Novemberkönig - Lily Magdalen - E-Book

Novemberkönig E-Book

Lily Magdalen

0,0

Beschreibung

»Halte dich von Foremar Manor fern!« Mehr als Geistergeschichten und eine diffuse Warnung bekommt Ylva nicht aus den Menschen in dem von Novembernebel umhüllten Dorf heraus. Dabei ist die junge Frau doch hier, um ihre Großmutter zu finden, die spurlos verschwunden ist. Und die verlassene Villa im Wald muss der Schlüssel sein. Als Ylva allen Warnungen zum Trotz das Anwesen betritt, begegnet sie dort keinem Geist. Der Mann, der vor ihr steht, ist äußerst lebendig - doch nicht weniger unheimlich. Er führt ein eigenartiges Ritual durch, doch etwas geht schief. Seine Magie scheint Ylva nichts anhaben zu können. Und während Ylva umso entschlossener ist, seine Geheimnisse zu lüften und ihre Großmutter zurückzubekommen, wird er neugierig auf sie ... Eine Geschichte über einen alten Fluch, über verlorene Liebe - und über den schmalen Grat zwischen Sehnsucht und Obsession.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 800

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



CONTENT NOTES

Falls Du sensibel auf bestimmte Themen reagierst,

blättere gerne zu Seite 565, um zu wissen, was in welcher

Mondphase auf Dich zukommt.

Dem einen Novemberkönig,

in tiefer Verbeugung.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Neumond

Neulicht

Zunehmender Halbmond

Vollmond

Abnehmender Halbmond

Altlicht

Neumond

Epilog: Wintersonne

PROLOG

Man sagt, wer flüstert, lügt.

Manche Wahrheiten jedoch zwingen die Stimme in die Knie und sind nur flüsternd zu ertragen.

Ich habe Angst um dich.

Eine Angst, die mir die Kehle zuschnürt, die alles auf diesen einen Punkt zusammenschrumpfen lässt. Der Sturm wird stärker, je näher ich Foremar Manor komme. Eiskalter Wind zerrt an meiner Kleidung, beißt in meine Haut, auf der ich deine Hände noch immer spüren kann. Deinen Atem und das Vibrieren deiner Stimme. Winterworte.

Mein Keuchen vereint sich mit dem Klagen des Windes. Jeder Atemzug schmerzt in meinen Lungen, frosterstarrtes Laub und Grashalme knirschen unter meinen Schuhen. Die Zweige ächzen, vom Wind gebeugt, kurz vorm Brechen.

Ich habe Angst um dich.

Die Blätter, deren Tanz am Novemberhimmel ich noch vor kurzem so ehrfürchtig bewundert habe, werden erbarmungslos von den Zweigen gerissen, ihre spindeldürren Finger finden keinen Halt mehr. Noch mehr Silhouetten. Knorrig. Schwankend. Bis das letzte Blatt fällt …

Ich habe Angst um dich.

Da sind Stimmen am Rande des Sturms, Lichter hinter mir. Orange verdrängt das Schwarz, sickert in das Grau. Die Dorfbewohner sind unterwegs.

Ich beschleunige meine Schritte, bis ich das schmiedeeiserne Tor erreiche. Die Flügel stehen weit offen. Ich springe geradewegs hindurch. Mitten hinein in vibrierende Energie, die mit jedem Schritt stärker wird. Magie, die mich wie magnetisch abzustoßen sucht. Meine Haut wird taub davon.

Bin ich schneller oder der Neumond?

Halt dich fest.

Der grünliche Schimmer zwischen den Baumstämmen kündigt Foremar Manor an. Endlich.

Die schwarzen Baumstämme ducken sich zu den Seiten weg, als die Mauern der Villa in mein Blickfeld geraten.

Auf den Zinnen, auf allen Simsen und Vorsprüngen sitzen die untoten Singvögel, eine gespenstische Parade in ihren unterschiedlichen Stadien der Verwesung. Das ist es jedoch nicht, was mir unter die Haut kriecht. Es ist ihr Schweigen.

Bitte verzeih mir.

Ich hechte die Stufen zur Eingangstür hinauf. Vor mir öffnet sich die Halle und ein Schauer läuft mir über den Rücken beim Anblick der verhüllten Gemälde. Beim Anblick des einen, das nicht mehr verhüllt ist.

Ich spurte daran vorbei; ich weiß, wo ich dich finden werde.

Die Flügeltüren zur Bibliothek stehen weit offen. Der grüne Schimmer kommt von hier.

Es tut mir so leid.

Elektrisches Prickeln kriecht über meine Haut, als der Gegenwind mir die Haare knisternd aus dem Gesicht fegt.

Ich stolpere geradewegs in den Strudel. In einer Spirale aus krachendem Holz und fliegenden Büchern stürzen die Regale in dem kreisrunden Raum in sich zusammen, gegen den Uhrzeigersinn. Als hätte mein Eintreten ihren Fall verursacht.

Ich weiche den fallenden Brettern aus, habe keinen Blick für sie. Nur für dich, wie du im kalten, grünlichen Licht im Zentrum des zwölfzackigen Sterns kniest. Dein Mantel flattert um deine gebeugte Gestalt. Auch mein Gesicht prickelt. Die Magie lässt mich kaum zu dir vordringen. Ich rufe deinen Namen.

Die Regale in der Mitte der rechten Seite fallen, der Lärm ist ohrenbetäubend.

Zwischen dem Stoff deines Mantels und den fallenden Regalteilen und Büchern in meinem Blickfeld blitzt immer wieder die Blässe deiner Haut auf. Du schützt deinen bloßen Schädel nicht vor den herumfliegenden Holzsplittern. Der Grund dafür lässt mir den Atem stocken. Grünlich leuchtende Linien sind um deine Handgelenke geschlungen, straff verbunden mit den Linien am Boden, mit den Symbolen an der Spitze der Zacken. Die Mondphasen selbst ziehen deine Arme auseinander. Festgehalten von deiner eigenen Magie. Wer sollte sie gewirkt haben, wenn nicht du selbst? Deine Lippen bewegen sich und in all dem Lärm um uns herum erkenne ich deine Stimme, mehr dunkle Schwingungen als tatsächliche Worte.

Ein Beben unter meinen Füßen lenkt mich von dir ab. Es ist nicht das vertraute Vibrieren, wenn du den Fluch ausgedehnt hast. Dieses Dröhnen ist im Parkett selbst. Unter dem Parkett. Ist es das, was die Regale im ersten Stockwerk zu Fall bringt? Und was ist mit dem zweiten Stockwerk?

Mein Blick schnellt nach oben. Riesige Lücken klaffen in der Galerie, das Geländer ist an mehreren Stellen einfach zerbrochen. Und am Boden: Berge von zersplittertem Glas.

Ich stolpere weiter auf dich zu, komme jedoch nicht weit, bevor mich etwas von den Füßen reißt. Der Boden scheint nach mir zu treten. So habe ich mir immer ein waschechtes Erdbeben vorgestellt, eines von den schlimmen.

Das hier ist jedoch kein Erdbeben.

Etwas unter dem Parkett versucht sich zu befreien.

Ich schreie erneut deinen Namen, als sich Risse im Ebenholz ausbreiten, und rapple mich auf. Verdammt, merkst du überhaupt, dass ich da bin?

Das Regal auf der gegenüberliegenden Seite kippt nach vorn und zerschellt am Boden. Die Bruchstücke schlittern auf dich zu, kommen nur wenige Zentimeter von dir entfernt zum Halt. Mit jedem brechenden Buchrücken zerbricht auch etwas in mir.

Als die Regale auf der linken Seite stürzen, gibt das Parkett nach. Der Boden reißt einfach auf, sternförmig von dir ausgehend. Der von den Linien durchzogene Teil bleibt unberührt, doch was sich zu befreien sucht, findet andere Wege.

Ich springe nach vorne, zu dir in den Kreis hinein – gerade rechtzeitig, bevor das Ebenholz aufbricht und eine vertraute Hitze die Luft flirren lässt.

Seelen.

Nicht eine. Nicht drei. Unzählige Seelen zwängen sich aus Rissen im Boden, erfüllen den Raum mit Fauchen und Zischen. Eine Flammenwand, die augenblicklich das Holz verschlingt und die Bücher zermahlt, als wären sie Staub.

Du blinzelst, dein Blick findet mich. Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Du hast nicht mehr mit mir gerechnet.

Du stemmst dich gegen die Fesseln, schreist ein einziges Wort in den Raum. Ich verstehe es durch den rasenden Lärm nicht. Doch ich spüre die Schockwelle, die du aussendest, die mich verschont und die Seelen zurückdrängt. Das Fauchen steigert sich zu einem Kreischen.

Die Bibliothek brennt bereits; ich höre Glas splittern und Holz bersten. In der Hitze verdunsten die Tränen auf meinen Wangen sofort, als Buchseite um Buchseite schwarz verkohlt. Wie von einem eigenen Willen gelenkte Insekten steigt das, was einmal Papier gewesen ist, in der sengenden Hitze in die Höhe. Ein Ausschwärmen unzähliger Nachtfalter aus Asche.

Du schwankst und ich strecke die Arme nach dir aus, um dich aufzufangen. Doch du entgleitest mir, brichst vor mir zusammen. Bevor dein Kopf nach vorne kippt, kann ich dir einen kurzen Moment in die Augen sehen. Nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor du unter den Lagen an schwarzem Stoff in dir zusammensinkst.

Das elektrische Knistern erstirbt von einem rasenden Herzschlag in meiner Brust auf den anderen. Der Lärm ebenfalls. Was bleibt, ist der beißende Gewitterduft. Und der sanftere nach November. Dein Duft.

