Nur eine Illusion - Christine Trapp - E-Book

Nur eine Illusion E-Book

christine trapp

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Beschreibung

Halsüberkopf stürzt sich die 18jährige Julia, genannt July, in den Kärntner Universitäts- und Literaturbetrieb und sie findet nichts als den ganz normalen Wahnsinn in der tiefsten österreichischen Provinz. Und was will ein typischer provinzieller Wissenschaftler und/oder Künstler? Sex! July versteht sich zu arrangieren …

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Christine Trapp

Nur eine Illusion

Ein Sittenroman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 Rückkehr aus den Ferien

2 Wo man erfährt, dass Kinobesuche sehr lehrreich sein können

3 Universität

4 Augen auf

5 Zufallsbekanntschaft

6 Nur ein italienisches Wort

7 Erotik am Freitagnachmittag

8 Wo man/frau erfährt, dass es auch eine andere Presse als die des Kleinformats gibt.

9 Mein erstes Date mit dem Dichter

10 Nachspiel

11 Auszeit Uni

12 Wo man erfährt, dass der richtige Eingang entscheidend ist

13 Die Ratschläge der Jugoslawin

14 Die Essenz geht der Existenz voran

15 Tavisio, città aperta!

16 Ermittlungen über das ungewöhnliche Kaufverhalten der Tochter des Hauses

17 Passiver Widerstand

18 Die Büchse der Pandora

19 Der ideale Schwiegersohn

20 Ein Verhör

21 Extras

22 Neue Kundschaft

23 Wenn es läuft, dann läuft es

24 Allein unter strammen Protestanten

25 Rauschen im Blätterwald

26 Sei schlau, pfeif auf den Mittelbau!

27 Keine Zeit zu verlieren

28 Postkartenfieber

29 Was nun?

30 Der Sex eines Dichters

31 Überraschung. Überraschung!

32 Teach-In!

33 Was für ein schöner Sonntag

34 Sex ist eine Utopie

35 Jännerdepression

36 Kamera läuft. Ton ab. Action!

37 Was weißt denn du schon vom Leben?

38 Meine Röcke werden kürzer

39 Pierre und ich und das Kino.

40 Die Welt ist alles was der Fall ist

Impressum neobooks

1 Rückkehr aus den Ferien

Nur eine Illusion

Ein Sittenroman

Christine Trapp

Das ist eine Satire über den Kulturbetrieb in Kärnten, sie ist niemanden gewidmet. *)

*) Ps.: Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind bei einer Satire über den Kulturbetrieb in Kärnten unvermeidlich, betroffen ist jeder, der sich betroffen fühlt, auch die Autorin selbst. Die Satire beruht auf eigene Erfahrungen.

Es war einmal eine Zeit da hatte ich die Hummeln im Hintern.i

Vorne, hinten, oben, unten, links, rechts, rauf und runter, rauf und runter, hin und her, erstklassige Handarbeit, beste Mundarbeit, letztklassiger Französischunterricht, mittelprächtiges Griechisch für Anfänger, Schwedisch, Chinesisch, handfestes Englisch, noch besseres Amerikanisch, Karawankenfranzösisch.

Uff.

Erstklassig durchgevögelt bin ich nach den langen Sommerferien wieder in der sexuellen Wüste gelandet, die sich Heimat nennt.

?

Bingo. Bongo. Marillenpago.

Ganz richtig geraten. Ich sitze mit meinem Zuckerpopo noch immer in dem heimatlichen Idiotennest fest, das sich Kleinstadt nennt, die erzkonservativ, noch mehr katholisch und natürlich bis in den letzten Winkel rassistisch und nationalsozialistisch ist.

Peng! Das sitzt.

Kein Wunder, dass mich der Bürgermeister der Gemeinde Hinterwelt nicht zur Jungbürgerfeier eingeladen hat.

Und ich bin natürlich nicht die einzige, die einen weiten Bogen um das Rathaus macht, was kein Fehler ist und die Jungbürgerfeier, war, so weit bekannt, eh nur ein elendes Saufgelage, bei dem, außer einem festen Rausch nichts rausgesprungen ist.

