Nostromo - Joseph Conrad - E-Book

Nostromo E-Book

Joseph Conrad

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Beschreibung

Nostromo ist ein im Jahre 1904 erschienener komplexer politischer Roman des englischsprachigen Schriftstellers Joseph Conrad. Schauplatz des Romans ist die fiktive Republik Costaguana. Sie steht für ein Klischee Südamerikas, in dessen Geschichte Bürgerkriege und Diktaturen ständig wechseln. In diesem politisch angelegten Roman entwirft Conrad einen sehr komplexen Ausblick auf die Historie dieser fiktiven Republik.

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Nostromo

Joseph Conrad

Inhalt:

Joseph Conrad – Biografie und Bibliografie

Nostromo

Vorbemerkung des Verfassers

Erster Teil - Das Silber der Mine

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

Zweiter Teil - Die Isabellen

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

Dritter Teil - Der Leuchtturm

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

Nostromo, J. Conrad

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849607821

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Joseph Conrad – Biografie und Bibliografie

Britischer Schriftsteller, geboren am 3. Dezember 1857 in Berditschew (Polen), verstorben am 3. August 1924 in Bishopsbourne, England. Sohn des polnischen Adligen und Schriftstellers Apollo Korzeniowski. Dieser wurde 1861 wegen nationalistischer Tätigkeiten nach Wologda in Nordrußland verbannt. Seine Familie folgte ihm dorthin. Nach dem Tod der Mutter wurde der Vater begnadigt und zog mit seinem Sohn nach Krakau, wo C. das Gymnasium besuchte. Mit 16 Jahren, nach dem Tod des Vaters 1869, zieht es C. zur See und er heuert in Marseille als Seemann an. Nach einigen Besuchen auf der Insel zieht er nach England und erhält 1886 die britische Staatsbürgerschaft.  Ab 1890 beginnt C. zu schreiben, sein Durchbruch als einer der wichtigsten Autoren des frühen 20. Jahrhunderts erfolgt aber erst 1914. Er stirbt 1924 an Herzversagen.

Wichtige Werke:

Almayer's Folly: A story of an Eastern River (1895)An Outcast of the Islands (1895)The Nigger of the "Narcissus" (1897)Lord Jim (1900)Heart of darkness (1902)Nostromo: A Tale of the Seaboard (1904)The Secret Agent (1907)Under Western Eyes (1911)Chance (1914)Victory (1915)The Shadow-Line (1917)The Arrow of Gold (1919)The Rescue (1920)The Rover (1923)Suspense (1925)

Nostromo

Vorbemerkung des Verfassers

Nostromo ist die am sorgfältigsten durchdachte der längeren Erzählungen aus der Zeit nach der Veröffentlichung des Novellenbandes Taifun.

Ich will nicht sagen, daß mir damals etwa ein Wechsel in meiner Einstellung auf meine künstlerische Aufgabe zum Bewußtsein gekommen wäre. Und vielleicht hat es einen solchen Wechsel auch gar nicht gegeben, außer in jenem geheimnisvollen, unterbewußten Punkt, der mit den Kunsttheorien nichts zu tun hat; einen kaum merklichen Wechsel in der Art der Eingebung; ein Phänomen, für das ich in keiner Weise verantwortlich zu machen bin. Was mich allerdings etwas beunruhigte, war der Umstand, daß ich nach Beendigung der letzten Novelle von "Taifun" irgendwie das Gefühl hatte, es wäre über nichts in der Welt mehr zu schreiben.

Diese eigenartig verneinende und beunruhigende Stimmung hielt geraume Zeit an; und dann entstand in mir, wie bei vielen meiner längeren Erzählungen, der erste Gedanke für "Nostromo" in Gestalt einer flüchtigen Anekdote, ohne verwendbare Einzelheiten.

Tatsächlich hatte ich im Jahre 1875 oder 1876, als ganz junger Mensch, in Westindien oder vielmehr im Golf von Mexiko, denn meine Berührungen mit dem Lande waren kurz, selten und flüchtig, die Geschichte eines Mannes gehört, von dem es hieß, er habe ganz allein eine Leichterladung Silber gestohlen, irgendwo an der Küste der Tierra Firme, während der Wirren einer Revolution.

Auf den ersten Blick erschien dies als etwas wie eine Tat. Aber ich hörte keine Einzelheiten, und da mir das Interesse für das Verbrechen als solches fehlt, so war kaum anzunehmen, daß mir dies eine im Gedächtnis bleiben sollte. Und ich vergaß es auch, bis ich sechs- oder siebenundzwanzig Jahre später darauf stieß, in einem schundigen Büchlein, das ich in der Auslage eines Althändlers aufgestöbert hatte. Es war die Lebensgeschichte eines amerikanischen Seemanns, von ihm selbst unter Beihilfe eines Journalisten geschrieben. Im Laufe seiner Wanderjahre hatte dieser amerikanische Matrose einige Monate lang an Bord des Schoners gedient, dessen Eigner und Schiffer der Dieb war, von dem ich in meinen jungen Tagen gehört hatte. Darüber habe ich nicht den geringsten Zweifel, denn es könnte ja schwerlich zwei Unternehmungen der gleichen besonderen Art, im gleichen Teil der Welt geben, beide in Verbindung mit einer südamerikanischen Revolution.

Der Bursche hatte es tatsächlich fertiggebracht, einen Leichter voll Silber zu stehlen, und zwar, wie es scheint, einfach deswegen, weil ihm seine Dienstgeber blind vertrauten, die auffallend schlechte Menschenkenner gewesen sein müssen. In der Lebensgeschichte des Matrosen erscheint dieser Mann als ein ruchloser Schurke, ein niedriger Betrüger, sinnlos roh und übellaunig, von gemeinem Aussehen und gänzlich unwürdig der Größe, zu der ihm der Zufall verhelfen hatte. Merkwürdig war es, daß er sich seiner Tat offen rühmte.

Er pflegte zu sagen: "Die Leute glauben, daß ich mit meinem Schoner da eine Menge Geld verdiene, aber das ist gar nichts. Ich schere mich nicht drum. Ab und zu gehe ich ruhig hin und hole mir einen Silberbarren. Ich muß langsam reich werden – du verstehst."

Der Mann wies noch einen anderen merkwürdigen Wesenszug auf. Einmal, bei Gelegenheit irgendeines Streites, drohte ihm der Matrose: "Was sollte mich abhalten, an Land wiederzuerzählen, was Sie mir von dem Silber gesagt haben?"

Der zynische Gauner war nicht im geringsten bestürzt. Er lachte sogar: "Du Narr, wenn du es wagst, an Land so über mich zu sprechen, so wirst du ein Messer in den Rücken bekommen. Jeder, Mann, Weib und Kind, in dem Hafen ist mir freund. Und wer will beweisen, daß der Leichter nicht gesunken ist? Ich habe dir nicht gezeigt, wo das Silber verborgen ist, oder? So weißt du gar nichts. Und wenn ich gelogen hätte? He?"

Schließlich brannte der Matrose von dem Schoner durch, angewidert von der schmutzigen Gemeinheit dieses so gar nicht reumütigen Diebes. Der ganze Vorfall nimmt etwa drei Seiten seiner Lebensgeschichte ein. Kaum der Rede wert; als ich sie aber überflog, da weckte die merkwürdige Bestätigung der wenigen, zufälligen Worte, die ich in frühester Jugend gehört hatte, die Erinnerung an jene ferne Zeit, da alles so frisch gewesen war, so überraschend, so abenteuerlich und reizvoll. Fremde Küstenstriche unter den Sternen, Hügelschatten im Sonnenschein, menschliche Leidenschaften im Dunkeln, halbvergessene Worte, entschwundene Gesichter ... Vielleicht, vielleicht gab es doch noch etwas in der Welt, worüber sich schreiben ließ. Dennoch sah ich zunächst nichts davon in der bloßen Erzählung. Ein Gauner stiehlt eine große Menge einer wertvollen Ware – so sagen die Leute. Es ist entweder wahr oder unwahr; und keinesfalls an sich wichtig. Eine umständliche Geschichte dieses Diebstahls zu erfinden, reizte mich nicht, denn da meine Begabung nicht in dieser Richtung liegt, so schien mir der Lohn nicht der Mühe wert. Erst als es mir aufdämmerte, daß der Schatzdieb nicht notwendig ein überzeugter Schuft gewesen sein mußte, daß er vielleicht sogar ein Mann von Charakter sein konnte, der während der Wechselfälle der Revolution eine Rolle gespielt hatte, etwa auch ihr Opfer gewesen war: – da erst erschien mir in dämmerigen Umrissen das Land, das bestimmt war, die Provinz von Sulaco zu werden, mit seiner hohen, schattigen Sierra und seinem nebligen Campo, als stummen Zeugen der Geschehnisse, die sich aus den Leidenschaften der im Guten und im Bösen kurzsichtigen Menschen ergeben.

Dies sind tatsächlich die ersten Ansätze zu »Nostromo« – dem Buch. Von jenem Augenblick an, glaube ich, mußte es entstehen. Doch zögerte ich selbst dann noch, als hätte mich der Selbsterhaltungstrieb gewarnt, mich auf eine weite und mühsame Reise zu wagen, in ein Land voll Unruhen und Gefahren. Doch es mußte sein.

