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Die spannende Beschreibung des Lebens von Marcel Hildebrandt, der gegen alle Widerstände und oftmals auf sich alleine gestellt seine schwere Jugend gemeistert und seinen Weg vom Heimkind zum gestandenen Familienvater und Erzieher mutig und mit zähem Willen gegangen ist.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ich habe dieses Buch zum einen geschrieben, um die Erlebnisse noch einmal für mich zu verarbeiten und darüber auch sprechen zu können. Zum anderen aber auch, um Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft, denen es nicht so gut geht, Mut zu machen, ein Vorbild zu sein und ihnen zu sagen: „Wo ein Wille ist, da gibt es auch immer einen Weg.“
Ein Vorbild für mich als Erzieher ist Johannes Don Bosco, an dem ich mich in meiner pädagogischen Arbeit sehr orientiere. So sagte er: „In jedem jungen Menschen, auch in dem schlimmsten, gibt es einen Punkt, wo er dem Guten zugänglich ist, und so ist es die erste Pflicht des Erziehers, diesen Punkt, diese empfängliche Stelle des Herzens, zu suchen und (für seine pädagogische Arbeit) zu nutzen.“
In zwei Kapiteln treten Namen auf, die bei der ersten Nennung mit einem Sternchen (*) gekennzeichnet sind. Dabei handelt es sich um erfundene Namen, um die betreffenden Personen zu schützen. Denn es sollen zwar die Begebenheiten wahrheitsgemäß berichtet, aber niemand verunglimpft oder bloßgestellt werden.
Marcel Hildebrandt
Marcel Hildebrandt
Vom Heimkind zum Erzieher
© Meine Geschichte in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld
1. Auflage Juni 2017
Autor: Marcel Hildebrandt, Höchberg
Umschlaggestaltung: Ina Schmitt, Würzburg
Umschlagfotos: privat
Lektorat, Korrektorat: Deutsches Lektorenbüro, Würzburg
Verlag: Meine Geschichte in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld, www.Meine-Geschichte.de, eMail: [email protected]
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN Hardcover:
978-3-96083-079-5
ISBN Paperback:
978-3-96083-078-8
ISBN e-Book:
978-3-96083-080-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und sonstige Veröffentlichungen.
Ich habe die Anzahl der vielen Kinder und Jugendlichen, die ich – in nun schon mehr als 30 Jahren – pädagogisch begleitet habe, nicht gezählt. Es waren Betreute, die kamen und gingen, mal mit mehr, mal mit weniger erfolgversprechenden Prognosen für eine lohnende Zukunft. Erinnerungen habe ich an viele dieser Kinder und Jugendlichen, teils gute, aber auch negative.
Es passiert natürlich auch im beruflichen Alltag eines Pädagogen, dass man für ein Kind oder einen Jugendlichen eine besondere Sympathie empfindet, und wenn dies auch noch auf Gegenseitigkeit beruht, dann muss man versuchen, diese Beziehung für ein Gelingen der pädagogischen Arbeit zu nutzen.
Marcel war genau so ein Jugendlicher. Er wechselte im September 1990 vom damaligen Don-Bosco-Heim in die Außenwohngruppe der Stiftung Haus Pius XII. Ich kannte Marcel bereits von vielen Begegnungen im Sport, denn er war einer der besten und zuverlässigsten Spieler im Tischtennis, dessen Heimmannschaft mein Mann Helmut viele Jahre bei Don Bosco trainierte, ferner ein begeisterter Fußballer und Mitglied der heimeigenen A-Mannschaft und hatte, was mir als Volleyballspielerin am meisten gefiel, gute Fähigkeiten und großen Teamgeist beim Volleyball. Viele Heimturniere gewannen wir als Mannschaft vom Haus Pius in diesen Jahren, und daran hatte Marcel maßgeblichen Anteil.
Bei Marcel hatte man stets das Gefühl, dass es ihm um ein Miteinander geht und nicht, wie leider häufig üblich, darum, gegeneinander auszutesten, wer der Stärkere ist. Hilfsbereitschaft und Fürsorge standen auf seiner Agenda ganz oben. Des Öfteren hatte ich damals unsere kleine Tochter bei mir, und es hat mich sehr berührt, wie gut und liebevoll Marcel in der Lage war, auf die Kleine einzugehen und mit ihr umzugehen.
