Nostalgia Siciliana - Patrizia Di Stefano - E-Book
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Nostalgia Siciliana E-Book

Patrizia Di Stefano

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Beschreibung

Ein Familienroman zwischen Sizilien und Berlin und eine bittersüße Liebeserklärung an den italienischen Süden.

Tita, eine Berliner Grafikerin, erhält einen Anruf aus Sizilien, der sie zurück in die Vergangenheit führt: Ihr Vater Gianni verließ einst den Südosten der Insel, um als einer der ersten Gastarbeiter in Berlin sein Glück zu finden. Er verliebte sich, gründete eine Familie und wurde erfolgreich, indem er die Tiefkühlpizza in Deutschland etablierte. Sein früher Tod trübte Titas Kindheit und ließ Sizilien in ihrer Erinnerung verblassen. Nun, 26 Jahre später, ist auch Titas Onkel verstorben und hinterlässt ihr ein emotionales Erbe – das Landgut Magní, das Erinnerungen an sonnendurchglühte Kindheitssommer weckt ... 

Patrizia Di Stefano erzählt in diesem heiteren und melancholischen Roman vom Leben in der Fremde, von Heimweh und der Schönheit Siziliens.

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Seitenzahl: 476

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Als der junge Sizilianer Gianni Anfang der 60er Jahre nach Deutschland aufbricht, um Arbeit und sein Glück zu suchen, ahnt er nicht, wie hart das Leben in der Fremde sein kann. Trotzdem gelingt es ihm, in Berlin erfolgreich zu werden und eine Familie zu gründen. Die Sehnsucht nach dem Südosten Siziliens lässt ihn nicht los, und in jedem Sommer fährt er mit seiner Familie zurück in seine Heimat. Sein früher Tod ist ein Schock für seine Frau und die beiden Kinder, und so rückt auch für die kleine Tita, seine Tochter, das geliebte Sizilien immer weiter weg.

26 Jahre später, nach dem Tod eines ihrer Onkel, erreicht Tita ein Anruf aus Sizilien: Das Landgut der Familie, auf dem der Onkel gewohnt hat, soll verkauft werden.

Sie kehrt nach Sizilien zurück, um das Haus zu retten, und findet nicht nur das längst vergessene Echo ihrer Kindheit, sondern auch neue Freunde und die Liebe zu einem magischen Ort, der Heimat sein könnte. 

Patrizia schreibt mit diesem atmosphärisch dichten Roman eine Liebeserklärung an ihren Vater, der in Deutschland die Tiefkühlpizza erfand, der Zeit seines Lebens Heimweh hatte und sich nach Sizilien sehnte.

Über Patrizia Di Stefano

Patrizia Di Stefano, 1966 in Berlin geboren, hat als Grafikerin ihre Liebe zu Büchern zum Beruf gemacht. Ihre Buchcover sind mehrfach preisgekrönt. Die Sehnsucht nach Sizilien – der Heimat ihres Vaters – hat sie nie ganz losgelassen. Sie lebt mit ihrem Mann, ihren drei Söhnen und drei Windhunden in Berlin Schlachtensee. »Nostalgia Siciliana« ist ihr erster Roman.

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Patrizia Di Stefano

Nostalgia Siciliana

Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Motto

Tita — Freitag, 03. September 2004, Berlin

Tita — Dienstag, 07. September 2004, Berlin

Tita — Februar 1978, Berlin

Tita — Dienstag, 7. September 2004, Ragusa

Gianni — Juli 1973, Autostrada del Sole

Tita — Juli 1973, Sicilia

Tita — Juli 1973, Magnì

Tita — Dienstag, 07. September 2004, Ragusa

Gianni — März 1949, Magnì

Tita — Dienstag, 07. September 2004, Ragusa

Gianni — September 1953, Magnì

Gianni — September 1955, Siracusa

Tita — Mittwoch, 08. September 2004, Ragusa

Gianni — August 1960, Magnì

Gianni — August 1960, Marina di Ragusa

Gianni — Januar 1961, Marina di Ragusa

Tita — Mittwoch, 08. September 2004, Ragusa

Gianni — Januar 1961, Köln

Gianni — Dezember 1962, Berlin

Tita — Mittwoch, 08. September 2004, Ragusa

Gianni — Februar 1963, Berlin

Gianni — März 1963, Berlin

Gianni — Mai 1963, Berlin

Tita — Mittwoch, 08. September 2004, Ragusa

Gianni — Juni 1964, Berlin

Gianni — August 1964, Garmisch-Partenkirchen

Gianni — August 1964, L’Aquila

Gianni — August 1964, Magnì

Tita — Donnerstag, 09. September 2004, Ragusa

Gianni — Mai 1966, Berlin

Gianni — November 1970, Berlin

Tita — August 1971, Magnì

Tita — Freitag, 10. September 2004, Ragusa

Gianni — April 1972, Bielefeld

Gianni — November 1972, Berlin

Tita — Freitag, 10. September 2004, Ragusa

Gianni — Januar 1976, Berlin

Tita — August 1976, Santa Croce Camerina

Tita — Samstag, 11. September 2004, Ragusa

Gianni — September 1976, Berlin

Tita — November 1976, Berlin

Gianni — Dezember 1977, Berlin

Gianni — Januar 1978, Berlin

Tita — Februar 1978, Berlin

Tita — Sonntag, 12. September 2004, Ragusa

Epilog

Tita — März 2024, Magnì

Grazie a voi

Impressum

Wer von diesem Roman begeistert ist, liest auch ...

Für meinen Vater Giovanni Di Stefano

»Weißt du, was unser Leben ist? Deins und meins? Ein Traum, geträumt in Sizilien. Vielleicht sind wir immer noch dort und träumen.«

Leonardo Sciascia (1921–1989)

Tita

Freitag, 03. September 2004, Berlin

Als das Telefon klingelte, war Tita gerade damit beschäftigt, Manuskripte zu sortieren. Die erledigten nach rechts, die unerledigten nach links. Der linke Stapel war mit zwölf Manuskripten deutlich höher als der rechte mit nur acht.

Tita sah auf die Uhr. Es war kurz nach vier. Zwölf Romane warteten auf ein Cover. Zwölf Autoren und Autorinnen fieberten dem Erscheinungstermin entgegen. Und zwölf Lektoren in vier Verlagshäusern warteten darauf, einen ersten Blick auf die Layouts zu werfen.

Ein beigefügtes Blatt enthielt eine kurze Inhaltsangabe, Informationen über den Autor, die Definition der Zielgruppe und eilig notierte Gestaltungswünsche von Autor und Lektor.

Auf dem Vordruck fanden sich darüber hinaus einige Balken mit Gegensatzpaaren, auf denen von Lektorat und Marketing die Tendenz markiert werden sollte. Innovativ – konventionell. Kein Eintrag. Jung – alt. Kein Eintrag. Warm – kalt. Kein Eintrag. Tita blätterte im Schnelldurchlauf durch die Manuskripte und seufzte. Nirgends auf den Vordrucken ein Eintrag. Das bedeutete, dass sich niemand festlegen wollte, was die Positionierung des Titels betraf, was wiederum bedeutete, dass sie im Blindflug würde gestalten müssen.

Trotz alledem – Tita liebte ihren Job. Papà hatte immer gewollt, dass sie Lehrerin wurde. Sie selbst hatte immer Bücher schreiben wollen. Figuren erschaffen, die man wie ein Magier durch fremde Welten schicken konnte und die Dinge erleben würden, die nur Tita für sie bestimmte.

Wenn sie anfing zu schreiben, machten sie sich selbstständig. Sie entwickelten ein Eigenleben, das sie nicht mehr bestimmen konnte, und am Ende blieb immer ein konzeptloses Nebeneinander von Personen und Geschichten. Als das mit dem Schreiben nichts geworden war, hatte sie Grafikdesign studiert. Und schließlich hatte sie eine Nische gefunden, in der sie das eine mit dem anderen verbinden konnte: das Gestalten von Buchcovern. Den Geschichten der anderen ein Gesicht geben.

Sie schob den Stapel wieder zusammen und beförderte ihn ans äußere Ende der Tischplatte, bevor sie den Hörer abnahm. Ein ungewöhnliches Klicken und Rauschen ertönte, als käme der Anruf von Übersee.

»Buonasera. Spreche ich mit Signora Tita?«

Der Klang der italienischen Sprache traf sie wie ein Schwall kaltes Wasser an einem heißen Sommertag.

»Ihre Cousinen werden erleichtert sein, dass ich Sie endlich gefunden habe. Dottore Gianluca Mancuso mein Name. Es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ihr Onkel Giuseppe Di Stefano letzten Monat verstorben ist. Ihre Familie hat mich beauftragt, den Nachlass zu verwalten. Ich bitte die Verzögerung zu entschuldigen. Es war nicht ganz einfach, Sie und Ihren Bruder ausfindig zu machen.«

Tita setzte sich kerzengerade hin. Es blieb ein taubes Gefühl, als hätte ihr jemand einen heftigen Schlag aufs Ohr versetzt. Sizilien. Papà. Zio Peppino, Zio Salvatore, Magnì und die Carrubi. Wie lang war das jetzt her? 27 Jahre? Vor 26 Jahren musste sie sich von ihrem Vater verabschieden. Kurz darauf starb Nonna Salvatrice. Davor waren sie jedes Jahr in Magnì gewesen. Elf Sommer lang.

