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Entdecke einen zauberhaften, humorvollen Liebesroman voller Fantasie und Emotionen. Wovon träumst Du nachts? - Aurora weiß es. Sie ist Traumgestalterin und liebt ihren innovativen Job. Jede Nacht reisen Schlafende in Auroras zauberhaft gestaltete Welten und sehen dort ihre tiefsten Sehnsüchte erfüllt. Doch als der smarte Change Manager Janus ihre Arbeit auf den Prüfstand stellen soll, ist Auroras buchstäblicher Traumjob in Gefahr. Während er alles ändern soll, will sie genau das verhindern. Aurora setzt alles daran, ihre Stelle zu retten. Zu allem Übel brach Janus ihrer Kollegin Kinga einst das Herz. Nur ein weiterer Grund, ihn nicht zu mögen. Aber je länger Aurora versucht, Janus von der Faszination ihrer Arbeit zu überzeugen, desto näher kommen sich die beiden. Und schon bald stellt sich ihr die Frage: "Wovon träume ich eigentlich?" Eine romantische Komödie über Träume - Schlafträume, Tagträume und Lebensträume
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Nur ein einziger Traum
von Swantje Oppermann
Berlin, 2023
Impressum Deutsche Erstausgabe Juli 2023
© Swantje Oppermann
Berlin, 2023
Alle Rechte, einschließlich die des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Covergestaltung: Katharina Netolitzky
Lektorat: Philipp Bobrowski
Teilkorrektorat: Catharina Andrae
Instagram: @swantjeoppermann
Playlist zum Roman
„Craters“, Chantae Cann, PJ Morton
„Saturn“, Nao ft. Kwabs
„Oceans“, Flores
„Rainbow“, Louis Baker
„Falling“, Jeauneil, Angelina
„Tapestry“, Liv Dawson
„Water Me“, Parisalexa
„We Have“, Jordan Hawkins
„Where You’re At“, Allen Stone
„I Wish“, Tom Misch
„Unicron Loev“, Raleigh Ritchie
„Right Thing to Do“, Joseph Marcus
„Good to You“, Ryland James
„I Couldn’t Want You Anyway“, Jack Garratt
„Other Way“, Isaac Waddington
„Gravity“, John Mayer
„Ready or Not“, PXTN
„Mars“, Alto Moon
„Ocean Wide, Canyon Deep“, Jacob Collier ft. Laura Mvula, Metropole Orkest & Jules Buckley
„The One as Two“, Joep Beving ft. Maarten Vos
1. Kapitel
Der Stern hängt verloren am violetten Himmel. Zwischen den beiden Monden geht er völlig unter. Hätte ich ihn nicht selbst dort platziert, wäre er mir gar nicht aufgefallen.
Ich balanciere über den Steg. Die Holzplanken knarzen unter meinen Füßen. Der goldene See vor mir erstreckt sich bis zum Horizont. Ein fortwährender Sternenschauer rieselt ins Wasser.
Ich drücke auf den Aufnahmeknopf an dem elektronischen Stirnband, das ich trage. „Notiz: Stern heller erstrahlen lassen.“
Ein leises Pling signalisiert mir, dass die Nachricht abgespeichert wurde.
Vom Ufer zieht Nebel über das Wasser und umhüllt meine Knöchel. Er ist angenehm kühl. Obwohl es niemals hell wird, ist es auf diesem Planeten nicht kalt. Dafür habe ich gesorgt.
Ich atme die klare Luft ein und werde ganz still. Ich habe diesen mystischen Ort erschaffen. Und schon bald wird meine Kundschaft jede Nacht in diese Traumwelt eintauchen können.
Aber noch nicht.
Etwas fehlt und ich komme nicht drauf. Alles ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Der endlose Himmel mit den zwei gigantischen Monden. Die Luft, die nach Orchideen riecht. Ich schmecke den Nebel auf meiner Zunge, spüre ihn auf der Haut.
Aber diese Welt fühlt sich nicht perfekt an.
Mir fehlt das Kribbeln im Bauch. Dieses Gefühl, das man bekommt, wenn man in einem Flugzeug sitzt, das abhebt.
Erneut drücke ich die Aufnahmetaste. „Notiz: Leichtes Gefühl der Schwerelosigkeit einprogrammieren.“
Statt des Plinglautes erklingt diesmal eine Stimme hinter mir. „Kannst du haben.“
Da werde ich nach vorn gestoßen. Vergebens rudere ich mit den Armen. Oh, nein, bitte nicht … Ich lande bäuchlings im See.
Das Wasser ist am Steg nur einen Meter tief, aber ich bin von Kopf bis Fuß triefend nass. Zum Glück habe ich die Wassertemperatur auf 25 Grad programmiert. Man muss alle Eventualitäten mit einberechnen.
Ich reiße mir das Stirnband vom Kopf. Elektroden lösen sich und fliegen zu Boden. Im Nu bin ich zurück in der Realität. Ich hocke in der Mitte des leeren Simulationsraumes, auch White Room genannt. Hier sieht es aus wie in einer Gummizelle. Weiße Wände, weißer Schaumstoffboden, weiße Türen. Die Illusion des violetten Planeten, die das Stirnband in mein Bewusstsein projiziert hat, ist verpufft. Meine Kleidung dafür trocken.
Über mir steht mein Kollege Ruben mit einem schiefen Grinsen auf dem Gesicht. Er trägt eines dieser albernen Hawaiihemden, die an ihm trotzdem stylisch wirken. Muss an der Kombination mit seinem Hipsterbart liegen. „Träumst du wieder, Aurora?“
„Ich hätte einen Herzinfarkt bekommen können“, fahre ich ihn an.
