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So gebräuchlich es in einigen Haushalten ist, Nudeln mit Soße zuzubereiten, so alltäglich verläuft auch das Leben der Familie Wiesel. Oder etwa doch nicht? Bei fünf Kindern und diversen Haustieren sind Verwicklungen im Leben der Großfamilie geradezu vorprogrammiert. Da ist es ganz verständlich, wenn Maria Wiesel so manches Mal am liebsten die Flucht ergreifen möchte. Wie die Dame des Hauses es dennoch immer wieder schafft, eine Katastrophe zu verhindern, schildert die Autorin auf humorvolle Weise in diesem Buch. Eine heitere Geschichte über eine chaotische, aber liebenswerte Großfamilie.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2019
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So gebräuchlich es in einigen Haushalten ist, Nudeln mit Soße zuzubereiten, so alltäglich verläuft auch das Leben der Familie Wiesel.
Oder etwa doch nicht?
Bei fünf Kindern und diversen Haustieren sind Verwicklungen im Leben der Großfamilie geradezu vorprogrammiert. Da ist es ganz verständlich, wenn Maria Wiesel so manches Mal am liebsten die Flucht ergreifen möchte. Wie die Dame des Hauses es dennoch immer wieder schafft, eine Katastrophe zu verhindern, schildert die Autorin auf humorvolle Weise in diesem Buch. Eine heitere Geschichte über eine chaotische, aber liebenswerte Großfamilie.
Marika Krücken, geboren 1953 in Uelzen bei Hannover, lebt mit ihrer Familie in Köln. Sie ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Seit 1985 schreibt die Autorin Kindergeschichten. Im März 2012 erschien ihr Buch »Marienkäfer Siebenpünktchen - Eine ungewöhnliche Freundschaft« als Neuauflage. Danach folgten zwei Bücher mit einzelnen Geschichten für jedes Alter »Die Geschichtenerzählerin« und »Weihnachtsduft mit Zimtgebäck« sowie ein zweites Kinderbuch »Flups & Flaps – Auf abenteuerlichen Wegen«. Neben der Liebe zur Natur verbindet die Autorin mit ihren Büchern eine weitere Leidenschaft, das Geschichtenerzählen. Ihr Ziel ist es, Kindern und Erwachsenen ein kleines Lächeln auf das Gesicht zu zaubern.
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Das Telefon im Wohnzimmer läutete aufdringlich und durchbrach die Stille der kleinen Zweizimmerwohnung.
Rrrring … Rrrring! Der Ton ging durch Mark und Bein. Es war kein besonders melodischer Klang, sondern eher das schrille Geräusch eines Weckers, dessen Klöppel anhaltend gegen die Innenseiten der Glocken rasselten. Herr Berger schreckte aus dem Sessel hoch, in den er sich zurückgezogen hatte und wo er seine schwer verdiente nachmittägliche Ruhe hielt. »Ja, ja, ich komm´ ja schon«, rief er laut, ohne die Verbindung herzustellen, als könnte ihn der Teilnehmer am Ende der Leitung hören. Es erwischte ihn ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als er ein wenig eingenickt war. Benommen schlurfte er zur Kommode und schaute auf das aufleuchtende Display. Die Nummer kam ihm irgendwie vertraut vor, allerdings konnte er sie auf die Schnelle nicht genau einordnen. »Hier bei Berger«, meldete er sich daher ziemlich barsch.
»Guten Tag, Herr Berger, entschuldigen Sie bitte die Störung, aber …«
Was mochte wohl dem Hauseigentümer durch den Kopf gehen, als er die ihm bekannte Stimme am anderen Ende vernahm und den Grund des Anrufs erfuhr? Entweder dachte er über die Kündigung des Mietverhältnisses oder über den Verkauf des Hauses nach. Aber beides kam für den rüstigen Rentner nicht in Betracht. Zu viele Erinnerungen hingen an dem alten Gemäuer fest. Es war sein Elternhaus, das er an ein junges Ehepaar mit mittlerweile fünf Kindern, einem Hund, zwei Kanarienvögeln, zwei Meerschweinchen und einem Hamster vermietet hatte. Nachdem seine eigenen Kinder alle schon lange ausgezogen waren und einige Zeit später seine Frau verstarb, entschied Herr Berger in eine kleine gemütliche Wohnung umzuziehen. Danach war das Haus monatelang nicht mehr bewohnt gewesen.