Die langen Autofahrten von Berlin nach Sizilien. Bis zur Fähre nach Messina. Ohne Pausen. Papàs übernächtigte Augen und die Ungeduld, die ihn immer packte, sobald sie die Reise antraten. Daniele und sie saßen hinten auf der Rückbank und vertrieben sich die ewig lange Zeit mit Streitereien. Wenn sie die Augen schloss, sah sie die verwinkelten Gassen von Ragusa Ibla vor sich. Sie roch das Meer in Marina di Ragusa und erinnerte sich an das prickelnde Gefühl des getrockneten Salzes auf der Haut, wenn man darin gebadet hatte, ohne danach zu duschen. Sie sah die Hügel der Monti Iblei vor sich und die weiten Ebenen mit den Carrubi, den jahrhundertealten knorrigen Johannisbrotbäumen mit ihren silbrig verdrehten Stämmen und den ledrigen hellgrünen Blättern. Sie roch die muffigen Wände in der dunklen und kühlen Wohnung von Nonna Salvatrice, die sie mit alten Keksen fütterte. »Mangia, mangia!« Und sie spürte auf einmal wieder die liebevoll stacheligen Küsse der zahnlosen alten Tanten mit ihren knittrigen Wangen.

Als Papà starb, fuhr Mamma nie wieder mit ihnen nach Sizilien. Sie ertrug die Erinnerungen nicht. Und so hatten sowohl Tita als auch ihre Mutter und der kleine Daniele das gesamte Leben vor Papàs Tod aus ihren Gedanken gestrichen. Weil es so besser war, weil man ja irgendwie weitermachen musste und weil sie nicht andauernd weinen wollten. Und weil sie Angst hatten vor der Melancholie Siziliens.

»Signora?«

»Ja, mi scusi. Die Nachricht kommt überraschend.«

Zio Peppino war 63 geworden. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er 36 und sie zwölf. Bei Papàs Beerdigung.

Sie spürte die Panik in sich aufsteigen. Es war die altbekannte Angst vor der Traurigkeit. Sie hatte Jahrzehnte gebraucht, um zu verdrängen und zu vergessen. Und es reichte ein einziger Anruf, es reichte eigentlich schon ein einziger Satz in dieser melancholisch sizilianischen Melodie, gesprochen von einem fremden Mann am südlichsten Zipfel Europas, um ihr den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Tita

Dienstag, 07. September 2004, Berlin

Titas Bruder Daniele hatte ihr freie Hand bei der Regelung der Erbschaftsangelegenheit gelassen. Er war damals noch zu klein, als dass ihn jetzt die Erinnerung an Zio Peppino oder an Magnì hätte aus der Fassung bringen können.

Der Flug nach Catania ging am nächsten Dienstagvormittag. Der viel zu kühle Berliner August war in einen regnerischen September übergegangen. Die Arbeit, die bis dahin nicht erledigt war, würde eine Woche warten müssen. Tita rief in den Verlagen an.

»Ja. Ein Trauerfall und eine Erbschaftsangelegenheit. Ich brauche eine Woche.«

Sie würde nicht viel mitnehmen müssen. Ein paar Sommerkleider. Leichte Schuhe. Eine Jacke für die kühleren Abende.

Als sie im Taxi auf dem Weg zum Flughafen Tegel saß, regnete es in Strömen. Kaum vorstellbar, dass nur knapp drei Flugstunden entfernt der Sommer in vollem Gange war. Und kaum vorstellbar, dass nur drei Flugstunden entfernt das ganze Leben, all die Orte und Geschichten, die sie so sorgfältig weggeschlossen hatte, die ganze Zeit über existiert hatten. Als wäre all das Schlimme nicht passiert und als wäre sie nie weg gewesen.

Tita

Februar 1978, Berlin

Dass sich ein Zug von vielen Hundert Menschen in solcher Stille vorwärtsbewegen konnte, beschäftigte Tita. Wie ein schwarzer Tausendfüßer kroch die Ansammlung von Trauernden die lange Strecke quer über den Friedhof auf das Grab zu.

Tita versuchte sich auf Nebensächlichkeiten zu konzentrieren, um den eigentlichen Anlass nicht begreifen zu müssen. Der Boden war hart gefroren. Wie, fragte sie sich, konnte man ein mindestens anderthalb mal zweieinhalb Meter großes und zwei Meter tiefes Loch ausheben, wenn die Erde hart gefroren war? Seit Wochen hielt die Kälte in Berlin schon an. Im November und selbst noch zu Weihnachten war es ungewöhnlich mild gewesen. Dann hatte es geschneit, und schließlich, mit Papàs Tod, war das Thermometer auf einmal gnadenlos gefallen und hatte sie und den Rest der Welt mitsamt des grauen Stadtschnees in einer Art Schockfrost verharren lassen.

Papàs Brüder Giorgio, Salvatore und Peppino sowie seine Freunde Sauro, Franco und Nicola, den alle Selvaggio nannten, trugen den Sarg in gemessenen, leicht schwankenden Schritten. Tita gruselte der Anblick. Wegen Selvaggios geringer Körpergröße schaukelte der Sarg trotz des angemessenen Tempos immer wieder so stark, dass zu befürchten stand, dass er umkippte und Papà auf den gefrorenen Boden stürzen würde. Können sich Tote noch blaue Flecken holen?

Tita konzentrierte sich auf ihre schwarzen Lackschuhe, die bereits letztes Jahr zu ihrer Erstkommunion zu klein gewesen waren. Neben ihr hatte Mamma den siebenjährigen Daniele an der Hand. Auf der anderen Seite lief Nonna Salvatrice, gestützt von Salvatores Frau Lina und Giorgios Frau Artua. Die kleine, kompakte Frau trug eine gefasste Miene, wurde aber zwischenzeitlich immer wieder zitternd wie von einer unsichtbaren Böe ergriffen.

Etwas weiter hinten trug die fast geschlossen erschienene italienische Gastarbeiterfraktion Berlins einen etwa zwei Meter hohen Stiefel aus Blumen in den Nationalfarben Italiens. Man hatte weiße und rote Nelken zu Blöcken gesteckt. Mangels grüner Blüten waren weitere weiße Nelken grün eingefärbt worden. Kellner und Köche, Unternehmer und Schauspieler, Anwälte und Arbeitslose, sizilianische Bauern und Berliner Bauunternehmer – alle waren zu Ehren des »Pizzakönigs« gekommen.

»Berlins Pizzakönig ist tot«, hatte die BZ geschrieben. Mit einem Foto von Papà, wie er fröhlich eine Teigscheibe in die Luft wirbelt. Und noch ein kleineres von Papà, wie er vor seiner Fabrik steht und stolz mit der Hand darauf zeigt. Tita konnte sich noch genau erinnern, wann das Foto aufgenommen wurde. Nicht, dass es oft vorkam, dass Papà in der Küche stand und Pizzaböden hochwirbelte. Überhaupt war fürs Kochen zu Hause Mamma zuständig. Aber die Berliner wollten die Geschichte vom kleinen fröhlichen Italiener lesen, der wie alle Italiener singen und kochen konnte und der in ihre Stadt gekommen war, um als Botschafter des guten Geschmacks den Deutschen die italienische Küche nahezubringen.

Anfangs hatte Papà sich noch geweigert. Nein, die italienische Küche bestand nicht nur aus Spaghetti, und in Italien war Pizza ein Arme-Leute-Essen. Das Il Gattopardo sollte ein Ristorante sein und keine einfache Pizzeria. Und doch war es am Ende die Pizza, die …

Tita wurde aus ihren Gedanken gerissen. Der Trauerzug war am Grab angekommen. Mamma, Daniele und sie stellten sich frierend in einer Reihe auf, direkt neben dem klaffenden Loch im Boden. Danach kamen Nonna Salvatrice, gestützt von Peppino, und die beiden anderen Brüder mit ihren Familien.

Die Schlange der Kondolierenden kam nur langsam voran. Jeder wollte ein letztes Mal Zwiesprache mit dem Toten halten. Eine kurze Besinnung. Manche rieben sich die Augen, andere murmelten etwas, was nur für sie selbst und den Verstorbenen bestimmt war.

Schließlich nahm jeder eine Handvoll Erde aus der kleinen Stele neben dem Grab und warf sie in die Senke. Manche hatten weiße Rosen dabei und warfen sie hinab.

Tita merkte, wie ihr Magen rebellierte, jedes Mal wenn das dumpfe Geräusch auf dem hohlen Sargdeckel erklang. Sie fragte sich, ob das Loch für die Erde von all den vielen Trauergästen ausreichen würde oder ob am Ende Papàs Grab von einem Hügel bedeckt sein würde. Höher als die aufgesteckten Kränze, höher als alle Grabsteine und vielleicht auch höher als die Kapelle am Ende des Friedhofs.

Nachdem die Trauernden Papà mit Erde bedeckt hatten, als ob sie sichergehen wollten, dass er von da unten bestimmt auch nicht wieder hochkäme, traten sie zur Familie. Jeder Einzelne.

