Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Lara und Aquilino lernen sich schon mit 15/17 Jahren in Spanien kennen. Doch sie verlieren sich durch die Einmischung von Laras Vater. Dennoch gibt es für ihre große Liebe eine zweite Chance. Eine bittersüße Lovestory zwischen dem Spanier Aquilino und der Berlinerin Lara. Dieses kleine Buch macht Lust zu lieben und geliebt zu werden.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Ein junges Herz und ein reiner Geist! Faszinierend dieses Gesicht, mit dem Schmelz der jugendlichen Unschuld in den Augen.
Aber auch ein Fragen und Wünschen.
Fast noch ein Junge, aber schon auf dem Sprung –
Diese Gedanken drängten sich mir beim Betrachten der alten Fotos auf. Auch das, was ich damals als 16jährige empfand, steht wieder überdeutlich vor meinen Augen.
Aber ich greife vor.
Endlich hatte mein strenger Vater zugestimmt.
Ich durfte die Ferien bei meinem Patenonkel Freddie in Spanien verbringen. Ich glaubte, den Geruch von Freiheit und Meer wahrzunehmen. Das Wispern von Abenteuern und Lebenslust. Hoffentlich nennt er mich nicht mehr Moritz, dachte ich, denn diesen Namen hatte er mir wegen meiner kindlichen Streiche vor Jahren gegeben.
Urlaub im Ausland.
Ich fuhr ganz alleine mit dem Zug. Eine Reise von etwa 2500 km Richtung Südwest. Seltsamerweise war ich nicht besonders aufgeregt, nur gespannt, was mich erwarten würde. Vor Ungeduld trippelte ich mit den Füssen unablässig auf den Boden des Abteils. Die ersten Kilometer verflogen schnell und ich betrachtete meine Mitreisenden, zwei ältere Paare – Na ja, ich hatte auf jüngere Leute gehofft.
Die Kontrollen der DDR Organe waren bald überstanden.
Glücklicherweise, denn ich erinnerte mich an eine Kontrolle, die ich mit meinen Eltern einige Jahre zuvor erlebt hatte, bei der die Vopos das Auto mit Spiegeln von unten überprüften und im Tank herumstocherten.
Wir mussten aussteigen, wurden genauestens untersucht. Meine Mutter und ich wurden in ein anderes Zimmer geführt; wir sollten uns total entkleiden, was mir, als 13jähriges Mädchen, sehr unangenehm war. Als ich fragte, „warum ich mich ausziehen soll“, wurden die uniformierten Frauen sehr bedrohlich. Wir weigerten uns, woraufhin wir vier Stunden in dem Raum festgehalten wurden.
Erst als mein Vater draußen anfing zu schreien und nach einem Vorgesetzten zu rufen, wurde uns endlich gestattet, zum Auto zurück zu gehen. Die Autositze standen ausgebaut neben dem Wagen und wir sollten sie selbst wieder einbauen. Zu unserem Glück erschien ein Verantwortlicher, dem wir erklärten, nun schon mehr als fünf Stunden schikaniert zu werden. Nach einigem Zögern gab er jedoch den Befehl, die Sitze wieder einzubauen und uns weiterfahren zu lassen.
Diesmal warfen uns die Vopos nur misstrauische Blicke zu, was ich mit dem Gedanken abtat, sie wären sicher neidisch. Denn wir konnten reisen und sie mussten in ihrem gelobten Land bleiben.
Mein Ziel: Spanien!
Noch immer war ich erstaunt, überhaupt im Zug zu sitzen, denn mein Vater war alles andere als großzügig, was meine Freiheiten betraf. Sicher war das alles der Fürsprache von Mutti und Onkel Freddie zu verdanken. Mein Onkel hatte sich 1962 eine Appartment-Pension in Segur de Callafell gekauft, wie exotisch allein der Name klang.
Ich war alleine auf dem Weg nach Spanien.
Ich fühlte mich sehr erwachsen.
Jede Minute dieser Reise wollte ich genau in Erinnerung behalten, um alles später meiner Freundin Gundula erzählen zu können. Sie hatte mehrmals gefragt, ob ich denn keine Angst hätte, so alleine?
Aber Angst empfand ich überhaupt nicht.
Nur erwartungsvolle Neugier!!
Ich war wohl eingenickt, denn jetzt saß eine Familie mit zwei Kindern im Abteil. Sie sprachen Spanisch, wie aufregend.
Als das Tageslicht durch die Vorhänge blinzelte wurde mir bewusst, mehrere Stunden verschlafen zu haben.
