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Bayreuth an einem Tag im August. Im Festspielhaus fällt der Vorhang nach dem zweiten Aufzug des Musikdramas Tristan und Isolde. Konrad Wiechmann, ein aus Kiel angereister Festspielbesucher, begibt sich in die einstündige Pause. Die Nachwirkungen der betörenden Musik entfachen in ihm einen Gedankenflug aus Fiktion und Wirklichkeit. Eine verschwommene Persönlichkeit versucht sich zu ordnen. Aufgerieben zwischen Selbstbehauptung und Fremdbestimmung, begleitet von der Hingabe an eine Ästhetik des Niedergangs, erkennt sie immer mehr die Unmöglichkeit ihrer Selbstenträtselung.
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Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2015
ULRICH STROHAUER
NUR EINE STUNDE
Impressum:
© 2015 Ulrich Strohauer
Umschlaggestaltung, Illustration: Ulrich Strohauer
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
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… nur eine Stunde bleibe mir wach! (…) um eine Stunde mit dir noch zu wachen.
Schattenwelten
Dröhnend zerstob das Orchester den letzten Takt. Mit der geschliffenen Präzision einer Guillotine spaltet der senkrecht fallende Vorhang den Augenblick. Es folgen Dunkelheit und Stille. Bedächtig durchstochern meine Pupillen die künstliche Finsternis, zunehmend geraten sie in den geheimnisvollen Strudel einer alles verschlingenden Magie, die mich mitreißt in die Nacht; – als hätte das soeben vergossene Blutopfer auf der Bühne eine überzeitliche Sogwirkung im Schlepptau.
Nach außen herrscht vollkommene Stille, und gäbe es einen Zustand nach der Stille, dann müsste es dieser sein.
Die Welt ohne Geräusch wirkt aufgesetzt, geradezu unnatürlich, was kaum überrascht, schließlich ging der Totenstille eine listig inszenierte Dramatik voraus, die in krassester Ausartung von Gefühlsaufwallungen den heftigsten Kontrast dazu geboten hat. Interessanter scheint mir die Frage, oder besser, das fragende Gefühl, denn diese Frage ernsthaft, womöglich gar vor Zeugen, zu stellen, käme mir lächerlich vor, die Frage, welche von diesen Welten die wirklichere ist, welcher ich mich zugehörig wähne, und ob ich mir aussuchen darf, in welcher ich heimisch sein möchte und eines Tages sterben will.
Worauf gründet sich der mystische Gleichklang im Publikum, der seinen Ausdruck im kollektiven Bedürfnis nach Stille findet, auf das Resultat anerzogener Disziplin oder auf den dramaturgisch angestrebten und heute möglicherweise gelungenen Feldversuch mit dem Ergebnis von unentstellter Ergriffenheit? Ich liebäugel mit der Ergriffenheit, woraus sich allmählich mehr als Liebäugelei entwickelt, bis schließlich alle Zweifel schwinden.
Überall, sei es hier, in der schweißvernebelten Galerie, oder im lau durchwehten Parkett, in jedem Winkel des riesigen Raums herrscht ein stummes Gesetz. Es diktiert momentan nicht nur das Benehmen, sondern gleichsam das, was gemeinhin dazugehört, um sich benehmen zu können, und das hat, wenigstens ein bisschen, mit Denken und Nachdenken zu tun. Das kann dabei rauskommen, wenn das von Todessehnsucht triefende Werk luziferische Mittäter findet, experimentierfreudige Regisseure und mutige Dirigenten, die sich bis zur Selbstaufgabe der Partitur unterordnen und damit zugleich eine unheimliche Macht auf das Publikum ausüben.
Der Text des ungeschriebenen Gesetzes ist zwar nirgendwo nachzulesen, dennoch wird er, je nach individueller Stimmungslage und Zufriedenheit mit der abgelieferten Leistung, strikt befolgt, sei es aus Respekt, Zurückhaltung, Ehrfurcht, Ergriffenheit oder Ängstlichkeit. Kein Finger kratzt lautstark über die Bartstoppeln, weder ein Huster noch ein geisttötendes Räuspern schleudert die stille Gemeinde ins profane Diesseits. Dieser Zustand läuft jeder Normalität zuwider und nährt deshalb den Gedanken, diktaturerfahrene Mitverfasser des Dekrets, so was ähnliches wie eine Festspiel-Stasi, hätte sich kontrollierend unters Publikum gemischt und bedroht jeden Abtrünnigen mit der Lynchjustiz, was in der halbwegs zivilisierten Festspielrealität so viel heißt wie unwiderruflicher Kartenentzug.
Körpersäfte haben ihr Eigenleben. Schon länger spürte ich den Schweiß zwischen meinen Augen, der sich in der senkrechten Falte sammelte und inzwischen zum Tropfen angewachsen ist. Jetzt bricht der Damm, zäh wie dickes Öl gleitet er abwärts, staut sich immer wieder, nun am Brillensteg, überwindet auch diesen, und schießt zunehmend geschwinder runter, bis er unter meinen wischenden Händen auf der Wange mäandert.
