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In »Numancia« entführt der berühmte spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes Saavedra seine Leser in die bewegte Zeit der römischen Belagerung der iberischen Stadt Numantia. Dieses dramatische Werk, das sowohl als Tragödie als auch als poetisches Epilog betrachtet werden kann, präfiguriert die Themen der Tapferkeit, des Widerstandes und der kollektiven Identität. Cervantes verbindet in seinem literarischen Stil eindringliche Dialoge und bewegende Monologe, wodurch die psychologischen Konflikte der Protagonisten auf eindringliche Weise zum Ausdruck kommen. Der historische Kontext, in dem die Strukturen imperialer Macht und der lokale Patriotismus aufeinanderprallen, verleiht dem Werk eine zeitlose Relevanz und lässt es als eine der ersten nationalen Tragödien Spaniens erscheinen. Miguel de Cervantes, ein Pionier der spanischen Literatur, lebte zwischen Verlust, Abenteuer und erzwungener Kreativität, die geprägt waren durch seine eigenen Erfahrungen als Soldat und Gefangener. Diese Erlebnisse schlagen sich in seinen Werken nieder und zeugen von einem tiefen Verständnis der menschlichen Natur unter extremen Bedingungen. Sein unverwechselbarer Stil ist die Antwort auf die literarischen Herausforderungen seiner Zeit und zeigt sein Streben nach einer authentischen Erzählweise, die auch in »Numancia« erkennbar ist. Dieses Buch ist nicht nur eine literarische Meisterleistung, sondern auch eine eindringliche Lektion über Identität und Widerstand. Leserinnen und Leser, die sich für historische Dramen und die Psychologie des menschlichen Verhaltens interessieren, werden von dieser packenden Erzählung gefesselt sein. Cervantes gelingt es, universelle Fragen zu stellen, die auch Jahrhunderte nach der Entstehung des Werkes aktuell sind. »Numancia« ist ein Muss für jeden Literaturfreund.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Scipio.
Dies schwierige, dies lastende Geschäft, Das der Senat in Rom mir aufgebürdet, Bedrückt so sehr mich, daß der Sorgen Schwarm Schon über mich Gewalt bekommen hat. O diesen Krieg, der schon so lange dauert, So vieler edeln Römer Blut schon kostet, Wer wird nicht zweifelnd ihn zu enden streben, Wer nicht auf's neu' ihn zu beginnen fürchten?
Jugurtha.
Wer, Scipio? Wer? Nun, wen das Glück begünstigt, Der nie geseh'ne Muth, der Dich erfüllt, Und diese beiden geben Dir Gewißheit, Daß Du in diesem Kampf den Sieg erringest.
Scipio.
Ein hoher Muth, beherrscht durch kluges Denken, Kann auch der höchsten Berge Gipfel eb'nen; Doch rohe Kraft in einer thör'gen Hand Zerstört das Glatte nur und macht es rauh. Es ist, wie ich wohl sehe Noth, zu dämpfen, Die Raserei, die in dem Heere wüthet, Das Ruhm und Siegeszeichen hat vergessen, Und in der Wollust Schooß versunken liegt. Nur dies verlang' ich, dies nur ist mein Wunsch: Ein neu Betragen in dem Volk zu schaffen, Denn hab' ich nur den eignen Freund gebessert, Dann unterwerf' ich schneller mir den Feind. Marius!
Cajus Marius (tritt auf).
Herr!
Scipio.
Gib den Befehl sogleich, Den man dem ganzen Heer bekannt soll machen, Daß Jeder schleunig hier zur Stell' erscheine Und unter keinem Vorwand ferne bleibe, Denn eine kurze Rede will dem Heer Ich halten.
Cajus Marius.
Gleich soll es geschehn, mein Feldherr.
Scipio.
So eile, denn sie müssen Alle hören, Was ich beschlossen, und wie sie gefehlt.
(Cajus Marius geht ab.)