Die Mutter richtete gerade ein Frühstück her: Weißbrot, beträufelt mit etwas Öl, Tomaten und Scheiben einer roten Salami ähnlichen Wurst.
Interessiert beobachtete ich die Vorgänge und holte meine Tüte mit Äpfeln hervor. Sobald sie mein Erwachen bemerkt hatte, sprach sie mich auf Spanisch an, alles sehr schnell und unter Einsatz von Händen und Füssen.
Lächelnd bot sie mir Wein aus einem Lederbeutel an. Ich lehnte mit einem verständnislosen Blick ab, worauf sie mir vorführte, wie man aus dem Beutel trank ohne sich zu bekleckern.
Schwungvoll hob sie den Beutel über ihr Gesicht, legte den Kopf in den Nacken und goss sich einen dünnen Strahl Wein in den Mund. Ich versuchte zu erklären, dass meine weiße Bluse der Grund war, warum ich es nicht versuchen wollte.
„Si, si comprende“ (ja, ja verstehe) war ihre lachende Antwort. Ich lächelte der Familie zu, was die Mutter veranlasste, sich vorzustellen. „Yo Pilarin“ – verstand ich zuerst nicht, aber Mimik und Gestik erklärte schließlich alles.
„Ich bin Lara aus Berlin“, versuchte ich mit meinen wenigen spanischen Worten zu erklären. „Ah de Berlin, comprende“ (verstehe).
Schließlich aßen wir zusammen.
Pilarin, Miguél, der Vater, Isabella und Pedro, die Kinder.
Ich war erleichtert, dass meine Äpfel für alle reichten.
Gesättigt versuchten wir ein Gespräch. Woher, wohin und der Grund der Reise und wohl unvermeidlich warum ich alleine reiste.
Damit vergingen die Stunden schnell, denn oft wurde das Wörterbuch bemüht. Isabella und ich machten einen kleinen Spaziergang im Zug. Als wir zurückkamen, dösten die anderen und ich sah mir mit der Kleinen ein Buch an, um dann auch einzunicken, mit dem Kind auf meinem Schoss.
Als der Zug in Perpignan einfuhr, mussten wir alle umsteigen, denn in Spanien gab es eine andere Spurbreite der Schienen. Meine spanischen Reisebegleiter fuhren jetzt in eine andere Richtung; wir verabschiedeten uns eilig, denn mein Zug wurde aufgerufen.
Mühsam versuchte ich meinen Koffer ins Netz zu stemmen, als mir ein älterer Mann über die Schulter griff, um zu helfen. Als ich mich bedanke, sagt er „siempre por la rubia bonita.“ (immer gerne für eine hübsche Blondine) - Die Weiterfahrt bis Barcelona Termino verging schnell. Mir gelang der Umstieg in einen Bummelzug, der mich ans Ziel meiner Reise bringen sollte.
SEGUR DE CALLAFELL…Endlich angekommen!
Auf den Stufen vor dem Bahnhof saß ein alter Mann.
An einem Seil döste ein Esel vor sich hin. Der alte Mann konnte mir den Weg zur calle (Straße) 472 zeigen.
Der Esel trug mein Gepäck.
Auf mein Klingeln öffnet jedoch niemand.
Müde wie ich war, zog mich die Hollywood-Schaukel seitlich vom Eingang magisch an. Mit einem Seufzer legte ich mich hin und war schnell eingeschlafen.
„Hallo Moritz aufwachen!“
„Oh hallo Onkel Freddie, wie du siehst, bin ich gut angekommen und müde.“
„Warum hast du nicht geklingelt?“
„Habe ich doch. Wollte euch aber nicht durch weiteren Lärm aufwecken.“ -
„Komm, ich zeige dir dein Zimmer.“
„Nenne mich aber bitte nicht mehr Moritz. Ich bin doch kein Kind mehr.“
Am nächsten Morgen weckte mich die Sonne früh.
Gleich sprang ich aus dem Bett, hinein in den Bikini und rannte zum Strand. Schon aus der Entfernung hörte ich die Wellen ans Ufer schlagen. Den Geruch des Meeres in der Nase, stürzte ich mich in die Wellen. Das Wasser war herrlich warm.
Ich empfand dies alles als reinen Luxus.
Bei der Rückkehr beeilte ich mich, denn Doris, meine nur zehn Jahre ältere Tante, wollte mich hier besuchen und einige Zeit mit mir verbringen. Als ich in der Pension ankam, sah ich sie schon mit Freddie sprechen.
Superblond und chic wie immer, begrüßte sie mich herzlich.
