nur leben - Claire Nicola - E-Book

nur leben E-Book

Claire Nicola

0,0

Beschreibung

In diesem Buch geht es um wilde Verfolgungsjagden, die in der Psychiatrie enden und dort zu teils grotesken, teils brutalen Erlebnissen führen. Mit der Hauptfigur lebend und leidend gewinnt der Leser einen Einblick in die unglaublichen Zustände stationärer Einrichtungen, aus denen selten etwas an die Öffentlichkeit dringt. Manche Errungenschaften der Zivilisation erscheinen in diesem Licht fragwürdig.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Präambel

Umbruch

Wehrlos

Pufferingen

Hotel Vogel

ZfP Nimmern 1. Einlieferung

Runni

ZfP Nimmern 2. Einlieferung

Anthanis

Flucht nach Rechtern

Zwischendrin

ZfP Nimmern 3. Einlieferung

Gummizelle und Diagnosen

Zurück

Irr

Innenansichten

Station 44

Lebensbedingungen im ZfP Nimmern

Entlassung

Abreise

Teuflische Spiele

Anhang

Präambel

Die Geschichte, die hier erzählt wird, hat sich tatsächlich so ereignet.

Sämtliche Namens- und Orts-Bezeichnungen sind frei erfunden.

Die Schreibweise dieses Textes entspricht weitgehend den traditionellen Regeln der deutschen Sprache vor Verfügung der Rechtschreibreform, weil eine gewachsene Sprache wie die deutsche nicht einfach vom Schreibtisch aus geändert werden kann.

In der Erzählung kommen Methoden vor, die aus dem waffentechnischen Bereich und der Abhörtechnik stammen und mit denen eine untergegangene Familie aufgrund einiger beruflicher Spezialkenntnisse vertraut war; möglicherweise sind sie ansonsten wenig bekannt. Die Materialien hierzu lassen sich heutzutage leicht im Internet finden und können mit einigen wenigen Ausnahmen problemlos käuflich erworben werden. Dort werden auch Dietriche und andere Dinge angeboten, mit denen man jegliche Art von Türen öffnen kann.

Angaben hierzu finden sich unter anderem bei:

www.electron.de

www.shop-alarm.de

www.conrad.com

www.spyshop-online.com

und etlichen anderen Anbietern.

Quellenangaben zur Funktionsweise der Technik stehen in:

www.de.wikipedia.com – Artikel über Wärmebildkamera, Restlichtverstärker, Überwachungskamera, Peilsender, Telefonumleitungen, Abhöranlagen etc.

www.20min.ch – Artikel vom 11.12.2012 über Quantum Stealth Technology, eine Möglichkeit sich unsichtbar zu machen, die es zwar gibt, deren Beschaffung aber sehr aufwendig ist und eventuell Fragen des Bundesnachrichtendienstes und ähnlicher Organisationen herbei ruft. Daher vermute ich, daß in den hier geschilderten Ereignissen nichts davon benutzt wurde.

Sollte sich unter den Lesern dieser Erzählung jemand finden, der Lust zum Nachahmen verspürt, sei es in der Täter- oder in der Opferrolle, so möchte ich an dieser Stelle dringend davon abraten. Es wird nicht klappen, denn diese Geschichte ist bereits in der Welt, sie kann nicht wiederholt werden.

Umbruch

‚Gelegenheit macht Diebe‘ …sagt ein Sprichwort. Seit dem Tod meines Mannes war ich eine solche lebende Gelegenheit, denn er hatte mich als relativ wohlhabende Witwe hinterlassen.

In der ganzen Zeit unseres gemeinsamen Lebens versuchte er mich in jeglicher Hinsicht abzusichern, auch finanziell.

Mit unserer Arbeit verdienten wir gut – er im Bereich der Rüstungstechnik in einem großen Konzern und ich in der Sparte Psychologie/Psychotherapie – und so gingen wir davon aus, für unseren gemeinsamen Lebensabend ausreichend vorgesorgt zu haben.

Wir litten beide unter dem deutschen Klima. Mein Mann wurde von Frühlingsanfang bis in den Sommer hinein von heftigem Heuschnupfen geplagt und meine Haut reagierte mit Allergien auf die trockene Heizungsluft den ganzen Winter hindurch.

Da weder er noch ich dazu tendierten viel Geld aus zugeben und wir recht genügsam lebten, sparten wir im Lauf der Zeit eine ganze Menge Kapital zusammen. Als meinem Mann von seiner Firma eine Früh-Pensionierung angeboten wurde, griff er sofort zu. Wir verkauften unser Haus in Bayern und wanderten in den Süden Europas aus mit milderem und konstanterem Klima, was uns beiden sehr gut bekam. Auch das viel hellere Licht, der überwiegend klare Himmel und die Sonne trugen dazu bei, daß wir uns dort sehr wohl fühlten.

Wir bauten ein neues Haus inmitten eines großen Gartens und lebten dort eine lange Zeit glücklich und zufrieden. Bis das Schicksal unverhofft in diese Idylle hereinbrach und alles umkrempelte.