Fazit: lieber Herr Bürgermeister, du kannst mich mal kreuzweiße am Hinterteil lecken! Was ich bei der Ohrfeigenvisage nicht zweimal sagen müsste, schon stünde der gute Volksvertreter bei dem Angebot vor meiner Wohnungstür.

Hm?

Ah!

Ganz flink sind meine Fingerchen an die gewisse Stelle unter den Minirock gerutscht.

Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!

Ist das fein.

In diesen Sommerferien habe ich endlich kapiert wozu Miniröcke erfunden worden sind, was nicht nur grenzgenial, sondern auch wirklich praktisch ist.

In Ermangelung brauchbarer Liebhaber genehmige ich mir eine kleine, aber feine Portion Handarbeit an der frischen Luft, was in so einem total entvölkerten Idiotennest problemlos abzuarbeiten möglich ist.

Hm?

Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah.

Ich schlecke meine Finger ab. Richtig guter Körpersaft schmeckt und kann durch nichts ersetzt werden.

Ich sehe mich noch einmal um.

Unten am Drauufer macht der übliche Landadel die Gegend unsicher und baggert tölpelhaft die netten Kleinstadtmädels an, was aber in der Regel zu nichts, außer dummen Sprüchen und sehr viel Genervtheit, führt.

Nein, so etwas kann ich (noch) nicht gebrauchen.

Ich bin frisch und sehr gut durchgevögelt nach zweimonatigen Sprachferien aus Perugia, Umbrien, zurückgekommen, und fit gemacht, um in ein paar Wochen an der Alpen Adria Universität Italienisch, Publizistik und im Nebenfach Film- und Theaterwissenschaften zu inskribieren.

Mama hält nichts davon.

Papa hält auch nichts davon.

Sie würden es lieber sehen, wenn ich was Ordentliches studieren würde, womit man später im Leben etwas anfangen kann.

Betriebswirtschaft zum Beispiel, damit ich den Hausladen mal übernehmen und in der zwanzigsten Generation weiterführen kann. Aber bei so einem kleinen Supermarkt, der meinen Eltern gehört, da bräuchte ich kein Wirtschaftsstudium, den könnte ich locker nebenbei in den Konkurs reißen, so wie die Geschäfte heutzutage laufen, was ungerecht ist.

Eigentlich leben wir ganz gut von dem kleinen Laden in der Innenstadt von Villach, Lauf- und Stammkundschaft gibt es genug, immer wieder hat jemand etwas vergessen oder einfach keine Zeit und Lust an den Stadtrand zu pilgern und die Brieftasche zu lehren.

Wenn die Leute nur rechnen könnten, dann würden sie sehr schnell draufkommen, dass in unserem Laden einzukaufen billiger ist, aber die Zeitgenossen sind nicht nur Analphabeten, sondern sie haben auch dem kleinen Einmaleins den Krieg erklärt und so bricht regelmäßig am Wochenende der Verkehr vor den Einkaufszentren am Stadtrand zusammen.

Mich könnt ihr allemal kreuzweise am Arsch lecken, aber der Bürgermeister der Stadt hat natürlich das Vorleckrecht.

Klingt geschraubt, ist aber logisch.

Was tun mit dem angebrochenen Abend?

Keine Ahnung.

Alle meine Freundinnen und Freunde sind schon nach Wien aufgebrochen um dort an der Uni zu inskribieren, nur meine Eltern haben mich nicht ziehen lassen, was ich studiere ist nicht so wichtig, die Hauptsache ist, ich bleibe dem trauten Heim, dem Supermarkt und natürlich der Draustadt erhalten, das wäre ja noch schöner, wenn alle feschen Mädels das Weite suchen!

In diesem Punkt sind meine Eltern absolut einer Meinung und ich wette einen müden Centesimo, dass Mama bald nach einem geeigneten Bräutigam für mich Ausschau halten wird.

Immerhin haben sie mir ein Schnupperjahr an der Uni zugestanden, im nahen Klagenfurt natürlich. Du wirst schon sehen, in dem Sumpf wird dir die fröhliche Wissenschaft bald vergehen, denn an dieser Uni gibt es nur Linke.

Linke?

Was ist denn das?