Jugurtha.
Herr, keinen Krieger gibt's, kann ich Dir sagen, Der nicht zugleich Dich liebt, und fürchtete; Und weil nun Deines hohen Ruhms Gerücht Von Süden bis nach Norden sich erstreckt, So wird ein Jeder wilden Muthes voll, Wann der Trompete Ton zur Schlacht ihn ruft; In Deinem Dienst gedenkt er zu vollbringen, Was selbst die alten Fabeln übertrifft.
Scipio.
Zuerst ist's Noth, das Laster einzuzügeln, Das unter Allen sich verbreitet hat; Denn zwing' ich dieses nicht, so achten sie Für nichts des Ruhmes heiliges Gebot, Und kann ich dieses Uebel nicht zerstören, Greift um sich seine grause Schreckensflamme, So kann das Laster schlimmern Kampf uns bieten, Als der mit unsern Feinden je gewesen.
(Trommelschlag hinter der Scene; man hört folgenden Befehl ausrufen:)
Es ist unsres Feldherrn Wille, Daß bewaffnet alle Krieger Ohne Zögern sich versammeln Auf dem Waffenplatz des Lagers. Keiner soll zurücke bleiben Von der Musterung, bei Strafe, Ausgelöscht aus dem Verzeichniß Röm'scher Krieger gleich zu werden,
Jugurtha.
Ich zweifle nicht, mein Feldherr, daß es gut sey, Ein hart Gebiß den Kriegern anzulegen, Die Zügel jedem Einzelnen zu kürzen, Wenn er dem Unrecht frevelnd sich ergibt. Des Heeres Kraft wird immer dann geschwächt, Wenn es auf feste Ordnung nicht sich stützt, Und wären auch in seinem Kreis enthalten Viel prächtige Geschwader und Paniere.
(Es treten so viele Krieger auf, als möglich, unter ihnen Cajus Marius. – Scipio besteigt einen auf der Bühne befindlichen Felsen und betrachtet die Krieger.)
Scipio.
An Eurer stolzen Haltung, an der Waffen Erhab'nem Schmuck, an krieg'rischer Geberde, Erkenn' ich, Freunde, wohl als Römer Euch, Als starke, muthbelebte Römer, sag' ich; Doch nach der zarten Hände weißer Farbe, Nach der Gesichter blühendem Erglänzen, Scheint in Bretagne's Fluren ihr erzogen, Und von flamänd'schem Stamme nur zu seyn. Die allgemeine Trägheit ist's, Ihr Freunde, Das Nichtbeachten Eurer heil'gen Pflichten, Was die gefall'nen Feinde wieder hebt und Eure Kraft, wie Euern Muth verringert. Die stolzen Mauern jener Stadt, die immer Noch, Felsen gleich, auf festem Grunde stehen, Sind Zeugen Eures schwachen, eiteln Willens, Und daß Ihr nur den Namen Römer führet. Dünkt's Euch, Ihr Freunde, wohl ein rühmlich Thun, Daß vor dem röm'schen Namen Staaten zittern, Und Ihr allein in Spanien nur denselben Vernichtet und zum Abgrund niedersenkt? Welch eine Schwachheit selt'ner Art ist das? Welch eine Schlaffheit? – Doch, wenn ich nicht irre, So ist sie Tochter Eures Müßigganges, Des größten Feindes aller großen Thaten. Die sanfte Venus und der eh'rne Mars, Nie können sie ein dauernd Bündniß knüpfen; Sie fröhnt der Ueppigkeit, er folgt den Pfaden, Die zur Vernichtung und zum Blutbad führen, – Von jetzt an sey uns Cyprus Göttin fern, Und uns'res Heeres Kreis verlass' ihr Sohn, Denn unter Kriegsgezelten ist nicht Wohnung Für den, der Fest' und Tafelfreuden liebt. Glaubt Ihr: des Mauerbrechers Eisenspitze Sey schon genug, die Zinnen umzustürzen, Und bloß der Krieger Menge und der Glanz Der