»Mein Beileid!« Hand von Mamma. »Mein Beileid.« Hand von Tita. »Mein Beileid.« Hand von Daniele. »Mein Beileid!« Hand von Nonna Salvatrice. »Mein Beileid!« Hand von Peppino. »Mein Beileid.« Hand von Salvatore. »Mein Beileid!« Hand von Giorgio.

Eine quälend lange Prozedur. Zum Teil unterbrochen von längeren Umarmungen oder dem Aufschluchzen der Kondolierenden. Am Ende spürte Tita ihre Zehen nicht mehr. Die Lackschuhe waren von der Kälte ganz brüchig geworden.

Mamma legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie war in den letzten Tagen eigenartig durchsichtig geworden. Als hätte sie nach dem Tod von Papà nicht nur an Gewicht, sondern auch an Farbe verloren.

»Komm. Wir müssen zum Leichenschmaus.«

Tita verdrängte das Bild schnell wieder.

Leichenschmaus. Als scharte sich eine Handvoll Krähen um eine überfahrene Katze.

Im Il Gattopardo war bereits alles vorbereitet. Die Tische waren weiß eingedeckt. Zum Zeichen der Trauer hatte Mamma schwarze Banderolen um die weißen Stoffservietten legen lassen.

Die Menükarten waren auf Deutsch und Italienisch geschrieben. Es gab Caponata, dann Saltimbocca und Salat. Zum Dessert Cassata mit kandierten Früchten und Caffè.

Man war durchgefroren und hungrig und sehnte sich nach leichten Gesprächsthemen.

Einige Kellner waren auf der Beerdigung gewesen und zogen sich nun schnell um. Auch die anderen schwarz gekleideten Trauernden verwandelten sich nach und nach wieder in die Personen, die sie vorher gewesen waren. Zunächst erklang nur vereinzelt vorsichtiges Lachen hier und da, das mit der Zeit immer selbstbewusster wurde. Erleichterung über die ausgestandene Zeremonie vielleicht. Das normale Leben schien für alle außer sie selbst und Mamma und Daniele zurückgekehrt zu sein.

Tita hatte das Gefühl, als hätten sie etwas auf dem Friedhof vergessen. Sie stocherte in ihrem Salat. Radicchio. Papà hatte ihn zur Eröffnung des Restaurants extra aus Italien kommen lassen. Radicchio war damals in Deutschland noch unbekannt. Dann beschwerten sich die Gäste. Was der Rotkohl in ihrem Salat zu suchen hätte. Es war nicht leicht anfangs. »Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht«, hatte Mamma damals gesagt. »Sbagliando s’impara«, hatte Papà lachend geantwortet und den Radicchio zunächst von der Karte gestrichen.

Das Il Gattopardo war genauso alt wie sie selbst. Elf Jahre hatte sie wie eine Prinzessin in einem Zauberland gelebt. Die Wohnung über dem Restaurant, der Gastraum mit der Landkarte Siziliens, die beiden Marionetten Orlando und Rinaldo im Schaufenster, die Küche mit der kleinen Durchreiche und der Keller – das alles war ihr Reich, und alle Kellner, Köche und auch die Gäste waren ihre Untertanen. Sie konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Küche gehen und beispielsweise sagen: »Ich möchte jetzt eine Zabaglione mit fünf Eiswaffeln«, dann bekam sie eine Zabaglione mit fünf Eiswaffeln.

Manchmal setzte sie sich auch nur in die Küche, hörte dem seltsam fremd und schön klingenden Italienisch der Tellerwäscher zu und baute dabei kleine Häuser aus Zahnstochern. »La Principessa Pizza« nannten sie Tita in der Küche und lasen ihr jeden Wunsch von den Augen ab.

Der Keller hatte es ihr besonders angetan. Wenn man neben der Restaurantküche die schmale Stiege hinunterkletterte und den Lichtschalter drehte, gingen jeweils mit einem mehrfachen »Pling« die Neonlampen an der Decke an. Die Kellerräume mit den gemauerten Rundbögen schienen Tita wie die Kathedrale in ihrem Königreich. In großen Regalen lagerten hier gigantische Dosen mit Tomaten, Gläser mit schwarzen und grünen Oliven, die köstlichen, sauer eingelegten Peperoni und die wunderschönen, blau-weiß verzierten Vasen mit Amarenakirschen von Fabbri, in denen Mamma zu Hause Blumensträuße arrangierte. Von der Decke hingen Salami und ganze Parmaschinken herunter wie im Schlaraffenland.

Ein weiteres Regal galt ausschließlich großen Paketen von Teigwaren. Lange Spaghetti, dünne Spaghetti, breite Tagliatelle, Orecchiette, Linguine, Pappardelle, Penne, Rigatoni, Farfalle, Malfatti und Lasagneplatten. Ein anderes enthielt große Säcke mit Kaffee, abgepackte Eiswaffeln, Zuckertütchen, Bierdeckel und kleine Papiermanschetten für Gläser. Daneben bot ein weiteres großes Metallregal riesigen Parmesanrädern Platz.

Im hinteren Bereich lagerten in schmiedeeisernen Gestellen Hunderte von angestaubten Weinflaschen mit den schönsten Etiketten. Davor standen bauchige Flaschen mit Korbgeflecht.

Noch etwas weiter hinten gab es zwei große Metalltüren. Tita hatte strengstes Verbot, sie zu öffnen oder gar hindurchzugehen.

Papà hatte sie eines Tages auf den Schoß genommen, ihr ernst in die Augen gesehen und gesagt: »Mai! Niemals! … darfst du da hineingehen, piccola principessa. È pericoloso!«

Mamma formulierte es etwas drastischer: »Wenn du dort hineingehst und die Tür fällt zu, wirst du erfrieren, und niemand hört dich schreien.«

Sie durfte mit Papà manchmal durch die verbotenen Türen gehen. In dem einen Raum lagerten im Halbdunkel Salatköpfe, Auberginen, Artischocken, Zucchini, Karotten, gewundene Stränge von Knoblauch und Chili, Zwiebeln, Eier, große Kartonagen mit Milch und Sahne, Butter, Obst und verschiedene Sorten Fleisch. Hinter der anderen Tür war es frostig kalt. Hier befanden sich Fische, Garnelen, diverse Eissorten, aber auch Cassata und Tartufi sowie ausgehöhlte Zitronen, die statt ihres Fruchtfleischs Zitronensorbet enthielten.

Ein weiterer aufregender Bereich des Kellers war »die Luke«. Die Luke führte von der Terrasse in den vorderen Bereich des Kellers. Normalerweise war er von einer gewaffelten Eisenplatte bedeckt, die mit einem kleinen Schloss verriegelt war. Wenn die großen Lieferwagen mit den Aluminiumfässern vor dem Restaurant hielten, wurden diese zunächst von starken Männern mit Schürzen mittels einer Sackkarre zur Terrasse und anschließend von dort durch die geöffnete Luke in den Keller gerollt. Unten angekommen, wurden die Getränke durch eine Hebeanlage in die Zapfanlage des Tresens gepumpt. Hierfür – und das war Mammas ganzer Stolz – hatte Papà eine Erfindung gemacht, die fürderhin zum Vorbild der Zapfanlagen in der Gastronomie wurde.

»Ehi!«

Tita fuhr aus ihren Erinnerungen hoch. Selvaggio hatte sich zu ihr gesetzt und drückte ihr einen großen Plüschlöwen in den Arm.

»Du bist schon eine junge Dame, aber der hier wird statt deines Papàs auf dich aufpassen.«

Warum er von der italienischen Comunità »Selvaggio«, der Wilde, genannt wurde, entzog sich Titas Kenntnis. Aber er gehörte zu Papàs engsten Freunden. Auch damals, als das Restaurant noch relativ neu war und die Scheiben zweimal in Folge eingeworfen wurden, stand Selvaggio an Papàs Seite, bis die »Probleme« behoben worden waren. Tita hatte diese Problematik allerdings nie ganz verstanden. Man sollte jemanden bezahlen, der dann dafür sorgte, dass weder er selbst noch jemand anders wieder eine Schaufensterscheibe einwarf? Wo war da der Sinn?

»Dein Papà war ein Poet. Und ein feiner Mann.« Piero hatte sich zu Tita und Selvaggio gesetzt und legte mit einem tiefen Atemzug seinen Arm um Tita. »Als ich nach Berlin gekommen bin und das Restaurant eröffnet habe – Gianni war schon erfolgreich mit dem Il Gattopardo –, hatte ich anfangs große Probleme.« Piero rieb sich in Erinnerung an die schwierige Zeit die Stirn. »Dein Papà wusste, ich würde nie Geld von ihm annehmen. Nicht geschenkt und nicht geliehen. Eine Frage der Ehre. Deswegen kam er jeden Abend zu mir ins Restaurant«, – er räusperte sich sichtlich bewegt und wischte sich über die Augen –, »und bestellte die teuerste Flasche Wein, die wir hatten. Jeden Abend.«

Tita blickte ihn fragend an.

»Die teuerste Flasche!«, betonte Piero noch einmal. »Er wusste, wir Gastronomen verdienen am meisten am Wein!« Und dann etwas leiser: »Er hat sie nie ausgetrunken.«

Und dann fiel Tita auf einmal ein, was sie auf dem Friedhof vergessen hatten. Sie hatten Papà vergessen.

