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Nostromo' ist ein zeitloser Klassiker, der sich nicht nur an Liebhaber der Weltliteratur richtet, sondern auch an Leser, die komplexe politische und moralische Themen schätzen. Conrad entwirft eine fesselnde Erzählung, die sowohl Spannung als auch intellektuelle Herausforderung bietet. Mit seiner kraftvollen Sprache und seinem tiefgehenden Verständnis für die menschliche Seele ist 'Nostromo' ein Buch, das den Leser lange nach dem Lesen nachhallen lässt und ihm einen einzigartigen Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur bietet. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 875
Veröffentlichungsjahr: 2017
Books
Macht und Moral verkeilen sich im blendenden Schein des Silbers. In Joseph Conrads Nostromo spiegelt eine fiktive Republik die Spannungen einer Welt, in der politisches Kalkül, wirtschaftliche Interessen und persönliche Ehre ein untrennbares Geflecht bilden. Das Buch setzt an der Schnittstelle von privater Entscheidung und öffentlicher Ordnung an: Wenn Ressourcen zu Emblemen nationaler Zukunft erhoben werden, geraten Menschen und Institutionen unter Druck. Conrad richtet den Blick auf den Glanz, der verführt, und auf die Schatten, die er wirft. So entsteht ein Roman, der zugleich Abenteuer, Studienobjekt und moralische Prüfung ist, ohne sein Geheimnis zu früh preiszugeben.
Nostromo gilt als Klassiker, weil er erzählerische Kühnheit mit intellektueller Tiefenschärfe vereint. Conrad wagt eine vielschichtige Struktur, die politische Erzählung, psychologische Beobachtung und maritime Atmosphäre miteinander verschränkt. Der Roman erweitert das Spektrum der englischsprachigen Literatur um eine präzise, skeptische Betrachtung von Machtverhältnissen und globalen Verflechtungen. Er prägt das moderne Verständnis des politischen Romans, indem er die Versuchungen des Reichtums ebenso beleuchtet wie die Fragilität von Institutionen. Seine nachhaltige Wirkung beruht auf der Weigerung, einfache Antworten zu geben: Ambivalenz, Ironie und moralische Komplexität erzeugen eine Spannung, die bis heute fasziniert.
Der Autor, Joseph Conrad (1857–1924), war ein polnisch-britischer Schriftsteller, dessen lange Seefahrerzeit seine Prosa prägte. Er schrieb auf Englisch und brachte die Perspektive eines vielsprachigen, kulturell sensibilisierten Beobachters ein. Diese biografische Konstellation stiftet in Nostromo eine besondere Sicht auf Grenzsituationen: Zwischen Küste und Hinterland, Handel und Politik, Pflichtgefühl und Eigennutz. Conrads Stil – dicht, atmosphärisch, zugleich analytisch – ist weniger berichtend als prüfend. Er befragt Motive, zeigt Handlungen im Licht ihrer Folgen und macht die Sprache selbst zu einem Medium, das Wahrnehmung formt. So entsteht eine Erzählkunst, die präzise und unruhig zugleich bleibt.
Nostromo erschien 1904, in einem Zeitalter beschleunigter Vernetzung und kolonialer Machtverschiebungen. Die Jahrhundertwende brachte industrielle Dynamik, neue Kommunikationswege und eine Finanzwelt hervor, deren Reichweite politische Räume überstieg. Conrad greift diese Zeitstimmung auf, ohne ein Schlüsselroman der Tagespolitik zu sein. Stattdessen verdichtet er historische Erfahrungen zu einem Modell: Wie beeinflussen Kapitalströme, auswärtige Interessen und nationale Ambitionen das Schicksal einer Gesellschaft? Die Antwort bleibt bewusst vieldeutig. Der Roman spürt Mechanismen nach, die über seine Entstehungszeit hinauswirken: Abhängigkeit, Behauptung, die Verlockung scheinbarer Stabilität – und der Preis, den sie fordert.
Der Schauplatz ist die fiktive südamerikanische Republik Costaguana, genauer die Hafenstadt Sulaco, deren wirtschaftliche Zukunft an der Ausbeutung der San-Tomé-Silbermine hängt. Küstenlinie, Bergzug und Hafen bilden ein konkretes Gewebe, in dem Politik nicht abstrakt bleibt, sondern die Wege von Schiffen, Zügen und Karawanen kreuzt. Im Zentrum steht eine lokale Elite, die Handelssicherheit verspricht, um Investitionen zu sichern, und eine Arbeiterschaft, deren Leben vom Rhythmus der Ladungen bestimmt ist. Die Geografie ist mehr als Kulisse: Sie zwingt Entscheidungen. Sulaco schaut hinaus auf die Welt – und die Welt schaut zurück.
Der namensgebende Nostromo ist ein italienischer Seemann und Anführer der Hafenarbeiter, dessen Ruf für Zuverlässigkeit und Mut beinahe mythisch geworden ist. In Sulaco gilt er als Mann der Tat: pragmatisch, unerschütterlich, ohne offenkundige politische Agenda. Als Unruhen und Machtwechsel die Ordnung gefährden, rücken der Hafen, die Telegraphenleitungen und die Mine ins Zentrum. Handelsinteressen, Sicherheitsüberlegungen und persönliche Bindungen überlagern einander. Aus dieser Ausgangslage entwickelt Conrad ein Gefüge gegenseitiger Abhängigkeiten: Wer schützt wen, was wird wem geschuldet, und welche Wahrheit setzt sich durch, wenn Ereignisse sich überschlagen?
Erzählerisch wagt Nostromo ein Mosaik aus Perspektiven, Rückblenden und Vorausdeutungen. Die Handlung entfaltet sich in Blickpunkten, die einander ergänzen, befragen oder widersprechen. Diese Polyphonie gibt dem Leser die Aufgabe, Linien zusammenzuführen, ohne vorschnell zu schließen. Conrad nutzt die Distanz des Erzählers, um Atmosphäre zu schaffen, und die Nähe zu einzelnen Figuren, um Motive und Selbstbilder zu prüfen. Zeit springt, Erinnerung färbt, Gerüchte zirkulieren. Der Roman entfaltet so weniger eine gerade Chronik als ein Netz aus Bewegungen und Stimmen, in dem Bedeutung sich nach und nach kristallisiert.
Thematisch richtet Nostromo den Blick auf die Versuchung des Reichtums und die politische Ökonomie des Vertrauens. Wer investiert, wem glaubt man, welche Sicherheiten sind nur Fiktionen? Mit der Silbermine als Brennpunkt entstehen Fragen nach Verantwortung: privatwirtschaftlich, staatlich, moralisch. Conrad zeigt, wie die Rhetorik des Fortschritts Stabilität verspricht, während sie neue Abhängigkeiten schafft. Idealismus und Pragmatismus geraten aneinander, und die Idee der Neutralität erweist sich als prekär. Der Roman macht sichtbar, wie leicht öffentliche Mythen entstehen – und wie hartnäckig sie bestehen, wenn sie einmal Nutzen stiften.
Gleichzeitig entwirft das Buch ein Gesellschaftspanorama: Großgrundbesitz und Handel, Militär und Presse, Hafenarbeiter und Einwanderer. Die soziale Bühne ist vielfältig, aber nicht beliebig. Jedes Milieu bringt eigene Sichtweisen, Risiken und Rechtfertigungen hervor. Nostromo wird darin zur Projektionsfläche, an der Erwartungen, Ängste und Hoffnungen haften. Conrad interessiert weniger das Spektakel als die Mechanik dahinter: Die Art, wie Ansehen entsteht, wie Loyalitäten getestet werden und wie Institutionen in der Krise ihre Grenzen zeigen. Diese Beobachtungsschärfe verleiht dem Roman eine Eindringlichkeit, die Analyse und Erzählung untrennbar verbindet.
Als literarischer Einfluss steht Nostromo für den Übergang zur Moderne: formbewusst, skeptisch gegenüber großen Erzählungen, aufmerksam für Strukturen von Macht und Sprache. Der Roman wird in der Forschung und Lehre breit rezipiert, weil er politische Stoffe mit künstlerischer Präzision gestaltet. Er hat das Verständnis des politischen und ökonomischen Romans mitgeprägt und bleibt ein Referenzpunkt für Erzählungen, die globale Verflechtungen literarisch sichtbar machen. Zahlreiche Ausgaben und anhaltende Diskussionen belegen seine Wirkung. Nicht zuletzt fordert seine Kunst der Andeutung Leserinnen und Leser dazu auf, das Offene auszuhalten.
Für heutige Leserinnen und Leser ist Nostromo relevant, weil er Mechanismen zeigt, die auch Gegenwarten strukturieren: Ressourcenkonflikte, auswärtige Investitionen, Infrastruktur als Hebel politischer Macht und der Einfluss von Kommunikation auf Wahrnehmung. Der Roman macht erfahrbar, wie Lieferketten, Kredit und Sicherheitspolitik in Alltag und Biografien eingreifen. Er fragt nach dem Preis von Ordnung und nach dem Raum für Gewissen in Systemen, die Effizienz belohnen. So liest sich Nostromo zugleich als historischer Spiegel und als Analyse von Globalisierungsmustern, deren Sprache und Rituale sich verändert haben, deren Logik jedoch vertraut bleibt.
Nostromo ist zeitlos, weil er das Schwanken des Menschen im Angesicht des Begehrens ernst nimmt und weil seine erzählerische Form Ambivalenz zulässt. Er bietet keine einfache Lehre, sondern eine Schule der Aufmerksamkeit: für Zwischentöne, für die Macht der Erzählung, für die Konsequenzen von Entscheidungen. Seine Sätze tragen, seine Bilder haften, seine Figuren entziehen sich Eindeutigkeit. Wer ihn heute liest, findet keine fertigen Antworten, aber ein Instrumentarium, um komplexe Lagen zu denken. Darin liegt seine dauerhafte Qualität: ein klassisches Werk, das nicht altert, sondern mit der Welt weiterarbeitet.