Ein umso größerer Schock war es für mich, als ich eines Tages erfuhr, dass unser Büro aufgebrochen und die gesamte Gruppenkasse mit ca. 4300 DM entwendet worden war – und dass dies durch Marcel und ein weiteres Gruppenmitglied geschehen war. Doch nach wenigen Tagen kamen die beiden reumütig von ihrem Ausflug auf die Reeperbahn zurück.
1991 mit Dania, der Tochter von Waltraud Schmelzer
In einem Gespräch kurz nach diesem Vorfall erfuhr ich von Marcel, dass dabei nicht die Angst vor einer möglichen Konsequenz seines Handelns im Vordergrund stand, sondern dass ihn vielmehr die Sorge quälte, mich, seine damalige Erzieherin, enttäuscht zu haben und mir wieder unter die Augen treten zu müssen.
Im Team beschlossen wir, Marcel eine neue Chance zu geben, der materielle Schaden wurde durch die beiden Ausreißer beglichen. Zu diesem Zeitpunkt brach Marcel seine im Jahr zuvor angefangene Ausbildung zum Krankenpfleger ab und begann eine Tischlerlehre im Don-Bosco-Heim am Wannsee, die er drei Jahre später mit dem Gesellenbrief erfolgreich beendete.
Mit dem Auszug Marcels aus der WG des Hauses Pius verloren wir uns zunächst für einige Jahre aus den Augen. Ende der 1990er Jahre kam wieder ein Lebenszeichen, und ich freue mich, dass der Kontakt seither nicht mehr abgerissen ist. Vor allem aber freue ich mich für Marcel, denn er hat mit seinem Ehrgeiz, mit Disziplin und Liebe geschafft, das zu sein, was er heute ist: Ehemann, Vater von drei Kindern und ein gestandener Erzieher.
Waltraud Schmelzer
(1990–1994 Erzieherin im Haus Pius XII, Berlin-Zehlendorf)
Aufgewachsen bin ich in Berlin-Wedding. Der Bezirk war in den 70er Jahren noch nicht so ein sozialer Brennpunkt wie heute, er war damals noch umgeben von der Berliner Mauer und zur berühmt-berüchtigten Bernauer Straße waren es nur zehn Minuten Fußweg. Die ersten Jahre lebten wir in der Reinickendorfer Straße 93a in einer schönen Vierzimmerwohnung im 4. Stock ohne Aufzug. Wir, das waren meine Mutter, mein Vater sowie mein ein Jahr jüngerer Bruder Lars, meine drei Jahre ältere Schwester Susanne und meine fünf Jahre jüngere Schwester Tanja. Mein Vater arbeitete als Bauarbeiter und verdiente für damalige Verhältnisse ein ansprechendes Gehalt, womit man unter normalen Umständen eine Familie aus sechs Personen gut hätte ernähren können. Meine Mutter war Hausfrau und leidenschaftliche Skatspielerin. Ein Zimmer teilte ich mir mit meinem Bruder, meine beiden Schwestern teilten sich das andere Zimmer und meine Eltern schliefen im Wohnzimmer.
Keine 100 Meter von uns entfernt wohnten meine Großeltern mütterlicherseits, was ich sehr schön fand, da ich eine sehr enge Beziehung zu ihnen hatte und sie täglich besuchte. Es herrschte bei meinen Großeltern noch die klassische Rollenverteilung. Mein Großvater arbeitete als Fleischer und übte diesen Beruf mit einer Freude und Begeisterung aus, die mir immer sehr imponierten; meine Großmutter war Hausfrau und kümmerte sich um die finanziellen Angelegenheiten.