Gleich ist es vorbei, das Theater nach dem Theater, jene improvisierte Subpartitur, die von keinem Programm ankündigt wird, die aber für das Überleben des Werks mindestens so wichtig ist wie die Komposition selbst. Denn was taugte schon ein Drama, wenn es an echten Menschentränen mangelte, an innerster Teilhabe, nicht nur am Schicksal der Protagonisten auf der Bühne, sondern am Schicksal des Menschseins an sich. Welchen überzeitlichen Wert besitzt eine Darbietung, wenn die Zeitungen am nächsten Tag allein die sterile Brillanz von Orchester, Dirigat und Gesang zu würdigen wüssten?
Endlich und plötzlich zugleich brechen sie los, die erwarteten und befürchteten Bravos und Buhs, sie sprengen die Sprachlosigkeit und zerstreuen die letzte Verkrampfung in meinem verfallserotisch gebrandschatzten Oberstübchen. Platzregen von abertausend Händen kesselt mich ein, er schwillt an zu gigantischen Flutwellen, die mich vom durchschwitzten Sitz direkt in den Orkus zu spülen drohen.
Mühsam ringen meine Augen dem Schatten da unten, wo ich die Bühne vermute, erste Umrisse ab, als die Schneide plötzlich wieder nach oben rast. Zugleich beleuchten peu á peu die Strahlen künstlichen Glimmers eine gott- und seelenverlassene Trümmerstätte, die mehr dem Mond gleicht als der Erde. Das also soll der Gründungsmythos der Pause sein, in die die Regie das Publikum jetzt entlässt. Auf dieser Ruine, eine Allegorie des Scheiterns, steht nun für eine Stunde jene Maschinerie still, die bis eben noch alle dramatischen und technischen Anstrengungen unternommen hatte, die wesentlichen Merkmale menschlichen Ungemachs im Zeitraffer einer musikdramatischen Darbietung rauschhaft und zauberisch verklärt auf die Bühne zu hexen.
Man könnte annehmen, der Applaus versuchte den Liebestod noch zu übertrumpfen. Soll ich mit einsteigen, mich dem Diktat unterwerfen? Was ich bis eben nicht durfte, soll ich jetzt müssen? Ich weiß, der Vergleich hinkt, trotzdem, ich denke an eine Galeere, alle werden zum Rudern gepeitscht, von weitem ein ästhetischer Anblick, je näher ich mir aber das Bild ran hole, desto unansehnlicher wird es, oder, positiv bewertet, differenzierter. Nicht nur wegen der unmenschlichen Bedingungen im Unterdeck, sondern aufgrund der Verschiedenheit der Menschen. Stets verwandelt sich das große Miteinander beim näheren Hinsehen zum Nebeneinander. Die Vorstellung, Großes gemeinsam zu erleben, ist das Ergebnis einer von Sehnsucht getriebenen und zugleich von ihr bestochenen und somit manipulierten Wahrnehmung. Ich stelle mir vor, dem Enthusiasmus der Massen die Kleider vom Leib zu reißen und stoße auf einen Beutel mit Glasperlen, das Synonym für das verschlungene Mosaik von Einbildung und Spekulation, das mir an jeder Ecke angedreht wird, mitunter auch erfolgreich. Jeder wird zum Artisten auf dem Trapez des glitschigen Weltzirkus erzogen, und so vielversprechend es auch erst mal angeht, irgendwann kommen die Gleichgewichtsstörungen.
Nun kommt Bewegung auf die Bühne. In umgekehrter Reihenfolge ihrer Bedeutsamkeit, also die Nebenrollen zuerst, treten die Künstler vor den Steinbruch und nehmen, je nach erbrachter Leistung, ein Spektrum, das vom erkältungsbedingten Gekrächze bis zur gesanglichen Großtat reicht, ihren Applaus entgegen, der in fein differenzierter Abstufung ihre Anstrengung honoriert, oder besser bemüht ist, dieser gerecht zu werden. Denn nicht immer basieren solche Huldigungen auf objektive Urteilsfähigkeit, mitunter dienen sie auch der Mythospflege, als Anerkennung für das Lebenswerk eines Künstlers, der auch mal indisponiert sein darf. Und so müssen einige einmal mehr bitter erfahren, dass es im Leben nicht immer gerecht zugeht, ja, dass die Gerechtigkeit selbst womöglich einer Tagesform unterliegt. Die launische Natur hat viele Facetten.