Nicht klugscheißen, pflegt Papa auf solche blöden Fragen zu antworten, aber, um korrekt zu sein, habe ich weder im Gymnasium, noch sonst wo in der Stadt je erfahren, was ein so genannter „Linker“ sein soll, der den denkbar schlechtesten Ruf genießt, obwohl die sozialistische Partei hier die Hausmacht im Rathaus stellt.

Diese Frage wäre also als eine der ersten zu erörtern, mit dem Studienbeginn werde ich genug Zeit haben an der Uni Klagenfurt Feldforschung nach linken Brüdern und vielleicht auch Schwestern, falls es solche geben sollte, zu betreiben. Irgendwo zwischen den Hörsälen und der Mensa werde ich so eine Existenz schon aufstöbern, wenn nicht, wäre ich zwar etwas enttäuscht, aber es wird mich nicht daran hindern mir mein erstes Jahr an der Uni so angenehm wie möglich zu machen.

Nach acht Jahren Baumschulgymnasium habe ich eine Auszeit unbedingt nötig.

Ich sehe mich noch einmal um.

Nein, weit und breit ist kein brauchbarer Liebhaber greifbar.

Was nun?

Ich gehe ins Kino.

2 Wo man erfährt, dass Kinobesuche sehr lehrreich sein können

Der Film im Apollo-Kino ist eine Wucht. Normaler Weise verirre ich mich nur am Sonntagnachmittag hier her, wenn das Jugendprogramm feilgeboten wird, sonst laufen hier nur Filme die Jugendverbot, sehr oft auch welche, die ‚strengstes Jugendverbot’ oder auch ‚ausnahmslos Jugendverbot’ sind. Welcher Film in welche Kategorie fällt ist mir unklar, ein Blick auf die Voranzeigen genügt, um zu erkenne, dass es sich um den widerlichsten Mist seit Erfindung der Filmkunst im Jahr 1896 handeln muss, aber: ‚Jugendverbot’ betrifft in erster Linie Gewaltfilme und vom ‚strengstem Jugendverbot‘ sind allerlei Nackedeien betroffen, aber die Filme, die mit ‚ausnahmslos Jugendverbot’ zensiert sind, lassen sich, zumindest am ersten Blick nicht so leicht den Gewalt- und Sexfilmen zuordnen, zumindest was die Aushangfotos und Plakate betrifft. Eine Feldstudie wird demnächst von Nöten sein, um für Klarheit zu sorgen, aber im Moment ist mir das alles Powidel, da ich jetzt achtzehn bin und ich mir, sittlich gereift, jeden Schmarren gönnen kann.

Die Kassiererin beäugt mich kritisch.

„Hast du einen Ausweis?“

„Äh, ich bin achtzehn? Wieso?“

„Stell dich nicht dumm. Der Film ist nichts für Backfische aus der Mittelschule“, kläfft die alte Schachtel im Kassenhäuschen, ein Ventilator spendet der Mumie Frischluft und verhindert, dass der Verwesungsgeruch bis ins Foyer vordringen kann, vorläufig zumindest. Ein Pornoheft liegt aufgeschlagen neben dem Kartenblock.

Ich zücke meinen abgelaufenen Studentenausweis der Ausländeruniversität von Perugia.

„Hm?“ Die alte Schachtel gurrt und betätigt sich als Blitzrechnerin.

„Glück gehabt. Besser du kümmerst dich um Dante als umso einen Schund“, sagt die Besserwisserin.

„Dante, wer?“

Ein vernichtender Blick straft mich. Die Kassiererin sammelt das Eintrittsgeld ein und rückt die Kinokarte raus.

Der Billeteur beaugapfelt meine Beine.

„Schon achtzehn?“

„Lass die dumme Kuh rein! Sie ist zwar blöd aber sauber“, keift die Kassiererin.

„Vor mir aus. Viel Spaß. Der Film ist echt scharf und zu hundert Prozent pornographisch“, sagt der Billeteur.

Ich bedanke mich artig und rücke nach überstandener Fleischbeschau endlich in den langen schlauchartigen Saal ein.

