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So schwer hat Malalei sich das bessere Leben nicht vorgestellt, als sie mit 12 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland kommt. Sie ist hin- und hergerissen zwischen deutscher Freizügigkeit, die ihre Sozialbetreuerin Ruth nach Kräften fördert, und dem Diktat ihres traditionsverhafteten Vaters, der auch vor Gewalt nicht zurückscheut. Als sie mit 18 zwangsverheiratet werden soll, flüchtet sie aus der Familie und taucht unter. Mit neuer Identität wird sie von einer sozial eingestellten Unternehmerin aufgenommen, die sie jedoch in die Rolle einer angepassten Vorzeigetochter drängt …
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Margit Heumann,
geboren und aufgewachsen in Österreich, verheiratet, zwei Töchter. Sie lebte mehrere Jahre in England und der Schweiz, derzeit in Nürnberg und Hamburg. Berufliche und andere Tätigkeiten: Fremdsprachensekretärin, Buchhandel, eigener Islandpferdehof, ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuung, freie Autorin. Seit 2007 zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien sowie Einzelpublikationen im Sachbuch- und Belletristikbereich. Aktives Mitglied bei Wortkünstler Mittelfranken, Autorenverband Franken, Literatur Vorarlberg und IG Autorinnen und Autoren.
Ebenfalls im medimont verlag ist der Roman: »Briefe wie diese« erschienen.
www.margitheumann.com
Margit Heumann
Roman
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Dieser Roman ist ein Produkt der Fantasie. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen – lebenden oder toten – und Geschehnissen wären reiner Zufall.
Originalausgabe, 1. Auflage
©2022 by medimont verlag gmbh, 86453 Dasing, Marienstr. 31
Lektorat und Redaktion: Wolfgang K. Ernst
Umschlaggestaltung: Saskia Heumann
Umschlagabbildungen: Pixabay
Gesetzt in Adobe InDesign im Verlag
Druck und Bindung: ScandinavianBook, DK-6300 Gravenstein
Printed in the EU
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
eISBN: 978-3-911172-82-0 (eBook)
Sie finden uns im Internet unter:
www.medimont.deBestell-Nr.: 36703
Über die Autorin
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Nur ein Mädchen, heißt es in Afghanistan. Malalei hatte es von klein auf gehört und nahm es hin. So selbstverständlich wie die weichen Schlafteppiche im Haus, wie den gepflasterten Hof, auf dem sie ihre ersten Schritte machte, wie das Dorf und die Frauen, die um sie waren.
Da war mâmân, die sie gestillt, auf ihrem Rücken getragen, in den Schlaf gesungen hatte. Die kochte und wusch und auf dem Feld arbeitete. Da waren die Großmutter, die Tanten und Nachbarinnen mit ihren Kindern.
Den Vater gab es nur am Rand, weil er draußen für die Familie sorgte, wie es hieß. Als die Bäume ihre Blätter verloren, blieb er ganz weg. Wie andere Väter auch. Bald waren im Dorf nur noch Frauen und Kinder und Greise.
Wenn von der Abwesenheit der Männer die Rede war, wurden die Kinder außer Hörweite gescheucht, senkten die Erwachsenen die Stimmen, raunten hinter vorgehaltener Hand: Wegen der Taliban.
Malalei schnappte das Wort auf und konnte nichts damit anfangen. Waren Taliban wilde Tiere? Wie Schakale, die Ziegen und Schafe rissen? Oder Giftschlangen, deretwegen Kinder in der Nähe der Häuser bleiben mussten? Ta–li–ban. Malalei spürte die Gefahr ohne sie zu verstehen.
In Afghanistan war es Winter und wieder Frühling geworden. In den Vogelnestern piepste es, die Ziegen und Schafe hatten Junge und die Mutter noch ein Kind bekommen. Wieder nur ein Mädchen.
Die kleine Samira konnte gerade lächeln, da machte sich Unruhe im Dorf breit. Die alten Männer hielten Versammlungen ab, tranken Tee, rauchten. Händeringend redeten die Frauen durcheinander. Wer nicht für die Taliban sei, müsse fort und zwar bald. In ihrer Aufregung übersahen sie, dass die Kinder zuhörten, die Augen schreckgeweitet. Bald stand das erste Haus leer und noch eines und noch eines. Ganze Familien verschwanden aus dem Dorf.
