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Das ist die Geschichte eines Außerirdischen und was er auf seiner Reise von 1939 bis 2072 gesehen und erlebt hat. Ein normales Erdwesen würde dafür zehn Leben benötigen...., um danach doch nur wieder sein trostloses, langweiliges Leben fortzuführen.
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Seitenzahl: 598
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Einbandgestaltung und Layout: Autor
Bilder und Fotos: Autor und Freundinnen des Autors
Für die Kinder Abrahams
Bleibt so, wie ihr seid!
Denkt immer daran!
Wichtig ist immer nur das, was ihr denkt, fühlt und seht!
Nie das, was man Euch sagen wird.
Und wenn dann diese Welt voller Lügen um Euch zusammenbricht,
werdet Ihr die Einzigen sein, die Recht behalten werden.
So, wie damals Euer Vater, der in vollen Zügen dieses bittersüße Leben genießen konnte.
EINLEITUNG BRIEF NACH KUBA
NOSTRADAMUS AUS OSTBERLIN
EPILOG
SCHLUSS BRIEF NACH KUBA
Liebe Lucia!
Ja, Du hast Recht. Wir hatten eine wunderbare Zeit. Es ist so schwer zu glauben, dass es nun vorbei ist. Warum meldest Du Dich nicht mehr?
Tage der Ohnmacht, des Zornes und der Trauer liegen nun hinter mir.
Was ist los mit Dir? Ich verstehe das alles nicht! Immer wieder lese ich deine letzten Zeilen. Du wirst mich immer lieben. Nie wirst du mich verlassen. Du bist so froh, meine Frau zu werden! Das alles hast du mir noch vor wenigen Tagen geschrieben. Und nun Stille. Eine schmerzhafte Stille mit einer unsagbaren Trauer, die sich nun über unserer Liebe ausgebreitet hat.
Wenn ich doch nur wüsste, was passiert ist?!
Bist Du krank? Bist Du verletzt?
Ich ahne es! Ja, ich weiß es!
Du liebst mich nicht mehr!
Ist da ein anderer?
Ich weiß es nicht und werde es auch nie erfahren!
Zwischen uns liegen viele tausende Kilometer. Zwischen deinem und meinem Leben liegen nun wieder Lichtjahre.
Dort an den Stränden von Cuba wirst Du dein unbeschwertes, schönes Leben weiterführen. Sicherlich hast Du mich schon längst vergessen!
Du wirst Hand in Hand mit einem anderen Ausländer in einem Hotel sitzen und ihm all das auch erzählen, was ich mir von Dir, mit leuchtenden Augen, angehört habe. Er wird Dir verliebt in die Augen sehen, deinen wunderbaren Körper mustern, deine zauberhaften, schwarzen Haare streicheln und dann……Oh ich darf einfach nicht daran denken!
Ich habe Dir das alles tatsächlich geglaubt. Ich habe wirklich gedacht, Du würdest mich, einen alten, einen zwanzig Jahre älteren, Mann lieben können.
Wie dumm kann man nur sein! Wie kann man nur glauben, dass eine junge Frau einen viel älteren Mann lieben kann!? Natürlich liebt Sie nur sein Geld und seine Macht. Was auch immer das ist.
Ich weiß, zehn oder zwanzig Euro sind ein Monatseinkommen in Cuba. Zwanzig Euro haben zwei Getränke an der Bar mit Dir gekostet! Ja, wie töricht von mir, anzunehmen, dass Du mich als Mann gemocht hast.
Vielleicht hätte ich jede andere Frau in diesem Hotel auch haben können?! Lass mir doch einfach diese kruden Gedanken!
Lass mir einfach diesen Traum von einer wunderbaren Liebe an den Stränden von Kuba! Schließlich ist es doch mein Leben!
Letztendlich hatte ich eine wunderbare Zeit! Eine Zeit, die ich so schnell nicht mehr vergessen werde.
Noch immer sehe ich Dich tanzen vor mir. Ich sehe, wie deine unergründlichen dunklen Augen mich ansehen und mir den Verstand rauben. Meine Hände halten dabei deinen so erotischen Körper. Alles, wirklich alles an Dir, lässt einen Mann verrückt werden.
Dann diese Abende, diese Nächte mit Dir! Ich darf einfach nicht mehr daran denken! Es war so wunderschön! Wie nie zuvor in meinem ganzen Leben! Und in diesem verdammten Leben habe ich wirklich viele andere Frauen kennen gelernt! Keine kann ich mit Dir vergleichen! Keine ließ mich, so wie Du, in komplett erfüllter Liebe zum Himmel aufsteigen und dann, so kurz am Wahnsinn, da oben, vor lauter Glück explodieren.
Liebe Lucia, was soll ich jetzt machen hier ohne Dich? Hier in meinem so komplett anderem Leben in Deutschland?
Natürlich ist das alles verrückt! Natürlich führe ich hier nur Selbstgespräche und weder Dich noch Irgendjemand anderes interessiert das alles! Aber es hilft mir irgendwie, mit Dir zu reden.
Obwohl Du längst wieder in einer anderen Welt verschwunden bist.
Aber es gibt doch immer noch eine Hoffnung, einen winzigen Funken Hoffnung! Manchmal reicht ein winziger Funke, um ein riesiges Feuer zu entfachen. Ein Feuer, welches nie mehr zu löschen sein wird!
Liebe Lucia, erinnerst Du Dich an diesen Abend, als ich Dir mein Buch gab? Du schautest mich völlig entgeistert an. Du hast darin geblättert und mich immer wieder gefragt, ob wirklich ich das alles geschrieben habe. Wir machten dann die Musik aus und ich sollte Dir etwas vorlesen. Das war schwierig, denn ich kann nur sehr wenig spanisch und Du verstehst fast gar kein Deutsch! Trotzdem sagtest Du immer wieder, ich solle es tun. „Por favor! Mi amor… por favor!“
So las ich Dir eines meiner Gedichte vor. „Unsere zwei Jahre“.
Zwischendurch blätterte ich im Wörterbuch, erklärte mit Händen und Füßen die Jahreszeiten. Das brauchte ich eigentlich nicht, denn ich glaube, den Sinn hast Du verstanden. Den Sinn von Liebe, Sehnsucht, Trauer, Ohnmacht und …. grenzenloser Angst.
Leise las ich Dir alle Zeilen vor. Diesen Text, den ich damals schrieb, als ich wieder einmal am Ende war. Als ich glaubte, dass die Zeit gekommen war, meine letzten Zeilen zu schreiben.
Ich war damals fünfundzwanzig Jahre alt und wusste immer noch nicht, welchen Sinn dieses so hässliche Leben hat.
Damals drohte ich zu ertrinken in diesem Meer der Trostlosigkeit.
Und obwohl mein Leben damals aus Alkoholexzessen, wilden Partys und nicht wenigen Bettgeschichten bestand, begann diese unbeschreibliche Leere von Tag zu Tag meine Kehle zuzuschnüren.
Jeden Morgen nach diesen wilden durchzechten Nächten wachte ich auf und war wieder so allein. Allein und unverstanden auf meiner kleinen Insel der Träume und Ängste. Würde ich es je schaffen, das rettende Ufer zu erreichen? Oder würden nur meine Träume dort hinfliegen und mein Körper sterben? Ich lebte damals allein auf dieser Insel, wo ich nur glücklich sein konnte mit meinem Freund. Mit diesem Geist, der sich in allen diesen Flaschen um mich herum befand. Ich brauchte nur eine dieser Flaschen öffnen und war schon in meinem Traumland. In diesem Rausch der Sinne, wo mir alles gelang. Wo ich ein völlig anderer Mensch wurde und wo die schönsten Frauen mir Ihre Körper anvertrauten.
Ja, mir begegneten alle diese zauberhaften Wesen. Aber nicht ein einziges dieser anmutigen Mädchen konnte ich festhalten in diesen stürmischen Nächten. Mein Leben war eine Achterbahn. Immer schneller, immer tiefer, immer höher schleuderte mich dieser Flaschengeist. Ich träumte von Liebe, obwohl ich alle diese wunderbaren Mädchen immer wieder von mir stieß, um schon am nächsten Abend das Spiel von Neuem beginnen zu lassen.
Und immer am Tage, wenn der Alkohol seine Wirkung verlor, fühlte ich mich so unendlich traurig.
Ja, liebe Lucia, das war die Zeit, als ich dieses Gedicht geschrieben habe.
Ich weiß, dass dies alles nicht gut ist für mich. Schon deshalb hatte ich schon Jahre nicht mehr an diese Zeit gedacht. Schon einige Jahre überhaupt nicht mehr in Erwägung gezogen, wieder einmal etwas zu schreiben. Schon etwa drei Jahre lang hatte ich keines meiner Bücher mehr angerührt. Und es war vielleicht auch gut so.
Es war vorbei! Es ist erledigt! Alles hatte ich ohnehin nur für mich geschrieben. Nur für mich! Und nur ich selbst verstand diese Texte, diese Poesie! Es war damals sehr wichtig für mich! Es half mir über viele Jahre der Leere. Es war einfach meine Brücke zu einem fiktiven Leben, welches mir eben nicht beschieden war. Nur meine Träume schafften es dahin. Nur meine Träume von einer Liebe, die es wohl nie geben wird.
Eine Liebe zwischen zwei Menschen, die sich verstehen und sich nie mehr verlassen werden.
