Number 10 (1) - C.J. Daugherty - E-Book

Number 10 (1) E-Book

C.J. Daugherty

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Beschreibung

Back to "Night School". Nach einem missglückten Partybesuch muss Gray Langerty, die rebellische 16-jährige Tochter der neuen Premierministerin in Hausarrest. Die unfreiwillige Freizeit nutzt sie, um die Downing Street Number 10 mit all ihren verborgenen Winkeln und Ecken zu erkunden. Eines Nachts stößt sie dabei auf einen alten Tunnel, der direkt ins Parlament führt. Dort belauscht sie ein Gespräch zweier Politiker: Sie planen einen Mordanschlag auf Grays Mutter, um selbst an die Macht zu gelangen. Sofort erzählt Gray ihrer Mutter davon. Doch die glaubt ihr nicht. Gray hat keine andere Wahl als gemeinsam mit ihrem Bodyguard und dem Sohn des politischen Gegners ihrer Mutter selbst den Mord zu vereiteln.

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Seitenzahl: 426

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Über dieses Buch

Wenn dein Leben nicht mehr dir gehört …

Wenn jeder deiner Schritte beobachtet wird …

Wenn du etwas Schreckliches entdeckt hast …

Wenn dir niemand glaubt …

Wenn du scheinbar allein gegen den Feind kämpfst …

 

Willkommen in der Downing Street!

Eins

»Lust auf ’nen Shot?«

Über den Bass, der aus den Lautsprechern dröhnte, verstand Gray Chloes Frage kaum. Es war kurz vor Mitternacht, und im Bijou war die Party in vollem Gange. Um sie herum wirbelten Lichtkegel, verschmolzen miteinander – lila, blau, gelb, grün – und schossen dann genauso schnell wieder auseinander. Sie war so geblendet, dass sie blinzeln musste, um die kleinen, glänzenden Gläser zu erkennen, die Chloe in den Händen hielt. Gray nahm eines und beäugte misstrauisch die klare Flüssigkeit.

»Was ist mit der Bowle?« Sie schrie beinahe, um die Musik zu übertönen.

Vorher hatte es Fruchtbowle gegeben – ein buntes Saftgepansche, so süß, dass einem die Zähne wehtaten und man den Alkohol kaum schmeckte.

»Das ist alles, was ich kriegen konnte.« Chloe lallte leicht.

Mehr musste sie nicht sagen. Sie waren beide minderjährig und deshalb darauf angewiesen, dass ältere Clubgäste ihnen Drinks kauften.

Gray hob den Becher, schnupperte und kräuselte die Nase bei dem scharfen, stechenden Geruch.

»Was ist das?«

»Keine Ahnung. Wodka vielleicht?« Chloe zuckte mit den Schultern. Es schien sie nicht wirklich zu interessieren. »Alle trinken das, scheint also okay zu sein.«

»Trinkt ihr Shots?« Die Bolino-Zwillinge kamen mit Aidan im Schlepptau und grinsten die Mädchen an. »Runter damit. Auf ex!«

Sie feierten Aidans Geburtstag – seinem Vater gehörte das Bijou, und er hatte dafür gesorgt, dass alle reinkamen, egal wie alt sie waren. Es war derzeit einer der angesagtesten Clubs in London, und dies war die Party des Jahres. Die halbe Schule war aufgetaucht, und anscheinend hatten alle ihre Eltern belogen. Auch für Gray hatte die ganze Sache vom ersten Moment an einen unwiderstehlichen Reiz gehabt. Aufregend und verboten. Ein Riesenspaß. Sie und Chloe hatten eine Woche lang überlegt, was sie anziehen würden. Schließlich war die Entscheidung auf hautenge Minikleider gefallen – silbern für Chloe und blau für Gray – und dazu gefährlich hohe High Heels. Zwar konnte Gray kaum laufen, aber dafür sah sie in ihren Augen mindestens aus wie achtzehn, wenn nicht sogar älter.

Weil es ihre Mutter nie im Leben erlaubt hätte, hatte sie den ältesten Trick der Welt angewandt und gesagt, dass sie bei Chloe übernachtete. Währenddessen dachte Chloes Mutter, dass sie bei Aidan zu Hause waren.

Die Lügen machten das Ganze noch aufregender. Seit sie ihre Klassenkameraden ähnlich aufgedreht angetroffen hatten, waren die beiden auf einem Höhenflug. Sie hatten alle zusammen »Happy Birthday« für Aidan gesungen und waren um ihn herumgetanzt, bis sein Gesicht die gleiche rostrote Farbe hatte wie seine Sommersprossen. Aber jetzt wurde es spät. Gray war müde. Und sie spürte langsam Übelkeit aufsteigen. Essen war auf ihrem Plan nicht vorgesehen.

 

Chloe verschwendete daran keinen Gedanken. Sie hielt ihr Glas hoch und schwenkte es hin und her, sodass die Flüssigkeit fast überschwappte.

»Komm schon, Gray«, bettelte sie. »Wir sind hier, um Spaß zu haben.«

»Verdammt richtig«, sagte Tom Bolino und stieß sie an. »Sei doch nicht so eine Spaßbremse.«

»Ich habe Spaß«, beharrte Gray. »Ich will nur kein komisches Zeug trinken und am nächsten Morgen in den Nachrichten wieder aufwachen. Dann sagt jeder: ›Warum hat sie das bloß getrunken? Sie wusste nicht mal, was es war. Jetzt liegt sie im Koma. Wie kann man nur so bescheuert sein?‹«

»Das ist das Bijou.« Chloe tat, als wäre damit eindeutig bewiesen, dass ihnen nichts passieren konnte. »Da drin ist Wodka oder so was. Das ist nicht giftig.« Sie schwenkte ihren Arm mit einer ausladenden Geste durch den Raum, in dem sich schwitzende Tänzer dicht aneinandergedrängt in den grellen Lichtern drehten. »Die werden doch nicht alle ins Koma fallen.«

»Der Club von meinem Vater ist safe«, sagte Aidan leicht gekränkt.

Gray schluckte die Bemerkung hinunter, dass Leuten auch an coolen Orten immer wieder etwas in den Drink gekippt wurde. Sie hätte noch einiges zu sagen gehabt, aber die Musik war einfach zu laut, und außerdem wollte es eh niemand hören. Deshalb beließ sie es bei einem »Seh ich anders«.

Chloe zuckte wieder mit den Schultern.

»Ich schütte das bestimmt nicht weg.« Sie hob ihr Glas und lächelte. »Auf bessere Noten. Und wildere Partys.«

Sie kippte den Shot in einem Zug runter und zuckte bei dem Geschmack zusammen. Dann lachte sie und knallte das Glas auf den klebrigen Tisch neben ihnen.

»Das war cool.«

Sie schloss die Augen und fing an, sich zur Musik zu bewegen, die so laut war, dass Gray den Rhythmus wie ihren Herzschlag spürte. Ihre glänzenden Haare schimmerten im pinken Licht, und sie bewegte sich geschmeidig wie eine Katze.

Auf der anderen Seite der Tanzfläche sah Gray eine Gruppe Männer, die sich anstießen und anzüglich grinsend auf sie zeigten. Sie stand abrupt auf und schirmte ihre Freundin vor den Blicken ab. Chloe interpretierte das falsch und strahlte. Sie sah auf das Getränk, das Gray komplett vergessen hatte.

»Komm schon.« Chloe zeigte auf ihr volles Glas. »Ich bin nicht gestorben, also ist es clean.«

Die Jungs lachten.

»Ja, mach schon, Langtry! Wir sind auch noch am Leben«, stichelte Tom Bolino. »Sei nicht so langweilig.«

Das saß. Das Letzte, was Gray über sich hören wollte, war das Wort »langweilig«. Ihre Mutter war langweilig. Und erst recht ihr Stiefvater. Aber sie war anders.

Gerade als sie das Glas hob, erschien Jake McIntyre in dem künstlichen Nebel, der über der Tanzfläche waberte. Gray erstarrte mit dem Glas an den Lippen.

Missbilligend ließ er den Blick durch den Raum schweifen, in Jeans und dunklem T-Shirt wirkte er so cool und gelangweilt wie immer. Er war zu dünn. Zu blass. Und zu sehr von sich überzeugt.