Eines Tages packte mâmân und früh am nächsten Morgen brachen sie auf. Zusammen mit der Großmutter und zwei Tanten mit ihren Kindern. Die Taliban-Gefahr hatte Malalei eingeholt. Erklärt wurde ihr nichts, sie war nur ein Mädchen von sieben Jahren.
Viele Tage waren sie gegangen. Folgten Saumpfaden über Steppengras, Geröll, Sand und Felsplatten. In Serpentinen bergauf und bergab und wieder bergauf. Sie kamen nur langsam vorwärts. Die Frauen in schwarzer Burka trugen schwer an ihren Kleiderbündeln und den Säuglingen. Die größeren Kinder, die anfangs vorausgelaufen waren, wurden mit ihren kurzen Beinen schnell müde. Wenn Malalei vor Erschöpfung weinte, wurde sie gescholten und weitergezerrt. Manchmal erbarmte sich die Großmutter oder eine Tante und trug sie ein Stück auf dem Rücken. Manchmal trafen sie einen Bauern mit seinem Eselskarren, der die Kinder aufsitzen ließ.
Erst wenn es dunkel wurde, suchten sie eine geschützte Stelle für die Nacht. Lagerten im Windschatten von Felsen, verkrochen sich in einer Höhle oder versteckten sich in Buschwäldern. Für Malalei war nichts schrecklicher als diese Nächte. Nicht der ermüdende Fußmarsch, nicht die schmerzenden Beine, nicht der Staub, nicht der Hunger, nicht der Durst. Die Nächte waren zum Fürchten. Kaum hatte mâmân ihr Gepäck abgestellt, ließ sie sich auf den Boden fallen. Bewegungslos lag sie, die Augen zu und mit verrenkten Gliedern.
Malalei wartete verängstigt darauf, dass sie wie gestern und vorgestern nach endlosen Minuten die Augen öffnete, sich aufsetzte und ihr ein Stück Fladenbrot reichte. Dann gab sie Samira die Brust und noch während des Stillens schlief sie wieder ein, einen Arm auf ihren Habseligkeiten, mit dem anderen die Kleine an sich gedrückt.
Malaleis Platz war daneben auf der blanken Erde. Für ein bisschen Sicherheit und Nähe drückte sie ihren Rücken an mâmâns Seite. Besser als nichts. Sie hielt sich die Ohren zu gegen die Geräusche der Nacht, der Wind fauchte wie ein wildes Tier, in der Luft hing Ächzen und Stöhnen, Wölfe heulten den Mond an, manchmal knallten Schüsse. So gut es ging, versuchte Malalei die Gegenwart mit erinnerten Nächten zu überdecken. Wie sie im Sommer auf dem flachen Hausdach übernachtet hatten, wo der Flug der Fledermäuse und der Eulen, das Wispern der Blätter, das Tapsen von kleinem Getier und der Blick in den Sternenhimmel sie in den Schlaf gewiegt hatten.
Auf der Flucht über die Berge verkehrten sich die freundlichen Bilder in nackte Angst.
Die Taliban, wusste Malalei inzwischen, waren keine Tiere, aber trotzdem das, was Schakale für Ziegen und Schafe waren: Feinde. Man musste sie bekämpfen oder fliehen. Wehe dem, der weder das eine noch das andere schaffte.
Malalei und ihre Familie hatten es nach Pakistan geschafft. In ein Notlager, wo es an allem fehlte: an Wasser, an Essen, an Sicherheit, an Platz. Das vor allem. Sie lebten zu zehnt in einem windschiefen Zelt, daneben, davor und dahinter Gestrandete wie sie. Aber bâbâ war wieder da. Ein anderer bâbâ, als der, an den sie sich fast nicht erinnerte. Entweder fluchte und schimpfte er mit seiner Familie, stritt mit den Nachbarn um einen halben Meter mehr für die Feuerstelle oder lag tagelang auf seiner Matte und starrte Löcher in die Luft.