Nie ist mir so etwas gelungen, obwohl es doch so einfach erscheint.
Draußen rauschte das Meer. Da in diesem winzigen Zimmer war es dunkel und nur über uns diese kleine Lampe erleuchtete die Seiten des Buches. Als ich fertig war, hatte ich wieder Tränen in den Augen. Ich schämte mich so dafür! Du nahmst meine Hand und dein zartes, wundervolles Gesicht fühlte ich ganz nah. Und dann, mit diesem innigen Kuss rannen uns beiden die Tränen die Wangen herunter. Deine und meine Tränen! Eng umschlungen hast Du dann laut an meinem Hals geschluchzt!
Mein Gott, das war doch so echt! Das war doch wahre Liebe, oder?
Lucia, gibt es vielleicht doch noch eine Chance für uns beide?
Viele Wochen haben wir uns nun nicht mehr gesehen. Viele Wochen ist nun dieser fantastische Urlaub schon her. Ich habe wieder viel zu viel zu tun. Ich komme wieder nicht zur Besinnung, zum Nachdenken. Es ist also wie immer. Das Leben wird so weitergehen, so zu Ende gehen und wir werden noch im Sterben tatsächlich denken, das alles irgendeinen Sinn gehabt haben soll.
Natürlich hat auch mein Schreiben keinen Sinn. Aber ich denke wenigstens mehr Sinn als dieser verrückte, nach Geld hechelnde Alltag!
Und vielleicht besteht auch der Sinn nur darin, den Sinn zu hinterfragen?
Und wenigstens dies ist mir ab und zu gelungen!
Liebe Lucia. Ich weiß nicht, wo jetzt dieses Buch liegt. Vielleicht irgendwo dort bei deiner Mutter zu Hause. Vielleicht sogar im Regal da in der Küche, wo immer der Reis stand? Das wäre schön!
Du hast gesagt, Du würdest Dir das Buch übersetzen lassen. Einer deiner Bekannten könnte gut Deutsch und würde es für Dich machen.
Hast Du es getan? Natürlich wäre es überhaupt kein Problem, wenn es weiter da in der Küche ungelesen die Jahre überdauern würde.
Bei mir stehen viel mehr Bücher von mir herum. Und nie ein Mensch wird je meine Geschichten und Gedichte lesen!
Aber lass mir doch wenigstens diesen Traum! Lass mir diesen Traum, zu glauben, Du würdest dieses Buch übersetzen und dann und wann etwas lesen davon. Und vielleicht erinnerst Du dich wenigstens dann einmal an unsere so wunderschöne, gemeinsame Zeit in Cuba.
Ach, ich glaube es einfach!
Und jetzt höre ich wieder deine flüsternde, zarte Stimme, die mich fragt, warum ich all das einmal zu Papier gebracht habe.
Und ich liege wieder da mit Tränen in den Augen neben Dir und erzähle Dir etwas von mir.
Muchas historias nunca fueron escritas!
Viele Geschichten sind nie geschrieben worden!
Ich war schon immer ein Außenseiter, ich war schon immer anders als all die anderen! Verstehst Du?
Ich war so schon verrückt genug! Das wird Dir jeder sagen können!
Pedro hat es Dir auch erzählt. Bernard ist nicht von dieser Welt! Er hat es Dir gesagt! Du weißt? Ich bin loco hat er immer überall heraus posaunt!
Warum wusste er nicht! Warum weiß keiner! Außer ich selbst!
Heute sage ich es Dir! Und Du versprichst, mich nicht zu verraten?
Es gibt Dinge in meinem Leben, die ich selbst nicht verstehe.
Aber ich glaube, genau diese Dinge haben mein Leben bestimmt.
Diese Dinge, diese unbestimmbaren Erscheinungen, Hoffnungen, Voraussagen, ja überirdischen Zusammenhänge haben mein ganzes Leben gesteuert. Haben dazu geführt, dass es immer einen Weg gab aus tiefster Finsternis. Das immer ein Weg voraus bestimmt war für mich und für meine eigene Welt, in der ich lebe. In dieser Welt, wo alles um mich herum nur Theater und potemkinsche Dörfer waren. Alle Menschen, denen ich begegnet bin, hatten offensichtlich in meinem Leben nur diesen einen Sinn. In meinem Theater eine Rolle zu spielen.
Deshalb sind diese vielen Geschichten, diese wahren Begebenheiten noch in meinem Kopf. Ja, und darum sind viele dieser Ereignisse von mir nie zu Papier gebracht worden. Weil ich für alle eigentlich schon loco, verrückt genug war und bin.
Und trotzdem, oder gerade deshalb muss ich Dir nun doch noch eine letzte Geschichte erzählen. Weil es wohl auch deine Bestimmung war, mir zu begegnen.
Mir wieder zu begegnen!
Ich schwöre Dir! Alles ist wahr! Alles hat sich tatsächlich so zugetragen!
ER hatte damals von einer Kubanerin gesprochen! Warum? Warum hat er sich an IHN erinnert?
Bernard war wieder unten am See. Allein, wie immer. Er stand auf dem Steg. Es war Nacht und oben leuchteten die Sterne. Ein Stern blinkte. Oder blinzelte er ihm zu? Plötzlich durchfuhr ihn ein heftiger Schreck. Er musste sich setzen. Es war zu viel für ihn!
Es war wieder Oktober und er saß da auf dem nassen Gras und spürte weder Kälte noch Nässe.
Alles war wieder wie damals.
Kalt war ihm. Eine ungemütliche, kalte Nacht im Oktober. Irgendwo in Dresden saß ein Junge verloren in einer verfallenen Bushaltestelle. Draußen schneite es schon etwas. Es war so eine Mischung aus Regen und Schnee. Alles passte zu seiner Stimmung. In ihm und um ihn herum war nur Leere und Dunkelheit.
Es muss in der Nacht so um zwei Uhr gewesen sein. Seit wohl zwei Stunden saß er schon da. Nirgends war mehr ein Mensch auf der Straße. Kein Auto, kein Fahrzeug fuhr mehr. Dazu, um ihn herum, eine merkwürdige, unheimliche Stille.
Kälte, Regen, Schnee, alles war ihm egal. Er war so traurig und niedergeschlagen! Eben war eine große Liebe zu Ende gegangen! Seine erste große Liebe! Er war sechszehn Jahre alt.
Im zu Ende gegangenen Sommer hatte er ein Mädchen kennen gelernt. Sommer, Sonne, Ostseestrand…, wie man so schön sagt. Es war eine wunderbare Zeit. Mit Freunden fuhren sie damals mit dem Motorrad zur Ostsee. In dem Ort Glowe, auf der Insel Rügen, zelteten die ganzen Halbstarken. Dort dann, in der Diskothek am Strand, es war ein großes verglastes Gebäude mit Blick zur Ostsee, ging für den jungen Rebellen ein fantastischer Traum in Erfüllung. Seine Idole, die Musiker der Rock-Gruppe Renft, das waren Cäsar, Jochen, Kuno, Monster, Pjotr und Renft saßen doch da tatsächlich an einem Tisch, zusammen mit anderen Leuten.
Cäsar erkannte ihn sofort wieder. Denn dieser unbeirrbare Musikfan war die beiden Jahre davor oft bei den Konzerten der Klaus-Renft-Combo gewesen und hatte sich nach den Konzerten immer Autogramme von den Musikern geholt.
Es war wie ein Traum! Er durfte sich an diesem Abend an der Ostsee sogar zu den Renft-Musikern setzen. Er, der unbedeutende, sechszehnjährige Junge aus der Provinz!
Vielleicht auch, weil er schon damals etwas älter aussah. Er hatte lange Haare, wie es damals üblich war und trug einen nagelneuen Levis-Jeansanzug. Den hatten ihm kurz zuvor die Verwandten aus dem Westen geschickt. So etwas war damals in der DDR so viel wert, wie heutzutage ein Fünfer im Lotto. Man stieg im Ansehen der anderen über Nacht. Vielleicht war auch das der Grund? War dieses Outfit vielleicht damals die Eintrittskarte ins Glück?
Unglaublich, wie Äußerlichkeiten das Urteilsvermögen der Menschen beeinflussen können!
Die Freunde hatten sich auf dem Zeltplatz mit einer Clique aus Frankfurt/Oder verbündet. Alle schauten damals neidisch, wie dieser langhaarige, schlaksige Bursche mit den Musikern zusammen trank und jede Menge Spaß hatte.
Nach ein paar Bieren und damit angetrunkenem Mut, lernte er an diesem Abend auch dieses zauberhafte Mädchen kennen. Solche Abende sind perfekt und ohne Alkohol, merkwürdiger Weise, nicht zu realisieren!
Mit diesem abendlichen Umtrunk mit Peter „Cäsar“ Gläser von der Band Karussell begann auch ihre folgende, jahrelange Freundschaft
Oder besser gesagt, alle die Jahre, die folgten, erkannte der berühmte Blues-Sänger den verrückten, ehemaligen Renft-Fan immer wieder, wenn er da an den Künstlereingängen auftauchte und nach ihm fragte. Das letzte Mal sahen und sprachen sich die beiden bei diesem denkwürdigen Wiedersehens-Konzert der Gruppe Renft im Kreiskulturhaus Weißensee am 24. April 1993.