Nostromo, 1904 von Joseph Conrad veröffentlicht, spielt in der fiktiven südamerikanischen Republik Costaguana, vor allem in der Hafenstadt Sulaco. Im Zentrum steht die Silbermine San Tomé, deren Ertrag politische Träume, private Ambitionen und ausländische Interessen anzieht. Der Roman entfaltet ein Panorama aus Revolten, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und moralischen Dilemmata. Anstatt ein einzelnes Heldenepos zu erzählen, verschränkt Conrad die Perspektiven von Kaufleuten, Politikern, Intellektuellen und Arbeitern. So entsteht ein dichtes Bild einer Gesellschaft im Umbruch, in der die Frage, wer Macht legitim besitzt, untrennbar mit der Frage verknüpft ist, wer Zugang zu Rohstoffen, Kapital und Transportwegen kontrolliert.
Die politische Lage ist fragil: Regierungen wechseln, lokale Militärführer buhlen um Einfluss, und ein neuer starker Mann, Montero, nutzt die Unzufriedenheit. Sulaco erscheint als vergleichsweise geordneter Außenposten, doch auch hier formt ausländisches Kapital den öffentlichen Raum: Bahnlinien, Hafenanlagen und Versicherungen sind Bindeglieder zur Weltwirtschaft. Charles Gould, Erbe und Betreiber der San-Tomé-Mine, glaubt, wirtschaftliche Stabilität werde politische Reformen ermöglichen. Seine Frau, Mrs. Gould, bringt einen humanitären, mitfühlenden Blick in diese Überzeugung ein. Der Begriff der „materiellen Interessen“ dient dabei als moralisches und politisches Argument, das sowohl Stabilität verspricht als auch neue Abhängigkeiten erzeugt.
In diesem Spannungsfeld ragt Nostromo hervor, ein aus Italien stammender Seemann und Vorarbeiter der Hafenlader. Sein Ruf als unbestechlicher, unerschrockener Mann macht ihn zum Symbol bürgerlicher Sicherheit und städtischer Ehre. Kapitän Mitchell, der den Hafenbetrieb leitet, preist ihn als unverzichtbar. Nostromo bewegt sich zwischen sozialen Sphären: Er arbeitet mit Hafenarbeitern, verkehrt aber auch mit Händlern und Beamten. Sein Selbstverständnis gründet auf Tatkraft und öffentlicher Anerkennung. Diese Anerkennung ist Ressource und Risiko zugleich, denn sie bindet ihn an Erwartungen, die in Zeiten des Umsturzes kaum zu erfüllen sind und subtile Versuchungen eröffnen.
Als der politische Konflikt eskaliert und ein Putsch den fragilem Status quo bedroht, richtet sich der Blick auf die Silbervorräte der San-Tomé-Mine. Die Furcht, dass das Metall eine neue Diktatur finanzieren könnte, steigert die Dringlichkeit. Don José Avellanos, ein alter liberaler Vordenker, und seine Tochter Antonia stehen für das Ideal konstitutioneller Ordnung. Martin Decoud, weltgewandter Publizist mit europäischer Bildung, kehrt nach Sulaco zurück und gibt dem liberalen Lager Stimme und Strategie. Im Hintergrund stehen internationale Reeder, Versicherer und Diplomaten bereit, deren Entscheidungen die Ereignisse in Sulaco beschleunigen oder abbremsen können.
Ein kühner Plan nimmt Gestalt an: Um die politische Erpressbarkeit Sulacos zu mindern, soll eine bedeutende Silberladung aus dem Hafen entfernt werden. Nostromo übernimmt, gemeinsam mit Decoud, eine riskante nächtliche Operation. Die Fahrt durch die Bucht gerät zur Prüfung, als eine bewaffnete Verfolgung und widrige Naturkräfte die Unternehmung an den Rand des Scheiterns führen. Ein abgelegener Punkt vor der Küste bietet vorübergehenden Schutz, während die Zukunft der Fracht und der Beteiligten in der Schwebe bleibt. Der Roman verdichtet hier Gefahr, Symbolkraft des Silbers und die psychische Anspannung der Akteure, ohne die endgültigen Konsequenzen vorwegzunehmen.
Währenddessen ringt Sulaco um Ordnung. Mrs. Gould bemüht sich, zwischen humanitärem Impuls und der Logik der Macht zu vermitteln; Dr. Monygham, ein desillusionierter Arzt mit schmerzhafter Vergangenheit, steuert scharfsinnigen, oft zynischen Rat bei. Kaufleute, Hafenfunktionäre und Milizionäre suchen nach Absicherung, während das Gerücht schneller zirkuliert als gesicherte Nachrichten. Die Präsenz ausländischer Schiffe, Versicherungen und Anleger verstärkt den Eindruck, dass lokale Entscheidungen in globale Kalküle eingebettet sind. Nostromos Abwesenheit lässt seinen Mythos wachsen, und mit jedem Gerücht verschiebt sich die Wahrnehmung dessen, was Mut, Loyalität und Verantwortung bedeuten.
Die Mission verändert die Beteiligten. Nostromo, an Ruhm gewöhnt, wird mit der Frage konfrontiert, wem er seine Tatkraft schuldet und welchen Preis Anerkennung hat. Decoud schwankt zwischen rationaler Skepsis und einer romantischen Vision politischer Erneuerung. Für Charles Gould wird die Mine zum Prüfstein seiner Prinzipien: Wo endet Reform, wo beginnt Besessenheit? Das Silber wirkt als Katalysator moralischer Erosion wie auch politischer Formbildung. Conrad zeigt, wie leicht Motive – Patriotismus, Ehrgefühl, Gemeinwohl – sich in Rechtfertigungen verwandeln, wenn materielle Werte auf dem Spiel stehen und Handeln unter Zeitdruck erfolgt.
Als die Machtverhältnisse sich neu ordnen, entstehen Allianzen, die ebenso pragmatisch wie brüchig sind. Es wird über regionale Autonomie, internationale Anerkennung und die Sicherung von Verkehrswegen verhandelt. Persönliche Beziehungen geraten unter Druck: Loyalitäten werden getestet, und manches Ideal verabschiedet sich still. Dr. Monyghams Erfahrung mit Gewalt und Angst erklärt seinen nüchternen Blick auf politische Mittel. Antonia Avellanos und Decoud verkörpern die Spannung zwischen intellektueller Entschlossenheit und den Kosten des Handelns. Mrs. Gould bleibt moralischer Bezugspunkt und macht sichtbar, dass auch Siege, so es sie gibt, soziale und seelische Rückstände hinterlassen.
Am Ende steht weniger eine eindeutige Lösung als eine bleibende Ambivalenz. Conrad verknüpft eine packende Revoltengeschichte mit einer Analyse von Kapital, Macht und Mythos. Der Roman fragt, ob „materielle Interessen“ Ordnung schaffen oder lediglich neue Ungleichheiten festschreiben, und wie weit persönlicher Ruhm, patriotische Parolen und Investorenlogik sich ineinander verkeilen. Nostromos Gestalt prüft die Idee unantastbarer Integrität, ohne sie einfach zu demontieren. So bleibt Nostromo ein Werk von anhaltender Bedeutung: eine komplexe Erzählung über die Verführungen des Reichtums, die Grenzen des Idealismus und die moralischen Grauzonen moderner Politik.
Joseph Conrad veröffentlichte Nostromo 1904. Der Roman spielt im fiktiven Costaguana, besonders in der Hafenstadt Sulaco und rund um die Silbermine San Tomé. Schauplatz und Institutionen spiegeln typische Strukturen vieler lateinamerikanischer Republiken des 19. Jahrhunderts: eine starke katholische Kirche, schwankende Verfassungen, personalisierte Herrschaft durch Caudillos, eine politisierte Armee, regionale Oligarchien und die zentrale Bedeutung der Zollhäuser in den Häfen. In dieser Ordnung sichern Rohstoffexporte die Staatseinnahmen, während ausländische Investoren, Konsulate und Reedereien erheblichen Einfluss gewinnen. Conrad verdichtet diese Kräfte in einem Küstenraum, in dem Handelsrouten, Befestigungen, Eisenbahnlinien und ein tiefer Hafen die politische Machtverteilung ebenso prägen wie Gesetze.
Die historischen Rahmenbedingungen wurzeln in den Unabhängigkeitskämpfen des frühen 19. Jahrhunderts gegen Spanien. Nach der staatlichen Ablösung folgte in vielen Regionen ein Jahrhundert politischer Instabilität, in dem sich liberale und konservative Lager bekämpften und regionale Eliten um Vorrechte rangen. Solche Konflikte führten immer wieder zu Bürgerkriegen, wechselnden Verfassungsordnungen und provisorischen Regierungen. Nostromo greift dieses Klima auf, indem es einen Staat zeigt, dessen Institutionen formell modern erscheinen, praktisch jedoch durch Fraktionen, persönliche Loyalitäten und wechselnde Koalitionen bestimmt werden. Das öffentliche Leben ist dadurch verletzlich: Ministerien sind kurzlebig, Loyalitäten käuflich, und militärische Entscheidungen dominieren die Politik.
Eine zentrale historische Kraft des 19. Jahrhunderts war der Caudillismo: charismatische Anführer bauten auf Klientelismus, lokale Milizen und persönliche Patronage. Anstelle stabiler Parteien dominierten Netzwerke um Generäle oder Landbesitzer, die Schutz boten und Gegenloyalität erwarteten. Diese Form der Herrschaft konnte Modernisierungsprojekte vorantreiben, war aber stets gefährdet, wenn Geldflüsse versiegten oder militärische Niederlagen drohten. Im Roman erscheinen Generäle, Notablen und Provinzführer, deren Macht weniger aus Institutionen als aus Gefolgschaften, Prestige und Zugang zu Ressourcen stammt. Conrad zeigt, wie politische Legitimität in einem solchen System brüchig bleibt und Konflikte rasch in bewaffnete Auseinandersetzungen kippen.
Es gehört zur realen Wirtschaftslandschaft der Epoche, dass ausländisches Kapital – besonders britisches – in Häfen, Eisenbahnen, Minen und Anleihen floss. Zwischen etwa 1870 und 1914 investierten britische Finanzzentren massiv in Lateinamerika. Gewinnversprechen hingen an Rohstoffexporten, Zollpachten und Transportmonopolen. Die San-Tomé-Mine und die mit ihr verbundene Eisenbahn in Nostromo spiegeln diese Finanzarchitektur: Londoner Kredite, internationale Anteilseigner und technische Experten ermöglichen vermeintlichen Fortschritt, der jedoch politisch hochriskant ist. Wenn Schulden, Konzessionen oder Lieferketten bedroht sind, geraten ganze Regionen in eine Krise. Das Kapital verknüpft lokale Eliten mit globalen Märkten – und macht sie zugleich abhängig.