Als er sie sah, fiel sein Blick kurz auf den Shot und wanderte dann zurück zu ihren Augen. Er hob die linke Augenbraue.

Gray fühlte Wärme in ihrem Gesicht. Ohne zu überlegen, ließ sie hastig das Glas sinken und bereute es sofort.

Er machte das ständig. Sie herablassend beobachten. Er schaffte es immer wieder, dass sie sich wie eine Idiotin vorkam. Egal, sollte er doch denken, was er wollte. Heute Nacht würde sie tun, was sie wollte.

Trotzig drehte sie sich wieder zu Chloe.

»Auf die wilden Partys«, sagte sie und kippte das Getränk runter. Die anderen grölten, als sie das Glas auf den Tisch knallte. Das war kein Wodka. Der Shot hatte einen starken Lakritzgeschmack und brannte in ihrem Magen wie Feuer.

Gray hustete heftig, und ihr schossen die Tränen in die Augen. Bevor sie sich erholt hatte, wechselte die Musik. Chloe kreischte aufgeregt und wirbelte herum.

»Ich liebe diesen Song!«

Sie griff nach Grays Arm und zog sie mit sich auf die Tanzfläche, wo bereits unzählige Körper im Takt der Musik hüpften. Gray hatte keine Wahl, sie musste tanzen. Tyler und Tom gesellten sich dazu, und gemeinsam rockten sie wild ab.

Aus den Augenwinkeln sah Gray, wie Jake sich neben Aidan stellte, der ihm eines der Gläser anbot. Jake schüttelte den Kopf. Aidan zuckte mit den Schultern, stürzte den Shot runter und stieß fröhlich zu ihnen auf die Tanzfläche.

Jake blieb unbewegt stehen und beobachtete sie mit gerunzelter Stirn. Gray war sich seiner Blicke bewusst und tanzte umso ausgelassener. Um sie herum stieg pulveriger Nebel auf. Sie fühlte sich schwerelos und weich. Sie glaubte den Beat wirklich in ihrem Körper zu spüren. Er war ein Teil von ihr. Neben ihr drehte sich Chloe mit hochrotem, schweißnassem Gesicht und sang lautstark mit. Gray hob die Arme und gab sich mit geschlossenen Augen der Musik hin. Sie fühlte sich frei.

Wenige Minuten später ließ die Musik sie im Stich. Ihre Lippen waren trocken, und ihr war schwindelig. Ihr Magen fühlte sich merkwürdig an.

»Was ist los?«, schrie Chloe. »Du siehst komisch aus.«

»Mir geht’s nicht so gut«, gab Gray zurück und wünschte, sie hätte den Mund gehalten. Sprechen machte alles nur noch schlimmer.

»Lass uns an die frische Luft gehen.« Chloe nahm ihre Hand und führte sie an der Bar vorbei. Haarsträhnen klebten Gray unangenehm im Gesicht, als sie sich ihren Weg durch die Menge in Richtung Ausgang bahnten. Ihr Magen rebellierte bei jedem Schritt.

Chloe sah unerträglich fit aus. Ihr schien kein bisschen übel zu sein, nur besorgt wirkte sie. Im Flur war es ruhiger und wesentlich kühler. Gray wischte sich den Schweiß von der Stirn und versuchte, mit tiefen Atemzügen ihren Magen zu beruhigen. In ihrem Mund herrschte Dürre.

»Ich hab Durst«, murmelte sie.

Sie bekam kaum mit, dass Chloe weg war, als sie schon mit einem Bier wieder auftauchte und es Gray in die Hand drückte.

»Trink das. Dann geht’s dir besser.«

Keine gute Idee. »Ich brauche Wasser«, sagte Gray.

»Der Typ an der Bar wollte mir keins geben. Die haben das nur in Flaschen, und er meinte, er kann mir nichts verkaufen, weil ich minderjährig bin. Das hier hat mir Tyler gegeben. Er hat gesagt, das hilft.«

Alkohol war das Letzte, was Gray jetzt wollte. Aber immerhin war das Bier schön kühl auf ihrer erhitzten Haut. Sie drückte die Flasche an ihre Wangen.

»Gray.« Jakes nördlicher Akzent war unverkennbar.

Sie fuhr herum und entdeckte ihn wenige Schritte entfernt, sein Gesichtsausdruck hätte nicht missbilligender sein können.

»Was willst du?«, fragte sie.

Er senkte den Blick zu der Flasche in ihrer Hand und ließ ihn dann wieder zu ihrem Gesicht wandern.

»Vielleicht solltest du damit mal einen Gang runterschalten. Du siehst nicht sonderlich gut aus.«

Das kam einer Beleidigung auf mehreren Ebenen gleich. Doch bevor Gray zu einer vernichtenden Antwort ansetzen konnte, trat Chloe kampfbereit zwischen sie.

»Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß, Jake«, fauchte sie. »Immer ärgerst du Gray mit deinen fiesen Blicken. Weiß ja wohl jeder, dass du neidisch auf sie bist. Das ist so lächerlich.«

Sogar auf High Heels war sie neben ihm so winzig, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, um ihm ins Gesicht zu gucken. Wie ein wütender kleiner Schmetterling. Kühl und gleichgültig sah er auf sie runter, was Gray sauer machte.

»Ich will ja nur helfen.«

Angestachelt vom Alkohol und wild entschlossen, Gray zu beschützen, wich Chloe keinen Zentimeter zurück.

»Sie braucht deine Hilfe nicht. Nur weil dein Dad die Wahl verloren hat, hackst du immer auf ihr herum. Krieg dich endlich ein. Das ist Monate her, und Gray kann nichts dafür.«

Jake presste die Lippen zusammen und wandte sich an Gray.

»Hör zu«, sagte er fest. »Ich will dir keine reinwürgen oder so was. Aber glaub mir, hier willst du nicht besoffen erwischt werden. Zu viele Leute. Zu viele Zeugen.«

An einem anderen Tag hätte sie seine Warnung vielleicht besser aufgenommen. Aber jetzt machte seine arrogante Art sie unendlich wütend.

Sie ignorierte ihre Übelkeit und sah ihn hochnäsig an. »Meine Angelegenheiten scheinen dich ja brennend zu interessieren. Vielen Dank auch, aber ich kann sehr gut allein entscheiden, wie viel ich trinke.«

Für einen Moment blickte er ihr in die Augen und sah aus, als wollte er mit ihr diskutieren. Aber dann schüttelte er nur den Kopf und ging weg.

Gray presste eine Hand auf ihren aufgewühlten Magen und sah zu, wie er seine Jacke an der Garderobe holte und durch die Glastür verschwand, nachdem er ihr einen letzten Blick zugeworfen hatte.

Als er die Tür öffnete, wehte von draußen kühle Herbstluft herein. Auf Grays erhitzter Haut fühlte sie sich himmlisch an. Kaum fiel die Tür zu, war es wieder feuchtwarm und stickig.

Gray drehte sich der Magen um. Sie presste sich die Finger auf den Mund.

»Arroganter Typ.« Chloe schäumte immer noch, aber als sie Grays Gesicht sah, verschwand ihr Ärger. »Gray. Ist es schlimmer geworden?«

Gray nickte stumm. »Muss nach Hause«, brachte sie mühsam hervor. »Mir ist schlecht.«

Sie wagte nicht mehr zu sagen, und Chloe schien den Ernst der Lage zu begreifen, denn sie antwortete auf der Stelle: »Ich hol unsere Jacken.«

Während Chloe zur Garderobe rannte und das kleine weiße Ticket abgab, lehnte Gray bleich an der Wand. Kurz darauf kam Chloe eilig mit den Jacken zurück. Aber Gray hatte keine Zeit, darauf zu warten. Sie brauchte frische Luft. Auf der Stelle.

Als sie hinausstürzte und mit ihren geliehenen High Heels über den Asphalt schlitterte, trat der Türsteher mit einem argwöhnischen Blick zur Seite. Unter dem schwarz-weißen Vordach mit dem pink leuchtenden Neon-Schriftzug »BIJOU« blieb sie eine Sekunde lang stehen und spürte die kalte Oktoberluft wie Eiskristalle auf ihrer feuchten Haut. Dann übergab sie sich zwei Schritte weiter in den Topf einer riesigen Palme.

»Gray!« Chloe raste zu ihr.