Der größte Teil der Jahre 1903 und 1904 ging darüber hin, unterbrochen durch vielfach wiederholtes Zögern, um mich nicht ganz in die ungemessenen Weiten zu verlieren, die sich mit der fortschreitenden Kenntnis des Landes vor mir auftaten. Oft auch, wenn ich mich in den verwickelten Verhältnissen der Republik festgerannt hatte, packte ich, bildlich gesprochen, meinen Koffer, floh von Sulaco, um Luftwechsel zu haben, und schrieb ein paar Seiten an »Im Spiegel der See«. Im ganzen genommen aber währte, wie schon gesagt, mein Aufenthalt in Lateinisch-Amerika, das für seine Gastlichkeit berühmt ist, ungefähr zwei Jahre. Bei meiner Rückkehr fand ich (um etwa mit Kapitän Gulliver zu sprechen) meine Familie wohlauf, meine Frau herzlich erfreut darüber, daß der Trubel ein Ende hatte, und meinen kleinen Jungen während meiner Abwesenheit beträchtlich gewachsen.

Meine Hauptquelle für die Geschichte von Costaguana ist natürlich mein verehrter Freund, der verstorbene Don José Avellanos, Gesandter an den Höfen von England, Spanien usw. usw., mit seiner unparteiischen und beredten »Geschichte von fünfzig Jahren Mißwirtschaft«. Dieses Werk wurde nie veröffentlicht – der Leser wird entdecken, warum –, und ich bin tatsächlich der einzige Mensch in der Welt, der um seinen Inhalt weiß. Ich habe mich in nicht wenig Stunden ernsten Nachdenkens damit vertraut gemacht und hoffe, daß man meiner Gründlichkeit Glauben schenken wird. Um mir selbst Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und die Befürchtungen weitsichtiger Leser zu beschwichtigen, möchte ich betonen, daß die wenigen historischen Anspielungen niemals nur zu dem Zwecke gemacht sind, um mit meinem einzigartigen Wissen zu prunken, sondern daß jede einzelne davon eng mit der Handlung verknüpft ist: indem sie entweder ein Streiflicht auf laufende Vorkommnisse wirft oder sich unmittelbar auf die Schicksale der handelnden Personen bezieht.

Was nun die Einzelschicksale angeht, so habe ich mich bemüht, sie alle – Aristokraten und Volk, Männer und Frauen, Romanen und Angelsachsen, Banditen und Politiker – mit so kühler Hand zu zeichnen, wie es in der Hitze und im Drang meiner eigenen widerstreitenden Gefühle nur möglich war. Und schließlich ist ja dies auch die Geschichte ihres eigenen Widerstreits. An dem Leser wird es liegen, zu entscheiden, inwieweit sie Anteilnahme verdienen, für ihre Taten und ihre geheimen Ziele, wie sie sich unter dem bitteren Zwang der Zeit enthüllen. Ich gestehe, daß für mich jene Zeit die Zeit treuer Freundschaft und unvergessener Gastlichkeit ist. Und hier muß ich dankbar der Frau Gould gedenken, der »ersten Dame von Sulaco«, die wir mit gutem Gewissen der stillen Verehrung des Dr. Monygham überlassen dürfen, und ihres Mannes Charles Gould, des idealistischen Schöpfers materieller Interessen, den wir seiner Mine überlassen müssen – von der es in dieser Welt kein Entrinnen gibt.

Über Nostromo, den zweiten der beiden nach Rasse und Gesellschaftsschicht so verschiedenen Männer, die beide im Bann des Silbers aus der San Tomé-Mine stehen, muß ich noch ein paar Worte mehr sagen.

Ich hatte keine Bedenken, diese Hauptfigur zum Italiener zu machen. Es ist vor allem durchaus glaubhaft: die westliche Provinz wimmelte damals von Italienern, wie jeder beim Weiterlesen sehen wird; und zweitens paßte kein anderer so gut an die Seite Giorgio Violas, des Garibaldiners, des Idealisten aus der Zeit der alten menschenfreundlichen Revolutionen. Ich brauchte dafür einen Mann aus dem Volke, so frei wie möglich von gesellschaftlichem Herkommen und jeder festgelegten Denkweise. Das soll kein Seitenhieb auf das Herkommen sein. Meine Gründe waren nicht moralischer, sondern künstlerischer Art. Wäre der Held ein Angelsachse gewesen, so hätte er versucht, in die Lokalpolitik hineinzukommen. Nostromo aber zeigt keinen Ehrgeiz nach einer Führerrolle. Er wünscht sich nicht über die Masse zu erheben, ist zufrieden, sich als eine Macht zu fühlen – inmitten des Volks.

Hauptsächlich aber ist Nostromo, was er ist, weil mir die erste Idee zu seiner Gestalt in früheren Tagen von einem mittelländischen Matrosen kam. Alle, die bestimmte meiner Werke gelesen haben, werden sofort verstehen, was ich meine, wenn ich sage, daß Dominic, der Schiffer der Tremolino, unter gewissen Umständen hätte Nostromo sein können. Auf jeden Fall hätte Dominic den jüngeren Mann vollauf, wenn auch mit Geringschätzung, verstanden. Er und ich waren zusammen in ein ziemlich törichtes Abenteuer verwickelt; aber die Torheit tut ja nichts zur Sache. Es ist mir eine ehrliche Genugtuung, zu denken, daß in meinen ganz jungen Tagen doch etwas in mir gewesen sein muß, wertvoll genug, um mir jenes Mannes halb bittere Treue zu sichern, seine halb spöttische Ergebenheit. Viele Aussprüche Nostromos habe ich zuerst von Dominics Lippen gehört. Die Hand auf der Ruderpinne und mit furchtlosen Augen den Horizont absuchend, unter der mönchischen Kapuze hervor, die sein Gesicht beschattete, pflegte er seiner bitteren Weisheit letzten Schluß zu murmeln: "Vous autres gentilhommes!" in einem beißenden Ton, der mir noch im Ohre klingt. Wie Nostromo! "Ihr bombres finos!" Ganz wie Nostromo. Doch Dominic, der Korsikaner, hatte einen gewissen Ahnenstolz, von dem mein Nostromo frei ist – denn Nostromos Abstammung mußte noch älter sein. Er ist ein Mann mit dem Gewicht zahlloser Geschlechter hinter sich und ohne Verwandtschaft, deren er sich rühmen könnte ... wie das Volk.

In seinem festen Griff nach der Erde, die sein Erbteil ist, in seiner schrankenlosen Großmut, seiner verschwenderischen Freigebigkeit, seiner männlichen Eitelkeit; im dunklen Gefühl seiner Größe, wie in seiner treuen Hingabe und dem Etwas in seinen Trieben, das Verzweiflung weckt und aus Verzweiflung stammt, – in all dem ist er ein Mann des Volks, ein Sinnbild neidloser Kraft, die es ablehnt, zu führen, doch von innen heraus herrscht. Auch in späteren Jahren, als der berühmte Kapitän Fidanza, dem Wohl des Landes verbunden und auf allen seinen vielen Wegen in den neuzeitlich umgestalteten Straßen von Sulaco von ehrfürchtigen Blicken verfolgt; wenn er die Witwe des Hafenarbeiters besucht, der Loge beiwohnt, in unbewegtem Schweigen bei einer Volksversammlung anarchistischen Reden zuhört; als das geheime Haupt der neurevolutionären Bewegung, als der wohlhabende Genosse Fidanza, dem alle vertrauen und der das Geheimnis seines sittlichen Niederbruchs in seiner Brust verschlossen trägt: – immer bleibt er im Wesen ein Mann des Volks. In seinem Gemisch aus Lebenslust und Verachtung des Lebens, in der brennende« Überzeugung, verraten worden zu sein, verraten zu sterben, ohne zu wissen von wem oder von was: in all dem ist er immer wieder ein Mann des Volks, der über jeden Zweifel große Mann – mit seiner eigenen Privatgeschichte.

Noch eine Gestalt aus diesen bewegten Zeiten möchte ich erwähnen, und das ist Antonia Avellanos, "die wunderschöne Antonia". Ob sie eine denkbare Vertreterin des südamerikanischen Mädchens ist, möchte ich nicht zu entscheiden wagen. Für mich aber ist sie es. Wenn sie auch neben ihrem Vater (meinem verehrten Freund) immer ein wenig im Hintergrund bleibt, so ist sie doch, hoffe ich, genügend herausgearbeitet, um das, was ich sagen will, verständlich zu machen. Von all den Leuten, die mit mir die Geburt der Westlichen Republik mitangesehen haben, ist sie die einzige, die sich in meinem Gedächtnis ein Weiterleben gesichert hat. Antonia, die Aristokratin, und Nostromo, der Mann aus dem Volke, sind die Werkleute der neuen Zeit, die wahren Schöpfer des neuen Staates; er durch seine sagenhafte, kühne Tat, sie als Frau, einfach durch die Macht ihres Daseins: das einzige Wesen, das fähig war, eine wahre Leidenschaft im Herzen eines Schwätzers zu wecken.

