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Eine Sammlung von Kurzgeschichten, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten entstanden. Nachdenklich, fröhlich, traurig und erheiternd sind es nicht mehr, als lange Gedanken...aber auch nicht weniger.
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Seitenzahl: 83
Veröffentlichungsjahr: 2022
11. September
Geld
Namen
Ein ziemlich weis(s)es Blatt
Das Rendezvous
Das Ende und der Anfang
Das Glück
Das Schicksal
Der Chauffeur
Der einsame Cowboy
Der Jogger
Grautöne
Die Kneipe
Die Premiere
Der Geruch
Nix wie weg…
Unsterblichkeit
Ein angenehmer, milder Wind kräuselt das Wasser des unmerklich dahin fließenden Flusses.
Glitzernd, flimmernd, wie kleine Spiegeln, reflektiert das Sonnenlicht unzählige Male an der Oberfläche. So zufällig und doch im Gleichklang, wie es nur die Natur schaffen kann.
Langsam schiebt sich ein schweres Schiff durch dieses Lichterspiel. Durchschneidet es, hinterlässt für kurze Zeit eine Spur, die bald wieder verschwindet.
Das schöne Wetter hat die Menschen der Großstadt ins Freie getrieben.
Jogger, die mal schnell, mal gemächlich entlang des Ufers traben. Radfahrer, dahin rollend, anderen ausweichend.
Paare, frisch verliebt und Händchen haltend.
Einige in Gespräche vertieft, manche offensichtlich nicht mehr so verliebt.
Ein Motorboot fährt den Fluss herab.
Die Geräusche werden vom Wind fortgetrieben, bevor sie das Ufer erreichen können. Es scheint sich lautlos durch die Wellen zu bewegen.
Entlang der Uferwege, auf beiden Seiten des Flusses, stehen alle paar Meter Parkbänke.
Zwei dunkelbraune Holzbalken auf Betonfüssen ruhend, in beinahe rechtem Winkel montiert, bilden Sitz und Lehne.
Obwohl so zahlreich sind sie jetzt alle belegt.
Ein älterer Mann, allein auf einer Bank sitzend, hat sein Fahrrad abgestellt und beobachtet die Vorübergehenden.
Ein gleichfalls schon älteres Paar sitzt auf der nächsten Bank eng zusammen und unterhält sich.
Etwas flussaufwärts sitzt eine schöne, junge Frau.
Sie hält ein dickes Buch in ihren Händen, scheint es aber vergessen zu haben.
Immer wieder streicht der Wind durch ihr langes, schweres, blauschwarzes Haar. Sie bewegt ihren Kopf, schüttelt das Haar und fährt mit ihren Fingern durch die Mähne.
Sie versucht ein weiteres Mal, sich dem Buch zuzuwenden. Dann blickt sie wieder auf. Versteckt hinter den schwarzen Gläsern ihrer Sonnenbrille, beobachtet sie die gerade vorübergehenden Menschen.
Erneut ein Blick ins Buch, bis zum nächsten Windstoß oder Passanten.
Kleine und größere Gruppen, stehend, sitzend.
Männer und Frauen allein auf einer Decke oder einfach nur im Gras liegend.
Auf der Wiese, die den Uferweg von der Straße trennt, hat sich ein buntes Völkchen versammelt.
Ein großes Schiff kämpft sich, begleitet vom gleichmäßigen, tiefen Brummen des starken Motors, den Fluss hinauf.
Kaum jemand achtet darauf.
Zwei junge Frauen haben es sich auf einer Decke nach einem kleinen Picknick gemütlich gemacht. Entspannt liegen sie da und unterhalten sich.
Eine löffelt noch die Reste ihres Joghurts. Auf ihrem rechten Arm ist ein Tattoo zu erkennen. Es sieht aus wie ein kleiner Blütenkranz. Das knappe braune Top und der kurze Jeansrock geben viel Haut preis.
Über allem scheint eine unsichtbare Decke der Ruhe und Entspannung zu liegen.
Keine lauten Geräusche, keine hektischen Bewegungen. Leise Stimmen in den verschiedensten Sprachen, das Rascheln der Blätter im Wind, selbst die Autos auf der Uferstraße – nichts wirkt störend.
Die Menschen, die Stadt, die Natur – alles scheint sich dem ruhigen Tempo des Flusses angepasst zu haben.
Die Hochhäuser der Stadt, das pulsierende Herz der Metropole, sind von hier nicht zu sehen.