Die Frauen kümmerten sich um alles. Schleppten Wasser, machten Feuer, stellten sich für Mehl, Reis, Seife, manchmal Granatäpfel an, flickten das Zelt, wenn es durch die Ritzen tropfte. Mâmân stillte die Jüngste, buk Teigfladen, kochte dünne Suppen in dem einzigen Topf, in dem sie auch Wäsche wusch und Waschwasser warm machte. Ihr Gesicht wurde kantig, ihr Körper immer dünner, aber unter der Burka wölbte sich ihr Bauch.
Dann war bâbâ wieder verschwunden. Wohin, warum, wie lange, fragte Malalei und bekam zur Antwort, er suche ein besseres Leben für die Familie. Mehr musste ein Mädchen nicht wissen.
Was es bedeutete ein Mädchen zu sein, verstand sie, als mâmân das Kind bekam. Einen Sohn. Endlich. Die gesamte mütterliche Aufmerksamkeit gehörte nun Behar. Malalei, ich habe keine Zeit. Malalei, ich habe jetzt einen Sohn. Malalei, dein Bruder braucht mich. Malalei, kümmere dich um deine kleine Schwester. Malalei, bring dies, hol das, mach und tu und hilf. Sie lernte zu machen und zu tun und zu helfen. Sie stellte keine Fragen mehr. Sie war nur ein Mädchen.
Nach einigen Monaten im Zeltlager, es ging schon auf den Winter zu, wurden die Flüchtlinge in ein anderes Quartier verlegt. Eine umzäunte Anlage aus ehemaligen Militärbaracken in Reih und Glied, heruntergekommen und trist. Trotzdem eine Verbesserung. Das Dach war dicht, das Frieren hatte ein Ende. Die Enge und die mangelhafte Versorgung blieben. Mehr schlecht als recht kamen sie durch den Winter. Bâbâ war nach wie vor abwesend. Nur manchmal schnappte Malalei Halbsätze auf, dass er anerkannt sei, dass er Arbeit suche und seine Familie in das bessere Leben nachhole. Bald.
Im dritten Jahr ihrer Flucht hatten mâmân und die Tanten das Glück, zum Putzdienst im Lager eingeteilt zu werden. Damit verdienten sie ein paar Rupien, die sie eisern sparten. Die Versorgung der Jüngsten blieb an den größeren Mädchen hängen. In mâmâns Abwesenheit war Malalei für ihre vier- und zweijährigen Geschwister verantwortlich. Und wehe, es lief nicht glatt, dass eines in die Hosen machte oder etwas zu Bruch ging oder Behar heulte, dann hagelte es Ohrfeigen und Kopfnüsse für Malalei.
Malalei hatte sich fortgewünscht aus dem Lager, egal wohin. Oft stand sie am Zaun und schaute durch den Maschendraht nach draußen. Nur einen Steinwurf entfernt standen Holzschuppen dicht an dicht, zwischen denen ärmlich gekleidete Menschen herumlungerten oder hin und her eilten. Auf der gegenüberliegenden Seite grenzte die Flüchtlingsunterkunft an einen Fluss und drüben gab es schöne Häuser mit Gärten und mitten drin ein mächtiges Gebäude, in dem morgens und nachmittags Kinder ein- und ausgingen. Mädchen und Buben in hübschen blau-weißen Uniformen. Sie hatten farbenfrohe Ranzen auf dem Rücken oder trugen Taschen in der Hand. Eine Schule für Kinder reicher Eltern, erklärte man ihr, in der man mehr lernte als Lesen und Schreiben. Und fügte kaltlächelnd hinzu: Ganz sicher kein Ort für ein Flüchtlingsmädchen. Aus Afghanistan kannte sie nur Koranschulen, und die waren nach guter alter Tradition für Söhne. Was Mädchen können mussten, wurde ihnen von den Müttern beigebracht. Malalei kannte es nicht anders. Obwohl es ihre Vorstellungskraft überstieg, was es außer Lesen und Schreiben zu lernen geben könnte, träumte sie davon, in eine solche Schule zu gehen. Vielleicht wenn bâbâ das bessere Leben gefunden hatte.
Viele Wochen oder Monate später brachte mâmân einen großen Koffer und packte das Nötigste für sich und ihre drei Kinder hinein. Nach einem tränenreichen Abschied von den Verwandten ging es mit einem Bus in die Stadt. Danach stiegen sie in ein Flugzeug. Es brachte sie nach Deutschland. Dort wartete bâbâ mit dem besseren Leben. Malalei war zwölf Jahre alt.
