Nur eine Rose ohne Dornen - Siegberth Ney - E-Book

Nur eine Rose ohne Dornen E-Book

Siegberth Ney

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Beschreibung

Ein Leben voller Höhen und Tiefen, Irrungen und Wirrungen – Siegberth Ney erzählt in seinen bewegenden Lebenserinnerungen eindringlich und ungeschönt von einschneidenden Erlebnissen, die ihn maßgeblich prägten ... seine beschwerliche Kindheit unter der Knute der gewalttätigen Mutter, Demütigungen und Psychoterror, Alkoholexzesse und Spielsucht, Luxus und Armut, Liebe und Hass ... und alles beherrschend und unwiderstehlich die Frauen, deren Charme er stets aufs Neue verfiel und von denen er nicht lassen konnte, selbst von denen nicht, die ihm übel mitspielten, so zwiespältig wie blühende Rosen mit stechenden Dornen. Die Ehe mit seiner großen Jugendliebe scheiterte an seinem übermächtigen Drang nach Freiheit und an den Intrigen seiner Mutter. Die Heirat mit einer betörenden Femme fatale aus dem Orient mit dem Hang zu eifersüchtigen Tobsuchtsanfällen endete in einem heillosen Fiasko. Die schwierige Beziehung zu einem viel zu jungen Mädchen führte ihn in eine ausweglose chaotische Ehe. Das Verhältnis mit einer leidenschaftlichen Frau, die sich als rabiate, besitzergreifende Stalkerin entpuppte, wurde ihm beinahe zum Verhängnis. Als Liebling der Frauen war er lange hin und her gerissen zwischen Sehnsucht und Verachtung, Liebe und Begierde, dem Wunsch nach fester Bindung und dem Verlangen nach Freiheit. Erst spät fand er sein Glück in der Liebe zu einer herzensguten Frau auf seiner geliebten Insel.

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Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhalt

Meine Begegnung

Prügelknabe

Herzensbrecher

Meine große Jugendliebe

Meine erste Ehe

Ist es nur ein Traum?

Meine Femme fatale

Wie 1001 Nacht

Das Leben, ein Auf und Ab

Eine glückliche Reise

Ausgerastet

Schicksalsschlag

Nur ein Techtelmechtel

Das Fiasko beginnt

Vom Regen in die Traufe

Ein vereitelter Flirt

In der Bredouille

Vaterfreuden

Unsere kleine Kneipe

Neu begonnen, schon zerronnen

Desaster

Wie ein Vogel im Käfig

Ein neues Leben auf der Insel

Ein Ende mit Schrecken

Ins Herz getroffen

Eskapaden

Ein Traum wird wahr

Nur eine Rose ohne Dornen

Nachwort

Dieses Buch widme ich

meiner lieben Tochter Nina, die von alldem nie etwas mitbekam,

meiner Tochter Stefanie, die mir dabei half, wieder den rechten Weg zu finden,

meiner Tochter Janin, die mir Vertrauen und den Glauben an Liebe zurückgab,

und ganz besonders meiner lieben Frau, die mir seit so vielen Jahren stets treu und aufopfernd bis zum heutigen Tage zur Seite steht.

MEINE BEGEGNUNG

Es war im Frühsommer 2014, als ich mal wieder auf meiner ostfriesischen Lieblingsinsel über die Promenade flanierte. Mein Blick streifte über das ruhige Meer, das wie ein riesiger Spiegel im Sonnenlicht glitzerte. Das Wasser war ganz ruhig, kaum ein Wellenschlag war zu hören. Nur schwer zu glauben, dass dieses stille Wasser so zerstörerisch sein kann und sogar Menschenleben fordert.

Plötzlich fiel mir ein vor sich hin sinnierender älterer Mann auf. Sein Haar war schon reichlich gelichtet, seine grauen Koteletten deuteten jedoch darauf hin, dass er früher mal sehr volles Haar gehabt haben musste.

Ich zündete mir eine Zigarette an und fragte mich, was er wohl gerade dachte. Sein Blick erschien mir überaus glücklich und das versonnene Lächeln, das sein Gesicht hin und wieder erhellte, machte mich neugierig. Ich bot ihm eine Zigarette an und fragte ihn, was ihn denn so glücklich aussehen ließe.

„Mein Leben“, antwortete er, wieder mit diesem Lächeln auf seinem etwas in die Jahre gekommenen Gesicht.

