Nur 50 Nächte - Nyna Mateo - E-Book

Nur 50 Nächte E-Book

Nyna Mateo

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Beschreibung

Kann Liebe ein Projekt sein? Ist es möglich, für ein 50 Tage dauerndes Projekt eine aufrichtige Zuneigung aufzubauen für einen Mann, mit dem man von vornherein nur auf Zeit spielt? Hera und Antonio haben's gewagt. Gewonnen und verloren gleichermaßen. Ein Spiel mit der Zeit und gegen die Zeit - mit vielen aufregenden, aber auch niederschmetternden Momenten. 50 Nächte, ein halbes Jahr und eine Romanze - so lautete Hera Delgados Plan. Eine Romanze, die dazu bestimmt war, ihr eine Sprache beizubringen; eine Romanze auf Zeit, begrenzt bis zum Ende des Sommers, eine Sommerliebe mit Zweck. Insofern es sich zu einer entwickeln würde. Doch genau das reizte Hera und eben das würde sie nach Ablauf ihrer Frist wissen. Ist es möglich, eine Beziehung einzugehen, die nur den Sinn erfüllt, Hera eine Sprache näher zu bringen und sie in all ihre Details eintauchen zu lassen? Und die auf genau diesem Vertrag beruht? Findet man einen Partner, der so etwas mitmacht? Jemanden, der weiß, dass seine Zeit zu einem bestimmten Zeitpunkt abgelaufen sein wird und der trotzdem bereit ist, sich auf diese Beziehung einzulassen?

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2017

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www.hera-delgado.com

Über die Herausgeberin

Hera Delgado, 1984 in Berlin geboren, führt seit ihrem frühen Erwachsenenalter ein Leben außerhalb der Norm. Sie war viele Jahre lang öffentliches Gesicht der deutschen BDSM-Szene und als einzige Fetischfilmregisseurin Deutschlands in den Medien vertreten.

Neben ihrer bekennenden Liebe zu Bondage steht Delgado auch für alternative Lebenskonzepte, machte sie doch selbst schon früh erste Erfahrungen mit Polyamorie und Beziehungsanarchie.

Mehr zur Herausgeberin: www.hera-delgado.com

Über die Autorin

Nyna Mateo, Jahrgang 1995, ist professionelle Tänzerin und Schriftstellerin. Das Schreiben ist Mateos große Leidenschaft. Im Rahmen eines realen Beziehungsexperiments seitens Hera Delgado entstand die Idee zu diesem Buch. Basierend auf einer wahren Geschichte konnte sich Mateo beim Schreiben gänzlich ihrer Kreativität hingeben und erzählt eine Liebesgeschichte, die zu fesseln weiß.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

Prolog

50 Nächte, ein halbes Jahr und eine Romanze – so lautete mein Plan. Eine Romanze, die dazu bestimmt war, mir eine Sprache beizubringen; eine Romanze auf Zeit, begrenzt bis zum Ende des Sommers, eine Sommerliebe mit Zweck. Insofern es sich zu einer entwickeln würde. Doch genau das reizte mich und eben das würde ich nach Ablauf meiner Frist wissen. Ist es möglich, eine Beziehung einzugehen, die nur den Sinn erfüllt, mir eine Sprache näher zu bringen und mich in all ihre Details eintauchen zu lassen? Und die auf genau diesem Vertrag beruht? Findet man einen Partner, der so etwas mitmacht? Jemanden, der weiß, dass seine Zeit zu einem bestimmten Zeitpunkt abgelaufen sein wird und der trotzdem bereit ist, sich auf diese Beziehung einzulassen?

Alles begann mit einem Blog, zwei Männern und einer Wahrheit, die sich schneller verbreitete, als mir eigentlich lieb war. Und meinem Wunsch, endlich perfektes Spanisch zu beherrschen. Es war der erste Tag im April, auf Mallorca wurde es wärmer, die Tage wurden länger und die Frühlingsgefühle erwachten. Nachdem ich einen Großteil des Winters in Deutschland verbracht und Projekte dort verfolgt hatte, begann ich meine Zeit wieder mehr der Insel zu widmen – der Insel und ihren Bewohnern. Schon immer hatte ich eine Schwäche für Männer und insbesondere dafür, wie man sie um den Finger zu wickeln vermag. Ebenso ist es schon beinahe eine Tradition in meinem Leben geworden, aus einer Leidenschaft „mehr“ zu machen. Und so entstand die Idee für das, was den Rest meines Sommers deutlich prägen sollte: ein Dating-Blog.

