Notärztin Andrea Bergen 1498 - Ursula von Esch - E-Book

Notärztin Andrea Bergen 1498 E-Book

Ursula von Esch

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Beschreibung

Erst jubeln die Zuschauer noch - dann schreien sie vor Schreck - schließlich breitet sich Stille aus! Der erfolgreiche Reiter Tilo Schwarz hat das Turnier gewonnen, doch kurz nach dem Sieg stürzt er unglücklich vom Pferd und bleibt bewusstlos liegen. Auch seine Frau Annalena muss diesen schrecklichen Unfall mit ansehen.
Die Diagnose ist noch schlimmer als erwartet: Tilos Rückgrat ist gebrochen, ihr Mann ist querschnittsgelähmt!
Für Annalena bricht eine Welt zusammen, doch sie will stark sein - für sie beide. Tilo jedoch trifft eine andere Entscheidung: Obwohl er seine Frau über alles liebt - oder gerade deshalb - reicht er die Scheidung ein ...


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Inhalt

Cover

Das Schicksal war nicht gnädig

Vorschau

Impressum

Das Schicksal war nicht gnädig

Erst waren es tosende Jubelrufe – dann schrien die Zuschauer vor Schrecken. Auch mir läuft immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich an diesen Moment denke, als der erfolgreiche Reiter Tilo Schwarz nach einem beeindruckenden Turniersieg vom Pferd stürzte und reglos am Boden liegen blieb.

Noch heute sehe ich seine schreckgeweiteten Augen. Ich glaube, Tilo hat sofort geahnt, dass er querschnittsgelähmt ist. Aber die schwere Entscheidung, die er nach dieser lebensverändernden Diagnose getroffen hat, zeigt erst das volle Ausmaß seiner Verzweiflung: Obwohl es ihm das Herz zerreißt und er seine schöne Frau Annalena mehr als alles auf der Welt liebt, hat er die Scheidung eingereicht! Denn er ist davon überzeugt, dass sie ohne ihn besser dran ist.

Seitdem ist der ehemals lebensfrohe und offene Tilo Schwarz nicht mehr wiederzuerkennen – und Annalena ist zutiefst geschockt! Sie liebt Tilo mit jeder Faser ihres Herzens und will ihn nicht verlieren. Nun hat sie mich gebeten, ihren Mann zur Vernunft zu bringen. Doch wie kann mir das gelingen?

»Guten Morgen, Herr Lindemann!«, rief Hilde Bergen fröhlich, als sie die alteingesessene Bäckerei betrat, in der schon ihre Schwiegereltern Kunden gewesen waren.

Hilde Bergen war fast immer gut gelaunt. Sie fand nämlich, dass sie es immer noch weit besser als die meisten Menschen auf der Welt hatte, selbst wenn einmal etwas schiefging. Sie war eine leicht korpulente Dame von Anfang sechzig mit einem hübschen Gesicht und grau meliertem, dunkelblondem Haar.

Hilde fand, dass sie allen Grund hatte, mit ihrem Dasein zufrieden zu sein. Zwar war vor einigen Jahren ihr geliebter Ehemann gestorben, aber wer konnte heute schon auf eine so lange und glückliche Ehe zurückblicken? Und zu ihrer Freude hatte ihr Sohn Werner die gut laufende Kinderarztpraxis seines Vaters übernommen und führte sie mit beachtlichem Erfolg weiter. Dazu kam, dass er ihr nach einer kurzen, unglücklichen Ehe die Traumschwiegertochter schlechthin ins Haus gebracht hatte.

Hilde hatte sich mit der bildhübschen, jungen Unfallärztin Andrea auf Anhieb bestens verstanden. Werner und Andrea hatten sich im Elisabeth-Krankenhaus kennen und lieben gelernt, in dem Werner ein paar Belegbetten hatte.

Natürlich war es schade, dass Andrea keine eigenen Kinder bekommen konnte. Daran war ein Unfall schuld, der ihren damaligen Verlobten dazu veranlasst hatte, sie zu verlassen. Ein Glück, fanden sie alle heute! Denn durch dieses Schicksal hatten sich nicht nur Andrea und Werner gefunden, sondern dadurch war auch die von allen geliebte Adoptivtochter Franzi in die Familie gekommen. Außerdem gab es auch noch die süße Hündin Dolly, die mit ihrer verspielten Art die ganze Familie auf Trab hielt.