»Hey, Moment mal, die kann hier nicht kotzen«, protestierte der Türsteher.

Chloe hielt Gray die Haare und funkelte ihn über die Schulter wütend an. »Lass sie in Ruhe.«

Während die beiden hinter Grays Rücken diskutierten, legte sich ihre Übelkeit langsam. Sie richtete sich auf und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab.

Plötzlich ging alles sehr schnell.

»Heilige Scheiße, ist das etwa Gray Langtry?«, rief eine Männerstimme ganz in ihrer Nähe.

»Ja, das ist sie!«, schrie ein anderer.

Blitzlicht erhellte die dunkle Straße. Von allen Seiten ertönte das Klicken von Kameras, wie Waffen, die auf sie abgefeuert wurden. Chloe keuchte und stolperte zurück, als Stimmen auf sie einhagelten.

»Wie fühlst du dich, Gray?«, fragte eine männliche Stimme mit Essex-Akzent höhnisch. »Bisschen müde und durcheinander?«

»Wer ist deine sexy Freundin? Wie heißt du, Süße?«

»Bisschen zu viel getrunken, Schätzchen?«

Klick. Klick. Klick.

Geblendet vom Blitzlichtgewitter, konnte Gray die Männer nicht erkennen, aber sie wusste sofort, wer sie waren. Was sie waren.

Panik stieg in ihr auf.

»Weiß deine Mutter, dass du Alkohol trinkst?« Das war wieder die erste Stimme. Die anderen lachten.

»Du bist noch nicht volljährig, junge Dame«, sagte einer von ihnen. »Ich sollte dich übers Knie legen.«

Unentwegt ratterten die Blitzlichter.

»Gray.« Chloes Stimme klang seltsam hoch und schrill. Sie umklammerte Grays Finger. »Was machen wir denn jetzt?«

Gray sah sich verzweifelt nach einem Fluchtweg um. Hinter ihnen blockierte der schwarz gekleidete Türsteher mit verschränkten Armen unbarmherzig den Eingang. Der Weg zurück zu ihren Freunden war versperrt.

Hinter den Paparazzi rauschte der nächtliche Verkehr der Londoner Park Lane. Gray guckte Chloe an.

»Lauf«, sagte sie.

Zwei

Die Hände fest ineinander verschränkt, rannten die beiden Mädchen durch die dunklen Straßen Londons.

Gray war immer noch geblendet vom Blitzlicht – durch die hellen Punkte, die vor ihren Augen schwammen, sah sie nur undeutlich vier kräftige Männer mit Kameras. Schulter an Schulter bauten sie sich vor ihnen auf dem Gehweg auf, wie eine menschliche Straßensperre. Dabei lachten sie und schossen Fotos wie aus Maschinengewehren.

In vollem Lauf stieß sie sich mit den Ellbogen durch die Fotografen hindurch und zerrte Chloe mit sich. Es kam ihr so vor, als würde sie einen Felsbrocken rammen. Die Männer hörten nicht auf zu lachen, aber sie ließen die Mädchen vorbei.

Die Hände schützend vorm Gesicht, rasten sie die Straße entlang. Gray konnte die schweren Schritte ihrer Verfolger dicht hinter ihnen hören, die Kameras blitzten wie detonierende kleine Bomben.

»Stell dich nicht so an, Gray! Schenk uns ein Lächeln!«, rief einer.

Keine von ihnen lächelte. Sogar auf High Heels waren sie schneller als die übergewichtigen, schon etwas ältlichen Fotografen, und bald wurden ihre Rufe leiser.

Lachend und aus der Puste fielen die Männer zurück.

»Macht nichts«, sagte einer von ihnen gehässig. »Wir haben, was wir brauchen.«

Schließlich wurden ihre Stimmen vom Lärm der Stadt verschluckt.

Gray rannte weiter, die Park Lane entlang, vorbei an schicken Läden und Restaurants, bis Chloe über einen Pflasterstein stolperte und auf die Knie schlug. Ihre Hand, die Gray umklammert hatte, wurde fortgerissen.

»Chloe!« Erschrocken und völlig außer Atem wirbelte Gray herum. »Bist du okay?«

Chloe antwortete nicht. Sie kauerte zwischen ihren Jacken auf dem Boden.

Gray kniete sich neben sie. »Hast du dir wehgetan?«

»Alles okay.«

Chloe blickte auf. Ihr Kajal war von Tränen verschmiert, und ihre Wangen waren hochrot vom Alkohol und der Anstrengung.

Gray vermutete, dass sie selbst nicht besser aussah. Der Schweiß rann ihr den Rücken runter und ließ sie in der frischen Nachtluft frösteln. Es war kalt. Sie trug nur ein kurzes Kleid und fing an zu zittern.

Chloe streckte ihr die Hand entgegen. »Hilf mir mal hoch.«

Gray zog sie so schwungvoll auf die Füße, dass sie gegeneinanderstießen.

Ein elegant gekleidetes Pärchen starrte sie im Vorbeigehen mit unverhohlener Missbilligung an. Gray drehte hastig ihr Gesicht weg. Sie fühlte sich verletzlich und schutzlos.

Damit hätte sie rechnen müssen. Das Bijou – beliebt bei jungen Royals und Fernsehstars – war oft in der Boulevardpresse.

Abgesehen davon war es nicht das erste Mal, dass sie von Paparazzi verfolgt wurde. Die Wochen nach der Wahl waren schlimm gewesen. Damals waren plötzlich überall Fotografen aufgetaucht – vor ihrer Schule und auch in dem Café, in das die Schüler oft nach dem Unterricht gingen.

Nachdem eine Boulevardzeitung ein Foto von ihr unter dem Titel »Premierminister-Teenie rockt mit Ultraminirock« veröffentlicht hatte, hatte ihre Mutter Anzeige erstattet. Es folgten angespannte Meetings mit den Verlegern der Blätter, und eine Zeit lang schien es, als hielten sie sich zurück. Sie hatte geglaubt, das Schlimmste sei überstanden, und war unvorsichtig geworden.

Sie hatte ihre Mutter hängen lassen.

Grays Alkoholrausch war jetzt komplett verflogen. Ihr Kopf war klar, sie spürte eine bleierne Müdigkeit und fror.

»Wir müssen weiter«, sagte sie. »Vielleicht sind sie noch hinter uns her.«

»Wir können in diesen Schuhen keinen Schritt weiterlaufen«, protestierte Chloe mit klappernden Zähnen und zog sich ihre Jacke eng um die Schultern. »Wir brauchen ein Taxi oder so was.«

Alle Taxen waren belegt. Es war Donnerstagabend, und jetzt um Mitternacht leerten sich die Londoner Pubs. Während sie vergeblich versuchten, ein Taxi anzuhalten, wurde Gray immer nervöser. Sie konnte nicht länger auf der Straße herumstehen und nur ein paar Häuserblocks vom Bijou entfernt auf die Paparazzi warten.

Eine Straßenecke weiter kam an einer Haltestelle ein roter Doppeldeckerbus quietschend zum Stehen. Sein hell erleuchtetes Inneres strahlte Sicherheit und Wärme aus.

Kurz entschlossen zeigte Gray auf den Bus.

»Los, den nehmen wir«, sagte sie. »Dann sehen wir weiter.«

 

Zum Glück war der Bus nicht voll. Vorn war ein junges Pärchen in ein leises Gespräch vertieft. Die Sprache verstand sie nicht. Einige Reihen weiter hinten saß ein älterer Mann und starrte aus dem Fenster.

Chloe scannte ihr Busticket. Gray hatte keins und blieb ihr dicht auf den Fersen, in der Hoffnung, dass niemand sie bemerkte.

In der Nähe der Tür stand eine Gruppe Männer, die die Mädchen musterten. Ein paar hatten Bierdosen in der Hand.

»Na, ihr Hübschen?«, sagte einer von ihnen, und die anderen kicherten.

Mit gesenktem Kopf hielt Gray Chloes Arm umklammert, bis sie weiter hinten eine freie Bank fanden.

Erst als der Bus schwankend wieder anfuhr, hatte sie das Gefühl, wieder richtig Luft zu bekommen. Sie drehte sich um und sah zu dem Club zurück. Keine Fotografen zu sehen.