Ich gehe auf die Knie, um die verlorenen Elektroden aufzusammeln. Ich versuche, sie wieder in das Stirnband zu stecken. Keine Chance. Das Teil ist im Eimer.
Ruben bekommt Grübchen in der Wange, wenn er lacht. Komischerweise nur in der linken, dafür dort aber zwei. „Irgendjemand musste dich zurück ins echte Leben holen.“ Sein niederländischer Akzent erinnert mich jedes Mal an eine ganze Reihe von Fernsehmoderatoren. „Ich wollte eben Schluss machen und hab mich gewundert, wieso hier Licht brennt. Hast du mal auf die Uhr geschaut?“
„Nein, warum?“ Demonstrativ hebe ich den Arm, schiebe den Ärmel beiseite und schaue auf meine Armbanduhr. Oh, verdammt!
Warum ist es denn so spät? Habe ich echt über zwei Stunden in der Simulation verbracht?
„Die anderen sind längst weg“, sagt Ruben und stützt die Hände in die Hüften. Er lächelt mich an. Ich weiß, was jetzt kommt: „Aber wenn du möchtest, können wir ein Feierabendbi-“
„Kann nicht“, unterbreche ich ihn und stopfe das Stirnband in die Halterung, die an der Wand montiert ist. Elektroden fliegen in alle Richtungen. Dafür, dass diese Traumbänder schweineteuer sind, gehen sie ganz schön leicht kaputt.
„Bis morgen, Ruben“, sage ich und rausche an ihm vorbei auf den Flur. „Danke fürs Bescheid sagen“, werfe ich über die Schulter.
Ich bin zu spät.
Viel zu spät.
Mal wieder.
2. Kapitel
Eine halbe Stunde und drei bei Rot überfahrene Ampeln später springe ich vom Rad. Ich brauche mein Aussehen gar nicht erst zu überprüfen. Mein Kopf ist mit hundertprozentiger Garantie kirschrot. Notdürftig kämme ich mit den Fingern das Haar glatt und klemme den Fahrradhelm unter den Arm. Ich hole dreimal tief Luft.
Notiz an mich selbst: Wenn ein gewisser Grad des Zuspätkommens erreicht ist – nicht mehr abhetzen. Sorgt nur für unnötigen Stress und die Freundinnen nehmen einem die Wartezeit trotzdem übel.
Die Einrichtung der Barähnelt einem Hochglanz-Saloon. Auf der Theke steht eine antike Registrierkasse, das Licht ist schummrig und die Tapeten sind in einem dunklen Rot gehalten. Das könnte ein gutes Setting für einen Traum sein, denke ich, während ich auf Gwen und Kinga zusteuere.
Meine Kolleginnen sitzen auf Barhockern an einem hohen Tisch, der mit vier ausgetrunkenen Long-Drink-Gläsern und drei leeren Snackschalen vollgestellt ist.
Kingas Wangen glühen rosa vom Alkohol. Sie winkt mir zu wie ein Kleinkind. Faust auf, Faust zu.
Gwen hingegen sieht mich strafend an. Sie trägt neuerdings eine Brille - ohne Sehstärke. Das verleiht ihrem Blick einen leicht autoritären Touch. „Wir dachten schon, dass du uns wieder vergessen hast.“
„Tut mir leid. Ich hab am neuen Template gearbeitet“, sage ich und schiebe mich auf den Barhocker.
„Der violette Planet? Der sah doch fertig aus, als du ihn mir gezeigt hast.“ Gwen spielt am Kreuzanhänger ihrer Kette. Ihre Eltern sind in den Achtzigern aus den Philippinen nach Deutschland eingewandert. Streng katholisch. Das Einzige, was an Gwen heute noch religiös ist, ist diese Kette.
„Aber ich möchte, dass er perfekt wird“, sage ich.
„Die Kunden bekommen doch eh nur die Hälfte mit.“
„Ja, aber wir wissen nicht, welche Hälfte“, erwidere ich.
„Also, bei mir hat sich noch keiner beschwert.“ Gwen schnipst mit den Fingern, um die Aufmerksamkeit des Barkeepers einzufangen, und deutet auf die leeren Gläser.
„Und wer hat dich diesmal aus dem Büro gejagt?“, fragt Kinga.
„Ruben.“
Gwen hebt die Augenbrauen. „Wollte er dich wieder auf einen Drink einladen?“
„Ja, und ich habe den Versuch erfolgreich abgeblockt.“
Ruben ist seit vier Monaten Teil unseres Dream-Teams. Seit zwei Monaten versucht er, mich auszuführen. Wenn er im Job nur halb so viel Ehrgeiz zeigen würde, dann wäre er vielleicht gut darin.
„Ich weiß gar nicht, was du gegen ihn hast.“ Kinga presst die Finger in die leere Snackschale und leckt sich Gewürzreste von den Fingerkuppen. „Er ist ganz süß.“
Komischerweise sagen die Leute so etwas immer nur über Personen, die an jemand anderem interessiert sind und nicht an ihnen selbst. Er ist doch nett. - Versuchen kannst du es mal. - Vielleicht ist das die Art von Person, die man erst mit der Zeit schätzen lernt. Am liebsten würde ich sagen: Dann date DU ihn doch. Aber dann sind alle beleidigt und das macht auch keinen Spaß.