Mein Mann fing an zu kränkeln.

Im Glauben, die medizinische Versorgung in Deutschland sei besser für ihn dachten wir daran, unsere neue Heimat nach all den Jahren wieder aufzugeben und nach Deutschland zurück zu kehren.

Albert, ein Sohn meines Mannes aus erster Ehe, lebte und arbeitete zu der Zeit in Westdeutschland.

Einige Jahrzehnte zuvor hatte Albert den Anlaß gegeben, daß mein Mann und ich uns kennen lernten, denn er wurde mir von seinem Vater in psychotherapeutische Behandlung gebracht.

Nach der Trennung seiner Eltern wuchs Albert zunächst bei seiner Mutter auf, verstand sich mit seinem neuen Stiefvater aber wesentlich besser als mit seiner Mutter und zog später zu uns.

Nach Abschluß seiner Schulausbildung und einer zweijährigen Dienstzeit bei der Bundeswehr begann er, ebenfalls im Rüstungsbereich der Firma zu arbeiten, in dem auch sein Vater tätig war.

Ich hatte ihn bereits damals als kleinen Jungen sehr ins Herz geschlossen, obwohl sein Verhalten verschiedentlich zu erheblichen Problemen führte bis hin zu Polizeieinsätzen.

Mein Mann und ich bekamen keine eigenen Kinder mehr. Ich adoptierte Albert, als er zwanzig Jahre alt war, vor allem auch um ihm mehr Halt zu geben.

Einige Zeit danach zog Albert mit einer wesentlich jüngeren Freundin zusammen, trennte sich dann aber wieder von ihr. Genau in diesem Moment wurde sie schwanger. Die beiden zogen wieder zusammen und das Kind kam. Es war ein Mädchen.

Ziemlich schnell zeigte sich, daß die Mutter mit der Kleinen nur im Baby- und Kleinkindalter zurecht kam. Nach einer erneuten Trennung von der Freundin behielt Albert seine kleine Tochter bei sich und ich wurde für sie eine Art Ersatzmutter.

Solange die Kleine noch nicht schulpflichtig war, beherbergten wir beide längere Zeit bei uns. Albert benötigte für seine Arbeit lediglich einen Computer und eine Internet-Verbindung. Eine längere Abwesenheit aus Deutschland stellte daher kein Problem dar.

Das änderte sich mit Beginn der Einschulung. Zu diesem Zeitpunkt verstärkte sich auch das Kränkeln meines Mannes.

Wir überlegten daher gemeinsam, in Deutschland ein Drei-Generationen-Haus zu bauen, in dem wir in der Lage wären, uns gegenseitig zu unterstützen. Das Gelände drum herum mußte groß genug sein, um auch unseren Hunden ausreichend Platz zu bieten, denn die beiden waren die Freiheit gewohnt.

Obwohl wir mit der Umstellung unseren gewohnten Lebensstil, unsere Freunde und Bekannte aufgeben und wieder von vorn anfangen mußten, erschien es uns unumgänglich, diesen Schritt noch einmal zu wagen und so fingen wir an, nach einem geeigneten Objekt zu suchen.

Die Suche nach einem geeigneten Objekt im süddeutschen Raum dauerte zwei Jahre und ging so vonstatten, daß wir eventuell geeignete Objekte sammelten und ich dann nach Deutschland flog, um sie mir zusammen mit Albert anzusehen. Mein Mann verließ sich auf mein Urteil.

Süddeutschland war vorgegeben, damit uns der Klimawechsel nicht zu große Probleme bereitete. Außerdem war mein Mann vor Beendigung seines ersten Lebensjahres nach Bayern gekommen, dort aufgewachsen und bis zu unserer Auswanderung in diesem Bundesland verwurzelt.

Albert war in der Münchner Gegend geboren.

Für mich war das Münchner Umland meine Wahlheimat geworden, die meiste Zeit meines Lebens in Deutschland habe ich dort verbracht.

Nachdem wir eine Menge an Häusern besichtigt hatten, die sich alle als ungeeignet erwiesen, weil Kriterien fehlten, die wir vorher festgelegt hatten, fanden wir ein Anwesen, was uns zusagte: ein älteres Haus in Parkstadt-Inzau, hoch über dem Dorf gelegen, direkt am Waldrand, mit phantastischer Aussicht auf die gegenüberliegenden Berge und das lange Tal, das sich unterhalb und seitlich von dem großen Garten ins Gebirge hinauf schlängelte.

Es befand sich außerhalb des Baugebiets und lieferte uns damit einen Freibrief, das Ganze so umzubauen, wie wir es uns vorgestellt hatten: ein geräumiges Apartment für jeden von uns mit Gemeinschaftsräumen dazwischen, insbesondere einer großen Küche mit anschließender Speisekammer und einem großen Wohnzimmer. Wir alle liebten gutes, zeitaufwendig zubereitetes Essen und diese abendlichen Treffen waren schon immer wichtig für uns gewesen.