Normaler Weise sitze ich immer hinten den Teeniepopo platt, die drei Logen sind für abenteuerlustige Pärchen reserviert. Leider hängen in der letzten Reihe schon irgendwelche Schmierfinken ab. Um Konflikten von vorne herein aus dem Weg zu gehen, gehe ich heute ganz weit nach vorne. Man/frau sei auf der Hut, in der Dunkelheit des Kinos kann so ein Ungustel im Anblick fester Mädchenbeine schon einen Steifen bekommen. In der dritten Reihe bin ich vor den Sexmaschinen sicher.

Oh mein Gott, was für eine kluge Entscheidung: Wer schon einmal die „erotischen Geschichten aus 1001 Nacht“ gesehen hat, der wird wissen, wie gut es ist, ein möglichst großes Bild vor Augen zu haben.

Nach kurzer Laufzeit stehe ich auf und wechsele in die erste Reihe.

Kein Witz. Der ideale Platz für diesen Ausbund der Frivolität ist direkt vor der Leinwand, die übermannshohen Bilder wirken prickelnden und regen den Kreislauf an.

Der Kerl, der diesen Film gedreht hat, muss ein Genie und der steilste Sexgott seiner Nation sein. Wer auf solche Einfälle kommt, der muss von einem anderen Sonnensystem auf die Erde gefallen sein. Definitiv ist der Film nicht in meinem Land entstanden, denn bisher habe ich nur uralte, und vor allem erzkonservative österreichische Filme gesehen, die am Sonntagnachmittag im Patschenkino verhökert werden.

Ganz schwerer Seufzer.

Das Saallicht geht an. Der Vorhang schließt die Leinwand am Ende der Vorstellung.

Nach Tausend und einer Nacht ist es wieder Tag geworden.

Ich habe nicht gewusst, dass man/frau sich so ausgezeichnet im Kino Selbstbefriedigen kann.

Ich sehe mich um.

Scheinbar sind die Schmierfinken weit hinter mir derselben Meinung.

Stielaugen sind auf mich gerichtet.

Bevor ich blöde Angebote ablehnen muss entfleuche ich durch den Notausgang ganz vorne neben der Leinwand.

Ciao Cinema, schon bin ich auf der Straße.

Ich gehe die Seitenstraße zum Kino zurück, vor dem sich jetzt zur Hauptvorstellung schon etwas mehr Leute versammelt haben.

Ich sehe die Voranzeigen in den Auslagen an.

Hongkongware, Softsexschmus, Italowestern werden propagiert.

Hm? Nichts davon scheint wirklich interessant zu sein.

Ich sehe das Kinoplakat der aktuellen Vorstellung an.

Heute läuft den ganzen Tag „1001 Nacht“ von einem gewissen Pier Paolo Pasolini, einen Namen, den ich noch nie gehört habe, aber den ich mir einprägen sollte, wer weiß, was der gute Italiener noch so auf Lager hat, bei dem was ich gerade hinter mir habe, könnte da noch einiges sehenswerte im Kasten sein.

Der Film kommt, auch wenn er irgendwo in Arabien spielt, aus Italien, zumindest lesen sich die Namen der Schauspieler italienisch und ganz unten am Plakat steht, dass es sich um eine italienisch, französische Gemeinschaftsproduktion handelt.

Hm?

Obwohl ich nur fünfzig Kilometer von der Grenze entfernt wohne, habe ich bisher nicht mitbekommen, dass die Italiener Filme machen und schon gar nicht, dass sie solche Filme drehen. Auch während meines zweimonatigen Aufenthalts in Italien bin ich nie im Kino gewesen, ich spreche ja nicht wirklich Italienisch.

Ich hab eine echte Bildungslücke.

Frage an alle: was habe ich eigentlich im Gymnasium gelernt?

Einer der geilen Spechte, die vor dem Apollokino auf den Einlass warten ist ein Pauker aus der Mittelschule.

Ich grüße artig.

Er läuft rot an und deutet, dass ich Leine ziehen soll.

Wieso?

Ist es ihm vielleicht peinlich, dass ich ihn vor dem Sexkino erwische?

Ich wünsche einen flotten Abend und eile von dannen.

An der Straßenkreuzung drehe ich mich noch einmal um, tatsächlich, der Pauker trifft eine Paukerin, die beiden umarmen und küssen sich, sie gehen ins Kino.