Vielleicht sind sie jetzt leer, verwaist. Tote Gebilde aus Stahl, Glas und Beton.
Es ist nicht die Stimmung für Big Business, klingelnde Telefone und flimmernde Computerbildschirme.
Das Mädchen mit dem Tattoo hat sich nun anders hingelegt. Der knappe Jeansrock gibt nicht mehr nur den Blick auf die langen, schlanken Beine frei. Zufall? Provokation?
Einfach nur die Sonne im Spätsommer genießen, ein Blick zum wolkenlosen Himmel.
Irgendwo da hinten, auf der anderen Seite des Flusses ist der Flughafen. Es ist ein bedeutender Flughafen, daher schweben oft Flugzeuge über den Häusern.
Lautlos, scheinbar schwerelos – fast glaubt man, sie müssten jeden Moment herunterfallen, so langsam wirkt der Flug aus der Entfernung.
Es war einmal eine unschuldige Faszination, diese niedrig fliegenden, großen Jets zu beobachten. Doch die Unschuld ist verloren gegangen.
Die Glocken des nahe gelegenen Domes läuten.
Plötzlich ist durch das Geläut der Ton hochtourig laufender Flugzeugmotoren zu hören.
Bilder, Jahre zurückliegend und doch präsent, erscheinen vor dem geistigen Auge. Das Bild eines Flugzeuges, niedrig über einer Stadt fliegend.
Hochhäuser, gewaltige Türme aus Stahl, Glas und Beton, erfüllt mit dem Lärm klingelnder Telefone und dem Flackern unzähliger Computerbildschirme.
Erneut schwebt ein großes Flugzeug über die Menschen am Flussufer.
Es kippt leicht zur Seite und beschreibt eine lange Kurve. Das Symbol der Fluglinie ist auf der gigantischen Heckflosse zu erkennen.
Das Motorboot kehrt zurück, schiebt sich, erneut lautlos, langsam den Fluss hinauf.
Damals endete das Klingeln der Telefone, das Flimmern der Monitore mit dem Einschlag der Flugzeuge in die Gebäude.
Es war ein schöner Tag, ein Tag, um an den Fluss zu gehen und die Ruhe und Entspannung eines schönen Spätsommertages zu genießen.
Auch jenes Flugzeug machte damals eine Kurve, hatte sich leicht zur Seite geneigt, bevor es den Turm in einem Feuerball durchschlug. Dann kam ein zweites Flugzeug.
Noch Tage später stieg der Rauch aus einem Gewirr von verbogenen, verhakten und verwinkelten Stahlträgern empor.
Ein Marienkäfer landet unbeholfen, fast wirkt es wie ein Absturz. Kurze Zeit krabbelt er durch die Grashalme, die für ihn wie gigantische verbogene, verhakte und verwinkelte Stahlträger sein müssen.
Dann klappt der rote Panzer auf. Kleine, durchsichtige, bräunliche Flügel heben ihn wieder in die Luft.
Es ist ein schöner Spätsommertag.
Keine Wolke am Himmel, ein kleines Tretboot schaukelt auf den Wellen des Flusses.
Eine ruhige, entspannte Stimmung.
Über den Häusern der Stadt kippt ein Flugzeug leicht nach links, beschreibt eine sanfte Kurve und fliegt in Richtung der toten Gebilde aus Stahl, Glas und Beton…
Der Briefkasten ist voll, sehr voll.
Früher war das ein Grund zur Freude. Bedeutete es doch Menschen, die an einen denken. Die mit einem kommunizieren wollen. Vielleicht einfach nette Urlaubsgrüße verschicken. Oder wissen wollen, wie es einem geht, berichten, was es in ihrem Leben Neues gibt.
Doch das war früher. Irgendwie sind die Menschen weniger geworden. Nicht insgesamt. Die Weltbevölkerung steigt stetig. Nein die Menschen im eigenen Freundeskreis. Die Menschen, die einem schreiben…
Und doch ist der Briefkasten voll. So voll, dass einige Briefe nicht mehr genug Platz darin finden.
Aber es sind keine Urlaubsgrüße. Es sind Rechnungen. Manchmal auch Mahnungen. Und einige humorlose Behörden und Unternehmen drohen sogar mit ganz schlimmen Dingen.
„Denken Sie daran welche Konsequenzen das für Ihre Schufa Bewertung haben wird“, schreiben sie dann.
Ein müdes Grinsen ist die einzige Reaktion des Empfängers.
„Was soll denn daran noch schlimmer werden“, fragt er das Schreiben. Natürlich bekommt er keine Antwort.