Kurz entschlossen nahm er seinen Handwerkskasten, um zum wiederholten Male das kleine Fenster im Badezimmer der Familie Wiesel auszuwechseln, welches die Blagen mit ihrem Fußball zerbrochen hatten. Zielstrebig klemmte er sich hinter das Steuer seines alten Kastenwagens, da er unterwegs beim Baumarkt anhalten und eine neue Scheibe besorgen musste. Die genauen Maße waren ihm inzwischen allzu geläufig, deshalb brauchte er vorher den Rahmen nicht erst auszumessen. »Herrschaftszeiten, das ist jetzt bereits das dritte neue Fenster, seitdem die Familie eingezogen ist«, fluchte er leise vor sich hin.
Diesmal war es der kleine Rotschopf Willi gewesen, der meisterhaft – anstatt wie es üblich ist, ins Tor zu schießen – über die Köpfe der anderen Jungen hinweg, ins Badezimmer getroffen hatte. Dummerweise war das Fenster geschlossen. Zu allem Überfluss saß das Familienoberhaupt auch noch zur gleichen Zeit in der Badewanne, sodass der Fußball genau vor diesem ins Wasser geplatscht war, es bis zur Decke hochspritzte und Herrn Wiesel wie einen begossenen Pudel aussehen ließ.
Als Herr Berger daran dachte, musste er schallend lachen. Die Vorstellung von Herrn Wiesels erstauntem Gesichtsausdruck, als plötzlich ein Fußball in dessen Badewasser schwamm und die Genugtuung, dass der kleine Willi aus erzieherischen Gesichtspunkten wohl eine ordentliche Standpauke zu hören bekommen hatte, entschädigte den Hauseigentümer ein wenig für die kaputte Fensterscheibe.
Wer hätte so etwas auch vorausahnen können, als damals vor fünfzehn Jahren Franz-Josef Wiesel mit seiner jungen Frau Maria bei Herrn Berger aufgetaucht war und nachgefragt hatte, ob dieser sein leer stehendes Haus vermieten würde und wenn ja, ob er etwas gegen eine Familie mit Kindern und Haustieren einzuwenden habe? Sie hätten ausgezeichnete Referenzen, Frau Schneider aus der Marienburg habe ihnen den Tipp gegeben, erklärte der Besucher mit Anspielung auf den vornehmen Stadtteil.