Abend für Abend traf ich also Spanier, Mallorquiner und hin und wieder auch Touristen, ließ mich auf immer wieder dieselben Gespräche ein, saß in denselben Cafés und erzählte jedem dieselben Dinge über mich: mein Name ist Hera Delgado, ich bin Bondagekünstlerin, lebe polyamor – weiter kam ich selten, denn für die meisten meiner Dates war das schon abenteuerlich genug; kaum jemand war in seinem bisherigen Leben mit einer meiner Einstellungen konfrontiert worden. Über jedes Date verfasste ich ein kurzes Video, das ich online stellte, doch zunehmend bekam ich den Eindruck, tagtäglich dasselbe zu erzählen und begann mich zu langweilen, wollte meinen Blog sogar beinahe schon aufgeben – bis ich mein Date mit Pedro hatte.

Pedro war Mallorquiner, jung, attraktiv, sympathisch und mit einem festen eigenen Standpunkt. Kennengelernt hatte ich ihn über Tinder. Während viele der Männer, die mir auf meinem Bildschirm erschienen waren, auch eben so schnell wieder von ihm verschwanden, blieb ich an dem Bild von ihm für Augenblicke hängen. Eigentlich entsprach er mit den braunen Haaren und den haselnussfarbenen Augen so gar nicht meinem Typ, bekannte ich mich doch stets dazu, helle Haare, Haut und Augen zu bevorzugen. Trotzdem war er unbestreitbar gutaussehend. Leider wusste ich sonst nicht viel mehr von ihm. Ich hübschte mich also auf, schminkte mich, setzte mich ins Auto und freute mich auf unser Treffen. Er hatte mich zu sich nach Hause zu einem Kaffee eingeladen – am Ziel angekommen stellte ich mir wie so oft in Spanien die Frage, welche der Buchstaben- und Zahlenkombinationen am Klingelschild denn nun die seine war. Wie auch immer, andere Länder, andere Sitten sagte ich mir…

An der Tür begrüßte er mich, führte mich durch seine Wohnung zum Sofa, wo ich es mir mit einer Decke gemütlich machte. Auch wenn es tagsüber auf Mallorca stetig milder wurde, so waren die Nächte doch noch recht kühl, so dass man abends selbst drinnen noch fror. Mir war direkt aufgefallen, dass er eine sehr schöne Wohnung hatte, alles war extrem ordentlich und ich fühlte mich durchaus wohl. Den Abend verbrachten wir mit interessanten Gesprächen über die spanische Kultur und Lebensweise. Ich führte gern solche Gespräche, in denen ich einen Einblick in andere Sitten und Bräuche bekam und nicht zuletzt war auch dies ein Teil meines Projekts. Er erfuhr also über mich, meinen Lebensstil und meine Denkweisen, wie auch die vielen anderen, die ich vor ihm gedatet hatte. Darüber, dass ich es als Charakterschwäche empfand, in einem Land zu leben und dessen Sprache nicht zu beherrschen. Dass ich für mein Leben gern tauchte und die Schwerelosigkeit unter Wasser genoss. Ich erzählte ihm, wie sehr mich das Außergewöhnliche begeisterte und ich gerne Menschen mit anderen Lebenskonzepten um mich hatte. Und ebenso wie diejenigen zuvor reagierte auch er auf das Thema Polyamorie – eine Beziehungsform, bei der mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig nebeneinander existieren – eher abweisend und verstört, sein ganzes Verhalten mir gegenüber an diesem Abend war vorrangig distanzierter und kühler Natur, jedoch nicht auf unangenehme Art und Weise. Es fiel mir insgesamt schwer einzuschätzen, ob er an mir als Frau generell interessiert war und das wiederum weckte mein Interesse. Er gefiel mir mit seiner entschlossenen und durchsetzungsstarken Art, dem markanten Kinn, dessen Haut sich zu kräuseln begann, sobald er intensiv nachdachte und einer brennenden Neugier auf alles, was anders war als das, was er kannte. Mit seiner Neugier auf mich. In ihm sah ich die Möglichkeit, jemanden für mein Projekt gefunden zu haben. Also würde ich mir ein bisschen Mühe geben müssen, ich hatte noch längst nicht alle Register gezogen.

Wir trafen uns schlussendlich wieder, verbrachten Zeit miteinander, verlebten ein paar typische erste Dates und gewöhnten uns aneinander. Unsere gegenseitige Sympathie wuchs.