Mein Vater hatte schon in jungen Jahren das Problem, mit Alkohol vernünftig umgehen zu können. Aus unserer Erziehung hielt er sich gänzlich heraus, so dass meine Mutter schon sehr früh bei der Erziehung auf sich allein gestellt war und immer öfters an ihre persönlichen Grenzen stieß. Sehr oft war sie mit mir und meinem Bruder überfordert, weil wir uns an Regeln und Abmachungen nicht hielten. Wir kamen häufig nicht zu den verabredeten Zeiten vom Bolzplatz oder gingen einfach noch zu Freunden und kamen viel zu spät nach Hause. Zudem hörten wir überhaupt nicht auf Mama und machten, was wir wollten. Darüber hinaus stritt ich mich mit meinem Bruder pausenlos. Einmal haben wir uns in der Küche auf das Fenstersims gesetzt und alles Mögliche auf die vorbeigehenden Passanten geschmissen – Kerzen, Eier, Tomaten und Äpfeln –, bis die Polizei vor der Tür stand. Nachdem die Polizisten weg waren, gab es von Papa einen Arsch voll, der sich gewaschen hatte. Oder wir schmierten die voll geschissenen Windeln unserer kleinen Schwester Tanja an die Wände unseres Zimmers und lachten uns darüber kaputt. So haben mein Bruder und ich des Öfteren Stubenarrest erhalten. Stubenarrest hieß, dass das Zimmer abgeschlossen wurde und wir nur zu den Mahlzeiten aus dem Zimmer durften. Durch diese Sanktionen wurden wir aber noch frecher und bauten noch mehr Mist.
In der Grundschule war ich in den ersten vier Jahren hoffnungslos überfordert. In die Schule ging ich nur unregelmäßig, Hausaufgaben fertigte ich in den seltensten Fällen an. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mit meiner Mutter, geschweige denn mit meinem Vater gemeinsam Hausaufgaben gemacht oder für eine Klassenarbeit geübt hätte. Hin und wieder habe ich bei meinen Großeltern am Küchentisch meine Hausaufgaben angefertigt. Das lag daran, dass meine Oma eine sehr autoritäre Persönlichkeit war, von der es ab und zu eins mit der Küchenkelle auf den Hintern gab. Mein Opa war genau das Gegenteil. Das soll nicht heißen, dass wir bei ihm alles machen durften, aber er besaß eine natürliche Autorität und seine Art, wie er mit uns umging, imponierte mir. Und wenn es sein musste, zeigte er uns auch die Grenzen auf. Jedes Mal, wenn ich meine Großeltern besuchte, gab es von meiner Oma einen Löffel Honig. Sie sagte immer „Marcel, das ist gesund und stärkt die Abwehrkräfte“, und mir schmeckte er wunderbar. Es war auch jedes Mal ein tolles Erlebnis, mit meinem Opa in seinem Mercedes-Benz 200 D über die Avus zu fahren und anschließend in Tegel Eis zu essen oder am Tegeler See spazieren zu gehen. Auch an das sonntägliche Autowaschen kann ich mich noch gut erinnern; ich war immer mit Begeisterung dabei, und nach der anspruchsvollen Arbeit gab es stets ein Eis.
Auch zu meiner Tante und meinem Onkel hatte ich eine sehr emotionale Beziehung und war sehr gerne bei ihnen zu Besuch. Meine Tante arbeitete in der Zigarettenfabrik, und mein Onkel war bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) beschäftigt. Die beiden hatten eine Tochter, meine Cousine Manuela. Mein Onkel war ein begeisterter Fußballer und spielte mit meinem Vater in der gleichen Mannschaft. Sie waren beide gute Fußballer, und mein Vater wurde „Pille“ genannt, weil er so klein und wieselflink durchs Mittelfeld marschierte. Wir waren mit der gesamten Familie oft bei den Spielen dabei und feuerten die Mannschaft bedingungslos an, es war immer eine tolle Stimmung. Nach den Spielen wurde im Vereinsheim noch das ein oder andere Bierchen gezischt, und wir Kinder erfreuten uns an Eis und Pommes Frites, spielten Tischfußball und schauten gemeinsam um 18.00 Uhr die Sportschau. Meine Tante und mein Onkel waren auch sehr gute Kegler, und so freute ich mich jedes Mal wie ein Schneekönig, wenn ich zum Kegelabend mitgehen und ein paar Kugeln werfen durfte.