Ein Schluchzen bricht aus meiner Kehle. Ich ziehe dich in meine Arme, umschlinge deine leblose Gestalt, wispere erstickt deinen Namen. Eine Träne fällt auf deine Wange und zeichnet einen zuckenden kleinen Pfad auf deine Haut.

Die Ascheschmetterlinge der Buchseiten sinken um uns herum zu Boden. In meiner Kehle kämpft ein Schrei darum, freigelassen zu werden.

Doch manche Wahrheiten zwingen die Stimme in die Knie und sind nur flüsternd zu ertragen. Diese Wahrheit kommt zu spät.

Ich kann die Worte nicht einmal flüstern, bewege nur stimmlos die Lippen gegen deine Haut. Und was macht es schon für einen Unterschied? Durch die Sprossenfenster schleicht graues Tageslicht, ein Platzhalter für den unsichtbaren Neumond.

Hier kauere ich auf dem zersplitterten Parkett und wiege deinen leblosen Körper in meinen Armen, das Gesicht in deiner Halsbeuge vergraben, deine Hände noch immer gefesselt von deiner eigenen Magie. Geschlagen. Besiegt.

Der Neumond ist schneller gewesen.

Das letzte verkohlte Blatt Papier schwebt zu Boden.

NEUMOND

Ich schob den Spinnwebenvorhang zur Seite und ignorierte die handtellergroße Spinne in der Ecke, als ich durch die Tür trat. Neben den Klebeband-Umrissen eines gebrochenen Körpers am Boden saß der Sensenmann, den Rücken an die blutbesudelte Wand gelehnt. Er schüttelte sich vor Lachen über den Witz des Teufels neben ihm und verschüttete dabei fast seinen Drink.

»Ich habe dich schon viel zu lange nicht mehr mit einem Glas in der Hand gesehen.«

Meine beste Freundin Sanne drückte mir einen giftgrünen Cocktail in die Hand. Zwinkernd biss sie von dem Augapfel am Stiel ab, den sie in der Hand hielt. »Der letzte Cake-Pop. Ich sagte doch, die kommen gut an.«

»Ist ja schon in Ordnung!« Ich nahm einen Schluck und verzog kurz das Gesicht angesichts der Mischung aus sauer und süß. Der war ihr gut gelungen, ebenso wie die Cake-Pops.

Ohne meine beste Freundin hätte ich die Idee, eine Halloween-Party in meiner leergeräumten Wohnung zu feiern, wohl wieder verworfen. Zwischen dem Einlagern meiner Möbel, dem Verschenken von Kleidung und anderen Habseligkeiten und dem Packen für die Reise hätte ich kaum den Nerv gehabt, Cocktailzutaten einzukaufen und Cake-Pops zu backen.

»Ylva! Wir ziehen nachher noch weiter ins Fortuna. Bist du dabei?« Die Jason-Maske dämpfte seine Stimme so sehr, hätte ich nicht gewusst, dass mein Kumpel Samuel darunter steckte, hätte ich ihn wohl nicht erkannt. Er schob sich die Maske in die Stirn und grinste mich an.

»Ich denke eher nicht«, sagte ich mit einem demonstrativen Blick auf die Deko, die meine leere Wohnung in ein Grusel-Schloss verwandelt hatte.

»Schau mal, wie cool dein Kostüm im Schwarzlicht rüberkommt!«

Meine Nachbarin Fanny hielt mir ihr Smartphone unter die Nase. Ich musste ihr recht geben. Meine schwarzen Leggings und den langärmeligen Pulli sah man fast nicht, die Skelett-Knochen stachen hingegen leuchtend vor dem Hintergrund hervor. Der Blumenkranz in meinen schwarzen Haaren und das Skull-Make-up machten das Kostüm perfekt.

Ich hatte Sanne den Gefallen getan und mich komplett auf die Idee mit der Halloweenparty eingelassen. Sie hatte es nicht zugegeben – aber bei der Andeutung, »nur was Kleines« zu meinem Abschied machen zu wollen, war die Enttäuschung in ihren Augen überdeutlich geworden.

Mein eigenes Smartphone vibrierte in der Hosentasche.

»Du kannst mir die Fotos auch später schicken«, sagte ich zu Fanny.

Meine Nachbarin sah mich fragend an.

Sogleich sah ich meinen Irrtum ein, denn das Vibrieren hielt an. Ein Anruf, keine Nachricht. Ich runzelte die Stirn, während ich das Handy aus der Tasche fischte. Wer rief um diese Uhrzeit noch an? Noch mehr Partygäste und wir hatten das Türklingeln nur nicht gehört?

»Mama», leuchtete es mir auf dem Display entgegen.

Ich stöhnte auf. Nicht auch das noch!

Ich schob das Telefon wieder zurück. Ich würde morgen mit meiner Mutter telefonieren.

»Ylva, sind die Cake-Pops schon alle weg?« Meine Kollegin Birgit gesellte sich zu uns. Ehemalige Kollegin, korrigierte ich gedanklich.

»Tja, da warst du wohl zu spät!«, lachte ich.

»Ach, du wirst uns so fehlen!« Birgit schlang ihre Arme um meinen Hals. »Ich weiß gar nicht, was ich ohne dich machen soll. Henning dreht jetzt schon am Rad wegen der Kunden und mein Terminkalender platzt aus allen Nähten!«

»Schick uns unbedingt jeden Tag Fotos!«, verlangte Fanny.

Das erneute penetrante Vibrieren meines Handys ließ mich die Augen verdrehen. »Vielleicht lasse ich dieses Ding auch einfach zu Hause«, brummte ich.

Ich setzte mich mit Fanny und Birgit an den Tisch – wobei es »Tisch« nur bedingt traf. Meinen Esstisch hatte ich über eine Kleinanzeige für wenig Geld an ein Studentenpaar verkauft. Für die Party mussten Bierbänke herhalten.

»Erzähl mal, Ylva – wann geht es los?«, fragte Samuels Freund Julian und sofort waren alle Augen am Tisch auf mich gerichtet.

»Schon alles gepackt?« Samuel wartete meine Antwort nicht ab.

»Du bist bestimmt schon total aufgeregt, oder?«, fragte Fanny und klang dabei selbst recht atemlos.

»Noch hält es sich in Grenzen«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Ich bin erst mal froh, alles so weit erledigt zu haben mit der Wohnung und so. Morgen geht es dann gleich ans Aufräumen und Saubermachen und übermorgen ist die Schlüsselübergabe.«

Wieder vibrierte mein Handy. Ich verzog das Gesicht. Ob ich es einfach ausmachen sollte? Zumindest könnte ich es aus der Hosentasche ziehen und auf den Tisch legen, dann würde mich das vehemente Vibrieren nicht jedes Mal erschrecken.

Wieder stand »Mama« auf dem Display.

Erneut beschloss ich, es zu ignorieren.

»Und dann? Erst mal in den Süden?« So, wie ich Samuel kannte, träumte er vermutlich von weißen Sandstränden, Cocktails und Palmen. Ich musste ihn enttäuschen.

»Nein, nicht in den Süden. Ich werde ein bisschen Zeit in Irland verbringen, bevor ich weiterziehe nach Schweden.«

»Dein Ernst?«, fragte Julian. »November ist die ideale Reisezeit für die Südhalbkugel. Hier wird jetzt alles ungemütlich grau, die beste Gelegenheit, ins Warme abzuhauen. Tu uns das nicht an!«

»Ja!«, pflichtete Samuel bei. »Wir alle hier würden sofort mit dir tauschen und uns monatelang die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Musst eben du dich für uns in die Sonne legen. Das bist du uns schuldig!«

Ich lachte. Die Diskussion kannte ich zur Genüge – fast alle hatten so auf meine Pläne für den Beginn der Reise reagiert.

»Stellt euch nur mal vor, ich an einem Strand! Außerdem mag ich graues Novemberwetter.« Gedankenverloren strich ich mit der linken Hand über die blasse Haut meines Arms. Meine Haare mochten zwar tiefschwarz sein, das änderte jedoch nichts an meinem Hauttyp, der nur zwei Extreme kannte: schneeweiß oder krebsrot. »Ich will unbedingt die Weihnachtszeit in Schweden erleben. Und Nordlichter sehen!«

»Ja, und deinen Vater besuchen«, ergänzte Sanne leise, die unbemerkt hinter mir an den Tisch getreten war.

Betretenes Schweigen machte sich unter den Anwesenden breit. Ich warf meiner besten Freundin einen vernichtenden Blick zu.

»Soll ich jemandem ein Bier mitbringen?«, fragte Samuel in einem ungelenken Versuch, die peinliche Stille zu vertreiben.

Da vibrierte mein Handy so laut, dass alle zusammenzuckten. Es berührte ein leeres Glas, das wie ein Verstärker wirkte.

Das war jetzt das wievielte Mal innerhalb einer halben Stunde? Das dritte, vierte? Eigentlich wollte ich das Telefon erneut unangetastet wegschieben – vielleicht einfach direkt wegpacken – doch das Wort »Mama« auf dem Display wirkte plötzlich wie mit Leuchtbuchstaben geschrieben. Verflucht, als ob meine Mutter einfach nur plaudern wollte! Nachts um halb eins ...

»Shit!« Ich schnappte mir das Handy, um damit ins fast vollständig leergeräumte Schlafzimmer zu verschwinden.

Den Rücken gegen die Tür gelehnt, nahm ich das Gespräch an.