Der Abend an der Ostsee ging zu Ende, in dem er mit diesem wunderschönen Mädchen, dass er bei dieser Tanzveranstaltung kennen gelernt hatte, ununterbrochen zusammen tanzte. Sie konnte wunderbar tanzen! In einer dieser Tanzpausen erzählte sie ihm, dass Sie fast täglich in Dresden, wo sie wohnte, zum Ballettunterricht ging.
Es muss ein unbeschreibliches Bild gewesen sein. Der ungelenke Hippie zusammen tanzend mit einer Balletteuse!
Dann, nach dem Discoabend, der Weg zusammen zum Strand. Der erste, scheue Kuss und der Beginn einer unbeschreiblichen Liebe!
Wundervolle Tage des Verliebtseins bei Sonne und Meer folgten!
Der Klassiker eben!
Als die Verliebten wieder zu Hause waren nach diesen schönen Tagen, schrieben die beiden sich die schönsten Liebesbeteuerungen.
Sie wohnte in Dresden, er in Lübben. Das war für die damaligen Verhältnisse sehr weit! Wie wollten sie je wieder zusammenkommen?
Der Zufall half etwas nach! Ein Fußball-Europacup-Spiel des Fußballvereins Dynamo Dresden stand an. Es war damals ein Highlight schlechthin. So schrieb er ihr, wie gut sie es hätte, in Dresden zu wohnen. Da wäre für sie wohl des Öfteren die Möglichkeit, Spiele live verfolgen zu können.
Sie antwortete, dass sie sich eigentlich nicht für Fußball interessiere.
Aber sie könne ihm, wenn er es wünschte, Karten für dieses Spiel besorgen.
Das war sehr ungewöhnlich! Denn die Karten waren eigentlich für die Europacup-Spiele immer schon Wochen vorher ausverkauft.
War das eine Frage? Natürlich wünschte und hoffte er, dass sie ihm eine Karte besorgen würde.
Später dann, in Dresden angekommen, erfuhr er von Ihr, dass ihr Vater ein hoher Kulturfunktionär in Dresden war und sie deshalb die Karten vorrangig bekommen konnte.
So kam es also, dass er allein mit dem Motorrad nach Dresden fuhr. Ein Wiedersehen mit seiner Liebe und ein Fußballpokalspiel der SG Dynamo Dresden. Was konnte es Schöneres im Leben geben?
Noch lange danach konnte er sich daran erinnern, wie er bebenden Herzens vor Ihrer Haustür stand. Sie öffnete und war seltsamer Weise etwas reserviert. Zusammen gingen die beiden dann in die Wohnung. Irgendwie spürte er schon, dass etwas nicht stimmte. Für so etwas gibt es immer einen siebenten Sinn!
Sie stellte den langhaarigen Jugendlichen ihren Eltern vor. Ihr Vater musterte diesen Jungen in seinem provokanten West-Jeansanzug abfällig von oben bis unten. Was sollte er halten von diesem komischen, schlaksigen Jungen vor ihm, der so gar nicht dem Idealbild eines sauberen und ordentlichen FDJ-Jugendlichen entsprach?
So war es eigentlich immer, wenn er zufällig einmal doch auf die Eltern seiner Eroberungen traf. So richtig ins Herz haben diese ihn nie geschlossen!
Die Balletteuse aus gutem Funktionärs-Haus mit dem Langhaarigen aus Lübben.
Das konnte nicht gut gehen!
So sagte sie noch in der Wohnung zu ihm, dass er allein zum Fußballspiel gehen müsse. Danach könnten die beiden sich vielleicht noch einmal treffen, vertröstete sie ihn.
Es blieb bei dem Vielleicht. Denn als er sie später anrief, sagte sie ab und wünschte ihm nur noch eine gute Rückfahrt.
Er war zerbrochen! Alle seine Träume, seine Sehnsüchte, alle seine tiefen Gefühle für Sie waren zerstört worden.
Aber naiv, wie er schon damals war, versuchte er sich trotzdem noch Hoffnung zu machen.
Sie hatten sich doch so schöne Liebesbriefe geschrieben!
Er glaubte, am nächsten Tag würde sie vielleicht noch einmal ihre Meinung ändern und doch noch etwas Zeit für ihn übrighaben.
Für ihn, diesen armen, geschundenen Jüngling, der extra für sie diese lange Strecke bei schlechtem Wetter gefahren war.
Vielleicht würde sie sich erbarmen und ihm diese eine, letzte Audienz am nächsten Tag gewähren.
Nach dem Fußballspiel fuhr er ziellos durch die Stadt Dresden. Dann fing es an zu regnen. Er stellte sein Motorrad ab und ging an einen Kiosk, um etwas zu essen und zu trinken. Gottseidank war damals noch nicht der Alkohol sein bester, schlechter Freund!
So ging der Abend zu Ende und langsam brach die Nacht heran. Sein Geld war alle. Der Tag hatte zu viel gekostet. Alles war nur noch trostlos!
So saß er dann also um zwei Uhr nachts in einer ihm völlig unbekannten Gegend in dieser verfallenen Bushaltestelle.
Leichter Nebel stieg auf und die Kälte zog sich nun schon von den nassen Pfützen vor ihm in seinen ganzen Körper hinein.
Er zitterte schon, hatte aber keine Lösung für diese unangenehme, in jede Ritze seines Körpers dringende, Kälte. Und schon gar keine Lösung hatte er für seine gekränkte, junge Seele.
Man lebt in diesem Alter ohnehin wie ein Kamikaze! Alles oder Nichts! Tod oder Leben! Und nun war er gerade dabei, sich für den Tod zu entscheiden! Er sah ohne Sie keinen Sinn mehr in seinem Leben!
Und wer kennt das nicht? Ist es nicht viel besser, so von dieser Welt zu gehen? Hat es nicht so wenigstens diesen einen Sinn?
Trauer, Zorn und Hass auf sich selbst vergingen langsam. Irgendwie verging auch das Gefühl für die Kälte und ein wohltuender Schauer war auf einmal in seinem Kopf. Ein tiefes unbeschreibliches Gefühl von Geborgenheit, von Frieden und Liebe bemächtigte sich aller seiner Sinne.
Er schüttelte sich. Vielleicht war es auch eine Form des Widerstandes, des Selbsterhaltungstriebes.
Nein, es war noch nicht die Zeit für ihn gekommen! Zu viel war noch für ihn vorgesehen!
Aber es war auch ein erstes Zeichen, dass man immer wieder aufstehen muss!
Und dann passierte es!
Seine Gedanken waren wieder klar. Er überlegte gerade, was er jetzt zu tun hatte. Ihm fiel ein, vielleicht zum Bahnhof zu fahren, um dort den Rest der Nacht zu verbringen.
Vor ihm, im Nebel, erkannte er die Umrisse seines Motorrades.
Er schaute in die andere Richtung. Dort müsste er wohl entlangfahren.
Diese Straße würde sicherlich zum Bahnhof führen.
Es war die Richtung, wo der Nebel am dichtesten schien.
Und in diesen, wie überirdisch aussehenden, weißen Wolken vor ihm erkannte er auf einmal eine Gestalt.
Was war das? Träumte er? Doch dieses merkwürdige Wesen aus Nebel und Schnee kam näher!
Und plötzlich, als wenn Jemand aus einer undurchsichtigen, weißen Wand hervortritt, stand da eine menschliche Gestalt vor ihm.
Es war so unwirklich, so fantastisch, dass er es bisher keinem Menschen erzählen konnte. Als er damals nach Lübben zurückkam, versuchte der Junge, es seiner Mutter zu erzählen. Sie schaute ihn jedoch nur irritiert an und glaubte, dass er wieder einmal nur eine seiner üblichen Schauergeschichten erzählte.
Also behielt er dieses Geschehen ein ganzes Leben lang für sich.
Nun aber wusste er, dass die Zeit gekommen war, nun alles zu erzählen. Irgendjemand hatte ihn heute und hier dazu berufen, alles zu berichten. Alles, was damals geschah!
Ich sitze hier und in zwei Stunden werde ich eine lange Reise antreten!
Wahrscheinlich werde ich es nicht mehr schaffen, diese Geschichte zu Ende zu bringen. Dann soll auch dies so sein! Jahrelang habe ich nun nichts mehr geschrieben und nun zwei Stunden vor dieser Reise fließen die Zeilen wie ein Sturzbach auf das Papier!
Werde ich von dieser langen Reise zurückkehren? Werde ich diese letzte Aufgabe, diese Erzählung, dieses Vermächtnis noch zu Ende bringen können?
Alles ist vorherbestimmt! Alles passiert, wie es passieren muss!
Und sicherlich werden in einigen Monaten auf diesem Papier noch die letzten Seiten meiner damaligen Erinnerungen entstehen.
Aber nun zurück zum damaligen Geschehen!
Er war aufgewachsen in der Generation der Hippies und der Gammler. Led Zeppelin, The Purple, Rolling Stones und wie sie alle hießen, waren ihr Tagesprogramm. Alles andere um sie herum war nichtig, war einfach nicht relevant. Nichts konnte die Jungen damals umhauen! So dachten und lebten sie damals fast autark in ihrer eigenen Welt dieser Musik der siebziger Jahre.