„Mein Gott bist du erwachsen geworden, fast schon eine richtige Frau.“
„Du hast immer schon die nettesten Komplimente gemacht.“
Spielerisch zog sie an meinem Pferdeschwanz.
„Lasst uns frühstücken“, rief Freddie dazwischen.
„Ich ziehe mir nur etwas Trockenes an“, rief ich und rannte nach oben.
Der Tisch war schon gedeckt und von einem großen Orangenbaum beschattet, genoss ich meinen den Beginn meines ersten Urlaubstages. Der Kaffee war köstlich und ich lernte gleich ein neues spanisches Wort, denn ich trank ihn mit Zucker (azucar).
Später setzten sich zwei weitere Gäste zu uns und wir verbrachten einen schönen Morgen.
„Gehen wir an den Strand“, schlug Doris am nächsten Morgen vor und wir brachen gleich auf.
„Wir essen bei Pedro am Strand und verbringen den Tag dort.“
Mein Onkel war einverstanden und versprach, später nachzukommen. Im Super-Mercado kauften wir noch Sonnenschutz und einen sombrilla (Sonnenschirm).
Wir verbrachten einen wunderschönen Tag mit Frisbee spielen, schwimmen und Juan, dem Sohn von Pedro. Vorsichtig trugen wir nach jedem Bad neuen Sonnenschutz auf, denn wir waren beide sehr weißhäutig. Als wir hungrig wurden, gingen wir zu der Strandbar.
Ausgestattet war sie mit einem riesigen Mittelherd, der den Gästen Einblick bei der Herstellung der Speisen ermöglichte. Wir saßen dabei an einem Tresen, rund um die Kochstelle herum.
„Der Chef empfiehlt für heute Knoblauchhuhn.“
Wir beobachteten mit wachsendem Appetit die Zubereitung.
In der Zwischenzeit erzählte uns der Kellner von seinen Zukunftsplänen. Dann ist Freddie dazugekommen und wurde begrüßt wie ein Einheimischer.
„Der Kellner ist ein Schlitzohr“ meinte er lachend, „er spart seit zwei Jahren auf eine Vespa und hofft durch seine Geschichten auf ein höheres Trinkgeld.“
„Nächstes Jahr werde ich kaufen“, versuchte dieser sich in Deutsch und strahlte über das ganze Gesicht in seiner Vorfreude.
Interessiert beobachte ich den Koch, der auf höchst unübliche Weise das Huhn zerteilte. Nicht in Keule und Brust usw. sondern quer durch Fleisch und Knochen mit etwa 10 Knoblauchzehen, Salz, Paprika und Ingwer gewürzt. Der Geschmack aber war einfach unbeschreiblich, super delikat.
Danach spendiert Doris eine „Cuba libre für Teenies.“ Viel Eis, Zitronensaft, eine Scheibe Zitrone, dazu ein paar Spritzer Bacardi.
Satt und zufrieden trotteten wir später zurück.
„Wollen wir Montag Palmira besuchen?“
„Palmira? ist das die Spanierin aus dem Zug?“
„Ja genau, Palmira und José habe ich vor fünf Jahren auf ihrer Hochzeitsreise kennen gelernt. Wir haben viele Stunden zusammen im Zug verbracht und sie haben mich eingeladen, sie zu besuchen.“
„Gestern habe ich sie angerufen, sie ist vor Freude fast durch den Draht gesprungen. Sie erwartet uns morgen.“
„Uns?“ fragte ich.
„Ja uns, ich habe von dir erzählt und sie hat darauf bestanden, dass du mitkommst. Übrigens hat Palmira drei Brüder, einer schöner als der andere.“
„Oh, na gut ich komme mit“ erwiderte ich lächelnd.
Der Urlaub ließ sich wirklich gut an.
Entspannt und wohlig faul schaukelte ich noch lange im LKW-Reifen. Unter dem Orangenbaum sitzend, besprachen wir nach dem Frühstück, welchen Zug wir nehmen sollten und wo wir umsteigen müssten.
„Unsinn Mädels, ich bringe euch hin, da kann ich auch gleich sehen, ob die Leute in Ordnung sind.“
„Prima“ rief ich, „wann brechen wir auf?“
„In etwa einer Stunde, habt ihr Gastgeschenke?“
„Ja, natürlich!“ - „Na dann los.“
Zuerst fuhren wir die Uferstraße am Meer entlang, unzählige Kurven bei Sitges, dann nach Westen ins Katalanische Hinterland. Nach etwa zwei Stunden waren wir am Ortsrand von Tarrasa.