»Mama, ist alles okay?«

»Ylva, es geht um Großmutter …« Die Stimme meiner Mutter klang belegt. »Sie ist verschwunden.«

»Wie meinst du das, sie ist verschwunden?« Julian zog die Augenbrauen so sehr zusammen, dass sich eine steile Furche über seinem Nasenrücken bildete. Fanny und Birgit beugten sich mit großen Augen vor.

Ich drehte geistesabwesend einen Bierdeckel in den Händen. »Sie konnte es nicht genau sagen.« Die Information rumorte unbehaglich in meinem Magen.

Nach dem kurzen Telefonat mit meiner Mutter war ich mit einem lauten »Die Party ist vorbei!« wieder in den Flur getreten. Das war mir eindeutig zu viel des Horrors, selbst für Halloween.

Es hatte eine Weile gedauert, bis Ruhe eingekehrt war. Bis alle Gäste – seien es nun Freunde, Bekannte oder Unbekannte, die irgendjemand mitgebracht hatte – begriffen hatten, dass sie gehen sollten. Nachfragen war ich ausgewichen, nur Sanne hatte ich knapp zusammengefasst, was Mama gesagt hatte.

Eigentlich hatte ich alleine sein wollen, aber Sanne hatte mich überredet, noch mitzukommen. Nun saß unsere kleine Gruppe im Fortuna an einem der alten Holztische und ich war meiner besten Freundin dankbar für ihre Hartnäckigkeit. Daheim würde ich mir doch nur die Beine in den Bauch treten bei endlosen Runden durch die leere Wohnung. Und würde nicht umhinkommen, das Loch in meinem Innern zu spüren, das sich bei den Worten meiner Mutter aufgetan hatte.

»Eine Bekannte von Großmutter hat bei Mama angerufen«, sagte ich, als ich merkte, wie mich immer noch alle anstarrten. »Sie war auf der Durchreise ganz in der Nähe, also beschloss sie, auf einen Besuch vorbeizuschauen – doch es war niemand zu Hause. Kann ja mal passieren, wenn man jemanden unangekündigt besuchen will, nicht? Also wollte Hilda, die Bekannte, im Pub schnell etwas essen und dann weiter – doch dort kam sie mit ein paar Leuten ins Gespräch. Und es stellte sich heraus, dass man Großmutter schon eine Weile nicht mehr gesehen hat.«

»Aber …«, begann Fanny mit einem so vorsichtigen Raunen, dass ich genau wusste, welche Frage als Nächstes kommen würde.

Zum Glück trat in diesem Moment Luna, die Barkeeperin des Fortuna, an unseren Tisch. Ihre hellblonden Dreadlocks hatte sie im Nacken zu einem dicken Knoten zusammengenommen. Mit ihrem Samthalsband, dem orientalisch anmutenden Nasenring und dem schwarzen Oberteil mit weiten Flügelärmeln passte sie perfekt zur üppigen Spinnweben-Deko an der Decke. Die Deko würde nach Halloween verschwinden. Luna sah immer so aus.

»Ihr seht aus, als könntet ihr etwas Stärkeres vertragen«, sagte sie. Ich mochte ihre warme Stimme und das sanfte Lächeln. Ihre Anwesenheit hatte etwas Beruhigendes und ich ertapppte mich bei dem Wunsch, sie würde sich zu uns setzen.

Fanny war die Einzige, die abwinkte und eine Cola bestellte, wir anderen ließen uns zu einem Pitcher Margarita hinreißen.

»Und dann hat die Bekannte einfach deine Mutter angerufen, ohne noch einmal bei deiner Großmutter nachzuschauen?«, fragte Julian. Ich wusste, er wollte auf dasselbe hinaus wie Fanny.

»Natürlich haben sie nachgesehen! Also die Tür zum Cottage geöffnet und so …«

Die Blicke am Tisch wurden betretener.

»Nein, Großmutter lag nicht schon seit Wochen in ihrem Wohnzimmer!«

Aus den betretenen Blicken wurde ein schlecht unterdrücktes erleichtertes Seufzen.

»Sie ist einfach nicht da. Ihr Cottage ist aufgeräumt, ordentlich gepflegt wie immer – nur eben verlassen. Und niemand im Dorf weiß etwas Genaueres. Es sind sich nur alle einig, dass sie sie schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen haben.«

»Man sollte meinen, in so einem kleinen Ort achtet man noch mehr aufeinander!«, schnaubte Samuel und erntete zustimmendes Brummen aus der Runde.

»Haben sie die Polizei gerufen?«, fragte Sanne.

»Klar haben sie das – nachdem Hilda erst mal eine halbe Stunde gelaufen ist, bis sie endlich Handyempfang hatte.«

»Die Segen des Landlebens«, schnaubte Birgit.

»Und wird ermittelt?«, fragte Fanny.

»Mama klang da wenig optimistisch. Es kamen zwei Polizisten, die haben die Vermisstenanzeige aufgenommen und einen Fahndungsaufruf rausgegeben. Ich glaube nicht, dass da noch viel passieren wird.«

Im selben Moment kam Luna mit den Getränken zurück. Das Lächeln verließ ihr Gesicht nicht, während sie die Gläser verteilte.

»Scheiße, verdammte …«, murmelte Julian in sein Glas, während Luna einschenkte.

»Falsches Getränk bestellt?« Sie zwinkerte ihm zu.

Ihr Blick wurde ernst, als er sie finster anfunkelte und jeder an unserem Tisch vor sich hin starrte.

»Ihr solltet euch sehen«, sagte sie leise, auf unsere Kostüme anspielend. Eine finster dreinschauende Runde: Samuel, der immer noch die »Jason«-Maske auf der Stirn trug, der Strafgefangene Julian, Fanny als Fee, Birgit mit ihrer Clownsbemalung, Sanne mit den Horror-Wunden auf den Wangen. Und ich mit meiner Catrina-Verkleidung. »Wolltet ihr nicht bei dir feiern, Ylva? Ist alles in Ordnung?«

»Jaja, passt«, winkte Julian düster ab und wedelte mit einer Hand, als wollte er Luna verscheuchen.

»Schon gut«, sagte ich, als Luna sich gerade zum Gehen wenden wollte, und die Blicke der Anwesenden bohrten sich in mich hinein.

Luna zog einen Stuhl vom Nachbartisch heran und setzte sich rittlings darauf, das Tablett von einer Hand herunterbaumelnd. In wenigen Sätzen fasste ich ihr zusammen, was passiert war.

»Deine Großmutter … Das war die, die in England lebt, richtig?« Eine kleine Furche bildete sich zwischen ihren Brauen.

»Habe ich das mal erwähnt?« Ein kurzes Lächeln zog an meinen Mundwinkeln. Die Trennung von meinem Ex hatte zu so manch redseligem Abend an der Bar beigetragen, mal mit meinen Freunden, doch immer öfter auch alleine.

»Oha, England!«, entfuhr es Samuel. »Da kannst du natürlich nicht einfach mal vorbeifahren.« Er stieß den Atem aus, irgendwo zwischen Resignation und Ratlosigkeit.

»Ist sie denn fit? Also, geistig?«, fragte Birgit vorsichtig.

»Du meinst, falls sie einfach rausgegangen ist und jetzt irgendwo umherirrt? Nein, da war nie etwas! Sie hat Jahrzehnte alleine in diesem Cottage gelebt und es gab nie Anzeichen, dass sie nicht zurechtkommt.«

In meinem Kopf erwachte ein Gedanke.

»Aber sie kann doch nicht einfach vom Erdboden verschwinden!«, sagte Fanny. »Hat sie sich bei niemandem gemeldet?«

»Ich glaube, auf die Polizei ist in dem Fall keinen Verlass«, sagte Luna leise. »Ich würde an deiner Stelle hinfahren und selbst nachsehen. Vielleicht findest du einen Hinweis, was passiert ist.«

Mein Blick bohrte sich in den der Barkeeperin, in meinem Innern brodelte es. Sie hatte genau meinen Gedanken laut ausgesprochen.

»Geh sie suchen, Ylva!«

»Du hast recht. Ich mache es.« Ich zog den dunkelroten Blütenkranz aus meinen Haaren und knallte ihn vor mir auf den Tisch.

Einen Moment herrschte Stille.

»Du willst deine Großmutter auf eigene Faust suchen?«, fragte Fanny schließlich.

»Was soll ich denn sonst machen?« Ich blickte einem nach dem anderen herausfordernd in die Augen. »Ich habe frei, ich habe nichts vor. Das ist das Mindeste! Ich muss wenigstens hinfahren!«

Luna erhob sich und zog sich mit einem letzten ermutigenden Lächeln in meine Richtung wieder hinter ihren Tresen zurück.

»Und deine Reise?« Ich hörte die Skepsis in Birgits Stimme.

»Also ernsthaft! So ein Flug ist schnell storniert!« Ich nahm einen tiefen Schluck von meiner Margarita. »Als ob ich mich jetzt an einen Strand legen würde! Und wenn es der von Irland ist!«

Der Entschluss verankerte sich in mir.

Daran änderten auch meine Freunde nichts, die mich während der nächsten halben Stunde mit Fragen bombardierten und wieder und wieder die verschiedensten Szenarien durchkauten.

»Hast du denn keine Angst, dass du sie irgendwo findest? Sie könnte ja auch, ich weiß nicht, im Wald über eine Wurzel gestolpert sein und jetzt … da liegen.« Julian schüttelte sich.