Alle Vorschriften, alle prüden Ermahnungen der Eltern, alle Etiketten lehnten diese Jugendlichen ab. Sie lebten fern der Welt der Eltern und versuchten sich abzuschotten gegenüber der piefigen DDR-Wirklichkeit. Sie lebten nach ihren eigenen Vorschriften! Musik, Outfit, Auflehnung waren Pflicht. Und von Nichts, wirklich von Niemanden wollte man sich davon abbringen lassen!
So nahmen sie es sich jedenfalls vor.
Auch nicht wollte er sich von diesem wundersamen Mann, der plötzlich im Nebel auftauchte, aus seinem lässigen Konzept bringen lassen.
In einem weißen Anzug, mit weißen Schuhen, einer edlen Krawatte, mit einem weißen Hemd und auf dem Kopf einem weißen Hut, stand er auf einmal vor ihm.
Um alles noch zu toppen, hatte er in der rechten Hand einen riesigen, roten Rosenstrauß.
Man muss sich das heute vorstellen! In diesem tristen DDR-Ambiente steht nachts in einem herunter gekommenen Stadtteil von Dresden ein vornehmer Mann in dieser Kleidung vor ihm.
Als wenn ER gerade mit seinem Raumschiff an der Ecke gelandet ist, um nur mal nach dem Weg zu fragen. Und um vielleicht danach schnell wieder davon zu fliegen in seine wunderbare Welt. Dorthin zurück, wo vielleicht alle Menschen in weißer Kleidung und mit roten Rosen in den Armen ein glückliches Leben führen können.
Ja, und genau so kam es ihm auch damals vor. Er dachte zuerst, er hätte vielleicht Halluzinationen. Das er schon wieder, wie Minuten vorher, diesen Zustand zwischen Leben und Tod erreicht hatte.
Vielleicht war dieses Wesen auch gekommen, um den unglücklichen Jungen mitzunehmen in diese Welt, der rote Rosen tragenden Menschen?
Ach, hätte ER es doch damals nur getan! Hätte ER diesen jungen Hippie doch nur mitgenommen! Was wäre ihm alles erspart geblieben!
ER blieb nicht lange vor ihm stehen. Nein, ER setzte sich sogar zu dem traurigen, frierenden Elend auf die Bank in der Bushaltestelle. Nicht dicht, sondern mit etwas höflichem Abstand. Zwischen den Beiden lag nun dieser riesige Strauß aus roten Rosen.
Wie gesagt, es war damals überaus üblich für die jungen Weltverbesserer immer und in jeder Situation völlig cool zu bleiben.
Auch muss an dieser Stelle hinzugefügt werden, dass der in Liebeskummer versunkene Junge diese ganze verrückte Situation damals in Gänze überhaupt nicht realisieren konnte!
Man darf nicht vergessen, der junge Motorradfahrer war schon Stunden völlig unterkühlt und sein Kopf war von der Enttäuschung des Tages auch leer und ausgebrannt.
Eine ganze Weile wurde kein Wort gesprochen. Schließlich drehte sich der Junge zu dem fremdartigen Mann herum und sagte:
„Was soll das? Was ist das für eine Nummer?“
Es antwortete nach einer ganzen Zeit eine Stimme, völlig ohne Gefühle, ohne Nuancen. Eine männliche Stimme wie aus dem Nebel der Straße.
Eine Stimme, die offensichtlich schon sämtliche menschlichen Regungen und Emotionen hinter sich gelassen hatte.
„Ich wollte Sie heute heiraten.“, sagte die Stimme.
„Wen wolltest Du heiraten?“, fragte der Junge ebenfalls völlig emotionslos.
Das Du war ihm einfach so rausgerutscht und es war ihm doch etwas peinlich.
„Oh, Sie wollte ich sagen.“, fügte er deshalb noch hinzu.
„Kein Problem.“, sagte das weiße Wesen und fing dann an zu erzählen:
„Wir hatten im Sommer eine wahnsinnige, schöne Zeit! Ich war in meinem Leben noch nie so verliebt!
Es ist ein unvorstellbar schönes Land. …Kuba.“
Der Junge unterbrach das Wesen, welches wohl vielleicht doch ein irdischer Mann war.
„Kuba?“, fragte er. „Du hast ein Mädchen in Kuba kennen gelernt?“
Es war für den Sechszehnjährigen so weit weg. So schier unrealisierbar in dieser kleinen DDR-Welt, in der er lebte. Völlig unmöglich!
Kuba, Westdeutschland, Frankreich, Spanien und fast die ganze Welt. Das waren unerreichbare Ziele für einen Ostdeutschen. Unerreichbar für ein ganzes Leben.
Und nun saß hier Jemand, der einfach sagte, er war im Sommer in Kuba.
Also war es wohl doch ein Außerirdischer?
„Wie kommt man nach Kuba? Und Du wolltest Sie heute heiraten?“,
fragte er deshalb ungläubig noch einmal. Dabei dachte der verdutzte Junge noch immer, ob es vielleicht doch ein Alien sei. Kam ER gerade von Kuba und hatte hier in der tristen Gegend einen Zwischenstopp gemacht? Es war doch alles völlig verrückt! Natürlich konnte ER bei seinem Zwischenaufenthalt hier im Nebel doch gar nicht damit rechnen, dass da in dieser verfallenen Bushaltestelle einer von diesen trostlosen Erdenbürgern saß und seinen Liebeskummer ausbadete.
„Natürlich, ich war in Kuba. Auch in Kuba. Zuletzt war ich in Kuba …..“
Seine Stimme senkte sich dabei etwas. So, als wollte ER sagen, ER hätte schon die ganze Welt gesehen und seine Reise nach Kuba wäre nun die Letzte gewesen. Ja, der frierende Junge in der Bushaltestelle hatte wirklich das Gefühl, dass ER es so meinte. Denn danach sagte ER nämlich eine ganze Weile nichts mehr und schaute nur noch nach oben. Sein Blick schien diesen dichten Nebel da oben durchtrennen zu wollen. Wollte ER etwa sein Raumschiff da im Himmel sehen? Ein UFO, welches vielleicht in jedem Moment hier neben der Bushaltestelle landen könnte, um IHN wieder mitzunehmen?
Um vielleicht sofort wieder nach Kuba zu fliegen? Nach Kuba .…?!
Dorthin also, wo immer die heiße Sonne scheint. Da, wo die Menschen vielleicht immer glücklich sind und immer nur am warmen Meer wohnen.
Oh Gott, wenigstens hatte dieser Junge noch genug Fantasie, um sich so etwas auszumalen.
Dann aber, nach einer langen Pause, redete ER weiter:
„Es war so schön mit ihr! Da in Kuba und natürlich auch hier die letzten Tage und Wochen. Eigentlich sollte Sie noch zwei Wochen bleiben. Heute wollten wir heiraten.
Nun ist alles vorbei. Alles ist zu Ende.“
Und noch immer war da diese ausdruckslose Leere in seiner Stimme.
„Ich verstehe gar nichts!“, sagte der Junge. „Sie ist also weg? Zurück nach Kuba? Obwohl ihr heute heiraten wolltet?“
Es dauerte eine ganze Weile, ehe ER wieder antwortete:
„So ist es. Ich war viel unterwegs die letzten Tage. Sie war hier in Dresden. Ja und schon eine Woche lang hat sie sich nicht mehr gemeldet. Ich hatte ein unbestimmtes Gefühl, eine Ahnung.
Weißt Du, viele Dinge und Ereignisse fühle ich, kann ich vorhersagen. Deshalb war mir eigentlich seit Tagen schon klar, dass wir vielleicht nicht heiraten werden. Sie hatte Angst. Ich weiß nicht, wovor. Vielleicht vor diesem Land, vielleicht vor mir. Ich denke, Sie hatte einfach Angst, in diesem kalten Land mit mir zusammen leben zu müssen. Und diese Angst war größer als ihre Liebe zu mir.
Und weißt Du, ich verstehe das. Es ist dieselbe Angst, die ich habe. Wir haben diese Angst geteilt, ohne überhaupt jemals darüber geredet zu haben. Diese Angst kann nur Jemand verstehen, der Kuba kennt, seine Menschen, das Meer, die Berge und die ewige Wärme.“
„Ja, aber ... aber warum willst Du…. Oder kannst Du nicht …, mit ihr zusammen in Kuba leben?“, fragte der Junge stockend.
„Ja natürlich…, ich habe es versucht …. Es geht nicht.
Du und ich, Wir können dort nicht immer leben.“, antwortete er leise.
„Warum nicht?“, fragte ihn erstaunt der Junge.
ER antwortete kurz: „Denk einmal nach. War denn Robinson Crusoe glücklich auf seiner idyllischen Insel?“
Dann fügte ER noch erklärend hinzu: „Nein, Kuba ist nur ein Paradies für ein paar Tage. …. Und für uns. Jetzt. Es ist… wie hier… wie hier bei Euch…. Die Menschen dort sind nicht frei….
Und Freiheit ist das Wichtigste im Leben!“
Das alles sagte er sehr nachdenklich und eigentlich verstand der unerfahrene Junge dort auf dieser Bank es nicht.
Was wusste dieser junge Mensch damals von Freiheit? Was wusste er von anderen Ländern? Nichts. Er war sechszehn Jahre alt und ging noch zur Schule. Dieser Jugendliche hatte ein Zuhause und eigentlich alles, was man so zu einem ordentlichen Leben damals brauchte. Um Freiheit zu entdecken, musste man aufbrechen. Und der junge Möchtegern-Rebell wusste damals im Oktober noch nicht, dass dieser Aufbruch schon Wochen später in seinem Leben stattfinden würde. Das in diesem kalten Winter, der diesem Herbst folgte, der Sturm der Freiheit so unbarmherzig, aber auch so wegweisend für das ganze Leben, seine jugendliche Unbekümmertheit beenden würde.