Wenn etwas mich verleiten könnte, Sulaco nochmals zu besuchen (es wäre mir verhaßt, all die Veränderungen sehen zu müssen), dann wäre es Antonia. Und der wahre Grund dafür – warum es nicht offen zugeben? –, der wahre Grund ist, daß ich sie nach dem Bild meiner ersten Liebe geformt habe. Wie blickten doch wir alle, aufgeschossene Schuljungen, die Kameraden ihrer Brüder, wir alle, zu dem Mädchen auf, das selbst die Schule kaum verlassen hatte. Sie erschien uns als die Verkörperung eines Glaubens, zu dem wir alle geboren waren, den aber sie allein mit unbeugsamer Hoffnung hochzuhalten wußte. Sie hatte vielleicht mehr Glut und weniger Seelenruhe in sich als Antonia, doch war sie eine unerbittliche Puritanerin der Vaterlandsliebe, ohne den leisesten Makel von Weltlichkeit in ihren Gedanken. Ich war damals nicht der einzige, der sie liebte, doch war ich es, der am öftesten (ganz wie der arme Decoud) ihre scharfe Kritik an meiner Leichtfertigkeit anzuhören oder dem Ansturm ihrer erhabenen, unwiderlegbaren Angriffe standzuhalten hatte. Sie verstand mich nicht ganz – doch was tat das! An einem Nachmittag, als ich zu ihr kam, ein furchtsamer und doch trotziger Sünder, um ihr ein letztes Lebewohl zu sagen, da empfing ich einen Händedruck, der mein Herz aufpochen ließ, und sah eine Träne, die mir den Atem nahm. Schließlich wurde sie milder, als hätte sie plötzlich begriffen (wir waren noch solche Kinder!), daß ich wirklich und wahrhaftig wegging, weit weg – nach Sulaco sogar, das unbekannt, unseren Augen verborgen, im Dunkel des stillen Golfs lag.

Darum sehne ich mich mitunter, nochmals die »wunderschöne Antonia« (oder sollte es die andere sein?) zu sehen, wie sie sich im Düster der großen Kathedrale bewegt, ein kurzes Gebet am Grab des ersten und letzten Kardinalerzbischofs von Sulaco spricht, in töchterliche Hingabe verloren vor dem Denkmal des Don José Avellanos verweilt und mit einem langen, innigen, treuen Blick auf die Gedenktafel für Martin Decoud abgeklärt in den Sonnenschein der Plaza hinaustritt, mit ihrer aufrechten Haltung und dem weißen Haupt; ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, unbeachtet von den Menschen, die ungeduldig das Morgenrot einer anderen Neuen Ära erwarten, das Kommen immer neuer Revolutionen.

Doch dies ist der törichtste aller Träume; denn ich habe vollkommen begriffen, daß von dem Augenblick an, wo der Atem dem Körper des Großen Capataz, des Mannes aus dem Volke, entflohen war, endlich erlöst von der Last der Liebe und des Reichtums – daß von diesem Augenblick an für mich in Sulaco nichts mehr zu tun blieb.

Erster Teil - Das Silber der Mine

I

Zur Zeit der spanischen Herrschaft, und noch viele Jahre nachher, hatte die Stadt Sulaco – von ihrem Alter zeugt die üppige Pracht der Orangengärten – in geschäftlicher Hinsicht höchstens als ein Küstenhafen mit beträchtlichem Lokalverkehr in Ochsenhäuten und Indigo einige Bedeutung gehabt. Für die klobigen Hochseegalionen der Eroberer hatte sich der Hafen von Sulaco wegen der in dem weiten Golf vorherrschenden Windstillen verboten; denn die brauchten eine scharfe Brise, um überhaupt vom Fleck zu kommen, wo einer der modernen Schnellsegler beim bloßen Flattern der Leinwand noch Fahrt macht. Einige Häfen in der Welt sind schwer zu erreichen infolge heimtückischer Unterwasserklippen und der Stürme an ihren Küsten. Sulaco lag wie in einem unverletzlichen Heiligtum geborgen vor den Versuchen der Handelswelt, in der feierlichen Stille des tiefen Golfo Placido, wie in einem ungeheuren, halbkreisförmigen Tempel ohne Dach, zur See zu offen, die Wände aus hohen Bergen mit den Trauertüchern der Wolken verhängt.

Auf der einen Seite dieser breiten Einbuchtung in der geraden Küstenlinie der Republik Costaguana läuft das Land in eine unbedeutende Spitze aus, die Punta Mala heißt. Von der Mitte des Golfs aus ist diese Landspitze überhaupt nicht sichtbar; nur der Kamm eines steilen Hügels, der sich darauf erhebt, ist undeutlich auszunehmen, wie ein Schatten am Himmel.

Auf der andern Seite zeichnet sich gegen die dunstige Glut des Horizonts etwas wie ein schwebender bläulicher Nebelfleck ab. Das ist die Halbinsel Azuera, ein wildes Gewirr scharfer Felsen und steiniger Gleichstrecken, von senkrechten Schluchten zerrissen. Sie ragt weit in die See hinaus, als streckte die grüne Küste an dünnem Hals aus Sand, von Dorngebüsch umwuchert, ein rauhes Haupt aus Stein vor. Gänzlich wasserlos – denn die Regen laufen sofort nach allen Seiten ins Meer ab –, hat die Halbinsel, so heißt es, nicht Humus genug, um auch nur einen Grashalm sprießen zu lassen, als lastete ein Fluch auf ihr. Die Armen, die aus einem dunklen Bedürfnis nach Trost die Begriffe von Böse und Reich verquicken, erzählen, die Insel wäre so tot wegen ihrer verwunschenen Schätze. Das gemeine Volk aus der Nachbarschaft, Peons von den Estanzias, Vaqueros von den Ebenen längs der Küste, unterworfene Indianer, die meilenweit zu Markt kommen, mit einem Bündel Zuckerrohr oder einem Korb Mais im Werte von ein paar Pfennigen – sie alle glauben fest, daß Haufen glänzenden Goldes im Düster der tiefen Schluchten liegen, die die steinige Hochfläche von Azuera durchschneiden. Die Überlieferung will wissen, daß viele Abenteurer früherer Zeiten bei der Suche umgekommen sind. Es geht auch die Rede, daß noch zu Gedenkzeiten der Lebenden zwei wandernde Seeleute – Americanos vielleicht, jedenfalls aber Gringos irgendwelcher Art – einen verspielten, nichtsnutzigen Mozo überredet und zu dritt einen Esel gestohlen hatten, der ihnen ein wenig Dürrholz, einen Wasserschlauch und Proviant für ein paar Tage tragen sollte. So begleitet, mit Revolvern im Gürtel, hatten sie sich aufgemacht, um sich mit Buschmessern einen Weg durch das Dorndickicht am Halse der Halbinsel zu bahnen.

Am zweiten Abend war seit Menschengedenken zum erstenmal eine gerade Rauchsäule zu sehen (sie konnte nur von dem Lagerfeuer der drei herrühren), die sich von einem messerscharfen Grat auf dem felsigen Haupt schwach gegen den Abendhimmel abhob. Die Mannschaft eines Küstenschoners, der in toter Flaute drei Meilen von der Küste weg stillag, starrte verblüfft bis zum Dunkelwerden darauf hin. Ein schwarzer Fischer, der einsam in einer kleinen Bucht nahebei lebte, hatte den Aufbruch mitangesehen und auf ein Zeichen gelauert. Er rief seine Frau hinzu, als die Sonne eben im Untergehen war. Sie hatten das seltsame Wahrzeichen mit Neid, Ungläubigkeit und Schaudern beobachtet.

Die gottlosen Abenteurer gaben kein andres Zeichen mehr. Die Matrosen, der Indianer und der gestohlene Esel wurden nie wieder gesehen. Dem Mozo, einem Mann von Sulaco – sein Weib hatte ein paar Messen bezahlt – und dem armen Vierfüßler, ihnen war es wohl vergönnt, zu sterben; die zwei Gringos aber sollen gespensterhaft lebend noch bis zu diesem Tage zwischen den Felsen hausen, im Bann ihres Erfolges. Ihre Seelen können sich nicht von den Leibern losreißen, die über dem entdeckten Schatz Wache halten. Sie sind nun reich und hungrig und durstig – eine seltsame Vorstellung von hartnäckigen Gringogespenstern, die in ihrem verdorrten, versengten Fleisch leiden, wo ein Christenmensch verzichtet hätte und erlöst worden wäre.

Dies also sind die sagenhaften Bewohner von Azuera, die die verwunschenen Schätze hüten; und der Schatten am Himmel auf der einen Seite, der schwimmende bläuliche Nebelfleck auf der andern kennzeichnen die äußersten Punkte der tiefen Einbuchtung, die den Namen Golfo Placido trägt, weil nie seit Menschengedenken ein starker Wind ihre Wasser aufgerührt hat.

Beim Passieren der gedachten Linie zwischen Punta Mala und Azuera verlieren die Schiffe, die von Europa nach Sulaco gehen, mit einmal die scharfen Brisen des Ozeans und werden zur Beute launischer Luftströmungen, die oft volle dreißig Stunden lang mit ihnen ihr Spiel treiben. Vor den Schiffen liegt das Innere des stillen Golfs an den meisten Tagen des Jahres unter einer reglosen Schicht opalfarbener Wolken. An den seltenen klaren Morgen liegt ein anderer Sdiatten über der Wasserfläche. Die Morgendämmerung bricht hoch hinter dem aufgetürmten, ragenden Wall der Kordillere an. Dunkle Gipfel schneiden scharf in den Himmel; ihre Steilhänge wachsen aus einem luftigen Unterbau von Urwald, der unmittelbar von der Küste aus ansteigt. Weit über den andern ragt das weiße Haupt des Higuerota majestätisch ins Blau. Ungeheure Gruppen nackter Felsen sprenkeln die ebenmäßige Schneefläche mit schwarzen Tupfen.