»Dann muss ich sie erst recht finden! Ich habe meine ganze Kindheit lang alle Sommerferien bei ihr verbracht. Mama setzt sich jetzt garantiert nicht in einen Flieger. Sie macht sich zwar Sorgen, aber überlässt es der Polizei, etwas zu erreichen. Ist ja nur ihre Ex Schwiegermutter. Und sonst gibt es niemanden.«

»Kannst du das denn so einfach machen, deine Pläne ändern?« Mit ziemlicher Sicherheit hatte Birgit unseren Chef im Hinterkopf.

»Und die Reise?«

Ich rollte die Augen, genervt von der sich ständig wiederholenden Frage.

»Als ob sie lieber am Strand liegt, als sich um ihre Familie zu kümmern!«, rief Fanny aus.

Und plötzlich redeten alle durcheinander, alle hatten etwas zu sagen oder beizutragen. Lediglich Sanne sprach nicht viel. Ihr Blick begegnete meinem.

»Ich hatte sowieso nicht vor, am Strand zu liegen«, sagte ich leise zu ihr.

Ich war froh, als sich alle irgendwann beruhigten und sich anderen Themen zuwandten. Dass ich meine Weltreise verschieben oder absagen würde, um meine Großmutter zu suchen, wurde zu guter Letzt mit »Respekt, wenn du das wirklich durchziehst!« bis »Richtig anständig von dir!« kommentiert und damit waren alle wieder im Abschiedsparty-Modus. Ein wenig spürte ich die Aufgekratztheit hinter der guten Laune, aber meine Freunde taten einfach nur ihr Bestes, um mich abzulenken.

Ich jedoch schweifte in Gedanken wieder und wieder ab, wurde von Minute zu Minute ruhiger. Ich war mir immer sicherer, das Richtige vorzuhaben. Ging durch, was als Nächstes zu tun wäre, schrieb imaginäre To Do Listen. Strich im Kopf bereits bestehende Listen, zerknüllte sie und warf sie in einen gedanklichen Papierkorb, zusammen mit Flugtickets, die ich noch nicht gebucht und Routen auf Landkarten, die ich noch nicht gezeichnet hatte … Es gab nur zwei Flüge zu stornieren, den ersten nach Irland und den zweiten nach Schweden. Nur einen einzigen Plan zu verwerfen: vielleicht meinen Vater dort zu besuchen. Das war schnell geschehen, hier und jetzt, mit nur einem Gedanken. Ich musste niemandem absagen, da ich mich niemandem angekündigt hatte. Und vielleicht hätte ich mich auch einfach so lange im Grün meiner Lieblingsinsel verloren, bis der Flug nach Schweden ohne mich abgehoben wäre.

Als wir schließlich aufbrachen, war ich erschöpft und konnte es kaum erwarten, wieder alleine zu sein. Halloween, meine Abschiedsparty, das alles erschien mir viel weiter weg als nur die paar Stunden, die seit dem Anruf vergangen waren.

Nachdem wir an der Theke bezahlt hatten, kam Luna erneut um den Tresen herum. Sie legte mir die Hand auf die Schulter.

»Komm vorbei, wenn du etwas brauchst«, sagte sie und hielt meinen Blick ein paar Sekunden länger, als es eine bloße Höflichkeitsfloskel erfordert hätte.

Ich nickte, ein wenig überfordert. Unbeholfen bedankte ich mich und folgte meinen Freunden nach draußen.

Hier trennten sich unsere Wege größtenteils – nur Fanny hatte denselben Weg, schließlich waren wir Nachbarinnen. Ich wusste nicht, wann ich die anderen das nächste Mal sehen würde. Dennoch brachte ich die vielen Umarmungen hinter mich, so schnell es ging. So richtig bei der Sache war ich dabei nicht.

»Halte uns unbedingt auf dem Laufenden über deine Oma!«, rief Julian über die Schulter, während er und Samuel bereits Hand in Hand in Richtung Straßenbahn gingen.

»Großmutter«, berichtigte ich automatisch, doch niemand nahm Notiz davon.

»Morgen wie abgemacht um zehn«, sagte Sanne mit einem mahnenden Blick, als fürchtete sie, die neuen Entwicklungen hätten auch diesen Plan über den Haufen geworfen. »Ich bringe Frühstück!«

»Klar doch!« Ich winkte zum Abschied und endlich konnte ich mich losreißen.

Den Rückweg über plapperte Fanny pausenlos. Mehr als zustimmende Kommentare und kurzes Höflichkeitslachen an den richtigen Stellen war von meiner Seite aus nicht erforderlich. Ich war froh, endlich die Tür hinter mir zu schließen.

Ein paar Augenblicke lehnte ich mit dem Rücken dagegen. Es war drei Uhr morgens, die mondlose Nacht so still, wie sie sein konnte. Der orangefarbene Schein der Straßenlaternen leuchtete in meine leergeräumte Wohnung, tauchte die Halloweendeko in diffuses Licht. Spinnweben, Masken und Kunstblut zeugten noch von der Party, die ein so jähes Ende gefunden hatte.

Plötzlich gruselte es mich.

»Habe ich dich richtig verstanden?«

Ich wusste, dass Sanne mich richtig verstanden hatte – das hatte sie schon gestern im Fortuna. Doch sie wollte auf etwas Bestimmtes hinaus und davon konnte ich sie nicht abhalten. »Du sagst deine kompletten Reisepläne ab, um deine Großmutter zu suchen?«

»Ich werde in ihr Cottage ziehen, ja«, sagte ich mit aller Geduld, die ich aufbringen konnte.

Wir saßen an der Biertisch-Garnitur, das Frühstück, das meine beste Freundin mitgebracht hatte, vor uns ausgebreitet. Sie legte gerade Schinkenhörnchen auf zwei Pappteller und ich schnitt Obst auf.

»Und was machst du dann dort?« Sie stand auf und legte zwei Kaffeepads in die Maschine. Das laute Brummen des alten Geräts gab mir etwas Zeit, darüber nachzudenken, was ich antworten sollte.

»Das werde ich dann sehen. Vielleicht finde ich Hinweise. Vielleicht weiß jemand aus dem Dorf etwas oder hat etwas gesehen.« Ich schob den Obstteller in die Mitte des Tisches.

»Und wenn du nichts herausfindest?«

Ich seufzte. »Das wird sich dann alles zeigen. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass ich gar nichts finde. Es kann nicht sein, dass jemand einfach so vom Erdboden verschwindet, ohne irgendein Zeichen zu hinterlassen, was passiert ist!« Nachdenklich biss ich von meinem Schinkenhörnchen ab.

»Ich könnte mitkommen. Wenigstens die ersten paar Tage? Ich kann mir bestimmt kurzfristig freinehmen.«

»Danke, aber ich glaube … Ich muss das alleine machen. Außerdem … ich weiß nicht, was mich dort erwartet.«

»Genau deswegen ja!« Meine beste Freundin ließ nicht locker.

Doch auch ich war gut im Stursein, das wusste sie. Vehement schüttelte ich den Kopf.

Wir frühstückten ein paar Minuten schweigend.

»Weißt du, Ylva«, begann Sanne schließlich. Ich wappnete mich innerlich, denn ich wusste, dass sie nun endlich aussprechen würde, was ihr auf der Seele brannte – und ich ahnte bereits, was das war. »Ich bin mir nicht sicher, ob du das alles aus den richtigen Gründen machst.«

»Großmutter suchen wollen?«, fragte ich betont unschuldig.

Sanne schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Dieses Sabbatical-Ding! Du bist achtundzwanzig, stehst mit beiden Beinen im Leben. Du hast einen guten Job, du hast eine schöne Wohnung …«

»Hatte«, sagte ich beim Gedanken an die kurz bevorstehende Schlüsselübergabe. »Außerdem, warum sollte ich mit achtundzwanzig und einem guten Job nicht mal ein Sabbatical einlegen? Ich bin nicht die Erste, die sich ein paar Monate Zeit nimmt, um die Welt zu bereisen.«

»Mit dem klitzekleinen Haken, dass du bisher nie Interesse daran gehabt hast, die Welt zu bereisen. Du hast dir noch nicht einmal Ziele herausgesucht! Ziele, die über Irland und Schweden hinausgehen«, fügte sie hinzu, als ich schon widersprechen wollte. »Du hast kein Interesse an einer Weltreise! Du willst einfach nur weg!«

»Ist das nicht das Gleiche? Ist das nicht derselbe Grund, aus dem alle das machen? Einfach mal raus, was anderes sehen?«

»Das meinte ich nicht. Du bist frisch getrennt …«

Ich schnaubte. »Das ist Monate her!«

»Ich finde es ja gut, dass du und Timo den Schlussstrich gezogen habt. Und dass du jetzt weg willst … Die Wohnung, in der man monatelang nur noch versucht, die Scherben aufzukehren, bis einfach nichts mehr übrig bleibt ... Klar hat man da das Bedürfnis, abzuhauen. Aber gleich so weit abhauen?«

Ich stellte meine Kaffeetasse vor mir ab, heftiger als beabsichtigt. Sanne zuckte nur kurz, ließ sich jedoch nicht beirren. »Tatsache ist doch: Du bist entwurzelt. Oder noch nie verwurzelt gewesen. Deine Großmutter in England, du mit deiner Mutter von einer Großstadt in die nächste, bis sie mit ihrem Lover auf die Kanaren gezogen ist und du hier in Leipzig hängengeblieben bist. Und deinen Vater hast du nicht mehr gesehen, seit er kurz vor deiner Einschulung zurück nach Schweden abgehauen ist«, sagte sie ruhig.

»Und deswegen sollte ich jetzt keine Weltreise antreten?«, brauste ich auf.