Vor dem Kauf vergewisserte ich mich beim Leiter des zuständigen Bauamts in Parkstadt, daß unsere Baupläne, die wir schnell skizzieren konnten, genehmigungsfähig wären und daß das gesamte Objekt lastenfrei übernommen werden könnte. Beides wurde bejaht und der Kauf ging sehr schnell vonstatten.

Wir engagierten einen Architekten, der sich gut in unsere Pläne einbringen konnte und zusätzlich einen ‚Draht‘ zur Baubehörde hatte und feilten die Baupläne aus, zunächst für die Bauvoranfrage und dann für den Bauantrag. Während wir auf die Baugenehmigung warteten, bereiteten wir den Verkauf unseres Anwesens in Ozeanien vor. Für den Verkauf spielten auch die steuerlichen Aspekte eine große Rolle. Es war wichtig, das recht genau durchzukalkulieren um zu einem für uns akzeptablen und zugleich realistischen Verkaufspreis zu kommen.

Und dann kam alles anders als gedacht.

Mein Mann mußte wegen seiner Krankheit schon nach Deutschland, bevor wir unser Anwesen in Ozeanien verkaufen konnten. Er zog im Oktober zuerst zu seinem Sohn Albert in dessen Mietwohnung und dann mit ihm und der Kleinen zusammen in das Haus, welches wir gekauft hatten.

Ich blieb allein mit unseren Hunden in Ozeanien.

Im Dezember starb der erste Hund, unser Großer, an Lymphdrüsenkrebs, ein wochenlanges Siechtum. Er konnte nicht mehr laufen und mit zunehmender Netzhautablösung nichts mehr sehen.

Bis zum Schluß trug ich ihn überall hin, wo er früher gerne gelegen hatte und nach seinem Tod trug ich ihn in sein Felsengrab, welches mein Nachbar mit einem großen Bagger zwei Meter tief ausgehoben hatte, als es dem Ende zuging. Dort legte ich ihn in sein Körbchen, das er immer geliebt hatte, zusammen mit seinen Spielsachen und deckte ihn mit seiner Decke zu, bevor das Grab wieder zugeschüttet wurde.

Im Januar des Folgejahres starb unsere kleine Hündin, im Wesentlichen aufgrund ihrer Trauer um den Partner. Beide waren sehr innig miteinander verbunden gewesen. Sie hatte miterlebt, wie ich ihn auf unserem Grundstück beerdigte und seither fraß sie nichts mehr.

Leider suchte ich mit ihr eine Tierärztin auf, die zu einer flüssigen Zufuhr von Vitaminen und Nährstoffen riet mit dem Ergebnis, daß die kleine Hündin in den letzten achtundvierzig Stunden ihres Lebens epileptische Anfälle von einer solchen Heftigkeit bekam, daß sie sich selbst die Zunge zerfetzte.

Seit dem Tod unseres großen Hundes hatte ich sie immer wieder gebeten ‚laß Du mich nicht auch noch allein‘ und sie blieb mir treu bis zum Schluß. Aber als ich ihr Leiden miterlebte, änderte sich meine Meinung. Bei einem ihrer Anfälle bat ich sie verzweifelt: ‚geh, meine Kleine, geh‘! Sie starb in meinen Armen. Vorher hatten wir uns zwei Stunden lang voneinander verabschiedet wobei sie merkte, daß ich sie innerlich los ließ. Die Stunde ihres Todes lag nah bei der ihres toten Partners, der Ort war derselbe. Das Grab war groß genug ausgehoben worden um auch ihr mitsamt Körbchen, Spielsachen und Deckchen Platz zu bieten neben ihrem verstorbenen Partner.

Ich war allein.

In diesem Jahr hielt ich bis September die Stellung in unserem Anwesen, um es nicht leerstehen zu lassen, bevor wir einen Käufer gefunden hatten. Die Einsamkeit war manchmal schwer zu ertragen.

Dann kam die Genehmigung der Baupläne vom Bauamt in Parkstadt.

Ich konnte besser organisieren als mein Mann, daher wechselten wir unsere Aufenthaltsorte. Er kam zu unserem Anwesen in Ozeanien zurück und ich zog in das unmittelbar vor dem Umbau stehende Haus in Deutschland.

Das geschah im Oktober.

Ende November starb er in unserem Haus in Ozeanien, ein sehr überraschender und schneller Tod.

Ein Freund rief mich an und sagte mit bebender Stimme: ‚Frau Nicola, ihr Mann ist tot‘ - Worte, die ich nie vergessen werde.

Ich organisierte die Überführung nach Deutschland, welche sich schwierig gestaltete, denn genau in dieser Zeit setzten heftige Schneefälle ein und der Sarg mit dem Leichnam meines Mannes landete nicht wie vorgesehen dort, wo ihn der deutsche Leichenbestatter abholen sollte, sondern blieb zunächst verschollen und wurde später aus einer ganz anderen Stadt in Norddeutschland gemeldet. Als er endlich am eigentlichen Zielflughafen ankam, ließ ich zunächst eine Obduktion im Klinikum Parkstadt durchführen, weil die Todesursache, die im Krankenhaus in Ozeanien festgestellt worden war, unmöglich stimmen konnte.