Parallel gewann die Vereinigten Staaten um 1900 stark an Einfluss. Die Monroe-Doktrin von 1823 wurde im beginnenden 20. Jahrhundert durch das Roosevelt-Korollar (1904) verschärft, das US-Interventionen zur Stabilisierung von Finanz- und Ordnungsfragen in der Hemisphäre rechtfertigen sollte. Die Abspaltung Panamas von Kolumbien 1903 und die Übernahme des Kanalprojekts 1904 markierten diese Wende. Nostromo reflektiert den Moment, in dem britische Finanzmacht und aufstrebende US-Hegemonie zusammentreffen: ausländische Geldgeber, Ingenieure und Repräsentanten ringen um Einfluss, während nationale Souveränität zunehmend von Kreditlinien, Sicherheiten und Schifffahrtsinteressen abhängt.
Das Klima der Gunboat Diplomacy prägte zugleich die Küstenräume. Mächte wie Großbritannien, Deutschland, Italien und die USA setzten um 1900 in Schulden- und Entschädigungsfragen gelegentlich maritime Gewalt ein. Prominent war die Blockade Venezuelas 1902–1903 durch europäische Flotten, die Zahlungsforderungen durchsetzen wollten. Solche Episoden erzeugten in ganzen Küstenzonen die Erwartung, dass internationale Konflikte jederzeit in militärischen Druck umschlagen könnten. Der Roman nutzt diese Atmosphäre, in der Konsulate, Kanonenboote und Versicherungsgesellschaften politische Kalküle bestimmen. Hafenanlagen und Reeden sind nicht nur wirtschaftliche Knotenpunkte, sondern auch Hebel auswärtiger Einflussnahme.
Die Entscheidung, Silber als zentrales Rohstoffsymbol zu wählen, ist historisch schlüssig. Silber war seit der Kolonialzeit ein Grundpfeiler der Andenökonomien; Potosí steht dafür emblematisch. Im 19. Jahrhundert veränderten Währungsfragen den globalen Silberwert: mehrere Staaten demonetarisierten Silber teilweise in den 1870er Jahren, was Preise und Anreize verschob. Gleichwohl blieben reiche Lagerstätten profitabel und politisch brisant. In Nostromo verkörpert die Mine Reichtum, Kreditfähigkeit und staatliche Zukunftsversprechen – aber auch Versuchung und Gewalt. Der Rohstoff wird zum Pfand, mit dem Regierungen stürzen oder gerettet werden können, und bindet lokale Politik an globale Metallmärkte.
Technische Infrastruktur war Träger dieser Exportökonomie. Eisenbahnen verbanden Binnenräume mit Häfen; Telegrafenleitungen beschleunigten Nachrichtenverkehr und Preisbildung. In den Anden- und Küstenregionen Lateinamerikas entstanden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Schienennetze, oft durch ausländische Kredite finanziert und auf Exportkorridore zugeschnitten. Nostromo zeigt, wie die Bahnlinie zur San-Tomé-Mine nicht nur Erz bewegt, sondern militärische Mobilität, Steuerung und Patronage ermöglicht. Der Telegraf verdichtet Macht, indem er Entscheidungswege verkürzt. Gleichzeitig offenbart diese Technik Abhängigkeiten: Sabotage, Kreditklemmen oder politischer Druck können ganze Regionen lähmen.
Der maritime Verkehr bildet das Rückgrat von Sulacos Wohlstand. Seit dem 19. Jahrhundert expandierten Dampfschifffahrtslinien entlang der Pazifikküste, unter anderem betrieb die Pacific Steam Navigation Company Routen zwischen Andenhäfen und globalen Märkten. Solche Linien vernetzten Küstenstädte mit London, Hamburg oder New York. In Häfen arbeiteten Schauerleute, Lotsen und Leichterbesatzungen, die Waren von Reede zu Kai brachten. Nostromos Rolle als führender Stevedore spiegelt die zentrale Bedeutung der Hafenarbeit in einer Zeit, in der selbst kleine Verzögerungen Preise, Kredite und politische Entscheidungen beeinflussen konnten. Die See war Handelsader und Drohkulisse zugleich.
Die Arbeitswelt der Häfen war international. Italienische Migration erreichte vor allem den Südkegel, doch auch in anderen lateinamerikanischen Städten stellten Italiener, Spanier und andere Europäer bedeutende Anteile der städtischen Arbeiterschaft. Sie brachten Handwerk, Seemannschaft und Hafenkompetenz mit und fanden sich in ethnisch gemischten Belegschaften wieder. Nostromos italienische Herkunft verweist auf diese Muster und zeigt, wie Migranten zwischen lokalen Machtblöcken und ausländischen Interessen vermitteln konnten. Zugleich blieben sie verletzlich: rechtlich unsicher, politisch instrumentalisiert und von Lohnschwankungen abhängig, waren sie in Krisenmomenten die ersten, deren Loyalität umworben wurde.
Religiöse Institutionen prägten Öffentlichkeit und Moralvorstellungen. Die katholische Kirche behielt in vielen Republiken große soziale Autorität, während liberale Regierungen zeitweise Entkirchlichungsreformen, Säkularisierung von Bildung oder Klosterschließungen anstrebten. Dieses Spannungsfeld aus Frömmigkeit, karitativer Präsenz und politischer Auseinandersetzung bildet im Roman einen Resonanzraum für Fragen nach Legitimität, Schuld und sozialer Ordnung. Kleriker erscheinen als Bewahrer stabiler Routinen, aber auch als Zeugen der Ambivalenzen von Macht und Reichtum. Der kirchliche Einfluss wirkt weniger als politisches Programm denn als kultureller Hintergrund, gegen den Fortschrittserzählungen gemessen werden.
Ökonomisch dominierten Oligarchien aus Landbesitzern, Kaufleuten und Konzessionsinhabern. Haciendas, Minen und Exporthandel banden ländliche Arbeitskräfte in asymmetrische Verhältnisse ein, oft über Schuldenpflichten und regionale Abhängigkeiten. Indigene Gemeinschaften und Landarme wurden häufig marginalisiert. Nostromo veranschaulicht, wie eine Elite, die von Exporterlösen profitiert, mit ausländischen Partnern kooperiert, um Infrastruktur zu sichern und Kreditfähigkeit zu wahren. Zugleich zeigt der Roman die Sprengkraft solcher Arrangements: wenn Gewinne privatisiert, Risiken aber sozialisiert werden, kippt soziale Stabilität rasch. Die Mine steht damit für ein Entwicklungsmodell, dessen Vorteile ungleich verteilt sind.
Die politische Kommunikation der Epoche verdichtete sich durch Presse und Telegraf. Ausländische Zeitungen berichteten ausführlich über lateinamerikanische Revolten, Putsche und Finanzkrisen; Korrespondenten speisten europäische und US-Öffentlichkeiten mit Bildern von Exotik und Instabilität. Conrad, der aufmerksam Zeitungen las, konnte auf solche Berichte zurückgreifen, um Atmosphäre und Dynamik der Ereignisse zu gestalten. Im Roman fungieren Gerüchte, Depeschen und Zeitungstexte als Katalysatoren der Handlung: sie bewegen Kurse, lenken diplomatische Schritte und legitimieren Interventionen. Information wird zur Waffe, deren Kontrolle über Sieg und Niederlage mitentscheiden kann.
Als unmittelbare historische Nähe gilt der kolumbianische Bürgerkrieg von 1899–1902, bekannt als Krieg der Tausend Tage. Er devastierte Wirtschaft und Institutionen und ging der Abspaltung Panamas 1903 voraus, die unter starkem US-Einfluss stattfand. Obwohl Costaguana fiktional ist, erinnert seine Instabilität an solche Konflikte: regionale Loyalitäten, ideologische Spaltungen und die strategische Bedeutung von Transit- und Küstenzonen. Nostromo zeichnet damit ein Panorama, das der Realität andiner und karibischer Republiken dieser Zeit nahesteht, ohne eine konkrete Nation abzubilden. So bleibt das Geschehen exemplarisch und erlaubt, Strukturen statt Einzelfälle zu analysieren.
Conrad selbst, 1857 im damaligen Russischen Reich geboren, wurde als Seemann und späterer britischer Schriftsteller zu einem aufmerksamen Beobachter imperialer Ränder. Seine Erfahrungen mit Handelsschifffahrt, Konsulaten und multinationalen Besatzungen schärften den Blick für Abhängigkeiten zwischen Zentrum und Peripherie. Als Nostromo entstand, diskutierte die britische Öffentlichkeit intensiv über Imperialismus, Finanzkapital und moralische Verantwortung – Debatten, die etwa J. A. Hobsons Analysen (1902) befeuerten. Diese intellektuelle Umgebung nährte Conrads Skepsis gegenüber „Fortschritt“ als Deckbegriff für Ausbeutung und lieferte eine kritische Linse für die Darstellung von Kapitalflüssen, Konzessionen und Machttechniken.
Die Struktur des Romans kommentiert die Allianz von Kapital, Technologie und Gewalt. Die Mine finanziert Schienen, die Schienen sichern politische Vorherrschaft, und beides zieht ausländische Garantien nach sich. Dadurch entsteht ein Kreislauf: Kredit erfordert Stabilität, Stabilität verlangt Sicherheitsapparate, und diese begünstigen jene Eliten, die den Kredit vermittelt haben. Nostromo inszeniert diese Verknüpfungen, ohne sie zu romantisieren. Selbst wohlgemeinte Modernisierung produziert unvorhergesehene Kosten – Korruption, Militarisierung, soziale Entwurzelung. Das Werk verweigert einfache Schuldzuweisungen und zeigt stattdessen, wie Akteure in ein System verstrickt sind, das Nutzen und Gefahr untrennbar koppelt.