»Das will ich damit doch gar nicht sagen«, erwiderte Sanne.

»Tust du aber, irgendwie. Du scheinst zu vergessen, wie alle anderen, dass nicht jede Reise gleich aussehen muss. Den Rucksack aufgesetzt und nichts wie ab nach … ja, wohin eigentlich? Bali, Thailand, die üblichen Verdächtigen. Hauptsache warm, Hauptsache bunt – Hauptsache, es sieht gut aus auf Fotos.« Sanne holte Luft, um etwas zu sagen, doch ich ließ sie nicht zu Wort kommen. »Ich weiß nicht, wie oft ich dieselben Klischees gehört habe, seit ich gesagt habe, ich will ein Jahr auf Reisen gehen. Und wie wenig irgendjemand meine eigenen Pläne hat gelten lassen. Ich will nicht dorthin, wo ich am längsten am Strand grillen kann – ich will dorthin, wo es die interessantesten Geschichten gibt.«

Ich sah Sanne an, wie sie weitere Kommentare herunterschluckte. Sie stand immer hinter mir, bei allem, was ich tat – aber auch sie sah es eher so wie alle anderen, das wusste ich. Schließlich sagte sie sehr ernst: »Ylva, es ist einfach so … Da gibt es diese eine Geschichte. Deine. Ich glaube, es geht eher um diese als um alle anderen interessanten Geschichten, deren Teil du angeblich werden möchtest.«

Ich kniff die Lippen aufeinander. »Und was wäre daran so falsch? Wer legt fest, wie weit ich abhauen darf? Und warum schließt das eine das andere überhaupt aus?«

Sanne rührte geistesabwesend in ihrem Kaffee. »Tut es ja nicht. Ich mache mir einfach Sorgen um dich. Und wenn du vor deinen Problemen wegrennst, also ganz wörtlich, dann kann ich nicht da sein, um sie mit dir gemeinsam zu meistern.«

An dieser Stelle musste ich dann doch grinsen, ein kleines bisschen zumindest. So kannte ich meine beste Freundin.

»Jetzt vergisst du aber ein wichtiges Detail«, sagte ich schmunzelnd. »Wenn ich angeblich vor meinen Problemen davonrenne, wieso hatte ich dann vor, als Allererstes meinen Vater zu besuchen?«

»Na ja, das ist jetzt wohl gecancelt, oder?«

»Absolut!« Ich schob mir entschlossen den letzten Bissen meines Schinkenhörnchens in den Mund. »Und außerdem bin ich die Einzige aus meiner Familie, die etwas unternimmt wegen Großmutter!«

»Bist du sicher, dass ich dich nicht begleiten soll?«

»Ich schaffe das schon.«

Die Tage bis zur Schlüsselübergabe verbrachte ich rastlos, in dem unguten Gefühl, mit jeder verstreichenden Stunde Großmutter mehr im Stich zu lassen. Am liebsten hätte ich Sanne die Wohnung überlassen – sie hätte sich gefreut, tatsächlich helfen zu können – und wäre sofort aufgebrochen.

Der Kontakt mit der Polizei in England gestaltete sich schwierig und ich war mir nicht sicher, ob ich aus den Telefonaten alle Informationen richtig heraushörte. Jeder Punkt auf meiner To-do-Liste, den ich abhaken konnte, gab mir für einen kurzen Augenblick das Gefühl von Kontrolle zurück.

Am Abend brachte ich die restlichen Lebensmittel aus meinem Kühlschrank zu Fanny, der letzte Punkt auf der Liste für heute. Ich brachte die Begegnung so schnell wie möglich hinter mich und lehnte ihr Angebot ab, noch mit reinzukommen und meinen letzten Abend bei ihr zu verbringen. Sie gab sich keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Ich ließ es nicht an mich heran.

Wieder in meiner Wohnung schaltete ich zunächst Musik auf dem Handy an, doch egal, welche ich wählte, sie befriedigte nicht. Und im fahlen Licht der Glühbirnen wirkten die Räume befremdlich nackt. Also beließ ich es bei Stille und Dunkelheit.

Langsam ging ich von Zimmer zu Zimmer oder stand am Küchenfenster.

Das war es also? So fühlte ich mich also beim Beenden eines Lebenskapitels? In meinem Rücken leere Zimmer und Stille, weil ich Musik nicht aushielt? Hätte ich mich genauso gefühlt, wäre ich am nächsten Tag wirklich zu meiner großen Reise aufgebrochen – und nicht, um als Einzige in der Familie nach meiner verschwundenen Großmutter zu suchen?

Dieser Gedanke war es, der mich schließlich aus dem Haus trieb.

Die Hände tief in den Taschen meines roten Herbstmantels vergraben, trat ich über die Türschwelle des Fortuna und hielt Ausschau nach einem Sitzplatz. An einem Sonntagabend hatte ich genug Auswahl in den ungestörten Nischen. Trotzdem entschied ich mich letztendlich für einen der Hocker am Tresen. Vielleicht gerade, weil ich die Stille so sattbekommen hatte. Ein wenig mit Luna zu plaudern oder zumindest in ihrer Nähe zu sein, wirkte einladender.

»Was ist das richtige Getränk für einen solchen Abend?«, fragte ich, als sie mit einem unergründlichen Lächeln vor mir stehen blieb.

»Morgen geht es los?« Sie überlegte, wenn überhaupt, nur einen Herzschlag lang, tauchte kurz ab und kam mit einer Flasche wieder unter dem Tresen hervor, die nicht nur wegen ihres handgeschriebenen Etiketts nicht zum Rest des Angebots passte. Ein kugelrunder Bauch und ein langer Hals bargen eine tiefrote Flüssigkeit in sich, die im schummrigen Licht beinahe schwarz wirkte.

»Du kannst ein wenig Feuer gebrauchen, glaube ich.«

Luna stellte mir ein kristallenes Glas hin, das sie mit dem flüssigen Rubin füllte.

Ich vertraute ihr, ohne nachzufragen – immerhin hatte ich sie um eine Empfehlung gebeten – und nippte an dem Getränk. Kurz verzog ich das Gesicht, als Schärfe in meiner Kehle brannte, gleich darauf breitete sich jedoch Wärme aus.

»Angenehm!« Ich konnte ein kurzes Husten nicht unterdrücken.

Luna lachte. »Rum, Kirschwein und dazu Chili und Ingwer. Macht widerstandsfähiger.«

»Na dann, her mit der Flasche!«

»Wie fühlst du dich?« Luna lehnte sich mit den Unterarmen auf den Tresen.

Ich antwortete nicht sofort. »Schuldig«, sagte ich schließlich leise und war verwundert, warum mir das Wort so einfach über die Lippen ging. Und mehr noch darüber, wie gut es traf.

Nicht nur, dass ich nicht wusste, wie lange Großmutter schon verschwunden war, weil es laut Hilda niemand im Dorf so genau wusste. Nicht nur, dass ich es gewagt hatte, nicht sofort am Morgen nach Halloween losgefahren zu sein. Ich hatte Großmutter auch generell zu lange nicht mehr gesehen, mich zu lange nicht bei ihr gemeldet. War in meinem Leben versunken, hatte mich vom Alltag einnehmen lassen. Und dabei hatte ich nie geahnt, für wie selbstverständlich ich es genommen hatte, dass alles gut war.

Luna nickte wissend. »Schuld ist eines der Gefühle, die am häufigsten hier am Tresen abgeladen werden.«

Ich fuhr mit dem Finger den Rand des Glases entlang. »Ich habe nicht vor, hier irgendetwas abzuladen.«

Ein blutroter Tropfen blieb an meiner Fingerkuppe hängen, ich nahm ihn gedankenverloren zwischen den Lippen auf.

»Ich nehme dir dein Gepäck trotzdem gerne einen Moment ab.«

Unsere Blicke trafen sich und ich las nichts als Ehrlichkeit in ihren Augen.

»Es ist einfach … Dieses Warten. Der Moment rückt näher und hoffentlich ist es ein Moment der Wahrheit. Hoffentlich finde ich etwas heraus. Doch jetzt kann ich nichts tun außer warten. Kennst du diesen Moment beim Achterbahnfahren? Wenn der Waggon sich Meter um Meter nach oben bewegt und man total hilflos ist? Ganz oben gibt es dann einen kleinen Punkt, an dem man begreift: Jetzt geht es gleich los. Jetzt ist es unabwendbar. Dieser Bruchteil einer Sekunde, bevor der Wagen in die Tiefe rauscht.«

»Der Point of no Return.«

»Ich hätte jetzt lieber so einen.«

»Oder einen Kickstart. In wenigen Sekunden von null auf hundert.« Einen kleinen Moment lang wurde Lunas Blick verklärt und ich sah sie kreischend, die Arme nach oben reißend in einem Looping vor dem geistigen Auge.

»Von mir aus auch den«, sagte ich mit einem kurzen Lachen.

»Entschuldige mich …« Die wenigen anderen Gäste an einem der Nischenplätze beanspruchten Lunas Aufmerksamkeit, doch sie kehrte schnell wieder hinter die Bar zurück. Es blieb dabei, dass kaum Besucher das Fortuna an diesem Abend bevölkerten. Luna hatte wenig zu tun und verbrachte somit die meiste Zeit bei mir am Tresen. Irgendwann schenkte sie sich selbst ein Glas des rubinroten, scharfen Gemischs ein. »Magisches Feuer«, nannte sie es und nicht nur der Teil mit dem Feuer passte.