Einige Tage waren vergangen, ich saß gerade entspannt bei einem Kaffee allein in der Stadt, als ich plötzlich eine Nachricht erhielt: „Mallorca ist klein“.

Absender dieser Nachricht war Juan, ebenfalls ein Spanier, den ich im Rahmen meines Blogs getroffen hatte. Ich wunderte mich, warum er mir jetzt gerade schrieb, denn er war keineswegs erfreut darüber gewesen, dass ich ihm nach unserem Date einen Link zu meinem Blog schickte und wenig später hatte er nahezu den Kontakt zu mir abgebrochen. Dabei war er mir als Erster wirklich sympathisch gewesen und seine strahlend grünen Augen, die allzu oft von Lachfältchen umringt waren, hatten einen ganz besonderen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich liebte grüne Augen.

Ungefähr zeitgleich erhielt ich eine Nachricht von Pedro, in der er mir eben die Vorwürfe, die auch Juan mir schon gemacht hatte, nun seinerseits entgegen schmetterte und unser Date für denselben Abend absagte. Er nannte mich unehrlich, da ich ihm vorenthalten hatte, dass ich ein Video über unser Date aufnehmen würde. Ich dagegen suchte die authentischen Reaktionen, was es mir quasi unmöglich machte, die Männer im Vorfeld darüber aufzuklären. Ich wollte ihr Verhalten nicht verfälschen.

Bedrückt stimmte ich Juan zu, dass Mallorca viel zu klein war und alle über Dritte – wie auch diese beiden Männer – irgendwie miteinander vernetzt waren, so dass es quasi keine Geheimnisse auf der Insel gab.

Pedro hatte durch genau so eine Verbindung von meinem Date mit Juan und meinem Blog erfahren und war nun stinksauer. Relativ vergeblich versuchte ich, ihn zu beruhigen – was mir kaum gelang, aber immerhin konnte ich ihn davon überzeugen, mich wenigstens ein letztes Mal zu treffen. Ein Treffen, um mir die Chance zu geben, mich ihm zu erklären. Das war das Einzige, was zu tun mir noch übrig blieb – er war mir zu sehr ans Herz gewachsen, um ihn auf diese Art und Weise zu verlieren: durch Verheimlichungen und unausgesprochene Vorwürfe. Ich wollte zumindest mit ihm ins Reine kommen, bevor wir uns endgültig aus den Augen verlieren würden. Noch nie hatte ich es gemocht, Menschen so aus meinem Leben gehen zu lassen.

Abends fuhr ich zu ihm. Wir diskutierten hitzig, ich versuchte mich ihm zu erklären, legte ihm verzweifelt meine Gründe da und er machte seine Meinung nur allzu deutlich, während sein Kinn vor Wut zu beben begann. Daran merkte ich, dass er wirklich aufgewühlt war. Ich lenkte mehrfach ein, hatte tatsächlich Verständnis für seine Sicht der Dinge und ein schlechtes Gewissen. Durchaus nicht unbeabsichtigt drückte ich schließlich etwas mehr als wahrscheinlich nötig gewesen war auf die Tränendrüse – der Tag hatte auch mich emotional sehr getroffen – und meine Tränen ließen ihn erweichen, so dass er mich schließlich in seine Arme nahm. Er fragte mich, was aus uns werden würde, eine Frage, die ich selbst dann, wenn ich es gekonnt hätte, nicht gewillt gewesen wäre zu beantworten. Ich bin Beziehungsanarchistin und etikettiere keine Beziehungen. Zu schwer wäre es, wo eine Beziehung anfängt, bis wo es sich um reine Freundschaft handelt und was eine Beziehung denn zu einer solchen macht. Sex? Gefühle? Alltag miteinander? Ich für mich kann diese Frage auf jeden Fall nicht eindeutig genug beantworten und habe dieses Konzept daher hinter mir gelassen.

Trotz allem, oder vielleicht auch gerade wegen all dessen, was an diesem Tag passiert war, fanden wir uns in seinem Bett wieder. Obwohl dies unter normalen Umständen vermutlich nie passiert wäre, war es mir in diesem Moment dennoch gleichgültig. Was geschehen war, würde vermutlich sowieso ab jetzt zwischen uns stehen und ich wollte diesen letzten Augenblick noch genießen. Nur leider konnte ich nicht.