Das Publikum nimmt die Vorstellung geteilt auf. Sein Raunen gilt zuerst der schrottigen Bühne, dann der narzisstischen Regie, die zudem an Platzangst leidet, ein weit verbreitetes Phänomen, das mich oft fürchten lässt, die Protagonisten könnten beim nächsten unachtsamen Schritt in den Orchestergraben stürzen; was hier nicht so schnell passieren kann, jedenfalls nicht, solange die Abdeckung hält. Ich habe es mir inzwischen abgewöhnt, wegen der Bühne Herzrhythmusstörungen zu riskieren, folglich habe ich für alle Eventualitäten meine eigenen Bilder im Gepäck. Andere, darunter nicht wenige, die es zweifellos gut mit mir meinen, nennen das geistige Erstarrung, weswegen ich versuche, mich von den Konserven zu befreien, zu emanzipieren, im besten Falle zugleich ein bisschen von mir selber, worin ich, zumindest beim nüchternen Blick auf den Modellcharakter des Vorhabens, mehr Vorteile als Nachteile erkenne. Doch wie es aussieht, handelt es sich um ein länger angelegtes Projekt. Wenigstens weiß ich jene auf meiner Seite, die im Weg das Ziel sehen.
Auch wenn das Drama noch nicht zu Ende ist, so behaupte ich schon jetzt, dass jene am zufriedensten sein werden, die mit einer konservativen Erwartung angereist sind und in etwa wissen, was sie erwartet, die es jedoch drauf haben, den Bühnenhokuspokus zu isolieren, und sich, nunmehr losgelöst von allem bildhaften Schrecken, dem reihen Genuss der Musik in ihrer Eigenschaft als Weltschmerztablette hinzugeben, eine Musik, die nur in diesem Hause, das eigens für die monströse Orchestrierung wagnerscher Werke konstruiert worden ist, adäquat zur Wirkung kommt. Dieser Personenkreis liegt mir am nächsten. Die fürchterlichste Inszenierung kann ihnen nichts anhaben. Geleitet von der berechtigten Erwartung, jeder Versuch, ein Werk zu realisieren, das viele bis heute für unaufführbar halten, müsse folgerichtig im stümperhaften Schiffbruch enden, schließen sie notfalls die Augen. Gewiss sind auch einige unter ihnen, die es bedauern, sie je wieder öffnen zu müssen. Meine gingen jedenfalls wieder auf.
Ich spüre die Verschiedenheit der Leute um mich herum. Den Phlegmatischen ficht so schnell nichts an, stoisch glotzt er auf die Trümmerbühne. Anders der Cholerische, erst recht, wenn er zu den Traditionalisten zählt; fassungslos schüttelt er den Kopf, dann der Berufsgenervte, eben wettert er über die Schutthalde da unten, morgen ist es das Fernsehprogramm und übermorgen die Steuererhöhung.
Da, eine Reihe vor mir, ein bekanntes Männergesicht. Offenbar ohne Karte angereist, verbrachte er die letzte Nacht im Schlafsack vor der Kasse, um morgens der Erste zu sein. Genützt hat es ihm nichts, und so schleppte er sich tagsüber mit rot beringten Augen über den Parcours. Ich habe ihn noch vor mir, in den Händen den Pappfetzen mit SUCHE KARTE drauf, offenbar rausgerissen aus einem Schuhkarton, ein skurriles Teil, dem Experten auf dem Gebiet der Bildenden Kunst, und dabei voll auf Höhe zeitgenössisch gesicherten Beurteilungsvermögens, womöglich das Prädikat künstlerisch wertvoll verliehen hätten. Hier ging er leider leer aus. Irgendwie hat er tatsächlich ein Ticket ergattert, plötzlicher Herztod eines Festspielgastes, Schwarzmarkt oder Raub, anders kann es nicht gewesen sein. Jetzt blickt er ringsum, streift mich, als hätte er mich denken hören; sein Gesicht sieht noch immer aus wie ein ungemachtes Bett. Dabei kommt ja noch ein ganzer Aufzug, was heißt kommt – droht.
Eine seltsame Neigung treibt manche, die bei der Kartenbestellung wieder mal eine Absage einstecken mussten, in das Abenteuer, auf gut Glück anzureisen, ein Widerholungszwang etwa, die Sucht nach dem Desaster oder eine andere pathologische Macke, jedenfalls etwas schwer Vermittelbares. Im schlimmsten Fall, und der schlimmste Fall ist überwiegend die Regel, steht der vergeblich angereiste Pilger allein mit der Frage, warum er sein schlechtes Karma ausgerechnet hier abzubüßen hat, hier, am Ort der Verheißung.
Die Liturgie ist fast zelebriert, lediglich ein kurzer Moment der Reife fehlt noch für den Schritt ins Hier und Jetzt. Übertragen auf eine Klinik, ein Vergleich, der bei der Beschreibung kulturellen Geschehens immer irgendwie passt oder entsprechend hingebogen werden kann (wobei die Nervenklinik eindeutig näher liegt als die Chirurgie), hätte der behandelte Patient nach der Narkose im Aufwachzimmer soeben das Bewusstsein wiedererlangt, wäre aber noch zu schwach auf der Brust, um von allein hoch zu kommen.