Zugleich reflektiert die Erzählung die moralische Psychologie einer Exportgesellschaft. Der Rohstoffreichtum schafft die Illusion, Politik ließe sich wie ein Bilanzposten ordnen. Doch je stärker Preise, Frachtzeiten und Wechselkurse die Entscheidungen bestimmen, desto anfälliger wird die Souveränität gegenüber Erpressung von innen wie außen. In Nostromo kristallisieren sich diese Spannungen um ein wertvolles Silbergut, das Hoffnung, Erpressbarkeit und internationale Begehrlichkeit bündelt. Ohne das Ende vorwegzunehmen, macht der Roman deutlich, dass die Logik des Schatzes auch die Logik der Gewalt ist – eine Einsicht, die aus der historischen Erfahrung seiner Zeit plausibel folgt.
Joseph Conrad (1857–1924), geboren als Józef Teodor Konrad Korzeniowski im damaligen Russischen Reich (heute Ukraine), gilt als einer der maßgeblichen Erneuerer des englischen Romans. Als polnischsprachiger Europäer, der erst als Erwachsener auf Englisch schrieb, verband er Seefahrerfahrung mit literarischem Experiment. Seine Werke, häufig dem literarischen Impressionismus und der frühen Moderne zugerechnet, erforschen Gewissen, Verantwortung und die Ambivalenz imperialer Begegnungen. Zentral sind mehrstimmige Erzählweisen, Rahmenkonstruktionen und eine dichte, atmosphärische Prosa. Conrad prägte mit seiner Darstellung von Angst, Loyalität und moralischer Bewährung auf See und an der Peripherie des Empire maßgeblich die Entwicklung der Weltliteratur.
Joseph Conrad erhielt keine universitär-formale Ausbildung, sondern eine praktische Schulung zur See und eine umfassende Selbstbildung. Früh geprägt von polnischer und französischer Literatur, bewunderte er besonders Gustave Flaubert; später schätzte er auch englische und amerikanische Erzähler wie Henry James. Stilistisch steht er für eine impressionistische Verdichtung, psychologische Tiefenschärfe und eine erzählerische Relativierung von Wahrheit. Wichtige Unterstützung fand er in London durch den Lektor und Kritiker Edward Garnett, der frühe Manuskripte förderte. In den frühen 1900er-Jahren arbeitete er zudem mit Ford Madox Ford zusammen. Aus diesen Impulsen entwickelte er eine charakteristische Prosa zwischen Abenteuerroman, politischem Roman und moralischer Fallstudie.
In den 1870er-Jahren ging Conrad nach Marseille und fuhr zunächst in der französischen Handelsmarine, bevor er in den späten 1870er-Jahren in britische Dienste wechselte. Er machte in der Handelsmarine Karriere, erwarb in den 1880er-Jahren das britische Kapitänspatent und wurde 1886 britischer Staatsbürger. Seine Fahrten führten ihn in den Mittelmeerraum, nach Südostasien und in den Pazifik. 1890 diente er kurzzeitig als Flussdampfoffizier im Kongo-Freistaat, eine Erfahrung, die seine spätere Fiktion nachhaltig prägte. Die strenge Schiffswelt, die Isolation auf See und die Konfrontationen an imperialen Rändern lieferten ihm das Erfahrungsfundament, auf dem er sein literarisches Werk aufbaute.
Conrads literarisches Debüt gelang mit dem Roman Almayer’s Folly (1895), gefolgt von An Outcast of the Islands (1896). Mit The Nigger of the “Narcissus” (1897) und der Sammlung Tales of Unrest (1898) profilierte er sich als Autor maritimer und kolonialer Stoffe, der konventionelle Abenteuerformen unterlief. Er experimentierte mit Rahmen- und Binnenerzählungen sowie mit zeitlichen Verschachtelungen, die Wahrnehmung und Wahrheit gegeneinander ausspielen. Die frühe Kritik erkannte seine stilistische Kühnheit, doch blieben die Verkäufe zunächst verhalten. Zugleich etablierte er zentrale Motive: Pflicht und Verrat, Kameradschaft und Einsamkeit, die Grauzonen von Mut, Schuld und moralischer Verantwortung.
Den Durchbruch zur dauerhaften Bedeutung sichern Werke aus der Zeit um 1900: Heart of Darkness (1899), Lord Jim (1900) und Typhoon (1902) verbinden Seefahrtserfahrung mit psychologischer Analyse. Nostromo (1904) entfaltet eine komplexe politische Topografie einer fiktiven südamerikanischen Republik, während The Secret Agent (1907) Großstadt, Überwachung und Terrorismus thematisiert. Under Western Eyes (1911) spiegelt die Spannungen zwischen Autokratie und Revolution. Mit Chance (1913) und Victory (1915) erreichte er breiteres Publikum. Obwohl seine Prosa anspruchsvoll blieb, wuchs sein Ansehen kontinuierlich, getragen von Kritikern, die seine Innovationskraft, seine Ironie und sein Gespür für die moralischen Kosten der Moderne hervorhoben.
Conrad pflegte keine programmatische Publizistik, doch artikulierte er in Essays und Erinnerungen eine skeptische, pragmatische Weltsicht. The Mirror of the Sea (1906) verknüpft autobiografische Reflexion mit einer Poetik des Seefahrens; A Personal Record (1912) bietet Einblicke in seine Schreibentwicklung; Notes on Life and Letters (1921) sammelt literarische und politische Betrachtungen. Seine Fiktion verhandelt die Gewalt imperialer Herrschaft ohne einfache Gegenrede: Sie zeigt Ambivalenzen, Verstrickungen und Grenzen individueller Moral. Politische Extremismen, Geheimhaltung und Desinformation erscheinen als zerstörerische Kräfte. Zugleich behauptet er die Würde professioneller Verantwortung, besonders im seemännischen Ethos, als fragile, doch notwendige Gegenmacht.
In den 1910er- und frühen 1920er-Jahren festigte Conrad seinen Rang, publizierte weiter Romane und Erzählungen und erlebte mit einigen Titeln späten kommerziellen Erfolg. Er starb 1924 in England. Sein Vermächtnis ist doppelt: Er gilt als Wegbereiter der literarischen Moderne und prägte Erzähltechniken, die von späteren Autorinnen und Autoren vielfältig aufgenommen wurden; zugleich bleiben seine Darstellungen kolonialer Räume Gegenstand intensiver Debatten. Adaptationen für Film und Bühne sowie anhaltende akademische Auseinandersetzungen sichern seine Präsenz. Heute wird sein Werk häufig aufgrund seiner formalen Kühnheit, ethischen Komplexität und seiner skeptischen Menschenkunde gelesen. Sein Einfluss reicht von der Moderne bis zur Gegenwart.
Zur Zeit der spanischen Herrschaft, und noch viele Jahre nachher, hatte die Stadt Sulaco – von ihrem Alter zeugt die üppige Pracht der Orangengärten – in geschäftlicher Hinsicht höchstens als ein Küstenhafen mit beträchtlichem Lokalverkehr in Ochsenhäuten und Indigo einige Bedeutung gehabt. Für die klobigen Hochseegalionen der Eroberer hatte sich der Hafen von Sulaco wegen der in dem weiten Golf vorherrschenden Windstillen verboten; denn die brauchten eine scharfe Brise, um überhaupt vom Fleck zu kommen, wo einer der modernen Schnellsegler beim bloßen Flattern der Leinwand noch Fahrt macht. Einige Häfen in der Welt sind schwer zu erreichen infolge heimtückischer Unterwasserklippen und der Stürme an ihren Küsten. Sulaco lag wie in einem unverletzlichen Heiligtum geborgen vor den Versuchen der Handelswelt, in der feierlichen Stille des tiefen Golfo Placido, wie in einem ungeheuren, halbkreisförmigen Tempel ohne Dach, zur See zu offen, die Wände aus hohen Bergen mit den Trauertüchern der Wolken verhängt.
Auf der einen Seite dieser breiten Einbuchtung in der geraden Küstenlinie der Republik Costaguana läuft das Land in eine unbedeutende Spitze aus, die Punta Mala heißt. Von der Mitte des Golfs aus ist diese Landspitze überhaupt nicht sichtbar; nur der Kamm eines steilen Hügels, der sich darauf erhebt, ist undeutlich auszunehmen, wie ein Schatten am Himmel.
Auf der andern Seite zeichnet sich gegen die dunstige Glut des Horizonts etwas wie ein schwebender bläulicher Nebelfleck ab. Das ist die Halbinsel Azuera, ein wildes Gewirr scharfer Felsen und steiniger Gleichstrecken, von senkrechten Schluchten zerrissen. Sie ragt weit in die See hinaus, als streckte die grüne Küste an dünnem Hals aus Sand, von Dorngebüsch umwuchert, ein rauhes Haupt aus Stein vor. Gänzlich wasserlos – denn die Regen laufen sofort nach allen Seiten ins Meer ab –, hat die Halbinsel, so heißt es, nicht Humus genug, um auch nur einen Grashalm sprießen zu lassen, als lastete ein Fluch auf ihr. Die Armen, die aus einem dunklen Bedürfnis nach Trost die Begriffe von Böse und Reich verquicken, erzählen, die Insel wäre so tot wegen ihrer verwunschenen Schätze. Das gemeine Volk aus der Nachbarschaft, Peons von den Estanzias, Vaqueros von den Ebenen längs der Küste, unterworfene Indianer, die meilenweit zu Markt kommen, mit einem Bündel Zuckerrohr oder einem Korb Mais im Werte von ein paar Pfennigen – sie alle glauben fest, daß Haufen glänzenden Goldes im Düster der tiefen Schluchten liegen, die die steinige Hochfläche von Azuera durchschneiden. Die Überlieferung will wissen, daß viele Abenteurer früherer Zeiten bei der Suche umgekommen sind. Es geht auch die Rede, daß noch zu Gedenkzeiten der Lebenden zwei wandernde Seeleute – Americanos vielleicht, jedenfalls aber Gringos[1] irgendwelcher Art – einen verspielten, nichtsnutzigen Mozo überredet und zu dritt einen Esel gestohlen hatten, der ihnen ein wenig Dürrholz, einen Wasserschlauch und Proviant für ein paar Tage tragen sollte. So begleitet, mit Revolvern im Gürtel, hatten sie sich aufgemacht, um sich mit Buschmessern einen Weg durch das Dorndickicht am Halse der Halbinsel zu bahnen.