»Wohin fahren wir?«, fragte Chloe und blickte stirnrunzelnd aus dem Fenster, als der Bus in eine unbekannte Straße einbog.

»Keine Ahnung«, sagte Gray und schluckte. »Ich glaub, ich ruf mal lieber meine Mutter an.«

Chloes Augen weiteten sich. »Echt jetzt? Sie denkt doch, dass du bei mir übernachtest.«

»Wenn sie morgen die Zeitung aufschlägt, wird sie sowieso alles erfahren.« Gray riskierte einen Blick nach vorn zu den Männern, die sie immer noch anstarrten. »Außerdem ist es hier nicht sicher.«

Chloe folgte ihrem Blick und stimmte ihr zu. »Ja, ruf sie lieber an. Vielleicht erkennen die Typen dich.«

Wenigstens ihre Tasche hatte sie den ganzen Abend über bei sich behalten. Sie hing immer noch an einer schmalen Goldkette von ihrer Schulter. Viel war nicht drin – sie brauchte nie einen Haustürschlüssel. Nur ein Lippenstift, Puder, ein Zehn-Pfund-Schein und ihr Smartphone.

Ihre Finger waren immer noch starr vor Kälte, und sie fummelte mühsam an ihrem Handy herum, um die Privatnummer ihrer Mutter einzugeben, die sonst niemand kannte.

Ihre Mutter hob nach dem zweiten Klingelton ab.

»Gray? Was ist los?«

Beim Klang ihrer Stimme begann Grays Tapferkeit zu bröckeln. Tränen brannten in ihren Augen.

»Ich brauche deine Hilfe.« Ihre Stimme zitterte. »Chloe und ich waren auf einer Party im Club von Aidans Vater, und dann sind da diese Paparazzi aufgetaucht. Sie haben uns die Straße runtergejagt. Es war megagruselig.«

Zum Glück erkannte ihre Mutter die Situation schnell und konzentrierte sich auf das Wesentliche.

»Sind sie jetzt noch hinter euch her?«, fragte sie scharf. »Wo seid ihr?«

»Ich bin mit Chloe unterwegs … irgendwo. Wir sind in den nächstbesten Bus gestiegen.« Ihre Stimme brach ab. »Ich will einfach nur nach Hause«, flüsterte sie.

»Mach dir keine Sorgen. Ich hol dich da raus.«

Sie sprach knapp und klar. Gray erkannte ihren »Dinge regeln«-Tonfall. Normalerweise nervte der sie tierisch. Aber jetzt beruhigte er sie.

Quer durch den Bus hörte sie einen der Männer sagen: »Oh, guckt mal. Die Kleine weint. Vielleicht sollte ich mal hingehen und sie ein bisschen knuddeln.«

Die waren mindestens dreißig. Warum mussten Männer nur so widerlich sein?

Die Stimme ihrer Mutter holte sie zurück. »Gray, ich muss auf der anderen Leitung die Sicherheitsleute anrufen, aber ich bleibe dran. Ich bin weiterhin bei dir, okay? Leg nicht auf.«

»Okay.«

Chloe sah Gray fragend an.

»Sie holt Hilfe.« Gray zeigte aus dem Fenster. »Versuch mal rauszufinden, wo wir sind.«

Gehorsam lehnte Chloe sich hinüber und presste ihr Gesicht an die Scheibe.

Keine Minute später war ihre Mutter wieder in der Leitung.

»Ich stelle dir jemanden vom Sicherheitsteam durch, Gray. Er wird dir ein paar Fragen stellen. Aber ich leg nicht auf. Ich bin die ganze Zeit da.«

Es knackte, dann ertönte eine tiefe Männerstimme.

»Gray? Raj Patel hier. Ich bin für die Sicherheit deiner Mutter zuständig. Zunächst mal, bist du jetzt gerade in Sicherheit?«

Er hatte den gleichen nördlichen Akzent wie Jake, und obwohl seine Worte eindringlich klangen, hatte seine Stimme etwas Beruhigendes. Gray spürte, wie ihre Angst ein kleines bisschen nachließ.

»Alles in Ordnung. Wir sitzen im Bus.«

»Welcher Bus? Konntest du die Linie erkennen?«

Gray hatte sich beim Einsteigen die Nummer gemerkt. »704.«

»Gut«, sagte er. »Weißt du, wo der Bus gerade langfährt?«

Gray stupste Chloe an. »Wo sind wir?«

Chloe löste sich vom Fenster. »Culross Street.«

Gray gab es Raj durch.

»Sehr gut.« Seine Zustimmung machte ihr Mut. »Hör zu, ihr bewegt euch nicht von der Stelle. Versucht, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Aber vor allem, und das ist sehr wichtig – steigt unter keinen Umständen mit irgendjemandem aus, bis ihr eine Dienstmarke seht und meinen Namen hört. Ist das klar?«

Er meinte es ernst, das war klar. Das hier war kein Spaß. Gray spürte die Angst wieder wie einen Klumpen auf ihrer Brust. Seit ihre Mutter ihr Amt angetreten hatte, war so etwas nicht vorgekommen. Noch nie musste sie gerettet werden. Sie wusste natürlich, dass es passieren konnte, aber in letzter Zeit hatte sie die Gefahr verdrängt.

»Vollkommen klar«, versicherte sie.

»Wie viel Akku hast du noch?«

Gray guckte auf ihr Display. »Zwanzig Prozent.«

»Das müssen wir sparen, für den Fall, dass etwas schiefläuft«, entschied er. »Wenn ich aus der Leitung gehe, sage ich deiner Mutter, dass sie auflegen soll. Aber ich will, dass du dein Handy eingeschaltet lässt.«

Er gab ihr noch einige Anweisungen und legte auf.

Als er weg war, presste Gray das Handy ans Ohr. Sie konnte ihre Mutter atmen hören.

»Mum«, sagte sie weich. »Es tut mir leid.«

»Mach dir darüber jetzt keine Gedanken«, erwiderte ihre Mutter. »Hör zu, ich fürchte, ich muss auflegen. Raj will, dass du Akku sparst. Aber ruf mich sofort an, wenn du mich brauchst. Akku hin oder her.«

»Okay.« Gray klang kleinlaut.

»Und bitte, Gray«, bat ihre Mutter. »Passt auf euch auf!«

Nachdem sie aufgelegt hatte, hielt Gray den Kopf gesenkt und mied die Blicke der anderen. Sie und Chloe unterhielten sich leise und sahen aus dem Fenster, da ließ sich plötzlich ein Mann in den Sitz gegenüber fallen und grinste sie anzüglich an. Sie erkannte ihn an dem dichten braunen Haar und dem hellblauen Poloshirt: Es war der Typ, der gesagt hatte, er würde sie »knuddeln«.

»Ich dachte, wir sollten uns kennenlernen.« Er lehnte sich vor und musterte Chloe unverhohlen von oben bis unten. »Wo wir doch dabei sind, Freunde zu werden.«

Weiter vorn brachen seine Freunde in schallendes Gelächter aus und feuerten ihn johlend an.

»Sie können nicht widerstehen«, höhnte einer von ihnen und stieß seinen Kumpel an.

Gray starrte auf ihre Knie. Chloe übernahm das Wort und beugte sich vor. »Hör zu, kannst du uns nicht einfach in Ruhe lassen? Wir sind nur auf dem Heimweg.«

Sein Mund verzog sich zu einem hässlichen Grinsen.

»Was stellst du dich so an? Ich will nur nett sein. Ist das etwa verboten? Sei mal ein bisschen freundlicher!«

Gray verbarg ihr Gesicht hinter einer Hand. Was sollten sie tun? Wenn er sie erkannte, würde alles nur noch schlimmer werden. Durch ihre Bewegung machte sie ihn auf sich aufmerksam.

»Warte mal«, sagte er und stierte ihr ins Gesicht. »Kenn ich dich nicht von irgendwoher?«

»Nein, tust du nicht«, antwortete Chloe mit eisiger Stimme. »Abgesehen davon sind wir gerade mal sechzehn. Wie alt bist du eigentlich?«

Für einen Moment war er perplex. Aber er erholte sich schnell.