Auf ihrem Morgenspaziergang zum Bäcker war Hilde dieses Glück wieder einmal bewusst geworden. Deshalb grüßte sie jeden, von dem sie auf den ersten Gruß keine Antwort erhalten hatte, ein zweites Mal – und das noch fröhlicher als zuvor.

»Einen schönen guten Morgen, Herr Lindemann! Haben wir nicht Glück, wenn man in den Nachrichten von all den schrecklichen Wetterkatastrophen hört?«

Der Bäckermeister hatte ihr den Rücken zugekehrt und drehte sich jetzt langsam um. Er war ein kräftiger Mann von Ende dreißig mit einem runden, roten Gesicht, schütterem, fahlblondem Haar und einer etwas untersetzten Gestalt. Für gewöhnlich war er gut gelaunt und hatte eine offene, freundliche Art. Heute aber sah Hilde, dass er tiefe Schatten unter den Augen hatte, und er ging nicht wie sonst auf ihre Begrüßung ein, sondern fragte nur knapp:

»Was soll es sein, Frau Bergen?«

Er sah sehr blass aus, und seine Augen waren geschwollen und gerötet. Hatte er etwa geweint? Hilde überlegte, ob sie sich erkundigen sollte, wollte aber nicht aufdringlich wirken.

»Fünf Brötchen«, sagte sie zögernd, »fünf Brezeln und einen von Ihren guten Gewürzlaiben. Den ganzen, bitte!«

Er nahm als erstes den Laib aus dem Regal, dann drei Brezeln.

»Fünf Brezeln, Herr Lindemann!«, erinnerte Hilde ihn. Sie war überrascht, dass er so geistesabwesend war.

»Noch etwas?«, fragte er und vermied es, sie anzusehen.

»Fünf Brötchen«, wiederholte Hilde. Und jetzt wollte sie doch wissen, was los war. Denn auch seine Frau Helena, die für gewöhnlich im Geschäft bediente, war nirgendwo zu sehen. »Wo ist denn heute Ihre Frau?«

Dem Bäcker fielen die Brötchen aus der Hand, und er drehte sich weg, damit sie nicht sah, wie er mit den Tränen kämpfte.

»Mein Gott, Herr Lindemann – was ist denn passiert?« Sie hoffte, dass nicht noch jemand ins Geschäft kam. Vielleicht wollte er sich ja aussprechen.

Er gab ihr keine Antwort, schnäuzte sich nur lautstark.

»Herr Lindemann, wir kennen uns doch schon so lange! Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Oder vielleicht meine Kinder – sie sind ja beide Ärzte!«

»Ach, Frau Bergen!« Jetzt weinte er wirklich. Wie schrecklich, wenn so ein großer, kräftiger Mann die Fassung verlor! »Mir kann niemand helfen! Meine Helena hat mich verlassen!«

»Um Gottes willen! Das gibt es doch nicht! Sie haben doch gerade erst das süße, kleine Mädchen bekommen...« Die beiden Lindemanns waren schon seit fünf Jahren verheiratet und hatten lange auf ein Kind gewartet.

»Es ist tot!«, erwiderte der Bäcker dumpf.

»Was?« Hilde konnte es nicht fassen.

»Plötzlicher Kindstod. Niemand kann etwas dafür.« Er sah sie verzweifelt an.

»Das ist wirklich furchtbar«, stammelte Hilde erschüttert. »Aber gerade dann braucht man sich doch ...«

Er nickte düster. »Das denke ich ja auch. Aber sie wollte es nicht hören. Sie hält sich irgendwie für schuldig.«

»Das ist doch Unsinn! Wie kommt sie darauf?«

»Ihr Bruder ist auch am plötzlichen Kindstod gestorben, und nun denkt sie, es läge in der Familie. Sie sagt, sie wolle mir nicht im Weg stehen. Ich soll eine gesunde Frau heiraten, die mir Kinder schenken kann, damit das Geschäft auch weiterhin in der Familie bleibt.«

»Was für ein Unsinn!«, empörte sich Hilde erneut.

»Das habe ich ihr auch gesagt. Aber ...« Er zuckte die Schultern, und seine Augen füllten sich erneut mit Tränen.

Hilde überlegte. »Ich werde mit meinem Sohn und meiner Schwiegertochter darüber reden, Herr Lindemann, wenn Sie einverstanden sind.«

Er nickte nur trübe.