„Wir hatten das schon mal. Ich werde nie, nie, nie etwas mit einem Kollegen anfangen“, sage ich. „Das kann nur peinlich enden.“
Gwen lacht. „Ja, und am Ende muss einer von beiden den Job wechseln, weil man sich in den Meetings nicht mehr gegenübersitzen kann. Du weißt, wie der andere nackt aussieht und was er für versaute Vorlieben hat.“
„Aber wo willst du denn sonst jemanden kennenlernen, wenn nicht im Büro, Ora?“, fragt Kinga.
Ich zucke mit den Schultern. „Wie wäre es mit: gar nicht?“
Ich kann nicht einmal sagen, wie viele Wochen mein letztes Date zurückliegt. Zehn? Fünfzehn? Beziffert man das noch in Wochen oder besser in Monaten? Oder in Quartalen? Ganz zu schweigen von meiner letzten Beziehung. Ich möchte an dieser Stelle keine genauen Zahlen nennen.
Kinga kratzt weiter das Salz aus der Schale, als hätte sie den ganzen Tag nichts zu essen bekommen. „Versuchs doch mal wieder mit Dating-Apps.“
Gwen verteilt die Gläser, als der Barkeeper uns die Runde Drinks bringt. „Denk dran: Alle elf Minuten verliebt sich ein Single.“
„Ja. Ein Single. Wäre nur schön, wenn diese Liebe auch erwidert würde.“ Ich rücke die Garnitur meines Drinks zurecht. „Nee. Echt. Mit den Apps habe ich abgeschlossen. Wenn sich was ergibt, dann ergibt sich was. Bis dahin genieße ich die Zeit, die ich für mich habe.“
„Indem du Überstunden schiebst und nie Urlaub machst?“, hakt Kinga nach. Natürlich kommt diese Frage von der Person, die immer pünktlich um 18 Uhr den Rechner herunterfährt.
„Ist vielleicht besser so“, sagt Gwen. „Sonst datet ihr zwei irgendwann die gleichen Typen. King, du hast die doch bald alle durch, oder?“
„Gwen!“, tadele ich sie. Manchmal weiß ich nicht, ob sie einfach nur brutal ehrlich oder schon gemein ist.
Dabei hat sie ja recht. Kinga hat langsam halb Berlin gedatet. Aber was kann sie dazu, wenn die meisten Typen Nullnummern sind? Ständig entpuppen sich ihre Verabredungen als ein 1-2-Bye, wie wir es nennen. Hat der Kerl die Frau nicht spätestens nach dem dritten Treffen ins Bett gekriegt, meldet er sich nicht mehr. Meistens meldet er sich auch nicht mehr, wenn er sie nach dem dritten Treffen ins Bett gekriegt hat. Am Ende kommt immer das Gleiche dabei raus: nichts.
1, 2, bye.
Zudem hat Kinga die Fähigkeit, sich so kometenhaft schnell zu verknallen, dass sie damit ins Guinness-Buch der Rekorde gehört. Leider bleibt diese Liebe meistens unerwidert. Hm. Vielleicht basiert diese dubiose 11-Minuten-Statistik ja auf ihr?
„Du hast leicht reden, Gwen“, murmelt Kinga.
„Ja, es ist natürlich viel einfacher, eine richtig tolle Lesbe zu treffen als einen netten Kerl“, kontert Gwen.
„So meine ich das nicht“, sagt Kinga. „Oder vielleicht doch. Du hast ja schließlich wen gefunden.“
„Hat lange genug gedauert.“ Gwen stößt ihr Glas gegen unsere und nimmt einen weiteren großen Schluck. „Gestern hat Pauline mir aus dem neuen Band von Nimm. Mich. Jetzt! vorgelesen.“
Kinga stützt den Kopf in die Hand. „Mir hat noch nie ein Kerl irgendwas vorgelesen.“
„Mir auch nicht“, stimme ich ein. Außer die Bestellkarte für den Pizzalieferservice.
„Dann wird es langsam Zeit. Ihr kommt doch zum Buch-Release von Liebe ist Lust ist Liebe am Sonntag, oder? Nehmt euch direkt ein Exemplar mit“, sagt Gwen. „Es gibt kein besseres Vorspiel als ein Kapitel aus einem New Adult-Roman mit viel Spice.“
„In Sachen Vorspiel bin ich gut bedient“, sagt Kinga. „Das Nachspiel ist eher das Problem.“
Sie wirkt zunehmend betrübt.
„Genug von Männern“, greife ich ein und sehe zu Gwen, „… und Frauen. Können wir mal über was anderes reden? Wir sind tolle Frauen, wir stehen mitten im Leben, wir haben fantastische Jobs …“
„… und ich werde befördert!“, platzt Gwen dazwischen und erhebt ihr Glas.
Ich setze mich auf und rutsche dabei fast vom Barhocker. „Echt jetzt?“
„Tasmin hat kurz vor Feierabend eine Mail rumgeschickt und das ganze Team gebeten, morgen um halb 9 Uhr in den Konferenzraum zu kommen“, erklärt Gwen. „Anscheinend hat sie ihre Entscheidung gefällt, was den Team Lead angeht.“
„Endlich.“ Ich hatte schon befürchtet, dass sie die Stelle gar nicht mehr nachbesetzen und die Arbeit mal wieder auf uns alle verteilt wird. Seit einigen Monaten ist die Firma auf Sparkurs.