»Marienburg …? Nobles Viertel …«, verächtlich hatte der Hausbesitzer die Nase gerümpft. Dieser Hinweis ließ ihn ziemlich kalt, aber da sich auf seine Annonce in der Zeitung bisher noch niemand gemeldet hatte, war er froh gewesen, als das junge Paar plötzlich vor ihm stand und er selbst nicht weiter nach geeigneten Mietern suchen musste. Darüber hinaus mochte er die Eheleute gleich zu Anfang gern, da besonders Frau Wiesel von dem alten Haus, das seit Generationen in Familienbesitz war, geradezu schwärmte. »Es hat so einen eigenen Charakter mit dem verwunschenen Garten und dem alten Baumbestand«, sagte sie eifrig. »Und es sieht von außen sehr groß und geräumig aus«, fügte sie hoffnungsvoll hinzu. Bei der anschließenden Innenbesichtigung geriet sie ganz und gar aus dem Häuschen. »Schau mal, Franz-Josef, so ein schöner weitläufiger Wohnraum. Da können wir wunderbar einen langen Esstisch unterbringen und haben trotzdem noch genügend Stellmöglichkeiten für eine gemütliche Wohnlandschaft. Sogar eine schön geschwungene Wendeltreppe aus Holz führt von der Diele in die oberen Räumlichkeiten.«
Als der Hausbesitzer merkte, dass die junge Frau von seinem Elternhaus so begeistert war und die Familie es sicherlich ehrenvoll bewohnen würde, pries er nun seinerseits wortgewandt die Vorzüge des Hauses an. Geschäftig zeigte er dem Paar im hinteren Teil die Küche, die zusätzlich der Gerätschaften eine Fläche für einen zweiten Tisch bot, an dem die Familie dann das Frühstück einnehmen könne. Zudem führte eine Tür nach draußen, die als Seiteneingang genutzt werden konnte, was durchaus von erheblichem Vorteil sein würde, um die Einkäufe nicht durchs Vorderhaus in die Küche tragen zu müssen. Außerdem befanden sich im unteren Bereich ein separater Raum und eine Gästetoilette, in der oberen Etage zwei große Schlafzimmer und drei etwas kleinere sowie die beiden Badezimmer. »Und dadrüber noch der Speicher und natürlich unten der Keller«, erklärte Herr Berger. »An ausreichendem Platz wird es ihrer Familie bestimmt nicht mangeln.«
Die Wiesels waren sichtlich beeindruckt. Da Franz-Josef von Beruf Rechtsanwalt war, freute er sich auf den kleinen Raum im Erdgeschoss, wo er ein Arbeitszimmer einrichten wollte, um einige geschäftliche Dinge von zu Hause aus erledigen zu können. Vorsichtshalber kam er jedoch, bevor der Vertrag unterzeichnet werden sollte, noch einmal darauf zu sprechen, dass die Familie im Begriff stand, sich zu vergrößern und sie überdies vorhatten, Haustiere zu halten.
»Das stellt bei diesem großen Haus überhaupt kein Problem dar«, versicherte Herr Berger mit einem verschämten Seitenblick auf Marias Bauch, wo sich offensichtlich Entsprechendes abzeichnete.
Er hatte ja grundsätzlich auch nichts gegen Tiere und gleich gar nichts gegen Kinder. Im Gegenteil, er war sogar sehr tierlieb und Kinder mochte er äußerst gern. Zuerst waren es auch nur zwei Kinder gewesen und die beiden Kanarienvögel. Genau …, das war anfangs! Nach und nach kamen immer mehr hinzu. So ungefähr jedes Jahr eine Neuanschaffung. Abwechselnd ein Kind, danach der Hund, wieder ein Kind und die zwei Meerschweinchen. Ach ja, dann wurde der Rotschopf Willi geboren und zum guten Schluss schafften sie sich auch noch einen Hamster an. In den folgenden Jahren wurden dann zwar Meerschweinchen, Kanarienvögel und auch der Hamster zwischendurch mal ausgetauscht, aber es war wenigstens kein Neuzugang mehr zu vermerken. Das war jetzt sieben Jahre her und Herr Berger hegte die stille Hoffnung, dass die Familienplanung nun endgültig abgeschlossen sei. Der Hausbesitzer machte sich insgeheim Sorgen, dass ansonsten bei weiterem Zuwachs das Haus aus allen Nähten platzen würde und die Familie umziehen müsste. Bei allem Verdruss, den solch eine Vermietung mit sich brachte, würde er die Wiesels samt ihrem Anhang doch sehr vermissen. Im Laufe der Zeit war selbst der Racker Willi dem älteren Herrn ans Herz gewachsen, ganz zu schweigen von dem sympathischen Ehepaar.
Herr Berger stand bei Wiesels am Haus und wollte gerade klingeln, als er von drinnen ein ohrenbetäubendes Geschrei vernahm. »Gib mir sofort meinen Frosch zurück, den habe ich gefangen«, konnte er dem Gebrüll entnehmen.
»Hol ihn dir doch!«, war die nicht minder lautstarke Antwort.