Ruth kannte das: Wenn die Wochen dahin plätscherten, als könnten sie kein Wässerchen trüben, lauerte ein Tsunami im Hinterhalt. An diesem ersten Montag der Sommerferien brach er mit einem Telefonklingeln über sie herein.
»Hallo, Frau Ruth. Hier Bakhtari. Hören Sie Malalei?«
»Oh, Herr Bakhtari.« Ruths Ton war nicht gerade freundlich. »Wie hören?«
»Am Telefon. Hat Malalei angerufen?«
»Angerufen? Nein, warum sollte sie anrufen?« Abgesehen von seltenen Höflichkeits-SMS hatte Ruth keinen Kontakt mehr zu ihrem afghanischen Schützling, seit die ehrenamtliche Betreuung vor fast zwei Jahren geendet hatte.
»Verstehen Sie: Malalei ist weg. Verschwunden!«
»Was soll das heißen? Ist etwas vorgefallen oder gab es Ärger?«
»Nein, nein, alles gut. Sie hat Schule fertig und schönes Zeugnis.«
»Das ist doch prima. Da können Sie stolz auf Ihre Tochter sein.«
»Ja, aber jetzt weg«, heulte er auf. Er habe Angst um seine Tochter, drei Tage sei sie schon verschwunden, da müsse etwas Schlimmes passiert sein. »Ich war bei Polizei, aber die machen nichts. Alles sehr, sehr schlimm, auch für Frau.«
»Das tut mir leid, aber ich habe wirklich keinen Kontakt zu Malalei.«
»Aber wenn Sie hören, dann helfen, bitte, Frau Ruth.«
»Natürlich, das mache ich ganz sicher.«
»Danke, Frau Ruth, danke, danke.«
»Ich hoffe, dass Sie Ihre Tochter bald wiederhaben.«
Malalei verschwunden? Und deswegen rief der Mann ausgerechnet bei ihr an? Wo er doch kräftig nachgeholfen hatte, dass Ruth als Sozialbetreuerin seiner Tochter abgezogen wurde. Wann hatte sie eigentlich zum letzten Mal von dem Mädchen gehört? Das musste fast ein Dreivierteljahr her sein. Ja, genau, an Weihnachten. Oder Neujahr?
Was um Himmels willen war passiert?
Der Klugschwätzer war Experte: Die Kleine probt den Aufstand – mit 18 auch höchste Zeit.
Doch nicht Malalei! Ruth schüttelte heftig den Kopf. Rebellion gegen familiäre Gewohnheiten traute sie ihr nicht zu. Ihre Mutmaßungen tendierten in Richtung Schulprobleme oder spätpubertäre Aktionen. Nichts davon passte wirklich. Jedenfalls nicht zu der Malalei, die sie über drei Jahre begleitet hatte. Mit der Absicht, das Mädchen nicht nur schulisch zu unterstützen, sondern auch im Alltag, in der Freizeit, überhaupt im gesamten Integrationsprozess.
Hehre Ziele fürwahr, lästerte der Klugschwätzer.
Na und? Eine Portion Idealismus war nie verkehrt. Auch Kleinvieh machte Mist. In diesem Fall: trug hoffentlich Früchte.
Du und deine Luftschlösser und Wolkenkuckucksheime: Träum weiter!
Dieser Stinkstiefel! Immer sticheln und stänkern. Immer vorlaut und ungeschminkt. Manchmal wünschte sie ihn dahin, wo der Pfeffer wächst.