Bildlich gesprochen war es, als säße ich am Nordpol und er am Südpol. Wir waren sexuell so weit wie irgendwie nur möglich war voneinander entfernt – wenn ich rennen wollte, blieb er stehen und wenn er aß, hatte ich keinen Hunger. Während er immer weiter nach rechts ging, rannte ich immer schneller nach links.

Ja, vermutlich war das schlechte Gefühl, das ich währenddessen bekam, auch durch unseren komischen, vorangegangenen Streit verschuldet, aber uns beiden war nur allzu bewusst, dass wir in dieser Hinsicht absolut nicht zueinander passten und es wahrscheinlich auch niemals tun würden. Doch er überraschte mich, indem er sagte: „Ja, es ist halt am Anfang immer schwierig, man muss sich ja auch erst mal aufeinander einstellen“. Während er mit zerknirschtem Blick so unter seinen verwuschelten Haaren von der anderen Seite des Bettes zu mir herüber schaute, keimte in mir Hoffnung auf.

Vielleicht sollte es vorerst doch erst einmal nur einen Anfang und kein Ende geben.

April

Da war sie also nun: die Beziehung, nach der ich die ganzen letzten Wochen über gesucht und die zu finden ich bei Pedro schon fast nicht mehr für möglich gehalten hatte. Noch immer fiel es mir schwer einzuschätzen, welche Art von Interesse er denn an mir hatte, obgleich ich mir mittlerweile sicher war, dass er Interesse hatte. Bislang blieben mir seine wahren Motive jedoch ein Rätsel – ein Rätsel, das zu ergründen ich mir zur Aufgabe machte.

Schließlich war die Zeit reif; es war Montagabend, ein anstrengender Tag lag hinter mir und doch blickte ich voll Neugier dem Rest des Tages entgegen, meiner ersten Nacht bei Pedro. Etwas mulmig war mir schon zumute, letztendlich war ich mir dessen, dass ich bleiben würde doch nicht ganz gewiss, aber der Reiz des Neuen und Unbekannten überwältigte mich.

Als ich um 22 Uhr durch die Tür zu seiner Wohnung trat, fragte er mich, ob ich schon gegessen hatte. Für einen Spanier war dies sicherlich eine ganz normale und durchaus berechtigte Frage, ich machte ihm jedoch sehr schnell klar, dass ich es zum Essen mehr als nur ein bisschen zu spät fand – trotz der Tatsache, dass ich den ganzen Tag über noch nicht so richtig viel in den Magen bekommen hatte. Prüfend schaute er mich an, musterte mich mit einem durchdringenden Blick und verschwand mit der knappen Ansage „Wir essen jetzt“ in der Küche. Innerlich seufzte ich auf und setzte mich resigniert auf einen Stuhl am runden Esstisch. Immerhin befand ich mich in Spanien und dies waren nun mal die für einen Spanier gängigen Essenszeiten. Abgesehen davon wusste ich mich zu benehmen, wenn ich bei jemandem zu Besuch war.

Kurze Zeit später kam Pedro mit zwei Tellern Pasta aus der Küche zurück. Er wirkte gut gelaunt und schien an meinem bisherigen Verhalten nichts Ungewöhnliches gefunden zu haben. Ich bat ihn um einen Likör zum Essen, er selbst öffnete sich eine Flasche Rotwein. „Nein“, antwortete er bloß, „das ist nichts zum Essen. Du kannst Wasser haben oder Wein, alles andere gibt es erst später.“ Jetzt war es an mir, ihn prüfend anzusehen. Ungläubig darüber, dass er das gerade tatsächlich gesagt hatte, entschied ich mich für ein Wasser. Unzufrieden war ich allemal.

Plötzlich trat er neben mich, stellte sein Weinglas neben mir auf dem Tisch ab und hielt mir ein Glas Wasser hin. „Das hier ist mein Platz, du sitzt da drüben“, wies er mich an und zeigte auf den Stuhl gegenüber. Missmutig stand ich auf, ging hinüber, setzte mich und begann schweigend zu essen. Um ein Haar hätte ich stattdessen direkt den Weg zurück zur Tür gewählt. So hatte ich mir das ganz und gar nicht vorgestellt. In meinem Inneren tobte ich, bewahrte jedoch nach außen meine Ruhe. Seit Jahren hatte es niemand gewagt, so mit mir zu sprechen – er bevormundete mich wie ein Kind und das passte mir absolut nicht. Kein Mensch auf dieser Welt hatte das Recht, mir zu sagen, was ich tun und lassen sollte.