Er ist in der Insolvenz. Zahlungsunfähig, Pleite, gescheitert.
Und letztlich stimmt es. Erfolgreich ist, wer Geld hat, oder?
Macht Geld glücklich?
Wahrscheinlich nicht. Aber kein Geld macht auch nicht glücklich.
Überlegungen, wie man den Monat überstehen soll? Woher das Geld für die Miete kommen soll? Wieviel Essen kann man sich leisten?
Das Auto ist alt. Für ein neueres fehlt das Geld. Es braucht Reparaturen und zu viel Sprit.
Urlaub, schöne Kleidung - davon wagt man nicht mal zu träumen. Und wenn doch beweist sich, kein Geld macht nicht glücklich.
Wieso haben wir überhaupt Geld? Was ist Geld?
Wieso kann man dem Vermieter nicht einfach eine schöne Geschichte schreiben, anstatt Geld zu überweisen? Wer hat es erfunden?
Historisch hat sich das Geld wohl mit der Veränderung der Lebensweise entwickelt. Als die Menschen begannen, sesshafte Bauern zu werden, nahm das Unheil seinen Lauf.
Nicht nur in Bezug auf Geld.
Die Arbeiten wurden verteilt. Es gab plötzlich Viehzüchter, Fischer, Schmiede, Töpfer, Steinmetze. Handwerker, die Kleidung herstellten oder Werkzeuge. Nicht zu vergessen die Ausstattung für Kriege. Es brauchte Waffen. Es gab plötzlich Spezialisten für den Krieg - Soldaten, Söldner.
Anfänglich bemühte sich die Menschheit noch mit Tauschhandel für eine faire Vergütung zu sorgen.
Muscheln, Edelsteine, Edelmetalle aber auch Weizen oder andere Lebensmittel waren die ersten Währungen.
Und dann kamen die ersten auf die Idee Münzen zu prägen. Die Arbeiten wurden bewertet. Nicht unbedingt immer gerecht.
Und es gab auf einmal arme und reiche Menschen. Erfolgreiche Menschen hatten Geld. Die anderen nicht.
Immerhin stellte das Geld einen Wert dar. Die Münzen waren aus Edelmetall - meist Gold oder Silber. Wobei auch der Wert nicht immer stimmte. War der Staat etwas knapp bei Kasse, streckte man das Edelmetall mit billigeren Alternativen. Teils geschickt, teils auch plump.
Wie auch immer, das ist Geschichte.
Der Briefkasten ist voller Rechnungen. Das ist die Gegenwart. Geld ist mittlerweile weit entfernt von einem realen Wert. Es besteht aus Papier und ist eher ein Versprechen.
Das Versprechen, dass man dafür Sachen kaufen kann. Nicht nur Sachen. Menschen, Meinungen, Macht - alles gibt es für Geld. Sogar Geld kann man kaufen.
Macht es glücklich?
Wohl nicht. Es macht oft unglücklich. Vor allem wenn es nicht ausreichend vorhanden ist.
Es heißt immer, dass Problem armer Menschen sei, dass sie zu viel über Geld oder eben den Mangel an diesem nachdenken. Reiche Leute machen das nicht.
Mag stimmen. Aber wenn Geld ausreichend vorhanden ist, fällt es eben leicht nicht ständig darüber nachzudenken. Wird man jeden Moment daran erinnert, dass es knapp ist oder gar fehlt - dann denkt man nun einmal dran.
Geld zu haben bedeutet, dass man fleißig ist. Heißt es. Umgekehrt wird angenommen, dass der ohne Geld nicht fleißig ist.
Aber stimmt das?
Wie oft sind es Umstände, die einfach geschehen - Krankheit, Verlust des Jobs, Kriege, Naturkatastrophen, Scheidung….
Und immer wieder die Frage nach Geld. Manchmal fehlt es für die elementaren Dinge wie Essen, Wohnen, Gesundheit. Manchmal fehlt es für den „Luxus“, den wir uns gönnen sollen. Den Luxus, von dem uns die Werbung sagt, dass wir ihn haben müssen.
Würde eine Umverteilung helfen? Bei den nordamerikanischen Lakota war es üblich, dass die „wohlhabenden“ Krieger ihre „Schätze“ wie Pferde, schöne Decken an die gaben, die nicht so viel hatten. Dann waren jene wohlhabend. Irgendwann bekamen dann die ursprünglichen Spender etwas von anderen. Es gab keine „armen“ Lakota. Allerdings hatten sie auch kein Geld.