Jetzt noch Largo Passa finden.
Nach einigen vergeblichen Runden durch den Ort, fragte ich einen Lieferfahrer, der uns hinbrachte, indem er uns voraus fuhr.
Zum Abschied winkten wir uns zu.
Doris betätigte den Türklopfer, eine Frau öffnete. Sieht nett aus dachte ich gerade, als sich hinter ihr ein Mann durchdrängelte.
„Perdona me y buenos dias, señores“, (verzeihen sie mir und guten Morgen meine Herrschaften) uns anstrahlte und eilig verschwand.
„Mein Bruder Antonio“, erklärte sie. „Er kommt später zurück.“
„Hast du gesehen, wie toll der aussah?“
„Ich bin ja nicht blind“ antwortete Doris.
Palmira winkte uns herein und stellte ihren Mann José vor. Netter Mann, dachte ich gerade, als eine weitere Person auftauchte. Der Traumtyp überhaupt.
Ich schnappte nach Luft als er mich ansah.
Mandelförmig geschnittene Augen, die mich erstaunt und neugierig ansahen. Er starrte mich an, und ich konnte nicht anders, ich starrte zurück, sehr erstaunt, als würden wir uns schon lange kennen.
Doris stieß mir den Ellenbogen in die Rippen und wir unterbrachen zwangsläufig, wenn auch ungern, den Augenkontakt. Palmira unterdrückte ein Lachen und stellte uns ihren Eltern vor.
Ein herzliches Paar, der Mann wie ein älterer Antonio und die Mama, etwas rundlich, schöne, volle Haare und ein einnehmendes Lächeln. Wir begrüßten sie. Nie werde ich ihren Blick vergessen, den sie ihrem Sohn und mir zuwarf.
Ein Schwall spanischer Worte prasselte auf uns nieder.
„Seid doch mal ruhig“, sagte der schöne Junge plötzlich und weil er in gebrochenem Deutsch sprach, waren alle still.
„Ich AQUILINO“, wandte er sich direkt an mich und legte dabei die Hand an seine Brust.
„Ich bin Lara“ stotterte ich, überwältigt.
Wie erwachsen er klang.
„Und ich bin Doris, du bist also Aquilino“.
Fragend sahen wir Palmira an.
„Er ist mein kleiner Bruder“, erklärte sie „und anscheinend schwer beeindruckt!“
Wir beide liefen vor Verlegenheit rot an.
Die Mutter warf ihm einen strengen Blick zu und schickte ihn in den Keller zum Wein holen.
„Das ist mein Onkel Freddie“ erklärte ich verlegen, „er hat uns hergefahren“. Er begrüßte die Familie auf Spanisch, was wieder einen Redeschwall auslöste.
Die Mutter dirigierte uns in den hinteren Garten. Dort gab es eine Feuerstelle und ein Wasserbecken. Vom Überdach hing ein großer Vogelkäfig. Ein Kräuter- und Gemüsegarten. Sowie ganz hinten einen Stall mit verschiedenen Tieren.
Ich drehte mich um, weil mich jemand an der Schulter berührte und ich sah wieder in diese Augen, die Sonne schien seitlich hinein, sie leuchteten in einem dunklen Grün, einmalig, wunderschön! Eigentlich waren sie mir braun vorgekommen und jetzt dieses Grün.
Was passiert hier?
Warum fühlte ich mich so magisch verbunden mit einem Fremden, mit Aquilino? So als wären wir uns schon einmal begegnet, in einem anderen Leben, vor sehr langer Zeit.
In einem anderen Leben?
„Tus ochos son mui bonito, (deine Augen sind sehr schön) flüsterte er; ich verstand nur Bahnhof.
Später fragte ich Freddie.
„Das war wohl Liebe auf den ersten Blick was?“ fragte er spöttisch. „Aber du weißt, das geht nicht. Klar?“
„Ja, ja“ stotterte ich. „Ich kenne ihn doch erst 15 Minuten.“
„Ich erkenne Vernarrtheit wenn ich sie sehe“, sagte er lakonisch. Ich sah zurück über meine Schulter – er starrte mich immer noch an, mit einem Staunen auf seinem schönen Gesicht.
Was passiert hier, ich war völlig verwirrt.
Hilfesuchend fragte ich Doris: „Was passiert hier?“
„Ihr habt euch verknallt“, sagte sie.
„Und nun?“
„Nichts und nun, ihr beide seid viel zu jung. Aber ich verstehe dich. Er ist …“ mit einem kleinen Lächeln verdrehte sie die Augen.