„Super, Gwen.“ Kinga strahlt, als ginge es um ihre eigene Beförderung. „Du hast es verdient. Keine im Team arbeitet so hart wie du.“ Sie zögert. Dann sieht sie zu mir. „Außer du natürlich.“
„Quatsch“, sage ich und stupse mein Glas gegen Gwens, obwohl Kinga vollkommen recht hat. Ich arbeite mindestens genauso hart wie Gwen. „Wenn jemand den Posten als Team Lead verdient hat, dann du.“
„Dann wirst du also wirklich unsere Chefin“, sagt Kinga. „Meinst du, wir können trotzdem befreundet bleiben? Oder wirst du jetzt zur Tyrannin?“
„Natürlich nicht.“ Gwen lacht. „An unserer Freundschaft kann nichts etwas ändern. Vor allem kein Job.“
Wir bestellen eine weitere Runde Drinks und stoßen an.
„Auf drei tolle Frauen -“, sage ich.
„- die mitten im Leben stehen -“, ergänzt Kinga.
„- und fantastische Jobs haben“, beendet Gwen.
Auf uns.
3. Kapitel
Das Klingeln des Weckers ist so schrill, dass ich vor Schreck aus dem Bett falle.
Autsch.
Notiz an mich selbst: Unter der Woche weniger trinken. Körperlicher Verfall hat mit Ende zwanzig bereits eingesetzt.
Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf, als ich sehe, wie spät es ist. Ich hatte mir vorgenommen, heute eine Viertelstunde früher aufzustehen, um rechtzeitig zum Teammeeting im Büro zu sein. Leider habe ich dieses Vorhaben nicht an meinen Handywecker weitergegeben.
Ich krame ein Outfit aus dem Schrank und eile ins Bad. Wenigstens hat der Sturz etwas Farbe in mein blasses Gesicht gebracht. Ich fische mir die Strähnen aus der Stirn und klatsche mir kaltes Wasser auf die Haut. Heute müssen Katzenwäsche und schlichtes Make-up reichen. Mein Hamster Bernard schläft noch und bekommt von dem Stress nichts mit.
Kurz darauf trete ich in die Pedale wie bei der Tour de France. Gedanklich gehe ich all meine Aufgaben für den Tag durch. Ich muss unbedingt das Template fertigstellen.
Uah, mir ist etwas schwindelig. Bin ich noch betrunken? Dürfte ich überhaupt am Straßenverkehr teilnehmen? Und dann haben die Drinks auch noch ein Vermögen gekostet. Alle reden immer davon, wie günstig Berlin ist. Zumindest erzählen sie das einem bei der Gehaltsverhandlung. Aber wenn das wirklich stimmen würde, hätte ich dann gestern Abend dreizehn Euro für einen Negroni ausgegeben? Ich denke nicht.
Die Ampel springt auf Grün und ich biege kurzerhand ab. Ein Hupen schreckt mich auf. Ehe ich darauf reagieren kann, sehe ich das Auto in Schrittgeschwindigkeit auf mich zurollen.
„Neinneinnein!“, rufe ich.
Es steuert direkt auf mich zu.
Ich kann nicht ausweichen.
Buff. Der Wagen stupst mich eher an, als dass er mich anfährt. Ich kippe auf die Motorhaube und rutsche samt Rad zu Boden. Das muss der langsamste Autounfall aller Zeiten sein.
Ich bin noch dabei, das Geschehen einzuordnen, da fliegt die Fahrertür auf. „Kannst du auf die Straße achten, anstatt vor dich hinzuträumen?“
Empört über den Ton des Fahrers hieve ich mich auf die Beine, die - und das ist die gute Nachricht – nicht gebrochen sind.
„Dann pass du mal auf, wo du hinfährst“, kläffe ich. „Ich hätte sterben können.“
„Ich hatte nicht mal sechs Kilometer pro Stunde drauf.“ Der Fahrer prüft die Motorhaube auf Beulen und Kratzer, während hinter dem Wagen ein Hupkonzert losgeht.
„Wenn ich ungünstig gefallen wäre, hätte das ganz schön ins Auge gehen können.“ Ich schiebe das Visier meines Fahrradhelms hoch. Er sieht etwas lächerlich aus, ist bei Wind und Wetter aber außerordentlich praktisch.
Der Fahrer mustert mich irritiert. Dann zieht er sein Smartphone aus der Tasche. „Bist du aber nicht?“
„Was?“
„Ungünstig gefallen.“
Erst jetzt sehe ich ihn richtig an. Er überragt mich um gefühlt zwei Köpfe, kratzt locker an der Zweimetermarke. Er trägt einen Anzug, der wie maßgeschneidert sitzt und ihn wichtig erscheinen lässt. Mit dem markanten Kinn und den haselnussbraunen Augen erinnert der Kerl mich ein ganz klein wenig an eine jüngere Version von Ben Affleck. Aber eher an den Pearl Harbor-Affleck, nicht an Sad Affleck. Gott hab ihn selig.
Mir entweicht ein „Humpf“. Wenn ich etwas noch weniger ausstehen kann als gewöhnliche Arschlöcher, dann sind das gut aussehende Arschlöcher.
Der Fahrer blickt mich erwartungsvoll an. Anscheinend hat er mich etwas gefragt.
„Was?“
„Sollen wir die Polizei rufen und den Fall aufnehmen lassen?“
Als es erneut hupt, dreht er sich warnend zu dem Auto um. Sofort ist Ruhe. Zwei Meter groß müsste man sein.
