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«Nur ein Kuss» - aber was heisst da «nur»? Geküsst wird schliesslich oft und überall. Zehn Kurzgeschichten und eine Legende von Christine Klinger führen in die 80er-Jahre und in die Gegenwart, in die Mundhöhle und in die Welt der Märchen, ins Tessin und an die Kantonsschule Zürcher Oberland. Humorvoll, philosophisch, haarsträubend und immer überraschend spielt die Autorin mit einem Thema, das den Alltag und menschliche Beziehungen prägt.
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Seitenzahl: 133
Veröffentlichungsjahr: 2017
© 2017 Christine Klinger
Umschlag, Illustration: Christine Klinger
Lektorat, Korrektorat: Monika Künzi
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
ISBN 978-3-7439-3771-0
Hardcover
ISBN 978-3-7439-3772-7
e-Book
ISBN 978-3-7439-3773-4
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Christine Klinger
Zehn Kurzgeschichten und eine Legende
Zur Autorin
Christine Klinger, 1972 geboren, ist im Zürcher Oberland aufgewachsen. Nach dem Besuch der Kantonsschule Zürcher Oberland studierte sie in Zürich Anglistik, Deutsche Literatur und Geschichte. Heute wohnt sie in Winterthur, arbeitet als Redakteurin und PR-Beraterin und schreibt in ihrer Freizeit literarische Texte. «Nur ein Kuss» ist ihr zweites Buch. 2016 publizierte sie gemeinsam mit Brinja Goltz den literarischen Adventskalender «Zirpende Weihnacht» (Verlag tredition).
Vorwort
«Nur ein Kuss» – welch inspirierende Worte! Sie wurden 1987 bei Nacht und Nebel an eine Aussenwand der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) gesprayt. Die damalige Schulleitung reagierte souverän und mutig; schliesslich stand der Ruf der Schule auf dem Spiel. Sie liess das Graffito stehen. Seitdem ist «Nur ein Kuss» gewissermassen zum Leitspruch der Schule geworden. Bald schon erschien auch die Schülerzeitung unter dem Namen «Kuss».
Niemand wusste damals, wer die Worte «Nur ein Kuss» an die Mauer des Liftturms gesprayt hatte. Natürlich gab es Gerüchte über wild knutschende Paare, Putzfrauen und Schulverweise. Doch mit den Jahren wuchs Gras über die Sache und Efeu über das Graffito. Den Efeu schnitt man 2013 nach langen Diskussionen zurück, um den Schriftzug wieder freizulegen. Das verblasste Graffito ist heute noch erkennbar. Doch auch 30 Jahre später ist und bleibt die Geschichte um seine Entstehung eine Legende.
Eine Legende, die mich als ehemalige Schülerin der KZO nie ganz losgelassen und nach all der Zeit wieder inspiriert hat. Vor zwei Jahren schrieb ich für einen Literaturwettbewerb die Kurzgeschichte «Der grosse Streit». Ich hatte Lust, die Geschichte zu publizieren. Da eine einzelne Geschichte jedoch noch kein Buch macht, begann ich damit, weitere Texte zu schreiben. Es muss die Prägung meiner Schuljahre an der KZO sein, die mich dazu brachte, den Kuss zum verbindenden Motiv meiner Geschichten zu machen. Obwohl es in meinen Texten nicht immer nur bei einem Kuss bleibt, schien mir «Nur ein Kuss» der ideale Titel für diesen Band. Das Graffito hat vom Wortlaut her etwas Unschuldiges und Harmloses, seine Entstehung aber war dreist und provokativ. Ähnlich verhält es sich mit meinen Geschichten. Nicht selten lauern hinter einer harmlosen Fassade die Abgründe menschlicher Beziehungen.
Bei einem Kurzgeschichtenband mit dem Titel «Nur ein Kuss» drängte sich mir zu den zehn frei erfundenen Kurzgeschichten auch die Legende des Graffitos an der KZO auf. Meine Geschichte «Nur ein Kuss» basiert auf wahren Begebenheiten und die Personen existieren zum Teil wirklich. Ich habe deren Namen geändert, aber trotzdem versucht, wo nötig, so nah als möglich an den Fakten zu bleiben. Alles andere ist pure Fabulierlust und dient, so hoffe ich, Ihrem Lesevergnügen.