„Ich ahne Probleme mit euch beiden!“
Wir wurden zu Tisch gebeten. Es gab Tapas, Rotwein und Wasser. Durstig trank ich mein Glas aus. Aquilino drängelte sich gleich auf den Platz neben meinem, was ihm einen strengen Blick seiner Mutter eintrug. Mit Hilfe des Wörterbuches versuchten wir ein Gespräch zu führen. Immer unter Beobachtung der ganzen Familie.
Was für ein Tag dachte ich später, während der Rückfahrt.
Seine letzten Worte waren „wann sehen wir uns wieder und wie lange bleibst du noch in España?“ Noch zehn Tage, zeigte ich mit Hilfe meiner Hände bei der Abfahrt.
Was war das eigentlich?
Während der gesamten Rückfahrt grübelte ich darüber nach.
„Na, dir hat es wohl total die Sprache verschlagen“, flüsterte Doris in mein Ohr.
Als wir ankamen, wollte ich mich nur noch in die Fluten stürzen und rannte gleich an den Strand. Ich wollte alleine sein und nachdenken – eigentlich in Erinnerungen schwelgen. Aquilino, der schöne spanische Junge ging mir nicht mehr aus dem Sinn.
Als Doris drei Tage später nach Granada weiterfuhr, sagte sie noch zum Abschied: „Sei vorsichtig. Der Aquilino ist, glaube ich, ein ganz besonderer Junge, ehrenhaft und stolz.“
Den nächsten Vormittag verträumte ich am Strand.
Nachmittags wollten wir ausreiten.
Ich freute mich schon sehr darauf.
Die Luft flirrte vor Hitze. Allerdings hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass der Ausritt ein Ablenkungsmanöver von Freddie war.
„Hast du Appetit auf Salat mit gebratenen Hühnerstreifen? Ich kann ihn zubereiten.“ Meine Frage wurde von ihm mit einem überraschten Lächeln bejaht.
„Das war wirklich sehr lecker“, lobte Freddie mich anschließend.
Wohlig satt im Reifen schaukelnd, lauschte ich der Musik vom Restaurant nebenan. Ein Konzert mit Grillen und Gitarren. Faul legte ich mich in die Hollywood-Schaukel und sah in den Himmel. Noch niemals zuvor hatte ich so viele Sterne gesehen, wie Diamanten auf Samt.
Ich war alleine im Haus. Meine Gedanken wanderten nach Tarrasa. Die Erlebnisse dort mit Aquilino stürzten mich in eine fieberhafte, romantische Phantasie.
Mein Urlaub war schöner, als ich es je zu hoffen gewagt hatte.
Am nächsten Morgen lernte ich am Strand eine Gruppe Schweden kennen. Sie spielten Volleyball und forderten mich auf, mitzuspielen. Später versuchten wir ein Gespräch in Englisch. Unter einigem Gelächter stellten wir fest, alle ziemlich nachlässig im Englisch-Unterricht gewesen zu sein. Wir versuchten uns an eine spezielle Bezeichnung im Tennis zu erinnern.
Quer rüber Schlag, schlug eine große Brünette unter Lachen vor.
„Crossline“ sagte eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um.
„Aquilino, wo kommst du denn her“, rief ich aufspringend.
„Ich wollte dich sehen! Hast du einen boyfriend hier?“
„Ich habe sie alle erst vor zwei Stunden kennengelernt.“
„Das ist Aquilino, mein spanischer Freund.“
„Hi Aquilino,“ versuchte sich die Brünette, aber es klang ziemlich skurril in ihrem skandinavischen Akzent.
„Vamos a la playa?“ (gehen wir zum Strand) fragte er.
„OK, gehen wir. See us“, rief ich noch kurz zu den Schweden herüber und lief Aquilino nach über den heißen Sand, zum Wasser hin.
„Erzähle, wie kommst du hier her?“
„Mit Armandos Vespa, er ist mein Freund und wartet bei Pedro.“
Wir versuchten uns in einer Mischung von deutsch, spanisch und englisch.
„Wissen deine Leute, dass du hier bist?“
Lächelnd schüttelte er den Kopf.
Wie schön seine Lippen sind, dachte ich. Wir standen ganz dicht beieinander und sahen uns fragend in die Augen.
„Deine Haare so schön rubio (blond). So schön lang und mui rubio.“ (so schön hellblond)
„Ist das deine Gitarre?“ fragte ich stockend vor Aufregung.