Plötzlich flog die Haustür auf und der neunjährige Max sauste an Herrn Berger vorbei. In der Hand hielt er den zappelnden Frosch an einem Bein fest. Herr Berger hatte im letzten Moment noch zwei Schritte zur Seite treten können, sonst wäre er von dem Jungen angerempelt worden und die neue Scheibe ebenfalls zu Bruch gegangen.
Genau genommen hieß der Bursche ja Maximilian Martin Markus, aber das war den meisten Leuten wohl zu lang. Der Vermieter verstand sowieso nicht, warum die fünf Kinder der Wiesels jeweils drei Vornamen hatten, die obendrein alle mit dem gleichen Buchstaben anfingen. Der Rotschopf Willi hieß auch nicht nur Willi, sondern Willibald Walter Wienand. Bei ihm kam erschwerend hinzu, dass sein Familienname auch noch mit dem gleichen Buchstaben begann. Vielleicht konnten sich die Eltern nicht auf einen einzigen Vornamen einigen, sinnierte Herr Berger, oder es wurden alle möglichen Verwandten durch die Weitergabe der Namen geehrt, was für den Hauseigentümer wiederum eine schöne Geste darstellte. Jeder wie er mag, leben und leben lassen, war sein Wahlspruch.
Hinter Max jagte der elfjährige Fritz her. Genauer gesagt, Friedrich Ferdinand Florian. »Wenn du mir nicht auf der Stelle meinen Frosch zurückgibst, dann sage ich es Papa.«
Herr Berger ging kopfschüttelnd hinein. Er fand die Dame des Hauses in der Küche vor.
Maria Wiesel war damit beschäftigt, das Abendessen für die gesamte Familie zu richten. Das war gar nicht so einfach, wie es sich vielleicht im ersten Augenblick anhören mochte. Jeder, der sich dem Haus und seinen Bewohnern zugehörig fühlte, einschließlich ihres Ehemannes, hatte eine andere Vorstellung von seinem Abendbrot. Sogar die Tiere schnupperten kritisch an ihrem jeweiligen Futternapf und zogen beleidigt von dannen, wenn der Inhalt nicht ihren Vorlieben entsprach.
Die siebzehnjährige Josefa Juliane Johanna, genannt Josi, befand sich gerade auf dem „Öko-Trip“ ̶ wie die Jungen der Familie es nannten und bei jeder sich bietenden Gelegenheit darüber spöttelten. Öko-Trip … Was immer das heißen mochte … Für die Hausfrau bedeutete es jedenfalls: Ihre Tochter aß seit Wochen morgens, mittags und abends überwiegend Grünfutter. Und das auch noch aus eigener Produktion, da es absolut ökologisch und ohne den Einsatz jedweden chemischen Pflanzenschutzmittels selbst angebaut wurde. Nach vorheriger Zustimmung väterlicherseits und größten Bedenken mütterlicherseits hatte Josi zum vergangenen Sommer im Garten ein Gemüsebeet oder besser gesagt ein Gemüsefeld angelegt. Nachdem dann die schwierige und harte Arbeit des Umgrabens sowie Einsäens der verschiedenartigsten Gemüsesorten und Kräuter getan war – und Josi die Hochachtung ihres Vaters stolz entgegengenommen hatte, der sich voller Lob, ob der Blasen in den Handflächen sowie des Fleißes seiner Ältesten äußerte – überließ sie die ihrer Meinung nach wesentlich leichtere Aufgabe des täglichen Unkrautjätens sowie schmerzhafter Rückenbeschwerden Maria, die weder ein Lob ihres Mannes noch ihrer Tochter erwartete.
Ein kleiner Seufzer entwich Marias Lippen, während sie grüne, gelbe und rote Paprika in schmale Streifen schnitt.