Im Grunde ist die Aufgabenteilung in der Mundhöhle klar, denn sie unterliegt den Gesetzmässigkeiten der Natur. Beim Atmen, Sprechen, Schmecken, Kauen und Schlucken, ja selbst beim Erbrechen ist allgemein bekannt, wer was zu tun hat. Doch ein kleines Organ im hinteren Gaumen hinterfragte die Gesetzmässigkeiten in einem Punkt, nämlich dem, wer das «R» artikulieren sollte. Das Gaumenzäpfchen behauptete, dass das «R» nicht zwingend am vorderen Gaumen von der Zunge gerollt werden musste, sondern ebenso gut durch seine Vibration als Zäpfchen-«R» im hinteren Gaumen gebildet werden konnte. Es könne diese Aufgabe daher genauso ausüben wie die Zunge, verkündete das kleine Gaumenzäpfchen kämpferisch und verbreitete diese Behauptung vom Rachen bis zu den Lippen.
Als die Zunge, müde vom Tagewerk, von des Gaumenzäpfchens Behauptung erfuhr, war sie über die Frechheit des kleinen Nichtsnutzes im hinteren Gaumen empört. Was fiel diesem lächerlichen Zwerg überhaupt ein? Was wusste das Gaumenzäpfchen schon vom wahren Leben? Die Zunge schnalzte spöttisch. Täglich schmeckte sie zahlreiche Geschmacksrichtungen ab, schob mehrere Dutzend Mal halb zerkaute Bissen hin und her, ganz zu schweigen von all den Lauten, die sie tagtäglich artikulierte, sei das durch einzelne Plosive an Gaumen und Zähnen oder durch Reibung und Vibrationen. Das alles erforderte Know-how, Präzision, Disziplin und Ausdauer – Eigenschaften, für die das Gaumenzäpfchen alles andere als bekannt war. Vielmehr hatte es den Ruf, ohne Sinn und Zweck zwischen den Mandeln zu baumeln und gedankenlos in den Tag hineinzuleben. Was die Zunge besonders ärgerte, war, dass ihr das «R» von allen Lauten am liebsten war. Ganz ehrlich gesagt, empfand sie die Vibration bei der Artikulation des «R» als ausgesprochen lustvoll. Und nun wollte ihr das Gaumenzäpfchen ausgerechnet diesen Laut streitig machen! Aber im Grunde, so beruhigte sich die Zunge, hatte sie nichts zu befürchten, denn ihre Position in der Mundhöhle war so stark, dass ihr niemand zu widersprechen wagte. Die Organe in der Mundhöhle zollten ihr Respekt.
Doch das Gaumenzäpfchen wollte das «R» unbedingt artikulieren, und zwar mit gutem Grund. Oft genug war es wegen seines Aussehens der Lächerlichkeit preisgegeben. Besonders bei Erkältungen, denn dann entzündete es sich leicht, wurde rot und schwoll an. Das allein ginge ja noch, aber neulich hatte es gehört, wie die Zunge zum Gaumensegel sagte, das Gaumenzäpfchen brauche es im Grunde überhaupt nicht. Es mache und könne ja nichts ausser ein paar Kratzlaute produzieren, die in seltenen Wörtern wie «ach», «Dach» und «Krach» ausgesprochen würden. Das Gaumenzäpfchen war in der Mundhöhle als Arbeitskraft allgemein mehr geduldet als erwünscht, aber das ging nun doch zu weit. Was glaubte diese eingebildete alte Vettel eigentlich, wer sie war? Der würde es das Gaumenzäpfchen zeigen! Es war überzeugt, dass es mit all dem Spott und der Geringschätzung ein für alle Mal vorbei wäre, wenn es anstelle der Zunge das «R» aussprechen könnte. Ganz abgesehen davon jammerte die humorlose, fette Zunge ständig, sie hätte viel zu viel an der Backe. Sollte sie doch dankbar sein, wenn ihr jemand einen Teil der Arbeit abnehmen wollte.