Dann richtet er seine Aufmerksamkeit wieder auf mich. „Also? Ich habe nicht ewig Zeit.“
Dieser fordernde Ton. Kann man als Unfallopfer nicht wenigsten fünf Minuten Mitleid erwarten? Warum haben es immer alle so eilig?
Dann fällt mir das Teammeeting ein. „Ich habe auch keine Zeit“, stelle ich klar und klappe das Visier meines Helms runter. Der Kerl soll bloß nicht denken, dass er wichtiger wäre als ich.
„Dann keine Polizei?“, fragt er.
„Heute nicht.“
Er steckt das Smartphone weg. „Achte beim nächsten Mal besser auf deine Umgebung, okay?“
„Ich passe immer auf.“ Ich zerre das Fahrrad vom Asphalt. Von dem Kerl habe ich keine Tipps nötig.
Zum Abschluss drückt er mir seine Visitenkarte in die Hand. „Falls noch was sein sollte.“ Und wir gehen getrennte Wege.
Janus Benson, Change Manager, steht darauf.
Ich schnaube und stecke die Karte nur aus Umweltgründen in die Hosentasche, anstatt sie direkt wegzuschmeißen. Denn ich bin mir sicher, dass sie niemals zum Einsatz kommen wird.
4. Kapitel
Humpelnd eile ich durch die Abteilung. Als ich auf dem Fahrrad saß, tat mein Oberschenkel noch nicht so weh. Das gibt einen ordentlichen blauen Fleck. Aber solange das Bein funktioniert, wird wohl alles in Ordnung sein. Oder hätten wir doch die Polizei rufen sollen? Was, wenn mir am Ende des Tages das Bein amputiert werden muss?
Manchmal geht die Fantasie mit mir durch. Aber wenn man mit dem Schlimmsten rechnet, dann kann man nicht mehr negativ überrascht werden.
„Ora, du siehst total gerädert aus“, begrüßt mich Kinga.
Fast blaffe ich sie wegen ihres blöden Wortspiels an. Aber sie weiß ja gar nicht, dass ich angefahren wurde.
Ich knalle den Helm neben die Tastatur. „Mich hat eben so ein Spinner angestupst.“
Gwens schwarzhaariger Schopf taucht hinter ihrem Bildschirm auf. „Ist das ein neues Codewort für Sex?“
Ich schüttele den Kopf. „Ich wurde angefahren.“
„Ach du Scheiße.“ Kinga schnellt hinter ihrem Schreibtisch hervor. „Bist du verletzt?“
„Nein, es war ein sehr kleiner Unfall. Ich habe das Auto kaum berührt. Es hat mich eben … angestupst.“
Umgehend sinkt sie wieder auf ihren Platz. Falscher Alarm.
Wir sitzen in Dreiergruppen auf einer Plattform, die sich am besten mit einem großen Sitzkarussell vergleichen lässt. Tasmin, unsere Chefin, nennt sie „Traumkreisel“. Es gibt einen Zugang je Schreibtisch, der Rest des Kreisels ist mit Plastikwänden vor fremden Blicken geschützt. Zumindest, wenn man die Wände ordentlich mit Skizzen, Kalendern und Bildern geschmückt hat, so wie ich.
Ich sehe mich zu den anderen Kreiseln um. Alle Teammitglieder sitzen an ihren Rechnern, schreiben E-Mails oder designen Träume. „Warum ist noch keiner im Besprechungsraum?“
„Das Meeting wurde um eine Viertelstunde verschoben“, antwortet Kinga und wendet sich wieder ihrem Rechner zu.
Ich gleite auf meinen Schreibtischstuhl. Ich habe mich also in Zeitlupe anfahren lassen, um jetzt zehn Minuten lang Däumchen zu drehen. Dann hätte ich ja doch duschen können. Oder etwas essen. Und dann wäre ich auch gar nicht erst angefahren worden. Mir entweicht bei dieser Feststellung ein verblüfftes „Hm“.
Mein Magen knurrt. Ich ziehe die Schreibtischschublade auf und krame einen Energieriegel hervor.
„Ora, ich glaube, ich habe hier was für dich“, sagt Kinga, gerade als ich die Verpackung aufreiße.
Ich gehe in meine Auftragsliste und direkt poppt eine neue Anfrage für mich im System auf. Ich überfliege den Auftrag. Der Kunde möchte seiner Freundin im Traum einen Heiratsantrag machen.
Schon beim Lesen wird mein Herz weich. Da draußen gibt es echte Romantiker. Leider bin ich persönlich noch keinem von ihnen begegnet.
„Du bist die Beste, King“, sage ich.
Ich freue mich wie ein Kind im Disneyland und kann es kaum erwarten, mit der Gestaltung anzufangen. Sofort springen mir die ersten Ideen in den Kopf. Gedanklich stelle ich eine Liste an Materialien zusammen, die ich von dem Kunden benötige, um den Traum perfekt umzusetzen.
Da taucht unsere Chefin Tasmin in der Mitte des Büros auf. Die wenigen Gespräche im Raum verstummen, als sie einmal kräftig in die Hände klatscht. „In fünf Minuten geht’s los.“
Tasmin ist die Art von Frau, die immer alles im Griff zu haben scheint. Im Gegensatz zu dem von uns Normalsterblichen, muss ihr Tag sechzig Stunden haben. Sie ist gerade einmal Mitte dreißig, Abteilungsleiterin, Mutter von zwei Kindern und anscheinend die Schablone für jedes Modedesign, denn alle Klamotten sitzen wie angegossen. Heute trägt sie einen knallroten Blazer mit Stehkragen, der perfekt zu ihrem glatten, schwarzen Haar und den rotlackierten Fingernägeln passt. Der Blazer ist aus Samt. Samt! Jede Wette: Ich würde darin aussehen wie eine Kartenabreißerin beim Zirkus.