»Grüß Gott, Frau Wiesel.«
»Ach, Herr Berger, es tut mir furchtbar leid, aber was sollen wir machen? Wir können die Jungs doch nicht festbinden. Aber die Fensterscheibe muss der Willi mit seinem Taschengeld abbezahlen, auch wenn es Monate dauert.«
»Seien Sie nicht so streng mit dem kleinen Kerl«, lachte Herr Berger. »Ich gehe dann mal nach oben und wechsele die Scheibe aus.«
Maria ergab sich in ihr Schicksal und widmete sich erneut der Abendmahlzeit und deren Vielfältigkeit. Während sie noch darüber nachdachte, ob es wohl richtig wäre, Willi die kaputte Fensterscheibe von seinem Taschengeld abzuziehen – schließlich waren seine Freunde ja nicht so ganz unbeteiligt an der Sache und nach anschließender Strafpredigt von Franz-Josef sehr niedergeschlagen gewesen – wurde unversehens die Küchentür aufgestoßen und Kathi wirbelte herein. »Mom, wann gibt es etwas zu essen? Ich habe einen gigantischen Kohldampf.« Sie nannte ihre Mutter seit einiger Zeit Mom oder Mommy, je nach Gemütszustand, aber warum sie das tat und das amerikanische Wort für Mama gebrauchte – das wusste kein Mensch. Und die so Betitelte schon gleich gar nicht. Kathi selbst wahrscheinlich auch nicht. Maria konnte es sich nur so erklären, dass es bei den Jugendlichen gerade als „chic oder en vogue“ galt, auf das altbewährte, zärtliche Mama als Kosewort zu verzichten und dafür auf zeitgemäße Begriffe zurückzugreifen. Sie erinnerte sich an die Jugendsprache ihrer eigenen Generation und wie sehr sich diese im Laufe der Zeit gewandelt hatte.
Katharina Konstanze Kunigunde Wiesel war ein großes, hoch aufgeschossenes Mädchen. Sie überragte mit ihren fünfzehn Jahren nicht nur ihre ältere Schwester Josi, sondern auch ihre Mutter um Haupteslänge. Zudem spielte sie in der Korbballmannschaft der Schule, was nicht zuletzt auf ihre Größe zurückgeführt werden konnte und ihr deshalb die uneingeschränkte Bewunderung ihrer Brüder sicherte. Maria hoffte jedoch, dass Kathi mit dem Wachstum bald abschließen würde, denn das Kleidungsbudget der Familie wurde dadurch sehr belastet. Kathi war diejenige ihrer Kinder, die oftmals im Sommer sowie im Winter doppelt neue Kleidung brauchte, da sie gerade zu diesem Zeitpunkt wiederholt gewachsen war. Hinzu kam, dass die wenig getragenen Sachen nicht nach unten weitergegeben werden konnten, weil sich ihre Brüder vehement geweigert hätten, Mädchenklamotten anzuziehen, obwohl Kathis Schlabberlook nicht unbedingt danach aussah. Allein das Wissen dieses Umstands würde den Jungs körperliche Schmerzen verursachen. Die Einzige war ihre ältere Schwester, die ab und an mal ein Sweatshirt oder einen Pulli von ihr übernommen hatte. Der unkomplizierten Josi war es bis vor Kurzem noch egal gewesen, ob die Sachen zu lang waren und etwas lockerer saßen. Allerdings hatte sich das mittlerweile auch geändert und Maria war nun regelmäßig ein gern gesehener Gast in der Kleiderkammer, um bedürftigen Familien mit den Sachen der Kinder eine Freude zu machen. Diese wurden von den Menschen in den Flüchtlingsunterkünften, die an verschiedenen Punkten der Stadt entstanden, dringend benötigt. Maria schauderte es bei dem Gedanken, wie viele in den letzten Jahren die Heimat verloren hatten und nun Zuflucht in fremden Ländern suchten, um einem Krieg im Herkunftsland zu entgehen. Was mochten diese Menschen erlitten haben, dass sie sich in die Fänge gewissenloser Schlepper begaben. Kaum waren sie dem Terror entkommen, pferchte man sie in überfüllte Schlauchboote, die reihenweise vor der Küste Lampedusas untergingen. Und diejenigen, die durchkamen, konnten noch von Glück sagen, dass sie wenigstens ihr nacktes Leben gerettet hatten. Angesichts solcher Schicksale empfand Maria die eigenen Sorgen stark übertrieben. Resolut verdrängte sie ihre kleinen Kümmernisse und wandte sich an ihre Tochter.