Dann, während die Mittagssonne den Schatten der Berge aus dem Golf zurückzieht, beginnen die Wolken aus den niedrigen Tälern hervorzuquellen. Sie verwischen in dunklem Wallen die kantigen Ränder der Schluchten über den bewaldeten Hängen, verhüllen die Gipfel, treiben in windgejagten Fetzen quer über die Schneefelder des Higuerota. Die Kordillere ist dem Blick des Betrachters entrückt, als hätte sie sich in mächtige Schwaden grauen und schwarzen Dunstes aufgelöst, die nun langsam der See zutreiben und in der Tagesglut in nichts zergehen. Die Kante der Nebelwand giert immer nach der Mitte des Golfs, erreicht sie aber nur selten. Die Sonne ißt sie auf, wie die Seeleute sagen. Außer etwa, es löst sich eine dunkle Gewitterwolke von der Hauptmasse, jagt quer über den Golf und erreicht die offene See jenseits Azuera, wo sie dann plötzlich krachend Feuer speit wie ein ungeheures luftiges Piratenschiff, das, hoch über dem Horizont beigedreht, die See angriffe.

Bei Nacht schiebt sich die Wolkenmasse weiter am Himmel vor und hüllt den ruhigen Golf darunter in undurchdringliche Finsternis, in der man bald da, bald dort plötzlich Regenschauer prasseln hört. Tatsächlich sind diese umwölkten Nächte sprichwörtlich unter den Seeleuten längs der ganzen Westküste eines großen Erdteils. Himmel, Land und See schwinden zugleich aus der Welt, wenn der Placido, wie die Leute es ausdrücken, sich unter seinem schwarzen Poncho zur Ruhe legt. Die wenigen Sterne, die gegen die See zu, unterhalb der Kante der Wolkenbank, übrigbleiben, leuchten schwach wie vor dem Schlund einer schwarzen Höhle. Unter der lastenden Decke treibt dein Schiff unsichtbar unter deinen Füßen, die Segel flattern unsichtbar über deinem Kopf, sogar das Auge Gottes, fügen sie lästerlich hinzu, könnte nicht entdecken, welche Arbeit eines Mannes Hand da unten tut; und es stünde dir straflos frei, den Teufel zur Hilfe zu rufen, würde nicht auch seine List an dieser blinden Finsternis zuschanden.

Die Ufer rings um den Golf sind durchaus steil; drei unbewohnte Inselchen wärmen sich im Sonnenschein, gerade außerhalb des Wolkenvorhangs, gegenüber der Einfahrt zum Hafen von Sulaco; es sind die »Isabellen«.

Da ist die Große Isabelle; die Kleine Isabelle, ganz rund, und Hermosa, die kleinste.

Diese letztere ist kaum einen Fuß hoch und etwa sieben Schritt breit, nur eine graue Felsfläche, die nach einem Regen wie ein Aschenhaufen raucht und die niemand vor Sonnenuntergang bloßfüßig betreten würde. Aus der Kleinen Isabelle läßt eine alte, zerzauste Palme mit starkem, stacheligem Stamm, eine wahre Hexe unter Palmen, trübselig ihre dürren Blätter über den spärlichen Sand rascheln. Auf der Großen Isabelle entspringt eine Süßwasserquelle in dem bewachsenen Hang einer Schlucht. Das Eiland ähnelt einem smaragdgrünen, etwa meilenlangen Keil und trägt zwei Waldbäume, die eng zusammenstehen und eine weite Schattenfläche zu Füßen ihrer schlanken Stämme breiten. Eine Schlucht, die sich durch die ganze Länge der Insel zieht, ist dicht mit Büschen bestanden; der Kamm fällt auf der einen Seite als steile Klippe zum Meere ab und verläuft auf der ändern allmählich in einen schmalen Streifen sandigen Ufers.

Von diesem niederen Ende der Großen Isabelle dringt das Auge durch eine Lücke, etwa zwei Meilen weit weg, die wie mit der Axt aus dem regelmäßigen Schwung der Küste ausgehauen ist und gerade in den Hafen von Sulaco führt. Auf der einen Seite kommen die kurzen, waldigen Ausläufer und Täler der Kordillere bis hart an das Ufer herunter, auf der andern Seite verliert sich die große Sulaco-Ebene in das opalfarbene Geheimnis endloser Weite, von trockenem Dunst verhängt. Die Stadt Sulaco selbst – Mauerkämme, große Kuppeln, der Schimmer weißer Balkone inmitten weiter Orangenhaine –, die Stadt liegt zwischen den Bergen und der Ebene, etwas entfernt von ihrem Hafen und nicht in der Sehlinie vom Meere aus.

II

Als einziges Anzeichen geschäftlicher Betriebsamkeit innerhalb des Hafens ist von der Großen Isabelle aus der wuchtige Kopf der hölzernen Landungsbrücke zu erkennen, den die Oceanic Steam Navigation Company (die O. S. N,, wie sie genannt wird) über den seichten Teil der Bucht hat schlagen lassen, bald nachdem sie sich entschlossen hatte, aus Sulaco einen ihrer Anlegehäfen in der Republik Costaguana zu machen. Der Staat weist an seiner langen Küste mehrere Häfen auf, die aber alle – Cayta, einen bedeutenden Platz, ausgenommen – entweder nur kleine, unzugängliche Einlasse in einem Eisenwall darstellen – wie Esmeralda zum Beispiel, sechzig Meilen südlich – oder nur offene Reeden, den Winden ausgesetzt und von der Brandung gepeitscht.

Vielleicht hatten die atmosphärischen Bedingungen, die die Kauffahrer vergangener Zeiten fernhielten, die O. S. N. Kompagnie bewogen, in den heiligen Frieden einzubrechen, in dem Sulaco sein geborgenes Dasein führte. Die umspringenden Brisen, die auf dem weiten Halbkreis der Gewässer innerhalb der Spitze von Azuera ihr Spiel trieben, konnten der Dampfkraft der ausgezeichneten Flotte der Gesellschaft nichts anhaben. Jahr um Jahr waren die schwarzen Leiber ihrer Schiffe die Küste hinauf und hinunter gezogen, hinein und heraus, über Azuera hinaus, über die Isabellen, über die Punta Mala, ohne Rücksicht auf irgend etwas, außer auf die Tyrannei der Zeit. Ihre Namen, alle aus der Mythologie entlehnt, wurden vertraute Worte längs einer Küste, die nie von den Göttern des Olymps beherrscht worden war. Die Juno war lediglich wegen ihrer bequemen Mitschiffksajüten bekannt, der Saturn wegen der guten Laune seines Kapitäns und der prächtigen Vergoldung und Malerei des Salons, während der Ganymed hauptsächlich für Viehtransport eingerichtet war und von Küstenpassagieren besser gemieden wurde. Noch dem letzten Indianer im verlassensten Küstendorf war der Zerberus vertraut, ein kleiner schwarzer Ratterkasten ohne nennenswerte Einrichtung für Passagiere, dessen Aufgabe darin bestand, längs der waldigen Küste unter den schauerlichen Felsen hinzukriechen und verbindlich vor jeder kleinsten Gruppe von Hütten anzuhalten, um Landesprodukte einzunehmen, bis hinunter zu Dreipfundpaketen von Rohgummi, in dürre Blätter verpackt.

Und da sie selten auch nur das kleinste Paket in Verlust gehen ließ, äußerst selten etwa einen Ochsen einbüßte und nie einen einzigen Passagier ertränkt hatte, so stand der Name der O. S. N. in mächtigem Ansehen. Die Leute erkannten an, daß unter der Obhut der Gesellschaft ihr Leben und ihr Eigentum auf dem Wasser sicherer wären als in ihren eigenen Häusern an Land.

Der Inspektor der O.S.N. in Sulaco für den gesamten Dienstzweig Costaguana war überaus stolz auf die Stellung seiner Gesellschaft. Er faßte das in einen Ausspruch zusammen, den er oft im Munde führte: »Wir machen niemals Fehler.« Den Offizieren der Gesellschaft gegenüber wurde es zur eindringlichen Mahnung: »Wir dürfen keine Fehler machen. Ich will hier keine Fehler haben, ganz gleich, was Smith dort drüben auf seiner Seite tut!«

Smith, den er zeit seines Lebens nie mit Augen gesehen hatte, war der andere Inspektor der Gesellschaft, mit dem Dienstsitz etwa fünfzehnhundert Meilen weg von Sulaco. »Reden Sie mir nicht von Ihrem Smith.«

Dann pflegte er sich plötzlich zu beruhigen und den Gegenstand mit gespielter Nachlässigkeit fallen zu lassen.

»Smith weiß von diesem Land nicht mehr als ein Säugling.«

»Unser ausgezeichneter Señor Mitchell« für die Handels- und Beamtenwelt von Sulaco; »der geschwätzige Joe« für die Kapitäne der Gesellschaft, brüstete sich Kapitän Joseph Mitchell mit seiner tiefen Kenntnis von Menschen und Dingen im Lande – den »cosas de Costaguana«. Unter diesen letzteren hob er als äußerst ungünstig für den geordneten Dienst seiner Gesellschaft die häufigen Regierungswechsel hervor, die durch Militärrevolten immer wieder herbeigeführt wurden.