»Mein Sohn ist doch Kinderarzt, er ist bestimmt über mögliche Ursachen des Kindstodes informiert, und wahrscheinlich hat auch meine Schwiegertochter als Unfallärztin damit Erfahrung. Vielleicht wissen die beiden einen Rat oder können Ihre Frau zur Vernunft bringen. Bestimmt hat sie diese Entscheidung nur aus Verzweiflung getroffen.«

»Ich wäre Ihnen wirklich sehr, sehr dankbar, Frau Bergen, wenn Ihr Sohn sich die Zeit nehmen würde ...«

»Das tut er ganz bestimmt, Herr Lindemann. Vielen Dank für die Brötchen. Das wär' alles. Was bekommen Sie von mir?« Hilde wühlte in ihrem Portemonnaie.

»Ist schon gut«, wehrte er ab. »Ich bin froh, dass ich mich aussprechen konnte.«

Hilde bedrängte ihn nicht weiter. »Vielen Dank, Herr Lindemann. Wir werden gleich beim Frühstück darüber reden! Heute haben beide ausnahmsweise gleichzeitig frei!«

»Da werden sie sich nicht freuen, mit so etwas überfallen zu werden«, meinte der Bäcker leise.

»Aber ich bitte Sie! Sie würden es mir übel nehmen, wenn ich ihnen nicht davon erzählen würde. Schließlich kennen Sie und Werner sich doch auch schon eine Ewigkeit. Schon seit der Grundschule! Damals hat Ihre Mutter Werner doch immer eine Brezel zugesteckt ...«

Lindemann lächelte bei der Erinnerung ein wenig. Und Hilde war froh, als nun Kundschaft den Laden betrat und er damit von seinem Unglück ein wenig abgelenkt wurde.

***

»Da bist du ja!«, begrüßte Andrea Bergen ihre Schwiegermutter, die atemlos zur Haustür hereinkam. Sie selbst war noch im Bademantel. Ein gemeinsames ausgiebiges Frühstück genoss sie immer besonders.

Andrea war eine bemerkenswert gut aussehende Frau von Mitte dreißig. Auch frühmorgens und ungeschminkt war sie eine Schönheit. Das weiche, dunkelblonde Haar trug sie zurzeit relativ kurz, ihre Lippen waren voll und – wie Werner immer wieder sagte – sehr verführerisch. Sie hatte eine Figur, um die sie jedes Model beneiden konnte, schlank und schmal, aber nicht knochig.

»Was ist denn passiert?«, fragte sie die sichtlich erschütterte Hilde.

»Etwas wirklich Schlimmes«, antwortete diese.

»Bitte nicht!«, stöhnte ihr Sohn Werner bereits von der Küchentür. »Unser freies Wochenende!«

»Doch, erzähl, Omi!« Franziska tauchte hinter ihm auf. Werner sah sie kopfschüttelnd an. Daraufhin sagte sie ein wenig altklug: »Die zwei haben sonst ja doch keine Ruhe, Papa!«

»Da hast du auch wieder recht!«, stimmte er ihr schmunzelnd zu, griff nach dem Brotkorb und folgte seiner Mutter, die das Tablett mit dem Aufschnitt in den Wintergarten trug, in dem sie während der kalten Tage frühstückten.

Andrea nahm die Thermoskanne mit dem Kaffee und Franzi eine Flasche Orangensaft.

Hilde bemühte sich, zumindest während der ersten Tasse Kaffee, die schlechte Nachricht für sich zu behalten, aber sie wirkte so bekümmert, dass Werner schließlich mitfühlend drängte:

»Also los, Mutter! Heraus mit der Sprache. Dir schmeckt ja sonst das Frühstück nicht!«

»Ich war doch eben beim Bäcker Lindemann  ...«, fing Hilde an.

»Ist etwas mit dem Baby?«, erkundigte sich Werner besorgt. Das kleine Mädchen gehörte zwar nicht zu seinen Patienten, aber er kannte den Bäcker und die Familie seit Kindertagen.

»Es ... es ist tot! Plötzlicher Kindstod!«

Einen Moment herrschte entsetztes Schweigen.

»O Gott!«, flüsterte Andrea und stellte ihre Tasse ab.

Werner war blass geworden, und Franzi fragte: »Was ist das, plötzlicher Kindstod?«

»Das ist, wenn ein gesundes Baby ohne erkennbaren Grund im Schlaf plötzlich stirbt. Die Eltern legen es abends ins Bett – und am nächsten Morgen ist es tot.«

»Aber  ... aber  ... gibt es denn gar nichts, was man da machen kann?« Franzi hatte erst kürzlich in den Kinderwagen geschaut, den Frau Lindemann neben sich im Laden stehen gehabt hatte.

»Nein, leider forscht die Wissenschaft immer noch nach den genauen Ursachen für den plötzlichen Kindstod«, erklärt der Kinderarzt seiner Tochter.