»Das Essen ist gleich fertig, geh bitte schon mal den Tisch decken. Ich glaube, du bist diese Woche dran.«
»Nö, ich habe an Fritz verkauft. Ich rufe noch mal eben rasch bei Sabine an.«
Blitzschnell war Kathi zur Tür hinaus.
Die Verteilung kleiner Hilfeleistungen im Bereich des häuslichen Zusammenlebens hatte Maria ihrem Ehemann Franz-Josef zu verdanken. Nicht, dass der Grundgedanke falsch gewesen wäre, da es schlicht und ergreifend vonnöten war, in einem mehreren Personenhaushalt eine gewisse Struktur zu errichten, erwies sich doch die Durchführbarkeit als wenig nützlich. Nachdem die Kinder, nach jeder beendeten Mahlzeit, ihrem Namen zur Ehre gereichten und im wahrsten Sinne des Wortes flink wie die Wiesel den Tisch und meistens auch das Haus verließen, somit also nicht mehr habhaft waren, stellte das Familienoberhaupt einen umfangreichen monatlichen Dienstleistungsplan für die gesamte Familie auf. Franz-Josef war besessen davon, alle relevanten Entscheidungen schriftlich zu fixieren. Das mochte wohl an seinem Beruf liegen. Stolz heftete er den Plan an die Kühlschranktür mit der Bemerkung, dass sich ab sofort jeder daran zu halten habe, um Maria bei der Hausarbeit zu unterstützen. Das Ergebnis war, dass diese Dienstleistungen verkauft wurden. Wie auf einem orientalischen Basar wurde gefeilscht und geschachert. Es entwickelte sich ein blühender schwunghafter Handel, den die einzelnen Familienmitglieder bis zur Perfektion betrieben. Irgendwie schaffte es jeder, seine heimischen Verpflichtungen so zu verkaufen, dass Maria am Ende doch alles selber machen musste. Trotzdem hatte sie im Gegensatz zu ihrer Familie nichts dafür erhandelt. So war es wahrscheinlich auch heute wieder. Es würde sie nicht wundern, wenn alle verkauft hätten und das Tischeindecken an ihr hängen blieb. Und tatsächlich! Im Esszimmer war weder jemand zu sehen noch war der Tisch gedeckt. Heute wollte sie aber der Angelegenheit ernsthaft auf den Grund gehen. Sie fand Kathi in deren Zimmer mit dem Handy beschäftigt.
Obwohl sich die Freundinnen gerade erst verabschiedet hatten, gab es ständig irgendeinen Anlass, kurz darauf noch mal miteinander zu telefonieren oder mehrere SMS zu schreiben. Selbst während der Mahlzeiten wurden unter dem Tisch, trotz striktem Handyverbot beim Essen, zahlreiche Nachrichten ausgetauscht. Dabei konnte es durchaus passieren, dass die eine oder andere bei Franz-Josef landete und es mehrfach in seiner Jackentasche piepte, wenn eins der Kinder beim Versenden aus Versehen auf den falschen Kontakt gedrückt hatte. Unter dem vorwurfsvollen Blick seiner Frau zog er dann das Handy aus der Tasche und stellte es aus. Als er später seine Nachrichten durchsah, war er erstaunt, warum Kathi per SMS fragte, was er am nächsten Tag anzuziehen gedenke, obwohl sie ihm genau gegenüber am Tisch gesessen hatte. Als er sich daraufhin mit der Bitte um eine Erklärung an Maria wandte, durchschaute diese sofort die versehentliche Kontaktaufnahme.