Applaus ohne Ende, immer mehr Bravos und weniger Buhs, soviel zum akustischen Gesamteindruck. Eigenartig, die Leute schlagen sich in fürchterlichster Kakophonie die Hände rot, erzeugen dabei ein höchst unmusikalisches Geräusch, und alle deuten das als Geste der Wertschätzung. Und was für Hände dabei rührig werden, zarte Schreibtischtäterhände, unauffällige Durchschnittspfoten, dazwischen wieder rechteckige Schaufeln und regelrechte Schlachterklauen.
Angesteckt oder angestiftet von diesem Klangbrei, einer besonderen Unterart akustischer Luftverschmutzung, reiße ich meine Hände aus dem Schoß, hebe sie empor, überrascht davon, wie virtuos und widerstandslos ich in den martialischen Nachklang einzustimmen bereit bin. Ich helfe mit, das Sakrale zu atomisieren, ich, der willige Helfershelfer, unterwerfe mich dem Befehl eines kollektiven Kommandos, ich, der Mitläufer, die zuverlässige Stütze eines Trägheitsgesetzes. Es ist nicht zu leugnen, zumindest ein Teil von mir ist der Schall gewordene Wille der anderen.
Anders als sonst forme ich meine Hände diesmal nicht zur Eierkugel, die stets ein hohles Blubb freisetzt, diesmal laufen sie spitz zu. Sobald die glatt gebügelten Handflächen hell aufeinander schlagen, muten sie an wie die zusammen geklebten Hände eines betenden Mönches. Schnell fallen sie zurück in den Schoß, nicht als Ausdruck von Verdrossenheit, sondern weil mein Applaus in Intervallen folgt.
Die fallende Schneide läutet das Ende des Geklatsches ein, gleichzeitig wird es hell, ein Vorgang, der mir am aktuellen Beispiel erneut belegt, dass man sich in einem Punkt auf das Licht völlig verlassen kann, es fördert die Zerstreuung. Das Licht ist der natürliche Feind aller Gespenster, schon ein spärlicher Glimmer hält sie in Schach. Wie damals im Kinderzimmer, ich erwache nachts aus einem bösen Traum und ängstige mich im Dunkeln. Sobald aber von der Straße her die hellen Lichtkegel vorbeifahrender Autos die Wände entlang rasen, hauen die Dämonen ab. Ich falle noch weiter in die Zeit zurück und entrolle das Panorama meiner ersten Erinnerung überhaupt. Den Ort kann ich genau bestimmen, ich war drei oder vier, es war Winter, und es hatte leicht geschneit. Ich befand mich auf einem von Schlaglöchern übersäten Weg und schaute himmelwärts in eine gelähmte Sonne, die das hochvernebelte Firmament zu durchstrahlen versuchte. Noch heute sehe ich den gleichen Himmel, die gleiche Sonne und den gleichen hohen Nebel, manchmal, am Meer. Und es ist noch immer das gleiche bewegende Schauspiel, wenn die Sonne sich bis Mittag mit der genüsslichen Gier eines Eis essenden Kindes durch die nasskalten Schwaden hindurchleckt. Ich stelle das einstige Bild neben das heutige, und eine untrügliche Stimme flüstert mir zu: Deine vernebelte Sonne von einst und der heutige Blick durch den Dunst am Meer sind nicht das Gleiche, sie sind Ein und Dasselbe. Dann katapultiert es mich zurück zum Thema auf der Bühne, die Suche nach Ganzheit, nach Überwindung der zerrissenen Welt, es geht um unstillbare Sehnsucht und unvermeidliche Trauer. Die Liebenden kommen nicht zusammen, die Gräben sind zu tief. Allein der Tod als Bindeglied zwischen unerfüllter Gegenwart und hoffnungsvoller Zukunft verheißt Erlösung. Und dieser Tod ist groß angelegt, in der Manier des 19. Jahrhunderts, Sterben in Schönheit, mit großer Gebärde und weltüberwindender Musik.
Der Applaus verebbt, dafür steigt der Gesprächspegel an, Stimmen pro und kontra, Stimmen von Menschen, die das Erlebte unbedingt kommentieren müssen. Das geteilte Echo ruft eine gereizte Atmosphäre hervor, und stets lärmen die Lästerer lauter als die Zufriedenen oder die Gleichgültigen. Die Aufgeregtheit, mit der sich Kunstinteressierte am Zeitgeist reiben, erinnert mich immer wieder an den tanzenden Wassertropfen auf dem glühenden Herd.