Tita

Dienstag, 7. September 2004, Ragusa

Die feuchte Luft strömte ins Flugzeug, sofort nachdem die Türen geöffnet worden waren.

Als Tita die Stufen der Gangway hinunterstieg, schlug ihr der Duft entgegen. Als wären in den feinen Molekülen, die der leichte Wind über Kilometer vor sich hergetragen hatte, alle Aromen Siziliens gespeichert. Der Geruch von Stroh und Kräutern auf den trockenen Feldern im Süden, von Zitronen und Orangen der Conca d’Oro im Norden und von den Tausenden weiß und leuchtend pinkfarben blühenden Oleanderbüschen entlang der Autobahn. All diese Düfte, die sich mit dem beißenden Geruch nach verbrannten Autoreifen, Abgasen und je nach Standort auch nach Schweineställen, altem Fisch oder Müll zusammenfanden und die unvergleichliche olfaktorische Melodie dieser Insel komponierten.

Genau das war Sizilien, ging es Tita durch den Kopf. Das Hässliche und das Schöne. Immer dicht beisammen. Nirgends nur schön oder nur hässlich. Niemals nur fröhlich, immer auch ein bisschen traurig.

Tita dachte an die Gegensatzpaare der Romane auf ihrem Schreibtisch und vermerkte in Gedanken »Kein Eintrag« dazu.

Der Pullman fraß sich langsam von Catania über die Strada Statale 194 in Richtung Ragusa. Zunächst vorbei an eilig hochgezogenen Wohnblöcken aus den siebziger Jahren, die neben Lager- und Fabrikgebäuden lagen. Danach durch die weiten Zitrusplantagen mit dunkelgrünen Zitronen- und Orangenbäumen, die sich direkt an die Industriegebiete schmiegten. Inmitten dieser Felder lagen die verlassenen Gehöfte. Halb eingefallene Häuser aus hellem Tuffstein, von denen nur die Außenmauern die Zeit überdauert hatten. Dutzende davon waren von der Straße aus zu sehen.

Tita fragte sich, ob das wohl schon Ruinen gewesen waren, als sie vor 26 Jahren das letzte Mal hier war, und was genau die Bauern dazu bewogen haben mochte, ihre Höfe zu verlassen. Die Nähe der Autoschnellstraße? Die Repressalien der Cosa Nostra? Die gnadenlosen Restriktionen der Konsumgenossenschaften, die so viel wirtschaftlicher arbeiten konnten als die kleinen Betriebe und die wie ein hungriges Geschwür nach und nach alle Kleinbauern geschluckt hatten?

Vielleicht war es aber auch, damals wie heute, die Flucht all der jungen Sizilianer, die, wie Papà damals, nicht bereit waren, die harte Feldarbeit ihrer Väter zu übernehmen. Für einen Lohn, der kaum die Familie am Leben halten konnte. Wenn sie überhaupt Arbeit fanden, hier im Süden, wo die Erträge durch die jahrzehntelange Ausbeutung von Menschen und Böden auf ein Minimum zurückgegangen waren. Tita hatte oft zugehört, wenn Papà von Nonno Carmelo, Zio Salvatore und der schweißtreibenden Arbeit auf den Feldern erzählte.

Ende 1955 hatten auf Drängen Ludwig Erhardts der deutsche Bundesarbeitsminister Anton Storch und der italienische Außenminister Gaetano Martino in Rom ein deutsch-italienisches Anwerbeabkommen unterschrieben. Während in Süditalien eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte, konnten im deutschen Wirtschaftswunderland gar nicht genug Arbeiter für Landwirtschaft, Berg- und Straßenbau und später auch für die Automobilindustrie eingestellt werden. In Italien wurden die Bewerber von den italienischen Behörden bereits »vorsortiert«. Nach Ausbildung, Gesundheit und Familienstand wurden sie den entsprechenden Regionen Deutschlands zugeführt: manche nach Köln, manche nach München. Manche kamen auch auf eigene Faust ins gelobte Deutschland. So wie damals Papà.

Der Bus hatte jetzt die Zitrusfelder hinter sich gelassen und schlängelte sich durch die in Stein gehauene asphaltierte Schnellstraße Catania - Ragusa. Tita sah aus dem Fenster, und die Erinnerung kam wie ein ungebetener Gast, der sich nicht abweisen ließ.

Die Erde war ausgedörrt. Die Sonne hatte bereits im Juli jedes frische Grün auf den Böden in ein Ocker verwandelt. Teilweise waren die Felder in Straßennähe während dieser trockenen Zeit durch unachtsam aus dem Auto geworfene Zigaretten oder durch Glasscherben, die das Sonnenlicht bündelten, in Brand geraten und hinterließen eine unwirklich schwarze Ödnis, aus der gespenstisch die verkohlten Stämme der Carrubi emporragten. Je weiter der Bus in den Süden vordrang, desto sanfter und ländlicher wurde die Landschaft. In den Ebenen tauchten Gewächshäuser auf, deren Wände und Dächer mit Plastikfolie verkleidet waren. Darin konnte man bereits im Vorbeifahren dichte Dolden von Tomaten oder Weinstöcke mit vollen Reben erkennen.

Die Schönheit der Landschaft, die Carrubi, das sanfte Ocker der Felder und das müde Silbergrün der in die Sonne gerichteten Olivenbaumblätter konkurrierten mit den Müllbergen am Straßenrand. Plastikflaschen waren vom Wind noch viele Hundert Meter weitergetragen worden. Fetzen von Folie hatten sich wie Lametta über die Oleanderbüsche auf dem Mittelstreifen der Autostrada gelegt. Leere Kanister standen neben Säcken mit Hausmüll, die offensichtlich schon länger dort gelegen hatten und von Vögeln und Nagetieren entdeckt worden waren.

Als der Pullman schließlich mit einem erleichterten Seufzen im Zentrum von Ragusa Superiore hielt, direkt neben der Kathedrale San Giovanni Battista, musste sich Tita erst wieder orientieren. Es war zu lange her. Eine ganze Ewigkeit. Und sie stellte erleichtert fest, dass das hier nicht das frühere Leben war. Auch Sizilien hatte sich verändert, und nicht alles würde sie an ihre Kindheit erinnern und an die Traurigkeit, die diese Erinnerung mit sich brachte.

Mittlerweile war es Mittag. Durch die kleinen steilen Wohnstraßen der Stadt zogen heimelige Gerüche nach Tomatensoße und gebratenen Melanzane. Aus den offenen Fenstern hörte man das Klappern von Tellern, das leise Klirren von Besteck und das ungleichmäßige An- und Abschwellen von Gesprächen. Mittagszeit bei den Familien. Tita dachte einen Augenblick an zu Hause.

Der Termin mit Dottore Mancuso in einem der herrschaftlichen Palazzi hier in den steil ansteigenden und abfallenden Straßen war erst am späten Nachmittag. Sie hatte noch Zeit, nach Marina di Ragusa weiterzufahren und ihr Zimmer zu beziehen.

Marina di Ragusa. Der Ort, in dem immer Sommer war. Die Piazza lag verlassen vor ihr. Einen Augenblick brauchte Tita, um die beiden Folien übereinanderzulegen, die eine aus ihrer Erinnerung und die andere von heute. Es war erstaunlich, wie viel sie noch in ihrem Kopf gespeichert und wie wenig sich in all den Jahren verändert hatte.

Da war zunächst die Piazza selbst. Sie hatte sie deutlich größer in Erinnerung, aber die Anordnung war immer noch dieselbe. Ringsum gab es Läden. Früher war sie mit Nonna Salvatrice hier einkaufen gegangen. An der Zufahrtstraße war ein Fleischer gewesen und direkt daneben der Fischhändler, der seine Ware vom nur hundert Meter entfernten Fischereihafen erhielt. Um die Ecke gab es den Panificio, aus dessen Verkaufsraum bereits morgens um vier der Duft von frischen Backwaren durch die Straßen zog.

Heute waren die Geschäfte andere. Die Kunden waren nun hauptsächlich Touristen. Im Haushaltswarengeschäft von früher gab es jetzt bemalte Keramik aus Caltagirone zu kaufen. Daneben ein Laden für ausgefallene Bademoden und Havaianas. Es gab mindestens zwei Geschäfte mit aufblasbaren Schwimmtieren, Badetüchern, Bällen und Sonnencremes. Außerdem die Filiale einer teuren Speiseeiskette sowie einen Stand mit in Plastikboxen eingepackten Obstschnitzen und Spremute. Im ehemaligen Fischgeschäft befand sich ein modernes Café, das mit einem Plakat für den DJ warb, der ab 17 Uhr, begleitend zum Aperitivo, auflegen würde.

Dann waren da rings um die Piazza die alten Bäume, die Schatten spendeten. Darunter standen die Bänke mit den Alten. Die Alten hatten schon in Titas Kindheit so auf diesen Bänken gesessen. Mit ihren Coppole – den sizilianischen Schiebermützen – und den ausgebeulten Hosen, manche mit Stöcken, andere mit der Tageszeitung auf dem Schoß. Sie unterhielten sich und sahen den anderen Alten zu, die in der Mitte der Piazza Boccia spielten. Verwundert stellte Tita fest, dass sie immer davon ausgegangen war, dass die Alten stets dieselben waren. Mittlerweile mussten jedoch einige Generationen von Alten gekommen und gegangen sein, ohne dass sich irgendetwas geändert hatte bis auf die Jahreszahlen der Tageszeitungen.