Viel Spaß in der Loge, ich kann den Film wärmstens empfehlen, er ist in der Tat stimulierend. Zu schade, dass ich euch Lumpenhunde erst heute im Sexkino erwische, ein paar schmutzige Informationen wären das ideale Erpresserargument, wenn es im Gymnasium hart auf hart kommt, aber leider hilft mir mein Wissen, über die sexuellen Filmvorlieben des so genannten Lehrkörpers jetzt auch nicht mehr.

Der Teufel soll euch alle holen und dorthin schicken wo es keinen Sex gibt. Den Sex habt ihr nicht verdient, Leute eures Gleichen sollten sich nicht vermehren, ich spreche aus Erfahrung, nach acht Jahren im Gymnasium kann ich das ruhigen Gewissens publizieren.

Schwamm drüber, bitte hinten anstellen zum Arschlecken.

Ich lass mir nicht mehr den Abend von eurer Kleinkariertheit verderben.

3 Universität

Gibt es einen schlimmeren Sündenpfuhl als eine provinzielle Universität im Süden Österreichs?

Hm?

Noch kann ich diesen Beweis nicht widerlegen.

Angenehmer Weise treiben sich sehr viele junge Leute am Campus herum, ich bin früh dran und muss nirgends anstehen. Die Studienvertreter der Hochschülerschaft informiert freundlich, alle sind total nett zu mir, ich fühle mich gleich wohl, kein Vergleich mit dem muffigen Gymnasium in der Draumetropole, das man längst zudrehen und schleifen sollte.

Bei nächster Gelegenheit werde ich diese gute Idee dem Bürgermeister ans Herz legen.

Schwamm drüber, hier, also an der Alpen Adria Uni bin ich richtig.

Ohne größere Hektik werde ich durch den Inskriptionsdschungel geschleust, am Ende des Tages habe ich alles korrekt ausgefüllt, abgegeben und erledigt. Ein nigelnagelneuer Studienausweis ist mein Eigen.

Ich bin glücklich.

Schlauerweise habe ich meinen Stundenplan so eingeteilt, dass ich nicht ins Schwitzen komme und dennoch praktisch täglich außer Freitags den Fänger meiner Eltern problemlos entfleuchen kann. Die Zuckerpuppe ist jetzt an der Uni, das Studium geht vor.

Das sieht sogar mein Vater ein, der mir die Uni Klagenfurt als einen wahren Ausbund der Frivolität geschildert hat.

Mama ist ebenfalls der Meinung, dass vom Mittelbau aufwärts dort nur Filous unterwegs sind, deren einzige Absicht es ist, dumme Mädels aus dem ersten Abschnitt flachzulegen, alle anderen männlichen Wesen, vom Mittelbau abwärts, wären ebenfalls nur an der Uni, um Weiber aufzureißen.

Dio mio..

Meine Eltern sind sich wieder einmal einig.

Ich habe kein Problem mich der sexuellen Gefahr zu stellen und solche Herausforderungen so elegant wie möglich zu lösen.

Pustekuchen.

Weit und breit keine Spur von eventuellen Orgien am Campus, aber ich bin ja noch ein echter Frischling in den heiligen wissenschaftlichen Hallen, oder um bei der Wahrheit zu bleiben ein echter Kretin, der von Tuten und Blasen gar keine Ahnung hat.

Meine Fragen sind von so ausgefeilter Blödheit, dass ich überall nur mitleidige Blicke ernte. Zum Glück bin ich nicht die einzige Maturantin mit Vorzugszeugnis, die wie der dümmste Bauerntrampel durch die Uni stolpert.

„Wo ist denn bitte hier das Klo?“ bleibt in der ersten Woche die einzig sinnvolle Frage.

Ich heule vor Scham.

Wie in aller Welt konnte ich nur als die schlimmste Streberin im Gymnasium durchgehen?

Ich habe wirklich keinen Plan.

Uff.

Ausgeheult.

Ich bin mit den Nerven am Ende und am Boden zerstört. Ich flüchte mich unter die Fittiche meines Vaters, es muss doch ein paar Vorteile geben, wenn man/frau noch zu Hause hockt.