Als wir kurz darauf in den Meetingraum strömen, wischt Gwen sich die schwitzigen Hände an der Hose ab. Da es zu wenig Stühle gibt, stellen wir drei uns seitlich an die Wand. Dann kann Gwen direkt nach vorn spazieren, wenn ihre Beförderung verkündet wird.
„Goedemorgen, dames“, grinst Ruben, als er an uns vorbeischlendert und sich einen der Stühle schnappt. Er trägt heute ein schwarzes Shirt mit beigen Palmwedeln drauf. Zugegeben. Es steht ihm.
Kinga sieht mich daraufhin mit erhobener Augenbraue an. Ihr Gesicht sagt: Willst du nicht doch mal mit ihm …?
Mein Kopfschütteln erwidert: Auf gar keinen Fall.
Kurz darauf kommt Tasmin in den Raum geschwebt. Und sie ist nicht allein. Mir klappt der Mund auf, als ich sehe, wer sie begleitet. Der Mann, der mich angefahren hat. Janus Benson.
Ich drehe mich zu Gwen und Kinga, die nicht weniger entgeistert dreinblicken. Gwen, weil sie in diesem Moment kapiert, dass es heute wohl nicht um ihre Beförderung geht, und Kinga, weil … ja, warum schaut die eigentlich so entsetzt?
„1-2-Bye“, murmelt sie.
„Was?“, flüstere ich, während Tasmin alle Anwesenden begrüßt und Janus vorstellt.
„1-2-Bye“, wiederholt Kinga zwischen zusammengepressten Zähnen und nickt in seine Richtung.
Dann fällt es mir wie Sternenstaub von den Augen. Dieser Janus hat uns beide aufs Kreuz gelegt. Nur auf unterschiedliche Weise.
„Die Geschäftsführung hat Herrn Benson darum gebeten, sich unsere Arbeitsabläufe genauer anzusehen“, fährt Tasmin mit der Einführung fort, deren Anfang ich komplett verpasst habe. Es ist, als würde man zu spät in einen schlechten Film schalten. „Er hat sich in den letzten Tagen bereits mit einigen Abteilungen vertraut gemacht. Die kommenden anderthalb Wochen wird er bei uns verbringen, um sich ein umfassendes Bild von unserer Arbeit zu machen.“
Wie er dasteht. Ganz selbstbewusst. Dieser Hüne von einem Mann. Als Janus in unsere Richtung sieht, bleibt sein Blick kurz an mir hängen. Er hebt die Augenbraue. Ich halte die Luft an.
Kinga ignoriert er komplett. Sie wimmert leicht.
„Kinga“, sagt Tasmin, als hätte sie es gehört. „Ich würde dich bitten, das zu übernehmen.“
Ich merke, wie sie neben mir steif wird, als hätte sie der Medusa direkt in die Augen geblickt. „W-wie - was soll ich übernehmen?“
„Zeig Herrn Benson bitte die Abläufe in unserer Abteilung“, antwortet Tasmin. „Die unterschiedlichen Arbeitsschritte. Eben alles, was nötig ist, um die Träume der Kundschaft zu verwirklichen.“
Kinga blickt in die Runde. Ihr gesamter Körper zittert. Ich befürchte, dass sie an Ort und Stelle zusammenklappen könnte. Sie soll fast zwei Wochen mit dem Mann verbringen, der sie nach ein paar Dates abserviert hat, und dabei ganz professionell tun? Das packt sie nicht. Niemals.
„Ich übernehme das.“ Die Worte sind raus, bevor ich darüber nachdenke. Dabei kann ich den Kerl ja genauso wenig ausstehen. Aber wenigstens hat er mich nicht nackt gesehen.
Tasmin sieht mich überrascht an.
Janus’ Gesichtsausdruck hingegen ist nicht zu deuten. Beim Pokern spielt er bestimmt alle an die Wand.
„Also, wenn das für Kinga kein Problem ist“, stammele ich.
„Nein. Das passt.“ Sie klingt direkt gefasster. „Ich habe noch so viele Aufträge abzuarbeiten.“
Tasmin legt die Stirn in Falten. Der Rest des Teams macht es ihr nach. Kinga hat mit Abstand den entspanntesten Job in der Abteilung. Das wissen alle Anwesenden. Vermutlich hatte Tasmin sie deshalb ausgesucht.
Die zuckt mit den Schultern. „Gut. Warum nicht? Du bist schließlich so eine Art Veteranin im Team, Aurora. Dann gib bitte all deine laufenden Projekte an die Kollegen und Kolleginnen ab, damit du dich voll und ganz auf die Zusammenarbeit mit Herrn Benson konzentrieren kannst.“
Bitte was? Jetzt bin ich diejenige, die jeden Moment zusammenklappen könnte. Was ist mit dem Heiratsantrag, den ich erst vor einer Viertelstunde zugewiesen bekommen habe? Das ist genau die Art von Traum, für die ich diesen Job hier mache. Es passiert nicht alle Tage, dass man solch einen intimen Moment für die Kundschaft gestalten darf.
Ich bin kurz davor, mein Angebot zurückzuziehen und Kinga sich selbst zu überlassen. Aber was für ein Mensch zieht einen Kunden der guten Freundin vor?