Am Kopf der Piazza gab es noch die alte Gelateria, die schon immer ein Familienbetrieb gewesen war. Tita konnte sich an die Mülleimer in Form von Eistüten rechts und links des Eingangs erinnern, die damals genauso groß gewesen waren wie sie selbst. Als sie eintrat und die kühle, süß duftende Luft einatmete, war sie plötzlich wieder acht Jahre alt und bestellte an der Hand ihres Vaters eine Granita.

»Dai, puoi ordinare in italiano!« Papà stupste sie an die Wange. Tita erinnerte sich an die Scheu, die sie immer hatte, die fremden Wörter zu benutzen. Papà sprach in Deutschland nur deutsch. Er wollte deutscher sein als die Deutschen. Italienisch sprach er nur, wenn er in seiner Heimat war oder wenn er mit anderen Italienern redete. Im Deutschen hatte er diesen liebevollen italienischen Akzent, den alle Italiener hatten.

»Gute Nackt, tesoro mio!«, sagte er, wenn er Tita ins Bett brachte. Oder »Bist du noch appetitlick?«, wenn er wissen wollte, ob man noch hungrig sei.

»Una granita al limone e un caffè, per favore.«

»Certo, cara.« Die Dame hinter dem hölzernen Jugendstiltresen mochte Anfang sechzig sein. Ob sie Papà noch gekannt hatte? Sie waren bestimmt zusammen aufgewachsen. Hier hatte früher jeder jeden gekannt. Der Sommer hatte alljährlich die Jugend in einer Art Festivalstimmung vereint.

Die Signora zapfte mit geübten Griffen die Granita aus dem Glasbecken mit den Rührstäben. Früher hatte man sich zwischen Granita al Limone, Granita alla Mandorla oder Granita di Caffè entscheiden können. Heute waren, wie Tita feststellte, weitere exotische Mischungen dazugekommen, wahrscheinlich, um auch den Geschmack der Touristen zu treffen. Es gab leuchtend blaue Granita ai Mirtilli – Schlumpfgranita, dachte Tita –, orangefarbene Mandarinengranita und gritzegrüne Granita alla Menta. In der Vitrine die Eissorten mit den vertrauten Namen. Nocciola. Gianduia. Pistacchio. Fior di Latte. Fragola. Limone. Frutti di Bosco. Daneben die Waffeln und – Tita hatte es bereits am Flughafen gesehen, das kannte sie nicht von früher – Brioche, die aufgeschnitten und mit Eis gefüllt wurden.

Wenn man sich umdrehte, stand direkt neben dem Eingang eine mannshohe Kühltruhe, durch deren Glastür man Eistorten in unterschiedlichen Größen und Geschmacksrichtungen bewundern konnte. Außerdem befanden sich darin mehrere mit Seidenpapier ausgelegte Kästchen mit kostbarem Eiskonfekt. Die walnussgroßen Waffeltütchen waren bereits mit verschiedenen Eissorten gefüllt und oben mit einer weißen oder dunklen Schokoladenglasur bestrichen.

Die Signora hatte sich unbemerkt neben sie gestellt. »Tieni!«, sagte sie und reichte Tita den Caffè. Dann öffnete sie die Glastür, nahm eine der Miniwaffeln mit Pistaziengeschmack heraus und reichte sie Tita. »Assaggia!«

Tita stellte gehorsam den Caffè und die Granita ab, nahm die kleine Waffel entgegen und biss die obere Hälfte ab. Sobald die Kälte im Mund etwas nachließ, breitete sich der süße marzipanartige Pistaziengeschmack aus. Er flutete ihre Geschmacksnerven, ihre Nase und im Bruchteil einer Sekunde auch ihre Gedanken und ihre Erinnerung. Pistazien gehörten in ihre Kindheit. Tita merkte, wie sich einen Moment lang alles in ihr gegen die Erinnerungen wehrte. Und wie sie dennoch in die Vergangenheit eintauchte wie jemand, der gegen den Schlaf ankämpft und der sich schließlich doch irgendwann erleichtert in ein weiches Federbett fallen lässt und der Müdigkeit nachgibt.

Auf einmal war Papà wieder da und reichte ihr lachend ein Pistazieneis. »Assaggia!«, sagte er.

Sie hatten einen Ausflug nach Taormina gemacht und standen am Rand der Piazza IX Aprile. Von hier aus hatte man einen fantastischen Blick über das Ionische Meer. Das Wasser unten funkelte türkisfarben, und hinter ihnen schlug die Glocke von San Giuseppe, während Mamma mit Daniele auf dem Arm unter den Sonnenschirmen des Cafés saß.

»La fas-tu-ca. Sie ist das grüne Gold Siziliens!«

Tita räusperte sich. Seit sie in Berlin das Gymnasium besuchte, war sie schlauer als der Rest ihrer Familie. »Es heißt Pis-ta-cchio, Papà! Pistazie!«

Papà lächelte sein typisch geheimnisvolles Giannilächeln. »Der Rest der Welt nennt sie Pistazie. Aber wir auf Sizilien kennen ihr Geheimnis. Und hier heißt sie fastuca. Vom arabischen ›Fastuq‹. Die besten kommen aus Bronte bei Catania. Wenn du sie isst, merkst du, wie sie zunächst ihre Süße entfaltet und erst hinterher einen leicht bitteren Nachgeschmack preisgibt. Sie ist wie Sizilien. Niemals nur süß, auch immer ein bisschen bitter.«

Tita öffnete die Augen und war wieder in der Gelateria. Als sie den leicht bitteren Nachgeschmack auf der Zunge spürte, sagte sie: »Fastuca!«

Die Signora stutzte. »Ma sei di qui? Bist du von hier?«

»Mein Vater kam von hier. Vor vielen, vielen Jahren. Er ist nach Deutschland gegangen. Anfang der sechziger Jahre.« Ihr Italienisch klang hölzern und ungeübt. Wie ein alter Motor, der viele Jahre nicht gestartet wurde.

Die Signora nickte erst wissend, dann stutzte sie und sah Tita an. »Ma come si chiamava il tuo Papà?«

»Giovanni. Giovanni Di Stefano.« Tita hatte sich jetzt wieder der Granita zugewandt.

Die Signora sah aus, als wäre ihr ein Geist erschienen. »Du bist Giannis Tochter!«, erklärte sie Tita, als würde diese das nicht wissen. »O Dio mio. Du bist Giannis Tochter. Du bist die kleine Tita. La sua principessa.« Sie zog sich einen Hocker hinter der Kasse hervor und ließ sich darauf sinken.

Tita sah sie überrascht an.

»Francesca. Meine Freunde nennen mich Franca«, stellte sich die Signora vor, zog einen weiteren Hocker heran, klopfte darauf und bedeutete Tita, sich zu setzen. »Er war meine große Liebe.« Sie lachte verträumt.

Tita sah sie überrascht an. »Wusste er …?«

»Natürlich wusste er davon nichts!« Sie lachte. »Er war älter als ich, und ich habe ihn angehimmelt. Bis er nach seinem Abitur auf einmal nach Siracusa verschwand. Seine Tanten wollten ihn an die Kirche verhökern und hatten ihn ins Priesterseminar geschickt. Diese Biester. Was für eine Verschwendung! Dieser lebenslustige und fröhliche junge Mann zwischen den alten Patres.« Sie bekreuzigte sich.

Tita versuchte, sich ihren Vater im Kloster vorzustellen.

»Jeden Sommer kam er zurück, und wir haben alle zusammen die Ferien hier am Meer verbracht. Eine große ausgelassene Truppe von Ragazzi. Ich glaube nicht, dass er glücklich war mit dem Beruf, den man sich für ihn ausgedacht hatte. Er hat das Leben und die Gesellschaft der Freunde zu sehr geliebt. Er wollte aber auch nie Bauer werden. Ihm lag mehr das Vergeistigte. Geschichten schreiben. Gedichte. Über Hintergründe und Lösungen nachdenken.« Franca lächelte in Gedanken an jene Sommer der späten fünfziger Jahre, als Gianni zu Besuch war und in Marina di Ragusa die Abende am Meer warm und die Tage leicht waren.

»Und dann hieß es auf einmal: ›Gianni ist weg! Fort! Niemand weiß wohin.‹ Später ging das Gerücht um, er sei nach Deutschland gereist, um sein Glück zu machen. Ich war sehr unglücklich. Und ich hoffte immer, er würde zurückkehren eines Tages. Mit dem Arm voller Blumen. Und sagen: ›Francesca, meine Liebe, da bin ich wieder! Das Ausland taugt nichts. Ich will in Sizilien bleiben, und ich will nur dich.‹ Das passierte leider nicht.« Sie seufzte. »So hatte ich es aber erhofft. Enttäuscht von Deutschland, zurück zu den Menschen, die ihn lieben. Kennst du das Lied Gigi l’amoroso? Von Dalida? Als das Lied viele Jahre später herauskam, musste ich an Gianni denken. Gianni, l’amoroso.«

Die Ladentür ging mit einem Klingeln auf, und ein offensichtlich englischsprachiger Herr in kurzen Hosen und mit heller Haut schob sich durch den Eingang.