Die Bekanntschaft mit ihrem Troll reichte weit zurück in die Kindheit. Sie erinnerte sich genau: Verschütteter Kakao, eine zerbrochene Tasse, ein fleckiges Sonntagskleid. Mutter schalt sie einen ewigen Tolpatsch, die Ohrfeige brannte im Gesicht, beides demütigte ihre Seele. Doch dann spürte sie ein Kribbeln. Etwas kitzelte ihre Fußsohlen, unter den Armen, am Hals. Die Kränkung schlug in einen Lachkrampf um. Mutters Zorn explodierte, es folgte Zimmerarrest und sie lachte immer noch. Der Troll wurde ihr ständiger Begleiter. Versorgte sie mit frechen Antworten, legte ihr altkluge Bemerkungen in den Mund, ließ sie peinliche Fragen stellen. Und er half ihr über vieles mit einem Augenzwinkern hinweg: Streit mit der Freundin, missglücktes Bastelwerk, eine schlechte Note. Nach der Pubertät wäre sie ihn gern losgeworden, aber er ließ sich nicht so einfach wegwünschen. Wohl oder übel lernte sie ihn zu zähmen, sodass nicht mehr jeder seiner Sprüche ungefiltert über ihre Lippen kam. Als Erwachsene verstand sie, dass die Kommentare ihre eigenen ambivalenten Gedanken waren, die gegen anerzogene Salonfähigkeit zu opponieren versuchten. Es war befreiend, wenn sie ihm in den Mund legen konnte, was sie nicht laut zu sagen wagte. So boshaft und kratzbürstig er oft war, ganz missen wollte sie ihn nicht. Er warf eingefahrene Denkmuster über den Haufen. Und manchmal hielt er ihr den Spiegel vor und hatte schlicht und einfach recht.
Diesmal hoffentlich nicht. Sonst wäre ihr Engagement als Rotkreuz-Sozialbetreuerin ja komplett sinnlos gewesen.
Plötzlich schlug sie sich an die Stirn. Das Rote Kreuz! Womöglich wusste Agnes mehr über Malaleis Verschwinden.
»Ach, Ruth, schön, dass du dich meldest. Wir haben gerade wieder mächtig Bedarf an Ehrenamtlichen.«
»Tut mir leid, darum rufe ich nicht an. Es geht um das afghanische Mädchen, das ich zuletzt betreut habe, Malalei Bakhtari.« Sie berichtete vom Anruf des Vaters, auf den sie sich keinen Reim machen konnte.
»Das klingt nicht gut.«
»Glaubst du, Malalei ist in Gefahr? Ein Verbrechen?«
»Das ist nie auszuschließen, aber ebenso gut kann es sein, dass das Mädchen von zu Hause Druck bekommen hat. Das passiert in traditionell geprägten Flüchtlingsfamilien leider öfter als uns lieb ist.«
»Doch nicht bei den Bakhtaris! Die sind seit mindestens sechs Jahren in Deutschland, der Vater deutlich länger. Als ich ihn kennenlernte, war er sehr aufgeschlossen, hat mir von Anfang an die Hand gegeben, was ja bei muslimischen Männer überhaupt nicht selbstverständlich ist. Und wenn du ihn gehört hättest – er war sehr aufgeregt und ehrlich besorgt …«
»Das kann schon sein«, unterbrach Agnes, »ich will ihm da nichts unterstellen. Allerdings … meiner Erfahrung nach kann das ebenso gut Taktik sein.«
Ruth stutzte. »Moment. Willst du behaupten, dass seine Sorge nur gespielt war? Das glaube ich nie und nimmer!«
Du verteidigst den Mann? Ist ja ganz was Neues!
»Aus der Perspektive eines traditionsbewussten Familienoberhauptes ist das ein Machtverlust und gegen seine Ehre. Das ist für Töchter nicht ungefährlich.«
»Du meinst, Herr Bakhtari soll gar nicht erfahren, wo Malalei ist?«
»Besser nicht. Zumindest nicht bis geklärt ist, warum sie verschwunden ist.«
»Wo kann sie sein? Ich überlege die ganze Zeit, wo ich sie suchen könnte. Hast du eine Idee?«
»Du hältst bitte die Füße ganz still. Wir kümmern uns darum.«
»Aber du sagst mir Bescheid, wenn ihr sie gefunden habt?«
»Je nach dem, was los ist. Und bitte, Ruth, in der Zwischenzeit keine Infos an Herrn Bakhtari. Auch keine Vermutungen.«
»Natürlich nicht! Oder denkst du, ich rufe ihn jetzt postwendend an?«
»Das nicht, aber wahrscheinlich er dich.«
»Glaube ich nicht. Ich habe ihm klar und deutlich gesagt, dass ich schon lange nichts mehr von Malalei gehört habe.«
»Du wirst schon sehen«, meinte Agnes, »er wird versuchen, mehr aus dir herauszulocken.«
»Wo nichts ist, kann er nichts locken. Und überhaupt, wenn nötig kann ich schweigen wie ein Grab.«
»Es ist nötig, glaub mir. Wenn nicht, gebe ich Entwarnung.«
Agnes behielt Recht. Ruth wurde mit Anrufen bombardiert. Jedes Mal hatte Herr Bakhtari eine neue Idee, wo sie nach seiner Tochter forschen sollte: beim Roten Kreuz, beim Flüchtlingsamt, in der Schule, beim Einwohnermeldeamt, bei der Polizei.