»Sechzehn ist alt genug«, sagte er. »Das ist legal.«

»Alter, bist du eklig.« Chloe schnappte sich Grays Smartphone und hielt es ihm unter die Nase. »Aber egal, wir haben eh gerade die Polizei gerufen.«

»Aha, solche Spielchen spielt ihr also?« Seine Lippen kräuselten sich. »Ihr denkt wohl, ihr seid so hübsch, dass ihr euch alles erlauben könnt? Tja, da hab ich schlechte Nachrichten für euch. Die Bullen stoppen keine Busse, nur weil zwei hübsche kleine Mädchen sich in die Hosen machen.« Sein Gesicht war rot angelaufen.

Gray blickte sich Hilfe suchend um, aber fast alle anderen Fahrgäste hatten sich abgewandt und ignorierten das Drama. Nur seine Freunde kommentierten alles mit ihrem widerlichen Gelächter.

Der Mann stieß Gray mit dem Finger an. »Ich weiß, dass du wer bist. Irgendwo hab ich dich schon mal gesehen. Bist du ein Model oder so was? Eine Sängerin? Denkst wohl, du bist so heiß, dass du es nicht nötig hast, mit den Leuten zu reden?«

Unter den Jacken umklammerte Chloe Grays Hand so fest, dass es wehtat. Gray fing wieder an zu zittern – diesmal nicht vor Kälte.

»Das bildest du dir ein«, sagte sie und wünschte, es wäre die Wahrheit. »Ich bin niemand Besonderes.«

»Bitte, bitte lass uns allein«, flehte Chloe, ihre Hand immer noch fest um Grays. »Wir wollen einfach nur nach Hause.«

»Wir wollen einfach nur nach Hause«, äffte er sie mit gekünstelt hoher Stimme nach. »Vielleicht solltet ihr eure Nasen lieber nicht so hoch tragen. Merkt ihr eigentlich, wie eingebildet ihr seid?«

Kaum hatte er das gesagt, da hörten sie schrilles Sirenengeheul. Der Fahrer bremste so abrupt, dass der Bus ins Schlingern geriet.

»Was zur Hölle …?« Der Mann drehte sich um und versuchte zu erkennen, was draußen passierte.

Überall war Blaulicht. Die anderen Fahrgäste murmelten beunruhigt und reckten ihre Hälse. Aus dem Fenster sah Gray, wie ein Polizist auf einem Motorrad neben dem Fahrer hielt und ihn energisch an die Seite winkte. Der Fahrer gehorchte und fuhr langsam an den Straßenrand.

Neben sich hörte Gray Chloe wispern: »Bitte, bitte, bitte …«

Als der Bus zum Stehen kam, verstummten alle. Sogar der Typ, der sie belästigt hatte, starrte mit offenem Mund nach vorn. Der Fahrer öffnete die Vordertür.

Ein Mann und eine Frau in dunklen Anzügen stiegen ein.

»Sorry, dass wir Ihre Fahrt kurz unterbrechen müssen«, verkündete die Frau unerwartet fröhlich. Sie trug ihr blondes Haar zu einem festen Pferdeschwanz gebunden und bewegte sich leichtfüßig und athletisch. »Dauert nicht lange.«

Während sie redete, musterte ihr Kollege die Fahrgäste. Er sagte etwas zu ihr und zeigte nach hinten, wo Gray und Chloe sich ängstlich aneinanderdrängten.

Beide gingen auf sie zu. Die Frau war zuerst da.

»Gray, Chloe?«

Sie nickten heftig.

Ihr Blick fiel auf den Typen, der sie fassungslos anstarrte. »Belästigt der euch?«

Beide nickten noch heftiger.

Die Frau drehte sich um und hielt ihm ein kleines schwarzes Lederetui unter die Nase, das sie aufklappte – darin schimmerte eine silberne Dienstmarke im Neonlicht.

»Zieh Leine«, sagte sie. »Oder wir buchten dich ein. Deine Entscheidung.«

Er sprang hastig auf und stolperte den Gang hinunter zu seinen Freunden, die mit einem Mal nicht mehr lachten.

Die Frau wandte sich wieder an Gray.

Sie hatte dunkle blaue Augen und einen Gesichtsausdruck, der deutlich zeigte, dass man sich besser nicht mit ihr anlegte.

»Ich heiße Julia.« Dann zeigte sie auf ihren Begleiter. »Das ist Ryan. Raj Patel hat uns geschickt, um euch nach Hause zu bringen.«

Drei

Julia und Ryan schoben die Mädchen hinaus. Julia übernahm die Führung, Gray und Chloe waren dicht hinter ihr, und Ryan folgte mit ein paar Schritten Abstand. Die anderen Fahrgäste verfolgten das Schauspiel flüsternd. Gray hielt den Kopf gesenkt.

Draußen hatten die Motorräder der Polizei den Bus mit leuchtenden Blaulichtern umzingelt. Gray kam die Oktobernacht jetzt noch kälter vor als bei ihrer Flucht vor den Paparazzi, und sie fing wieder an zu zittern.

Ryan wies auf eine dunkle, viertürige Regierungslimousine. »Rein mit euch.«

Das ließen sich Gray und Chloe nicht zweimal sagen. Sie kletterten auf den Rücksitz und sanken dankbar in die wohlige Wärme des Autos. Gray lehnte sich zurück und seufzte erleichtert.

Julia setzte sich auf den Fahrersitz und startete den Motor. Neben ihr griff Ryan nach dem Sprechfunkgerät. »Einheit C5«, sagte er. »Firefly ist in Sicherheit.«

»Verstanden, C5«, war die Antwort.

Sobald sie sich in den Verkehr eingefädelt hatten, fuhren die Motorräder davon. Ihre Blaulichter verschwanden flackernd eins nach dem anderen.

Julia sah Gray im Rückspiegel an. »Wir setzen Chloe zuerst ab. Dann fahren wir dich nach Hause.«

Als Julia sich wieder auf die Straße konzentrierte, beugte Chloe sich zu Gray rüber und flüsterte: »Meinst du, deine Mutter rastet komplett aus?«

Gray machte sich keine Illusionen. »Ich hab das Gefühl, das war meine letzte Party in diesem Jahr.« Mehr gab es nicht zu sagen. Ihr Kopf hatte zu pochen begonnen, und ihr trockener Mund schmeckte säuerlich. Sie starrte stumm aus dem Fenster. Sogar um diese Uhrzeit waren überall noch Leute unterwegs. Zu Fuß und im Auto, sie überquerten die Straße und stiegen aus Bussen. Schwer vorstellbar, dass sie irgendwann auch einfach so den Fußweg hatte entlangspazieren können, ohne erkannt zu werden. Oder gejagt. Oder fotografiert. Oder verhöhnt. Ihr anonymes Leben schien hundert Jahre her zu sein. Dabei waren es nur acht Monate.

Als sie an jenem Donnerstagmorgen aufgestanden war, war sie noch das Kind einer britischen Politikerin gewesen – eine von Tausenden im Land. Um 23 Uhr war sie die einzige Tochter der Premierministerin. Das war der Anfang vom Ende. Keine Cafés. Keine Partys. Keine Normalität.

Seitdem verbrachte sie ihr Leben auf dem Rücksitz eines viertürigen Wagens mit abgedunkelten Scheiben, umgeben von Bodyguards in Anzügen, die zu sehr damit beschäftigt waren, für ihre Sicherheit zu sorgen, um mit ihr zu reden. Alles, was sie machen wollte, war ein Problem. Freunde treffen. Shoppen. Selbst zu einem Coffeeshop zu laufen, war ein Riesenproblem.

Auf Aidans Party? Das ist leider unmöglich, danke der Nachfrage. Viel zu schwer abzusichern. Viel zu viele Menschen.

Deshalb log sie und schlich sich immer wieder davon – alles, um sich wieder ein bisschen normal zu fühlen. Aber damit war es jetzt wohl vorbei.

Sie bogen in Chloes Straße ein, und Ryan stieg aus, um ihr die Tür aufzuhalten. Chloe löste mit einem Klick ihren Anschnallgurt und sah zu Gray herüber. »Ich ruf dich morgen an.« Dann fügte sie noch leise hinzu: »Ich hoffe, deine Mum bringt dich nicht um.«

Den Rest der Fahrt saß Gray allein auf dem Rücksitz und starrte geradeaus, während sie überlegte, wie sie das alles ihrer Mutter erklären sollte. Bald tauchte vor ihnen das hohe, mit Eisenspitzen versehene Tor auf, das zur Downing Street führte. Der wachhabende Polizist in schwarzer, wetterfester Uniform war schwer bewaffnet.