Die politische Atmosphäre der Republik war in jenen Tagen durchaus stürmisch. Die flüchtigen Patrioten der unterlegenen Partei hatten die üble Gewohnheit, immer wieder längs der Küste aufzurauchen, mit einer halben Schiffsladung von Handfeuerwaffen und Munition. Diese Betriebsamkeit erschien Kapitän Mitchell geradezu wunderbar, im Hinblick auf den Zustand völliger Entblößung, in dem die Leute geflohen waren. Er hatte beobachtet, daß sie »niemals genug Kleingeld bei sich zu haben schienen, um die Fahrkarte aus dem Lande hinaus zahlen zu können«, und er konnte aus Erfahrung sprechen; denn bei einer denkwürdigen Gelegenheit war er berufen gewesen, dem Diktator zugleich mit ein paar hohen Beamten von Sulaco (dem Regierungspräsidenten, dem Direktor des Zollamts und dem Polizeichef) das Leben zu retten; die Herren hatten sämtlich einer gestürzten Regierung angehört. Der arme Senñor Ribiera (dies der Name des Diktators) war armselig achtzig Meilen weit über Bergpfade gekommen, nach der verlorenen Schlacht von Socorro, in der Hoffnung, der üblen Kunde den Weg abzulaufen – was er natürlich auf einem lahmen Maultier nicht fertiggebracht hatte, überdies verendete das Tier unter ihm, gerade am Ausgang der Alameda, wo an den Abenden zwischen den Revolutionen mitunter die Militärmusik spielte. »Herr«, pflegte Kapitän Mitchell mit würdigem Ernst fortzufahren, »das unzeitige Ende des Mulos lenkte die Aufmerksamkeit auf den unglücklichen Reiter. Seine Züge wurden von einigen Deserteuren erkannt, die von der Armee des Diktators entflöhen und mit der Pöbelmenge eben dabei waren, die Fensterscheiben der Intendancia einzuschlagen.«

Am frühen Morgen jenes Tages hatten die Lokalbehörden von Sulaco in den Amtsräumen der O. S. N. Zuflucht gesucht, einem wuchtigen Bau nächst dem Beginn der Landungsbrücke, und hatten die Stadt auf Gnade oder Ungnade den Aufrührern überlassen; und da der Diktator beim Volke verhaßt war, wegen der strengen Aushebungen, zu der seine Notlage ihn gezwungen hatte, so hatte er die beste Aussicht, in Stücke gerissen zu werden. Durch eine Fügung war Nostromo – unschätzbarer Bursche – mit ein paar italienischen Arbeitern von der Nationalen Zentralbahn zur Hand und brachte es fertig, ihn herauszuhauen, für den Augenblick wenigstens. Schließlich gelang es Kapitän Mitchell, die ganze Gesellschaft in seinem eigenen Gig auf einen der Dampfer der Gesellschaft zu bringen – es war die ›Minerva‹–, der zu gutem Glück eben in den Hafen einlief.

Er hatte die Herren an einem Tau durch ein Loch in der Rückwand hinunterlassen müssen, während der Pöbel, der aus der Stadt heruntergeflutet war, sich längs des ganzen Ufers sammelte und vor der Hauptfront des Gebäudes heulte und tobte. Danach mußte Kapitän Mitchell mit den Herren im Sturmschritt die Landungsbrücke hinunterrennen – ein verzweifeltes Rennen ums liebe Leben; und wieder war es Nostromo, ein Bursche unter tausend, der, diesmal an der Spitze der Ladearbeiter der Gesellschaft, die Landungsbrücke gegen den Ansturm des Pöbels hielt und so den Flüchtlingen Zeit gab, das Gig zu erreichen, das am andern Ende bereit lag, die Flagge der Gesellschaft im Stern. Stöcke, Steine, Schüsse schwirrten, auch Messer wurden geworfen. Kapitän Mitchell zeigte gern die lange Schnittnarbe von seinem linken Ohr zur Schläfe, die von einer an einen Stock gebundenen Rasierklinge herrührte – einer Waffe, »bei dem übelsten schwarzen Gesindel hier draußen sehr beliebt«, wie er erklärte.

Kapitän Mitchell war ein starker, ältlicher Mann, der hohe, spitze Kragen und kurzen Backenbart trug, eine Vorliebe für weiße Westen hatte und trotz dem Anschein würdiger Zurückhaltung äußerst mitteilsam war.

»Diese Herren«, pflegte er zu sagen und sah dabei ungemein feierlich drein, »diese Herren mußten rennen wie die Kaninchen. Auch ich selbst bin wie ein Kaninchen gerannt. Gewisse Todesarten sind – äh – widerwärtig für einen – äh – achtbaren Mann. Sie hätten mich auch zu Boden getrampelt; ein wilder Pöbelhaufe, Herr, kennt keinen Unterschied. Nebst der Vorsehung dankten wir unser Leben meinem Capataz de Cargadores, wie sie ihn in der Stadt nannten. Einem Mann, der, als ich seinen Wert erkannte, einfacher Bootsmann auf einem Genueser Schiff war, einem der wenigen Schiffe, das mit Stückgut nach Sulaco kam, bevor der Ausbau der Zentralbahn begonnen war. Der Mann verließ sein Schiff, einigen durchaus achtbaren Freunden zuliebe, die er sich hier gemacht hatte, seinen eigenen Landsleuten, doch wohl auch, um sich zu verbessern, nehme ich an. Herr, ich bin ein ziemlich guter Menschenkenner. Ich stellte ihn als Vormann der Ladearbeiter und Aufseher über die Landungsbrücke an, das war alles. Doch ohne ihn wäre Señor Ribiera ein toter Mann gewesen. Dieser Nostromo, Herr, ein Mann, der über jeden Vorwurf erhaben ist, wurde zum Schrecken aller Diebe in der Stadt. Wir waren damals überlaufen, Herr, jawohl, verpestet geradezu von Ladrones und Matreros, Dieben und Mördern aus der ganzen Provinz. Bei jener Gelegenheit waren sie vorher eine Woche durch nach Sulaco hereingeschneit. Sie hatten das Ende gewittert, Herr; fünfzig Prozent des wilden Pöbelhaufens waren Berufsbanditen aus dem Campo, aber nicht einer war darunter, der nicht von Nostromo gehört gehabt hätte. Was nun die Leperos aus der Stadt angeht, Herr, so war der bloße Anblick seines schwarzen Backenbartes und der weißen Zähne genug für sie. Sie verkrochen sich vor ihm, Herr. Soviel vermag die Charakterstärke.«

Man konnte sehr wohl sagen, daß Nostromo allein es war, der den Herren das Leben rettete. Kapitän Mitchell seinerseits verließ sie nicht eher, als bis er sie keuchend, entsetzt und verzweifelt, doch in Sicherheit, auf den üppigen Samtsofas im Salon erster Klasse der Minerva zusammenklappen gesehen hatte. Bis zuletzt hatte er es sich angelegen sein lassen, den Ex-Diktator mit »Ew. Exzellenz« anzureden.

»Herr, ich konnte nicht anders. Der Mann war ganz herunter – grausig, totenbleich, über und über zerschunden.«

Die Minerva warf damals gar nicht Anker. Der Inspektor beorderte sie unverzüglich aus dem Hafen hinaus. Es konnte keine Ladung gelöscht werden, und die Fahrgäste für Sulaco lehnten es natürlich ab, an Land zu gehen. Sie konnten das Schießen hören und deutlich genug das Gefecht sehen, das am Ufer im Gange war. Der zurückgeschlagene Pöbelhaufe wandte seine Energie an einen Angriff auf das Zollamt, ein düsteres, unfertig aussehendes Gebäude mit vielen Fenstern, zweihundert Meter weit von den Amtsräumen der O.S.N. und das einzige sonstige Gebäude am Hafen. Nachdem Kapitän Mitchell dem Kommandanten der Minerva Auftrag gegeben hatte, »diese Herren« im ersten Anlegehafen außerhalb Costaguanas an Land zu setzen, fuhr er in seinem Gig zurück, um zu sehen, was zum Schutze des Eigentums der Gesellschaft zu tun wäre. Dieses, wie auch das Eigentum der Bahn, wurde von den ansässigen Europäern verteidigt; das heißt, von Kapitän Mitchell selbst und dem Stab von Ingenieuren, die die Bahn bauten, unter Beihilfe der italienischen und baskischen Arbeiter, die sich treu um ihre englischen Führer scharten. Auch die Ladearbeiter der Gesellschaft, durchweg Einheimische, hielten sich unter ihrem Capataz sehr gut. Ein zusammengewürfelter Haufen von sehr gemischtem Blut, hauptsächlich Neger, in ewiger Fehde mit anderen Stammgästen der niedern Schnapsschenken in der Stadt, nützten sie mit Freuden die Gelegenheit, unter so vorteilhaften Bedingungen ihre persönlichen Rechnungen auszugleichen. Nicht einer war unter ihnen, der nicht dann und wann entsetzt in die Mündung von Nostromos Revolver gestiert hätte, die ihm unter die Nase gehalten wurde, oder sonstwie durch Nostromos Entschlossenheit gebändigt worden wäre. Er hatte »viel von einem Mann«, ihr Capataz, jawohl, so sagten sie; war zu sehr von Verachtung durchdrungen, als daß er nur hätte schimpfen mögen. Ein unerbittlicher Aufseher, doppelt zu fürchten wegen seiner Entschlossenheit. Und bedenkt! da war er an diesem Tage unter ihnen, an ihrer Spitze, und ließ sich zu Scherzworten an den oder jenen Mann herbei.

Eine solche Führerschaft war begeisternd, und tatsächlich beschränkte sich der ganze Schade, den der Pöbel anzurichten vermochte, darauf, daß an einen Stoß Eisenbahnschwellen Feuer gelegt wurde; die Schwellen waren mit Kreosot getränkt und brannten gut. Der Hauptangriff auf den Lagerhof der Eisenbahn, auf das Gebäude der O.S.N. und besonders auf das Zollamt, in dessen Kassenräumen, wie man wohl wußte, ein reicher Schatz an Silber lag, mißlang völlig. Sogar das kleine Gasthaus des alten Giorgio, das einsam auf halbem Wege zwischen dem Hafen und der Stadt stand, entging der Plünderung und Zerstörung, nicht durch ein Wunder, sondern weil es der Pöbel wegen der näherliegenden Kassenschränke zuerst nicht beachtet hatte und nachher keine Muße mehr fand, sich damit aufzuhalten. Nostromo mit seinen Cargadores war damals schon zu scharf hinter der Menge her.