Unauffällig richte ich mein Haupt nach vorn, während ich in Wahrheit den rechten Sitz neben mir ausspähe. Die beiden weißen Ringe, die zuvor frei im Schatten schwebten und gleißende Figuren in die Nacht malten, entpuppen sich als Rüschenbesatz an den Ärmeln eines freizügig dekolletierten schwarzen Kleides, das eine üppige Blondine für den heutigen Auftritt gewählt hat. Ihr dünnes Haar ließ sie zu einem Pagenkopf frisieren, der einerseits wie ein Kompromiss wirkt, zum anderen aber zeigt, wie einfach manchmal mit einem Mehr an Weniger ein ansprechendes Ergebnis erzielt werden kann. Weshalb ich gleich an einen Stahlhelm denke, weiß ich nicht, Gedankenketten sind manchmal unergründlich. An nichts haftend, schaut sie ringsum, und als ihr Antlitz mich streift, sehe ich in ein abwesendes, rundes, kreidiges Gesicht, das wie zeitverzögert hinterher lebt. Wie auch immer, spätestens im Treppenhaus wird sie die Gewalt über ihre Charakterzüge wiedererlangt haben, den neurotischen Kontrollblick, Skepsis, Dominanzsucht und Instinktsicherheit. Sie liebt den Genuss, ein trockener, schwerer Rotwein würde zu ihren schwarzrot nachgezogenen Lippen passen, die makellos übergehen in sanft abfallende Mundwinkel, dazu ein dunkles Timbre, das ich mir dazu denke. Sie ist in Begleitung eines wesentlich älteren, hochgewachsenen Herrn von sehniger Gestalt, schlank, schwarz gelockt und dauergebräunt, ein sympathischer Typ mit weltoffener Ausstrahlung und fein durchfurchtem Gesicht, sensibel, kunstsinnig oder selbst Künstler. Oder Playboy, das ginge auch, allerdings kein billiger, eher der betuchte, der an sich gearbeitet hat. Lebenskunst mit ästhetischem Anspruch erwirbt man sich nicht mal eben zwischen Kirchgang und Frühschoppen.
Einige Locken, die seine Ohren überdecken, fallen ihm über die buschigen Brauen in die Augen. Als sich unsere Pupillen ineinander verkeilen, fühle ich mich wie im dichten Busch, woraus mich zwei Löwenaugen revierabsteckend beäugen. Ich habe Glück, er fletscht zwar die Zähne, doch nur sattschläfrig. Aus der Deckung meines Sitzes nehme ich einen zweiten Anlauf, welle raupenhaft am Revers seines Smokings entlang, springe über auf den Ärmel und stoße letztlich auf bananenfleckige Hände. Nun ist der Löwe zahnlos.
Die Dame links von mir muss ihren Duft neu aufgetragen haben, so intensiv, dass mich der parfümierte Nebel neunzig Minuten zurück versetzt. Zahllose Ohren erwarten im stockdunklen Raum gespannt den ersten Takt des zweiten Aufzugs, als plötzlich jemand die Eingangstür aufstößt, hinter der eines der blau uniformierten Mädchen auf den abschüssigen Stufen kauert. Grelles Licht durchsticht den Türspalt, dazu scheucht ein weißes Tuch durch die gespaltene Finsternis in die Galerie. Da die Natur den Menschen für die Fortbewegung in der Dunkelheit eher mickrig ausgestattet hat, rumst es sogleich auf den Stufen, verursacht durch einen Hechtsprung, mit dem sich das erschrockene Mädchen vor den martialisch hämmernden Stöckelschuhen, die das spukhafte Tuch voran tragen, in Sicherheit bringt. Auch mich durchschreckt jener gesunde Reflex von Überaufmerksamkeit, der den Lebenswilligen vom Lebensmüden unterscheidet, so, als ginge es in dieser Sekunde um Alles oder Nichts. Geblendet von der krassen Lichtquelle, erkenne ich die zwischen mir und der Tür sitzenden Körper und Köpfe nur im Scherenschnitt. Scheinbar von Geisterhand bewegt, wippen diese Gestalten solange vor und zurück, bis die Tür wieder ins Schloss scheppert und endlich für künstliche Nacht sorgt. Während das Tuch auf mich zu schwebt, reifen die schemenhaften Gestalten, nunmehr ohne gleißendes Gegenlicht und nach Gewöhnung meiner Augen an die Dunkelheit, zu lebendigen Menschen heran. Schweigend machen sie dem Tuch Platz, indem sich einer nach dem anderen zügig von seinem Sitz erhebt und nach dem vorbei gezogenen Tuch wieder setzt. Von vorne sieht das Auf und Ab aus wie eine Meereswelle. Der lichte Stoff flattert näher, wird langsamer, geht über in ein leises Säuseln und lüftet sein Geheimnis in der Gestalt eines weitfallenden Kleides, in dem eine zartgliedrige Dame steckt, so zart, dass ich ohne zu übertreiben das Drinstecken mit dem Verstecken verwechseln darf. Lautlos haucht sie ihren ätherischen Körper auf den letzten freien Sitz. Und just, als ich erstmals den zu mir gewehten herben Duft einatme, rast auch schon die schwarze Klinge nach oben, und das Orchester hebt an zum verfallserotischen Wahnsinn.