Ehe ich mich es versehe, ist der Moment verflogen, in dem ich Einspruch hätte erheben können.
Tasmin beendet das Meeting.
„Du bist die allerbeste Kollegin“, flüstert Kinga mir zu, als wir aus dem Raum strömen.
Und sie ist mir was schuldig.
5. Kapitel
Ich spähe durch den Türspalt. Janus sitzt auf meinem Platz und wartet darauf, dass ich die Rundführung durch die Abteilung beginne. Meine erste Amtshandlung war es, ihm Kaffee anzubieten, um mich dann unbemerkt mit Kinga und Gwen aufs WC für ein Krisengespräch zurückzuziehen.
Ich spüre Kingas Atem in meinem Nacken. Ein angsterfülltes Hauchen: „Ist er noch da?“
„Natürlich ist er noch da“, flucht Gwen und läuft im Kreis. Sie fummelt am Anhänger ihrer Kette herum. „So eine verfickte Scheiße. Ich werde Tasmin zur Rede stellen und sie fragen, was sie sich dabei denkt.“
„Ich kann da nicht wieder rausgehen.“ Kinga steht währenddessen kurz vor der Hyperventilation. „Nicht, wenn er da ist.“
Gwen läuft weiter ihre Kreise. „Irgendwann müssen sie die Rolle ja wieder besetzen, oder sollen wir jetzt ewig ohne Team Lead weiterarbeiten?“
Sie brabbelt wie im Wahn.
Janus sitzt währenddessen an meinem Schreibtisch und dreht Däumchen. Er lehnt sich vor und betrachtet die Fotos an der Plastikwand. Ich habe dort Bilder von meinen Eltern, meiner Schwester Ella und deren Sohn Lucas aufgehängt. Das ist alles viel zu privat und geht ihn überhaupt nichts an.
Als wir einander vorgestellt haben, hat Janus direkt angeboten, dass wir uns duzen.
„Aurora. Wie die Polarlichter?“, fragte er.
„Wie die Prinzessin“, erwiderte ich.
Daraufhin musste er lachen. Dabei war das gar kein Scherz. Niemand ist so traditionell verkitscht wie meine Mutter. Sie hat ihre Töchter nach zwei Märchenprinzessinnen benannt.
Ich drücke die Tür zu und wende mich zu Gwen und Kinga um. „Jetzt kommt mal runter.“
Sie sind beide sichtlich überrascht über meinem dominanten Ton. Dabei möchte ich nur, dass sie für eine Minute still sind, damit ich selbst zur Ruhe kommen kann. Wenn sie eine große Ansprache erwarten, dann muss ich sie leider enttäuschen.
„King, du musst kein Wort mit ihm sprechen, okay?“, sage ich. „Halt dich einfach zurück.“
Dankbar atmet sie auf.
„Und, Gwen, es ist tatsächlich möglich, dass der Team Lead nicht nachbesetzt wird.“ Ich ziehe Janus’ Visitenkarte aus der Hosentasche und halte sie ihr entgegen.
„Change Manager?“, fragt sie entsetzt, als stünde auf der Karte Imperator der Hölle.
In Kingas wasserblauen Augen bilden sich Fragezeichen. „Was soll das sein?“
Gwen zerknüllt die Karte. „Firmen stellen solche Typen nur ein, wenn es Probleme gibt. Wenn sie was verändern wollen. Der ist hier, um die ganze Abteilung auf den Prüfstand zu stellen“, sagt sie. Jetzt steht sie kurz vor der Hyperventilation. „Es ist kein Geheimnis, dass die Firma keine Gewinne abwirft. Ohne die Investoren hätten sie den Laden schon dichtgemacht. Deshalb besetzen sie die offenen Stellen nicht nach.“
„Stimmt“, sage ich. Vier Teammitglieder haben uns im Laufe der letzten Monate verlassen, aber nur ein neuer Kollege wurde eingestellt. Ruben. Mit seiner Unterstützung schaffen wir es gerade so, die Aufträge zu schultern. Aber auch die sind in letzter Zeit merklich zurückgegangen.
„Deshalb gibt es zur Mitte des Monats auch keine Milch mehr in der Kaffeeküche“, sagt Gwen. „Ich hätte es wissen müssen …“
Kinga hebt verwirrt die Augenbrauen.
„Wahrscheinlich müssen sie die Budgets drastisch kürzen“, fährt Gwen fort. „Und wir wissen alle, wo zuerst gespart wird.“
Die Fragezeichen in Kingas Augen werden größer. „Bei der Milch?“
„Beim Personal“, antwortet Gwen. „Jetzt werden wir endgültig von der KI ersetzt.“
Mir klingt sie eine Spur zu fatalistisch.
Entsetzt sieht Kinga uns an. „War ja klar.“ Sie ballt die kleinen Hände zu Fäusten. „Erst bricht Janus mir das Herz und jetzt zerstört er auch noch meine Karriere. Verdammter Drecks-Mist-Arschloch-Kerl!“
„Sag mal, was ist denn damals eigentlich zwischen euch vorgefallen?“, fragt Gwen.
„Damals? Es ist vielleicht ein Jahr her. Kurz bevor ich angefangen habe, hier zu arbeiten.“ Kinga bläst die Wangen auf. „Wir haben uns über Bumble kennengelernt, sind ein paar Mal ausgegangen. Ich war total verschossen. Aber dann hat er sich auf einmal nicht mehr gemeldet.“
„Er hat dich geghostet?“, frage ich.