Am zweiten Abend war seit Menschengedenken zum erstenmal eine gerade Rauchsäule zu sehen (sie konnte nur von dem Lagerfeuer der drei herrühren), die sich von einem messerscharfen Grat auf dem felsigen Haupt schwach gegen den Abendhimmel abhob. Die Mannschaft eines Küstenschoners, der in toter Flaute drei Meilen von der Küste weg stillag, starrte verblüfft bis zum Dunkelwerden darauf hin. Ein schwarzer Fischer, der einsam in einer kleinen Bucht nahebei lebte, hatte den Aufbruch mitangesehen und auf ein Zeichen gelauert. Er rief seine Frau hinzu, als die Sonne eben im Untergehen war. Sie hatten das seltsame Wahrzeichen mit Neid, Ungläubigkeit und Schaudern beobachtet.
Die gottlosen Abenteurer gaben kein andres Zeichen mehr. Die Matrosen, der Indianer und der gestohlene Esel wurden nie wieder gesehen. Dem Mozo, einem Mann von Sulaco – sein Weib hatte ein paar Messen bezahlt – und dem armen Vierfüßler, ihnen war es wohl vergönnt, zu sterben; die zwei Gringos aber sollen gespensterhaft lebend noch bis zu diesem Tage zwischen den Felsen hausen, im Bann ihres Erfolges. Ihre Seelen können sich nicht von den Leibern losreißen, die über dem entdeckten Schatz Wache halten. Sie sind nun reich und hungrig und durstig – eine seltsame Vorstellung von hartnäckigen Gringogespenstern, die in ihrem verdorrten, versengten Fleisch leiden, wo ein Christenmensch verzichtet hätte und erlöst worden wäre.
Dies also sind die sagenhaften Bewohner von Azuera, die die verwunschenen Schätze hüten; und der Schatten am Himmel auf der einen Seite, der schwimmende bläuliche Nebelfleck auf der andern kennzeichnen die äußersten Punkte der tiefen Einbuchtung, die den Namen Golfo Placido trägt, weil nie seit Menschengedenken ein starker Wind ihre Wasser aufgerührt hat.
Beim Passieren der gedachten Linie zwischen Punta Mala und Azuera verlieren die Schiffe, die von Europa nach Sulaco gehen, mit einmal die scharfen Brisen des Ozeans und werden zur Beute launischer Luftströmungen, die oft volle dreißig Stunden lang mit ihnen ihr Spiel treiben. Vor den Schiffen liegt das Innere des stillen Golfs an den meisten Tagen des Jahres unter einer reglosen Schicht opalfarbener Wolken. An den seltenen klaren Morgen liegt ein anderer Sdiatten über der Wasserfläche. Die Morgendämmerung bricht hoch hinter dem aufgetürmten, ragenden Wall der Kordillere an. Dunkle Gipfel schneiden scharf in den Himmel; ihre Steilhänge wachsen aus einem luftigen Unterbau von Urwald, der unmittelbar von der Küste aus ansteigt. Weit über den andern ragt das weiße Haupt des Higuerota majestätisch ins Blau. Ungeheure Gruppen nackter Felsen sprenkeln die ebenmäßige Schneefläche mit schwarzen Tupfen.
Dann, während die Mittagssonne den Schatten der Berge aus dem Golf zurückzieht, beginnen die Wolken aus den niedrigen Tälern hervorzuquellen. Sie verwischen in dunklem Wallen die kantigen Ränder der Schluchten über den bewaldeten Hängen, verhüllen die Gipfel, treiben in windgejagten Fetzen quer über die Schneefelder des Higuerota. Die Kordillere ist dem Blick des Betrachters entrückt, als hätte sie sich in mächtige Schwaden grauen und schwarzen Dunstes aufgelöst, die nun langsam der See zutreiben und in der Tagesglut in nichts zergehen. Die Kante der Nebelwand giert immer nach der Mitte des Golfs, erreicht sie aber nur selten. Die Sonne ißt sie auf, wie die Seeleute sagen. Außer etwa, es löst sich eine dunkle Gewitterwolke von der Hauptmasse, jagt quer über den Golf und erreicht die offene See jenseits Azuera, wo sie dann plötzlich krachend Feuer speit wie ein ungeheures luftiges Piratenschiff, das, hoch über dem Horizont beigedreht, die See angriffe.
Bei Nacht schiebt sich die Wolkenmasse weiter am Himmel vor und hüllt den ruhigen Golf darunter in undurchdringliche Finsternis, in der man bald da, bald dort plötzlich Regenschauer prasseln hört. Tatsächlich sind diese umwölkten Nächte sprichwörtlich unter den Seeleuten längs der ganzen Westküste eines großen Erdteils. Himmel, Land und See schwinden zugleich aus der Welt, wenn der Placido, wie die Leute es ausdrücken, sich unter seinem schwarzen Poncho zur Ruhe legt. Die wenigen Sterne, die gegen die See zu, unterhalb der Kante der Wolkenbank, übrigbleiben, leuchten schwach wie vor dem Schlund einer schwarzen Höhle. Unter der lastenden Decke treibt dein Schiff unsichtbar unter deinen Füßen, die Segel flattern unsichtbar über deinem Kopf, sogar das Auge Gottes, fügen sie lästerlich hinzu, könnte nicht entdecken, welche Arbeit eines Mannes Hand da unten tut; und es stünde dir straflos frei, den Teufel zur Hilfe zu rufen, würde nicht auch seine List an dieser blinden Finsternis zuschanden.
Die Ufer rings um den Golf sind durchaus steil; drei unbewohnte Inselchen wärmen sich im Sonnenschein, gerade außerhalb des Wolkenvorhangs, gegenüber der Einfahrt zum Hafen von Sulaco; es sind die »Isabellen«.
Da ist die Große Isabelle; die Kleine Isabelle, ganz rund, und Hermosa, die kleinste.
Diese letztere ist kaum einen Fuß hoch und etwa sieben Schritt breit, nur eine graue Felsfläche, die nach einem Regen wie ein Aschenhaufen raucht und die niemand vor Sonnenuntergang bloßfüßig betreten würde. Aus der Kleinen Isabelle läßt eine alte, zerzauste Palme mit starkem, stacheligem Stamm, eine wahre Hexe unter Palmen, trübselig ihre dürren Blätter über den spärlichen Sand rascheln. Auf der Großen Isabelle entspringt eine Süßwasserquelle in dem bewachsenen Hang einer Schlucht. Das Eiland ähnelt einem smaragdgrünen, etwa meilenlangen Keil und trägt zwei Waldbäume, die eng zusammenstehen und eine weite Schattenfläche zu Füßen ihrer schlanken Stämme breiten. Eine Schlucht, die sich durch die ganze Länge der Insel zieht, ist dicht mit Büschen bestanden; der Kamm fällt auf der einen Seite als steile Klippe zum Meere ab und verläuft auf der ändern allmählich in einen schmalen Streifen sandigen Ufers.
Von diesem niederen Ende der Großen Isabelle dringt das Auge durch eine Lücke, etwa zwei Meilen weit weg, die wie mit der Axt aus dem regelmäßigen Schwung der Küste ausgehauen ist und gerade in den Hafen von Sulaco führt. Auf der einen Seite kommen die kurzen, waldigen Ausläufer und Täler der Kordillere bis hart an das Ufer herunter, auf der andern Seite verliert sich die große Sulaco-Ebene in das opalfarbene Geheimnis endloser Weite, von trockenem Dunst verhängt. Die Stadt Sulaco selbst – Mauerkämme, große Kuppeln, der Schimmer weißer Balkone inmitten weiter Orangenhaine –, die Stadt liegt zwischen den Bergen und der Ebene, etwas entfernt von ihrem Hafen und nicht in der Sehlinie vom Meere aus.
Als einziges Anzeichen geschäftlicher Betriebsamkeit innerhalb des Hafens ist von der Großen Isabelle aus der wuchtige Kopf der hölzernen Landungsbrücke zu erkennen, den die Oceanic Steam Navigation Company (die O. S. N,, wie sie genannt wird) über den seichten Teil der Bucht hat schlagen lassen, bald nachdem sie sich entschlossen hatte, aus Sulaco einen ihrer Anlegehäfen in der Republik Costaguana zu machen. Der Staat weist an seiner langen Küste mehrere Häfen auf, die aber alle – Cayta, einen bedeutenden Platz, ausgenommen – entweder nur kleine, unzugängliche Einlasse in einem Eisenwall darstellen – wie Esmeralda zum Beispiel, sechzig Meilen südlich – oder nur offene Reeden, den Winden ausgesetzt und von der Brandung gepeitscht.
Vielleicht hatten die atmosphärischen Bedingungen, die die Kauffahrer vergangener Zeiten fernhielten, die O. S. N. Kompagnie bewogen, in den heiligen Frieden einzubrechen, in dem Sulaco sein geborgenes Dasein führte. Die umspringenden Brisen, die auf dem weiten Halbkreis der Gewässer innerhalb der Spitze von Azuera ihr Spiel trieben, konnten der Dampfkraft der ausgezeichneten Flotte der Gesellschaft nichts anhaben. Jahr um Jahr waren die schwarzen Leiber ihrer Schiffe die Küste hinauf und hinunter gezogen, hinein und heraus, über Azuera hinaus, über die Isabellen, über die Punta Mala, ohne Rücksicht auf irgend etwas, außer auf die Tyrannei der Zeit. Ihre Namen, alle aus der Mythologie entlehnt, wurden vertraute Worte längs einer Küste, die nie von den Göttern des Olymps beherrscht worden war. Die Juno war lediglich wegen ihrer bequemen Mitschiffksajüten bekannt, der Saturn wegen der guten Laune seines Kapitäns und der prächtigen Vergoldung und Malerei des Salons, während der Ganymed hauptsächlich für Viehtransport eingerichtet war und von Küstenpassagieren besser gemieden wurde. Noch dem letzten Indianer im verlassensten Küstendorf war der Zerberus vertraut, ein kleiner schwarzer Ratterkasten ohne nennenswerte Einrichtung für Passagiere, dessen Aufgabe darin bestand, längs der waldigen Küste unter den schauerlichen Felsen hinzukriechen und verbindlich vor jeder kleinsten Gruppe von Hütten anzuhalten, um Landesprodukte einzunehmen, bis hinunter zu Dreipfundpaketen von Rohgummi, in dürre Blätter verpackt.