»Siamo chiusi!«, blaffte Franca. Sie stand vom Hocker auf, drehte demonstrativ das Schild an der Tür um und setzte sich wieder. »Diese Touristen haben vor nichts Respekt! Rotgesichtige Riesen in kurzen Hosen!« Sie schnaubte verächtlich. Tita sah dem Abgewiesenen nach und fragte sich, ob auch sie für eine rotgesichtige Riesin gehalten worden wäre, wenn sie sich nicht durch ein einziges sizilianisches Wort für ein Gespräch qualifiziert hätte.

»Wo waren wir stehen geblieben? Ah ja! Gianni blieb also für drei Jahre verschollen. Als hätte sich der Erdboden aufgetan und ihn verschluckt. Via! Nicht einmal sein Bruder Giorgio konnte ihn finden. Und der war immerhin bei den Carabinieri.« Tita kannte diesen Teil der Geschichte bisher nur von Mamas Seite und hörte gespannt zu.

»Ich hatte in der Zwischenzeit Franco kennengelernt …« Sie zeigte bedeutsam auf die Gelateria. »Na ja, und der Rest ist Geschichte. Nach all dieser langen Zeit stand Gianni dann auf einmal vor mir. Unangekündigt. Einfach so, als wäre er niemals weg gewesen. Nach drei Sommern ohne ein Lebenszeichen. Und er hatte diese junge Deutsche dabei, Carla, deine Mutter. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, sie nicht zu mögen. Aber sie waren so glücklich. Und so verliebt. Und sie machten bella figura!« Bei diesen Worten reckte sie das Kinn leicht nach oben, zog die Augenbrauen hoch und die Mundwinkel weitestgehend nach unten und ließ ihre rechte Hand in Schnabelform mehrfach ums Handgelenk kreisen. »Mamma mia, che bella figura! Von da an kamen sie fast jeden Sommer. Erst allein, dann mit dir zu dritt und schließlich mit dem kleinen Daniele. Bis zu diesem unglückseligen Tag im Februar 1978, als die brutta notizia von seinem Tod eintraf. Ich hatte gerade den Laden aufgeschlossen, als das Telefon klingelte.« Sie horchte einen Moment in sich hinein. »Niente. Danach war der Kontakt zu der Deutschen abgebrochen. Als wäre sie nur seinetwegen hier gewesen. Und als wäre sie erleichtert, uns nicht mehr sehen zu müssen. Wir haben nie wieder etwas von ihr gehört.«

»Aber nein!« Tita musste das klarstellen. »Sie kam nicht mehr, weil es zu sehr wehtat! Und wir waren zu klein. Und später haben wir versucht, nicht mehr daran zu denken. Es war schlimm. Ich vermisse Papà immer noch. Nach 26 Jahren!«

Man konnte Franca ansehen, dass sie die Reaktion nicht nachvollziehen konnte. Sizilien war die Lösung für alles.

»Er hätte nicht weggehen dürfen«, sagte sie sanft. »Einen Carrubo kann man nicht an einen anderen Ort pflanzen. Er braucht die Erde Siziliens, die Sonne und die salzige Luft, die vom Meer über die Ebenen weht. Nur hier im Süden von Sizilien wächst er und bleibt gesund und kräftig. Wenn du ihn umpflanzt, stirbt er. Wie dein Papà.«

Für den ersten Nachmittag waren das mehr Informationen und Erinnerungen, als Tita vertragen konnte.

Sie standen auf, und Franca hielt sie an den Schultern auf Armeslänge vor sich und betrachtete sie, wie man ein Kleidungsstück prüft, das man im Begriff ist zu kaufen.

»Du siehst ihm ähnlich.«

Als Tita das kleine, in die Jahre gekommene Hotel am Lungomare betrat, wirbelte ihr Francas Geschichte zusammen mit ihren eigenen Erinnerungsfetzen durch den Kopf. Sie bezog ihr Zimmer, dessen einziger Schmuck der Blick aus dem Fenster aufs Meer war. Von dort zogen feuchtwarme Schwaden bis zu ihr hinauf.

Hier, an der Südküste Siziliens, war das Klima schon immer ein besonderes. Der Wind, der vom Wasser auf das Land trifft, bringt keine Abkühlung. Es sind Wüstenwinde wie der Scirocco, die die Hitze der Sahara übers Meer bis nach Sizilien tragen. Manchmal mitsamt dem roten Sand der Wüste. Die Herrenhäuser der Großgrundbesitzer und Adligen waren nicht nur aus Angst vor Belagerung nicht direkt an der Küste erbaut worden. Das Klima im Landesinneren, nahe den Hügeln, war frischer, und die Luft war würziger.

Tita legte sich einen Moment hin und hörte zu. Nur einen Moment. Das Rauschen des Meeres und ab und zu ein Motorino, das an der Promenade entlangknatterte. Wie auf- und abschwellender Applaus nach einem Konzert klangen die Wellen. Immer und immer wieder. Sie waren nie weg gewesen. Nur Tita war woanders gewesen.

Als sie wieder aufwachte, war das Leben auf den Straßen zurück. Tita sah zur Uhr. Sie hätte beinahe verschlafen. Der Termin mit Dottore Mancuso war schon in einer Stunde. Sie machte sich frisch, tauschte die Jeans und das Shirt von der Reise gegen ein luftiges Kleid und lief zur Piazza, um von dort ein Taxi zu nehmen.

Die sizilianische Nachmittagshitze lag wie ein feucht gewordenes Federbett auf der Insel. Menschen und Tiere begannen sich nach der Mittagsglut wieder zu bewegen. Auf der Piazza kehrten die Touristen zurück. Autos fuhren wieder. Die Aluminiumrollläden der Geschäfte wurden scheppernd hochgezogen. Am Straßenrand begannen die Zikaden erst vereinzelt, dann in einem großen Chor ein anschwellendes Konzert ohrenbetäubenden Zirpens.

Auch in Ragusa Superiore war das Leben in die Straßen zurückgekehrt. Das Taxi hatte sie im Zentrum abgesetzt, und Tita spazierte an der Kathedrale vorbei über die Piazza San Giovanni, bog in den Corso Italia ein, kreuzte die von blühenden Oleanderbäumen gesäumte Via Roma und erreichte den einstöckigen, ehemals gelben Palazzo mit der Nummer 131.

Das eher kleine Gebäude gehörte im nüchtern und geometrisch konstruierten Ragusa Superiore zu den älteren Häusern. Der klassizistische Stil wirkte fast schlicht, verglichen mit den überbordenden Formen und ausschweifenden Dekoren des sizilianischen Barocks in Ragusa Ibla.

Tita fragte sich, ob dies wirklich das Haus des Notars war, der sie in Berlin angerufen hatte. Ebenerdig schlossen die Türen mit schlichten Bögen ab. Oben waren die sparsam verzierten Fenster mit kleinen schmiedeeisernen Austritten versehen, an deren durchgerosteten Streben man bestenfalls noch einen Blumentopf hätte hängen können. An der Fassade konkurrierten die Stellen von abgebröckeltem Putz mit dem blühenden Schwarzschimmel, der sich von den kleinen Balkongesimsen im ersten Stock weiter nach oben streckte. Die Klimaanlage aus dem späten 20. Jahrhundert und gewundene Stränge von Stromkabeln verliefen direkt neben und über den Eingängen zu der kleinen Bar und der Drogerie im Erdgeschoss.

Tita trat in das kühle und dunkle Treppenhaus. Im Gegensatz zur Fassade war hier bereits einiges zur Restaurierung des Hauses unternommen worden. Der Eingang roch nach feuchtem Putz, der Terrazzoboden schien frisch poliert, und der schmiedeeiserne Treppenlauf war offenbar an einigen maroden Stellen erneuert worden. Im oberen Stockwerk war neben der schweren Tür aus Eichenholz ein hochglanzpoliertes Messingschild mit Klingel angebracht: »Studio legale. Dottore Gianluca Mancuso. Avvocato. Notaio.«

Als die Tür sich öffnete, nahm Tita diesen typisch sizilianischen Geruch wahr. Eine Mischung aus Anis, Leder, Holzpolitur und staubigem Papier. Die Kanzlei war mit antiken Möbeln eingerichtet, schwarz und schwer, zwischen denen der etwa zehn Jahre alte Computer und ein Nadeldrucker wie futuristische Designobjekte herausstachen. Auf dem Schreibtisch türmten sich mehrere Dokumentenhaufen. Davor lag, wie ein frisch gewetztes Messer, ein großer, teuer aussehender Füllfederhalter.

Dottore Mancuso erhob sich, trat hinter seinem Schreibtisch hervor und reichte Tita die Hand. Er musste Anfang vierzig sein und trug – entgegen Titas Erwartungen – keinen Anzug mit Krawatte, sondern ein rosafarbenes Poloshirt, eine sandfarbene Hose und Segelschuhe. Ohne Socken, wie Tita irritiert feststellte.