III

Man hätte sagen können, daß er dabei nur sein Eigentum verteidigte. Von allem Anfang an hatte er Zutritt zum engsten Familienkreis des Gastwirtes gefunden, der sein Landsmann war. Der alte Giorgio Viola, ein Genuese mit zottigem, weißem Löwenhaupt – oft nur der »Garibaldiner« genannt (so wie Mohammedaner nach ihrem Propheten heißen) –, der alte Viola also war, um Kapitän Mitchells eigene Worte zu gebrauchen, der »achtbare, verheiratete Freund«, auf dessen Rat Nostromo sein Schiff verlassen hatte, um abwechslungshalber einmal sein Glück an Land, in Costaguana, zu versuchen.

Der alte Mann, voll Verachtung für den Pöbel, wie es der sittenstrenge Republikaner so oft ist, hatte die ersten Sturmzeichen mißachtet. Er schlurfte an jenem Tage ganz wie sonst in seinen Pantoffeln durch die »Casa«, murmelte dabei ärgerlich und verachtungsvoll etwas über die unpolitische Natur des Aufruhrs und zuckte die Schultern dazu. Schließlich wurde er unvorbereitet von der hinausstürmenden Menge überrascht. Da war es aber schon zu spät, seine Familie in Sicherheit zu bringen – und wo hätte er übrigens auf dieser großen Ebene mit der stattlichen Frau Teresa und den zwei kleinen Mädchen hinlaufen sollen? So verrammelte er also alle Ausgänge und setzte sich gleichgültig mitten in das verdunkelte Cafe, ein altes Jagdgewehr über den Knien. Seine Frau saß auf dem anderen Stuhl neben ihm und rief murmelnd alle Heiligen des Kalenders an.

Der alte Republikaner glaubte nicht an Heilige oder an Gebete oder an das, was er »Priesterreligion« nannte. Freiheit und Garibaldi waren seine Gottheiten; doch duldete er den »Aberglauben« bei Frauen und hatte dafür nur ein verschlossenes Schweigen.

Seine beiden Mädchen, die älteste vierzehn, die andere zwei Jahre jünger, kauerten auf dem sandbestreuten Boden, jede an einer Seite der Signora Teresa, die Köpfe in der Mutter Schoß, beide erschreckt, doch jede auf ihre Weise: die dunkelhaarige Linda entrüstet und ärgerlich, die blonde Giselle, die jüngere, bestürzt und ergeben. Die Padrona zog die Arme, die sie um ihre Töchter geschlungen hatte, einen Augenblick zurück, um sich zu bekreuzen und hastig die Hände zu ringen. Sie wimmerte ein wenig lauter.

»Oh! Giambattista, warum bist du nicht hier? Oh! warum bist du nicht hier?«

Dabei rief sie nicht den Heiligen an, sondern rief nach Nostromo, dessen Namenspatron der Heilige war. Und Giorgio, der reglos auf seinem Stuhl neben ihr saß, zeigte sich gereizt über diese vorwurfsvollen, abgerissenen Hilferufe.

»Ruhe, Weib! Was soll das? Er tut seine Pflicht«, murmelte er ins Dunkel; und sie gab keuchend zurück:

»Ah! Ich habe keine Geduld. Pflicht! Und die Frau, die wie eine Mutter zu ihm war? Ich habe heute morgen vor ihm gekniet: Geh nicht aus, Giambattista – bleib im Haus, Battistino – sieh auf diese zwei unschuldigen Kinder!«

Auch Frau Viola war Italienerin, aus Spezia gebürtig und, wenn auch wesentlich jünger als ihr Gatte, doch schon in vorgerückten Jahren. Sie hatte ein hübsches Gesicht, dessen Farbe aber gelb geworden war, da ihr das Klima von Sutaco durchaus nicht zusagte. Ihre Stimme war ein tönender Kontra-Alt. Wenn sie, beide Arme unter ihrem mächtigen Busen gekreuzt, die plumpen, dickbeinigen Chinesenmädchen ausschalt, die mit der Wäsche hantierten, Hühner rupften oder in Holzmörsern Korn stampften, in den aus Lehm gemauerten Rückgebäuden des Hauses, dann konnte sie einen so leidenschaftlich klingenden Grabeston zuwege bringen, daß der Kettenhund mit großem Gerassel in seine Hütte flüchtete. Luis, ein zimtfarbener Mulatte mit keimendem Schnurrbart über den starken dunklen Lippen, hielt dann wohl damit inne, mit einem Palmbesen das Café zu kehren, und ließ sich einen leisen Schauder das Rückgrat hinunterlaufen; seine schmachtenden Mandelaugen blieben für längere Zeit geschlossen.

Das war der Hausstand der Casa Viola, doch alle diese Leute waren frühmorgens beim ersten Lärm des Aufruhrs entflohen, da sie es vorzogen, sich auf der Ebene zu verbergen, anstatt sich dem Haus anzuvertrauen; und sie waren dafür kaum zu tadeln, da es in der Stadt, ob mit Recht oder Unrecht, allgemein hieß, daß der Garibaldiner etwas Geld unter dem Lehmboden der Küche vergraben habe. Der Hund, ein reizbares, zottiges Vieh, wechselte zwischen wütendem Gebell und kläglichem Heulen, sprang aus seiner Hütte an der Rückseite des Hauses oder kroch wieder hinein, wie Wut oder Angst es ihm eingaben.

Plötzliches Brüllen erhob sich und erstarb wieder, wie das Heulen eines Sturmwindes auf der Ebene rings um das verrammelte Haus; das Knallen von Schüssen tönte lauter; dazwischen gab es Pausen voll unverständlichen Schweigens, und nichts konnte heiliger und friedvoller sein als die schmalen Sonnenstreifen, die durch die Risse in den Läden quer durch das Café über das Durcheinander der Tische und Stühle bis zur jenseitigen Wand liefen. Der alte Giorgio hatte diesen kahlen, weißgetünchten Raum als Zufluchtsort gewählt. Er hatte nur ein Fenster, und seine einzige Tür ging auf den stark verstaubten Fahrweg, der zwischen Aloehecken vom Hafen nach der Stadt führte und auf dem klobige Karren hinter trägen Ochsengespannen dahinzuächzen pflegten, von berittenen Jungen gelenkt.

Während einer stillen Pause spannte Giorgio sein Gewehr. Der unheilkündende Laut erpreßte der starren Gestalt der Frau ein leises Stöhnen. Ein jäher Ausbruch trotzigen Geschreis ganz nahe beim Hause sank plötzlich zu unterdrücktem Murmeln zusammen; jemand rannte vorbei; man hörte einen Augenblick lang sein keuchendes Atemholen, knapp hinter der Türe, dazu heiseres Flüstern und Schritte an der Mauer; eine Schulter strich gegen den Fensterladen und löschte die breiten Sonnenstreifen, die den ganzen Innenraum durchliefen. Signora Teresas Arme legten sich enger um die knienden Gestalten der Töchter.

Der Pöbel, vom Zollamt zurückgeschlagen, hatte sich in mehrere Haufen zerstreut, die sich nun über die Ebene auf die Stadt zu verliefen. Dem gedämpften Krachen unregelmäßiger Salven, die in der Ferne abgefeuert wurden, antworteten schwache Schreie, weit weg. In den Zwischenpausen knallten vereinzelte Schüsse, und das langgestreckte, niedrige weiße Gebäude mit den geschlossenen Fensterläden schien der Mittelpunkt eines Aufruhrs, der im weiten Umkreis die schweigende Abgeschlossenheit umtobte. Doch die vorsichtigen Bewegungen und das Geflüster einer versprengten Gruppe, die hinter der Rückmauer vorübergehend Schutz suchte, füllten den dunklen, von ruhigen Sonnenstreifen durchspielten Raum mit bösen, heimlichen Lauten. Die drangen der Familie Viola ins Ohr, als hätten unsichtbare Gespenster neben ihren Stühlen flüsternd beraten, ob es empfehlenswert sei, an die Casa dieses Fremden Feuer anzulegen. Es war aufreibend. Der alte Viola hatte sich langsam erhoben, das Gewehr in der Hand, unentschlossen, denn er sah nicht, wie er den Leuten hätte wehren sollen. Schon hörte man Stimmen an der Rückseite des Hauses. Signora Teresa war außer sich vor Entsetzen.

»Ah! Der Verräter!« murmelte sie, fast unhörbar. »Nun sollen wir verbrannt werden; und ich habe vor ihm gekniet! Nein! Er muß seinen Engländern nachlaufen.«

Sie schien zu glauben, daß Nostromos bloße Anwesenheit im Hause es völlig sicher gemacht hätte. So weit war auch sie im Bann des Rufes, den der Capataz de Cargadores sich an der Wasserkante geschaffen hatte, längs der Eisenbahn, bei den Engländern wie bei der Bevölkerung von Sulaco. Ihm ins Gesicht und sogar ihrem Gatten gegenüber tat sie unweigerlich so, als lachte sie spöttisch darüber, manchmal gutmütig, manchmal mit seltsamer Bitterkeit. Aber Frauen sind ja unvernünftig in ihren Ansichten, wie der alte Giorgio ruhig bei passenden Gelegenheiten zu bemerken pflegte. Bei dieser Gelegenheit, das Gewehr schußfertig im Arm, beugte er sich zu seiner Frau nieder und flüsterte ihr, die Augen scharf auf die verrammelte Tür geheftet, ins Ohr, daß auch Nostromo machtlos sein müßte, zu helfen. Was könnten zwei Männer, in einem Haus eingeschlossen, gegen zwanzig oder noch mehr tun, die sich anschickten, Feuer an das Dach zu legen? Giambattista denke die ganze Zeit über an die Casa, dessen sei er sicher.