Und da sie selten auch nur das kleinste Paket in Verlust gehen ließ, äußerst selten etwa einen Ochsen einbüßte und nie einen einzigen Passagier ertränkt hatte, so stand der Name der O. S. N. in mächtigem Ansehen. Die Leute erkannten an, daß unter der Obhut der Gesellschaft ihr Leben und ihr Eigentum auf dem Wasser sicherer wären als in ihren eigenen Häusern an Land.
Der Inspektor der O.S.N. in Sulaco für den gesamten Dienstzweig Costaguana war überaus stolz auf die Stellung seiner Gesellschaft. Er faßte das in einen Ausspruch zusammen, den er oft im Munde führte: »Wir machen niemals Fehler.« Den Offizieren der Gesellschaft gegenüber wurde es zur eindringlichen Mahnung: »Wir dürfen keine Fehler machen. Ich will hier keine Fehler haben, ganz gleich, was Smith dort drüben auf seiner Seite tut!«
Smith, den er zeit seines Lebens nie mit Augen gesehen hatte, war der andere Inspektor der Gesellschaft, mit dem Dienstsitz etwa fünfzehnhundert Meilen weg von Sulaco. »Reden Sie mir nicht von Ihrem Smith.«
Dann pflegte er sich plötzlich zu beruhigen und den Gegenstand mit gespielter Nachlässigkeit fallen zu lassen.
»Smith weiß von diesem Land nicht mehr als ein Säugling.«
»Unser ausgezeichneter Señor Mitchell« für die Handels- und Beamtenwelt von Sulaco; »der geschwätzige Joe« für die Kapitäne der Gesellschaft, brüstete sich Kapitän Joseph Mitchell mit seiner tiefen Kenntnis von Menschen und Dingen im Lande – den »cosas de Costaguana«. Unter diesen letzteren hob er als äußerst ungünstig für den geordneten Dienst seiner Gesellschaft die häufigen Regierungswechsel hervor, die durch Militärrevolten immer wieder herbeigeführt wurden.
Die politische Atmosphäre der Republik war in jenen Tagen durchaus stürmisch. Die flüchtigen Patrioten der unterlegenen Partei hatten die üble Gewohnheit, immer wieder längs der Küste aufzurauchen, mit einer halben Schiffsladung von Handfeuerwaffen und Munition. Diese Betriebsamkeit erschien Kapitän Mitchell geradezu wunderbar, im Hinblick auf den Zustand völliger Entblößung, in dem die Leute geflohen waren. Er hatte beobachtet, daß sie »niemals genug Kleingeld bei sich zu haben schienen, um die Fahrkarte aus dem Lande hinaus zahlen zu können«, und er konnte aus Erfahrung sprechen; denn bei einer denkwürdigen Gelegenheit war er berufen gewesen, dem Diktator zugleich mit ein paar hohen Beamten von Sulaco (dem Regierungspräsidenten, dem Direktor des Zollamts und dem Polizeichef) das Leben zu retten; die Herren hatten sämtlich einer gestürzten Regierung angehört. Der arme Senñor Ribiera (dies der Name des Diktators) war armselig achtzig Meilen weit über Bergpfade gekommen, nach der verlorenen Schlacht von Socorro, in der Hoffnung, der üblen Kunde den Weg abzulaufen – was er natürlich auf einem lahmen Maultier nicht fertiggebracht hatte, überdies verendete das Tier unter ihm, gerade am Ausgang der Alameda, wo an den Abenden zwischen den Revolutionen mitunter die Militärmusik spielte. »Herr«, pflegte Kapitän Mitchell mit würdigem Ernst fortzufahren, »das unzeitige Ende des Mulos lenkte die Aufmerksamkeit auf den unglücklichen Reiter. Seine Züge wurden von einigen Deserteuren erkannt, die von der Armee des Diktators entflöhen und mit der Pöbelmenge eben dabei waren, die Fensterscheiben der Intendancia einzuschlagen.«
Am frühen Morgen jenes Tages hatten die Lokalbehörden von Sulaco in den Amtsräumen der O. S. N. Zuflucht gesucht, einem wuchtigen Bau nächst dem Beginn der Landungsbrücke, und hatten die Stadt auf Gnade oder Ungnade den Aufrührern überlassen; und da der Diktator beim Volke verhaßt war, wegen der strengen Aushebungen, zu der seine Notlage ihn gezwungen hatte, so hatte er die beste Aussicht, in Stücke gerissen zu werden. Durch eine Fügung war Nostromo[2] – unschätzbarer Bursche – mit ein paar italienischen Arbeitern von der Nationalen Zentralbahn zur Hand und brachte es fertig, ihn herauszuhauen, für den Augenblick wenigstens. Schließlich gelang es Kapitän Mitchell, die ganze Gesellschaft in seinem eigenen Gig auf einen der Dampfer der Gesellschaft zu bringen – es war die ›Minerva‹–, der zu gutem Glück eben in den Hafen einlief.
Er hatte die Herren an einem Tau durch ein Loch in der Rückwand hinunterlassen müssen, während der Pöbel, der aus der Stadt heruntergeflutet war, sich längs des ganzen Ufers sammelte und vor der Hauptfront des Gebäudes heulte und tobte. Danach mußte Kapitän Mitchell mit den Herren im Sturmschritt die Landungsbrücke hinunterrennen – ein verzweifeltes Rennen ums liebe Leben; und wieder war es Nostromo, ein Bursche unter tausend, der, diesmal an der Spitze der Ladearbeiter der Gesellschaft, die Landungsbrücke gegen den Ansturm des Pöbels hielt und so den Flüchtlingen Zeit gab, das Gig zu erreichen, das am andern Ende bereit lag, die Flagge der Gesellschaft im Stern. Stöcke, Steine, Schüsse schwirrten, auch Messer wurden geworfen. Kapitän Mitchell zeigte gern die lange Schnittnarbe von seinem linken Ohr zur Schläfe, die von einer an einen Stock gebundenen Rasierklinge herrührte – einer Waffe, »bei dem übelsten schwarzen Gesindel hier draußen sehr beliebt«, wie er erklärte.
Kapitän Mitchell war ein starker, ältlicher Mann, der hohe, spitze Kragen und kurzen Backenbart trug, eine Vorliebe für weiße Westen hatte und trotz dem Anschein würdiger Zurückhaltung äußerst mitteilsam war.
»Diese Herren«, pflegte er zu sagen und sah dabei ungemein feierlich drein, »diese Herren mußten rennen wie die Kaninchen. Auch ich selbst bin wie ein Kaninchen gerannt. Gewisse Todesarten sind – äh – widerwärtig für einen – äh – achtbaren Mann. Sie hätten mich auch zu Boden getrampelt; ein wilder Pöbelhaufe, Herr, kennt keinen Unterschied. Nebst der Vorsehung dankten wir unser Leben meinem Capataz de Cargadores, wie sie ihn in der Stadt nannten. Einem Mann, der, als ich seinen Wert erkannte, einfacher Bootsmann auf einem Genueser Schiff war, einem der wenigen Schiffe, das mit Stückgut nach Sulaco kam, bevor der Ausbau der Zentralbahn begonnen war. Der Mann verließ sein Schiff, einigen durchaus achtbaren Freunden zuliebe, die er sich hier gemacht hatte, seinen eigenen Landsleuten, doch wohl auch, um sich zu verbessern, nehme ich an. Herr, ich bin ein ziemlich guter Menschenkenner. Ich stellte ihn als Vormann der Ladearbeiter und Aufseher über die Landungsbrücke an, das war alles. Doch ohne ihn wäre Señor Ribiera ein toter Mann gewesen. Dieser Nostromo, Herr, ein Mann, der über jeden Vorwurf erhaben ist, wurde zum Schrecken aller Diebe in der Stadt. Wir waren damals überlaufen, Herr, jawohl, verpestet geradezu von Ladrones und Matreros, Dieben und Mördern aus der ganzen Provinz. Bei jener Gelegenheit waren sie vorher eine Woche durch nach Sulaco hereingeschneit. Sie hatten das Ende gewittert, Herr; fünfzig Prozent des wilden Pöbelhaufens waren Berufsbanditen aus dem Campo, aber nicht einer war darunter, der nicht von Nostromo gehört gehabt hätte. Was nun die Leperos aus der Stadt angeht, Herr, so war der bloße Anblick seines schwarzen Backenbartes und der weißen Zähne genug für sie. Sie verkrochen sich vor ihm, Herr. Soviel vermag die Charakterstärke.«
Man konnte sehr wohl sagen, daß Nostromo allein es war, der den Herren das Leben rettete. Kapitän Mitchell seinerseits verließ sie nicht eher, als bis er sie keuchend, entsetzt und verzweifelt, doch in Sicherheit, auf den üppigen Samtsofas im Salon erster Klasse der Minerva zusammenklappen gesehen hatte. Bis zuletzt hatte er es sich angelegen sein lassen, den Ex-Diktator mit »Ew. Exzellenz« anzureden.