Mit der Familie feierten wir einige Male bei Onkel und Tante Weihnachten, und es war jedes Mal ein tolles Erlebnis; ich war immer ganz aufgeregt und konnte die Nacht vorher kaum einschlafen. Es gab zuerst traditionell das Weihnachtsmenü Gans mit Rotkohl und Kartoffeln. Dann ging mein Onkel in das Wohnzimmer und zündete die echten Kerzen am Weihnachtsbaum an. Um Punkt 18.00 Uhr läutete er mit der Glocke, und dann durften wir bei weihnachtlichen Klängen ins Wohnzimmer. Meine Geschwister und ich mussten immer ein Gedicht aufsagen, anschließend bekamen wir unsere Geschenke. Am Abend spielten wir mit unseren Geschenken, und ich war zufrieden und glücklich. Auch die unzähligen Kniffelabende sind mir noch gut in Erinnerung, es hat immer unheimlich Spaß gemacht, auch wenn mein Onkel meistens als Sieger das Spiel beendete. Aber ich war schon damals sehr ehrgeizig und gab nie auf, und hin und wieder gelang es auch mir, einen Sieg davonzutragen, dann war ich stolz wie Oskar. Mein Onkel und meine Tante waren auch hervorragende Köche, und so waren wir mindestens einmal im Monat am Sonntag zum Mittagessen bei ihnen. Ich werde nie die gefüllten Kohlrouladen mit Kartoffeln und einer atemberaubenden Soße vergessen, die mein Onkel zubereitet hat, ich habe bis heute keine so fantastischen Kohlrouladen mehr gegessen.
In meiner Kindergarten- und Grundschulzeit besuchte ich mit meinem Bruder öfters den Schülerladen in der Utrechter Straße 1 im Wedding. Obwohl dies so lange her ist, erinnere ich mich noch an die Betreuer Norbert und Christel und an unseren grünen, alternativen VW-Bus mit der Aufschrift „Atomkraft? Nein, danke!“ und an einige Demonstrationen, an denen wir mit den Betreuern und anderen Kindern vom Schülerladen teilnahmen. Die fand ich immer sehr aufregend und spannend. Es war Anfang der 80er Jahre, die Zeit, als die Partei der Grünen entstand, und die Betreuer standen voll dahinter. Norbert verstand sich sehr gut mit unserer Mutter, und er kannte unsere Verhältnisse. So hat er hin und wieder außerhalb seiner Dienstzeiten etwas mit mir und Lars unternommen, was ich jedes Mal in vollen Zügen genossen habe. Ich bewunderte Norbert immer sehr und dachte mir sehr oft, wieso kann das der Papa nicht auch mit uns machen.
Im Sommer war ich oft mit meiner Cousine Manuela, meiner Schwester Susi und meinem Bruder Lars im Freibad am Humboldthain in der Wiesenstraße im Wedding. Wir nahmen für den ganzen Tag Proviant mit: Stullen, hart gekochte Eier sowie etwas zu trinken, hin und wieder bekamen wir noch eine Mark mit, um uns ein Eis kaufen zu können. Um 19.00 Uhr schloss das Schwimmbad, und wir haben uns oft noch ein paar Mark verdient, denn sie suchten immer Freiwillige, die die Grünflächen von dem Müll befreiten, der sich im Laufe des Tages so angesammelt hatte.
Aber warum erzähle ich so viel von meinen Erlebnissen mit meinen Großeltern und mit Tante und Onkel? Es ist traurig, aber ich kann mich an fast gar nichts erinnern, was wir mit der ganzen Familie oder mit meiner Mutter oder meinem Vater alleine unternommen haben, außer zum Fußball zu gehen. Anfang der 80er Jahre wechselte mein Vater seine Arbeitsstelle, dies aber nicht freiwillig. Er wurde von seinem damaligen Chef gebeten, sich einen neuen Job zu suchen, da er es nicht mehr mit verantworten konnte, dass mein Vater als Bauarbeiter und zu der Zeit als sehr guter Kranführer in 30 Metern Höhe immer wieder in betrunkenem Zustand den Kran bediente und dadurch sich und seine Arbeitskollegen in Lebensgefahr brachte.
So fing mein Vater an, als Möbelpacker bei der Firma Timm im Wedding zu arbeiten, aber es wurde mit der Sauferei nur noch schlimmer und ging in rasendem Tempo bergab. Mein Vater kam immer öfters betrunken nach Hause und legte sich ins Bett, um seinen Rausch auszuschlafen. Er war nie gewalttätig gegenüber uns Kindern oder unserer Mutter außer bei der Aktion, als wir alles aus dem Fenster geworfen haben. Meine Mutter redete immer wieder mit meinem Vater wegen seines Alkoholproblems, dass es so nicht weitergehen könne und dass er mit der Trinkerei die ganze Familie zerstöre. Er zeigte sich dann sehr einsichtig und versprach immer wieder, mit dem Trinken aufzuhören. In den 13 Ehejahren, die er mit meiner Mutter verheiratet war – von 1969 bis 1982 –, nahm er an vier Entziehungskuren teil, aber er hatte nie den Willen und die Kraft, es länger als ein halbes Jahr durchzuhalten, und wurde immer wieder rückfällig.