Es musste eine ganze Weile vergangen sein, als er mich schließlich fragte, ob alles in Ordnung mit mir sei. Entschlossen schluckte ich meinen Ärger hinunter, rang mit mir selbst und antwortete ihm, dass es nicht so wichtig sei.

Ich hatte die Zeit unseres Schweigens genutzt, um für mich einige Dinge zu klären. Wie weit war ich bereit zu gehen? War ich entschlossen genug, um meine eigene Komfortzone zu verlassen? Wenn ich dieses Projekt eingehen würde, dann entweder ganz oder gar nicht: wenn, dann musste ich auch völlig in die spanische Kultur eintauchen – spätes Abendessen, ekelige Sobrassada, Kaffee mitten in der Nacht und merkwürdiges Frauenbild inklusive.

Und ja, ich war es. Mein Verlangen danach, diese Sprache zu lernen, hatte mich überhaupt erst zu diesem Projekt gebracht und auch diese Widrigkeiten würden mich nicht zurückhalten können.

Später am Abend, als ich gerade auf dem Weg ins Badezimmer war, um mich bettfertig zu machen, bemerkte ich, dass ich vergessen hatte, mir eine Zahnbürste mitzunehmen. Für mich war ja ohnehin nicht wirklich klar gewesen, ob ich nun bei ihm bleiben würde oder nicht.

Aus einem der Schränke holte Pedro eine neue, noch verpackte Zahnbürste für mich heraus. Sie war leuchtend grün, nicht ganz meine Farbe, aber sie war nun für mich. Mit geputzten Zähnen kuschelte ich mich schließlich ins Bett, Pedro nah bei mir.

Ein wenig unbehaglich fühlte ich mich damit schon, so kam es, dass ich die ganze Nacht über eher unruhig schlief und am nächsten Morgen doch recht übermüdet bei ihm aufbrach. Die grüne Zahnbürste hatte ich fein säuberlich und kaum übersehbar auf seinem Waschbecken liegen lassen – noch gehörte sie immerhin ihm und nicht mir.

• • •

Meine nächste Nacht mit Pedro ließ nicht lange auf sich warten. Einige Tage später schon fuhr ich von Zuhause los in Richtung meines liebsten Sushi-Ladens. Wohlwissend, dass auch Pedro sehr gern Sushi aß, hatte ich ihm den Vorschlag gemacht, zu unserem Treffen mit seinem Lieblingsessen zu kommen – in der Hoffnung, ihm dadurch eine Freude zu machen und stärkere Bindungen zu mir zu entwickeln. Ich wollte die Beziehung zu ihm festigen, merkte ich doch bereits, dass ihm in unserer Beziehung etwas zu fehlen schien. Ich fragte mich instinktiv, ob auch ihm das schon bewusst war. Ich hoffte inständig, dass sich dieses Gefühl bald verflüchtigen würde. Schließlich lag noch fast ein halbes Jahr dieser Beziehung vor uns. Doch schon im Vorfeld gab es wieder Diskussionen: er wollte nur bestimmtes Sushi aus seinem Lieblingsladen, ich aber wollte es dort kaufen, wo es mir am besten gefiel. Wieder einmal waren wir kurz davor aneinander zu geraten und schon bevor ich überhaupt wirklich bei ihm war, verschlechterte sich meine Stimmung. Sushi kaufte ich trotzdem dort, wo ich wollte – entweder würde er es essen oder eben nicht.

Gereizt und mit grimmigem Blick öffnete mir Pedro die Tür. Hinter ihm sah ich auf seinem sonst so ordentlichen Esstisch einen Haufen Papiere liegen, die ein heilloses Durcheinander in seiner Wohnung verursachten. Er selbst sah auf eine nicht ganz greifbare Art zerwühlt aus, die Haare standen ihm zu Berge, sein T-Shirt war zerknittert und sein Gesicht wirkte irgendwie faltig.

„Ist alles okay mit dir?“, fragte ich ihn tatsächlich ein wenig besorgt. Direkt begann Pedro zu fluchen und sich aufzuregen; er war mitten in seiner Steuererklärung gewesen, als ich gerade ankam, den Kopf hatte er noch voller Zahlen und seine Laune war wirklich mies. Ich schluckte, fragte mich, was der Abend wohl noch bereit hielt. Ein eher düsterer Gedanke. Ich würde in dieser Nacht noch viele Seiten an ihm kennenlernen, von denen ich gehofft hätte, sie würden mir eher verborgen bleiben.