„Ihr Leben?“, fragte ich. „Jeder lebt doch sein Leben, mal mit Höhen, mal mit Tiefen. Nicht jeder ist deshalb glücklich oder zufrieden. Sie aber scheinen mir wohl sehr zufrieden und glücklich zu sein.“

„Nun ja“, erwiderte er. „Viermal verheiratet mit drei lieben Töchtern, dreimal Opa, zweimal selbstständig, und ich lebe noch, da kann man doch wohl glücklich sein.“ Und wieder lächelte er, die Augen auf das weite Meer gerichtet, das sich in der Ferne mit dem Himmel verbündete.

„Viermal verheiratet“, staunte ich. „Das ist ja der reine Wahnsinn! Wie kann man nur?“

„Doch, doch“, bekräftigte er. „Wenn man begreift, dass man nur ein Leben hat, dann kann man schon. Das Leben kann so schön sein, man darf sich nur keine Ketten anlegen lassen, bildlich gesehen.“ Sein Gesichtsausdruck wurde plötzlich ernst und er fuhr fort. „Ich hatte in meiner Jugend immer das Gefühl, als wäre ich an Ketten gefesselt, Ketten angebracht von Frauenhänden.“ Mir schien, als ob ich eine Träne in seinen Augen erkennen würde.

Wir gingen ein paar Schritte zusammen, bevor ich ihn bat, mir doch seine Geschichte zu erzählen. Er willigte ein und so setzten wir uns auf eine Bank. Sein Blick verlor sich in der Weite der See, er lächelte wieder, und so fing er an zu erzählen. Es sprudelte nur so an Worten, und es kam mir vor, als ob er sich etwas von der Seele reden wollte.

„Häuslicher Prügelterror, Hausarrest und jegliche Art an Verboten – das war meine Jugend. Wenn man begreift, was Freiheit ist, dann erst bereitet das Leben Freude und man kann es genießen. Wenn du dann zurückblickst und begreifst, dass du glücklich bist, dann bist du frei.“

Ich schmunzelte und schaute ihn mit großen Augen fragend an. Er legte seinen Arm auf meine Schulter und zeigte mit seinem ausgestreckten Zeigefinger aufs Meer.

„Siehst du das ruhige Wasser?“, fragte er mich. „Siehst du die Schönheit, die Ruhe, aber auch das Wilde und Zerstörerische? Stell dir vor, du bist ein Sandkorn und wirst immer hin und her gestoßen, bis du eines Tages zu Staub zerfallen bist und nichts mehr von dir übrig ist. Du bist zermürbt und weißt nicht, wofür du gelebt hast. Was nützen dir dann Geld, Haus und Wohlstand? Sei wie eine Muschel in ihrer Schale, damit dir der Wellengang, ob stürmisch oder ruhig, nichts antun kann, und du wirst immer frei sein.“

Ich verstand nicht recht, was er meinte, und forderte ihn auf, mir das doch mal näher zu erklären.

„Hast du Zeit?“, fragte er, und als ich nickte, schon neugierig geworden, bat er mich, ihn nicht zu unterbrechen.

PRÜGELKNABE

Ich bin ein spätes Nachkriegskind und lernte schon früh, mich gegen meine Kameraden durchzusetzen. Der Stärkste war ich weiß Gott nicht und so bezog ich bei jeder Auseinandersetzung mit meinen Freunden viel Prügel. Um das zu umgehen, musste ich nur mutiger sein als die anderen, was oft zur Folge hatte, dass meine Kleidung darunter litt. Bekam ich neue Sachen, was natürlich den Geldbeutel meiner Eltern stark belastete, da wir nicht unbedingt die Reichsten waren, so interessierte es mich nicht sonderlich, dass sie durch irgendein Spiel beschädigt oder verschmutzt wurden. Gerade neue Schuhe bekommen und schon damit Fußball gespielt, neue Hose oder neuer Pullover und schon damit auf die höchsten Bäume geklettert. Das wiederum führte dazu, dass zu Hause der Holzlöffel auf mich wartete. Hausarrest gehörte auch zum Repertoire regelmäßiger Bestrafungen. Mag sein, dass meine Mutter sich schon bald einen Spaß daraus machte, oder es gefiel ihr, mich für jede Kleinigkeit mit dergleichen zu bestrafen. Fast alle vier bis fünf Wochen wurde ein neuer Satz Holzlöffel gekauft, die mir sogar vom Taschengeld abgezogen wurden. Angeblich war ich schließlich schuld daran, dass sie an mir zerbrachen. In der Nachbarschaft war meine Mutter schon bald als krankhafte Frau bekannt, die ihre Aggressionen an mir ausließ.