»Das ist sinnlos, niemand darf mir Auskunft geben, ich gehöre nicht zur Familie, das geht in Deutschland nicht wegen Datenschutz«, erklärte sie ihm zunehmend ungeduldiger.
»Wo sie sein kann?«, blieb er hartnäckig. »Wo suchen? Schläft vielleicht in Park, ist gefährlich, sehr gefährlich. Bitte helfen Sie, bitte.«
»Es tut mir leid, ich kann wirklich nichts tun, so gern ich das möchte.« Es gelang ihr meistens erst beim dritten oder vierten Anlauf das Gespräch mit einer Notlüge zu beenden.
Wesentlich emotionaler wurde es, wenn Malaleis Mutter anrief. Laut schluchzend wiederholte sie immer wieder: »Malalei finden, bitte bald, ich nur weinen, immer nur weinen.« Oder sie brachte die Geschwister ins Spiel: »Immer nach Malalei fragen, Tag und Nacht weinen, bitte helfen.« Ihr Schmerz und ihre Verzweiflung waren mit Händen zu greifen und bestimmt nicht gespielt. Ruth hätte sie gern getröstet, ein wenig Hoffnung gegeben, nur womit?
Ein paar Krokodilstränen und schon wäre dein Schweigegelübde ausgehebelt, lästerte der Klugschwätzer.
Insofern gut, dass sie nichts über Malaleis Verbleib wusste.
Die ständigen Anrufe belasteten sie, bis sie nach zwei Wochen weniger wurden. Drei Tage ohne einen einzigen Anruf. Ruth atmete auf.
Zu früh.
»Frau Ruth, Frau Ruth«, legte Herr Bakhtari los, kaum dass sie das Telefon abgehoben hatte. »Sie müssen helfen.«
»Was wollen Sie denn noch?« Ruth gab sich keine Mühe ihren Unmut zu verbergen. »Ich habe Ihnen oft genug gesagt, dass ich nichts weiß und nicht helfen kann.«
»Polizei hat angerufen, Malalei ist gefunden, aber …«
Ruths Stimmungsbarometer schnellte nach oben. »Das ist mal eine gute Nachricht, wie geht es ihr?«
»Gut, sagt Polizei, aber …«
»Das freut mich, das freut mich sehr«, meinte Ruth. »Was aber?«
»Aber sie sagen nicht wo«, schrie er, dass Ruth das Telefon vom Ohr weghielt. »Dürfen sie das? Malalei gehört in Familie, sie muss zurück in Familie. Sie müssen helfen, bitte«, fügte er in gemäßigter Lautstärke hinzu.
Nicht schon wieder diese Leier, dachte Ruth. »Was erwarten Sie von mir? Ich habe ihnen schon tausend Mal gesagt, ich kann nichts machen.«
»Sie können. Sie müssen. Ich gebe Vollmacht. Sie sind deutsch und mit Vollmacht Polizei muss sagen, wo ist meine Tochter.«
Schlauer Mann! Hat eine Hintertür im Bürokratie-Dschungel deutscher Behörden entdeckt, feixte der Klugschwätzer. Fragt sich nur mit welcher Absicht. Agnes‘ Statement über den Ehrenkodex afghanischer Väter war bei ihm auf fruchtbaren Boden gefallen.
»Die Polizei muss gar nichts«, wich Ruth aus. »Wenn überhaupt, dann würden zuallererst Sie erfahren, wo Malalei ist?«
»Genau, genau, ich habe Recht zu wissen, wo sie ist. Ich bin Chef von Familie, sagen Sie das Polizei.«
Vor diesen Karren ließ sie sich nicht spannen, sicher nicht. »Mir geht es nur um Malalei und was gut für sie ist. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Wiedersehen.«
Ruth holte tief Luft. Da war Erleichterung, dass Malalei in Sicherheit war. Da war Empörung über Herrn Bakhtaris Machtanspruch. Da war vor allem die Frage, was passiert war. Dazu der Groll, dass Agnes sie nicht wie ausgemacht informiert hatte.