Ich wusste nicht, ob es das Getränk war oder wie Luna es anstellte, doch mein metaphorisches Gepäck verlor Schluck um Schluck an Gewicht, bis ich es schließlich komplett vergaß. Mit Luna unbeschwert zu trinken und zu lachen war leicht, das Natürlichste der Welt.

Zu bleiben, bis sie die Bar schloss, ebenfalls. Mit ihr Arm in Arm zur Tür zu gehen.

»Was bekommst du eigentlich von mir?« Ich kramte in meiner Tasche nach dem Geldbeutel.

Sie winkte ab. »Ist mein Abschiedsgeschenk.« Ihr Lächeln wurde eine Spur breiter, als sie einen Schritt auf mich zutrat, mir die Arme um den Nacken legte. »Ebenso wie das.«

Sie duftete nach Sandelholz und ihr Kuss schmeckte nach Chili und Ingwer.

Die letzte Nacht in meiner Wohnung schlaflos an die Decke zu starren, war ohnehin nicht in meinem Sinne gewesen. Lieber hielten Luna und ich uns gegenseitig wach bis zum Morgengrauen, indem wir auf meiner Matratze auf dem Boden die Laken zerwühlten. In ihren blonden Dreads konnte ich herrlich meine Hände vergraben.

Es dämmerte bereits, als wir nebeneinander einschliefen. Als ich wenige Stunden später erwachte, war sie fort; die Erinnerung an ihre warme Haut auf meiner, an ihr noch wärmeres Lächeln und das Leuchten in ihrem Blick vibrierte in mir nach. Zufrieden streckte ich mich.

Ich drehte mich zur Seite und mein Blick fiel auf die kugelbauchige Flasche mit dem tiefroten Inhalt, die neben mir auf dem Boden stand.

»Denk an mich«, stand auf einem Zettel. »Trink auf deine Großmutter.«

Der Achterbahnwaggon erreichte den Zenit.

NEULICHT

Foremar Glen lag weit abgeschieden von dem, was man allgemein eine »gute Verbindung« nennt, in Wiesen eingebettet und von Wald umarmt. Nicht einmal eine Buslinie konnte ich mehr ausfindig machen – und war mir auch nicht sicher, ob es in meiner Kindheit eine gegeben hatte.

Ich ließ den Taxifahrer nicht genau vor Großmutters Haus halten. Ich hatte das übermächtige Bedürfnis, den Weg zu Fuß zurückzulegen.

Ein wenig kniff der Taxifahrer verwundert die Augenbrauen zusammen, als ich an der Kreuzung ungefähr hundert Meter vor dem Ortseingang herausgelassen werden wollte. Verhalten höflich bot er mir an, mich auch noch den Rest des Weges zu fahren; vermutlich glaubte er, für eine längere Fahrt reichte mein Geld nicht. Doch er gab sich wenig Mühe über das halbherzige Angebot hinaus. Als ich es ablehnte, wirkte er sogar erleichtert, dass ich die Tür schloss und er wieder umkehren konnte.

Es fühlte sich unwirklich an, dass seit der Schlüsselübergabe heute Morgen erst Stunden vergangen waren. Wie in Zeitraffer waren Einchecken, Boarding und der Flug vorbeigegangen. Als ich den fremd gewordenen Boden meiner Kindheits-Heimat betrat, hatte es angefangen zu regnen.

Da vorne war es also. Die Häuschen duckten sich im Novemberregen in Nebelgrau und nasses Waldgrün, gesprenkelt vom Braun der nackten Zweige und eingerahmt von den verschiedenen Orangetönen spärlichen Herbstlaubes. Ich zog die Kapuze meines roten Mantels tiefer in die Stirn und folgte der leeren Straße, die sich in die Mitte des Dorfes schlängelte. Dort löste sie sich im kleinen gepflasterten Marktplatz mit seinem Brunnen auf.

Jeder meiner Schritte erklang mit einem leisen Platschen auf dem Pflaster. Das Dorf wirkte wie ausgestorben.

»Du bist entwurzelt. Oder noch nie verwurzelt gewesen.«

Sannes Worte hallten in meinem Kopf wider. Sie hatte unrecht. Wenn es einen Ort gab, dem ich mich auf diese Art verbunden fühlte, dann war es wohl Foremar Glen, das kleine Dörfchen auf dem englischen Land, unweit des Forest of Dean und der walisischen Grenze. Das Dorf, in dem ich so viele Tage meiner Kindheit verbracht hatte. Und doch, wie lange hatte ich es nicht mehr gesehen?

Auf jeden Fall lange genug, dass es mir jetzt seltsam fremd war. Auch wenn sich kaum etwas verändert zu haben schien. Die kleine Kirche und die Häuser rund um den Marktplatz sahen noch genauso aus wie früher.

Langsam bewegte ich mich durch die leeren Straßen. Hinter jeder Ecke lauerte eine Kindheitserinnerung. Jedes Mal, wenn ich mich bei einem nostalgischen Gedanken ertappte, zuckte ich innerlich zusammen und eine kalte Hand legte sich um mein Herz.

Großmutter war verschwunden, einfach so. Hilda hatte sie besuchen wollen und ihr Haus zwar ordentlich, aber verwaist vorgefunden. Und von den Dorfbewohnern wollte niemand etwas gesehen haben. Ich erschauderte bei dem Gedanken. Er saß in meinem Nacken wie ein lebendiges Wesen. Mehrmals musste ich mich davon abhalten, mich umzudrehen und über meine Schulter zu blicken.

Großmutters Cottage lag am Ende einer Sackgasse am äußersten Rand des Dorfes, dahinter Wiesen, schwer in der Nässe, und nicht allzu weit entfernt der Waldrand. Meine Kindheitsidylle. Fast erwartete ich, Großmutter in ihrem kleinen Vorgarten vorzufinden. Hier war nichts Seltsames passiert. Hier kam einfach nur ihre Enkelin durch das Dorf, im roten Herbstmantel und mit Reiserucksack auf dem Rücken, um vor der großen Weltreise noch auf einen Besuch vorbeizuschauen.

Ich hätte sie viel öfter besuchen sollen.

Das Gartentor quietschte leicht, als ich es öffnete. Ich stieg die Stufen zur Haustür hinauf, steckte meinen Schlüssel ins Schloss und drehte ihn. Mein Herz schlug schneller, die Zeit schien sich zu verlangsamen. Es war zu lange her, dass ich ihn das letzte Mal benutzt hatte. Andere trugen stets den Schlüssel zu ihrem Elternhaus bei sich – bei mir war es der meiner Großmutter. Schon immer gewesen. Im unsteten Leben mit meiner Mutter waren die Sommer bei ihr die Konstante gewesen.

Einen Wimpernschlag lang dachte ich daran, umzukehren. Dann war ich wie von selbst über die Türschwelle getreten.

Der Geruch, der mir entgegenschlug, war nicht unangenehm. Kühle Luft, der Geruch eines Hauses, das schon ein wenig Zeit mit sich alleine verbracht hatte. Ein wenig Teppich, ein wenig von Großmutters Holzmöbeln. Sogar etwas Würziges schwang darin mit: die getrockneten Kräuter, die in der Küche hingen.

»Großmutter?«

Es fühlte sich seltsam an, in das leere Haus hineinzurufen. Doch ich musste austesten, ob sich nicht doch alle geirrt hatten. Ob sie nicht gleich durch die Wohnzimmertür kommen, die Hände an ihrer Schürze abstreifen und mich zu Tee und Apfelkuchen einladen würde. Außerdem fühlte ich mich seltsam unbehaglich. Wie ein Eindringling, der eigentlich nicht hier sein sollte. Ohne Großmutters Einwilligung einfach in ihr Cottage spazieren, mich dort niederzulassen …

Ich streifte die Kapuze herunter und stellte meinen Rucksack in den Flur. Ich wagte es kaum, etwas anzufassen, auch wenn die Polizei wohl schon fertig war mit ihrer Arbeit im Haus. Ich wusste nicht genau, was sie gemacht hatten. Spurensicherung war ein ziemlich vager Begriff und am Telefon hatte mir die letzten Tage niemand wirklich Genaueres erzählen können.

Mit langsamen Bewegungen schloss ich die Haustür hinter mir. Das Klicken des Schlosses klang einsam in der Stille.

Überhaupt waren meine Ohren geschärft für jedes einzelne Geräusch. Das Rascheln, als ich meinen Mantel abstreifte und an die Garderobe hängte. Das leise Knarzen von Leder, als ich meine Stiefel auszog. Die kaum wahrnehmbaren Schritte, als ich in Strümpfen über den Teppich im Flur ging. Das Geräusch, als meine Fingerspitzen über die geblümte Raufasertapete strichen. Das flüsternde Regenrauschen vor dem Fenster.

Zimmer um Zimmer ging ich ab, wie in Zeitlupe. Mein Herzschlag beruhigte sich ein wenig und wurde langsamer, das Pochen blieb jedoch schmerzhaft heftig.

Sie hatten recht gehabt am Telefon, allesamt. Meine Mutter, Hilda, die Polizisten. Es war aufgeräumt, sauber – höchstens ein wenig staubig. Es sah nicht aus, als sei sie mitten in einer Tätigkeit unterbrochen worden. Nichts Halbfertiges lag herum. Keine offenen Schranktüren, kein gedeckter Tisch, als wäre sie während des Essens aufgestanden. Nirgendwo ein Zeichen dafür, dass alles stehen und liegen gelassen wurde, aus welchen Gründen auch immer. Es machte den Eindruck, als sei sie nur verreist. Als würde sie jeden Augenblick zurückkommen. Diese Leere wirkte nicht endgültig.