„Si.“
„Spielst du mir etwas vor?“
„Si, aber ich übe noch.“
„Welche Musik magst du am liebsten?“
„Rock ‘n Roll, aber die Jungs aus meiner Band sagen, ich soll lieber die Balladen singen, wegen meiner Stimme.“
„Du singst und spielst in einer Band, das ist ja toll.“
Wir saßen auf einem Felsen am Strand und jeder träumte seinen Traum. Ich träumte, wie schön es wäre, wenn er mich küssen würde. Ich stellte mir vor, er würde wie Zartbitter-Schokolade schmecken.
„Spielst du mir etwas vor?“ fragte ich noch einmal.
Etwas sehr vertrautes war zwischen uns, ich konnte es mir nicht erklären – so als würden wir uns schon lange kennen.
Immer wieder sahen wir uns verwundert in die Augen, auf der Suche nach einer Antwort, von der wir die Frage noch nicht einmal kannten.
Aquilino zupfte einige Akkorde und spielte dann eine Melodie voller romantischer Sehnsucht, bei der mir Schauer über den Rücken liefen. Ich glaube, ich verliebte mich in diesem Moment in Aquilino, den schönen spanischen Jungen.
„Wie alt bist du eigentlich?“
„Ich bin fast 18 und du?“
„Ich bin 16.“
Ich setzte mich in den weichen Sand.
Er sah mich sehr sehnsüchtig an, während er mir einen spanischen Popsong vorsang. Seine Stimme war ganz besonders, irgendwie rau aber so verführerisch. Während der ganzen Zeit hatte er mich nicht aus den Augen gelassen.
Im Liedtext hieß es, ich weiß noch gar nichts von dir, nur dass du wunderschön bist, wiederholte er und ließ die Gitarre sinken und kam auf mich zu.
„Ich möchte dich küssen“, obwohl er Spanisch sprach, verstand ich ihn genau. Unsere Lippen tasteten sich vor und fanden sich endlich sehr zärtlich, sehr unschuldig.
Atemlos sahen wir uns an, in den Augen grenzenloses Staunen und Suchen. Heftig umarmte er mich und ich spürte zum ersten mal Verlangen. Wir hielten uns umklammert und jedes spanische Wort, welches er mir zuflüsterte, war so wundervoll.
Langsam bekam ich Angst vor meinen eigenen Gefühlen.
Er schien auch sehr aufgewühlt von seinen Gefühlen.
Was, wenn?
Einerseits wünschte ich, niemand möge uns stören aber andererseits wusste ich nicht, ob Aquilino sich zurückhalten konnte, so heftig drückte er sich an mich und berührte meinen Busen.
„Halt Aquilino, nicht so stürmisch!“
Nur zögernd ließ er mich los. Er atmete sehr heftig ein und aus.
„Warum, es ist so schön.“
„Wir sind viel zu jung und kennen uns erst so kurz.“
„Wenn du wiederkommst, zeige ich dir mein Haus!“
„Wiederkommst – dein Haus, was meinst du?“
„Ich habe ein kleines Haus geerbt.“
„Wo steht es?“
„In Tarrasas.“
„Du bist nur noch wenige Tage hier, wann kommst du zurück?“
„Das weiß ich nicht genau, es kommt auf meinen Vater an.“
Das schien er sofort zu verstehen, denn er nickte.
Mit einem Finger berührte ich sein Gesicht, strich über seine Stirn, mit dem Daumen über seine Lippen. Es gefiel ihm sehr, denn er zitterte. Ich wollte diese Lippen küssen. Das war wohl in meinen Augen zu lesen, denn langsam und zärtlich berührte er meine Lippen und sein Atem ging immer heftiger.
„Ich glaube, ich habe verliebt, das erste Mal“, flüsterte er.
Es wurde langsam dunkel und sein Freund kam den Strand entlang auf uns zu.
„Señorita, Quino, (Spitzname) wir müssen zurück.“
Langsam, Hand in Hand gingen wir zurück zur Straße.
Wir wollten uns nicht loslassen. Hinter einem Baum verborgen, küssten wir uns zum Abschied.
„Ich will hier bei dir bleiben“, flüsterte er mir zu.
„Na, dich hat es ja mächtig erwischt“, lästerte sein Freund lachend. „Na, das habe ich dir doch gesagt.“ - „Na, bei der schönen rubia kein Wunder“, erwiderte er lachend und stieg auf seinen Roller.
„Komm bald wieder“, rief Aquilino mir noch zu, „ich schreibe dir.“
Ich fühlte Traurigkeit in mir aufsteigen. Lange winkte ich ihnen noch nach, denn Aquilino, dieser Verrückte, saß verkehrt herum auf dem Roller um mich noch lange zu sehen, wie er mir später in einem Brief schrieb.