Lungenentzündung.

Und ein viel zu spät festgesetzter Todeszeitpunkt.

Der Freund, von dem ich benachrichtigt worden war, hatte auf meine Bitte hin einen uns bekannten deutschen Arzt ins Haus bestellt, der recht genau den Todeszeitpunkt feststellte. Zwischen vier und fünf Uhr morgens.

Um Mitternacht hatten wir beide – mein Mann und ich – noch miteinander telefoniert. In dem kurzen Zeitraum hatte sich unmöglich eine derart virulente Lungenentzündung als Verursacher des plötzlichen Todes entwickeln können.

In der Pathologie des deutschen Krankenhauses kamen die Ärzte aufgrund vieler zusammengetragener Indizien zu dem Schluß, daß mein Mann an plötzlichem Herzstillstand gestorben sein mußte – ein Tod, der nur Sekunden dauert.

Der Friedhof von Parkstadt-Inzau liegt nicht weit entfernt vom Haus auf der anderen Talseite. Ich kaufte ein Einzelgrab und ließ meinen Mann dort bestatten.

In Gedanken ist er für mich immer umgeben von unseren beiden Hunden, auch wenn die realen Orte der Grabstätten weit entfernt voneinander liegen.

In einer süddeutschen Stadt gibt es ein großes Lager mit Steinblöcken aus der ganzen Welt. Dort fand ich einen mächtigen, hellblauen Grabstein, nur auf der Vorderseite poliert, mit Wellenlinien darin und links oben zwei kleinen, bräunlichen Einschlüssen: Möwen über dem Meer, welches in den Horizont übergeht, grenzenlos – so wie der Tod die Grenze der Erscheinungswelt aufhebt. Die Umrandung des Grabes wurde aus weißem Marmor gefertigt, der aus unserer vorherigen gemeinsamen Heimat Ozeanien stammt.

Vor der Beisetzung meines Mannes nahm ich das Angebot des Bestatters an, den Sarg noch einmal zu öffnen. Ich sah den Leichnam meines Mannes, sehr schmal, sehr eingefallen, aber friedlich. Das beruhigte mich. Er hatte vor seinem Tod seinen Frieden gefunden.

Ich war weit davon entfernt.

Der Bau mußte weitergehen.

Bis zum plötzlichen Tod meines Mannes war ein großer Teil des gekauften Hauses abgerissen worden; es standen nur noch die Rückmauern zum Waldrand hin – die mußten stehen bleiben, weil wir sonst keine Genehmigung zum Wiederaufbau des Hauses so nah am Waldrand bekommen hätten – und ein kleiner restlicher Quader des alten Hauses, welcher nach dem Tod meines Mannes als Nachtrag zum Bauantrag in zwei separate Mietwohnungen umgeplant worden war. Der Leiter des Bauamtes zeigte Verständnis für die veränderte Familiensituation und genehmigte die Änderungen schnell.

Der Neubau mußte so schnell wie möglich hochgezogen werden, denn in dieser Form war das Haus weder zu vermieten noch zu verkaufen. Während der Bauphase hausten wir drei Überlebenden in dem kleinen restlichen Quader, unterbrochen durch einen kurzen Abstecher nach Ozeanien, wo ich mein Haus räumen ließ und es kurzentschlossen für ein Jahr vermietete, damit es wenigstens bewohnt war. Mein Umzugsgut wurde nach Selingen, ein Städtchen neben Parkstadt-Inzau gebracht und bis zur Fertigstellung des Baus in einem trockenen Lager untergebracht.

Die Bauzeit war anstrengend, lautstark und schwierig. Das zwangsweise Zusammengepfercht-Sein auf engstem Raum machte unser Zusammenleben nicht einfacher. Tagsüber die Bauarbeiter rund um uns herum, auf jeder Hausseite dröhnte ein Radio mit einem anderen Sender, nach Feierabend Spannungen zwischen uns beiden Erwachsenen und die Kleine, Albert’s Tochter, forderte auch ihren Tribut.

Ich trauerte um meinen Mann und nahm alle mir verbleibende Kraft zusammen, um mich gegenüber Albert durchzusetzen, der sich als äußerst ausgabefreudig gebärdete, obwohl ich den Hauptanteil des Baues zu zahlen hatte. Am liebsten hätte er mein gesamtes Vermögen im Umbau verpulvert.

Eine seiner unangenehmen Eigenschaften trat jetzt in den Vordergrund: Gier. Für sein Verständnis gehörte alles ihm und damit war ich nicht einverstanden.

Nach der Fertigstellung des Neubaus konnten wir zwar umziehen in die für uns vorgesehene große Wohnung, in der jeder einen Rückzugsort für sich hatte, aber die zermürbenden Streitereien mit Albert hörten dadurch nicht auf.