Papa übernimmt nur allzu gerne seine väterlichen Pflichten. Ich genieße das Schoßsitzen.

Ich werde ganz fest in die Arme genommen und gestreichelt.

„Kein Grund zur Beunruhigung, Baby, das wird schon. So eine Uni ist ein echter Quantensprung zum blöden Gymnasium.“

?

Ich hör wohl schlecht. Was faselt mein Vater da? Nie im Traum hätte ich gedacht, dass Papa mich einmal so aufmuntern wird, aber: seit ich für vollendete Tatsachen gesorgt habe ist Papa auf meiner Seite.

„Unser Baby ist jetzt Studentin und als solche, mit Maß versteht sich, zu unterstützen.“

Mama ist auch seiner Meinung. Ich werde an sie weitergereicht und versinke unter die Pfoten der Großkatze.

Miau.

Ist das nicht fein?

Wieso haben meine Eltern nicht schon während der Schulzeit diese Therapie an mir praktiziert? Ich habe jedenfalls nichts dagegen, weitere aufbauende Sitzungen am Schoß meines Vaters und in den Armen meiner Mutter zu absolvieren.

Donnerstagnachmittag, Freitag den ganzen Tag und Samstagvormittag arbeite ich unzickig im Supermarkt und fülle wie ein Fabriksaffe die Regale nach.

Mama ist sehr zufrieden mit mir. Papa ist nur gelegentlich hier, er hat Dienst bei der Eisenbahn, auch wenn er dort ein hohes Tier ist, ist er zu jeder Tages- und Nachtzeit weg und hilft nur an den ganz starken Tagen im Supermarkt aus, also zu den heiligen Zeiten, vorausgesetzt, er ist nicht dienstlich verhindert.

Papa hat Maschinenbau studiert, doch ein technisches Studium ist nichts für ein Mädchen, meint er, außerdem wird die Studienrichtung nicht in Klagenfurt angeboten und fällt daher von vorne herein für mich aus.

Uff.

Vorurteil verlasse uns nicht.

Nicht, dass ich wirklich ein Talent für die Technik hätte, ein bisschen kenne ich mich aus, aber Gottlob nicht genug, damit Papa auf dumme Gedanken kommt, um mir ein HTL-College schmackhaft zu machen, was sicher mit jeder Menge Studienstress verbunden ist, ich bleibe lieber bei den gemütlichen Geisteswissenschaften, eine Methode, die an der Uni Klagenfurt erfolgreich praktiziert wird, behaupten zumindest einige Studenten, die ganz wild darauf sind und bereits in der ersten Woche mächtig gegen gewisse Tendenzen im Mittel- und Oberbau an der Uni mobil machen.

Natürlich habe ich keine Ahnung worum es dabei geht, artig habe ich das Flugblatt entgegengenommen, es aber bisher noch nicht gelesen, es steckt fein säuberlich gefaltet in meiner Tasche.

Die zweite Woche verläuft schon etwas erfreulicher für mich. Vorerst halte ich besser meinen Mund, was mir sehr schwer fällt und sperre lieber die Augen und Ohren auf, was wirklich nicht schaden kann.

Ich habe die Sprachübung Italienisch I belegt und bin dort mit Abstand die beste, man rät mir gleich in den zweiten Kurz zu wechseln, was ich auch mache, auch dort komme ich ohne weiteres mit, die Sprachferien in Umbrien haben nicht nur sexuell, sondern auch inhaltlich, etwas gebracht. Das Geld dafür war also gut angelegt.

Ein Schein zum Semesterabschluss scheint mir sicher.

4 Augen auf

4.2.2018

Die Tage fliegen dahin. Vier Mal die Woche pilgere ich zu nachtschlafender Zeit zum Bahnhof und gondle wie der letztklassigste Pamela mit dem Schülerzug nach Klagenfurt. Wo man mich noch vor ein paar Monaten unter Androhung ganz besonders schwerer Strafen aus dem Bettchen scheuchen musste eile ich jetzt völlig frank und frei auf Samtpfoten ins Badezimmer, putze mich gründlich, verzichte lieber auf das Frühstück, weil ich naturgemäß immer etwas verspätet bin und bin auch schon weg.