Julia ließ das Fenster runter und zeigte einem Wachmann mit Maschinengewehr quer vor der Brust ihre Dienstmarke. Er blickte auf den Rücksitz und musterte Gray ausdruckslos.

Mit einem knappen Nicken trat er zurück und gab dem Wächterhäuschen einen Wink. Das Tor glitt schwankend auf. Als sie auf die stille, dunkle Straße dahinter einbogen, drückte Ryan einen Knopf an seinem Funkgerät.

»Einheit C5 an der Basis«, sagte er. »Übergabe Firefly erfolgreich.«

»Verstanden«, sagte die Stimme im Funk. »Gute Arbeit, ihr beiden.«

Nachts wirkte die Downing Street wie jede andere vornehme Londoner Straße. Auf der einen Seite reihten sich Stadthäuser im georgianischen Stil, davor altmodische gusseiserne Straßenlaternen. Alles sah ganz normal aus.

Doch dies war definitiv keine normale Straße.

Es war die Straße mit den höchsten Sicherheitsvorkehrungen im ganzen Land. Kameras und Sicherheitsleute überwachten jeden Winkel. Die scheinbar gewöhnlichen Eingangstüren waren nur Teil einer Fassade. Dahinter verbargen sich große Bürogebäude, in denen Hunderte hochrangige Regierungsbeamte arbeiteten. Hier war nichts so, wie es auf den ersten Blick schien.

Julia hielt den Wagen an und stellte den Motor aus. Rasch stieg Ryan aus und öffnete Gray die Tür. Julia klickte ihren Gurt auf und drehte sich zu ihr um. »Home sweet home«, sagte sie. Gray hatte absolut keine Lust, nach Hause zu kommen.

»Danke, dass ihr mich da rausgeholt habt«, sagte sie. »Das war echt gruselig, auch wenn es vielleicht nicht so aussah.«

»Kann ich mir vorstellen«, antwortete Julia. »Haben wir gern gemacht.«

Als sie aus dem Auto stieg, merkte Gray, wie erschöpft sie war – die Nacht hatte sie komplett ausgelaugt. Doch es war noch nicht vorbei. Zu Hause wartete ihre Mutter auf sie.

Sie schlurfte auf die schwarz glänzende Haustür zu, an der eine silberne, stets polierte Nummer 10 prangte. Gray hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass es keine Türklinke gab. Keine Chance, reinzukommen, wenn die Bewohner es nicht wollten.

Die Tür schwang auf, bevor sie auch nur daran gedacht hatte zu klopfen.

Ein Wachmann mit Sicherheitsweste und weißem Shirt ließ sie in einen Raum dahinter, der auf den ersten Blick aussah wie ein ganz normales Wohnzimmer. Nur dass es eine kleine Kabine gab, in der zwei weitere Wachleute vor unzähligen Monitoren saßen.

Ihre unbeteiligten Gesichter verrieten keinerlei Gefühlsregung, als Gray erschöpft und sichtlich mitgenommen an ihnen vorbeistolperte. Sie sehnte sich nach ihrem Bett.

»Guten Abend, Miss«, sagte einer von ihnen.

»’n Abend«, antwortete sie mechanisch.

Das Erdgeschoss war rund um die Uhr hell erleuchtet, deshalb musste sie keine Schalter suchen, als sie den schwarz-weiß gefliesten Korridor entlanglief, vorbei an einer alten Standuhr und einem wuchtigen Schrank aus Walnussholz mit vielen kleinen Fächern. Tagsüber wurden darin die Handys aller Besucher aufbewahrt. Jetzt waren sie so gut wie leer.

Sie folgte dem Flur nach links, lief achtlos an einer großen, geschwungenen Wendeltreppe vorbei und gelangte schließlich zu einer kleineren Treppe.

Während sie nach oben ging, heftete sie den Blick auf ihre Füße. Die weißen High Heels, die sie sich von Chloe geliehen hatte, waren nach der Nacht schmutzig und ziemlich ramponiert. Alles, was sie anhatte, kam ihr irgendwie befleckt vor. Kaum zu glauben, dass sie in diesem Kleid noch vor ein paar Stunden so glücklich gewesen war.

Oben angekommen, lief sie einen dunkleren Flur entlang, in dem nur ein paar schwache Wandleuchten glühten und ihr Schatten im gedämpften Licht tanzte. Sie erreichte die erste Tür und öffnete sie.

Ihre Mutter, die anscheinend in der Wohnung auf und ab getigert war, kam auf sie zugerannt.

»Gott sei Dank.« Sie drückte Gray fest an sich. »Du hast mir einen solchen Schreck eingejagt!«

Trotz ihres kurzen Telefonats hatte Gray mit einer solchen Begrüßung nicht gerechnet. In letzter Zeit hatten sie sich nicht sonderlich nahegestanden – sie hätte wetten können, dass diese Aktion heute Nacht ernste Konsequenzen haben würde. Jetzt war sie dankbar für die Wärme ihrer Mutter. Sie umarmte sie und war für einen Moment einfach nur eine ganz normale Tochter.

»Es tut mir so leid, Mum«, flüsterte sie.

»Ich weiß.« Ihre Mutter nahm ihre Hände und trat einen Schritt zurück. Sie blickte ihr forschend ins Gesicht. »Raj hat mir schon gesagt, dass es dir gut geht, aber ich musste es sehen.«

»Mum, ich hab nicht damit gerechnet, dass da Paparazzi auftauchen. Keine Ahnung, wie die drauf gekommen sind, dass ich auf dieser Party bin …«

»Die haben ihre Wege, das herauszufinden.« Grays Stiefvater Richard kam mit einem Becher in der Hand aus der Küche. »Wahrscheinlich haben sie die Leute an der Bar geschmiert – oder einen von deinen Klassenkameraden.«

Gray versteifte sich.

War ja klar, dass er auch noch wach war. Immer wenn ihre Mutter eine Minute Zeit hatte, war er an ihrer Seite. Immer drängte er sich zwischen sie.

Er gab ihrer Mutter den dampfenden Becher und musterte Gray mit seinen eisblauen Augen. »Du hast wohl einen ordentlichen Schreck bekommen.«

»Na ja«, murmelte sie. »Mir geht’s gut.«

»Was hast du dir nur dabei gedacht, Gray?«, fragte ihre Mutter. »Warum bist du zu dieser Party gegangen, ohne uns davon zu erzählen? Du hast gesagt, du bist zum Lernen bei Chloe.«

Anscheinend war es jetzt vorbei mit der Nachsicht. Nun würde sie die Wut rauslassen, mit der Gray von Anfang an gerechnet hatte.

»Chloe wollte unbedingt zu Aidans Party. Seinem Vater gehört der Club, deshalb dachte ich, uns kann nichts passieren. Ich wollte da nur eine Stunde oder so bleiben …« Gray zuckte mit den Schultern.

»Aber …?« Richard ging einen Schritt auf sie zu und schnupperte. »Gray. Hast du etwa getrunken?«

»Nein.« Ihre Lüge kam wie ein Reflex, ohne nachzudenken. Dann fielen ihr die Fotografen ein – die Blitzlichter, als sie in den Pflanzenkübel gekotzt hatte –, und ihre Schultern sackten ein.

Lügen war zwecklos. Sie würden es ohnehin herausfinden.

»Nur ein bisschen«, fügte sie kleinlaut hinzu.

»Oh, Gray.«

Angesichts des enttäuschten Ausdrucks ihrer Mutter fügte sie schnell hinzu: »Nicht viel, wirklich. Nur ein bisschen Fruchtbowle. Das war’s.«

Ihre Mutter und Richard wechselten vielsagende Blicke.

So war es immer. Seit Richard ihre Mutter geheiratet hatte, waren sie ein Team. Und Gray außen vor.

»Ich bin kein Kind mehr«, sagte sie trotzig. »Ich bin fast siebzehn. Wenn ich auf ’ner Party ein Glas Bowle trinken will, dann mach ich das. Ihr könnt mich ja anzeigen.« Sie hob die Hände. »Ich hab schon gesagt, dass es mir leidtut. Danke, dass ihr mir geholfen habt. Hoffentlich hab ich damit euer Leben nicht ruiniert. Und jetzt muss ich dringend schlafen.«

Sie machte auf dem Absatz kehrt und lief quer durch den Raum.