Es fehlten noch der Ausbau der Nebenwohnungen, der ja erst nach unserem Umzug in die Hauptwohnung beginnen konnte und die Außenanlagen. Insbesondere Letzteres gestaltete sich äußerst schwierig aufgrund der Hanglage am Berg.

Wenn es regnete, kamen erhebliche Wassermassen vom Berg runter in Richtung unseres Hauses und die Dränage zur seitlichen Ableitung in einen Auffangkanal der Dorfgemeinde stellte uns vor einige Probleme.

Außerdem mußte der Hang abgestützt werden gegen den Berg hin. Diese Aufgabe lösten wir mit einem Großaufgebot von schweren Beton-Pflanzsteinen, als aufsteigende Mauer aufeinander geschichtet, mit Erde befüllt und bepflanzt.

Das Ganze ergab eine sehr haltbare Konstruktion, die auch bei starken Regenfällen den Berg halten konnte und es entstand gleichzeitig eine bunte, mit Grünpflanzen und Blumen bepflanzte Abgrenzung des geräumigen hinteren Innenhofes, der auch vom Wald her niemandem mehr Einsicht bot, eine geschützte Privatsphäre.

Die Gestaltung des vorderen Teils vor dem Haus zum Dorf hin war die größte Herausforderung: es galt, bei abschüssigem Gelände zum Ausfahrtstor hin außer unserer Doppelgarage noch zwei Auto-Stellplätze zu bauen, an die sich eine auch bei winterlichen Verhältnissen gut begehbare Treppe zum Eingang der oberen Mietwohnung und zum Hintereingang unserer Hauptwohnung hin anschließen mußte.

Das Ganze sollte natürlich auch optisch gut wirken und nicht flickweise angestückelt und das ist bei einem winkligen Gelände nicht einfach. Aber es gelang.

Albert und ich fochten sehr heftige Streitigkeiten über die Realisierung dieses Projektes aus und ohne die tatkräftige Hilfe unseres Nachbarn Hagen hätten wir den Ausbau der Außenanlagen niemals geschafft.

Endlich, im Winter des Jahres 2012 war das Ende des Umbaus in Sicht.

Dann begann das neue Jahr 2013. Für mich begann es mit einem schmerzhaften Paukenschlag: bei einer unvorsichtigen Bewegung klemmte ich mir den Ischiasnerv ein, was solche Schmerzen verursachte, daß selbst ich, die sonst niemals Medikamente zu sich nimmt, eine Schmerztablette brauchte, um den Teufelskreis von zunehmenden Schmerzen und den damit einhergehenden Verkrampfungen zu durchbrechen.

Kurz danach flog ich wieder zu meinem Haus in Ozeanien und diesmal fand sich eine Familie, die das Haus kaufen wollte. Wir vereinbarten einen Kaufpreis und ein monatliches Nutzungsentgelt für die Zeit, bis wir die Umschreibung durchführen konnten.

Ich übergab ihnen die Schlüssel zu Haus und Eingangstor, welches das Grundstück abgrenzt und flog wieder zurück nach Deutschland in der Annahme, bald wieder zum Vollzug des Verkaufs zurückzukehren.

Daraus wurde nichts, denn kaum in Deutschland angekommen, fesselte mich eine äußerst heftige Hustengrippe etwa sechs Wochen lang ans Bett. Danach befand ich mich in einer ziemlich geschwächten körperlichen Verfassung.

Und genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Geschichte:

Wehrlos

Frierend liege ich in meinem Bett zugedeckt mit meiner Daunendecke, darauf noch dicke Wolldecken – die Decken türmen sich über mir, noch wärmer einpacken geht nicht, aber ich höre nicht auf zu frieren.

Wie ein Sog zieht eiskalte Luft aus der Ecke meines Zimmers und ich finde die Quelle des Soges nicht. Meine Zähne klappern von allein, ich kann das nicht abstellen. Da ich an meinem körperlichen Zustand nichts ändern kann, fange ich an nachzudenken.

Langsam kommt in mir ein Verdacht hoch und wandelt sich allmählich in Gewißheit: ich unterliege einer maschinellen Kontrolle. Mit einem Gerät werde ich unter Dauerkontrolle gehalten, gefangen und kontrolliert wie ein Versuchstier im Käfig.

Oder Gefängnis?

Das kommt in meinem Fall aufs Gleiche raus.

Mein Körper reagiert extrem stark auf Geräte und ich weiß, wie sehr ich damit aufpassen muß. Ich darf mich nicht zu lange in der Nähe einer künstlichen Energiequelle aufhalten, die mein natürliches Empfinden stört.

Mir ist genau das passiert, wovon mein langjähriger Lehrer Herr Martines in einem seiner Seminare sprach: ich habe ständig voller Erwartungsangst geschaut, was denn nun schon wieder vom Schicksal in mein Leben geweht wird und dabei glatt übersehen, daß hinter mir ein ausgehungerter, nach Leben dürstender Löwe bereits sein großes Maul aufgerissen hat und ich schon halbwegs in seinem Rachen stecke.

