischen Black Metal Band Gorgoroth in den CD-Spieler. Augenblicklich breitete sich eine schleichende Dunkelheit aus. Eiskalte, verzerrte Riffs waberten aus schwarzen Boxen und brachten den Raum zum Erkühlen. Unheilverkündende Drums vernichteten zusammen mit einer verpesteten Stimme die Reste von Gemütlichkeit.  

  Gedankenverloren fuhr ich durch mein schulterlanges Haar.

,Bald ist es soweit…‘, dachte ich. Der große Wandel.

Kaum zu fassen, wie befreiend es sich anfühlte, sämtliche berufliche Sicherheiten beiseite zu schleudern und sich einer totalen Ungewissheit auszuliefern. Vom Physiotherapeuten aus dem Erzgebirge hin zum Knecht in Norwegen, so hieß der Plan. Damit konnte ich das gewohnte Leben erst mal knicken.

Ankomst - Ankunft

Auf dem Flughafen Gardermoen erlebte ich eine wahnsinnige Entschleunigung. Reisende und Personal schlenderten in Seelenruhe durch das Gelände. Selbst die Fließbänder der Gepäckausgabe schienen langsamer dahinzugleiten.

Schweigend nahm ich mein Gepäck und folgte dem Strom zum Ausgang, begleitet von einem kribbelnden Gefühl im Bauch. Als ich ins Freie trat, benetzten Schneeflocken mein Gesicht. Kalte, nordische Luft breitete sich in meinen Lungen aus. Geräuscharm bewegten sich Menschen und Fahrzeuge an diesem Februarmorgen. Die gedämpften Lichter des Busses, der mich zum Ziel bringen sollte, leuchteten verschwommen in die Dunkelheit.

Bushaltestelle in Vinstra lautete der Treffpunkt, den mir die Gastfamilie per Mail mitgeteilt hatte. Einige Fahrtstunden trennten mich noch davon. Der Bus hielt, ich stieg ein und setzte mich erstmals auf norwegisches Komfort. Durch die allgegenwärtige Ruhe schlief ich bald ein.

Erquickt huckelte ich mir in Vinstra meinen Trekkingrucksack auf und stieg aus dem Bus. Ich wählte die Nummer meiner zukünftigen Gastmutter Malin Anderson. Nervös hielt ich das Handy ans Ohr.

,The person you´re calling…‘

„Was?!Willst du mich verarschen?“ Mich traf beinahe der Schlag. Ich stand irgendwo in Norwegen ohne genaues Ziel, gebunden an einen Treffpunkt, zu dem Malin ohne mein Signal nicht kommen würde. Aufgewühlt enterte ich die nächste Tankstelle.

„Sorry, kennt hier vielleicht jemand eine Malin Anderson?“

Ich fragte die Verkäuferinnen mit Welpenblick.

„Hast du eine Ahnung wie viele Andersons und Malins es hier gibt?“, fragte die Jüngere der beiden.

„Nein. In Deutschland würde der Name auffallen.“

„Hier nicht.“

Missmutig schaute ich nach unten.

,Zu Dumm!Ich hatte doch eine SMS geschickt, die Nummer muss doch…‘ Plötzlich meldete sich das Handy.

„Na leck mich fett, das ist doch… - Hello?“, sagte ich, und hastete ins Freie.

„Hello! Hei! Wie geht´s dir? Wo bist du? Ich hab grad deine SMS gelesen…“ Es sprach tatsächlich Malin, die endlich ihr Telefon neben der Kloschüssel gefunden hatte.

„Ich äh, steh an der Bushaltestelle… in Vinstra, meine ich…“

Ich presste mir das Handy schmerzhaft ans Ohr und errötete in aufgeregten Versuchen, der englischen Sprache Herr zu werden. So gut es ging, schilderte ich die Situation. Malin versprach, schnellstmöglich zu kommen.

Bis ich meiner neuen Chefin gegenübertreten würde, beäugte ich die Umgebung. Zweifellos liebten Norweger das laufende Kraftstoffgefährt. Geisterstadtflair entstand auf winterlichen Parkplätzen, wo Autos geduldig vor sich hin husteten, manchmal ohne eine sichtbare Menschenseele im Umkreis.