Wer sagt denn, dass das Rote Kreuz sie überhaupt gesucht hat?, zweifelte der Klugschwätzer.
Wie bitte? War man dort untätig gewesen? Und Agnes völlig ahnungslos über den Stand der Dinge?
Sie griff zum Telefon.
»Agnes, stell dir vor, ich habe eben einen Anruf von Herrn Bakhtari bekommen, dass Malalei von der Polizei gefunden wurde.«
»Ja, ich weiß«, antwortete sie seelenruhig.
»Hey, du hast versprochen, mich zu informieren, wenn das Mädchen auftaucht.«
»Hätte ich schon noch gemacht. Du entschuldigst, wir haben auch andere Fälle.«
»Ja okay«, gab Ruth missmutig zu, »aber jetzt sag schon, was ist geschehen?«
»Wir haben herausgefunden, dass Malalei in Sicherheit ist.«
»Ja, und was heißt das? Wo ist sie jetzt? Geht es ihr gut? Ist sie in etwas Illegales verwickelt? Und was hat sie mit der Polizei zu tun?«
»Die Polizei ist bei Vermisstenmeldungen immer zuständig. Ihr Aufenthaltsort wird derzeit nicht weitergegeben. An niemand.«
»Das … das klingt nicht nach Lappalie. Was ist passiert?«
»Tut mir leid, Ruth, das ist absolut vertraulich.«
»Dann richte ihr wenigstens Grüße von mir aus und dass sie mich jederzeit …«
»Geht auch nicht, es gibt eine Kontaktsperre.«
»Sie ist doch nicht im Gefängnis!«, rief Ruth besorgt.
»Das ist eine Sicherheitsmaßnahme.«
»Und was sage ich, wenn Herr Bakhtari wieder anruft?«
»Die Wahrheit: Dass du nichts weißt und dass er aufhören soll, dich zu belästigen. Und jetzt, sorry, ich habe einen Klienten vor der Tür sitzen, ich muss.«
So abrupt Agnes das Gespräch beendete, so ausdauernd war Herr Bakhtari. In unzähligen Telefonaten forderte er vehement das Recht auf seine Tochter ein, forciert durch herzzerreißendes Mutterleid. Je länger Ruth dem ausgesetzt war, desto überzeugter war sie, dass es nicht um pubertäre Kleinigkeiten gegangen sein konnte, sondern um Freiheiten nach deutschem Vorbild, vielleicht sogar um einen deutschen Freund. Auf jeden Fall etwas, das afghanischer Tradition zuwiderlief.
Der Telefonterror endete erst, als sie einfach nicht mehr abhob.
Von Malalei kein Lebenszeichen.
Die Frage nach ihrem Verbleib rotierte endlos in Ruths Kopf. Untaugliche Antwortversuche warfen neue Fragen auf. Und ganz hinten rumorte diese: Welchen Anteil hatte sie daran?
Versteh ich das richtig: Du gibst dir die Schuld an Malaleis Verschwinden?, wunderte sich der Klugschwätzer ausnahmsweise.
Von Schuld wollte Ruth nicht reden. Eher von Versäumnis. Ein Versäumnis, das ihr jetzt unbegreiflich war. Warum nur hatte sie nach dem Rauswurf durch Herrn Bakhtari nicht wenigstens losen Kontakt zu Malalei gehalten? Das war es, was das Mädchen gebraucht hätte.
Genau! Und keinesfalls den kampflosen Rückzug einer beleidigten Leberwurst.
Jaja, hinterher war man immer schlauer! Sie war nicht die Schere, die das Band durchschnitten hatte, aber statt die Restfäden aufzunehmen, hatte sie den Kontakt einschlafen lassen. Und damit war alles verpufft, was sie bezweckt und erhofft hatte, als sie nach ihrem Wechsel an die Montessori-Schule beim Roten Kreuz als Sozialbetreuerin anheuerte. Gut fünf Jahre war das schon her.
Gott, wie die Zeit vergeht!
Es war ein bunter Haufen von Anwärtern von blutjung bis in Ehren ergraut, die sich damals Anfang September im Rotkreuzgebäude zur Schulung getroffen hatten. Ruth mit ihren 49 Jahren befand sich altersmäßig im oberen Mittelfeld.