»Herr, ich konnte nicht anders. Der Mann war ganz herunter – grausig, totenbleich, über und über zerschunden.«
Die Minerva warf damals gar nicht Anker. Der Inspektor beorderte sie unverzüglich aus dem Hafen hinaus. Es konnte keine Ladung gelöscht werden, und die Fahrgäste für Sulaco lehnten es natürlich ab, an Land zu gehen. Sie konnten das Schießen hören und deutlich genug das Gefecht sehen, das am Ufer im Gange war. Der zurückgeschlagene Pöbelhaufe wandte seine Energie an einen Angriff auf das Zollamt, ein düsteres, unfertig aussehendes Gebäude mit vielen Fenstern, zweihundert Meter weit von den Amtsräumen der O.S.N. und das einzige sonstige Gebäude am Hafen. Nachdem Kapitän Mitchell dem Kommandanten der Minerva Auftrag gegeben hatte, »diese Herren« im ersten Anlegehafen außerhalb Costaguanas an Land zu setzen, fuhr er in seinem Gig zurück, um zu sehen, was zum Schutze des Eigentums der Gesellschaft zu tun wäre. Dieses, wie auch das Eigentum der Bahn, wurde von den ansässigen Europäern verteidigt; das heißt, von Kapitän Mitchell selbst und dem Stab von Ingenieuren, die die Bahn bauten, unter Beihilfe der italienischen und baskischen Arbeiter, die sich treu um ihre englischen Führer scharten. Auch die Ladearbeiter der Gesellschaft, durchweg Einheimische, hielten sich unter ihrem Capataz sehr gut. Ein zusammengewürfelter Haufen von sehr gemischtem Blut, hauptsächlich Neger, in ewiger Fehde mit anderen Stammgästen der niedern Schnapsschenken in der Stadt, nützten sie mit Freuden die Gelegenheit, unter so vorteilhaften Bedingungen ihre persönlichen Rechnungen auszugleichen. Nicht einer war unter ihnen, der nicht dann und wann entsetzt in die Mündung von Nostromos Revolver gestiert hätte, die ihm unter die Nase gehalten wurde, oder sonstwie durch Nostromos Entschlossenheit gebändigt worden wäre. Er hatte »viel von einem Mann«, ihr Capataz, jawohl, so sagten sie; war zu sehr von Verachtung durchdrungen, als daß er nur hätte schimpfen mögen. Ein unerbittlicher Aufseher, doppelt zu fürchten wegen seiner Entschlossenheit. Und bedenkt! da war er an diesem Tage unter ihnen, an ihrer Spitze, und ließ sich zu Scherzworten an den oder jenen Mann herbei.
Eine solche Führerschaft war begeisternd, und tatsächlich beschränkte sich der ganze Schade, den der Pöbel anzurichten vermochte, darauf, daß an einen Stoß Eisenbahnschwellen Feuer gelegt wurde; die Schwellen waren mit Kreosot getränkt und brannten gut. Der Hauptangriff auf den Lagerhof der Eisenbahn, auf das Gebäude der O.S.N. und besonders auf das Zollamt, in dessen Kassenräumen, wie man wohl wußte, ein reicher Schatz an Silber lag, mißlang völlig. Sogar das kleine Gasthaus des alten Giorgio, das einsam auf halbem Wege zwischen dem Hafen und der Stadt stand, entging der Plünderung und Zerstörung, nicht durch ein Wunder, sondern weil es der Pöbel wegen der näherliegenden Kassenschränke zuerst nicht beachtet hatte und nachher keine Muße mehr fand, sich damit aufzuhalten. Nostromo mit seinen Cargadores war damals schon zu scharf hinter der Menge her.
Man hätte sagen können, daß er dabei nur sein Eigentum verteidigte. Von allem Anfang an hatte er Zutritt zum engsten Familienkreis des Gastwirtes gefunden, der sein Landsmann war. Der alte Giorgio Viola, ein Genuese mit zottigem, weißem Löwenhaupt – oft nur der »Garibaldiner[3]« genannt (so wie Mohammedaner nach ihrem Propheten heißen) –, der alte Viola also war, um Kapitän Mitchells eigene Worte zu gebrauchen, der »achtbare, verheiratete Freund«, auf dessen Rat Nostromo sein Schiff verlassen hatte, um abwechslungshalber einmal sein Glück an Land, in Costaguana, zu versuchen.
Der alte Mann, voll Verachtung für den Pöbel, wie es der sittenstrenge Republikaner so oft ist, hatte die ersten Sturmzeichen mißachtet. Er schlurfte an jenem Tage ganz wie sonst in seinen Pantoffeln durch die »Casa«, murmelte dabei ärgerlich und verachtungsvoll etwas über die unpolitische Natur des Aufruhrs und zuckte die Schultern dazu. Schließlich wurde er unvorbereitet von der hinausstürmenden Menge überrascht. Da war es aber schon zu spät, seine Familie in Sicherheit zu bringen – und wo hätte er übrigens auf dieser großen Ebene mit der stattlichen Frau Teresa und den zwei kleinen Mädchen hinlaufen sollen? So verrammelte er also alle Ausgänge und setzte sich gleichgültig mitten in das verdunkelte Cafe, ein altes Jagdgewehr über den Knien. Seine Frau saß auf dem anderen Stuhl neben ihm und rief murmelnd alle Heiligen des Kalenders an.
Der alte Republikaner glaubte nicht an Heilige oder an Gebete oder an das, was er »Priesterreligion« nannte. Freiheit und Garibaldi waren seine Gottheiten; doch duldete er den »Aberglauben« bei Frauen und hatte dafür nur ein verschlossenes Schweigen.
Seine beiden Mädchen, die älteste vierzehn, die andere zwei Jahre jünger, kauerten auf dem sandbestreuten Boden, jede an einer Seite der Signora Teresa, die Köpfe in der Mutter Schoß, beide erschreckt, doch jede auf ihre Weise: die dunkelhaarige Linda entrüstet und ärgerlich, die blonde Giselle, die jüngere, bestürzt und ergeben. Die Padrona zog die Arme, die sie um ihre Töchter geschlungen hatte, einen Augenblick zurück, um sich zu bekreuzen und hastig die Hände zu ringen. Sie wimmerte ein wenig lauter.
»Oh! Giambattista, warum bist du nicht hier? Oh! warum bist du nicht hier?«
Dabei rief sie nicht den Heiligen an, sondern rief nach Nostromo, dessen Namenspatron der Heilige war. Und Giorgio, der reglos auf seinem Stuhl neben ihr saß, zeigte sich gereizt über diese vorwurfsvollen, abgerissenen Hilferufe.
»Ruhe, Weib! Was soll das? Er tut seine Pflicht«, murmelte er ins Dunkel; und sie gab keuchend zurück:
»Ah! Ich habe keine Geduld. Pflicht! Und die Frau, die wie eine Mutter zu ihm war? Ich habe heute morgen vor ihm gekniet: Geh nicht aus, Giambattista – bleib im Haus, Battistino – sieh auf diese zwei unschuldigen Kinder!«
Auch Frau Viola war Italienerin, aus Spezia gebürtig und, wenn auch wesentlich jünger als ihr Gatte, doch schon in vorgerückten Jahren. Sie hatte ein hübsches Gesicht, dessen Farbe aber gelb geworden war, da ihr das Klima von Sutaco durchaus nicht zusagte. Ihre Stimme war ein tönender Kontra-Alt. Wenn sie, beide Arme unter ihrem mächtigen Busen gekreuzt, die plumpen, dickbeinigen Chinesenmädchen ausschalt, die mit der Wäsche hantierten, Hühner rupften oder in Holzmörsern Korn stampften, in den aus Lehm gemauerten Rückgebäuden des Hauses, dann konnte sie einen so leidenschaftlich klingenden Grabeston zuwege bringen, daß der Kettenhund mit großem Gerassel in seine Hütte flüchtete. Luis, ein zimtfarbener Mulatte mit keimendem Schnurrbart über den starken dunklen Lippen, hielt dann wohl damit inne, mit einem Palmbesen das Café zu kehren, und ließ sich einen leisen Schauder das Rückgrat hinunterlaufen; seine schmachtenden Mandelaugen blieben für längere Zeit geschlossen.
Das war der Hausstand der Casa Viola, doch alle diese Leute waren frühmorgens beim ersten Lärm des Aufruhrs entflohen, da sie es vorzogen, sich auf der Ebene zu verbergen, anstatt sich dem Haus anzuvertrauen; und sie waren dafür kaum zu tadeln, da es in der Stadt, ob mit Recht oder Unrecht, allgemein hieß, daß der Garibaldiner etwas Geld unter dem Lehmboden der Küche vergraben habe. Der Hund, ein reizbares, zottiges Vieh, wechselte zwischen wütendem Gebell und kläglichem Heulen, sprang aus seiner Hütte an der Rückseite des Hauses oder kroch wieder hinein, wie Wut oder Angst es ihm eingaben.
Plötzliches Brüllen erhob sich und erstarb wieder, wie das Heulen eines Sturmwindes auf der Ebene rings um das verrammelte Haus; das Knallen von Schüssen tönte lauter; dazwischen gab es Pausen voll unverständlichen Schweigens, und nichts konnte heiliger und friedvoller sein als die schmalen Sonnenstreifen, die durch die Risse in den Läden quer durch das Café über das Durcheinander der Tische und Stühle bis zur jenseitigen Wand liefen. Der alte Giorgio hatte diesen kahlen, weißgetünchten Raum als Zufluchtsort gewählt. Er hatte nur ein Fenster, und seine einzige Tür ging auf den stark verstaubten Fahrweg, der zwischen Aloehecken vom Hafen nach der Stadt führte und auf dem klobige Karren hinter trägen Ochsengespannen dahinzuächzen pflegten, von berittenen Jungen gelenkt.
Während einer stillen Pause spannte Giorgio sein Gewehr. Der unheilkündende Laut erpreßte der starren Gestalt der Frau ein leises Stöhnen. Ein jäher Ausbruch trotzigen Geschreis ganz nahe beim Hause sank plötzlich zu unterdrücktem Murmeln zusammen; jemand rannte vorbei; man hörte einen Augenblick lang sein keuchendes Atemholen, knapp hinter der Türe, dazu heiseres Flüstern und Schritte an der Mauer; eine Schulter strich gegen den Fensterladen und löschte die breiten Sonnenstreifen, die den ganzen Innenraum durchliefen. Signora Teresas Arme legten sich enger um die knienden Gestalten der Töchter.
Der Pöbel, vom Zollamt zurückgeschlagen, hatte sich in mehrere Haufen zerstreut, die sich nun über die Ebene auf die Stadt zu verliefen. Dem gedämpften Krachen unregelmäßiger Salven, die in der Ferne abgefeuert wurden, antworteten schwache Schreie, weit weg. In den Zwischenpausen knallten vereinzelte Schüsse, und das langgestreckte, niedrige weiße Gebäude mit den geschlossenen Fensterläden schien der Mittelpunkt eines Aufruhrs, der im weiten Umkreis die schweigende Abgeschlossenheit umtobte. Doch die vorsichtigen Bewegungen und das Geflüster einer versprengten Gruppe, die hinter der Rückmauer vorübergehend Schutz suchte, füllten den dunklen, von ruhigen Sonnenstreifen durchspielten Raum mit bösen, heimlichen Lauten. Die drangen der Familie Viola ins Ohr, als hätten unsichtbare Gespenster neben ihren Stühlen flüsternd beraten, ob es empfehlenswert sei, an die Casa dieses Fremden Feuer anzulegen. Es war aufreibend. Der alte Viola hatte sich langsam erhoben, das Gewehr in der Hand, unentschlossen, denn er sah nicht, wie er den Leuten hätte wehren sollen. Schon hörte man Stimmen an der Rückseite des Hauses. Signora Teresa war außer sich vor Entsetzen.