Irgendwann fand ich mich am Küchentisch wieder. Meine Hände hielt ich um eine Tasse Kräutertee geschlossen, Großmutters bevorzugte Mischung. Irgendwann hatte ich meine Scheu überwinden müssen, etwas anzufassen. Hatte Dinge benutzen müssen. Ich war hier auf unbestimmte Zeit eingezogen; es war unumgänglich.

In meinem Kopf ging ich den Plan durch, den ich auf meiner Reise gemacht hatte. Die Andeutung eines Plans zumindest.

Der erste Gedanke, wenn jemand in Großmutters Alter verschwand, war stets, ob die Person bei einem Spaziergang oder alltäglichen Besorgungen gestürzt war. Doch die Polizei war die üblichen Wege durch und um das Dorf bereits abgegangen. Wenn ich jetzt blindlings losliefe, wäre das wenig zielführend. Ich brauchte Anhaltspunkte! Wann war sie das letzte Mal hier gewesen? Warum war sie aus dem Haus gegangen, wohin war sie aufgebrochen?

Ich würde das ganze Haus auf den Kopf stellen und gezielt die Gegenstände, die Schränke durchgehen. Vielleicht fände ich Hinweise auf Reisevorbereitungen. Vielleicht gab es irgendwo einen Brief eines entfernten Bekannten oder Verwandten, den sie unerwartet hatte besuchen müssen …

Post! Ich sprang auf, hastete in den Flur zum Schlüsselbrett. Je nachdem, wie lange Großmutter schon verschwunden war, müsste ihr Briefkasten doch überquellen. Vielleicht würden mir die Briefe etwas sagen, vielleicht würde ich erkennen, ab wann sie ihren Briefkasten nicht mehr geleert hatte …

Ich kam tatsächlich mit einer dicken Handvoll wieder zurück in die Küche. Mit klopfendem Herzen breitete ich die Umschläge vor mir auf dem Küchentisch aus. Fast erwartete ich, zwischen ihnen einen Erpresserbrief hervorblitzen zu sehen, wie man ihn aus dem Fernsehen kannte, einen schlampig aus Zeitungsbuchstaben zusammengeklebten Text.

Das Läuten an der Tür ließ mich zusammenfahren und ich sprang auf.

Durch das Bullaugenfenster lugte mit großen Augen eine ältere Dame herein, der Mann hinter ihr trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Als ich die Tür öffnete, wich die Frau ertappt zurück. Einen Moment lang standen die beiden nur da und starrten mich an.

»Der alte Clark sagt, es wäre jemand hier, er habe Licht gesehen«, sagte die Frau unbeholfen. »Ich wollte … Ich wollte nur nachsehen, ob …«

Sie presste die Lippen aufeinander und sah mit entschuldigendem Blick zu mir auf. Sie war einen ganzen Kopf kleiner als ich.

»Kurz dachten wir, Ebba wäre wieder zurück.« Der Mann legte ihr die Hand auf die Schulter.

»Oh.« Ich wusste einen kurzen Augenblick nicht, was ich darauf antworten sollte. Schließlich sagte ich: »Ich bin Ylva, ihre Enkelin. Und ich bin hier, um herauszufinden, was mit ihr passiert ist.« Die kleine Dame seufzte hörbar und fasste sich an die Brust.

»Dann räumen Sie jetzt nicht alles leer?«

»Was … Nein!« Himmel, war meine Großmutter denn etwa bereits für tot erklärt worden? »Ich will sie finden!«

Was für ein Vorhaben! Schwer wie Blei lastete die Aufgabe auf meinen Schultern. »Wann haben Sie sie denn zuletzt gesehen? Wissen Sie etwas über ihr Verschwinden?«

Die beiden tauschten unbehagliche Blicke aus, der Mann trat erneut von einem Fuß auf den anderen. Mir fiel ein, dass wir ja immer noch auf der Türschwelle standen, und trat einen Schritt beiseite.

»Möchten Sie nicht reinkommen? Ich habe Tee.«

Innerlich zuckte ich ein wenig zusammen bei diesen unbeholfenen Worten.

»Ach, Schätzchen«, seufzte die Dame. Wieder sah sie ihren Mann an, wie um sich rückzuversichern. »Warum kommen Sie nicht heute Abend zum Abendessen zu uns? Sie sehen so blass aus und es muss ja schrecklich für Sie sein, hier ganz alleine. Was sagst du, Gerald?«

»Ich, ähm …«, stammelte ich blinzelnd.

»Meine Annie macht wundervolle Scones«, sagte Gerald. »Tatsächlich hat sie erst vorhin welche aus dem Ofen geholt.«

»Und davor gibt es natürlich etwas Ordentliches!«, fügte Annie schnell hinzu.

Am liebsten hätte ich den beiden an Ort und Stelle Löcher in den Bauch gefragt und sie nicht gehen lassen, bevor sie mir nicht alles erzählt hatten, was sie wussten. Doch sie wirkten, als wollten sie möglichst schnell von hier weg. Wenn sie sich bei sich daheim wohler fühlten, würde mich das sicher eher weiterbringen, als sie jetzt hier festzunageln.

»Na gut.« Tatsächlich hatte ich seit dem Morgen nichts mehr gegessen – und bei dem Gedanken, die Lebensmittelschränke meiner Großmutter zu durchforsten, verging mir der Appetit.

»Wundervoll! Dann kommen Sie um sieben?« Annie klatschte in die Hände und ihre Augen strahlten.

»Es ist das zweite Haus da vorne links.« Gerald deutete die Straße hinunter.

»Das gelbe«, fügte Annie hinzu.

»In Ordnung, dann also um sieben.«

Nachdenklich sah ich ihnen hinterher, wie sie die Straße hinuntergingen. Sie drehten sich nicht noch einmal nach mir um.

Ich ging zurück in die Küche, zu meiner Tasse Kräutertee und den Briefen auf dem Küchentisch.

Ein Erpresserbrief war nicht dabei. Nicht ein einziger von Hand beschriebener Umschlag. Nur das übliche Format, die üblichen Fensterumschläge. Ein wenig Werbung. Ich sortierte die Prospekte aus und drehte den übrigen Packen Briefe in den Händen hin und her. Beim Blick auf den Poststempel stutzte ich. Kein Brief war jünger als zwei Monate. Anfang September lautete das Datum des Stempels auf dem letzten Brief. Der älteste war von Anfang August.

Wir hatten Anfang November. Zwei Fragen pochten schmerzhaft in meinem Kopf, stritten sich um die Vorherrschaft, welche von ihnen dringender war, welche entscheidender.

Großmutter war seit drei Monaten verschwunden?

Großmutter bekam seit zwei Monaten keine Post mehr?

Und ein anderer Gedanke, bei dem ich das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Warum hatte ich das nicht bemerkt? Wann hatte ich das letzte Mal mit Großmutter gesprochen? Nach England geflogen, um sie zu besuchen, war ich zuletzt vor … es war kurz nach Abschluss meines Studiums gewesen. Fünf Jahre war das inzwischen her! Irgendwann hatte Großmutter begonnen, Briefe zu schreiben. Es war schön gewesen, dieser Briefwechsel. Auch wenn die Abstände unregelmäßig waren, die Intensität nicht immer gleich hoch, es war stets genug gewesen, dass mir nicht aufgefallen war, dass der persönliche Austausch fehlte. Bei dieser räumlichen Entfernung war es nun einmal so, dass man sich länger nicht sah. In einem dieser Briefe hatte ich ihr auch von der Trennung erzählt und von meinen Weltreise-Plänen.

Wie eine glühende Eisenkugel senkte sich die Schuld in meine Magengrube.

Jetzt riss ich die Umschläge auf, einen nach dem anderen, und zog die Blätter heraus. Ich stierte sie an, als könnte ich sie dadurch zwingen, mir die Antwort auf dieses Rätsel preiszugeben. Eine bei einem Preisausschreiben gewonnene Kreuzfahrt vielleicht. Die Bestätigung des Postamtes, dass ihre Briefe ab September an eine andere Adresse geschickt werden sollten. Oder ein Anwaltsschreiben, dass Großmutter ein überraschendes, abenteuerliches Erbe in einem fernen Land antreten sollte … Mir gingen die möglichen Szenarien aus, die das erklären konnten. Und Brief um Brief weigerte sich, einem der Szenarien zu entsprechen. Noch mehr Werbung. Rechnungen. Schließlich warf ich sie frustriert auf den Tisch.

Wie gerne würde ich mir Großmutter an Deck eines Kreuzfahrtschiffes vorstellen, einen Cocktail in der Hand, einen Strohhut auf dem Kopf. War die Lösung so einfach? Sie hatte sich eine Reise gegönnt und einfach vergessen, uns allen Bescheid zu sagen? Ich wünschte es mir so sehr – doch das bohrende Gefühl in meinem Bauch schalt mich eine Närrin dafür.

Erst um sieben begann ich mich fertigzumachen, um Annies und Geralds Einladung zum Abendessen nachzukommen. Es waren nur wenige Schritte die Straße hinunter bis zu ihrem Haus und ich wollte nicht um Punkt sieben auf der Matte stehen.

Die Tatsache, dass ich mich vorher umziehen wollte, nahm mir eine weitere Entscheidung ab, einen weiteren Schritt, der früher oder später getan werden musste, wenn ich hier blieb: den Rucksack und die Tasche auspacken. Ich zögerte dennoch, mich wirklich auszubreiten und Großmutters Schränke oder Schubladen zu benutzen. Erst würde ich alles genau durchsehen.