Hatte dieser Mensch dort neben ihm auf der Bank „bei Euch“ gesagt?
Wo gehörte ER hin?
Wenn ER kein Außerirdischer war, konnte ER ja nur aus Westdeutschland sein.
Obwohl dem DDR-Jungen dies schon ungefähr klar war, als dieser Mann aus dem Nebel kam. ER konnte auf keinen Fall aus diesem mausgrauen Land stammen, wo alle Menschen, die der Junge bisher kannte, so unauffällig angezogen waren und so bescheiden ihr Dasein fristeten.
Aber eine Frage stand noch im Raum. Warum war seine geliebte Kubanerin nicht in Kuba, sondern in Dresden?
Diese Frage konnte der junge Motorradfahrer sich einige Monate danach selbst beantworten.
Offensichtlich konnte dieser Bräutigam in seinem weißen Hochzeitsaufzug bereits in Kuba dafür sorgen, dass sein Mädchen aufgrund der diversen kommunistischen Austauschprogramme in die DDR kam.
So ging das damals. Ostdeutsche und Kubaner wurden auf Zeit „ausgetauscht“. So lebten beispielsweise viele Kubaner und Vietnamesen auch in Ostdeutschland. Aber kurioser Weise merkte es der normale DDR-Bürger gar nicht. Weil der größte Teil von ihnen gut abgeschottet lebte und arbeitete. Also mehr oder weniger. Mehr arbeiteten diese Fremden, als sie leben konnten. Dort in ihren zugewiesenen „Quarantäne-Bereichen“ der Arbeiterwohnheime mussten sie eher wie Gefangene hausen.
Kontakt mit den Deutschen war nicht erwünscht.
Ganz anders als heute in der so bunten multikulturellen, ehemals deutschen, Republik. Wo es wiederum offenbar gar nicht erwünscht ist, dass die gebetenen und ungebetenen Gäste ihren Unterhalt erarbeiten.
„Das passt ja gut zusammen. Dann haben wir wohl heute beide den Laufpass bekommen.“, fiel dem, noch immer in der Kälte frierenden Jungen, die erste Gemeinsamkeit auf.
Und dann berichtete er dem, neben ihm auf der Bank, Sitzenden, von seinem eigenen Schicksal, welches ihm an diesem Tag in Dresden widerfahren war.
Als der Junge fertig war mit seiner Geschichte, nahm der Fremde den Strauß Rosen zur Seite und rückte näher heran. Er nahm den Arm um die Schulter des traurigen Jungen und drückte ihn zu sich heran, um ihm Trost zu spenden.
Der durchfrorene Junge sah das erste Mal das Gesicht des Mannes und es kam ihm irgendwie bekannt vor. Als wenn er Ihn irgendwo und irgendwann schon einmal gesehen hatte. Aber in seinem jungen Leben hätte er sich eigentlich an Ihn erinnern müssen. Es war ein sehr prägnantes Gesicht. Seltsam, der Junge kam einfach nicht darauf. Obwohl auch bei dieser Nähe, dieser Duft des Körpers dieses Mannes ihm irgendwie bekannt vorkam. Dieser Fremde hatte so etwas Menschliches, Verletzliches in seinem Wesen. Obwohl ER, so schien es dem Jungen jedenfalls, trotz seines Berichtes, noch immer nicht von dieser Welt zu sein schien.
Dann sagte dieser fremde Mensch etwas ganz Seltsames:
„Das ist dein Schicksal, mein Junge! Jede deiner Lieben wird unglücklich enden! Und am Schluss, ganz am Ende wirst Du nach Kuba fliegen!
Dort wirst Du in vielen, vielen Jahren dann dein Glück finden.“
Der Junge war mittlerweile schon sehr müde. Es war so eigentümlich, was ER sagte, dass der Junge dachte, er meinte sich selbst, indem er von ihm sprach.
„Aber davor, und habe keine Angst, wirst Du ein sehr abenteuerliches Leben haben. Du wirst Höhen und Tiefen erleben, die Du dir heute nicht vorstellen kannst. Du wirst Dinge haben, die für Dich heute so unerreichbar sind. Aber das alles wird keinen Wert für Dich haben! Gottseidank. Denn Du und Ich, wir sind und bleiben Menschen, die nur die Liebe suchen. Aber Liebe und Glück sind vielleicht nicht für uns geschaffen worden. Diesen Weg zum Gipfel kann man vielleicht nur allein gehen. Allein oben auf dem steilen Grat der Erkenntnis oder zu zweit mit Familie in einer Reihenhaussiedlung. Mehr gibt es nicht.“
Das waren Aussichten, dachte der Junge! Was dieser Mann da so alles erzählte. So prophezeien wollte.
Hatte ER zu viel Alkohol getrunken? Was erzählte diese weiße Gestalt da für ein wirres Zeug?
Dem Jungen in seiner Motorradmontur war müde und ihm war noch immer kalt. Noch immer hatte der Unbekannte seinen Arm um ihn gelegt. Nun war es dem Jungen doch unangenehm. ER sollte ihn loslassen! War er vielleicht schwul? Wollte dieser ältere Mann vielleicht nur mit ihm schlafen? Alles Mögliche ging dem unerfahrenen Jüngling im Kopf umher.
Als ahnte ER seine Gedanken, schlug der Fremde vor, aufzubrechen, um ein Hotel aufzusuchen.
„Schön für Dich.“, antwortete darauf der Junge, um noch hinzuzufügen:
„Ich bin völlig blank und kann deshalb nicht mitkommen.“
„Ich habe genug Geld dabei. Schließlich wollte ich heute heiraten.“, antwortete der verhinderte Bräutigam mit einem gewissen sarkastischen Unterton darauf und bedeutete ihm, aufzustehen.
Was soll schon passieren, dachte der durchfrorene Junge und war eigentlich sehr froh über dieses Angebot. Mittlerweile war ihm auch alles egal. Hauptsache irgendwohin, wo es warm wäre.
Was muss das für ein Bild gewesen sein! Da saß mit vorschriftsmäßiger Motorradbekleidung und Helm am Lenkrad der Jüngling und dahinter, auf der Sitzbank der 150-iger MZ TS, der fremde Mann in weißem Anzug mit seinem großen roten Rosenstrauß.
So fuhren sie durch die nassen, menschenleeren Straßen von Dresden.
Der fremde Mann schien sich auszukennen, denn er rief dem jungen Fahrer zwischendurch immer zu, wohin er fahren sollte.
Schon nach kurzer Zeit hielten die Beiden dann vor einem großen Hotel. Sie bekamen ein Zimmer zusammen und lagen schon bald in den Betten.
Alles erschien dem, noch immer von der neuen Situation überforderten, Jungen so unwirklich und so seltsam.
Eben noch so durchgefroren und ohne Hoffnung, lag er nun dort in einem feinen Hotel neben einem mysteriösen Unbekannten.
Sie lagen zusammen in einem großen Ehebett und konnten jeweils den Atem des anderen spüren.
Noch nie in seinem Leben hatte der jugendliche Rebell in einem Hotel geschlafen. Alles war unbekannt für ihn. Obwohl er eigentlich tot müde war, konnte er irgendwie doch nicht einschlafen.
„Du bist allein hergekommen?“, hörte der Junge auf einmal neben sich die fragende Stimme des Fremden in der Dunkelheit der Nacht. Ohne auf eine Antwort zu warten, sagte dieser Mann dann wieder ganz merkwürdige Sätze:
„Das wird die längste Zeit in deinem Leben so sein. Und es ist gut so. Du wirst nur mit Dir allein glücklich werden können. Alle, die Du Freunde nennen wirst, werden Dich verraten. Es ist so, wie mit Jesus damals. Das ist nicht schlimm, man muss es nur wissen. Gerade hier, in diesem Land sollte man allein bleiben mit seinen Gedanken und Sehnsüchten. Aber vielleicht woanders auch.“
Komisch, diese Erfahrungen hatte der Junge ja schon gemacht. Denn sein erstes Lehrgeld hatte er schon als Kind gezahlt.
Er hatte in aller Heimlichkeit schon seine ersten Geschichten und Gedichte geschrieben. Voller Traurigkeit, aber auch in glücksseliger Einsamkeit. Nein wirklich, da sagte er ihm nichts Neues. In dieser tristen Kleinstadt, wo er zu Hause war, gab es in der Tat keinen, dem er von seinen Sehnsüchten und verzweifelten Schreien nach Liebe und Zuneigung berichten konnte.
Und die Liebe und Gefühle für eine Frau lagen da noch in weiter Ferne.
„Aber weißt Du, was noch schlimmer ist?“, fuhr der Fremde fort.
„Das Schlimmste ist die Zeit und wie wir damit umgehen. Die Zeit ist erbarmungslos und jagt uns vor sich her. Und es ist so fürchterlich, dass wir es erst merken, wenn wir zu alt sind, um uns zu wehren oder um aus der verlorenen Zeit noch irgendeinen Gewinn zu erzielen.