Waffen könnte Schlachten Euch gewinnen? – Wenn Kraft sich nicht und Weisheit eng vereinen, Die Alles ordnen, Alles unterstützen, Dann hilft Euch wenig der Geschwader Menge, Der Vorrath wenig, den Ihr angehäuft. Denn wenn ein Heer – auch noch so klein – sich füget Der strengen Kriegszucht rauher, ernster Stimme, Dann wird es leuchten, wie die helle Sonne, Und kühn den Gipfel hohen Ruhms ersteigen. Doch, wenn es feig der Schlaffheit sich ergibt, (Ob's eine kleine Welt auch in sich fasse,) Dann wird's in einem Augenblick vernichtet Durch wahren Muth, den feste Ordnung zügelt. Erröthet ob der Schmach, Ihr starken Männer, Daß, uns zum Trotz, in kühnem Uebermuthe, Der Spanier kleine, eingeschloss'ne Schaar Noch stets dies Nest Numancia kühn vertheidigt. Schon mehr, als sechzehn Jahre sind verflossen, Seit sie im Krieg mit uns begriffen sind, Und frech sich rühmen, daß schon viele Tausend Von Römern unter ihrer Faust geblutet. Doch, Ihr nur laßt den Sieg aus Eurer Mitte, Ihr selbst, besiegt von weibischem Gelüste; Denn Bacchus Rausch bethört Euch, Venus Hände Entwinden Euch der Waffen würd'ge Last. Erfüll' Euch nun, wenn es noch nicht geschehen, Die Schaam, daß dieses kleine, span'sche Häuflein Noch den bewährten, röm'schen Kriegern trotzt Und, unterdrückt schon, um so mehr beleidigt. Ich will daher, daß aus des Lagers Räumen Die frechen Buhlerinnen sich entfernen, Denn nur aus diesem Samen ist das Uebel Entkeimt, das tausendarmig uns umfängt. Zum Trinken bleib' ein einz'ger Becher nur; Die weichen Pfühle soll man streng vernichten, Auf denen die Hetären sonst sich streckten – Auf harter Erd', auf Reisern soll man ruhn. Kein anderer Geruch soll fürder laben Den Krieger, als Geruch von Pech und Harz; Nicht soll, um leckern Gaumen zu erfreuen, Mit Kunstgeschirr der Kochplatz sich erfüllen: Wer diese Künste sucht im ernsten Kriege, Wird schwer des Panzers rauhe Last ertragen. Nichts will ich von Genüssen oder Freuden, So lang' in jenen Mauern Spanier leben. – Nicht schein' Euch rauh und hart, Ihr tapfern Männer, Das ernste Machtwort, das ich hier gesprochen, Denn daß es nützlich ist, sollt Ihr erkennen, Wenn Ihr erlangt habt Eures Strebens Ziel. Ich weiß es wohl, es wird Euch Mühe kosten, Den alten Brauch in neue Form zu schmiegen, Doch, thut Ihr's nicht, so wird er nie beendet, Der Krieg, der Schmach auf Eure Stirnen drückt. Auf weichem Lager, unter Wein und Spiel Weilt Mars nicht gern, der Vater der Beschwerde, Denn andern Schmuck sucht er, und and're Wege, Und and're Arme schwingen seine Fahnen. Es muß ein Jeder sein Geschick bereiten, Denn Keinen schützet hier das blinde Glück; Die Trägheit mag im Staube sich bewegen, Indeß der kühne Muth sich Reiche gründet. Bei alledem bin ich gewiß versichert, Daß Ihr als Römer noch Euch zeigen werdet, Und darum halt' ich auch für unbedeutend Die Mauer, von Rebellen nur vertheidigt, Und ich versprech' und schwör's bei meiner Rechten, Daß ich freigebig Euch belohnen werde, Daß Euer Lob ich wahrhaft will verkünden, Wenn Euern Muth Ihr kühn und treu bewährt.
