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Tom hat den Traum, mit seiner Geschäftsidee die Märkte der Welt zu erobern. Er leiht sich Geld und gründet eine erfolgreiche Firma. Durch Betrug seines Bankmanagers Morretti wird er seiner hoffnungsvollen Zukunft beraubt. Als auch sein Traum von Gerechtigkeit durch die Justiz platzt, ist er ein Nichts. Dann kreuzen sich die Lebenswege von Tom und der Journalistin Isa in einem schicksalsträchtigen Augenblick. Sie produzieren mit Hilfe der Medien Fake-News und machen so aus seiner privaten Tragödie ein Schauspiel allgemeinen Interesses mit ungeahnten Konsequenzen für Morretti und auch Unbeteiligte. Die Geschichte erzählt vom Aufbegehren gegen die Götter unserer Zeit und von Wegen der Vergeltung, die mit außerordentlichem Mut, Fantasie und postfaktischen Waffen beschritten werden.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Manfred Protz
Nur Tote träumen nicht
Wege der Vergeltung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
I. Begegnungen
II. Pläne
III. Wege der Vergeltung
IV. Neue Horizonte
V. Anhang
Impressum neobooks
Shirin Eshghi
Sie hatten miteinander telefoniert und sich in einem leer stehenden Haus verabredet. Hätte man ihn danach gefragt, warum sie ihn so faszinierte, wäre er die konkrete Antwort wohl schuldig geblieben. Zwar fand er ihre Kleidung geschmackvoll, ihren Schmuck elegant und ihr Make-up dezent, auch war er überzeugt, dass die Auswahl ihrer Garderobe ein erhebliches Maß an Selbstsicherheit voraussetzte, vielleicht aber war der eigentliche Grund ihre gesamte Erscheinung, in der sich Schönheit, Stolz und Leidenschaft vereinten, zusammen mit den Fältchen um ihre dunklen Augen und den vollen Mund, die ihn an Trauer denken ließen. Er rätselte über ihr Alter und stellte Mutmaßungen über ihr Liebesleben an. Im letzten Zimmer des Hauses angekommen fragte er sie, ob sie ihm noch weitere Objekte in dieser Art präsentieren könne. Sie lächelte über seine Formulierung und entsprach seinem Wunsch. So kam es in den nächsten Tagen zu gemeinsamen Steifzügen durch unbekannte Welten. Shirin Eshghi erzählte ihm von ihrer Familie, die aus Persien stammte und das Land mit dem Schah verlassen musste. Als sie Interesse an Toms Beruf zeigte, gestand er, eine Geschäftsidee zu haben, mit der er den Markt erobern könne. Anmerkungen und Fragen dazu bezeugten ihre Sachkenntnis, die ihn verwunderte.
Am letzten Tag ihrer Woche voller unerwarteter Eindrücke besuchten sie einen Winzer, der seine Weine in einer idyllischen Straußwirtschaft anbot. Sie probierten einige und blieben bei einem Grauburgunder, gewachsen auf dem Oppenheimer Kalkacker, der sich am steilen Hangüber dem Rhein erstreckte. Im Schatten einer von Reben bewachsene Pergola genossen sie den kühlen Wein mit gedünstetem Saibling und jungem Gemüse. Wie die vergangenen Tage, verging auch dieser Nachmittag wie im Fluge, und als die Sonne schon tief stand, war ihm als hätte die geheimnisvolle Frau mehr als Interesse an ihm gefunden. In gehobener Stimmung machten sie sich auf zu ihrer letzten gemeinsamen Besichtigung. Im leeren Haus am Hang hoch über dem Rhein war Frau Eshghi plötzlich schweigsam und verschlossen. Fast teilnahmslos führte sie ihn durch die hellen, hohen Räume, die nach Norden einen herrlichen Blick auf den gewundenen Lauf des Rheines und der Skyline von Frankfurt im Hintergrund boten. Trost spendete ihm der Gedanke, das bevorstehende Ende ihrer Begegnungen könnte der Grund ihres Stimmungswechsels sein. Doch seine Leichtigkeit, die sie oft mit hellem Lachen und funkelndem Blick belohnt hatte, war dahin. Je verzweifelter er nach den richtigen Worten suchte, desto mehr entfernte sie sich. Im letzten Raum angekommen, warf er ihr einen Satz zu, wie einen Anker, der sie festhalten sollte: „Sie besitzen alles, was den Erfolg ausmacht. Sie könnten bei McKinsey oder Boston Consulting in den Metropolen der Welt arbeiten.“
In Angst, sein Versuch könnte scheitern, beobachtete er ihre gekonnte Kopfbewegung, die aus ihrem Haar einen luftigen Fächer machte, hinter dem sie ihr stolzes Lächeln verbarg. Sie durchschritt mit ihren roten High Heels den mit weißem Birkenholz ausgelegten weiten Raum bis hin zum großen Fenster, öffnete es, beugte sich hinaus und schaute auf den breiten Fluss, der sich in der Abendsonne wie ein silbernes Band tief unten im Tal schlängelte. Tom bewunderte ihre langen Beine und ihren Po, der vom gespannten Stoff ihres blauen sommerlich kurzen, schwingenden Kleides betont wurde.
Sie drehte sich um, schenkte ihm einen tiefen Blick und sagte leise: „Ich war eine erfolgreiche Unternehmerin in globalen Geschäften mit Exil-Iranern. Im Jahr 2007 habe ich alles verloren. Danach war ich froh, den Job hier zu bekommen.“
„Hängt ihr Unglück mit der Finanzkrise zusammen? fragte Tom, erstaunt über ihre Reaktion.