Vielleicht lag es auch an dem familiären Stress mit ihren Geschwistern. So erlebte ich jedenfalls schon in meiner frühesten Kindheit, dass sich Geschwister nicht immer gut verstehen. Waren wir zu Besuch bei einer ihrer Schwestern, davon gab es noch zwei, oder bei ihren Brüdern, auch hier gab es zwei, dann endete es meistens mit einem handfesten Streit, bei dem hin und wieder schon mal eine Wohnungseinrichtung zerlegt wurde. Dann sprach man mal wieder ein Jahr nicht miteinander, versöhnte sich kurz bis zum nächsten Streit. Schon bald musste ich feststellen, dass meine Mutter immer die treibende Kraft hinter den Streitigkeiten war. So kam ich nie in den Genuss einer Tante oder eines Onkels.

Ab meinem sechsten Lebensjahr, als ich eingeschult wurde, verlief mein Tag folgendermaßen. Nachdem ich mir jeden Morgen mein Frühstück selbst machen musste, weil meine Mutter ja noch schlief, ging ich zur Schule. Nach der Schule und dem Mittagessen, das mir oft nicht schmeckte und ohne meinen Vater stattfand, der erst um 15 Uhr nach Hause kam, musste ich erst das komplette Geschirr vom Vortag spülen, anschließend durfte ich meine Schulaufgaben machen, dann noch eine halbe Stunde üben oder einkaufen. Meine Freunde spielten zu diesem Zeitpunkt schon lange auf der Straße. Da wir noch mit abgekratzter Kernseife spülten, war das Geschirr stellenweise so glatt, dass mir beim Abtrocknen auch mal ein Teller oder eine Tasse aus meinen kleinen Händen fiel und zu Bruch ging. Unsere Töpfe hatten noch eine Emaillebeschichtung,und wenn ein Topf mal unglücklich fiel, konnte es sein, dass etwas abbröckelte. Damit ich von meiner Größe her überhaupt an das Spülbecken kam, musste ich auf einem Fußbänkchen stehen. Natürlich hatte meine Mutter somit reichlich Zündstoff, um mir für jeden angerichteten Schaden eine Tracht Prügel zu verabreichen.

Es kam auch vor, dass ich für den gleichen Vorfall zweimal Prügel bekam. Wenn zum Beispiel ein Stück Emaille aus dem Topf brach, nur weil er mir durch die glitschigen Hände glitt, gab es an diesem Tag und am Folgetag Prügel, weil sie offenbar vergessen hatte, dass ich ja schon dafür bestraft worden war. Schepperte ich mal mit dem Geschirr, nur weil ein Teller beim Abtropfen nicht richtig hochkant gestellt wurde, verpasste sie mir erst eine Ohrfeige. Wenn ich dann weinte, kam der Holzlöffel zum Einsatz. Meinem Vater gegenüber durfte ich nichts sagen, sie drohte mir sofort mit weiteren Prügeln, wenn ich auch nur eine solche Andeutung machte. Wenn mein Vater von der Arbeit kam und in meinem Gesicht die Spuren der Prügel zu sehen waren, tat sie es mit einer belanglosen Ohrfeige ab, die ich für irgendetwas bekommen hatte.

Mit der Zeit wurde mein Freundeskreis größer und damit auch mein Kampf härter, mich zu behaupten. Ich muss gestehen, dass ich nicht der Beste in der Schule war, und da ich in der Klasse auch der Kleinste war, wurde ich von den Lehrern wohl auch nicht für voll genommen. So saß ich schnell in der hintersten Reihe, die für die ganz schwachen Schüler reserviert war. Selbst wenn ich versuchte, mich am Unterricht zu beteiligen, wurde ich gern übersehen. Irgendwann verlor ich die Lust am Unterricht und meine Noten wurden zunehmend schlechter, was wieder mit Hausarrest und Prügelstrafe belohnt wurde.

Ich begann die Tage in der Woche zu zählen, an denen meine Mutter mich nicht für irgendetwas bestrafte. Wenn sie wieder einen Holzkochlöffel holen konnte, um damit auf mich einzuschlagen, bemerkte ich eine gewisse Freude in ihrem Gesichtsausdruck. So kam es vor, dass ich mich in der Schule manchmal nicht richtig hinsetzen konnte, da mein Hinterteil von blutigen Striemen übersät war. Am schlimmsten war es alle vier Wochen, wenn in unserem gemeinsamen Schlafzimmer dieser süßliche Geruch in der Luft lag. Auch wenn ich damals noch keine Ahnung von ihrer Regel hatte, so spürte ich doch, dass sie noch reizbarer als sonst war. Während dieser Zeit konnte ich mich noch so zurückhalten, der Holzlöffel war trotzdem mein.