Zwischendurch, also viele Jahre lang, wirst Du erstarren, wirst Du, wie tot, das Leben an Dir vorbeiziehen sehen.
Es ist wie ein Horrorfilm. Du spielst mit, aber alles in Dir wehrt sich dagegen. Aber Du kannst nichts machen. Du wirst früh aufstehen, zur Arbeit gehen, zurückkommen und so etwas wie Familie spielen. Die Wochenenden wird es nicht anders sein. Du wirst diese Zeit mit Leuten verbringen, die Dir völlig fremd sind. Wenn Du dann wieder allein bist, wirst Du Dich im Spiegel ansehen, wenn Du Dich überhaupt noch im Spiegel ansehen kannst. Dann wirst Du Dich fragen, was aus Dir geworden ist.
Was ist aus allen deinen großen Träumen von einst und aus deinen Wünschen und Zielen geworden?
Wenn Du Dir noch diese Fragen stellst. Denn etwas später schon, wirst Du es nicht mehr tun. Du wird Dich arrangiert haben mit deiner toten Hülle und deinem erstarrten Leben.
Aber tröste Dich. Die Zeit, diese verdammt lange Zeit wird irgendwann doch vorbei sein. Allerdings wirst Du dann ein kranker, gebrochener Mann sein. Viele Dinge, viele Abenteuer, vieles von diesem guten Stück Leben kommt für Dich dann nicht mehr in Betracht.
Auch das ist nicht allzu tragisch, denn Menschen wie wir Beide werden wieder und wieder versuchen neu anzufangen.
Irgendwo im Nirwana wirst Du wieder neu anfangen. Du wirst Horizonte entdecken, von denen Du in deinem eingefrorenen Leben nicht zu träumen gewagt hast.
Und…. Du wirst die Liebe wiederfinden. Die Liebe zu einer Frau. Weißt Du, ich glaube im Leben ist dies wirklich das Allerwichtigste.
Und es wird wie immer bei Dir und bei mir sein. Es wird tragisch und unglücklich enden. Erst wenn diese Frau wieder von Dir gegangen ist, wirst Du merken, was Du falsch gemacht hast.
Ja…die Liebe bei Dir und bei mir wird immer so sein.
So wie jetzt, wie heute gerade hier in Dresden.
Alkohol, Gleichgültigkeit, Überschätzung, Kränkungen werden uns wieder und wieder zu schaffen machen und die Liebe versuchen, zu zerstören.“
ER redete in der >Wir-Form<! Warum tat er das? Er kannte ihn doch gar nicht! Wie wollte ER wissen, wie sein Leben verlaufen würde? Das Leben des unbekümmerten Jungen, welches noch nicht einmal richtig angefangen hatte.
Als ahnte ER seine Gedanken, sagte der fremde Mann nach einer langen Pause:
„Warum ich das alles weiß? Weil ich glaube, dass alle Dinge im Leben einen Sinn machen. Auch, dass wir uns hier und heute getroffen haben. Da ist kein Zufall!
Vielleicht sind wir gar nicht zwei Personen, sondern ein und derselbe?“
Das war dem, vom langen Tage müden, jungen Reisenden, irgendwie nun doch zu viel. So fragte er diesen, so gewichtig plaudernden, Mann neben ihm, ob er am Abend zu viel Alkohol getrunken hätte.
„Ich trinke keinen Alkohol, schon lange nicht mehr.“, erwiderte dieser beleidigt.
Der Junge war viel zu müde und zu schwach, um sich auf weitere Diskussionen einzulassen. So ließ er IHN weiterreden:
„Wir Beide sind heute vom gleichen Schicksal getroffen worden. Vom Schicksal einer unglücklichen, heute zu Ende gegangenen großen Liebe.
Das ist wohl nun mal die Realität.“, stellte ER klar.
„In solchen Momenten entstehen Kräfte, von denen wir nichts wissen, keine Ahnung haben. Glaube mir, es ist so. In diese Leere, die wir spüren, in diese unendliche Leere, fließen, völlig ohne unser Zutun und ohne, dass wir es merken, plötzlich Gefühle, Erinnerungen und Ereignisse hinein. Auch dies muss so sein. Bei außergewöhnlichen Menschen wie uns.“,
fügte ER noch hinzu und der erschöpfte Junge neben ihm fragte sich, was außergewöhnlich sein sollte an einem Nobody aus der Provinz.
Aber schon redete die Stimme in der Dunkelheit weiter:
„Denn wirkliche Leere gibt es ja nicht. Nirgends. Überall ist etwas. Und nun stelle Dir vor, unser Zusammentreffen hat den einzigen Sinn, dass sich unsere Körper und Seelen austauschen. Dass wir vielleicht zu einer Person verschmelzen.
Du musst mir das jetzt nicht glauben. Dafür fehlen Dir heute noch ein paar Dinge, ein paar wesentliche Lebensimpulse.
Irgendwann, das ist Deine und unsere Bestimmung, wirst Du Dich an diesen Abend, diese Nacht hier wieder erinnern.
Und damit Du Dich wirklich daran erinnerst, irgendwann nach vielen Jahren, vielleicht erst am Ende deines Lebens, werde ich Dir noch ein paar Prophezeiungen mit auf den Weg geben.
Heute Mittag beispielsweise schon, auf deinem Motorrad Richtung Lübben hast Du schon alles vergessen. Unsere Begegnung wird es Dir nicht wert sein, viel darüber nachzudenken.
Weil deine Zeit, unsere Zeit, noch nicht reif ist, um alles zu verstehen.“
Was dieser Mensch so alles wusste, alles wissen wollte von ihm, dachte der Junge bei sich.
„Wieso sprichst Du von uns, von unserer Zeit.“, wagte er deshalb nun doch einen kleinen Einspruch.
Als hätte ER seine Frage gar nicht verstanden, erwiderte der Fremde etwas völlig anderes darauf. Etwas wieder sehr Merkwürdiges:
„Als Du mich heute Nacht das erste Mal gesehen hast, was waren deine ersten Gedanken?
Stopp, antworte jetzt nicht!“, überlegte es sich der Mann nun doch noch anders, um selbst diese Frage zu beantworten:
„Ich weiß es! Ich kenne Dich nur zu gut!
Da kommt Jemand aus einer anderen Welt? Ja, hast Du das gedacht?
Und ich sage Dir jetzt, es ist in der Tat so!
Doch ich bin nicht einfach so gekommen. So einfach geht es nicht. Es ist etwas komplexer. Wir beide waren in diesem Moment der Ewigkeit bereit für diese Situation. Ja, für diese Vorsehung!
Bereit, uns zu treffen, hier und heute, weil jeder Mensch seine eigene Bestimmung hat. Doch leider können nur die Wenigsten damit umgehen. Nur wenige Auserwählte verstehen die Stimmen und können die Zeichen deuten, die sie von ihrem traurigen Schicksal erlösen können.
Doch wir beide hatten heute Glück. Wollen wir es Glück nennen? Ich weiß es nicht. Es gibt keine Worte dafür! Vielleicht trifft es eher der Ausdruck >Moment der Unsterblichkeit<? Oder >Die Vorsehung<?
Ja, Vorsehung ist besser. Du und ich, wir beide, wären heute in diesem >Urknall unserer neuen Geburt< nicht hier, nicht jetzt zusammengekommen, wenn nicht bei Dir und bei mir heute im gleichen Bruchteil eines Augenblickes etwas Unerklärliches, etwas Ungeheuerliches passiert wäre.
Ja … wir beide … sind heute, heute in dieser Nacht, im gleichen Moment, auf dem Weg gewesen… auf dem Weg ins Jenseits, auf dem Weg in den Tod.
Vielleicht waren wir schon dort drüben. Haben gemeinsam dieses weiße Licht gesehen und diese Stimme gehört. Diese echohafte Stimme, die gesagt hat, dass unsere Zeit noch nicht gekommen ist.
Aber, ich hoffe Du hast es nicht überhört. Dort oben, wo wir schon waren, hat man uns auch gewarnt. >Kehre um! Besinne Dich endlich! Fange an, deiner Bestimmung zu folgen und nicht mehr den menschlichen Irrwegen<.
Es war auch diese neue Bestimmung aus dem Jenseits, die plötzlich dazu führte, dass, wie in einer großen Teigschüssel, unsere beiden Leben fortan für immer zu einem einzigen, bewegenden Drama zusammengerührt wurden.
Erinnere Dich! Kam es Dir nicht vor wie bei Nostradamus? Sind in diesem, deinem Film, nicht Ereignisse und Geschehnisse an Dir vorbei gerauscht, die Du nicht deuten konntest? Begebenheiten, die Du in deinem zurückliegenden Leben gar nicht kanntest, nicht erlebt hast?“
Und plötzlich, da er es sagte, sah sich der Junge wieder da auf dieser Bank in der Bushaltestelle sitzen. Wieder fühlte er sich zurück versetzt in diesen Zustand, als die Kälte und diese Trostlosigkeit einem herrlichen Traum gewichen waren. Diesem Zustand, als er sich plötzlich so geborgen fühlte. Eingebettet in einer wunderbaren, unbeschreiblichen Liebe. Wie auf einer Achterbahn flog er durch diesen endlosen Tunnel. Der Sechszehnjährige war wieder eingebettet in dieser unbeschreiblichen Seligkeit. Wie in einem Raumschiff raste er diesem weißen, verheißungsvollen Licht entgegen.