»Er, an die Casa denken, er!« keuchte Signora Viola wie irr. Sie schlug sich mit der flachen Hand auf die Brust: »Ich kenne ihn. Er denkt an niemand als an sich selbst.«

Eine Gewehrsalve in nächster Nähe ließ sie den Kopf zurückwerfen und die Augen schließen. Der alte Giorgio biß unter seinem weißen Schnurrbart die Zähne hart aufeinander, und seine Augen begannen wild zu rollen. Ein paar Kugeln schlugen gleichzeitig in die Hausmauer; man hörte draußen den Verputz in großen Stücken niederfallen; eine Stimme kreischte: »Da kommen sie!«, und nach einem Augenblick lastender Stille gab es ein Trampeln eiliger Füße längs der Vorderfront.

Dann ließ die Spannung in des alten Giorgio Haltung nach, und ein Lächeln voll Geringschätzung und Erlösung trat auf die Lippen seines kriegerischen alten Löwengesichtes. Dies war kein Volk, das für Gerechtigkeit kämpfte, sondern ein Haufe von Dieben. Sogar sein Leben gegen sie zu verteidigen war eine Entwürdigung für einen Mann, der einer von Garibaldis Unsterblichen Tausend bei der Eroberung von Sizilien gewesen war. Giorgio fühlte unendliche Verachtung für diesen Aufruhr von Schuften und Leperos, die den Sinn des Wortes »Freiheit« nicht kannten. Er setzte sein altes Gewehr ab, wandte den Kopf und sah nach der farbigen Lithographie von Garibaldi hinüber, die in schwarzem Rahmen an der weißen Wand hing; ein greller Sonnenstreifen schnitt sie der Länge nach durch. Seine Augen, an das Zwielicht gewöhnt, unterschieden die grelle Gesichtsfarbe, das Rot des Hemdes, die Umrisse der breiten Schultern, den schwarzen Fleck des Bersaglierihutes, den der Hahnenfederbusch umwehte. Ein unsterblicher Held! Er bedeutete die Freiheit; Freiheit, die nicht nur Leben, sondern auch Unsterblichkeit schenkte!

Seine Begeisterung für diesen Mann hatte keine Veränderung erfahren. Im Augenblick, da ihm die Erlösung aus der vielleicht größten Gefahr, der seine Familie auf all ihren Wanderungen ausgesetzt gewesen, zum Bewußtsein gekommen war, hatte er sich dem Bild seines alten Führers zugewandt, zuerst und allein, und dann erst die Hand auf seines Weibes Schultern gelegt.

Die Kinder, die auf dem Boden knieten, hatten sich nicht gerührt. Signora Teresa öffnete die Augen ein wenig, als hätte er sie aus einem sehr tiefen, traumlosen Schlaf geweckt. Bevor er noch Zeit fand, in seiner überlegten Art ein tröstliches Wort zu sagen, sprang sie auf, während die Kinder noch, eines an jeder Seite, sich an sie klammerten, schnappte nach Luft und stieß einen heiseren Schrei aus.

Gleichzeitig wurde ein scharfer Schlag gegen die Außenseite des Fensterladens geführt. Sie konnten plötzlich das Schnauben eines Pferdes hören, das Scharren unruhiger Hufe auf dem schmalen Pflasterweg vor dem Hause; eine Stiefelspitze stieß nochmals gegen den Fensterladen, ein Sporn klirrte bei jedem Stoß, und eine aufgeregte Stimme schrie: »Holla, holla, ihr da drinnen!«

IV

Den ganzen Morgen über hatte Nostromo von weitem ein Auge auf die Casa Viola gehabt, sogar während des heißesten Getümmels um das Zollamt. »Wenn ich dort drüben Rauch aufsteigen sehe«, hatte er sich gesagt, »dann sind sie verloren.« – Sobald die Menge sich zur Flucht gewandt, hatte er sich mit einer kleinen Abteilung italienischer Arbeiter in Richtung auf das Haus aufgemacht, das ja wirklich auf dem kürzesten Wege nach der Stadt lag. Der versprengte Haufe, dem er auf den Fersen war, schien sich hinter dem Haus nochmals festsetzen zu wollen; eine Salve, die seine Leute hinter einer Aloehecke hervor abgaben, brachte das Gesindel auf den Trab: in einer Lücke, die in die Hecke für die Zweiglinie der Bahn nach dem Hafen geschlagen war, tauchte Nostromo auf seiner silbergrauen Stute auf. Er brüllte, sandte den Fliehenden einen Schuß aus seinem Revolver nach und sprengte an das Fenster des Cafes hin. Er hatte es im Gefühl, daß der alte Giorgio in diesem Teil des Hauses Zuflucht gesucht haben würde.

Seine Stimme hatte der Familie im Hause atemlos hastig geklungen. »Hallo! Vecchio! Oh, Vecchio! Ist alles wohl bei euch da drin?«

»Du siehst...«, murmelte der alte Viola seiner Frau zu.

Die Signora Teresa war nun still. Draußen lachte Nostromo.

»Ich kann hören, daß die Padrona nicht tot ist.«

»Du hast dein Bestes getan, um mich durch die Angst umzubringen«, rief Signora TereSa. Sie wollte noch mehr sagen, doch die Stimme brach ihr.

Linda erhob kurz die Augen zu ihr, der alte Giorgio aber rief entschuldigend:

»Sie ist ein bißchen aufgeregt.«

Von draußen brüllte Nostromo wieder lachend zurück:

»Mich kann sie nicht aufregen!«

Signora Teresa fand ihre Stimme wieder:

»Es ist so, wie ich sage. Du hast kein Herz – und du hast kein Gewissen, Giambattista...«

Sie hörte, wie er draußen sein Pferd herumwarf; die Leute, die er anführte, schwatzten aufgeregt, italienisch und spanisch, und machten einander Mut zur Verfolgung. Er setzte sich an ihre Spitze mit dem Ruf: »Avanti!«

»Er hat sich nicht lange mit uns aufgehalten. Hier ist kein Lob von Fremden zu verdienen«, meinte Signora Teresa tragisch. »Avanti! Jawohl! Das ist alles, worum er sich kümmert. Irgendwo der erste zu sein – irgendwie – der erste bei diesen Engländern. Sie werden ihn jedermann zeigen: ›Das ist unser Nostromo!‹« Sie lachte verächtlich. »Was für ein Name! Was ist das? Nostromo? Er würde von ihnen einen Namen annehmen, der gar kein Wort mehr ist.«

Inzwischen hatte Giorgio mit ruhigen Bewegungen die Türe freigemacht; das grelle Licht fiel auf Signora Teresa, eine malerische Frau, die in aufgeregter Mütterlichkeit ihre beiden Töchter umschlungen hielt. Hinter ihr leuchtete die Wand blendend weiß, und die grellen Farben der Garibaldi-Lithographie verblaßten im Sonnenschein.

Der alte Viola an der Türe reckte den Arm empor, als wollte er all seine einander jagenden Gedanken dem Bild seines alten Führers an der Wand befehlen. Sogar wenn er für die »Signori Inglesi« kochte – für die Ingenieure (er war ein ausgezeichneter Koch, obwohl die Küche sehr finster war), selbst dann fühlte er sich sozusagen unter dem Auge des Großen, der in einem glorreichen Kampf sein Führer gewesen war, in einem Kampfe, der unter den Mauern von Gaeta den Todesstoß für die Tyrannei bedeutet hätte, wäre nicht die verfluchte piemontesische Rasse von Königen und Ministern gewesen. Wenn mitunter eine Bratpfanne während einer heiklen Operation mit ein paar Zwiebelschnitzeln Feuer fing und man den alten Mann rücklings in einer Wolke ätzenden Rauchs aus der Türe kommen sah, fluchend und hustend, dann konnte man den Namen Cavours, des an Könige und Tyrannen verkauften Erzschurken, gemengt hören mit Verwünschungen gegen die Chinesenmädchen, das Kochen im allgemeinen und das viehische Land, in dem er aus reiner Liebe zur Freiheit, die jener Schurke erdrosselt hatte, zu leben gezwungen war.

Dann kam wohl Signora Teresa, ganz in Schwarz, aus einer ändern Türe, näherte sich würdig besorgt, neigte ihr schönes, dunkelhaariges Haupt, öffnete die Arme und klagte in tiefen Tönen:

"Giorgio! Du unbesonnener Mann! Misericordia divina! So bloß in der Sonne! Er wird sich den Tod holen!"

Unter ihren Füßen stoben die Hennen mit langen Schritten in alle Richtungen auseinander; wenn gerade ein paar Ingenieure von der Strecke in Sulaco waren, dann erschien wohl das eine oder andere junge Engländergesicht in der Türe des Billardzimmers, das am einen Ende des Hauses lag. Am anderen Ende aber, im Café, hütete sich Luis, der Mulatte, wohlweislich, sich zu zeigen; die Indianerrnädchen, mit Haaren wie schwarze Mähnen und mit einem Hemd und kurzem Rock als einziger Bekleidung, gafften mit großen Augen unter den Ponyfransen hervor, die ihnen in die Stirne fielen; das laute Brutzeln des Fettes erstarb allmählich, die Rauchschwaden verwehten im Sonnenschein, der scharfe Geruch verbrannter Zwiebeln hing in der brütenden Hitze rings um das Haus; und das Auge verlor sich in der Weite der grasigen Ebene nach Westen zu, als wäre die Ebene zwischen der Sulaco überragenden Sierra und der Küstenlinie gegen Esmeralda zu groß wie die halbe Welt.