Mit den Jahren staute sich bei mir Wut und Hass gegenüber meiner Mutter an, so überwältigend, dass ich mich sogar mit Mordgedanken befasste.

Ich musste erst 13 Jahre alt werden, bis ich mich traute, die schlagende Hand meiner Mutter abzufangen. Dabei schaute ich ihr tief in die Augen und sagte mit ruhiger Stimme: „Wenn du mich noch einmal schlägst, bring ich dich um.“ Ganz entsetzt ließ sie von mir ab und erhob seit diesem Moment nie mehr ihre Hand gegen mich. Sie erkannte wohl an meinem Gesichtsausdruck, dass ich es ernst meinte.

Von nun an hatte ich Ruhe zu Hause und ich begriff, dass nachdrücklich drohende Worte mir meinen Frieden bescherten. Mir wurde klar, dass mich fortan nie mehr eine Frau schlagen oder unterdrücken sollte.

Von alldem bekam mein Vater nie etwas mit. Die täglichen Prügel hielt meine Mutter immer geschickt vor ihm verborgen.

HERZENSBRECHER

Mit 14 Jahren begann ich meine Lehre als Einzelhandelskaufmann bei einer großen Genossenschaft, als etwas Ungewöhnliches mit mir geschah. Viele bezeichnen es als Pubertät, doch ich nenne es nur ein Gefühl von Erwachsenwerden.

So hatte ich mir einen Plan zurechtgelegt: drei Jahre Berufsausbildung und dann sofort freiwillig zum Militär. Dann hätte ich es geschafft, endlich das so verfluchte und gehasste Elternhaus zu verlassen. Doch erst mal musste ich meine Lehre überstehen. Damals dachte ich noch nicht daran, welche Veränderung das für mein Leben bedeutete. In der Berufsschule waren wir nur vier Jungen unter 17 Mädchen in der Klasse. Schnell war ich der Hahn im Korb. Alle zwei, drei Monate wechselte ich meine weiblichen Freundschaften.

Dass ich plötzlich zu den besten Schülern gehörte, lag nicht nur an meinen zunehmend besseren Leistungen. Auch bei meinem Arbeitgeber, bei dem über 300 Lehrlinge beschäftigt waren, zeichnete ich mich bald als bester Lehrling aus, was mit diversen Goldmünzen und anderen verschiedenen Präsenten belohnt wurde. Das imponierte den Mädchen natürlich, und schnell war ich bei ihnen sehr begehrt. Ich hatte plötzlich Auswahl bei den Mädchen, was ich auch voll ausnutzte, und so wechselte ich ständig die Bekanntschaften.

Großzügigkeit und Höflichkeit gegenüber den Mädchen spielten für mich keine Rolle. Wenn mir ein Mädel auch nur dumm vorkam oder mich versetzte oder belog, dann war sofort Schluss. Viele Tränen sind da geflossen, aber nicht eine Träne, die ich sah, berührte mich. War es womöglich der Hass auf meine Mutter, der mich da geprägt hatte? Warum wollte und konnte ich kein Mädel behalten, warum kümmerte mich nicht der Schmerz, den jedes Mädel nach einer Trennung durchlitt? Sogar ein Selbstmordversuch einer Freundin ließ mich kalt. Meine Freunde lösten sich nach und nach von mir, denn keiner konnte das verstehen, waren sie doch schon wesentlich länger mit ihren Freundinnen zusammen. Obwohl meine Wechselleidenschaft bei den Mädchen bekannt war, so war ich doch nie länger als 14 Tage allein.

Eines Tages jedoch geschah das für mich Unfassbare. Ich kam mit meinem Freund Eddy von einer Veranstaltung, als uns auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein sehr nettes Mädchen entgegenkam. Eddy winkte ihr zu und sie winkte lächelnd zurück. Sie war mir schon des Öfteren hier in der Siedlung aufgefallen, aber sobald ich sie sah, war sie auch schon wieder verschwunden. Und nun war sie nur ein paar Schritte von mir entfernt.