»Du bleibst hier!«

Ihre Mutter konnte einen Saal voller Politiker erstarren lassen, doch Gray hielt nicht an. Ihre Schläfen pochten und ihr Mund war eklig säuerlich und staubtrocken. Sie war unendlich müde. Sie hielt die Blicke der beiden keine Sekunde länger aus und wollte auch nicht darüber nachdenken müssen, was für einen Riesenmist sie gebaut hatte.

»Gray …« Die Stimme ihrer Mutter klang sanfter. Aber Gray lief unbeirrt weiter.

»Ich muss schlafen«, antwortete sie, ohne sich umzudrehen. »Schrei mich morgen früh an, okay?«

»Wir sind noch nicht fertig!«, rief ihre Mutter.

Gray zuckte mit den Achseln.

»Schon klar.«

Vier

Julia beobachtete vom Auto aus, wie Gray mit schweren Schritten und gesenktem Kopf über den Gehsteig trottete. Mit ihren High Heels und diesem viel zu engen Kleid hatte sie anscheinend versucht, älter auszusehen. Aber als sie sie im Bus aufgesammelt hatte, hatte sie wie ein verängstigtes Kind gewirkt.

»Ich musste mich zusammenreißen, um dem Kerl nicht eine reinzuhauen«, sagte sie wie zu sich selbst. »Der wusste hundertpro, dass die Mädchen zu jung sind, was auch immer er mit ihnen vorhatte.«

Ryan sah sie von der Seite an. »Du hast ihm vielleicht keine reingehauen, aber ich bin mir sicher, es dauert eine ganze Weile, bis er so was wieder versucht.«

»Er ist einfach so davongekommen.«

Ryan hörte die Wut in ihrer Stimme und musterte sie neugierig, aber er stellte keine Fragen. Julia ging ohnehin nie darauf ein. Sie war zwar neu im Sicherheitsteam, aber er hatte schon gemerkt, dass sie empfindlich war, was persönliche Fragen betraf.

Viel wusste er nicht über sie, nur dass sie eine militärische Laufbahn hinter sich hatte. Sie schien tough zu sein und irgendwie getrieben. Aber wovon?

Julia sah dem Mädchen immer noch hinterher. Ihr Gesicht hatte einen nachdenklichen Ausdruck angenommen.

»Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken«, sagte sie. »Sie kann nirgendwohin gehen, ohne dass jemand sie erkennt. Sie belästigt.«

Ryan schnaubte geringschätzig. »So, wie ich das mitbekommen habe, macht sie nichts als Ärger. Geht viel feiern. Haut ihren Bodyguards ab. Alle sagen, sie ist die reinste Plage.«

»Tja, mag sein.« Julia drehte sich um und sah ihn fest an. »Ich kann’s ihr nicht verübeln.«

Ryans Handy vibrierte, und er sah auf das Display. Eine Nachricht von Raj: In fünf Minuten in meinem Büro.

Er hob den Blick. »Der Chef will uns sehen.«

Sie ließ den Motor an.

Sie parkten auf einem versteckten Parkplatz hinter einem großen Regierungsgebäude. Julia ließ den Schlüssel beim Wachmann am Tor und folgte Ryan in ein kleineres Backsteingebäude.

Der unscheinbare Bau bot eine schöne Aussicht über die üppig grüne Weite des St. James’s Parks, und aus dem oberen Stockwerk konnte man, wenn man sich auf die Zehenspitzen stellte, sogar den Buckingham Palace erkennen.

Obwohl es eine der vornehmsten Gegenden Londons war, sahen die Häuser so gewöhnlich aus, dass täglich Tausende Touristen an ihnen vorbeiliefen, ohne sie weiter zu beachten.

Das passte zur Talos Incorporation. Als eine der besten Sicherheitsfirmen des Landes versprach sie diskreten Schutz für Millionäre, Royals und Regierungsmitglieder. Die kleine Lobby war hell erleuchtet. Unter den Augen eines bewaffneten Wachmanns drückten Julia und Ryan einer nach dem anderen ihren Zeigefinger auf das kleine blaue Display, um die schwere Sicherheitstür zu öffnen.

Im obersten Stockwerk lag das große Büro von Raj Patel, dem Gründer und Eigentümer der Firma. Julia klopfte, und seine vertraute tiefe Stimme bat sie herein. Ihn um ein Uhr morgens hier anzutreffen, war nicht weiter ungewöhnlich. Es war allseits bekannt, dass er am liebsten nachts arbeitete.

Er saß vor zwei aufgeklappten Laptops an seinem Schreibtisch. Wenn auch nicht sonderlich groß, war er kräftig gebaut, hatte dunkle Augen, und auch seine Haut hatte einen dunkleren Ton. Er musste Ende vierzig sein, doch Julia hatte noch keine einzige graue Strähne in seinen dunklen Haaren entdeckt. Sein Akzent verriet, dass er im Norden Englands aufgewachsen war.

»Da seid ihr ja wieder. Ausgezeichnet.« Er zeigte auf die beiden Besucherstühle vor sich. »Setzt euch.«

Julia kannte nur wenige Menschen, die so ruhig waren wie Raj. Wenn er sie dringend sprechen wollte, musste etwas im Busch sein.

Was auch immer es war, sie würde es tun. Das war sie ihm schuldig.

Sie hatte ihn kennengelernt, als sie noch ein Teenager war. Damals hatte er in ihrer Schule gearbeitet, aber dann hatten sie sich aus den Augen verloren. Mit neunzehn war sie gegen den Willen ihrer Eltern direkt zur Armee gegangen und wurde in der Abteilung für Spionage ausgebildet. Danach wusste sie nichts mit sich anzufangen und war in ein Loch gefallen. Bis Raj eines Tages anrief: »Mir ist zu Ohren gekommen, dass du Arbeit suchst. Ich habe da einen Job, der dir gefallen könnte.«

Sie hatte keine Ahnung, wie er an ihre Nummer gekommen war – geschweige denn, wie er von ihrer Lage Wind bekommen hatte. Aber sie hatte ihn als klugen, nachdenklichen Mann in Erinnerung, der nur mit den Besten arbeitete, und deshalb willigte sie in ein Treffen ein.

Eine Woche später war sie in einem Trainingslager und wurde gemeinsam mit dem professionellsten Sicherheitsteam des Landes ausgebildet. Nach dem Trainingslager bekam sie ihren ersten Auftrag und war für die Sicherheit eines nicht sonderlich gefährdeten Konzernchefs zuständig. Im vergangenen Monat hatte es einen heikleren Fall gegeben, bei dem es sich um ein Regierungsmitglied handelte. Und dann der Job heute Nacht. Das war ihr bisher wichtigster Auftrag gewesen. Und sie hatten ihn erfolgreich über die Bühne gebracht.

Raj klappte seine Laptops zu und sah sie forschend an.

»Wie ist es gelaufen?«

Ryan antwortete für sie beide. »Reibungslos. Der Busfahrer hat keine Probleme gemacht. Das Mädchen war genau dort, wo sie gesagt hatte.«

»Was hat sie für einen Eindruck gemacht?« Raj sah Julia an.

»Verängstigt«, sagte sie. »Aber sonst schien sie okay.«

»Gut.«

Raj stellte nie viele Fragen zu den einzelnen Operationen. Er wusste, dass er am nächsten Morgen einen schriftlichen Bericht auf dem Tisch haben würde, und er verlangte Sorgfalt.

»Ihr habt heute Nacht gut zusammengearbeitet«, lobte er sie. »Ich lass euch für eine Weile als Team operieren. Es gibt eine neue Aufgabe für euch.« Sein Blick war ernst. »Über glaubwürdige Quellen erreichen uns vermehrt Hinweise auf ein gezieltes Attentat auf die Premierministerin und ihre Familie. Dahinter scheint eine Organisation zu stecken, die von Russland gestützt wird.«

Julias Herz schlug schneller, aber ihr Gesicht zeigte keine Regung. Für die Sicherheit der Premierministerin zu sorgen, war das Höchste überhaupt.

Sie unterdrückte ein triumphierendes Grinsen.