Auch wenn sie es als Arbeitskraft nicht sonderlich respektierten, so mochten die Organe in der Mundhöhle das Gaumenzäpfchen gern, denn es war stets fröhlich und hilfsbereit. Vor allem die Organe in der hinteren Mundhöhle hatten viel zu lachen, während im vorderen Bereich ernst und verbissen malocht wurde. Die Mandeln standen dem Gaumenzäpfchen nicht nur räumlich besonders nahe, denn auch sie galten bei vielen Organen als überflüssig. So war zwischen den Mandeln und dem Gaumenzäpfchen mit den Jahren eine Freundschaft entstanden, die sich die herrische Zunge in der vorderen Mundhöhle noch nicht einmal in ihren kühnsten Träumen vorstellen konnte.
Und weil Freunde füreinander nur das Beste wollen, berieten die Mandeln mit dem Gaumenzäpfchen, was zu tun sei, damit es in Zukunft das «R» artikulieren konnte. «Ich habe eine Idee», sagte die linke Mandel. «Wir lassen den Speichel auslaufen. Dann ist die Zunge so ausgetrocknet, dass sie nur noch machtlos am Gaumen klebt!» Zum Gaumenzäpfchen gewandt erklärte sie: «Das ist dann deine Chance, das ‹R› zu artikulieren.» «Aber wie willst du das anstellen?», entgegnete die rechte Mandel. «Ganz einfach: Wir erteilen den Lippen den Auftrag, sich zu teilen, und der Speichel soll ausfliessen», meinte die linke Mandel. Das Gaumenzäpfchen war von dieser Idee begeistert. Es schritt sogleich zur Tat und beauftragte den Speichel via Atemluft damit, auszulaufen. Vorher sandte es einen Befehl in Form eines heftigen Niesens an die Lippen, dass sie sich teilen sollten. Die Lippen wunderten sich etwas über diesen Auftrag vom Gaumenzäpfchen, doch taten sie, wie ihnen geheissen, denn sie wollten dem lustigen Zäpfchen gerne einen Dienst erweisen.
Die Lippen teilten sich, sodass der Speichel restlos aus der Mundhöhle ausfliessen konnte. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis alles ausgelaufen war. In der Mundhöhle munkelte man, man habe draussen mehr als nur ein Wischtuch gebraucht, um den ganzen Speichel aufzuwischen. Ja, eine ganze Wischtuch-Rolle sei dafür nötig gewesen. Wie die Mandeln und das Gaumenzäpfchen vorausahnend geplant hatten, klebte die trockene Zunge machtlos am Gaumen oben fest. Was die drei jedoch nicht bedacht hatten, war, dass die Zunge dadurch den Luftstrom zum Gaumenzäpfchen blockierte. So sehr es sich auch anstrengte, das Gaumenzäpfchen brachte kein «R» zustande, denn ohne Atemluft kam es nicht zum Vibrieren. Ausserdem wurde es in der Mundhöhle mangels Speichel unangenehm. Ein fauliger Gestank stieg von den Zähnen auf, unter der Zunge sammelten sich Speisereste und aus dem Rachen kamen unablässige Räusperlaute. Schliesslich musste sich das Gaumenzäpfchen eingestehen, dass die Aktion gescheitert war. Enttäuscht gab es den Speicheldrüsen das Kommando, wieder zu produzieren.
Das Gaumenzäpfchen und die Mandeln hielten erneut Kriegsrat. Als Nächstes beauftragten sie die Viren, die Zungenspitze zu infizieren und dort grosse, fette Aphten spriessen zu lassen. Die Viren, die dem Gaumenzäpfchen von Berufes wegen das Leben sonst oft schwer machen mussten, freuten sich, ihm für einmal einen Dienst zu erweisen. Sie leisteten ganze Arbeit, die Aphten gediehen prächtig und die Zunge hatte immer mehr Mühe beim Hin- und Herschieben der Speisen und beim Erzeugen der Laute. Doch pflichtbewusst und zäh, wie sie war, artikulierte sie verbissen weiter. Das Gaumenzäpfchen musste sich schliesslich eingestehen, dass auch diese Aktion gescheitert war, und so erteilte es den Aphten nach ein paar Tagen das Kommando zum Rückzug.