Ab diesem Zeitpunkt lagen alle Handys der Familie nebeneinander aufgereiht in der Diele auf der Kommode und wanderten erst nach dem Essen wieder in die Taschen der jeweiligen Besitzer.
»Kathi, leg sofort das Handy weg. Ich habe mit dir zu reden.«
»Och, Mommy, ich muss mit Sabine noch unsere Hausaufgaben besprechen.«
Normalerweise half die kleine Anspielung auf die Schule. Heute jedoch schien ihre Mutter kein Pardon zu kennen. »Das kannst du nach dem Essen auch noch tun. Ich möchte jetzt von dir wissen, warum du den Tisch noch nicht gedeckt hast, obwohl du für diese Woche dafür eingeteilt bist.«
»Das hab ich doch schon gesagt. Ich habe an Fritz verkauft. Er hat dafür immerhin ein ganzes Päckchen Kaugummi von mir bekommen«, entrüstete sich Kathi, als hätte sie dafür ihr gesamtes Taschengeld opfern müssen.
»Gut, dann suche bitte deinen Bruder Fritz. Er möchte so freundlich sein und den Tisch decken«, beendete Maria das Gespräch.
Kathi sputete sich und sah zu, dass sie dem Blickfeld ihrer Mutter entkam. In der Diele stieß sie fast mit ihrem Vater zusammen. »Halt mal, junge Dame! Wohin so eilig?«
»Hallo Paps! Schon zu Hause? Ich muss ganz rasch noch zu Sabine rüber, wegen der Hausaufgaben. Ich bin in fünf Minuten zurück.«
Herr Wiesel brachte seinen Aktenstapel, den er vor der Brust balancierte ins Arbeitszimmer und ging kopfschüttelnd in die Küche. Dort fand er seine Frau, die in dafür bereitgestellte Schüsseln Nudeln und Tomatensoße verteilte.
»Hallo Liebes! Mmh, das riecht aber lecker! Ich habe einen Mordshunger.« Franz-Josef war das Gegenteil davon, was man landläufig als Kostverächter bezeichnete. Er liebte gutes Essen und davon besonders viel. Die Küche seiner Frau bot einen bedeutenden Anreiz, um rechtzeitig zu den Mahlzeiten an Heim und Herd zurückzukehren. Nicht zuletzt deswegen nahm er sich aus der Kanzlei zu bearbeitende Akten der Mandanten häufig mit nach Hause.
»Das Essen ist fertig. Ich warte nur noch auf Fritz, dann können wir sofort essen. Er hat von Kathi das Tischeindecken gekauft. Aber der Bengel ist nicht da.«
»Ach ja«, erinnerte sich der Hausherr, »das kann ich aufklären. Ich habe von Fritz gekauft. Dafür soll er für mich das Schuhputzen übernehmen. Später fiel mir ein, dass ich ausgerechnet in dieser Woche so viele Besprechungen im Büro habe und nicht immer pünktlich zu Hause sein kann. Darum habe ich mir überlegt, dass es besser wäre, wenn jemand anderes vorher den Tisch decken würde. Deshalb habe ich an Josi verkauft. Sie hat mir doch tatsächlich zehn Euro dafür abgeluchst«, schmunzelte Franz-Josef.
Maria sah ihren Mann ungläubig an. »Dass du diesen Handel auch noch unterstützt, hätte ich nicht gedacht. Aber ganz egal, solange der Tisch nicht gedeckt ist, gibt es kein Abendbrot.«
Franz-Josef nahm seine Frau in die Arme und lachte. »Aber Liebes, das ist doch kein Problem. Ich suche jetzt Josi und dann können wir in ein paar Minuten essen. Sie hat es sicher nur vergessen.«
Pfeifend lief er schwungvoll, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Er fand seine Tochter in ihrem Zimmer auf- und abgehend. In der Hand hielt sie mehrere Seiten eines Manuskripts, aus dem sie abwechselnd mal mit einer hohen, leicht vibrierenden Stimme zitierte, und mal klangvoll und sonor erwiderte.