Mein Vater hatte einen Stammkiosk namens Kolumba. Dieser Kiosk befand sich schräg gegenüber unserer Wohnung, ca. 200 Meter entfernt. Herr Kolumba freute sich natürlich über so einen zahlungskräftigen Stammkunden, und so war es keine Seltenheit, dass am Ende des Monats mal eben 600 Mark an Herrn Kolumba abgedrückt werden mussten, da Vater selbstverständlich anschreiben durfte. Ich war mit Lars oft genug dort, um Vater nach Hause zu holen. Das war uns jedes Mal äußerst unangenehm, besonders wenn wir dann noch zu ALDI gingen und Bier kauften und wir es dann für ihn nach Hause tragen mussten, weil er sich gerade selber noch auf den Beinen halten konnte. Sein Pegel stieg auf einen Kasten Bier pro Tag sowie ab und zu ein paar Schnäbelchen (Schnaps). Das Kuriose daran war, dass er dennoch in der Lage war, arbeiten zu gehen. Und seinen Möbelwagen, mit dem er täglich unterwegs war, beherrschte er noch immer bestens. Meine Mutter erzählte mir einmal, dass die Einfahrt, die zu seiner Firma führte, so eng war, dass gerade mal rechts und links zehn Zentimeter Platz waren. Als sie meinen Vater aber am Nachmittag von der Arbeit abgeholt hat, sauste er ganz lässig mit dem großen Möbelwagen durch das Tor, ehe er ihr volltrunken in die Arme fiel. Da die Trinkerei immer schlimmer wurde und wir schon seit Monaten keine Miete mehr zahlen konnten, mussten wir im Sommer 1981 unsere schöne Wohnung verlassen. Meine Mutter trennte sich daraufhin von meinem Vater.
Die Trennung von meinem Vater hat mir sehr wehgetan, und sie beschäftigt mich noch heute gelegentlich. Einen liebevollen, gutmütigen, sympathischen und arbeitsamen Menschen zu sehen, der alles hatte – eine tolle, attraktive Ehefrau, vier gesunde Kinder, einen gut bezahlten Job – und auf einmal ganz alleine war, nur noch seine Flasche hatte und sich nur noch selber helfen konnte, das hat mich sehr traurig gestimmt. Noch heute denke ich hin und wieder an meinen Vater, und ich habe mir immer gewünscht, er hätte sich mehr mit mir beschäftigt. Ich hätte gerne auch alles das gemacht, was die anderen Jungs mit ihren Vätern machten: schwimmen, Fußball spielen, Rad fahren, im Wald toben, Spieleabende, Gute-Nacht-Geschichte vorlesen oder einfach nur mal von Vater zu Sohn reden oder gemeinsam rumtoben.
Zu fünft zogen wir im Wedding in eine 3-Zimmer-Wohnung in der Grenzstraße 5. Nun hausten wir im Obdachlosenasyl, in dem Menschen der sozialen Unterschicht lebten. In dem Haus gab es einen Pförtner, der dafür zuständig war, dass sich nicht Leute im Haus herumtrieben, die dort nicht wohnten, und er verkaufte auch die Strommarken, die fünf Mark gekostet haben und die uns für drei Tage mit Strom versorgten. Da das Geld vorne und hinten nicht reichte und meine Mutter lieber etwas zu essen für uns kaufte, war es keine Seltenheit, dass wir im Dunkeln zu Hause saßen, aber Gott sei Dank gab es ja wenigstens Kerzen. Dass der Fernseher nicht ging, interessierte uns damals überhaupt nicht, da ich mit meinem Bruder immer auf der Pirsch war. Am Haus war ein Fußballplatz, wo wir den ganzen Tag mit anderen Kindern bolzten, oder wir waren im Humboldthain schwimmen, kletterten die Millionenbrücke bei meiner Tante im Ortsteil Gesundbrunnen hoch oder trieben uns einfach nur auf der Straße herum.