Das Gaumenzäpfchen war inzwischen richtig niedergeschlagen. Würde es denn sein Ziel nie erreichen? In seiner Not bat es schliesslich die Zähne, auf die Zunge zu beissen. Die Zähne hatten Skrupel: Jemanden zu verletzen, war kein Spass, auch wenn dieser jemand die humorlose, fette Zunge war. Andererseits konnten sie den innigen Wunsch des Gaumenzäpfchens, das «R» zu artikulieren, gut verstehen. Es tat ihnen leid zu sehen, wie bedrückt und verzweifelt das sonst so lustige Zäpfchen deswegen war. Nach langem Hin und Her willigten sie schliesslich ein. Sie begaben sich in Position. «Eins, zwei, drei!», zählte das Gaumenzäpfchen und die Zähne gruben sich mit aller Kraft in die Zunge. Das System reagierte sofort. Die Stimmbänder schickten einen Schmerzensschrei los und aus der Zunge quoll dunkelrotes Blut. Sie zuckte und blieb regungslos in der Mundhöhle liegen, ganz taub vor Schmerz. Auf diese Weise brutal ausser Gefecht gesetzt, war die Zunge nicht mehr in der Lage zu artikulieren. Die Laute, die fortan die Mundhöhle verliessen, waren eine akustische Zumutung. Die grosse Ausnahme war das «R»: Freudig sprang das Gaumenzäpfchen ein und vibrierte, als ginge es um sein Leben. Noch nie hatte man so schöne «R» gehört wie vom Zäpfchen im hinteren Gaumen. Lang und gleichmässig waren sie. Die Zunge lag schachmatt da und lauschte. Sie musste zugeben, dass das Gaumenzäpfchen ganze Arbeit leistete.
Während die Zunge ihre Verletzungen auskurierte, hatte sie viel Zeit zum Nachdenken. Sie war ein Arbeitstier und es fiel ihr schwer, nichts zu tun. Die Attacken des Gaumenzäpfchens hatten ihr mehr zugesetzt, als sie sich bisher eingestanden hatte. Es war nicht der körperliche Schmerz; den hätte die Zunge verkraftet. Was aber an ihr nagte, war, dass sich zahlreiche Organe in der Mundhöhle mit dem Gaumenzäpfchen gegen sie verbündet hatten. Das schmerzte die Zunge. Warum waren alle so fies zu ihr? Nie hatte sie jemandem etwas zuleide getan, sondern nur immer ihre Pflicht erfüllt. Nun gut, sie hatte auch noch nie jemandem etwas zuliebe getan. Aber wozu sollte sie? Ihr wurde schliesslich auch nichts geschenkt im Leben. Sie hatte schon immer hart gearbeitet. Das hatte ihr auch die Stellung eingebracht, die sie jetzt in der Mundhöhle innehatte. Aber war das wirklich so wichtig? Was nützte ihr das, wenn sie alt oder, wie jetzt, krank war?
Als die Zunge während ihrer Krankheit den anderen Organen zuschaute und lauschte, stellte sie fest, wie wenig sie bisher vom Leben in der Mundhöhle mitbekommen hatte. So fiel ihr zum ersten Mal auf, dass der Speichel und die Zähne unverblümt miteinander schäkerten. Aus der hinteren Mundhöhle kam bei jedem Niesen ein Gelächter und Gejohle. Auch stellte sie fest, dass eine Geschmacksknospe am Gaumensegel eine funktionale Störung hatte, die von einer Kollegin selbstlos und liebevoll ausgeglichen wurde. War das wirklich der gleiche Ort, in dem die Zunge lebte und arbeitete? Bisher hatte sie die Mundhöhle nur als Haifischbecken wahrgenommen, in dem es um das nackte Überleben und das bare Funktionieren ging. Doch nun offenbarte sich ihr eine ganz andere Welt. Was, wenn auch sie sich mal einen Spass, einen Schwatz oder eine Pause gönnen würde? Was, wenn sie auch einmal freiwillig einem anderen Organ etwas helfen könnte? Doch wie sollte sie das anstellen? Dafür hatte sie doch viel zu viel zu tun. Da fiel es der Zunge wie Schuppen von den Augen: Sie konnte sich entlasten, indem sie das «R» dem Gaumenzäpfchen überliess. Warum war sie nicht schon längst selbst auf diese Idee gekommen? Zwar müsste sie dann auf die lustvolle Vibration beim Artikulieren des rollenden Lauts verzichten, aber vielleicht gab es ja andere Möglichkeiten, mehr Freude in ihr Leben zu lassen? Je länger sie darüber nachdachte, desto besser gefiel der Zunge der Gedanke. Nein, sie würde dem Gaumenzäpfchen das «R» nicht mehr streitig machen.