Nach wenigen Minuten hielt ein Mitsubishi Pajero neben mir. Eine Frau in den Fünfzigern mit ohrenlangem, rotem Haar stieg aus dem Jeep. Ihre schmalen Augen im rundlichen Gesicht strahlten freudig.

„Hei! Hei! Bist du Ben?“ Malin drückte mich herzlich an ihren stattlichen Körper, den ein schwarzer Wollmantel warmhielt. „So gut dich zu seh´n! Willkomm´ in Vinstra! Bist du nich´ müde nach der lang´ Reise?“

Ihre lachende Umarmung machte sie mir sofort sympathisch.

„Schon anstrengend das Nest zu verlassen - aber jetzt bin ich ja da.“

„Du kannst gleich was ess´n und dich ausruh´n, steig ein!“

Malin musterte mich nochmals, ehe sie sich zufrieden hinters Lenkrad schwang. Vom Wetter unbeeindruckt, brauste sie mit ihrem Pajero über die verschneiten Straßen.

„Es is´ nich´ weit, aber ´ne knackige Strecke, wenn soviel Schnee fällt wie heut´. Nun muss ich mich auf die Straße konzentrier´n“, sagte Malin mit eigentümlicher Aussprachefaulheit.

„Alles klar.“

Endlich fühlte ich mich unbeobachtet genug, um heimlich das Wageninnere in Augenschein zu nehmen. Leere Colaflaschen schienen in Eile vor der Abfahrt ins hintere Wagenabteil geschaufelt worden zu sein.Eine Kettensäge und verrostete Zangengriffe lugten aus der Leergutansammlung heraus. Im vorderen Teil steckte eine angebissene Stulle eingeklemmt neben dem Amaturenbrett, an dem selbst nicht mehr viel Originalteile hingen.

„Mein Mann fährt sonst den Wag´n, mein´ repariert er grad. Sorry, wenn´s hier drin etwas aussieht.“

„Mann soll sich ja auch wohl fühlen.“

„Ich seh´, ihr werd´ euch versteh´n.“ Malin lächelte zurück. Abrupt bog sie in Richtung der Bergseite ab. Eine steile Straße lag vor uns, die Auffahrt begann.

Ich versuchte die vorab erhaltenen Sommerbilder der Farm mit der Umgebung abzugleichen, ungeduldig nahm ich die zunehmend einsamere Gegend zur Kenntnis. Sicher wäre die Aussicht auf das Tal schön gewesen, doch Vinstra umgaben noch immer fette Schneewolken. Malin nahm einen Seitenweg, den einzelne Farmen umrahmten. Kurz bevor die Straße erneut abwärts führte, wendete sie, um ihre Einfahrt zu erreichen. Der Pajero glitt über ein ratterndes Rollrost - das dröhnende Willkommen zur Farm.

Wir stoppten vor einer kleinen Hütte. Für mich wirkte alles eine Spur einfacher, als ich es mir in meiner glühenden Fantasie vorgestellt hatte.

„Steig vorsichtig aus, damit du dir nich´ gleich am erst´n Tag die Knoch´n brichst!“

Vergnügt folgte ich Malin, auf ihren Ratschlag hörend, zum Eingang des schwarzen Holzhauses. Malin hielt die Tür auf.

„Bitt´schön. Dein neues Zuhause.“

Ich trat ein. Angenehme Wärme schlug mir entgegen. Prasselnd verzehrte ein Feuer im Ofen einige Holzscheite, wobei flackernde Lichter aus den Luftschlitzen drangen. Massive, nackte Holzstämme kleideten rund und wohlgeformt das gesamte Zimmer aus.

„Ein Vollstammhaus, ich schnall ab!“, platzte ich heraus.

Ein Kuhfell auf dem Boden wirkte auf mich ebenso gemütlich wie das Sofa und die kleinen Doppelfenster, die wie natürlich zwischen den großen Stämmen eingebettet lagen. An die tiefhängende Lampe vor dem Bett hatte ich mich wohl zu gewöhnen.