»Ah! Der Verräter!« murmelte sie, fast unhörbar. »Nun sollen wir verbrannt werden; und ich habe vor ihm gekniet! Nein! Er muß seinen Engländern nachlaufen.«
Sie schien zu glauben, daß Nostromos bloße Anwesenheit im Hause es völlig sicher gemacht hätte. So weit war auch sie im Bann des Rufes, den der Capataz de Cargadores sich an der Wasserkante geschaffen hatte, längs der Eisenbahn, bei den Engländern wie bei der Bevölkerung von Sulaco. Ihm ins Gesicht und sogar ihrem Gatten gegenüber tat sie unweigerlich so, als lachte sie spöttisch darüber, manchmal gutmütig, manchmal mit seltsamer Bitterkeit. Aber Frauen sind ja unvernünftig in ihren Ansichten, wie der alte Giorgio ruhig bei passenden Gelegenheiten zu bemerken pflegte. Bei dieser Gelegenheit, das Gewehr schußfertig im Arm, beugte er sich zu seiner Frau nieder und flüsterte ihr, die Augen scharf auf die verrammelte Tür geheftet, ins Ohr, daß auch Nostromo machtlos sein müßte, zu helfen. Was könnten zwei Männer, in einem Haus eingeschlossen, gegen zwanzig oder noch mehr tun, die sich anschickten, Feuer an das Dach zu legen? Giambattista denke die ganze Zeit über an die Casa, dessen sei er sicher.
»Er, an die Casa denken, er!« keuchte Signora Viola wie irr. Sie schlug sich mit der flachen Hand auf die Brust: »Ich kenne ihn. Er denkt an niemand als an sich selbst.«
Eine Gewehrsalve in nächster Nähe ließ sie den Kopf zurückwerfen und die Augen schließen. Der alte Giorgio biß unter seinem weißen Schnurrbart die Zähne hart aufeinander, und seine Augen begannen wild zu rollen. Ein paar Kugeln schlugen gleichzeitig in die Hausmauer; man hörte draußen den Verputz in großen Stücken niederfallen; eine Stimme kreischte: »Da kommen sie!«, und nach einem Augenblick lastender Stille gab es ein Trampeln eiliger Füße längs der Vorderfront.
Dann ließ die Spannung in des alten Giorgio Haltung nach, und ein Lächeln voll Geringschätzung und Erlösung trat auf die Lippen seines kriegerischen alten Löwengesichtes. Dies war kein Volk, das für Gerechtigkeit kämpfte, sondern ein Haufe von Dieben. Sogar sein Leben gegen sie zu verteidigen war eine Entwürdigung für einen Mann, der einer von Garibaldis Unsterblichen Tausend bei der Eroberung von Sizilien gewesen war. Giorgio fühlte unendliche Verachtung für diesen Aufruhr von Schuften und Leperos, die den Sinn des Wortes »Freiheit« nicht kannten. Er setzte sein altes Gewehr ab, wandte den Kopf und sah nach der farbigen Lithographie von Garibaldi hinüber, die in schwarzem Rahmen an der weißen Wand hing; ein greller Sonnenstreifen schnitt sie der Länge nach durch. Seine Augen, an das Zwielicht gewöhnt, unterschieden die grelle Gesichtsfarbe, das Rot des Hemdes, die Umrisse der breiten Schultern, den schwarzen Fleck des Bersaglierihutes, den der Hahnenfederbusch umwehte. Ein unsterblicher Held! Er bedeutete die Freiheit; Freiheit, die nicht nur Leben, sondern auch Unsterblichkeit schenkte!
Seine Begeisterung für diesen Mann hatte keine Veränderung erfahren. Im Augenblick, da ihm die Erlösung aus der vielleicht größten Gefahr, der seine Familie auf all ihren Wanderungen ausgesetzt gewesen, zum Bewußtsein gekommen war, hatte er sich dem Bild seines alten Führers zugewandt, zuerst und allein, und dann erst die Hand auf seines Weibes Schultern gelegt.
Die Kinder, die auf dem Boden knieten, hatten sich nicht gerührt. Signora Teresa öffnete die Augen ein wenig, als hätte er sie aus einem sehr tiefen, traumlosen Schlaf geweckt. Bevor er noch Zeit fand, in seiner überlegten Art ein tröstliches Wort zu sagen, sprang sie auf, während die Kinder noch, eines an jeder Seite, sich an sie klammerten, schnappte nach Luft und stieß einen heiseren Schrei aus.
Gleichzeitig wurde ein scharfer Schlag gegen die Außenseite des Fensterladens geführt. Sie konnten plötzlich das Schnauben eines Pferdes hören, das Scharren unruhiger Hufe auf dem schmalen Pflasterweg vor dem Hause; eine Stiefelspitze stieß nochmals gegen den Fensterladen, ein Sporn klirrte bei jedem Stoß, und eine aufgeregte Stimme schrie: »Holla, holla, ihr da drinnen!«
Den ganzen Morgen über hatte Nostromo von weitem ein Auge auf die Casa Viola gehabt, sogar während des heißesten Getümmels um das Zollamt. »Wenn ich dort drüben Rauch aufsteigen sehe«, hatte er sich gesagt, »dann sind sie verloren[1q].« – Sobald die Menge sich zur Flucht gewandt, hatte er sich mit einer kleinen Abteilung italienischer Arbeiter in Richtung auf das Haus aufgemacht, das ja wirklich auf dem kürzesten Wege nach der Stadt lag. Der versprengte Haufe, dem er auf den Fersen war, schien sich hinter dem Haus nochmals festsetzen zu wollen; eine Salve, die seine Leute hinter einer Aloehecke hervor abgaben, brachte das Gesindel auf den Trab: in einer Lücke, die in die Hecke für die Zweiglinie der Bahn nach dem Hafen geschlagen war, tauchte Nostromo auf seiner silbergrauen Stute auf. Er brüllte, sandte den Fliehenden einen Schuß aus seinem Revolver nach und sprengte an das Fenster des Cafes hin. Er hatte es im Gefühl, daß der alte Giorgio in diesem Teil des Hauses Zuflucht gesucht haben würde.
Seine Stimme hatte der Familie im Hause atemlos hastig geklungen. »Hallo! Vecchio! Oh, Vecchio! Ist alles wohl bei euch da drin?«
»Du siehst...«, murmelte der alte Viola seiner Frau zu.
Die Signora Teresa war nun still. Draußen lachte Nostromo.
»Ich kann hören, daß die Padrona nicht tot ist.«
»Du hast dein Bestes getan, um mich durch die Angst umzubringen«, rief Signora TereSa. Sie wollte noch mehr sagen, doch die Stimme brach ihr.
Linda erhob kurz die Augen zu ihr, der alte Giorgio aber rief entschuldigend:
»Sie ist ein bißchen aufgeregt.«
Von draußen brüllte Nostromo wieder lachend zurück:
»Mich kann sie nicht aufregen!«
Signora Teresa fand ihre Stimme wieder:
»Es ist so, wie ich sage. Du hast kein Herz – und du hast kein Gewissen, Giambattista...«
Sie hörte, wie er draußen sein Pferd herumwarf; die Leute, die er anführte, schwatzten aufgeregt, italienisch und spanisch, und machten einander Mut zur Verfolgung. Er setzte sich an ihre Spitze mit dem Ruf: »Avanti!«
»Er hat sich nicht lange mit uns aufgehalten. Hier ist kein Lob von Fremden zu verdienen«, meinte Signora Teresa tragisch. »Avanti! Jawohl! Das ist alles, worum er sich kümmert. Irgendwo der erste zu sein – irgendwie – der erste bei diesen Engländern. Sie werden ihn jedermann zeigen: ›Das ist unser Nostromo!‹« Sie lachte verächtlich. »Was für ein Name! Was ist das? Nostromo? Er würde von ihnen einen Namen annehmen, der gar kein Wort mehr ist.«
Inzwischen hatte Giorgio mit ruhigen Bewegungen die Türe freigemacht; das grelle Licht fiel auf Signora Teresa, eine malerische Frau, die in aufgeregter Mütterlichkeit ihre beiden Töchter umschlungen hielt. Hinter ihr leuchtete die Wand blendend weiß, und die grellen Farben der Garibaldi[4]-Lithographie verblaßten im Sonnenschein.
Der alte Viola an der Türe reckte den Arm empor, als wollte er all seine einander jagenden Gedanken dem Bild seines alten Führers an der Wand befehlen. Sogar wenn er für die »Signori Inglesi« kochte – für die Ingenieure (er war ein ausgezeichneter Koch, obwohl die Küche sehr finster war), selbst dann fühlte er sich sozusagen unter dem Auge des Großen, der in einem glorreichen Kampf sein Führer gewesen war, in einem Kampfe, der unter den Mauern von Gaeta den Todesstoß für die Tyrannei bedeutet hätte, wäre nicht die verfluchte piemontesische Rasse von Königen und Ministern gewesen. Wenn mitunter eine Bratpfanne während einer heiklen Operation mit ein paar Zwiebelschnitzeln Feuer fing und man den alten Mann rücklings in einer Wolke ätzenden Rauchs aus der Türe kommen sah, fluchend und hustend, dann konnte man den Namen Cavours, des an Könige und Tyrannen verkauften Erzschurken, gemengt hören mit Verwünschungen gegen die Chinesenmädchen, das Kochen im allgemeinen und das viehische Land, in dem er aus reiner Liebe zur Freiheit, die jener Schurke erdrosselt hatte, zu leben gezwungen war.
Dann kam wohl Signora Teresa, ganz in Schwarz, aus einer ändern Türe, näherte sich würdig besorgt, neigte ihr schönes, dunkelhaariges Haupt, öffnete die Arme und klagte in tiefen Tönen:
»Giorgio! Du unbesonnener Mann! Misericordia divina! So bloß in der Sonne! Er wird sich den Tod holen!«