Das Unglaubliche aber war, dass Eddy sie kannte. Aber bevor ich ihn fragen konnte, wer sie war und woher er sie kannte, drohte er, dass er mir die Nase brechen würde, wenn ich sie auch nur einmal ansah. Nun, ich beglückwünschte ihn zu seiner Freundin, doch im Inneren regte sich was bei mir. Ein solches Gefühl hatte ich zuvor noch nie empfunden. Mein Magen schien zu explodieren, alles kribbelte nur beim Anblick dieses Mädchens. Ich konnte nicht mehr klar denken, ich sah nur noch sie. Abends im Bett hatte ich ihr Gesicht, ihren Gang, ihr Lächeln vor mir, in meinen Gedanken spürte ich ihre Haare, strich über ihre Wange und erwischte mich dabei, wie ich das Kopfkissen total zerknüllte.

Ich musste unbedingt wissen, wer sie war und wie sie hieß. Am folgenden Tag holte ich Eddy von der Arbeit ab, was ich vorher noch nie gemacht hatte. Er wusste sofort, was ich von ihm wollte, und reagierte sehr forsch auf mein Erscheinen. Doch er gestand mir, dass sie nicht seine Freundin war, und der Rest hätte mich nicht zu interessieren. Viele Tage vergingen, an denen ich meinen Freund nicht mit meinen Fragen löcherte. Ich hatte nur noch einen Gedanken: Wer war dieses Mädel, wo wohnt sie und wie kann ich sie nur wiederfinden? Jede freie Minute ging ich zu dem Platz, wo ich sie zuletzt gesehen hatte, doch ohne Erfolg. Von meiner damaligen Bekanntschaft hatte ich mich bereits getrennt.

Den 6. Juni 1966 werde ich niemals vergessen. Ich hatte frei und lag gelangweilt in meinem Zimmer auf meinem Bett, der Plattenspieler dudelte bestimmt schon das fünfte Mal „Merci Cherie“. Der Titel hatte gerade den Grand Prix d‘ Eurovision gewonnen. Obwohl es schon fast 18 Uhr war, stand die Schwüle noch in meinem Zimmer, als das Telefon klingelte. Meine Mutter rief mich: „Eddy ist am Telefon.“ Okay, dachte ich, dann werden wir mal wieder um die Häuser ziehen, Kofferradio unterm Arm und heiße Musik hören. „Hey, Eddy, was ist los?“, fragte ich mit gelangweilter Stimme. Seine Stimme dagegen klang schon fast lachend: „Na, Alter, haste vielleicht Lust, mit uns Federball zu spielen?“

Federball, bei der Hitze? Oh Gott, wie ist der denn drauf?, dachte ich noch, als er fortfuhr: „Schau mal vom Balkon rüber.“ Eddy wohnte knapp 200 Meter Luftlinie entfernt, getrennt von einer kleinen Gartenanlage. Ich legte den Hörer zur Seite und ging zum Balkon. Ich traute meinen Augen nicht, aber da war sie und spielte mit einem anderen Mädchen.

Doch wo war Eddy? Egal, ich lief zum Bad, stylte mich schnell mit Kamm und etwas Rasierwasser ins Gesicht und nichts wie raus. Nur nicht rennen, sagte ich mir, aber meine Schritte waren so schnell, dass ich mich die letzten 20 Meter zügeln musste. Ich hielt an, fingerte mir nervös eine Zigarette aus der Schachtel und ging fast wie gelangweilt weiter. Und da war Eddy auch schon. „Hey, Siggi, Lust mitzuspielen?“, fragte er und lächelte dabei belustigt. „Ach so, wenn ich vorstellen darf: Das sind meine Schwestern Gisela und Heidemarie.“

Mir war, als hätte mich jemand mit einem Vorschlaghammer getroffen. Mit einem Male konnte ich verstehen, warum er mir damals Prügel angedroht hatte. Seine Schwestern – warum hatte er nie von ihnen gesprochen. Wollte er sie vor mir schützen?

Heidemarie hieß sie also, und nun durfte ich mit ihr Federball spielen. Ich konnte es kaum fassen! Wenn es so was wie einen siebten Himmel gab, dann war ich gerade hinaufgestiegen.