»Das ist noch nicht alles!«, platzte Hilde heraus. »Frau Lindemann hat daraufhin ihren Mann verlassen!«

»Du lieber Himmel, warum denn das?«, rief Andrea erschrocken.

»Auch ihr Bruder ist wohl am plötzlichen Kindstod gestorben, und nun ist sie davon überzeugt, dass es in ihrer Familie liegt. Sie will ihrem Mann die Möglichkeit geben, mit einer gesunden Frau gesunde Kinder zu bekommen, sagt sie. Kann man so eine Veranlagung denn vererben?«, wollte Hilde nun wissen.

»Nun, es gibt tatsächlich einige Studien zu dem Thema, die zeigen, dass eine genetische Veranlagung das Risiko für den plötzlichen Kindstod zumindest erhöht«, erwiderte Werner ernst.

»Davon hast du doch kürzlich in deinem Ärzteblatt gelesen«, fiel es Andrea ein.

»Ja, da ging es um die neusten Erkenntnisse zu dem Thema.«

»Und die wären?«, fragte Franzi interessiert nach.

Werner lächelte seine Tochter stolz an. Er freute sich über ihr waches Interesse und hegte heimlich die Hoffnung, dass sie einmal Medizin studieren und eventuell sogar in seine Praxis eintreten und sie später übernehmen würde. Deswegen erklärte er ihr gerne mehr.

»Man hat im Gehirn von betroffenen Säuglingen eine Abweichung entdeckt. Dadurch können die Babys bei Sauerstoffmangel nicht richtig reagieren. Sie wachen dann nicht wie andere Säuglinge auf natürliche Weise auf, wenn sie zu wenig Luft bekommen. Aber diese Erkenntnisse müssen noch mit weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen belegt werden.«

»Du liebe Zeit!« Diese Informationen waren auch Hilde neu. »Und kann man diesen Defekt im Gehirn nicht schon vorher bei den Babys erkennen?«

»Nein, man arbeitet aber mit Hochdruck daran. Bisher kann man mit dem Neugeborenen-Screening nur andere Vorerkrankungen und damit zusätzliche Risikofaktoren ausschließen.«

»Und was ist das Neugeborenen-Screening?«, will nun Franziska wieder wissen.

Ihr Vater gab sich große Mühe, ihr alles kindgerecht, aber wissenschaftlich korrekt zu erklären:

»Dem Baby werden am zweiten oder dritten Tag nach der Geburt aus der Ferse ein paar Tropfen Blut entnommen und zum Labor geschickt. Es wird überprüft, ob das Kind zum Beispiel an seltenen Stoffwechselkrankheiten oder einem Herzdefekt leidet. Vielleicht kann man irgendwann dann auch die Veranlagung für diesen plötzlichen Kindstod damit feststellen. Das ist aber noch Zukunftsmusik.«

»Kennt Frau Lindemann denn den aktuellen Wissensstand?«, erkundigte sich Andrea nun, um auf das näher liegende Problem zurückzukommen.

»Bestimmt nicht!«, sagte Hilde.

»Dann sollten wir mit ihr reden«, fand Andrea. »Sie soll sich auf keinen Fall schuldig fühlen und den Mut verlieren, ein gesundes Kind großzuziehen.«

»Du kannst ja Herrn Lindemann einmal zu mir in die Praxis schicken, dann werde ich versuchen, ihm das mit dem Screening zu erklären«, schlug Werner seiner Mutter vor.

Franzi fand, dass man genügend Zeit diesem traurigen Thema gewidmet hatte.

»Ihr habt mir doch versprochen, dass wir heute auf das Reitturnier gehen!«, erinnerte sie ihre Eltern. Pferde waren Franziskas Leidenschaft. Andrea und Werner hatten im Grunde nichts dagegen. Und weil das Wetter gut war und sie ein Springturnier auch unterhaltsam fanden, waren sie bereit, nach dem Frühstück aufzubrechen.

»Dann brauche ich heute nicht zu kochen«, freute sich Hilde, »und mache mir mit Dolly zusammen einen schönen Tag!« Denn die Mischlingshündin war bestimmt auf einem Turnierplatz mit nervösen Pferden und Reitern nicht erwünscht.

***

»Mensch, was geht es uns doch gut!«, sagte Tilo Schwarz und streckte sich genüsslich.

»Stimmt!«, pflichtete ihm Annalena bei. Sie schmiegte sich zärtlich an seinen nackten Oberkörper.