„Is´ nichts Besond´res, aber gemütlich is´ es hier“, sagte Malin bescheiden.

„Nichts Besonderes? Das hier ist doch wohl die geilste Hütte, die ich jemals gesehen hab! Und sogar eine kleine Musikanlage gibt es!“ 

„Dann wird dir der Rest gefall´n. Komm, wir frühstück´n jetzt!“ 

„Und der Kamin, Malin? Der brennt einfach unbeaufsichtigt?“ 

   Sie schaute mich an, als hätte ich gefragt, ob im Sommer auch die Sonne scheint.Dann wischte sie meine Bedenken einfach mit einem Wink beiseite.

„Alles erprobt, keine Gefahr.“

Das Öffnen von Malins Haustür wurde mit lautem Hundegebell bekräftigt. Zwei aufgeregte Border Collies tobten gleich um mich herum.  

„Kaisa! Lillegull! Das genügt!“, versuchte Malin sie zu besänftigen.   

Ich tätschelte Kaisa vorsichtig am Kopf, was Lillegull mit einem bitterbösen Fletschen quittierte.

„Lillegull! Nei! Sie is´ so unglaublich eifersüchtig auf ihre Mutter Kaisa. Das Knurren gilt also nich´ dir, sondern ihrer Mutter, sorry“, erklärte Malin.

„Schon gut, jedem seine Macke.“

Ich blickte nach vorn. Wir standen in einem Gang mit mehreren Türen.

„Wir geh´n die Treppe hoch zur Küche. Hier unt´n gibt´s nur Bad,                                                                   Gästezimmer und´s Kontor von mei´m Mann“, erklärte Malin.

Über Teppichbelag stiegen wir zum Herzstück des Hauses hinauf. Die Wände übersäten Unmengen an Jagdtrophäen und Urlaubsandenken.

„Wow, ein Elchhaupt! Habt ihr das selbst geschossen, Malin?“

„Nei, der wollt´ durch die Wand renn´ und is´ steck´n geblieb´n.“  Verschmitzt zwinkerte sie mir zu. Oben angelangt, verschwand sie im Eingang der Küche und stellte vom Kochbereich Verpflegung auf eine Durchreiche. Auf dem nebenstehenden Aquarium schielte eine aufgeweckte Katze Richtung Salamischeiben.

„Das is´ Minni, die jüngste uns´rer drei Katz´n. Silva und die alte Moni werd´n sicher gleich komm´.“

Malin deutete dabei auf eine alte Balkontür, in die eine verschmutzte Hundeklappe eingebaut war. Hunde wie Katzen benutzten die Klappe gleichermaßen. Lautstark gab sie jedem Eindringling nach.

„Das ist ja wie auf dem Bahnhof hier…“ Amüsiert folgte ich dem Treiben. „Können die Hunde ganz hinaus rennen?“, fragte ich.

„Nich´ nötig, die scheiß´n einfach auf´n Balkon.“

„Aha.“

Malin schob als letztes ein bräunliches Käsestück auf den Tisch.  „Der Gudbrandsdalkäse is´ ´ne Spezialität von hier. Zumindest die Kinder lieb´n ihn. Schmeckt süßlich.“

Ich setzte mich, nahm einen Käsehobel und probierte.

„Und?”, fragte Malin.

„Naja, als Kind hätte ich es vielleicht auch mehr gemocht...“ Diplomatisch schob ich den Käse von mir. Ich nahm eine Scheibe vom vorgeschnittenen Supermarktbrot auf meinen Teller und testete als nächstes eine Kilogrammpackung Erdbeermarmelade.

,Schon besser.‘

Hundeschnauzen verfolgten bereits gespannt mein Frühstück. Sie begleiteten, wie durch einen unsichtbaren Faden verbunden, jeden meiner Bewegungen vom Teller zum Mund.

„Dass du mir ja nich´ die Tiere am Tisch fütterst! Das tut BG schon genug“, mahnte mich Malin.