Jetzt, anderthalb Stunden später und eine Opernleiche weiter, hat mich das Tuch wieder, und mehr noch das, was es birgt. Eigenartig, sie verschwand völlig aus mir, und nun kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen, dass sie fort gewesen war. Mein Atem mischt sich mit den parfümierten Schwaden ihres schwitzenden Körpers und gelangt zu mir zurück als erotisierender Smog, den sie mir, wohl leider unabsichtlich, mit ihrem Programmheft zufächelt. Ich hole tief Luft und versuche das zu entschleiern, was die flatternde Hülle kunstfertig verbirgt.
Vordergründig biege ich mich vornüber, um das Geschehen im Parkett besser verfolgen zu können, bis ich auf halber Höhe an ein nacktniedliches Füßchen ihrer übereinander geschlagenen Beine stoße. Gern überlasse ich mich dieser Ablenkung, schließlich gibt es Schlimmeres als die rot lackierten Nägel einer Dame, die, geschmiegt in das samtweiche Leder schwarzer Stakkatostöckel, im Uhrzeigersinn kreisen. Knapp unter ihren Knien durchtrennt das vermeintlich gespensterweiße und bei Lichte betrachtet zitronengelbe Gewand ihre blassen, muskellosen Waden, und verengt sich zur schmächtigen Taille hin, wo ein schmales, schwarzes Lederband den Tüll zusammenhält. Ohne Dekolletee endet das trägerlose Kleid knapp unter den vorstehenden Schlüsselbeinchen und läuft zu den Schultern hin nur leicht oval zu. Die dort angesetzten Ärmel wiederum fächern sich zu den Ellenbogen hin ähnlich auf wie der Stoff von der Taille bis zu den Waden. Im Ergebnis vermittelt das Kleidungsstück die Illusion, es würde sich auch ohne jeglichen Kontakt zum Körper weitgehend wie von selbst halten.
Sie applaudiert nicht wirklich, sie berührt ihre Handflächen so zart wie sie auf den Sitz schwebte. Ihre langen, unberingten Klavierfinger verästelten sich in knochigen Handrücken. Ein weißgolden schimmernder Reif von der Breite einer Stricknadel schmückt das rechte Handgelenk, eine winzige Uhr, womöglich aus derselben Kollektion, das linke. Ihr dezenter Beitrag, der nichts darüber aussagt, wie ihr die Vorstellung gefallen hat, bleibt eine kurzlebige Geste. Schnell versenken sich ihre Hände wieder in den Schoß, auf dem sie ein winziges Ledertäschchen mit schmalen Riemen hält, der über ihre Oberschenkel fällt und bis zum Boden baumelt.
Ruckartig wirft sie ihren Körper nach vorn, und ich, überrumpelt von so viel Verve, wippe reflexhaft zurück, tauche ein in ihr festes schwarzes, nach hinten gekämmtes und von zwei silbernen Spangen gehaltenes Haar, streiche an ihrem feenhaften Hals runter und gelange hinter ihre Ohrläppchen, wo sie die Ohrstecker gekontert hat. Sie spürt, dass ich sie beäuge und dreht sich blitzschnell zu mir. Unsere Pupillen knallen zusammen wie Billardkugeln, erst klacken sie, dann fliegen sie vom Tisch. Sie sieht mich angespannt an, aber wenigstens freundlich, sie lässt mich mit einem blauen Auge davon kommen, ja, unter den besonderen Bedingungen, den außerordentlichen Zumutungen, die uns der zweite Aufzug abverlangt hat, behaupte ich sogar, dass wir mit unserem Frontalzusammenstoß tendenziell erfreulich verunfallten.
Sofort wendet sie sich wieder nach vorn, doch ob sie will oder nicht, sie überlässt mir eine Kopie von ihrem Gesicht, ein ovales, schmallippiges Antlitz, so blass wie gekalkt, nur um den Mund herum leicht aufgefrischt von einem lachsfarbenen Lippenstift. Auf den zweiten Blick geht von ihren großen Augen etwas Prüfendes aus, es könnte auch Misstrauen sein, vielleicht liege ich damit aber auch falsch, denn ich erweitere in unzulässiger Weise ihre Gesichtszüge, etwa, indem ich die Augenhöhlen schattiger gestalte als sie sind, um sie als Heroine auf die Bühne stellen zu können, vorzugsweise als Elektra. Die Augen für diese Rolle hat sie bereits, durchdringende Augen, leidenschaftliche Augen, für das Gute genauso einsetzbar wie für das Böse, hier eben für die Rache, die nicht per se das Böse darstellen muss, aber in jedem Fall das Leidenschaftliche, denn Rache ohne Leidenschaft ist undenkbar. Sie spielt den Part glänzend und hält durch bis zum Schluss. Nachdem sich ihre unrettbar hasserfüllte Seele im Todestanz verzehrte, fege ich ihre Asche zusammen.