»Signora Tita! Piacere! Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.« Er ließ sie auf dem riesigen Stuhl gegenüber Platz nehmen und betrachtete sie mit einem warmen, mitfühlenden Blick. »Darf ich Ihnen etwas anbieten? Ein Wasser?«

Tita schüttelte den Kopf. Sie wollte all das schnell hinter sich bringen. »Sind meine Cousinen nicht hier?« Sie sah sich um.

»Ihre Cousinen lassen sich entschuldigen. Es war ihnen nicht möglich, aus Mailand, L’Aquila und Rom anzureisen. Wir haben die Formalitäten bereits vorher mit ihnen geklärt.« Er räusperte sich. »Wie Sie wissen, ist Ihr Onkel Giuseppe Di Stefano, leiblicher Bruder Ihres Vaters Giovanni Di Stefano, im Juli verstorben. Er lebte bis zum Schluss auf dem Landsitz …«, – er blickte kurz auf seine Unterlagen –, »… Magnì. Ihr Großvater hat ihm das Haus noch vor seinem Tod 1972 als alleinigem Besitzer überschrieben.« Er blickte erneut auf seine Unterlagen. »Giuseppe Di Stefano war unverheiratet. In seinem Testament wurde verfügt, dass Sie und Ihr Bruder die Hälfte des Landsitzes erben, die andere Hälfte geht zu gleichen Teilen an die Kinder seiner Halbbrüder Giorgio und Salvatore.« Er blickte hoch, um zu überprüfen, ob sie bis dahin alles verstanden hatte.

Tita nickte.

»Ihre Cousinen haben bereits dem Verkauf des Landsitzes zugestimmt.« Er reichte Tita ein mehrfach unterzeichnetes Dokument und einen Kugelschreiber. »Bitte unterschreiben Sie hier. Der Verkauf wird treuhänderisch von einer Immobilienagentur durchgeführt, die von Ihren Miterben bereits beauftragt wurde. Der Anteil des Erlöses wird Ihnen gleich nach Verkauf überwiesen.«

Tita meinte sich verhört zu haben. »Was genau meinen Sie mit verkaufen?«, fragte sie fassungslos. »Ich will nicht verkaufen. Auf keinen Fall will ich, dass Magnì verkauft wird!« Ohne es zu bemerken, war sie aufgesprungen und hatte ihren Protest lauter artikuliert als gewollt. Sie war selbst überrascht von der Wucht ihres Widerstands.

Dottore Mancuso sah sie ungläubig an. »Hat man Sie denn nicht informiert?«

Tita schüttelte den Kopf. »Ich hätte einem Verkauf nie zugestimmt.« Andererseits fragte sie sich insgeheim, was sie sich eigentlich vorgestellt hatte. Natürlich waren ihre Cousinen nicht interessiert an dem kleinen Stück Land mit dem sicherlich renovierungsbedürftigen Steinhaus. Für die Landwirtschaft war die Nutzfläche viel zu klein, um rentabel zu sein. Darüber hinaus war der Boden, nicht zuletzt durch die Repressalien der Gabellotti, fast überall auf Sizilien gnadenlos ausgebeutet worden. Auch für den Tourismus war der Hof nicht interessant. Das Meer war etwa zwanzig Minuten Autofahrt entfernt. Die Umgebung trocken und karg. Tita war rational genug, um den Wert des Hauses einschätzen zu können. Der Leerstand der anderen Höfe ringsum war zu offensichtlich.

»Ich verkaufe nicht«, wiederholte sie dennoch mehr zu sich selbst als zu Dottore Mancuso. »Für wie viel wird der Hof angeboten?«

Dottore Mancuso räusperte sich. »Ich bin natürlich kein Experte«, – er schaute sie unglücklich an –, »aber ich meine, das Anwesen steht für 30 000 Euro zum Verkauf.«

Tita war fassungslos. 30 000 Euro für das Zuhause ihrer Kindheit und die Heimat ihres Vaters, ihrer Onkel und ihrer Großeltern.

Der Entschluss kam so plötzlich und setzte sich so unwiderruflich in ihr fest, dass sie das Gefühl hatte, er wäre schon immer da gewesen. »Ich werde Magnì kaufen.« Sie würde die 15 000 Euro für ihre Miterben und das restliche Geld für ihren Bruder schon irgendwie aufbringen.

Gianluca Mancuso blickte sie mit einer Mischung aus Überraschung, Nachsicht und Verärgerung an. »Perché?«, fragte er.

»Weil ich Magnì 26 Jahre nicht gesehen habe und weil ich es trotzdem nie vergessen habe. Es ist mein Zuhause.«

Dottore Mancuso nickte, als wäre das eine Erklärung, die ihm einleuchtete, nahm die Autoschlüssel von seinem Schreibtisch und sagte: »Andiamo!«

»Wohin?«, fragte Tita überrascht.

»Sehen wir uns Ihr Zuhause mal an. Es liegt zufällig auf dem Weg zu meinem Zuhause.« Das erste Mal, seit sie die Kanzlei betreten hatte, lächelte er, schob sich dabei die Sonnenbrille auf die Nase und wies ihr den Weg hinaus.

Draußen hatte sich der heiße Tag in einen warmen Spätnachmittag verwandelt. Der Notar fuhr einen Fiat Uno aus den achtziger Jahren. Kein Sammlerobjekt, sondern einfach nur ein altes, staubiges Auto.

»Ich dachte, Italiener wollen vor allem bella figura machen«, sagte Tita und wischte provozierend über die Staubschicht des Armaturenbretts. »Wie kommt es, dass ein Großteil der Luxusautos aus Italien stammt, aber fast alle Italiener … also auch die, die es sich leisten könnten«, – sie warf einen kurzen Blick auf Gianluca Mancuso neben ihr –, »kleine untermotorisierte alte Autos fahren?«

Er lachte. »Nun. Weil es eben genau die kleinen untermotorisierten alten Autos sind, mit denen man am besten durch Siziliens enge Gassen kommt.«

Sie waren mittlerweile von der Strada provinciale auf einen kleinen, von Natursteinmauern gesäumten Feldweg abgebogen, der so schmal und holperig war, dass man bestenfalls im Schritttempo fahren konnte. Rechts und links kratzte dorniges Gestrüpp am Autolack, und die Karosserie schaukelte über die Schlaglöcher, dass Tita fast seekrank wurde.

Signor Mancuso schob die Sonnenbrille etwas nach vorne und schaute Tita über den oberen Rand hinweg an. »Oder möchten Sie hier vielleicht lieber mit einem Lamborghini durchfahren?«

Tita blickte aus dem Fenster. Das alles schien ihr so vertraut und gleichzeitig so unwirklich. Die Carrubi und die Olivenbäume, die gelben Felder, die endlosen Linien der Natursteinmauern, die sich bis an den Horizont zogen und nur ab und zu von kleinen Baumgruppen und Kaktusfeigen gesäumt waren.

»Fichi d’India«, murmelte Tita, und die Erinnerungen kamen auf einmal aus ihren Verstecken wie Schwalben, die aus ihrem Winterquartier zurückkehrten.

Gianni

Juli 1973, Autostrada del Sole

Der weinrote Jaguar XJ6 schluckte Kilometer für Kilometer. Der Mittelstreifen der Autostrada del Sole leuchtete von weißen, rosa- und pinkfarben blühenden Oleanderbüschen. Ab und zu drang durch das geöffnete Fenster eine Mischung von Blütenduft und dem Gestank nach verbranntem Gummi ins Wageninnere.

Gianni sah in den Rückspiegel. Daniele schlief. Tita langweilte sich auf der Rückbank und vertrieb sich die Zeit mit dem Zählen der dreirädrigen Apes, die immer häufiger wurden, je weiter man nach Süden kam. Die kleinen Autos sahen wie Spielzeug aus. Manche waren bis zur Höhe der Fahrerkabine mit Wassermelonen beladen, manche transportierten Möbelstücke, einmal zeigte er Tita sogar eine Ape, auf deren Ladefläche ein Netz etwa zwei Dutzend Hühnerkäfige festhielt.

Die Reise nach Sizilien war für die Kinder eine Tortur, er wusste das. Er dachte an den letzten Sommer. Sie waren in Berlin ins Auto gestiegen, und er war die gesamten 2400 Kilometer gefahren ohne eine nennenswerte Pause.

Als sie diesmal nachts gestartet waren, waren Tita und der kleine Daniele beim sanften Brummen des Motors sofort eingeschlafen. Jetzt, um zwölf Uhr mittags, näherten sie sich Bologna. Im Radio lief nahezu in Dauerschleife Parole von Dalida.

Gianni fühlte sich leicht fiebrig. Je näher sie Sizilien kamen, desto ungeduldiger wurde er, und desto kürzer fielen die eh schon knappen Pausen aus. Es war, als würde das Auto den ganzen Weg an einer unsichtbaren Schnur gezogen. Vorbei an Feldern, Bergen, Raststätten und Fabriken.

Der XJ6 war sein ganzer Stolz. Jetzt, wo die Geschäfte im Il Gattopardo gut liefen und die Eröffnung der neuen Fabrik erfolgreich hinter ihm lag, hatte er sich Il Gattone geleistet – die große Katze. Er wollte bella figura machen in seiner Heimat. Mit seiner schönen Frau Carla, seiner Tochter Tita, seinem Stammhalter Daniele und – als Zeichen, dass er es in Deutschland geschafft hatte – mit dem nagelneuen Jaguar.