„Okay“, bestätigte ich, doch im nächsten Moment sprang Minni bereits auf meinen Schoß.

„Deine Tage des ruhigen Essens sind nun vorbei!“, beschwor Malin.

„Na endlich, das wurde auch Zeit!“

„Wie sieht eigentlich deine Erfahrung mit Stallarbeit aus, Ben?“  „Nix! Bis auf einen Urlaub auf einem Bauernhof keine weitere Praxis. Das Tierischste in meinem Leben ist der Hund meiner Eltern.“

„Du wirst genug Zeit zum Nachhol´n hab´n. Die meist´n Quereinsteiger lieb´n die Lebensweise mit ´n Tier´n. Auch dich  krieg´n wir noch groß.“

„Es besteht noch Hoffnung, wie?“

„Haha, und ob!“

„Malin, was habt ihr denn eigentlich alles für Kühe?“

„Insgesamt an die 50 Viecher. Es gibt vier Grupp´n: Die Milchküh´, die Kälber und die Teenager. Teenager sind die heranwachsend´n  Küh´, die als nächstes ihr Kalb bekomm´. Und dann gibt´s natürlich noch die  Bull´n. Wirst´e alles gleich noch seh´n!“

„Ich bin gespannt!“

Nach dem Essen führte mich Malin nach draußen. Über den verschneiten Hof passierten wir eine unfertige Garage und einige Holzbauten. Deutlich riechbar wehte eine Fahne Kuhmilieus vom langgezogenen Stallkomplex zu uns herüber - Geruch einer anderen Welt.

„Im Haus unter deiner Hütte lebt meine Tochter Smilla. Sie is´ in    dei´m Alter“, begann Malin, „du wirst sie selt´n seh´n, vor allem   nich´ am Woch´nende, da kommt ihr Freund aus Trondheim.“

Mein Interesse versickerte so schnell, wie es gekommen war. Sollte sich mein Leben als eifriger Bücherwurm doch wieder fortsetzen?

„Da vorn sind uns´re vier Kaltblüter“, kündigte Malin die nächste Attraktion an. Zwischen Smillas Haus und dem Stall standen ihre stattlichen Dølehest-Pferde hinter einem Holzzaun. Schneebedeckt fraßen sie unbeeindruckt von der Kälte an einem Grasballen. Dampf umspielte ihre Nüstern.

„Ja so komma-daaa!“

Strotzend vor Lebenskraft, folgten die muskulösen Körper dem Lockruf der Bäuerin.

„Guven, Saga, Freya und Sol.“ Malin zählte die Namen ihrer Pferde auf.

„Reitet ihr die Pferde?“, fragte ich, während ich meine Hände beschnuppern ließ.

„Nein, wir sind zu dick. Vielleicht später, wenn die Cambridge-Kur anschlägt. Na komm, ich zeig´ dir endlich dein´ richtig´n Arbeitsplatz!“, sprach Malin, womit sie mich in den Kuhstall schleifte.

Würzige Stallluft empfing michwie eine unsichtbare Wand. Eine Geräuschkulisse aus muhenden Kühen, blökenden Kälbern, klackernden Metallstangen und Maschinenlärm drang an meine Ohren. Ich stand mit Malin hinter einer langen Reihe von Kühen. Binnen Sekunden hob die erste ihren Schwanz, woraufhin ein saftiger Haufen hinter ihr landete. Unzählige Male hatte Malin neu ankommende Gesichter bei diesen ersten Eindrücken studieren können. Sie wirkte enttäuscht. 

„Überall Scheiße, so is´ das“, meinte sie schließlich.

„Och, das macht gar nix!“ Ich antwortete wahrheitsgemäß.

„Ein junger Kerl fing sogar einmal an zu wein´, als er das sah“, zog Malin nach. „Er kam aus ´ner Bank, saß dort am Schalter. Tja - als Junge is´ er gekomm´, als Mann is´ er gegang´.“

„Naja, als Therapeut bin ich ja auch schon einiges gewöhnt“, grinste ich.