Sie sitzt kerzengerade und lässt ihre offenbar verspannten Schultern kreisen, fällt sanft zurück in den Sitz, atmet tief durch und haucht, nunmehr meditativ aufgetankt, genauso federleicht vom Sitz wie sie einschwebte. Und ich, ihrem exzentrischen Windschatten erlegen, hefte mich an ihren Dunst, folgend und verfolgend.
Von vorn zieht mich das Flattertuch, von hinten sticht das Auge der Behelmten, Mist, jetzt ist es raus, die verdrängte Befürchtung machte sich Luft, es stimmt also, jeder Gedanke hinterlässt eine Spur im Gehirn. Mit dem freien, ausgewogenen Blick auf die Blonde ist’s von nun an nicht mehr weit her, sie muss mit einem Stigma leben, das sie nicht verdient hat, das ich aber leider nicht mehr löschen kann. Um mich schadlos zu halten, splitte ich meine Häme auf, ich teile sie mit den vermeintlich anderen, indem ich mir einrede, nicht der erste zu sein, der darauf gekommen ist, und auch nicht der letzte sein werde. Fortan ist sie die Behelmte, das ist unumkehrbar, je stärker ich mich dagegen stemmen würde, desto behelmter wäre sie.
Unmittelbar vor der Tür zum Treppenhaus durchflimmert mich erneut der Auftritt des Flattertuchs, der erwartete Einsatz des Orchesters, die aufknallende Tür, die Scherenschnitte im gleißenden Licht, und über allem ein weiß wallendes Tuch, das jetzt gelb ist und vor mir die Türschwelle überschreitet. Sie atmet bereits die Wirklichkeit, ich noch den abgestandenen Nebel der Ersatzwelt. Was, wenn wir jetzt stürben, in dieser Sekunde, diesem Dazwischen, das ich ansonsten negiere, sie schon dort, ich noch hier? Ganz verschieden verhielte es sich mit unseren Toden. Zweifellos erginge es ihr übler, denn das Ende da draußen läuft, gelinde gesagt, elender ab als das Ende hier drinnen, wo ich in unmittelbarer Nähe zum Orchestergraben am ästhetischen Tod auf der Bühne partizipieren darf. Der kurze, unausweichliche Schritt, der mich jetzt über die Türschwelle hebt, verschlechtert meine Lage also erheblich.
Nach oben muss man sich schleppen, nach unten wird man gespült. Im Sog von fremden Kräften strudel ich treppab. Wer sich den Massen unterwirft, wird von ihnen mitgetragen, egal, wohin die Reise geht. Von wenigen geschichtlichen Unfällen abgesehen, verläuft die Unterwürfigkeit glimpflich, und kommt es anders, dann redet man nicht von Schuld, höchstens von Mitschuld, und die verteilt sich auf viele Schultern. Diese Stufen gingen schon viele vor mir, insofern ist die statistische Wahrscheinlichkeit hoch, im blinden Mitlaufen sicher anzukommen. Es gibt zuhauf Beispiele, da hat der Blick auf die Statistik etwas Beruhigendes.
Von den unteren Rängen und aus dem Parkett drängen immer mehr Menschen ins Treppenhaus. Alle naslang verstopft der Fluss, bis die Geduld ihn wieder frei spült.
Halt! Wo ist das gelbe Tuch? Verschluckt, aufgesogen von der Menge, sehe ich es nicht mehr. Ich fahnde auf den Stufen nach den Spuren ihrer nackigen Füßchen, in die ich treten möchte, um sie wiederzufinden. Vergeblich! Meine Vision, ihr mit jedem Schritt näher zu kommen, verdunstet im weglaufenden Horizont. Ein vertrauter Nebel steigt auf und malt mir eine Botschaft in den Himmel: Vielleicht. Vielleicht! – Was fange ich damit an?
Vielleicht, ist das nicht dasselbe wie vielleicht auch nicht?
Zerstreuung
Vorgestern Dauerregen, gestern bis Mittag Sonnenschein, durchzogen von entzückenden Schäfchenwolken, die leider schon am frühen Nachmittag wieder vom dräuenden Gewölk verjagt wurden, das den malerischen Himmel rüde verfinsterte und es stundenlang zucken, blitzen und knallen ließ, freilich, und das hatte etwas Unheimliches, ohne dabei einen einzigen Tropfen Wasser auf die Erde zu wringen. Bis eben hat es wieder mal geschauert, und zwar reichlich. Die frische Luft riecht nach verdampfenden Sommerregen, und über den Pfützen tanzen stumm die Mücken.