Ich begrüßte sie mit einem freundlichen Hallo. „Ich heiße Heidi“, stellte sie sich vor. „Mit i am Ende, denn ich bin die kleinere Schwester.“

Ich war hin und weg, endlich hatte ich das Mädel meiner Träume gefunden. Jetzt nur nichts falsch machen, ruhig bleiben und Contenance bewahren. Wir spielten einige Partien, die ich natürlich mit Absicht verlor. Anschließend gab es noch ein Eis in unserer Stammeisdiele, wo ich meine Spielschuld begleichen durfte. Ich war so glücklich, dass ich in der Nacht kaum schlafen konnte. Von da an hatte sich mein Leben vollkommen verändert.

MEINE GROSSE JUGENDLIEBE

Eine wunderschöne Zeit begann für mich, ich war der glücklichste Mensch auf der Welt, jede freie Minute musste ich bei ihr sein. Ab sofort machten wir alles zusammen, spazieren gehen, Eis essen oder einfach nur am Fluss Arm in Arm liegend dem Rauschen des Wassers zuhören. Da wir beide erst 18 Jahre alt waren und noch bei unseren Eltern wohnten, mussten wir um 22 Uhr zu Hause sein. Um das zu umgehen, meldeten wir uns in einer Tanzschule an. So hatten wir dann mittwochs immer eine Stunde länger Zeit bis 23 Uhr. Wir waren glücklich, wenn wir statt zur Tanzschule ins Kino gingen, natürlich immer in der letzten Reihe, denn der Film war uns im Grunde egal, wir wollten eh nur knutschen. Richtig stolz waren wir darauf, wie wir so unsere Eltern überlisteten.

Dann kam, was sich leider nicht vermeiden ließ: Ich musste meine Heidi meinen Eltern vorstellen. Davor hatten wir beide große Angst, denn ich hatte ihr ja auch von meiner schrecklichen Erziehung erzählt. Aber da mussten wir durch und mit zitternden Knien nahmen wir die Einladung an. Meine Mutter setzte ihr freundlichstes Gesicht auf und fuhr alle möglichen Köstlichkeiten wie Kuchen und Pralinen auf. Ich hatte das Gefühl, dass meine Mutter sehr stolz auf ihren Sohn war, denn sie machte nur das Beste von mir zum Gesprächsthema. Sie zeigte auch Jugendbilder von mir, das musste wohl so sein, aber ob mir das peinlich war oder ob es Heidi interessierte, war ihr völlig egal.

Nachdem ich Heidi wieder nach Hause gebracht hatte, erwartete ich natürlich eine Reaktion von meinen Eltern. „Das ist ja eine ganz Liebe“, äußerte sich meine Mutter. „Nur ein bisschen schüchtern vielleicht, aber Anstand hat sie wohl.“ Ich war zufrieden, der erste Auftritt war offenbar geschafft. Doch schon folgte der erste negative Kommentar. „Aber das Kleid, na das ist wohl etwas zu kurz, und bügeln müsste sie es auch mal.“ Es war wieder mal wie ein Paukenschlag. Musste sie denn immer alles kritisieren, was mich glücklich machte? Es war doch meine Heidi und ich war so glücklich und so stolz auf mein Mädchen.

Dummerweise erzählte ich Heidi am nächsten Tag davon. Mir war damals nicht bewusst, dass ich damit den ersten Keil zwischen sie und meine Mutter getrieben hatte.

Nach diesem ersten Besuch verkehrte Heidi regelmäßig bei uns. Sie nahm an jeder Familienfeier teil und die Sonntagsausflüge fanden von nun an zu viert statt. Wirklich schlimm allerdings war, dass meine Mutter sie mit zu den Nachbarn nahm, wo sie Heidi stolz als ihre zukünftige Schwiegertochter vorstellte. Heidi wollte das alles nicht, doch die Höflichkeit verbot ihr, nein zu sagen.