Es ist früh morgens, die Pendler eilen zum und aus dem Bahnhof.

Dio mio, hier ist ja ganz schön was los! Die Cafés und Stehbars sind überfüllt. Verkehrsinfarkt vor und um den Hauptbahnhof. Auch der Zug nach Klagenfurt ist voll, aber ich habe bisher immer noch einen Platz bekommen. Wer wird es wagen einem feschen, jungen Mädchen den Sitzplatz streitig zu machen?

Ich sehe mich um. Viele Leute lesen die Zeitung.

Die Arbeiterklasse liest das Kleinformat. Die Angestellten lesen auch das Kleinformat. Die Beamten lesen ein Mittelformat. Die Schüler lesen, wenn sie nicht ihre Aufgaben noch schnell abschreiben, Comics. Die Studenten lesen das Kleinformat und manchmal auch ganz großformatige Blätter, die so dick sind, dass der Leser sie unmöglich als Gesamtausgabe in den Händen halten kann. Manche lesen Wochenzeitungen, die immer im Kleinformat sind, was offensichtlich praktischer ist. Die Wochenzeitungen unterscheiden sich je nach Blattlinie durch schmälere und umfangreichere Ausgaben, die Klatschblätter pflegen den Hochglanz, die seriöseren Magazine sind optisch eher unauffällig.

Keines von allen habe ich mir bisher gekauft, geschweige denn im Kaffeehaus oder der Studentenkneipe gelesen, ich bin auch bisher noch nicht auf die Idee gebracht worden, dass man/frau Zeitungen auch in Lokalen gratis lesen kann.

Ein Buch hat bisher noch niemand gelesen, ich übrigens auch nicht. In der Öffentlichkeit ein Buch zu lesen scheint nicht schicklich zu sein.

Der Zug hält idiotischer Weise nicht in Uninähe sondern fährt bis zum Hauptbahnhof durch und ich muss wieder den Bus zurücknehmen, was noch idiotischer, weil nicht nur Zeit-, sondern auch Kostenintensiv ist.

Der Bus ist überfüllt. Es ist so voll, dass es unmöglich ist die Zeitung zu lesen, bzw. an den Zeitungen anderer mitzuschnorren, dafür wird man/frau unerlaubter Weise überall betatscht.

Der Bus stoppt. Alle raus. Uff geschafft, endlich bin ich an der Uni.

Ich bin jetzt drei Wochen am Campus und es wird Zeit sich nach einem oder mehreren Liebhabern umzuschauen, man/frau kann nicht ewig von einem erfolgreichen Sexsommer zehren, das ist allgemein verständlich und überall bekannt.

Außerdem muss es, Gott behüte, nichts fixes sein, ich bin sicher noch ein paar Jahre an der Uni.

Es ist Donnerstagmorgen, ich bin wieder im überfüllten Bus, da fällt mir ein großer, dürrer mit Lockenkopf auf.

Eines ist klar: er ist nicht von hier und, ich kann es kaum glauben, er liest ein Buch.

Die Stielaugen fahren aus. Der Röntgenblick wird aktiviert.

?

Noch ist nicht zu erkennen was er liest.

Ich pirsche mich näher ran.

?

Das Buch scheint der Form und Farbe nach nicht von hier zu sein.

Merke 1.1.: entweder nicht deutschsprachig, oder

Merke 1.2.: so ein Schund, dass mir diese Art von Trivialliteratur noch nicht untergekommen ist.

Merke 1.3.: bisher habe ich mich sechs lange Jahre durch die Pflichtlektüre gebissen und besitze überhaupt keine Kenntnisse der deutschsprachigen Literatur, außer dem Mist, den man/frau uns im Gymnasium eingetrichtert hat.

Zugegeben, das eine oder andere Buch war gar nicht so schlecht, immerhin habe ich dort meinen ersten Hemingway gelesen und Arthur Miller haben sie mal im Kellertheater im Rathaus gespielt, das war auch ganz gut, aber sonst? Hesse zum Beispiel, mit seinen Schwarten kann man/frau sich nicht einmal den Arsch abwischen und Brecht, tja Brecht, bei dem ist es kein Wunder, dass Torberg und Weigel ihn schleunigst wieder hinter den eisernen Vorhang loswerden wollten. Ihr versteht was ich meine, dieser undurchlässige Vorhang hängt nicht im Theater.