Langsam genas die Zunge und begann wieder Laute zu artikulieren. Auf das «R» erhob sie keinen Anspruch mehr. Das Gaumenzäpfchen wunderte sich darüber. Anfangs hatte es noch jederzeit mit einer gewaltsamen Übernahme des «R» durch die Zunge gerechnet. Doch je länger nichts passierte, desto klarer wurde, dass die Zunge kapituliert hatte. Das Gaumenzäpfchen fragte nicht lange nach dem Warum, sondern freute sich ganz einfach über seine neue Aufgabe. Auch den anderen Organen in der Mundhöhle war aufgefallen, dass das «R» immer noch vom Gaumenzäpfchen artikuliert wurde, obwohl die Zunge längst wieder gesund war. Zudem stellten sie fest, dass die Zunge sich neuerdings ab und zu kleine Pausen gönnte, hie und da auch für einen kleinen Schwatz zu haben war oder über etwas mitlachte. Nach und nach veränderte sich ihre Meinung über die Zunge. Insbesondere die Zähne fragten sich, ob sie wohl der Zunge gegenüber zu hart vorgegangen waren. Hatten sie sie vielleicht falsch eingeschätzt? War sie etwa gar nicht so machtgierig und gefühllos, wie sie gedacht hatten? Schliesslich beschlossen die Zähne, sich bei der Zunge für ihren Angriff zu entschuldigen. Als sie ihre Absicht in der Mundhöhle verbreiteten, schlossen sich auch die Mandeln, der Speichel, die Lippen und die Viren an. Das Gaumenzäpfchen fand das zwar nicht unbedingt nötig, doch es wollte seine Freunde nicht im Stich lassen und ging ebenfalls mit. Als ihren Wortführer wählten sie den oberen linken Eckzahn.
Als die reuigen Organe der Zunge ihre Entschuldigung darbrachten, reagierte diese zum Erstaunen des Gaumenzäpfchens freundlich und überhaupt nicht überheblich: «Danke, ich freue mich über eure Entschuldigung. Sie tut mir gut und ich nehme sie gerne an. Im Grunde aber muss ich mich bei euch bedanken.» Die Zunge machte eine Pause, und die Organe sahen sich überrascht an. Was wohl jetzt kommen würde? «Ihr habt mir mit euren Angriffen im Grunde einen grossen Gefallen getan», sprach die Zunge weiter, «denn ihr habt mir die Augen geöffnet. Dank euch habe ich erkannt, dass es im Leben nicht nur darauf ankommt, etwas zu leisten und zu funktionieren. Wer sich auch einmal eine Freude gönnt, anderen hilft und an ihrem Leben teilhat, lebt besser. Und wer Freunde hat» – die Zunge machte eine Pause und schaute zum Gaumenzäpfchen – «erreicht auch seine Ziele.» Und dann lobte die Zunge sogar das «R» des Gaumenzäpfchens. Das errötete, diesmal nicht, weil es entzündet war. «Liebe Zunge, wir waren unmöglich», konnte nun auch es einräumen. «Können wir das wieder geradebiegen? Hast du vielleicht einen Wunsch?» Die Zunge überlegte lange, dann wurde sie ebenfalls rot und begann zu stottern: «Also, wenn ihr könntet, dann würde ich ... dann möchte ich ... dann wäre es sehr schön, wenn ...» Die Zunge brach ab. Erst als sie der obere linke Eckzahn nochmals ermutigte, sagte sie so leise, dass man sie kaum hören konnte: «Ich würde gerne wieder einmal küssen.»