Zum ersten Mal spürte ich: „Sehnsucht tut weh!“
Am letzten Abend meines Urlaubs rief mich Freddie ans Telefon: „Dein Verehrer ist dran!“
„Aquilino?“ fragte ich aufgeregt.
„Si, mi rubia guapa (meine hübsche Blondine). Soy mui triste (ich bin sehr traurig). Wann du kommen zurück, cuando querida (wann Liebste)?“
„Vielleicht nächstes Jahr.“ - „Jetzt mir bleibt nur die Erinnerung an deine Lippen in meine Gedanke. Schreiben schnell! Muchos besos para ti (viele Küsse für dich).“
Bei meinem Abschied von Freddie und seiner Bemerkung, „na dann bis nächstes Jahr, du wirst ja sehnsüchtig erwartet,“ fragte ich bittend: „Hilfst du mir bei Papa?“
„Na ja, werde ich schon machen, ihr wart ja anständig.“
„Danke, danke für alles.“
Der Zug Richtung Deutschland setzte sich in Bewegung.
Ich konnte nur denken „ich will hier bleiben“.
Traurig sah ich die Landschaft an mir vorbeiziehen. Bis schließlich auch das Meer aus meinem Blick verschwunden war.
Meine Rückreise war trist.
Es grauste mir vor Mathe- und Physikklausuren. Alle anderen Fächer waren in Ordnung. Aber gerade auf diese beiden Fächer legte mein Vater so großen Wert.
Mutti holte mich vom Bahnhof Zoo ab.
„Na, mein Kind“ fragte sie nach der Begrüßung, „waren deine Ferien schön?“
„Oh ja, sehr schön, ich habe mit Doris diese spanische Familie besucht.“
„Und hast du auch dein Spanien kennengelernt? Seit deinem 5. Lebensjahr hast du uns bekniet, mit dem Wunsch: Mama, Papa ich will nach Spanien! Du hattest den Wunsch Spanien zu sehen, bevor du überhaupt wusstest, was und wo Spanien ist. Erst ca. 10 Jahre später wurde diese Idee geboren, die dann für dich zur Gewissheit wurde. Du warst überzeugt, schon einmal gelebt zu haben, und zwar in Spanien. Hat sich denn deine Überzeugung verstärkt oder hat sie sich erledigt?“
Gespannt wartete meine Mutter auf die Antwort.
„Ach, weißt du Mutti, einmal hatte ich den Eindruck, eine Person schon zu kennen.“
„Du hast übrigens schon Post aus Spanien!“
„Von wem denn?“ fragte ich aufgeregt.
„Familie Santana steht auf dem Umschlag.“
„Das sind sie, Doris‘ Freundin Palmira und ihre Familie.“
Schnell lief ich in mein Zimmer; zuerst wollte ich meine Post lesen. Ein dicker Brief lag vor mir, ich betastete den Umschlag. Eilig riss ich ihn auf und entnahm eine Karte mit einer Flamenco-Tänzerin, deren Kleid aus Stoff aufgenäht war.
Geliebte Lara, Ich befehlen Postkarte nachtragen a Berlin, wie die Erinnerung von España y von eine Freund, welcher viel von dir wollen y denken an dir. Dein Freund mit jeder Zuneigung (Liebe). Aquilino
Ach, du bist super, mein Aquilino. Ich küsste die Karte inbrünstig ab und sprang im Kreis vor Freude. Meine Stimmung hatte sich schlagartig gebessert. Sofort ging ich los, um Luftpostpapier zu kaufen; dass die Karte schon hier war, bedeutete – er hatte sie gleich nach seinem Besuch in Segur de Callafell, abgeschickt.
Nach meinem Einkauf bewaffnete ich mich mit dem Wörterbuch um eine Antwort zu entwerfen. Nicht zu überschwänglich werden, nahm ich mir vor. Hoffentlich habe ich die richtige Mischung zwischen Freundschaft und Gefühlen gefunden, dachte ich zum X-ten Mal, als ich zur Post rannte, um eine besonders schöne Marke zu kaufen. Ich höre noch heute das Geräusch, als der Brief in den leeren Postkasten fiel.
Nun begann das Warten auf die Antwort.
Onkel Freddie hatte wohl einen Bericht geschickt, denn mein Vater führte eine seiner üblichen Befragungen durch.