Manchmal brachte meine Mutter von ihrem Einkaufsbummel ein Kleid oder eine Bluse für Heidi mit, aber dass sie damit nicht ihren Geschmack traf, konnte sie nicht verstehen. So kam es dann auch bald zum ersten größeren Streit. Als Heidi die geschenkten Sachen nicht trug, kam von meiner Mutter der erste Vorwurf. „Sie mag meine Sachen wohl nicht! Geschmack hat sie ja gar nicht.“ Als Heidi mal wieder zum Essen eingeladen wurde, bat ich sie, nur meiner Mutter zuliebe den Rock und den Pullover anzuziehen, die sie ihr letztens geschenkt hatte. Heidi willigte zwar ein, sagte aber kurz vor dem Essen telefonisch ab und gab vor, krank zu sein. Sie weinte und sagte nur: „Ich zieh die Sachen nicht an, sei mir bitte nicht böse.“ Ich konnte sie sehr gut verstehen und versuchte sie zu beruhigen. Meine Mutter konnte es natürlich nicht begreifen und fing sofort wieder an zu meckern. Oh ja, das konnte sie prima! Dabei legte sie in der Wohnung glatt zwei Kilometer zurück und schimpfte in einer Tour, ohne auch nur einmal Luft zu holen. „Dumme Kuh! Deshalb kann sie doch trotzdem kommen. Die Sachen sind doch schön, haben so viel Geld gekostet. Was bildet die sich bloß ein!“ Ich ging auf mein Zimmer, der Tag war für mich gelaufen. Es tat mir verdammt weh, dass meine Heidi weinte, nur weil meine Mutter uns ihren Willen aufzwingen wollte. Gegen 21 Uhr schlich ich mich aus dem Haus, um von einer Telefonzelle aus noch mal mit Heidi zu reden. Sie hatte sich beruhigt und bestätigte mir, dass sich zwischen uns nichts geändert habe, nur besuchen würde sie uns nicht mehr. Am nächsten Morgen stand eine Einkaufstüte mit Rock und Pullover vor unserer Tür.

Die Wochen vergingen, es war eine herrliche und glückliche Zeit. In unserem Freundeskreis waren wir das Traumpaar, das nichts und niemand trennen konnte.

Dann kam, was kommen musste: die Lust der Begierde. Auch wenn ich schon mit so vielen Mädchen in meinem jungen Leben zusammen gewesen war, so war doch noch nie Sex im Spiel. Immerhin war ich ja schon 18 Jahre alt, aber von Sex hatte ich keine Ahnung. Heimlich hatte ich mir zwar Oswald Kolles Film „Helga“ angeschaut, aber ich muss gestehen, nur um mal eine nackte Frau zu sehen. Bei der Geburt im Film musste ich sogar das Kino verlassen, weil mir kotzübel wurde.

Meine Eltern waren nicht zu Hause und so nutzte ich die Gelegenheit, um mein Zimmer mit Kerzen und Räucherstäbchen auszuschmücken. Das Licht dämpfte ich mit Tüchern und die Schallplatten sortierte ich schon so, dass die schnulzigen Scheiben obenauf lagen. Abends holte ich dann meine große Liebe zum Spaziergang ab, wobei ich sie dann zu einem Cocktail in meinem Zimmer überredete. Ja, Cocktail, das war damals die große Mode. Jeder in unserem Freundeskreis hatte da seine eigenen Ideen, wie und was man so zusammenmischte.

Wir saßen eng umschlungen auf meinem Bett und hörten die schönste Musik. Knutschen, auch mal den Busen streicheln, das war bisher unsere Leidenschaft, doch was nun geschah, das war uns beiden völlig fremd. Bei mir regte sich meine Männlichkeit und der Druck wurde so stark, dass ich Unterleibsschmerzen bekam. Ich machte das Licht aus und nur noch die Kerzen in ihrem fahlen Schein flackerten. Wir ließen uns zurückfallen und ich begann damit, ihr die Bluse zu öffnen. Als ich ihr den Rock hochschob, versuchte sie den Gürtel meiner Hose zu öffnen. Doch jeglicher Versuch, auch nur ein Stückchen weiterzukommen, scheiterte kläglich an unserer Unerfahrenheit. Lachend setzten wir uns auf und jeder zog sich in einer unschuldigen Art von Wollust die Kleider vom Leib. Sie hatte nur noch ihren hautfarbenen BH an, dazu einen Strumpfhalter über ihrem Schlüpfer. Auch ich behielt meine Unterhose an, und so sanken wir in einer Umarmung aufs Bett. Ich versuchte ihren BH zu öffnen, der aber, wie mir schien, mit 1000 Häkchen zusammengehalten wurde. Als ich nach geglückter Aktion ihren Strumpfhalter löste, sprang ein Pfennig weg, der wohl half, die Strümpfe zu halten. Wir mussten beide lachen, wurden aber umso stiller, je tiefer wir uns in die Augen schauten. Ein kleiner Aufschrei und es war geschehen, wir hatten beide unsere Unschuld verloren. Sie weinte leise und ich versuchte sie zu trösten, dass mir alles so leid tat. „Ach, du Dummchen“, flüsterte sie, wobei sie mich fest im Arm hielt, als ob sie mich nie mehr loslassen wollte. „Ich bin ja so glücklich“, hauchte sie, was ich auch von mir behaupten konnte.