Urplötzlich erschienen ihm auf einmal alle diese Bilder und Sequenzen. Es war, als würde er in einem Zug sitzen und vorbei fahren an unbekannten Landschaften, fremden Leuten und merkwürdigen Ereignissen.
Was war das? Er sah Menschen, denen er in seinen sechszehn Lebensjahren nie begegnet war. Er hatte Gefühle von Liebe, Trauer und Hass, die er noch nicht kannte. Er sah in Gesichter wunderbarer schöner Frauen. Sie küssten ihn, um sich danach wieder in der Unendlichkeit aufzulösen. Würde er diese wunderbaren Geschöpfe jemals wiedersehen? Würde vielleicht eines dieser zauberhaften Mädchen doch eines Tages bei ihm bleiben? Seltsam, warum dachte er in diesem Moment an so etwas? Was waren das für Gefühle? Wie konnte er denn so etwas erahnen? Welches Leben lief da in diesem Moment, auf dem Weg zum Licht, an ihm vorüber?
Ja, der Mann neben ihm im Bett dort hatte Recht. Es war ein anderes Leben! Es waren völlig andere Erinnerungen, die ihn in jenem Moment auf der Reise in ein fernes Universum in den Bann gezogen hatten.
Und immer wieder tauchten diese Kinder auf! Was waren das für Mädchen und Jungen? Einige weinten, andere lachten ihn an. Da war dieses kleine Mädchen, dieses kleine Baby im Gitterbett. Sie rief nach ihrem Vater. Doch immer wieder ging diese Tür auf und zu. Er stand vor dieser Tür und konnte nicht zu ihr gehen. Ihre kleinen Beinchen waren zwischen die Stäbe gerutscht. Er wollte zu ihr und dieses weinende Kind auf den Arm nehmen. Dieses Baby mit dem ihn irgendwie eine so innige Liebe verband. Aber immer, wenn er los gehen wollte, ging diese Tür vor ihm zu und er sah nur noch diese weiße Wand.
Es war entsetzlich!
Dann war da auch noch dieser kleine Junge. Zusammen gingen sie diese lange Straße entlang. Ganz fest hielt er seine Hand. Es schien, als wären ihre Hände zusammengeschweißt. Als würde dieses Band der Liebe nie im Leben irgendetwas auseinanderbringen können.
Aber auf einmal war dieser kleine Junge fort. Er sah plötzlich dieses Kind, welches er so liebte, dort weit oben schweben. Völlig unbeweglich und starr. War dieser Junge tot? Was war passiert? Was war das? Irgendetwas hielt dieses Kind in der Hand. In diesem Schwebezustand, wie in einem Geisterfilm, ließ er ganz langsam dieses Stück Papier, was er in der Hand gehalten hatte, los. Dieser Brief war auf einmal vor seinen Augen. Er konnte die ersten Worte lesen, die dieser sechsjährige Junge mit Mühe und großer Not auf das Briefkuvert geschrieben hatte:
>Für meinen liebsten Papa<
Innen kam ein großes Blatt Papier zum Vorschein. Nur oben, in der ersten Zeile, war mit großer Mühe gekritzelt:
>Papa, Komm zurück! <
In diesem Augenblick konnte er diesen kleinen Jungen erkennen, wie er auf dieser Straße vor dem Hochhaus stand. Umringt von anderen Kindern. Man schlug ihn, man verhöhnte ihn. Ganz deutlich war zu hören, wie er immer nach seinem Papa rief. Dort auf der Straße, wo er seine Kindheit verbrachte. Verbringen musste.
Seine Mutter lag dort in diesem großen Krankenhaus. Auf dieser Station, wo sich fast täglich eine Frau das Leben nahm.
Wie gesagt, das alles schien wie in Bruchteilen einer Sekunde an dem sechszehnjährigen Jungen vorbei zu fliegen.
Nun, der fremde Mann hatte wirklich Recht. Nein, das war nicht sein Leben!
Aber was war es dann?
Als könne er gerade die Gedanken des verwunderten Jungen lesen, begann ER ihm, das ganze merkwürdige Geschehen zu erklären:
„Wie gesagt, wir beide sind uns heute auf diesem Weg zwischen Sonne und Finsternis begegnet. Wir haben uns getroffen, um diese Reise gemeinsam zu unternehmen. Diese letzte Reise … zwischen Leben und Tod.
Unsere Bestimmung war, uns hier und heute, in unserem eigenen Universum, fern von Raum und Zeit, zu vereinen.
Und weißt Du, in diesem winzigen, einzigartigen Moment gab es einen gewaltigen Energiestrom, einen Lichtstrahl aus Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. In diesem Augenblick ist die Zeit stehen geblieben für uns. Die Zeit hat auf einmal keine Rolle mehr gespielt.
So etwas passiert nicht oft! Vielleicht sollten wir dankbar dafür sein?!
Es passiert bei Millionen von Menschenleben nur einmal, dass ein Mensch zweimal zusammen stirbt. Zweimal. Einmal in seiner Jugend und einmal am Ende seines Lebens. Zwei unterschiedliche Menschen sind heute diesen Weg in das Licht gegangen. Zurückgekehrt sind sie zusammen. Zurückgekehrt als ein einziger Mensch mit einem gemeinsamen Leben.
Und ich bin jetzt hier bei Dir, zurückgekommen nach vierzig Jahren Leben, weil es sein muss. Weil Irgendjemand dort oben uns eine ganz bestimmte Aufgabe übertragen hat. Offensichtlich gibt es einen Plan, ein Projekt, welches wir nun gemeinsam durchzuführen haben.
Vielleicht soll auch alles so sein, weil wir immer wieder im Leben die Orientierung verlieren, immer wieder undiszipliniert unseren Weg verlassen. Diesen Weg, der nur gepflastert ist aus unseren Gedanken, Gefühlen und Träumen. Ja, kein Wunder, dass wir uns auf diesem Weg immer wieder verirren. Uns mit Erschrecken immer wieder, wie ein Magnet anziehen lassen, von der grauen Einöde langweiliger Menschen.“
„Du bist zurückgekehrt? Zurückgekehrt nach vierzig Jahren? Du kommst aus einer Zeit der Zukunft?“
Der Junge wusste nicht mehr, ob er es ironisch meinte oder ob diese Frage, die ja genauso absurd war wie seine Erklärungen, seinen immensen Aufmerksamkeitsstörungen geschuldet war. Schließlich war es nun mittlerweile schon sehr früh am Morgen und die Müdigkeit trübte wohl immer mehr sein Auffassungsvermögen.
„Ja, ich bin zurückgekehrt. Ich bin wieder hier. Genau hier, wo ich damals so verliebt und so traurig in diese Nacht hinaus ging. Wo ich das erste Mal, später passierte es mir auch noch einige Male, nicht mehr leben wollte. Wo ich klaglos und schmerzlos diesen Zustand der vollkommenden Seligkeit erleben durfte und doch zurückkehrte in diesen gesunden, noch nicht zum Tode gereiften, Körper.
Auch jetzt werde ich wieder aufstehen müssen und mein Leben fortführen.“
„Was heißt das?“, fragte der unbescholtene Junge ihn.
„Du gehst jetzt wieder zurück in dieses andere Leben, in die Zukunft?“
Nun war der junge Herumtreiber schon gänzlich müde und ihm war so, als wäre dies alles, was er heute erlebte, zu einem einzigen Traum zusammengeschmolzen. Allerdings, so sinnierte er noch vor sich hin, war er doch jetzt in diesem Hotelzimmer und neben ihm lag dieser andere Mensch. Oder nicht? Gab es diesen anderen Menschen gar nicht?
Waren es schon Träume? Oder waren es wirklich Erinnerungen aus einer anderen Zeit? Aber woher sollte dieser sechzehnjährige Junge Gedanken und Erinnerungen aus einer Zeit haben, die noch vor ihm liegt?
Im Nachhinein wusste er es aber und dieser heranwachsende Jugendliche erlebte es noch sehr oft.
Diese Augenblicke und Zustände, in welchen plötzliche Bilder und Erinnerungen von Begebenheiten auftauchen, die Jahre später erst Wirklichkeit wurden.
Manchmal waren es Träume und Bilder als Ergebnis zermarternder Rauschzustände nach Alkoholexzessen. Später dann aber oft auch plötzliche Eingebungen und Einblendungen von bunten Mosaiksteinen ferner Erinnerungen nach völligen körperlichen und geistigen Schwächeanfällen.
Vielleicht hat sogar jeder Mensch, in jedem Augenblick seines Daseins schon alle diese fernen Erinnerungen und Erlebnisse in sich? In seinem Kopf und seinem Körper? Bestimmt wird es so sein! Nur leider können nur die Wenigsten damit etwas anfangen. Können nur so Wenige diese Lichtblicke auf ihr kommendes Leben deuten und bewusst damit umgehen. Sprich, Ihrem Leben damit einen neuen Sinn geben.
Im Einschlafen, in diesem Dämmerzustand zwischen noch wach sein und schon träumen, hörte der Junge noch immer die Stimme des Fremden neben ihm weiterreden:
„Ja, auch ich war heute schon tot, oder besser, auf dem Weg dorthin.