Vor dem Fressen spielt er mit mir ‚Katz und Maus‘ und passenderweise ist mir die Rolle der Maus zugedacht. Eine Maus auf einem Drehrad im Käfig: sie rennt und rennt und kommt nicht vom Fleck.

Ein Überwachungsgerät ist bei Tag und Nacht auf mich gerichtet, um dem unmenschlichen Löwen - dennoch ein Mensch, genauer gesagt: Albert – jederzeit die Kontrolle über mich zu garantieren und von diesem Gerät geht die Eiseskälte aus, die mich dermaßen frieren läßt.

Die Eiseskälte der Maschine ist dieselbe Eiseskälte, die vom Überwacher selbst herrührt, der das Gerät auf mich gerichtet hat, weil er mich als seinen Besitz ansieht mit dem Ziel, mein Dasein und meine Ressourcen für sich zu verbrauchen.

Tags und nachts geht er in meinem Zimmer ein und aus, versteckt sich manchmal in dem kleinen Dachraum hinter der Schrankwand, welche die ganze Längsseite meines Zimmers ausmacht und der Schlüssel in der Eingangstür meines Zimmers hindert ihn nicht im Geringsten am Eindringen in meine Privatsphäre.

Meinen Blicken versucht er zu entkommen.

Er macht sich daher so unsichtbar wie möglich und wartet, bis ich mein Zimmer verlasse, um ins Bad oder ins untere Stockwerk zu gehen. Wenn er fürchtet, daß ich ihn anschauen könnte, probiert er etliche Verkleidungen und Gesichtsmasken aus.

Die Maskierung, die er vor Betreten meines Zimmers anlegt, entspricht seinem Wesen, aufgeblasen wie eine Gummipuppe – wenn man mit einer Nadel hineinsticht, geht die Luft raus, übrig bleibt kaum etwas.

Denkt dieser Idiot wirklich, ich würde ihn nicht erkennen?

Was tue ich gegen die Dauerüberwachung? Wie hindere ich den skrupellosen Einbrecher?

Leider kommt mir die Erkenntnis: ich kann nichts dagegen unternehmen, ich bin dem Ganzen hilflos ausgeliefert.

Mein verstorbener Mann hatte im Bereich der Waffentechnik gearbeitet und von ihm kannte ich die Funktion eines solchen Überwachungsgeräts. Der Apparat selber, obgleich in meinem Erbe, hatte mich nie interessiert.

In meinem Kopf rattert es: ‚Mein Zimmer gehört nicht mehr mir, das restliche Haus sowieso nicht, obwohl hauptsächlich ich es bezahlt habe, aber nicht einmal mein eigenes Zimmer ist ein geschützter Raum für mich - nicht mehr, bietet mir keine Rückzugsmöglichkeit mehr. Völlig nackt bin ich der mein Leben bedrohenden Kontrollsucht ausgesetzt, zur Befriedigung einer leeren Person, die nach frischem Leben lechzt, nach mir‘.

Ich versuche, mich an meinen Schutzengel zu erinnern – tröstliche Gedanken von Herrn Martines – meinen Schutzengel in meine Nähe zu rufen, um Hilfe zu bitten und werde langsam ruhiger, gelassener, ergebener. Nur so läßt sich die Dauerüberwachung ertragen. Allmählich kehrt wieder Wärme in meinen Körper zurück.

Die hartnäckige Hustengrippe fesselte mich lange ans Bett. Sobald ich wieder aufstehen konnte, schleppte ich mich zum Grab meines verstorbenen Mannes, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war und fuhr anschließend zum Notariat in Parkstadt, um dort ein handschriftliches Testament anzufertigen und zu hinterlegen. Wie auch immer, mich plagte eine Vorahnung, schwierigen Zeiten entgegen zu gehen und das veranlaßte mich, im Testament eine Karenzzeit einzusetzen, in der Albert völlig enterbt werden sollte, falls mir etwas zustoßen würde und zwar mit der Begründung, daß er mich möglicherweise vorzeitig ums Leben bringen wollte. Albert, von mir adoptiert als er zwanzig Jahre alt war, wäre ansonsten mein Alleinerbe.

Den Entwurf zum Testament schrieb ich auf meinem Computer, wo Albert ihn leider fand. Von Stund an durchwühlte er mein Zimmer, wenn er mich für längere Zeit außerhalb wähnte, um das Original des Testaments zu finden.

Er fand es nicht, denn ich hatte es bereits im Notariat Parkstadt in Verwahrung gegeben.

Einige Tage später wurde mir der Hinterlegungsschein vom Notariat zugestellt, den ich an der sichersten Stelle unterbrachte, die mir einfiel: wasserdicht verpackt hinter dem Grabstein meines verstorbenen Mannes unter etwas Erde verborgen, von Schnee und Reisig geschützt.

Damit kamen die weiteren Ereignisse ins Rollen.

Pufferingen

Um der ganzen furchteinflößenden Überwachung und Eiseskälte zu entfliehen, packte ich ein paar Sachen in meinen Koffer und fuhr mit meinem Auto gen Osten in der Hoffnung, dort bei Freunden Zuflucht und Sicherheit zu finden. Meine Situation in Ruhe zu überdenken und Möglichkeiten zu einer Veränderung zu suchen erschien dringend notwendig.