„Das will ich glaub´n!“

Malins Mann,Bjarne Gustavson, genannt BG, war derweil wild beschäftigt, die krachende Grasmaschine zu bändigen, in der sich ein Silageball drehte und auf und ab hüpfte. Ich beobachtete das Treiben aus sicherer Entfernung. BG stoppte bald, um seiner Frau irgendwelche Schwierigkeiten darzulegen. Er verkörperte den Archetypen eines wohlgenährten Bauern, mit den Händen eines Schmiedes und ausgelatschten Schuhen. Dazu steckte er in einer dünn wirkenden Arbeitskluft, die hauptsächlich aus gefüllten Taschen bestand. Sein rundliches Gesicht wurde von nachlässig geschnittenen, grauem Haar bedeckt, das Stirn und Ohren versteckte.

Zu einer richtigen Begrüßung mit mir blieb keine Möglichkeit, auch wenn BG kurz ein Mist-an-Hose-Abwischen abwägte. Ich lächelte verständnisvoll.

Viel mehr als flüchtige Blicke konnte ich meinem neuen Arbeitsbereich vorerst nicht zuwerfen. Ein übervoller Ersteindruck, abgespeichert für die Ewigkeit und doch sogleich verblassend in seiner Intensität.

„Wenn du willst, heut´ Nachmittag um fünf darfst´ losleg´n. Bis dahin kannst´ deine Hütte einricht´n.“

„Ist geritzt, Malin! Mein Hintern brennt vor Tatendrang!“

Damit spurtete ich in mein Vollstammhäuschen.

Mit jedem Kleidungsstück verstreute ich meine definitive Anwesenheit in der Hütte.                                                                                                                                                       

,Ich darf tatsächlich in diesem Holztraum wohnen, unfassbar!‘

Vom Fenster aus konnte ich hinunter ins Tal sehen. Kein Flockenwirbel trübte mehr die Aussicht. Die hinterlassene Schneedecke gab der rauen Landschaft etwas Sanftes. Ich sah erstmals das von Bergen umringte Vinstra in der Ferne liegen. Dimensionen, die ich höchstens vom Winterurlaub in Tirol kannte, sollten nun meine täglichen Begleiter sein.

Am Nachmittagschlitterte ich klopfenden Herzens mit Gummistiefeln über den glatten Weg in mein neues Arbeitsleben.

Beim Eintreten in den Stall spürte ich wieder die Wärme, die mich gleich in den Bann gezogen hatte. Ich eilte zu meinem Chef, der eben als Geburtshelfer fungierte. BG half einemstöhnenden Muttertier, das sich mitten in der dramatischen Austreibungsphase eines Kalbes befand. Zwei winzige Beinchen und eine rosa Nase waren bereits sichtbar. BG zog an den heraushängenden Vorderbeinen des Kalbes, bis mit der nächsten Wehe der Neuankömmling heraus flutschte. Ein entzückendes Blöken zeugte von Lebendigkeit.

Als erste zwischenmenschliche Interaktion mit mir, zeigteBG vom Kalb auf eine leere Box.

„Dahin!“

Zögerlich packte ich die schmierigen Hinterläufe an.

,Nicht schon wieder so ´ne glitschige Nummer…‘

Schweißüberströmt trug ich das neue Geschöpf mit BG, bis wir es auf einem kleinen Strohbett ablegten. Die glasblauen Augen des Kalbes schautenhilfesuchend umher, mühsam hielt es seinen Kopf und zitterte trotz Rotlichtlampe.

,Du wärst jetzt auch lieber von deiner wärmenden Mutter umgeben‘, dachte ich.

Schwer atmend lag die Kuh noch auf der Seite. Das schnelle Ende einer kurzen, gemeinsamen Zeit. Anstelle einer warmen Kuhzunge gab es für das Kalb eine Schnellabrubbelung mit rauem Stroh von Menschenhand.

„Wenn unser Klopapier mal ausgeht, weißt du was zu tun is´“, sprach BG, wobei er die schleimübersäten Halme auf einen Haufen alten Grases schmiss. „Hast du ´ne Ahnung, wie wir ´s Geschlecht vom Kalb bestimm´?“, fragte er mich.