Also stapelte ich meine Kleidung auf einem Stuhl und hängte meinen Kulturbeutel an einen Haken hinter der Badtür. Lediglich die Tamponpackung stellte ich auf die Ablagefläche neben der Toilette.

Mein Spiegelbild starrte mich an, wenn auch nur einen Moment lang. Zu sehr schreckte ich vor meinem eigenen Anblick zurück, noch blasser als sonst, tiefe Ringe unter den dunklen, schmalen Augen. Kurz überlegte ich mir, Schminke aufzutragen. Ach verflucht, das war so ziemlich das Letzte, was jetzt wichtig war. Energisch strich ich mir die Haare zurück und verließ das Badezimmer, warf meinen Mantel über und schlüpfte in meine Schuhe.

Das Dorf war noch immer still und die Straßen leer.

Gerald öffnete mir, sobald ich geklingelt hatte. Im Augenwinkel sah ich, wie sich die Vorhänge des vorderen Fensters bewegten. Ich war erwartet worden.

»Wie schön, dass Sie gekommen sind!« Er trat beiseite, um mich einzulassen. Kaum stand ich vollständig im Flur, schloss er sofort die Tür.

»Schätzchen!« Annie kam mir mit einem Lächeln entgegen. »Kommen Sie rein! Sind Sie denn auch trocken geblieben?« Sie beäugte mich aufmerksam und ich sah ihrem Blick an, dass sie nach einem Schirm suchte.

»Ach, es waren ja nur ein paar Meter.« Ich lächelte höflich und legte ab.

»Dieser ewige November kann einem ganz schön aufs Gemüt schlagen«, brummte Gerald.

»Na, wir wollen die liebe …«, begann Annie, doch sie stockte und runzelte die Stirn. »Wie war doch gleich Ihr Name, Schätzchen?«

»Ylva.«

»Die liebe Ylva ist ja nicht hierhergekommen, um über das Herbstwetter zu klagen«, sagte Annie und bugsierte mich ins Esszimmer.

Mit altmodischen Möbeln und Nippes vollgestopft, machte es einen ganz anderen Eindruck als Großmutters Einrichtung. Auf der bestickten Tischdecke warteten Schüsseln mit dampfendem Inhalt. Bei dem Duft lief mir das Wasser im Mund zusammen.

»Ylva«, sagte Gerald, während Annie uns allen Kartoffel-Erbsen-Püree und Braten auftat. »Ein ungewöhnlicher Name. Wo kommt er her?«

»Schweden.« Ich hoffte, sie würden an der Stelle nicht weiterbohren.

»Sie haben ein ungewöhnliches Aussehen für eine Schwedin.«

Annie sog scharf die Luft ein. »Liebling, so spricht man doch nicht mit einem Gast!«

»Na, nun lass mich doch!«, wiegelte er ab. »Es ist ja nur eine Feststellung. Sie erinnert mich an jemanden, diese Sängerin, wie heißt sie doch gleich …? Auch aus Schweden, meine ich.«

»Björk«, sagte ich, mehr aus Reflex. Dass diese aus Island kam, verkniff ich mir.

Geralds Gesicht hellte sich auf. »Ja, genau die war es! Sie sind ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.«

»Wenn Sie genauer hinschauen, werden Sie feststellen, dass wir uns überhaupt nicht ähnlich sehen. Nur die Augen, sonst nichts.« Ich zwang mich zu einem höflichen Lächeln.

Annie hielt unbehaglich den Blick gesenkt, doch Gerald sprang nicht auf den versteckten Vorwurf an. Er war nicht der Erste und würde auch nicht der Letzte sein, der diesen Vergleich anbrachte, und ich fand ihn unangemessener, je öfter ich ihn hörte. Bis auf meine Haarfarbe und die schmale Form der Augen sah ich der Sängerin alles andere als ähnlich – aber vor allem Zweiteres reichte den meisten Menschen aus, um mich in eine Schublade zu stecken. Mit dem Begriff ›epikanthische Falte‹ würde Gerald wohl kaum etwas anfangen können.

In Foremar Glen waren mir solche Kommentare bislang nicht begegnet. Die Dorfbewohner kannten mich seit frühester Kindheit und einige mussten auch meinen Großvater und meinen Vater gekannt haben, denen ich mein Äußeres verdankte.

Ein Gedanke kam mir und ich runzelte die Stirn. Eigentlich wollte ich auf dringlichere Themen hinaus – doch mich vorher durch die Wand aus Small Talk zu bohren, schien unvermeidlich.

»Wohnen Sie noch nicht so lange in Foremar Glen?«.

»Ein paar Jahre müssten es mittlerweile sein – oder, Liebling?«

»Ich wunderte mich nur, weil ich Sie gar nicht in Erinnerung habe aus Großmutters Nachbarschaft.«

Ein paar Augenblicke war das Klirren von Besteck das einzige Geräusch, das zu hören war. Und der Regen vor dem Fenster.

»Man findet selten eine so idyllische Lage«, sagte Gerald schließlich, als wäre ihm gerade erst wieder eingefallen, dass er etwas sagen musste.

Ich rechnete schon mit weiteren Momenten unbehaglichen Schweigens, doch Annie griff die Vorlage ihres Mannes für den mir so verhassten Small Talk auf. Unentwegt plauderte sie über die idyllische Lage ihres Hauses, über Gartenarbeit und Geheimtipps ihrer Mutter zur Zubereitung des Bratens. Ich bemühte mich, weiterhin zu lächeln und Interesse zu zeigen – und dabei das Gespräch unauffällig in die Richtung zu lenken, in der ich es haben wollte. Mein Eindruck war, dass die beiden allzu ernsten Themen auswichen. Langsam, aber stetig kostete es mich meine Geduld. Wenn es keinen natürlichen Übergang zu dem Thema gab, das ich ansprechen wollte, musste ich es wohl direkt machen.

»Wann haben Sie Großmutter zuletzt gesehen?«

Da war es wieder, das unbehagliche Schweigen. »Schätzchen, sind Sie sicher, dass Sie hier sind, um nach Ihrer Großmutter zu suchen?«, fragte Annie schließlich leise zurück.

Ich wusste nicht recht, was ich auf diese Gegenfrage antworten sollte. Was war so schwer daran, einfach die Antwort zu geben?

»Um ehrlich zu sein, wissen wir es nicht genau«, sagte Gerald.

»Es tut mir leid, Schätzchen«, sagte Annie. »Es ging mir nicht gut und wir waren zu sehr mit uns selbst beschäftigt. Bei all den Sorgen, die wir hatten … Wir nahmen einfach an, dass … Wir nahmen gar nichts an.« Sie senkte den Blick. Ihre Stimme war nur ein Flüstern. »Erst als die Polizei hier anrückte und Ebbas Haus durchsuchte, bekamen wir mit, dass etwas passiert sein musste.« Die schmalen Schultern zusammengesunken, wirkte sie noch kleiner und zerbrechlicher als heute Nachmittag.

»Wissen Sie«, nahm Gerald den Faden auf, »man denkt immer, bloß weil hier theoretisch jeder jeden kennt, weiß man auch immer genau Bescheid, was vor sich geht.«

Ich versuchte, den richtigen Gesichtsausdruck aufzulegen und mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. »Wissen Sie denn, wer zuletzt mit Großmutter gesprochen hat?«

»Sie nennen sie immer Großmutter«, sagte Annie und schien sich ein wenig von ihrer Niedergeschlagenheit zu erholen. »Das ist ziemlich altmodisch. Die Kinder heutzutage sagen doch Oma, nicht wahr?«

Sie übergingen meine Frage tatsächlich. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich darüber ärgern sollte – oder wie sehr. Ich spürte gegen meinen Willen eine gewisse Zuneigung zu der kleinen, alten Dame in mir aufsteigen.

»Ich glaube, das hängt mit den Märchen zusammen, die sie mir immer vorgelesen hat.« Unwillkürlich musste ich lächeln. In der Erinnerung saß ich an Großmutter gekuschelt auf ihrem Sofa, auf ihrem Schoß ein großes, schweres Buch. Ich hatte mir immer aussuchen dürfen, welches Märchen sie lesen würde. »Die Kinder in dem Buch haben auch nie Oma gesagt.«

»Märchen!« Annies Gesicht nahm einen träumerischen Ausdruck an.

»Viel zu düster für kleine Kinder«, brummte Gerald, doch er schmunzelte. »Aber wenn ich mir Sie so anschaue, bin ich mir sicher, dass der böse Wolf keine Chance bei Ihnen hätte.«

»Soll es der böse Wolf ruhig einmal versuchen«, sagte ich grimmig und legte mein Besteck auf dem Teller ab.

»Hat es Ihnen geschmeckt, Schätzchen?«

»Ich hoffe, Sie haben noch Platz für einen von Annies Scones gelassen«, sagte Gerald vergnügt, ohne meine Antwort abzuwarten. Annie räumte ab.

Die beiden geleiteten mich ins Wohnzimmer, wo Annie schon das Teegeschirr bereitgestellt hatte. Dann verschwand sie in der Küche, um den Tee aufzusetzen und die Scones zu holen. Gerald ging derweil Feuerholz für den Kamin holen.

Mein Angebot, ihnen zu helfen, lehnten sie so vehement ab, dass ich nachgab.

Auf der Couch vor dem gedeckten Tisch wäre ich mir seltsam untätig und gleichzeitig zu erwartungsvoll vorgekommen, also schlenderte ich langsam durch den Raum, der vollgestopft war mit Teppichen, Blümchenvorhängen und dazu passenden Lampenschirmen, verspielten Sofakissen und allerlei Krimskrams.