Es ist mitten im Winter und sehr kalt. Je höher ich im Gebirge komme, desto mehr gerate ich in Schnee und Nebel. Sich langsam und vorsichtig über die vereisten Straßen tasten ist jetzt wichtig.

Im dichten Nebel merke ich, daß irgendetwas mit den Scheinwerfern nicht stimmt und fahre zu einer Tankstelle um nachzuschauen, was los ist. Die Scheinwerfer sind völlig falsch eingestellt, das bestätigt mir auch der Tankwart, aber jetzt in der Dämmerung läßt sich nicht mehr herausfinden, warum. Außerdem ist die Tankstelle brechend voll und der Tankwart hat alle Hände voll zu tun. Um weitere Nacht- und Nebelfahrten zu vermeiden erkundige ich mich nach einem Hotel in der Nähe und werde von einer hilfsbereiten Frau, die ebenfalls gerade getankt hat, zu einer nahe gelegenen Ortschaft geleitet, in der es mehrere Herbergen gibt.

Leider sind alle entweder geschlossen oder voll belegt. Mist! Nur noch ein ziemlich teures Hotel bleibt übrig, drei Kilometer außerhalb der Ortschaft gelegen.

Bereits an der Rezeption – Empfangshalle kann man nicht sagen, denn der Empfang war nicht wirklich freundlich, mehr alles in Eile und Hetze – fallen mir ein paar Merkwürdigkeiten auf.

Neben mir stehen ein Mann und eine Frau, die ebenfalls ein Zimmer haben wollen; sie wirkt ziemlich aufgedonnert, er etwas dicklich und beide reden miteinander in irgendeiner osteuropäischen Sprache, sprechen nur ein paar Brocken deutsch. Sie zahlen das Zimmer im Voraus.

Eine knappe Stunde später, nach dem Reinschleppen des Gepäcks und der Zimmerbelegung, komme ich wieder runter zur Rezeption um mich zu erkundigen, wo und was ich noch zu essen bekommen könnte und die beiden sind schon wieder neben mir und checken aus.

Befinde ich mich in einem teuren Stundenhotel? Als preiswert würde ich weder das Zimmer noch das Essen bezeichnen.

Auf dem Hotelparkplatz ist der Schnee weitgehend geräumt, er türmt sich in meterhohen Wällen rundherum und als Resultat des Schneeräumens ist der Parkplatz so glatt, daß ich jegliche Versuche aufgebe, meine restlichen Sachen gehenderweise aus dem Auto ins Hotel zu schaffen. Ich probiere es mit Rutschen. Viel besser! Dauert aber länger.

Als ich in die Nähe der Eingangstür komme, bleibt mir das Herz fast stehen: Albert steht vor dem Eingang. In einer sehr häßlichen Verkleidung und mit einer Gesichtsmaske, insgesamt weichlich, fett und aufgeblasen wirkend, aber in seinem Aussehen nicht so sehr verändert, daß er nicht mehr erkennbar wäre.

Er redet mit dem Hotelbesitzer und ich bleibe im Schatten der Bäume so lange frierend draußen, bis der Eingang wieder frei ist. Als ich das Hotel wieder betrete, sehe ich unter der Theke der Rezeption seinen Rucksack mit seiner Jacke drauf.

Mir schießt durch den Kopf: ‚Er hat also den Ort herausgefunden, an dem ich mich befinde und ich bin nicht mehr in Sicherheit! ‘

Die Art und Weise, wie er mich gefunden hat, stellt sich später heraus, als ich Zeit und unter einer Laterne ausreichend Beleuchtung gefunden habe, zusätzlich mit einer Taschenlampe bewaffnet, um mir mein Auto genauer anzusehen.

Kabelstränge führen vom Motorraum seitlich durch Öffnungen in den Fahrzeugraum unter den Fahrersitz zu einem Gerät und genau das ist auch der Grund, warum mir die ganze Fahrt über kalt war, obwohl die Heizung auf vollen Touren lief. Auch die falsche Einstellung der Scheinwerfer rührt daher.

Peilsender? Überwachungskamera?

Ich habe weder Lust noch das Werkzeug dazu, dieses Gerät mitten in der Eiseskälte der Nacht auszubauen und genauer zu betrachten.

Aber eins war klar: meinem ständigen Verfolger war es mit dem Ding gelungen mich wieder einzufangen, nachdem ich ihn vorher erfolgreich abgeschüttelt hatte.

Zu der Zeit als mir die Überlegung kam, mich bei meinen Freunden in Sicherheit zu bringen, hatte ich versucht, falsche Spuren zu legen um von meinem tatsächlichen Ziel abzulenken und ständig von Anthanis erzählt, wo ebenfalls eine alte Freundin von mir wohnte.