Noch letztes Jahr waren sie etwas beengt in seinem betagten Alfa Romeo Giulia nach Magnì gefahren. La Giulia, wie er sie nannte, hatte im Laufe der Jahre ein kapriziöses Eigenleben entwickelt. Dazu gehörten seltsame Motorengeräusche und ein beharrliches Klingeln der Maschine, was ihrer Fahrtüchtigkeit aber keinen Abbruch tat. Darüber hinaus knirschte die Schaltung bei jedem Wechseln der Gänge wie die von Arthrose geplagten Gelenke einer alten Dame. Dennoch hatte la Giulia geduldig ihren Dienst getan, bis man sie gegen Il Gattone austauschte.

Gianni merkte, wie Tita ihn beobachtete, als er sich fahrig eine Atika aus der Schachtel nahm. Er bot Carla eine Zigarette an, die dankend ablehnte, zündete sie am Zigarettenanzünder an und rauchte ebenso hastig, wie er fuhr. Dann drehte er sich halb nach hinten zu Tita um. »Gleich mache wir ein Pause, Amore. A Bologna c’è un Mottagrill.«

Er schnippte die halb aufgerauchte Zigarette aus dem Fahrerfenster. Im gleichen Moment wurde sie mit dem Luftstrom durchs offene hintere Fenster neben Tita ins Wageninnere gesogen.

Tita schrie und sprang aufgeregt auf die andere Seite der Rückbank zu Daniele, der seinerseits zu brüllen begann. Während Gianni sich, »Porca Madonna!« fluchend, nach der nächsten Haltemöglichkeit umsah und Carla hektisch versuchte, den Zigarettenstummel am Filterende zu fassen zu bekommen, brannte die Glut, unbeeindruckt von all dem Aufruhr, einen braungelben Fleck in die fast neue Sitzbank aus rotem Leder.

Etwa fünfzehn Minuten später rollte Il Gattone auf die Raststätte Mottagrill Cantagallo bei Bologna.

Gianni stieg aus und lehnte sich ans Auto. Er betrachtete das imposante Bauwerk, das sich wie eine Brücke über beide Fahrbahnen spannte.

Carla stellte sich neben ihn und legte eine Hand auf seine Schulter. »Möchtest du einen Espresso?«

Gianni nickte, Carla nahm Daniele auf den Arm und Tita an die Hand, und gemeinsam gingen sie zunächst durch das Spalier strategisch aufgestellter Verkaufsregale mit Spielsachen und Süßigkeiten im Erdgeschoss des Restaurants. Daniele streckte die kleine Hand nach einer verlockend metallisch schimmernden Spielzeug-Winchester aus und fing an zu brüllen, als Carla ihn resolut von der Auslage wegdrehte.

»No!«, sagte sie und schaute ihn eindringlich an. »Wir spielen nicht mit Waffen! Niemals!« Das Gebrüll steigerte sich in ein ohrenbetäubendes Crescendo.

Gianni nahm seinen Sohn auf den Arm, zwickte mit Zeige- und Mittelfinger in die kleine Nase und tat überrascht, als zwischen beiden Fingern die Spitze seines Daumens hervorblitzte: »Ehi, Gioia! Schau nur, was ich gemacht habe. Ich habe ein Stuck von dein Nase geklaut.« Er fuchtelte Daniele wie zum Beweis mit seinem gefangenen Daumen vor dem Gesicht herum, ergötzte sich kurz an dessen ungläubig staunendem Gesichtsausdruck und tat dann, als würde er unter einiger Mühe die entwendete Nasenspitze wieder anschrauben. Während Daniele noch überlegte, was davon zu halten war, ließ Gianni ihn in einer ruckartigen Bewegung fallen, um ihn sogleich wenige Zentimeter weiter unten aufzufangen und auf seine Schultern zu setzen. Daniele juchzte, und sowohl die Winchester als auch die verlorene Nase waren im Nu vergessen.

Gianni sah zu Tita hinüber, die genervt mit den Augen rollte. Sie war jetzt in der zweiten Klasse, und bei ihr konnte er mit seinem Trick nicht mehr punkten: Viele Male hatte er sich ihr als großer Zauberer präsentiert und am Ende im Anblick ihrer fassungslosen Bewunderung gebadet. Auf die gleiche Weise, wie er Danieles Nase geklaut hatte, hatte er den Daumen seiner linken Hand verschwinden lassen. »Oplà!«, sagte er dann überrascht und schaute verdutzt auf den Daumenstumpen. Diesen zeigte er dann Tita, und sie hatte bis vor Kurzem nicht verstanden, wie er das machte. Das Oberteil seines Daumens war einfach verschwunden. Weg. Man konnte die beiden Enden des Gelenkknöchels sehen. Sie hatte dann oft darübergestrichen und versucht nachzuvollziehen, wie man ein komplettes Daumenglied am Gelenk abtrennen konnte. Und sie hatte es immer wieder bei ihren eigenen Daumen versucht, bis es schmerzte. Es hatte sie schließlich Jahre gekostet, zu verstehen, dass er an diesem Finger tatsächlich kein Oberglied hatte. Gianni hatte ihr am Ende immer den anderen, kompletten Daumen gezeigt. Er musste in Gedanken daran lächeln.

Sie stiegen gemeinsam die Stufen zum Restaurant hinauf. Der längliche Raum spannte sich tatsächlich über die komplette Breite der Autobahn. Es roch nach Gegrilltem, nach fettigen Teigwaren und nach Kaffee. Carla verschwand mit den Kindern im Waschraum. Gianni sah ihr nachdenklich hinterher …

Zwölf Jahre war es jetzt her, dass er eines frühen Januarmorgens in Ragusa in den Zug gestiegen war. Unternehmungslustig und voller Ideale.

»Geh nach Deutschland!«, hatte ihm im Sommer 1960 das junge deutsche Paar am Strand geraten. »Die suchen ohne Ende Leute!«

Giannis Kommilitone Egidio hatte ihm von seinem Schwager Enzo erzählt, der bereits vor drei Jahren aufgebrochen war. Zunächst nach Verona, wo eine Art Sammellager unter Leitung der italienischen und deutschen Arbeitsämter eingerichtet worden war. Hier wurden die Aspiranten zunächst von Ärzten gründlich untersucht. Wie ein Stück Vieh habe man seinen Schwager vermessen, auf Zähne, Herz und Nieren geprüft und ihm schließlich Arbeitstauglichkeit bescheinigt. Entsprechend seiner Qualifikation sei Enzo dann einer deutschen Firma zugewiesen worden, die seine Bahnfahrt nach Köln zahlte und ihn »wie bestellt« direkt am Bahnhof abholen ließ. Von dort habe man ihn in eine enge Gemeinschaftsunterkunft gebracht, und er habe direkt am nächsten Tag mit der Arbeit begonnen.

Trotz aller misslichen Umstände in Deutschland, so hätte Enzo Egidio versichert, es lohne sich. »Vale la pena.«

Der Stundenlohn variiere je nach Ausbildung zwischen 2,50 und 3,20 DM und liege damit deutlich über dem Durchschnittseinkommen in Italien. Er habe einen Großteil des Geldes nach Italien zu Egidios Schwester und seinen figli geschickt, und dennoch habe er genug zum Leben.

Seit der Geschichte von Egidios Schwager und dem Hinweis des deutschen Paars am Strand war der Gedanke in Gianni gewachsen und hatte sich nicht mehr verdrängen lassen.

Anfangs war es nur eine klitzekleine Idee. Una follia, könnte man sagen. Etwas, was einem in den Sinn kam, wenn man sonntags während einer nicht enden wollenden Litanei seine Gedanken auf eine Reise schickte.

Aber dann war im unwiderstehlich lebensfrohen Sommer 1960 ein Windstoß durch Giannis Leben geweht. Er hatte Sizilien verlassen, seine Familie, seine Liebe, sein Zuhause, und war aufgebrochen in ein neues Leben.

In den ersten Jahren in seiner neuen Heimat hatte er sich unzählige Male gefragt, ob er das Richtige getan hatte. Dalla padella alla brace – vom Regen in die Traufe. Zu Hause wäre er im Schoß der Familie gewesen. Es hätte jeden Tag gutes Essen gegeben, und er hätte den Sommer am Meer verbracht. Wenn er geblieben wäre, hätte er bereits ein Jahr später sein Priesterseminar in Siracusa beendet. Vermutlich wäre er kurz darauf zur großen Freude seiner Tanten dem ältlichen Padre Vincenzo in der Chiesa del Santissimo Salvatore in Ragusa zur Seite gestellt worden, und heute – zwölf Jahre später – hätte er sicherlich bereits seine eigene Gemeinde. Er hätte Zeit für seine Studien gehabt, hätte lesen und ein wenig im Pfarrgarten arbeiten können. Seine Eltern wären stolz auf ihn gewesen, und er hätte nicht Schande über die Familie gebracht.

Aber dann war alles anders gekommen. Er war aufgebrochen, und anstatt in Deutschland zu studieren, war er als Kellner bei der Bahn gelandet und hatte anderthalb Jahre lang tagein, tagaus in einer schwankenden Zelle den Crucchi