Von nun an waren wir erst recht unzertrennlich. Die Monate vergingen und Heidi kam auch wieder zu uns nach Hause. Meine Mutter kaufte nie wieder ein Kleidungsstück für sie und es schien, als wäre endlich Frieden eingekehrt. Doch da lag ich leider falsch. Mal lästerte sie darüber, dass sie noch nicht in Heidis Elternhaus eingeladen worden war, mal über Heidis Bruder Eddy, der draußen nur mit einem Kofferradio unterwegs war, was ja bei uns Jugendlichen so Mode war, mal über die Frisur von Heidi, die ihr wohl zu aufreizend war. So glücklich ich auch draußen war, so unglücklich war ich zu Hause. Ich konnte das ganze Gemecker bald nicht mehr ertragen, doch Ausziehen war mit meinen mittlerweile 19 Jahren noch nicht möglich. Zwei Jahre musste ich noch bis zur Volljährigkeit durchhalten, das kam mir wie eine Ewigkeit vor.

In Absprache mit meiner Liebsten entschloss ich mich, freiwillig zum Militär zu gehen. Nach den zwei Jahren wären wir frei. Doch mein Antrag wurde abgelehnt und ich musste bis zum

21. Lebensjahr warten, dass man mich einzog.

Nun war ich schon so lange mit meiner Heidi zusammen und nie hatten wir einen Streit. Sexuell hatte sich allerdings auch nichts geändert. Wir nutzten zwar jede Möglichkeit, ob im Auto oder im Wald auf einer Lichtung, sogar nachts in den Parkanlagen, aber immer nur in der gleichen Stellung, denn wir hatten ja nicht die leiseste Ahnung.

Zu Hause spitze es sich immer mehr zu. Heidi versuchte immer höflich zu sein und half auch im Haushalt, beim Geschirrspülen, Aufräumen oder dergleichen. Wir waren schon eine große Familie geworden, auch hatten unsere Eltern schon Kontakt miteinander gefunden. Aber meine Mutter gab immer noch keine Ruhe. Entweder war das Geschirr nicht richtig gespült oder die Wohnung von Heidis Eltern nicht richtig aufgeräumt oder mein zukünftiger Schwiegervater trank bei einem Besuch zu viel Alkohol, was natürlich alles nicht zutraf. Der nächste Streit war so schon vorprogrammiert. Als Heidi dann noch „Mutti“ zu meiner Mutter sagen sollte, kam es zum Eklat.

Ich konnte nicht mehr und war froh, als ich meine Einberufung zur Bundeswehr bekam. Am 3. Januar 1969 war es endlich so weit. Heidi begleitete mich noch zum Bahnhof und verabschiedete sich unter Tränen von mir. Ich dagegen war erleichtert, von alldem weit weg zu kommen, und dachte sogar daran, mein ganzes Leben hinter mir zu lassen, mich vor Ort für weitere sechs Jahre zu verpflichten und in der Ferne ein vollkommen neues Leben anzufangen: nie wieder Mutter, nie wieder Stress. Aber das Schicksal meinte es nicht gut mit mir: Nachdem ich meinen Antrag auf Berufssoldat gestellt hatte, wurde ich am 19. Januar für untauglich erklärt und nach Hause geschickt. Dort war die Freude natürlich groß, ganz besonders Heidi war so glücklich, dass sie mich wieder in die Arme schließen konnte.

Mit meinen Freunden wurde dann erst mal richtig gefeiert, und zwar bis in die frühen Morgenstunden. Da ich aber erst Ende Februar volljährig wurde, hätte ich um 24 Uhr zu Hause sein müssen. Zur Strafe verhängte meine Mutter mir einen Hausarrest von einer Woche. Als ich daraufhin laut wurde, verpasste sie mir auch noch eine Ohrfeige, worauf ich vor Verzweiflung weinend auf mein Zimmer ging. Ich musste hier raus, raus und weg von dieser Frau, raus aus meinem Elternhaus!

Da gab es nur eine Möglichkeit: Heiraten. So machte ich meiner immer noch großen Liebe einen Heiratsantrag und wir beschlossen, so schnell wie möglich das Aufgebot zu bestellen und uns eine Wohnung zu suchen. Am 28. August 1969 heirateten wir und bezogen unser erstes eigenes Reich. Wir waren nun endlich zusammen und nichts konnte uns trennen. So dachte ich mir das damals jedenfalls.

MEINE ERSTE EHE

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