Nach einer kleinen Pause fuhr Signora Teresa vorwurfsvoll fort:

"Eh, Giorgio! Laß Cavour in Frieden und paß auf dich selbst auf, da wir nun doch ganz allein mit zwei Kindern in dieses Land verschlagen sind – weil du unter einem König nicht leben kannst!"

Und während sie ihn ansah, griff sie sich wohl manchmal an die Seite, mit einem kurzen Zucken ihrer feinen Lippen und einem Runzeln der schwarzen, geraden Augenbrauen, das wie das Flackern eines ärgerlichen Schmerzes oder Gedankens ihre schönen, regelmäßigen Züge überflog.

Es war Schmerz: sie unterdrückte die Qual. Es hatte sie zuerst befallen, wenige Jahre, nachdem sie Italien verlassen hatte, um nach Amerika auszuwandern und sich schließlich in Sulaco niederzulassen – nach Irrfahrten von Stadt zu Stadt, wobei sie da und dort versucht hatten, einen kleinen Laden zu führen; einmal auch ein regelrechtes Fischereiunternehmen in Maldonado; denn Giorgio war, wie der Große Garibaldi, seinerzeit Seemann gewesen.

Manchmal brachte sie keine Geduld für die Schmerzen auf. Durch lange Jahre hatte diese nagende Pein mit zu der Landschaft gehört, die das Glitzern des Hafenbeckens unterhalb der bewaldeten Ausläufer der Bergkette umfaßte; und sogar der Sonnenschein selbst war schwer und dumpf – geladen mit Schmerz –, nicht wie der Sonnenschein ihrer Mädchenzeit, da Giorgio, in mittleren Jahren, ernst und leidenschaftlich an den Ufern des Golfs von Spezia um sie geworben hatte.

»Komm sofort ins Haus, Giorgio«, befahl sie. »Man könnte meinen, daß du gar kein Mitleid mit mir haben willst – wo wir doch vier Signori Inglesi im Hause haben.«

»Va bene, va bene«, murmelte Giorgio dann.

Er gehorchte. Die Signori Inglesi würden wohl schleunigst ihr Mittagsmahl haben wollen. Er war einer aus der unsterblichen und unbesieglichen Schar von Befreiern gewesen, die die Söldlinge der Tyrannei in alle Winde zerstreut hatte, wie ein Orkan, »an'uragano terribile«, die Spreu. Doch das war, bevor er geheiratet und Kinder gehabt und bevor die Tyrannei wieder ihr Haupt erhoben hatte, unter Verrätern, die Garibaldi, seinen Helden, eingekerkert hatten.

Die Stirnseite des Hauses wies drei Türen auf, und jeden Nachmittag konnte man den Garibaldiner in der einen oder ändern sehen, mit seinem mächtigen weißen Haarbusch, die Arme gekreuzt, ein Bein übergeschlagen, sein Löwenhaupt gegen den Pfosten gelehnt, den Blick über die waldigen Hänge der Hügel hinweg auf den eisigen Dom des Higuerota gerichtet. Die Stirnseite seines Hauses warf einen langgestreckten, rechteckigen Schatten, der langsam über den staubigen Ochsenweg hinkroch; durch die Lücke in den Oleanderhecken liefen die zeitweilig über die Ebene gelegten Stahlbänder der Hafenzweigbahn inmitten eines Gürtels versengten und vergilbten Grases etwa fünfzig Meter von der Hausecke vorbei. Abends umfuhren die leeren Materialzüge in weitem Bogen den dunkelgrünen Hain von Sulaco und liefen unter weißen Dampfwolken, leise schwankend, auf ihrem Wege zu dem Lagerbahnhof am Hafen bei der Casa Viola vorbei. Die italienischen Maschinisten grüßten den Alten von der Plattform aus mit erhobener Hand, während die schwarzen Bremser unbekümmert in ihren Häuschen saßen und unter den breiten Krempen ihrer Hüte hervor, die im Winde flatterten, starr geradeaus blickten. Giorgio pflegte mit einem leichten seitlichen Kopfnicken zu danken, ohne die verschränkten Arme zu lösen.

An diesem denkwürdigen Tage des Aufruhrs waren seine Arme nicht über der Brust verschränkt. Seine Hände umklammerten den Lauf des Gewehrs, dessen Kolben er auf die Schwelle gestützt hielt. Er sah nicht einmal zu dem weißen Dom des Higuerota auf, dessen kühle Reinheit sich der heißen Erde fernzuhalten schien. Seine Augen durchspähten eifrig die Ebene. Da und dort standen noch kleine Staubwirbel in der Luft, am makellosen Himmel hing klar und blendend die Sonne. Kleine Gruppen von Menschen liefen aus Leibeskräften; andere hielten stand; und das unregelmäßige Knattern von Schüssen drang durch die trockene, heiße Luft. Einzelne Fußgänger rannten Hals über Kopf dahin; Reiter galoppierten aufeinander zu, warfen gleichzeitig die Pferde herum und trennten sich im Galopp. Giorgio sah einen stürzen, wobei Roß und Reiter verschwanden, als wären sie in einen Abgrund galoppiert. Die Bewegungen des belebten Bildes wirkten wie die Wechselfälle eines wilden Spiels, auf der Ebene von Zwergen zu Pferd und zu Fuß gespielt, die aus schwachen Kehlen schrien, unter der Bergkette, die wie eine Burg des Schweigens dalag. Nie zuvor hatte Giorgio diesen Teil der Ebene so voll wilden Lebens gesehen; sein Blick konnte nicht alle Einzelheiten zugleich aufnehmen; er beschattete die Augen mit der Hand, bis ihn auf einmal das Donnern vieler Hufe nahebei erschreckte.

Eine Koppel Pferde war aus der nahe gelegenen Umzäunung der Bahngesellschaft ausgebrochen, kam nun wie ein Wirbelwind daher und sauste über die Bahnlinie weg, schnaubend, stampfend, wiehernd, in einer gedrängt wogenden Masse fuchsiger, brauner, grauer Rücken: Augen blitzten auf, Hälse streckten sich, Nüstern leuchteten rot, und Langschweife wehten. Sobald sie auf die Straße gelangt waren, wirbelte der dicke Staub unter ihren Hufen empor, und fünf Meter von Giorgio weg verschwamm alles zu einer dunklen Wolke, aus der undeutlich die Formen von Hälsen und Kruppen hervorragten und die vorbeitrieb und den Boden erzittern ließ. Viola hustete, wandte das Gesicht vom Staub weg und schüttelte leicht den Kopf.

»Da wird es heute abend noch eine Pferdejagd geben«, murmelte er.

In dem breiten Sonnenfleck, der durch die Türe drang, war Signora Teresa vor ihrem Stuhl niedergekniet und hatte ihr Haupt mit der wirren Masse ebenholzschwarzen, von Silbersträhnen durchzogenen Haares in den Händen geborgen. Der schwarze Spitzenschal, den sie um ihr Gesicht zu winden pflegte, war neben ihr zu Boden gesunken. Die beiden Mädchen hatten sich erhoben und standen nun Hand in Hand, in kurzen Kleidern, mit zerzaust niederfallendem, losem Haar. Die jüngere hatte den Arm vor die Augen gelegt, als fürchtete sie das Licht. Linda, die Hand auf der Schwester Schulter, blickte furchtlos vor sich hin. Viola sah seine Kinder an. Die Sonne enthüllte die tiefen Falten in seinem Gesicht, das, energisch im Ausdruck, unbeweglich wie ein Schnitzwerk schien; es war unmöglich, zu entdecken, was er dachte. Buschige weiße Augenbrauen überschatteten seinen dunklen Blick.

»Nun? Ihr betet nicht, wie eure Mutter?«

Linda schob schmollend die Lippen vor, die fast zu rot schienen; doch sie hatte wundervolle Augen, braun, mit einem goldigen Schimmer in der Iris, blitzgescheit, ausdrucksfähig und so leuchtend, daß sie einen Glanz über ihr schmales, farbloses Gesicht zu werfen schienen. Bronzelichter glänzten in den dunklen Haarwellen auf, und die langen, kohlschwarzen Wimpern vertieften noch die Blässe des Gesichts.

»Die Mutter wird wieder ein Bündel Kerzen in der Kirche opfern. Das tut sie immer, wenn Nostromo in einem Kampf fort war. Ich werde ein paar in die Kapelle der Madonna in der Kathedrale tragen müssen.«

All das sagte sie rasch, mit großer Selbstsicherheit und mit lebhafter, durchdringender Stimme. Dann fügte sie mit einem leisen Ruck an der Schwester Schulter hinzu:

»Und sie wird auch eine tragen müssen!«

»Warum müssen?« forschte Giorgio ernst. »Will sie es denn nicht tun?«

»Sie ist schüchtern«, sagte Linda mit leisem Lachen. »Die Leute bemerken ihr blondes Haar, wenn sie mit uns geht. Sie rufen ihr nach: ›Seht die Rubia! Seht die Rubiacita!‹ So rufen sie in den Straßen. Sie ist schüchtern.«

»Und du? Du bist nicht schüchtern, wie?« meinte der Vater langsam. Sie warf ihr schwarzes Haar zurück. »Niemand ruft mir nach.«