Wetten, dass ihr euch alle duzen müsst, prophezeite der Klugschwätzer.
»Eure Hauptaufgabe ist – auf einen Nenner gebracht – Integration«, erklärte die Kursleiterin Agnes, nachdem sie das Du für alle ausgerufen hatte. »Das umfasst alle Bereiche des Ankommens in unserem Land, von der Sprache bis zu Alltagskompetenz, Freizeitgestaltung und Kultur.«
Ruth nickte heftig. Genau das war ihr Ziel und der Klugschwätzer konnte sich seine Lästereien an den Hut stecken.
»Die wenigsten Kinder«, dozierte Agnes weiter, »kennen regelmäßigen Schulbesuch, die Mädchen schon gar nicht. Alle gehen zunächst in Eingliederungsklassen, wo es zusätzlichen Deutschunterricht, aber keine Noten gibt. Sobald wie möglich werden sie in den Regelschulbetrieb übernommen und dann auf jeden Fall Unterstützung brauchen, wahrscheinlich in allen Fächern.«
»Ich bin in Mathematik eine glatte Null«, warf eine ältere Dame ein.
»Und ich hab’s nicht so mit Grammatik«, meinte ein Bursche.
»Für Grundschulniveau wird es bestimmt reichen«, beruhigte Agnes. »Und bis zum Abitur sollten unsere Schützlinge sich freigestrampelt haben, sonst haben wir etwas falsch gemacht.«
Alle lachten.
»Unsere Betreuungsangebote sind üblicherweise auf zwei Jahre ausgelegt. Da wir nur eine begrenzte Zahl von Ehrenamtlichen haben, möchten wir sicherstellen, dass möglichst alle Familien in den Genuss dieser Unterstützung kommen. Wir stehen jederzeit zur Verfügung, sollte es Probleme geben und selbstverständlich ist jemand von uns beim ersten Treffen mit euren Familien dabei. Ist das für euch in Ordnung?«
Für Ruth eine rein rhetorische Frage. Bei ihr lag die Sache anders. Sie kannte ihren Schützling bereits. Aus der Zeit, als sie noch an der Regelschule gearbeitet hatte.
Sie erinnerte sich genau: An einem Freitag kurz vor Schulschluss hatte der Rektor seine Fachlehrerin für Ernährung und Gestaltung ins Büro gebeten.
»Frau Greve, Sie haben ab Montag eine neue Schülerin. Ein afghanisches Flüchtlingsmädchen, zwölf Jahre alt.«
Ruth war nicht überrascht.
»Lassen Sie mich raten: Sie hat noch nie eine Schule besucht und kann kein Wort Deutsch.«
»Woher wissen Sie das?« Der Rektor gab sich bass erstaunt.
»Weil alle diese Schüler bei mir landen«, erklärte Ruth gereizt. Der seltsame Humor ihres Chefs erboste sie jedes Mal aufs Neue.
»Sie übertreiben. Die Gruppengrößen in der Grundschule sind ziemlich ausgeglichen.«
»Schon«, wandte Ruth ein, »aber nur bei mir sind über die Hälfte Ausländerkinder und davon können ein Drittel wenig bis gar kein Deutsch.«
»Genau dafür gibt es an meiner Grundschule nur einen Profi – nämlich Sie! Nehmen Sie es als Kompliment.«
Das hast du nun von deiner Zusatzausbildung für Deutsch als Zweitsprache! Ruths innerer Klugschwätzer musste wie immer seinen Senf dazugeben.
»Schönes Kompliment«, murrte sie und war heilfroh, dass es ihr letztes Jahr an dieser Schule war. »Das hilft mir auch nicht weiter.«
»Sie machen das schon, Sie haben doch Abitur.« Sein üblicher Spruch, mit dem er solche Gespräche gern beendete.
Am Montagmorgen hatte im Sekretariat der Johannis-Schule das übliche Kommen und Gehen geherrscht: Lehrer standen am Kopierer Schlange, Schüler meldeten Geschwister krank, der Hausmeister informierte über ein beschädigtes Türschloss, das Telefon klingelte.
Kaum hatte Ruth den Raum betreten, deutete die Sekretärin