„Wer sind die Santanas und wer ist Aquilino?“
„Das sind Freunde von Doris und Aquilino ist der jüngste Sohn der Familie.“
„Und?“ fragte er.
„Nichts und wir waren absolut anständig.“
„Na, wollen wir es hoffen“, sagte er misstrauisch.
„Du weißt was passiert, wenn du mich anlügst!“
„Ja, das weiß ich genau, dann holst du die Hundeleine. Ich habe heute noch blaue Flecken vom letzten Mal.“
Mein Schulalltag kehrte mit Macht zurück.
Was Aquilino jetzt wohl macht?
Doris hat geschrieben und nach Aquilino gefragt.
„Was macht denn dein süßer Spanier?“
Wüsste ich auch gerne! Zu meinem Geburtstag kam ein kleines Päckchen mit einem Brief.
Aufgeregt öffnete ich die Post.
Es war ein Silberkettchen mit einem Anhänger, ein unregelmäßig geformtes Herz. Sofort legte ich sie an und beschloss, sie nie wieder abzunehmen.
Sein Brief war bezaubernd aber auch verwirrend. Ich Sonntag gehen mit Band spielen und tanzen, y denken viel an dir. Jeden Sonntag ich suchen Mädchen wie du, aber nicht finden, du sein unterschieden, Lara, ich mir verliebt von dir und immer denken an dir.
Er sucht ein Mädchen.
„Was ist, wenn er eins findet?“ dachte ich erschreckt.
Mit klopfendem Herzen erinnerte ich mich an die Tage in Spanien, an die Melodie, die das Meer für uns sang, den sehnsüchtigen Klang der Gitarre.
Meine erste Klausur hatte ich ziemlich in den Sand gesetzt, im allerbesten Fall würde eine 3,5 dabei herauskommen. Mein Vater hatte schon angemahnt, „wenn deine schulischen Leistungen nachlassen, wird es keinen Spanien-Urlaub mehr geben. Ich will keine vier auf deinem Zeugnis sehen.“
Heute kommt Gundula mich besuchen. Wir hatten bereits über vier Stunden miteinander telefoniert. Auch die Urlaubsfotos waren fertig. Sehr gespannt war ich auf die Fotos mit Aquilino am Strand. Gleich im Fotogeschäft sah ich sie durch.
Mann, war er fotogen.
„Du siehst umwerfend aus, flüsterte ich seinem Foto zu. Man könnte sagen, du bist schön.“
Ich war schon sehr gespannt auf Gundulas Reaktion. Ich legte schon einmal die Platte von Perez Prado auf, die ich mitgebracht hatte.
„Mama guck mal, das ist Aquilino.“
„Na, das ist aber ein schöner Junge“ sagte sie anerkennend. „aber die Fotos zeigen wir Papa lieber nicht.“
„Meinst du, ich könnte nächstes Jahr die Filmkamera mitnehmen?“
„Was heißt nächstes Jahr?“
„Na, ich dachte“ –
„Ich glaube nicht, dass Papa das erlaubt.“
„Was, warum denn nicht?“
„Wegen der Noten und dem Aquilino.“
„Aber wir waren absolut brav“, schrie ich meine Mutter an.
„Du weißt doch, wie Papa ist.“
Ich war total sauer, denn ich hatte schon Pläne gemacht. Ich wollte Aquilino unbedingt wiedersehen! Es klingelte, ich rannte zur Tür, um alles mit Gundula zu besprechen.
„Da bist du ja endlich“ empfing ich sie.
„Was ist denn los, bist du sauer?“
„Und wie. Meine Eltern wollen mich nächstes Jahr nicht nach Spanien lassen.“
„So ein Mist“, pflichtete sie mir bei.
„Ich habe die Fotos, sieh mal.“
„Teufel auch, sieht der toll aus. Jetzt verstehe ich dich besser. Mit der Gitarre wirkt er wie ein Popstar.“
„Wie Elvis“ schlug ich vor, denn Elvis war zu diesem Zeitpunkt mein absoluter Liebling. Noch stundenlang quatschten wir über alles. Zuletzt hatten wir einen Plan ausgetüftelt, wie ich meinen Vater umstimmen konnte. Gleich am nächsten Tag begann ich, ihn zu bearbeiten. Es war unbedingt nötig, meine Zensuren zu verbessern. Also meldete ich mich zum Mathematik-Kurs an.
Als ich es ihm erzählte, sagte er nur „gut, gut.“
Ich werde versuchen, Aquilino alles zu erklären. Ich hoffe, dass er mich versteht. Und wie er mich verstand.
Zehn Tage später hatte ich seine Antwort.