»Firefly ist jung und widerspenstig, das macht sie zu einem leichten Opfer für Kidnapper«, fuhr Raj fort, und sein Blick wanderte von einem zum anderen. »Nach den Geschehnissen heute Nacht werden wir ihre Überwachung verschärfen. Wir müssen einen Weg finden, zu ihr durchzukommen. Wir müssen ihr klarmachen, dass sie in Gefahr ist, ohne ihr Angst einzujagen. Die Drohungen gegen sie und ihre Mutter sind ernst. Diese Organisation zielt darauf ab, Chaos zu stiften und damit die Regierung zu schwächen. Wenn sie das Mädchen entführen oder umbringen, haben sie ihr Ziel erreicht. Wir müssen das um jeden Preis verhindern.«

Julia jagte ein Schauer den Rücken runter. So ernst hatte sie ihn noch nie erlebt.

»Sie werden keinen Erfolg haben«, versicherte sie ihm. »Das lassen wir nicht zu.«

Er bedachte sie mit einem wohlwollenden Blick.

»Genau das wollte ich hören. Ihr werdet rund um die Uhr bei ihr sein. Sie zur Schule begleiten und dort im Gebäude warten, um sie nach dem Unterricht wieder nach Hause zu bringen. Um sicherzugehen, dass sie euch nicht wieder entwischt.« Er sah Julia an. »Ich denke, vor allem du könntest einen guten Draht zu ihr finden. Sie reagiert allergisch auf Autorität. Bei ihr kommst du weiter, wenn du eine Freundschaft aufbaust. Vertrau ihr und gewinne ihr Vertrauen.«

Julia dachte an das blasse, verängstigte Mädchen im Bus, das sich neben ihrer Freundin zusammengekauert hatte, als wäre die Nacht selbst ihr Feind. »Ich gebe mein Bestes.«

Raj wandte sich an Ryan. »Deine Erfahrung wird für diesen Job sehr wichtig sein. Wir haben es hier mit gut ausgebildeten russischen Spezialagenten zu tun. Sie kennen alle unsere Tricks. Ich will, dass du ihnen immer einen Schritt voraus bist.«

Ryan hob das Kinn und straffte die Schultern. »Du kannst auf mich zählen.«

»Der Einstieg sollte euch leichtfallen«, teilte Raj ihnen mit. »Firefly wird eine Zeit lang nirgendwohin gehen außer zur Schule und in die Nummer 10. Ihr könnt die Aufgaben unter euch aufteilen, wie ihr wollt, aber ich will, dass ihr beide zur Stelle seid, sobald sie das Gebäude verlässt.« Raj holte zwei Plastikkarten aus einem Ordner vor sich auf dem Tisch. »Mit diesen Ausweisen habt ihr Tag und Nacht Zutritt zu Nummer 10.«

Julia studierte ihren. Er war leer, bis auf einen Fingerabdruck, einen Chip und das Wort »Talos«. Trotzdem schlug ihr Herz schneller.

Sie war in den höchsten Regierungskreisen angekommen und arbeitete als Bodyguard für die Tochter der Premierministerin. Das war tausendmal besser, als am Schreibtisch zu sitzen.

»Also dann, schreibt euren Bericht und geht nach Hause, um euch noch ein bisschen auszuruhen«, ordnete Raj an und klappte seinen Ordner zu. »Um Punkt acht steht ihr wieder vor Nummer 10 und fahrt sie zur Schule.«

Als sie aufstanden, fügte er noch hinzu: »Haltet immer und überall die Augen offen. Diese neue Organisation ist top ausgebildet. Sie werden jede noch so kleine Schwachstelle in der Überwachung ausnutzen.« Sein Ausdruck wurde düster. »Wenn die das Mädchen in die Hände kriegen, wird sie das nicht überleben.«

Fünf

Für die gedruckten Tageszeitungen waren die Paparazzi zu spät gewesen, aber das Internet schlief nie. Am Morgen waren die Internetseiten der Boulevardpresse voll mit Fotos von Gray und Chloe, wie sie mit aufgerissenen Augen in die Kamera starrten. Und von Gray, die sich über den Pflanzenkübel gebeugt die Seele aus dem Leib kotzte.

»Das Wildchild der Premierministerin auf illegaler Sauftour«, titelte eine Seite voller Schadenfreude.

»Die kleine Langtry vollgetankt«, hieß es auf einer anderen.

Das schlimmste Foto zeigte Gray mit weit aufgerissenen blauen Augen, die Wimperntusche verschmiert und die dunklen Haare in einem wirren Knäuel um das blasse Gesicht. Der Titel lautete: »Weiß deine Mutter, wie du nachts rumläufst?«

Gray klickte auf ihrem Handy durch die Bilder. Ihr Magen hatte sich zu einem Knoten zusammengezogen. Sie hatte eine unruhige Nacht hinter sich. Blitzlichter und höhnisches Gelächter waren durch ihre Träume gegeistert.

Um kurz vor sieben hatte ihr Handy vibriert. Eine Nachricht von Chloe. Sie schrieb nur: Es tut mir so leid … Geh nicht online.

Als sie kurz darauf in die Küche kam, stand ihre Mutter im dunkelblauen Designer-Outfit am Tresen. Ihr topgestyltes Haar mit den sorgfältig gesetzten schimmernden Highlights fiel ihr weich bis auf die Schultern. Sie unterhielt sich mit ihrer Pressesprecherin Anna, die den Blick auf ihren Laptop geheftet hielt.

»Oh mein Gott.« Ihre Mutter presste sich die Fingerspitzen an die Schläfen. »Ich kann nicht fassen, was da wieder los ist. Die tun geradeso, als hätte sie jemanden umgebracht.«

Als Gray durch die Küche zum Kühlschrank ging, warf Anna ihr einen eisigen Blick zu. Auch beim letzten Mal, als Gray in Schwierigkeiten geraten war, hatte sie die Presse beschwichtigt. Normalerweise kamen die beiden gut miteinander zurecht, aber damit hatte Gray es offensichtlich zu weit getrieben.

Anna war zierlicher als die Premierministerin, hatte einen schottischen Akzent und blonde Haare, die immer so aussahen, als hätte sie sie gerade verzweifelt mit allen zehn Fingern gerauft.

»Wir brauchen schnellstmöglich eine Antwort auf all diese Anfragen«, sagte sie. »Das Telefon klingelt ununterbrochen. Ich bekomme sogar Anrufe aus Australien.«

Sie zog ein Blatt aus ihrem Ordner. »Ich schlage etwas in der Art vor.« Sie las laut vor: »Am vergangenen Abend war Gray Langtry im Kreis ihrer Schulfreunde und mit der Erlaubnis des Eigentümers auf einer Party im Nachtclub Bijou. Sie verließ die Party, weil sie sich nicht gut fühlte. Vor dem Club lauerten ihr Journalisten auf, die ihr Angst einjagten und sie unter Druck setzten. Wir möchten Sie daran erinnern, dass Gray erst sechzehn Jahre alt ist, und bitten Sie, ihre Privatsphäre ganz besonders zu achten. Letzte Nacht haben aggressive Fotografen Gray und ihre Freundin ernsthaft gefährdet. Sie haben sie zur Flucht durch ein ihnen völlig unbekanntes Viertel gezwungen. Das darf nicht noch einmal passieren.«

»Gut«, murmelte Grays Mutter und nahm das Blatt, um es erneut zu überfliegen. »Damit schieben wir die Verantwortung auf die Presse.« Sie tippte auf das Blatt. »Schreib noch einen Satz, in etwa so: ›Wenn die Presse weiterhin die Privatsphäre meiner Familie missachtet, sehe ich mich gezwungen, juristische Schritte einzuleiten.‹«

Anna nickte zustimmend, drehte den Laptop zu sich und tippte eifrig. »Das ist super«, sagte sie.

Während sie arbeiteten, schenkte Gray sich ein Glas O-Saft ein, nahm Toastbrot aus dem Regal und schob eine Scheibe in den Toaster.

So lief es jedes Mal. Sie tat etwas völlig Normales, wie es alle Sechzehnjährigen taten, und die Regierung drehte völlig am Rad, woraufhin ihre Mutter und Anna sich irgendeine Presseerklärung aus dem Ärmel leierten und sie dabei komplett ignorierten.

Ein ewiger Kreislauf.