(Die Krieger sehen sich unter einander an, und geben dem Cajus Marius Zeichen, für sie Alle zu antworten.)
Cajus Marius.
Wenn aufmerksamen Blicks Du hast betrachtet, Ruhmwürdiger Feldherr, was auf den Gesichtern Der Krieger, die Du hier versammelt siehst, Sich zeigt, als sie der kurzen Rede lauschten, Dann hast Du Manchen wohl erbleichen sehen, Und Manchen auch erglühn – ein sich'res Zeichen, Daß Furcht und Schaam zugleich sie ängstigen, Betrüben und mit Kümmerniß erfüllen; Die Schaam, so tief gesunken sich zu sehen Durch eig'ne Schuld, und für gerechten Tadel, Womit Du sie belegst, auch nicht ein Wort Genügender Entschuldigung zu haben; Die Furcht, weil viele Fehler sie begingen. Die Selbstbeschuld'gung nied'rer Trägheit fesselt So sehr sie, daß sie lieber stürzen möchten Dem Tod entgegen, als dabei verharren. Da ihnen aber Zeit und Raum noch bleibt, Um Besserung und neuen Muth zu zeigen, So ist auch nicht so streng erniedrigend Das Selbstbewußtseyn ihrer eig'nen Schmach. Von heut' an wird mit freiem, frohem Willen Auch der Geringste unter Diesen streben, Ohn' allen Widerspruch in Deinem Dienste Zum Opfer Leben, Gut und Blut zu bringen – So nimm denn an ihr reuiges Erbieten, Den guten Willen nimm, o Feldherr, an; Bedenke, daß es Römer sind, die bitten, Die niemals ganz der alte Muth verließ. Ihr aber, Freunde, hebt die rechten Hände, Zum Zeichen, daß Ihr mein Gelübd' bestätigt.
Viele Krieger.
Das, was Du hast gesagt, bestätigen, Beschwören wir!
Alle Krieger.
Ja, wir beschwören's Alle!
Scipio.
Nun dann. gestützt auf dieses Anerbieten, Wird auch von heut' an mein Vertrauen wachsen, Wächst nur der kühne Muth in Euern Herzen, Und ändert Ihr das weiche, müß'ge Leben. Laßt das Versprechen nicht vom Wind verwehen, Bewährt es mir durch hohe Waffenthaten; Das Meinige soll sich als wahrhaft zeigen, So weit Ihr Euer Wort mir halten mögt,
Ein Krieger.
Zwei Numantiner bitten um Geleit, Vor Dir als Abgesandte zu erscheinen.
Scipio.
Und warum zögern sie? Was hält sie auf?
Der Krieger.
Sie warten auf Erlaubniß von dem Feldherrn,
Scipio.
Die haben sie, wenn sie Gesandte sind,
Der Krieger.
Gesandte sind's.
Scipio.
So führe sie herbei. Denn ob mit wahrer oder falscher Rede Der Feind sich nahe – immer bringt es Nutzen. Nie hat die Falschheit sich so sehr verschleiert Mit dem Gewand der Wahrheit, daß sie nicht Ein kleines Zeichen, eine Lücke ließ, Wodurch man ihre Bosheit kann entdecken. Gar wohlgethan ist's, wenn den Feind man hört, Denn immer nützen wird es, niemals schaden; Im Krieg hat die Erfahrung oft gezeigt, Daß, was ich sagt', ein gründlich Wissen sey.
(Zwei numantinische Abgesandte treten auf.)
Erster Numantiner.
Wenn Du uns, Herr, Erlaubniß willst gewähren, Die Botschaft auszusprechen, die wir bringen, So wollen wir, sey's hier, sey's Dir allein, Warum wir kommen, unumwunden sagen.
Scipio.
Sprecht ungescheut, denn Jeden hör' ich an.
Erster Numantiner.