Sie schüttelt den Kopf. „Ein Lebenszeichen hat er noch von sich gegeben. Als er die Sache per SMS beendet hat.“
„SMS?“ Gwen legt die Stirn in Falten. „Das gibt’s noch?“
Kinga nickt. „Danach habe ich nichts mehr von ihm gehört.“
„Und habt ihr vorher miteinander gevögelt?“, fragt sie.
„Gwen!“, fahre ich sie an.
„Was denn?“ Sie hebt entschuldigend die Hände. „Ich möchte nur wissen, mit welcher Art von 1-2-Bye wir es hier zu tun haben.“
„Macht es einen Unterschied? Er hat ihr das Herz gebrochen.“ Ich werfe ihr einen strafenden Blick zu. Obwohl. Ein wenig interessiert mich die Antwort auch.
Doch Kinga ist gedanklich bereits einen Schritt weiter: „Wenn er privat so mit Leuten umspringt, wie ist er dann erst im Job drauf?“, fragt sie. „Der serviert uns alle auf einmal ab.“
„Nein.“ Jetzt stehe ich kurz vor der Hyperventilation. „Das kann er nicht machen.“
Ich liebe meinen Beruf so sehr wie mein Leben. Mein Job ist mein Leben. Ich kann nichts anderes.
Gwen packt mich an den Schultern. „Ora, du musst ihn davon abhalten.“
Moment mal. Was? „Ich?“
„Du musst diesem Janus eintrichtern, dass unsere Jobs essentiell sind.“
„Das sind sie doch auch“, stutze ich.
„Gut so. Je mehr du daran glaubst, umso besser“, spornt Gwen mich an.
Die erwartungsvollen Blicke durchbohren mich. Ich wollte Kinga doch nur aus der Patsche helfen. Wieso bin ich auf einmal dafür verantwortlich, unsere Jobs zu retten wie irgendeine Gewerkschaftsführerin? Ich bin für so was nicht geeignet.
„Ich kann das nicht“, sage ich. „Ich gehe zu Tasmin und erkläre ihr, dass ich einen Fehler gemacht habe …“
Gwen stellt sich mir in den Weg. „Du musst das lösen. Für uns. Für dich.“
„Warum machst du es nicht?“, kontere ich.
„Du weißt, wie ich bin. Ich würde ihn innerhalb von zehn Minuten mit meiner Boshaftigkeit vergraulen. Aber du, Ora, du bist anpassungsfähig und geduldig. Du kannst nett zu Menschen sein, die du zutiefst verachtest.“
„Ist das was Gutes oder was Schlechtes?“, frage ich verunsichert.
Gwen stupst mich an. „Du bist perfekt für die Aufgabe. Keine kennt den Job so wie du. Das ist unsere Chance, direkten Einfluss zu nehmen, verstehst du das denn nicht?“
„Wie soll ich das anstellen?“
„Wir helfen dir dabei“, sagt Gwen. „Nicht wahr, King?“
Kinga nickt, wirkt aber genauso ahnungslos wie ich. Das gibt mir nicht gerade das nötige Selbstbewusstsein.
„Wenn wir das nicht in die Hand nehmen, wer dann?“, fragt Gwen. „Willst du diese Aufgabe Thiago oder Pavel überlassen? Oder Ruben?“
Gwen hat recht. Ich bin am längsten im Team. Ich verstehe diesen Job wie keine andere. Wenn jemand Janus von der Bedeutung unserer Arbeit überzeugen kann, dann bin ich das. Denn anscheinend glaubt niemand so sehr an die Träume wie ich. Nicht einmal Gwen.
„Und was soll ich jetzt machen?“, frage ich.
„Du musst dich erst mit ihm gut stellen“, antwortet Gwen.
„Mit dem -“ Wie formulierte es Kinga noch gleich? „Drecks-Mist-Arschloch-Kerl?“
„Wenn das jemand hinbekommt, dann du.“ Gwen klopft mir auf die Schulter. „King, geh schon mal in die Küche und bereite den köstlichsten Kaffee zu, den unsere verkalkte Kaffeemaschine zu bieten hat.“
Kinga nickt pflichtbewusst und verschwindet aus dem Damenklo. Ich glaube, dass sie lieber Rattengift statt Zucker in den Kaffee geben würde.
„Du schaffst das.“ Gwen fasst mich an den Schultern und sieht mich mit ihren dunkelbraunen Augen an wie ein Coach seine Boxerin kurz vor Kampfbeginn. „Stell dir einfach vor, er wäre einer unserer Kunden.“
6. Kapitel
Während ich Janus durch die Abteilung führe, rufe ich mir gedanklich immer wieder zu, dass er ein Kunde ist. Und der ist bei uns König. Für die nächsten acht Tage regiert hier Janus Benson.
Tasmin hat mich damit beauftragt, ihm gegenüber transparent zu sein und zugleich absolute Professionalität zu wahren. Sie hat mir während ihres kurzen Briefings nicht gesagt, warum genau Janus hier ist. Vielleicht kennt nicht einmal Tasmin selbst seinen Auftrag. Angeblich wurde er von der Geschäftsführung höchstpersönlich engagiert.
Als wir unsere Runde drehen und ich ihn an den fünf Traumkreiseln vorbeiführe, reagieren die meisten aus der Abteilung freundlich verhalten.
Im gesamten Stockwerk ist es auffällig still. Normalerweise plappern die anderen wild durcheinander, quatschen in der Kaffeeküche oder gehen nach einer halben Stunde in die erste Raucherpause.