Noch immer entströmt das Publikum dem Musiktempel und bevölkert langsam den Platz, behütet vom majestätischen Wagnerbanner mit dem Dürer-W, das schlaff vom Dach runter baumelt wie die Flagge eines Segelschiffs bei Flaute. Das Bild vom Holländerschiff drängt sich geradezu auf, ich spinne es stürmisch weiter, also Schiffbruch pur, mit zerfetzter Takelage. Und tatsächlich, beim genaueren Hinschauen kommt mir die Wagnerflagge vor wie ein zerschossenes Segel.
Programmiert wie zappelnde Spermien, emsige Ameisen und anderes Getier, das zu seiner Selbsterhaltung unaufhörlich bestimmte Dinge auf die Reihe bekommen muss, gehen die Menschen auch hier einer höheren Aufgabe nach. Existenzsichernde Vorhaben muss man sich nicht dauernd klarmachen, möglicherweise wäre das sogar schädlich und würde irgendwann die Menschheit aussterben lassen. Deshalb laufen die wichtigsten Impulse, gut von oben eingefädelt, zumeist unreflektiert ab. Inhaltlich variiert es allerdings sehr, insbesondere bei der Nahrungsaufnahme reicht die Skala vom kulinarischen Genuss bis zu jenem stumpfen Gefühl, nur irgendwie satt zu werden.
Die Aufgabe ist fest umrissen, ebenso das Fortbewegungsmittel, halt die Beine, ansonsten durfte man frei wählen, ob im Stechschritt oder trödelnd, für sich allein, oder, wie die meisten, im Pas de deux, der kleinsten Einheit eines sozialen Moleküls.
Noch immer ziehen Gewitterwolken ringsumher, von müder Schwere dunkelgrau verdickt. Wenn diese Variante von Petrusgroll auch nicht zum täglichen Wetterritual gehört, so ist er aus dieser malerischen Landschaft genauso wenig wegzudenken. Inmitten der hügeligen und nadelgrün bewaldeten und beweideten Ausläufer der Fränkischen Schweiz im Südwesten und den aufsteigenden Zügen des Fichtelgebirges im Osten sind diese Launen im August normaler Wetterwahnsinn. Ich komme auf die gestrige Vorhersage und auf den Wetterfrosch, der neben dem Journalisten der wichtigste Prophet der aufgeklärten Zivilisation zu sein scheint. Pünktlich streute er seine wissenschaftlichen Auswertungen unters Volk. Könnte er auch den Weltuntergang ansagen? Ich meine den wirklichen und nicht jene Weissagung, die mit viel Tamtam das Ende der Welt ankündigt und von der nach dem Ausbleiben der Prophezeiung eines Tages nichts weiter übrig bleibt als eine Randnotiz über das Ableben des Propheten. Gut, die Wetterberichte sind besser als früher, aber sobald die Wissenschaft unsere Atmosphäre überschreitet, kommt es mir mitunter vor wie das lustige Topfschlagen im Universum.
Ich gerate ins Stottern bei einer Antwort auf die Gretchenfrage der Postmoderne, wie hältst du’s mit dem Klima? Klima, gibt’s das nicht schon länger? Der Gedanke reißt mich in die Vergangenheit zurück, Anno 1231, Verleihung der Stadtrechte, himmlische Fluten von oben, Blitz und Donner knallen nieder aufs Volk. Dem Bauern fackelt die Scheune ab, dem Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach-Ansbach gehen die Pferde der Kutsche durch, und später durchblitzt es Jean Paul poetisch. Endlich beendet Franz Liszt meinen Ausflug mit einem schmissigen Akkord.
Von der Luft, nach der ich schnappe, genieße ich nur die ersten Züge. Schnell zeigt sie ihr anderes Gesicht, sie ist so feucht, dass sie auf der Haut einen feuchten Film hinterlässt. Dauernd klebt das Hemd an einer anderen Stelle, nur auf den Schultern liegt es fest. Die zirkulierende Luft zwischen dem nassen Tuch und dem Bauch sorgt für Gänsehaut, wie ich sie sonst nur vom Horrorfilm kenne. Eingewickelt wie in einen nassen Feudel, ärger ich mich wieder mal, weil ich leichtfertig, wie so oft im Sommer, das Unterhemd weggelassen habe. Ich glaube, der Sommer ist ganz allgemein die Jahreszeit mit dem geringsten Risikobewusstsein.
Vom tschechischen Grenzgebiet grollt es aus einer taubenblau bis grauweiß verhangenen Wand heran, verhalten, aber Respekt einflößend. Gleißende, gezackte Klingen tanzen auf schmutziger Watte. Immer wieder durchtrennen sie die eingedickte Suppe, stoßweise, launisch und bar jeder Ordnung, und falls doch ein schlüssiges Prinzip dahintersteht, dann das der dämonischen Logik. Im Süden geht das bleierne Gewölk über in voluminöse Rauchpilze, gewaltig steigen sie auf, angestrahlt von den blinzelnden Resten einer weglaufenden Sonne. Bald haben sie sie eingeholt, und die Wolken mutieren zu Totengräbern, die sie zuschaufeln.