Und auf diesem Weg zwischen Raum und Zeit, zwischen diesen Millionen von Erinnerungssteinen, die dort in die Unendlichkeit fliegen, sind wir uns begegnet. In diesem schwarzen Loch, wo es keine Zeit mehr gibt, sind wir mit unseren Gedanken und Erinnerungen verschmolzen worden. Der alte Mann und der Jüngling.
Der gefüllte Krug voller Leben und der Becher, der beginnt sich mit dem kostbaren Lebenssaft zu füllen.“
Er hatte es schön ausgedrückt. Als Kind und Jugendlicher hatte der Junge immer diese utopischen Bücher gelesen. Von den Geschichten der Raumfahrer, die mit Lichtgeschwindigkeit durch das All fliegen. Von fernen Planeten, von zeitlosen, schwarzen Löchern und von besseren Menschen, die vielleicht dort oben irgendwo wohnen und ihn vielleicht irgendwann mitnehmen würden. Die ihn abholen würden aus dieser elenden Zwischenstation, wo er wohl nur aus Zufall hingeraten war. Raus aus diesem Zimmer und endlich fort von dieser Familie, wo Liebe nie zu Hause war. Weg, auch weit weg von dieser entsetzlichen Kleinstadt, wo er diese quälende Kindheit verbringen musste.
Doch der Fremde neben ihm war noch lange nicht am Ende seiner Erzählung:
„Es ist verrückt. Es ist merkwürdig. Diese Dinge passieren einfach so. Es ist nicht so, dass man sich sagt, jetzt ist es vorbei. Jetzt werde ich sterben. Nein, das Schicksal schlägt zu, wenn man es überhaupt nicht erwartet. Ob die Zeit reif ist oder nicht. Niemand fragt danach. Ganz plötzlich steht ER da. Der TOD. Er kommt in Bruchteilen einer Sekunde, nimmt Dich mit und manchmal entscheidet ER doch noch im letzten Moment, Dich an das Leben zurück zu geben. Keiner weiß warum. Keiner weiß, wem diese Gnade beschieden ist. Aber ich denke, wer ein großes Herz hat und mit allen Sinnen durch dieses Leben geht, hat die besten Chancen, in diesem kurzen Moment der Ewigkeit auf diese Gnade zu hoffen.“
„Warum …, warum warst Du heute tot? Ich meine, Du hast doch gesagt, dass Dir so etwas auch passierte, heute?“, fragte ihn darauf irritiert der Junge, der nun fürs erste aufgegeben hatte, einschlafen zu können.
„Heute …. Ich weiß nicht …. Heute, gestern, morgen … es ist passiert., sagte der Unbekannte sehr rätselhaft.
„Es ist passiert.“, wiederholte er nachdenklich.
„Es gibt Momente im Leben, da scheint es nicht mehr weiter zu gehen. Das kommt manchmal unvermittelt. Aber das hatte ich ja schon gesagt. Ich meine, in dem einen Moment glaubt man vor Glück zu zerspringen, um kurz danach festzustellen, dass alles nur ein großer Irrtum ist. Man sich nur wieder einmal selbst betrogen hat. Und …, dass es wirklich kein Zurück mehr gibt, keinen Ausweg.
Eigentlich waren es die Vögel, diese vielen schwarzen Vögel.
Ich stand am Fenster meiner Berliner Wohnung. Erst waren es nur Wenige, dann wurden es immer mehr. Dieser Oktobertag begann eigentlich mit Sonne, Licht und … mit meinem neuen Optimismus.
Wie gesagt, es wurden Hunderte und es kamen immer mehr dazu. Auf einmal flogen tausende, schwarze Vögel an meinem Fenster vorbei. Sie schienen im Kreis zu fliegen. Immer wieder. Der Himmel war schon bald nicht mehr zu sehen. So viele Vögel flogen mittlerweile zwischen diesen beiden Hochhäusern. Bis zum Horizont sah man nur noch diese vielen schwarzen Vögel.
Die Inder glauben, dass in jedem Tier ein gestorbener Mensch verborgen ist. Samsara, die Reinkarnation, der Glaube an die immer wiederkehrende Wiedergeburt.
Auf einmal, als die Anzahl der schwarzen Vögel schon bedrohliche Ausmaße anzunehmen schien, schlug urplötzlich auch das Wetter um. Es wurde neblig und ein leichter Regen verstärkte noch den, nunmehr gespenstigen, unheimlichen Eindruck.
Die Schwärme der unzähligen, furchteinflößenden Tiere flogen nun schon so dicht an meinem geöffneten Fenster vorbei, dass ich nur die Hand ausstrecken musste, um sie zu berühren.
Was war das? Was passierte hier? Sind es tatsächlich die Seelen toter Menschen? Die Schreie ihres vergangenen Lebens? Ist jeder dieser tausenden, schwarzen Vögel das Zeugnis einer vergangenen Existenz? Vielleicht drückt jeder dieser entsetzlich anzuhörenden Schreie den Schmerz aus, den irgendein Mensch verspürte im Angesicht des Todes? Im Angesicht dessen, nie irgendetwas Sinnvolles im Leben getan zu haben? Nie im Leben seine Ziele erreicht zu haben … und unverrichteter Dinge sein Leben beenden zu müssen?
Oh Gott, … nun wurde es mir bewusst. Dieses Schauspiel hier oben, über den Dächern der Hochhäuser, war allein für mich gedacht. Diese nun abertausenden, da oben fliegenden, schwarzen Menschenseelen, riefen nach mir.
Also war die Zeit reif?
Nun war also meine Zeit gekommen … zu gehen, mitzufliegen, dachte ich bei mir! Ich musste nur noch aus diesem Fenster springen, um mich einzureihen dort in den verwunschenen Vogelschwarm der unglücklichen, schwarzen Seelen.
Ja, um wahrscheinlich zusammen mit diesen, in schwarze Vögel verwandelten Sklaven, die nächsten Jahrhunderte ruhelos in den finstersten Winkeln der Großstädte zu verbringen. Solange, bis vielleicht nach tausend Jahren Irgendjemand diese verzauberten Seelen von Ihrem Schicksal befreit.
Ich wäre also verdammt, zusammen mit diesen, dem Teufel geweihten, schwarzen Gestalten, für alle Zeiten in Nebel, Kälte und Regen ruhelos über die Dächer von Berlin zu fliegen.
Ja, so sollte es wohl dann auch mein Schicksal sein, zur Strafe immer wieder vorbei zu gleiten an den vielen illuminierten Fenstern.
Dabei das pulsierende Leben zufriedener Menschen hinter diesen Fenstern zu sehen, um ständig und immer wieder dabei diesen Schmerz zu erfahren…, nicht mehr aus diesem vergangenen Leben gemacht zu haben.
Und dort, in diesem Hochhaus, wo ich einst Zuhause war, in diesem Zimmer am Schreibtisch, wird Jemand sitzen, der so aussieht wie ich.
Man kann sehen, dass er glücklich und zufrieden ist. Mit sich und der Welt ist er völlig im Reinen. Neben ihm steht eine wunderschöne Frau und er schreibt gerade das Buch seines Lebens.
Und ein unwirkliches, zauberhaftes Licht legt sich über diese beiden wunderbaren Menschen!
Ja, IHRE Seelen werden einst weiße Kraniche sein!
Große weiße Vögel, die, von der wärmenden Sonne begleitet, nach Süden fliegen werden. Dorthin, wo es keine grauen Hochhäuser gibt. Dorthin, wo nur endlose Strände sind und man nur das Rauschen des Meeres hört.
Was war nur los mit mir? Was für unheilvolle Gedanken gingen mir da durch den Kopf? War ich lebensmüde? Wollte da etwa dieses zweite Ich in meinem Körper, dass es zu Ende geht, dass ich sterben sollte?
Oder war es einfach die Vernunft, die sagte, es hat alles doch keinen Sinn mehr? Geh mit Anstand, aber geh!
Und in der Tat, so wurde mir bewusst, warum auch nicht?
Gab es überhaupt irgendeinen sinnvollen Grund noch für mich, weiter zu leben? Nein, den gab es nicht mehr. Und ich erschauderte, weil ich mir endlich die Wahrheit eingestehen musste. Die ungeschminkte Wahrheit war nämlich, dass ich nun schon wieder Jahre vom Weg abgekommen war. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr mir einredete, irgendwann wieder neu zu beginnen.
Aber es würde nicht mehr passieren.
Fehlte die Kraft? Fehlte der Willen? Fehlte der Sinn zum Weiterleben?
Selbst diese Fragen konnte ich mir nicht beantworten.
Das Einzige, was wohl passieren würde, wäre wohl, mich einfach weiter treiben zu lassen. Diesen tristen Alltag fortzuführen und immer wieder alle Gedanken zu verdrängen, die manchmal aufkamen. Diese Erinnerungen, die ab und zu an früher erinnerten. Früher, als ich noch erfolgreich in diesem Leben gekämpft und gesiegt habe.
Ja, das alles wurde mir mit einem Mal bewusst.
Ich dachte bei mir …, ja, ich sollte jetzt gehen. Warum auch nicht?
Warum nicht mitfliegen mit diesen Vögeln?
Was ist schon dabei, sich einzureihen in die hunderttausenden, schwarzen, unglücklichen Seelen? Ich bin schließlich nicht allein. Das ist wohl immer der Trost der Menschen …, dass es den anderen nicht besser ergeht. Dass Millionen den gleichen, unglücklichen Weg gewählt haben.