Torberg und Weigel: wenn ich ehrlich bin, habe ich auch keine Ahnung was die beiden so machen, aber wer gegen Brecht ist, der ist okay, ein aufrechter Bürger und auf Seiten der Amerikaner, denn die Amis stehen für Elvis und Rock’n Roll, für Cola und Nutella und für gute amerikanische Filme und dieser Brecht ist nur ein Langeweiler, der stinkmoralische Theaterstücke verfasst hat um irgendwelche Weiber von der Bühne flachzulegen.

Nein, so ein Esel kommt uns wirklich nicht ins Haus, da bin ich ganz Mamas Meinung und Papa hält auch nicht viel von diesem Berthold, obwohl er meint, dass er irgendwie etwas mit dem Sozialismus zu tun hat und er, also mein Vater, als roter Gemeinderat, eigentlich für Brecht sein sollte, aber das heißt nicht, dass Brechts Stücke deshalb gut zu heißen sind, nur weil er ein Roter ist.

Ist Brecht vielleicht ein Linker?

Ich blöde Kuh habe vor lauter schlechten Schriften das fesche Lockenköpfchen aus den Augen verloren.

Ich sehe mich um.

Mist.

Er ist vor der Endstelle noch ausgestiegen und geht, scheinbar noch ganz in Gedanken versunken, zum Copyshop hinüber.

Ich erspähe gerade noch, dass er die Ohrstöpsel eines Walkman trägt.

Verstehe, er mag Musik. Auf welche Songs so ein fescher Kerl wohl steht?

Der Bus erreicht die Endstelle. Ich steige aus und sehe mich noch einmal um.

Leider nein, der lange, dünne mit dem Lockenkopf ist nicht mehr zu sehen.

Ich gehe in die Uni.

5 Zufallsbekanntschaft

Die Vorlesungen sind uninteressant, die Übungen noch uninteressanter. Schön langsam plagt mich die existenzielle Frage, wieso ich überhaupt hier bin?

Und das schon nach drei Wochen an der Uni.

Zu Hause im Supermarkt ist es eindeutig spannender, vielleicht sollte ich doch dem Rat meiner Eltern folgen und gleich wieder alles hinschmeißen und mich, wie Mama und Papa, in die kleinbürgerliche Existenz einfügen.

Kleinbürgerliche Existenz.

?

Hm?

Wo habe ich das schon wieder her? Vor ein paar Wochen waren mir solche Begriffe überhaupt nicht geläufig.

Vielleicht aus dem Film, den ich letzten Donnerstag im Apollo gesehen habe?

Wie hieß er doch gleich? Der war total gut. Jedenfalls nicht das, was der Titel versprochen hat, ein echter Etikettenschwindel, wenn man so will.

Ich bin mit meinem Vater im Kino gewesen, weil er der Meinung war, dass der Film gut sein könnte, wenigstens wäre es einmal ein Film, der von der katholischen Filmkritik nicht mit „abzulehnen“ klassifiziert wurde, im Apollokino laufen normalerweise nur Filme, die ‚abzulehnen’ wären.

Ich bin da ganz anderer Meinung, aber (noch) hört ja niemand auf mich.

Wie hieß doch gleich der verflixte Film. Ich weiß nur noch, dass er aus Frankreich ist und überdurchschnittlich gut war.

Völlig in Gedanken versunken laufe ich einem langhaarigen Kerl mit Lederjacke und Jeans in die Arme.

„Hi.“

„Salve. Scusi.“

„Was?“

Ich schrecke aus meinem Tagtraum über verloren gegangene Filme.

„Du bist Italienerin?“

„Nein. Wieso?“

„Salve? Scusi? Ist doch Italienisch. Bei uns zu Hause sagt man Pozdravljeni und Žal.“

„Dio mio, wo kommst du denn her?“

Ihm schläft das Gesicht ein.

Fettnäpfchen. Ganz tiefes Fettnäpfchen. Ich werde rot vor Scham und nage mehr als verlegen an meinen Lippen.

„Tut mir schrecklich leid.“