Kurz nach meiner Abfahrt aus Parkstadt hielt sich ein PKW mit ausländischem Kennzeichen aus eben dieser Region dicht hinter mir; der Fahrer fuhr trotz hoher Geschwindigkeit und winterlichen Straßenverhältnissen sehr nah auf; manchmal betrug der Abstand nur zwei bis drei Meter.

Im Rückspiegel konnte ich ihn ohne weiteres erkennen: es war Albert. Mit ziemlicher Sicherheit wäre es zu einem Auffahrunfall gekommen, wenn ich hätte bremsen müssen. Wollte er meine Fahrt verhindern oder mich umbringen?

Unternehmungs- und reiselustig wie ich bin, gibt es kaum einen Winkel rund um unseren neuen Wohnsitz in diesem Gebirge, den ich nicht erkundet habe. Es fiel mir daher nicht sehr schwer, meinen unliebsamen Verfolger abzuschütteln. Ich bin recht schnell und fahre schon sehr lange Auto.

Bei einem Städtchen in diesem Gebirge gibt es als Stadtumfahrung einen langen Tunnel, wo relativ unerwartet eine zwar mit Schildern angekündigte, dann aber sehr plötzlich auftauchende Ausfahrt mit einer scharfen Abbiegung nach links kommt, in die Stadt hinein und da bog ich nach links ab, ganz kurz vorher Blinker raus und weg von der Bundesstraße. Zu schnell für meinen Verfolger, denn der rauschte einfach an mir vorbei geradeaus weiter mit aufleuchtenden Bremslichtern, aber bremsen half da nicht mehr!

In einer Seitenstraße des Städtchens konnte ich dann in aller Ruhe zuschauen, wie Albert mich suchte, erfolglos.

Mein Beobachtungsposten war weit oberhalb der Hauptstraße und mein Auto hatte ich so geparkt, daß man die Nummernschilder nicht sehen konnte.

Der für mich unangenehme Nebeneffekt dieses Manövers war leider, daß es immer später wurde. Ich mußte ja warten, bis er seine Suche aufgegeben hatte.

So wandelte sich meine Flucht in ein rutschiges, vorsichtiges im Nebel-Herum-Tasten, allerdings mit dem Vorteil, daß nicht nur ich wenig sehen konnte, ich wurde auch nicht gesehen, das hieß praktisch, zunächst blieb ich unauffindbar.

Bis zum Hotel.

Kaum war Albert dort eingetroffen, ging es mit dem verrückten Theater los.

Das Haus war mit Lichtschranken auf den Fluren, im Treppenhaus und im Aufzug neben dem Treppenaufgang ausgerüstet, die auf Körperwärme reagierten. Sobald jemand in den Bereich der Lichtschranken kam, gingen die Lampen an beziehungsweise nach einer bestimmten Zeit wieder aus.

Das Katz- und Mausspiel begann von neuem und weil mir wieder die Rolle der Maus zufiel, war es für mich kein Spiel, sondern brachte mich zur Verzweiflung.

Weder Zimmerschlüssel noch Türen schützten mich, sie stellten für Albert keine besondere Hürde dar, zumal ich mich bemühte, jedesmal beim Klicken des Lichtschalters auf dem Gang so schnell wie möglich in seine Nähe zu kommen im Versuch, ihn vielleicht stellen zu können.

Es gelang mir nicht. Stattdessen brach er ständig in mein Zimmer ein, sobald ich es verließ oder ins Bad ging, leerte den Inhalt meines Koffers auf den Boden, verstreute ihn im ganzen Raum herum und entschwand in Windeseile.

Ich kam mit Aufräumen überhaupt nicht mehr hinterher. Auf den Fluren, im Aufzug und im Treppenhaus ging das Licht an und wieder aus, an - aus, an – aus, an – aus.

Irgendwann kam die Besitzerin des Hotels wutentbrannt angestürmt und erklärte mir – ich war so spät abends der einzige Hotelgast, den sie auf dem Gang sah – so ginge das nicht weiter, sie rufe jetzt die Polizei, ihre Kinder hätten auch ihre Zimmer auf diesem Gang und könnten nicht einschlafen.

Die Lichtschaltung machte ein gut hörbares Geräusch, so daß es dauernd klick – klick – klick – klick ging.

Zwei Polizeibeamte kamen, schauten sich das totale Durcheinander in meinem Hotelzimmer an – der Kofferinhalt war gerade mal wieder großzügig verstreut worden - verlangten meinen Ausweis zu sehen und wiesen mich an, das Nötigste zusammenzupacken, sie würden mich jetzt in die Nervenheilanstalt in Pufferingen fahren. Was auch geschah.

Sie nahmen mich in die Mitte, verstauten mich auf einem Rücksitz ihres Streifenwagens und fuhren so schnell wie möglich, aber auch sehr vorsichtig auf den inzwischen mit Glatteis überzogenen Straßen zum Krankenhaus Pufferingen.

Auf meine Bitte hin halfen sie mir freundlicherweise den nahezu unbegehbaren, langen Weg bis zum Eingang zu überwinden, ebenfalls rutschend und schlitternd. Für Eislauf wäre das genau das Richtige gewesen.