„Nein“, gestand ich.

„Du greifst zwisch´n die Beine, un´ wenn du was in der Hand hälst, is´ es ´n Junge. So, wie der hier.“

Dann verließ er uns, die zwei Neulinge. 

Unschlüssig wartete ich. Immerhin gab es tausend Details zu entdecken. Das fanden auch die Kühe, denn sie ließen mich absolut nicht aus den Augen.

Ein Dröhnen riss mich aus meinen Beobachtungen. Über mir ratterte eine langgezogene Schiene, als würde jeden Moment ein Zug heranrollen. BG war bereits zum nächsten Programmpunkt übergesprungen. Er trug einen Melkeimer in der Hand und schob vier Maschinen vorwärts, die in der Schiene geführt wurden.

„Ich kümmer´ mich jetzt um die Mutterkuh. Du kannst dem Kalb dann ihre Milch geb´n“, erklärte er.

„Okay…“

Ich wusste nicht recht, ob dies nun gute oder schlechte Nachrichten waren. Ich folgte meinem wortkargen Chef in der Hoffnung auf eine machbare Aufgabe.

Auf norwegisch befahl BG offensichtlich der Mutterkuh aufzustehen. Unglaublicherweise erhob sie sich, so kurze Zeit nach dem Gebären. BG schloss die Melkmaschine an und schon nach wenigen Minuten hielt er einen Eimer mit gelblicher Milch vor sich.

Wir schritten wieder zur Kälberbox.

„Geh rein!“ BG zeigte neben das Kalb.

Übervorsichtig hockte ich mich neben das Baby. Die kleinen Proportionen in meinen Händen fühlten sich drollig an. Doch statt zu saugen, versuchte das Kalb plötzlich aufzustehen und brachte mich aus dem Gleichgewicht, sodass ich im schleimigen Halmhaufen vor der Box landete.

„Shit!“                                                                                                                                                                

Ich erhob mich und versuchte, das halb heraus hängende Kalb wieder in die Box zu schieben. Ich fühlte mich keine sechs Jahre alt.

„Jaja, ganz schön agil, die Klein´…“

Amüsiert musterte BG meine eingesaute Kleidung. Er nahm den Milcheimer auf, fixierte das Kalb und drückte ihm unwirsch das zitzenförmige Mundstück ins Maul.

„So geht´s.“

BG gab mir eine zweite Chance.

Ich übernahm und beschäftigte mich so lange mit der Aufgabe, dass mein Gastvater die restlichen Arbeiten allein abschloss.

„Fertig. Jetzt muss ich noch an uns´rer Garage weiterarbeit´n“, beendete BG die Schicht.

„Ja. Ach, BG, ich glaube, ich bräuchte noch ein paar Anzünder für das Holz.“

„Bring `n Eimer zur Garage, dort füll´ ich auf.“

„Okay.“

Überrollt von all den Eindrücken, verließ ich den Stall. Die plötzliche Kaltluft ließ meinen Atem stocken. Minus 15 Grad zeigte das Außenthermometer an. Schleunigst zog ich mir die Kapuze zu und schritt zur Hütte. Im Inneren fand ich das gewünschte Behältnis für BG.

,Der ist aber nass innen…Wasser wird das wohl nicht sein…‘

Erwartungsvoll lief ich zur Garage, wo BG gedankenversunken vor einem Geräteberg verweilte.

„Hier, BG, der Eimer.“

„Ja.“

Mein Chef tauschte das Stück gegen einen zweiten mit Sägespänen, die er darauf mit Traktordiesel ersäufte. Das war die Flüssigkeit.

„Hier, sei sparsam damit!“

„Danke.“

Ich nahm fassungslos den gefüllten Eimer entgegen.

,Wenn der Rest genauso gewissenhaft verläuft, dann gute Nacht‘,dachte ich auf dem Rückweg. Meine Befürchtungen bestätigten sich, als ich einige Holzscheite in meiner Hütte befühlte.

,Pissnass. Klar, wie soll man die auch ohne Diesel anzünden?  Eieiei…‘

Tilvenning - Eingewöhnung

„Willkommen in unserem klein´ Museum.“

Malin begrüßte mich am Abend in der Bauernstube, die nach Holz und Tierfellen roch. BGs handwerkliches Talent spiegelte sich in zahlreichen verschnörkelten Schränken wieder, auf denen rot-grüne Farben dominierten. Im kulturellen Zentrum thronte ein galaktischer Flachbildschirm auf einem ächzenden Minischränkchen, strategisch platziert vor einem Liegesessel - unzweifelhaft Malins Platz.

Ich begnügte mich mit dem Sofa, das ich mir mit den eingerollten Katzen teilte, die wie auf Kommando zu schnurren begannen. Meine therapeutischen Hände krallten sich ins weiche Fell, bis Minni vor Vergnügen auf dem Rücken lag.

Ein Rumsen aus der Küche zerstörte die Idylle. Schneebedeckt fetzten die Border Collies durch die Stube und bellten mich in Grund und Boden. Nach der Attacke legten sich die Köter befriedet nieder, ohne die Katzen aus den Augen zu lassen. Fragil schien der Waffenstillstand zwischen ihnen.

„Ess´n!“

Bewaffnet mit Eierlikör, Kaffee und Waffeln, schleppte Malin alles Nötige für einen perfekten Abend in die Stube. Selbst ihr daueraktiver Mann schien den Braten gerochen zu haben, als er just in dem Moment zur Tür herein kam. Wieder sprangen die Hunde aufgeregt hoch. BG begegnete ihnen mit harschen Befehlen. Er zog sich einen Sessel heran, um gegenüber des okkupierten Sofas Platz zu nehmen.

„Ben, weißt du schon, wie wir das neue Kalb genannt hab´n?“, fragte Malin.

„Nein.“

„Ben! Getauft nach dir, du hast heute auch ´n neues Kapitel in   dei´m Leb´n begonn´.“

„Wie cool! Danke!“

„Kein Problem. Übrig´ns kam im Wetterbericht, dass man heute Nordlichter sehen könnte, also theoretisch.“

Malin schob bei letzteren Worten ihre Brille in die Haare.

„Und praktisch?“ Ich erahnte das Aber.

„Nun ja, es is´ bewölkt, wie immer, wenn sie Nordlichter ankünd´n. Ich glaub, eher würde mir Jo Nesbø noch ´nen Heiratsantrag mach´n, als dass ich hier was Grünes am Himmel leucht´n seh´. Unser Nachbar Eindahl meint zwar, er hätte schon öfters welche geseh´n, aber der säuft zuviel Selbstgebrannt´n. Da kannst´ nichts drauf geb´n.“

BG murmelte dazu etwas auf Norwegisch. In Gegenwart seiner Frau sprach er kein Englisch, das Risiko unnötiger Vokabularverbesserungen seitens seiner Frau bewirkte regelrechte Sprechblockaden. Erst mit dem Schließen der Haustür öffnete sich später immer wundersam sein Mund.

Malin zeigte anstelle einer Übersetzung auf eines der aufgehängten Bilder, auf dem zwei hübsche Jugendliche strahlten.

„Das sind meine Kinder, Ole Gustavson und Smilla. Sie könnt´n kaum verschied´ner sein. Smilla lebt hier wie du weißt und Ole Gustavson gefällt´s als Journalist mit groß´m sozial´n Umfeld in Oslo am best´n.“

BG grunzte zu der letzten Bemerkung seiner Frau. Glasklar, wer später einmal nicht den Hof weiterführen würde. Als Malin erneut in der Küche verschwand, wandte ich mich an ihn.

„Hast du eigentlich Kinder, BG?“

„Keine Ahnung.“ BG zuckte prustend mit den Schultern.

  „Vielleicht, vielleicht. Meine Ex is´ ja einfach abgehau´n.“

Ebenso überrascht, wie verunsichert, lachte ich auf. Malin rettete die unangenehme Situation mit ihrer Rückkehr. Sie plauschte sogleichausgiebig vom Leben auf dem Hof, sprach vom Bullen, der beim Fluchtversuch mit den Eiern am Zaun hängen geblieben war; von der ukrainischen Gastarbeiterin, die im Milchtank gebadet hatte; von der Tochter, die mit dem Pony mitten durchs Haus geritten                                                           war; vom Nachbarbauern, der nackt in Gummistiefeln arbeitete und weiteren Höhepunkten des Landlebens.

Ich lauschte den verrückten Storys, umgeben von den schlafenden Katzen. Unwiderruflich fesselte mich das Zusammenleben mit fremden Tieren und Menschen von diesem Moment an. Zum Tagesabschluss raffte sich BG zu ein paar norwegischen Melodien auf. Verzückt gab er sich dazu seinem Akkordeon hin,das ordentlich in der Stube widerhallte.

Stolz schaute Malin zu ihrem Multitalent.

„Aww! Er kann so gut spiel´n. Im Sommer is´ er oft mit seiner Band unterwegs. Ganz deine Musik, nich´, Ben?“

„Naja, fast.“

Müde erhob ich mich. Im Stand sah ich wie eine wandelnde Filzdecke aus, denn die Katzen haarten sich offensichtlich stark. BG feixte sich den Mund breit, während Malin ein erstes Foto von mir schoss.  

„Haha, Facebook!“

Als ich am nächsten Morgen ins Freie trat, lag Vinstra noch unter tiefen Wolken im Schlaf. Kein Laut drang darunter hervor, bis tuckernde Traktoren der umliegenden Farmen den anbrechenden Tag begrüßten.

BG erschien gähnend am Stall.

„Morgen, BG.“

„Morg´n. Brrr! Schnell rein ins Warme!“

Wir huschten ins Innere. Augenblicklich erwachte der Stall. Aus allen Ecken begann es zu muhen und zu blöken. BG besänftigte sie mit Kraftfutter, das er mit einer Schubkarre ausfuhr.

„Ich zeig´ dir gleich paar uns´rer Problemküh´. Komm!“, wandte er sich danach an mich.

Hinter einer schwarzen Kuh blieben wir stehen. Sein Rezept im Umgang mit ihr war denkbar einfach.

„´Ne Kuh is´ wie ´ne Frau: du musst zärtlich mit ihr sein. Sei vorsichtig mit Irma, sie is´ launisch, aber gibt die meiste Milch. Wir geb´n nich´ jede Zicke gleich zum Schlachter.“

„Find´ ich gut.“

„Schau! Die weiße Kuh hier hat dick´re Zitzen als die schwarze daneb´n. Du wirst sie aus´nander halt´n könn´.“

„Ha! Na klar!“

„Dann lass uns melk´n!“

Ich gehorchte. Aufgeregt hospitierte ich beim Anlegen, was kinderleicht wirkte. BG demonstrierte die Handhaltung der Melkmaschine, bis er sie nach einigen Kühen in meine Hände drückte.

„Probier´s!“

Ich brach in Schweiß aus. Vergeblich versuchte ich, die baumelnden Schläuche zu kontrollieren, kam dabei aber nicht einmal in die Nähe des Euters. Errötend gab ichdie Maschine zurück.

„Also irgendwie…“

Ohne ein Wort zu sagen, führte BG das Kunststück noch einmal vor.

Ich folgte mit einer imaginären Luftmelkmaschine.

„Hast du mit hart´m Stuhl zu kämpf´n?“, fragte mich BG.

„Ähh, eigentlich nicht…“

„Na dann entspann´ dich´n bissel!“

BGs Ruhebefehl schwappte allmählich auf mich über, der nächste Versuch gelang.

„Wird“, meinte BG messerscharf analysierend. Bis zum Ende des Melkvorgangs verlor er keine überflüssigen Worte. „Die Euter sind unterschiedlich, doch die Abläufe gleich, idiot´nsicher“, sagte er belehrend. „Traust du dir das zu?“

„Okay, ich versuche es.“