„Nein, nein, das Unglück habe ich mir selbst zuzuschreiben. Ich habe das Berufliche nicht vom Privaten getrennt. Ein Fehler, den ich noch heute bereue.“
Danach wandte sie ihm wieder ihren Rücken zu. Plötzlich hörte er ein leises, unterdrücktes Schluchzen.
Erschrocken sagte er: „Habe ich was Falsches gesagt? Verzeihen sie, dass ich mich in Dinge einmische, die mich nichts angehen.“
Sie sah ihn an und entfernte mit dem Ärmel ihres blauen Kleides eine Träne aus dem Augenwinkel ohne ihr Mascara zu verwischen.
„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Es ist meine Schuld, wenn ich mich wie ein kleines Mädchen benehme.“
Tom erwiderte: „Nein, Frau Eshghi, ich hatte mich wohl nicht gebührend unter Kontrolle.“
Als seine Worte im hohen Raum verklangen, sah sie ihn mit rätselndem Blick an und entgegnete: „Kontrolle über ihre Neugier - oder über was?“
„Ja, vielleicht auch Neugier“ murmelte Tom verlegen.
Sie trat ihm einen Schritt näher und murmelte dunkel: „Was an mir macht sie neugierig?“
Tom wich instinktiv zurück und erwiderte nach kurzem Zögern: „Ihre Aura. Sie verwirrt mich.“
„Welche Aura meinen sie?“
Tom spürte die knisternde Spannung vom Nachmittag, ja der ganzen Woche, zurückkehren und gestand: „Vom ersten Augenblick an haben sie mich verzaubert wie eine orientalische Sphinx, die Schönheit, Stolz und Leidenschaft in sich vereint.“
Frau Eshghi zog ihn langsam am Jackett zu sich heran. Er spürte ihren warmen, weichen, verlockenden Körper. Ihr Trésor stieg ihm in die Nase. Die schräg einfallenden Sonnenstrahlen des vergehenden Tages gaben dem großen, leeren Raum eine warme, private Vertrautheit.
Sie sagte: „Sie sind ein einfühlsamer Mann.“ Vom Tal herauf hörte man das tiefe Tuten eines Passagierdampfers. „Aber sie führen mich in Versuchung. Wollen sie, dass ich meinen Fehler wiederhole?“
Ihrer Frage zum Trotz zeigte sie ein Lächeln, das aus Wünschen Verlangen macht, öffnete leicht ihre Schenkel und schenkte ihm eine intime Berührung, deren Intensität Zufälligkeit ausschloss und seine Hoffnung in Gewissheit verwandelte. Als er sie auf die Probe stellte, fühlte er ihren fremden Blick, über den er noch lange grübelte, und hörte sie vorwurfsvoll sagen: „Was machen sie mit mir?“
Im Angesicht seiner Enttäuschung hakte sie sich freundschaftlich bei ihm ein und führte ihn aus dem Zimmer hinaus auf die Straße. Während der Fahrt zurück schwiegen beide. Am Ziel angekommen sagte Tom: „Ich komme am Montagmorgen bei ihnen im Büro vorbei. Ich werde das Haus mit dem großen Quittenbaum kaufen. Wäre ihnen zehn Uhr recht?“
„Dieses Haus haben wir schon am ersten Tag besichtigt, nicht wahr?“
„Ja, am ersten Tag. Aber die Tage danach werde ich nie vergessen, nie mehr“ antwortete Tom.
Dann stieg er aus und öffnete ihre Wagentür. Als er ihr die Hand reichte, brachte sie ihr hoher Absatz ins Straucheln, was sie zwang, an seiner Schulter Halt zu suchen. Als sie ihn fand, flüsterte sie Wange an Wange: „Sie sind ein schlimmer Verführer, wissen sie das?“
Dann verschwand sie in der Primabank.
Roman Morretti durchquerte eilig die elegante Halle und betrat den Lift zum Penthouse. Eine freundliche Stimme begrüßte ihn und wünschte einen angenehmen Aufenthalt. In der obersten Etage wurde er in einen ovalen Eingangsbereich entlassen. Eine konkave Glaswand gegenüber dem Lift gab den Blick frei auf eine chromblitzende Designerküche. Links und rechts davon befanden sich jeweils zwei Türen. Die auf der linken Seite führten durch einen luxuriösen Wellness- und Fitnessbereich und zwei Schlafzimmer, die durch ein Bad und ein Ankleidezimmer getrennt waren. Hinter den Türen rechts der transparenten Wand befanden sich ein Raucherzimmer mit Billardplatte und Spielkonsolen und ein geräumiges Wohnzimmer, in dem Möbel von Le Corbusier den Mittelpunkt bildeten. Zwei Seiten des Raumes waren Panoramafenster mit Blick auf Manhattan und Brooklyn Bridge. Morretti öffnete mit einer App die Glasfront, die Wohnraum und Dachgarten trennte, und schuf so eine einzigartige Event Destination. Auf der Freifläche, mit exotischen Pflanzen bewachsen und wetterfesten Möbeln ausgestattet, genoss der Besucher das berauschende Panorama der Skyline von Manhattan, Brooklyn und dem World Trade Center. Er zoomte sein zukünftiges Büro im Financial District heran. Bei schönem Wetter könnte er in fünfzehn Minuten durch den benachbarten Zuccotti Park in sein Büro und abends am Broadway bummeln gehen.
Im Eingangsbereich öffnete er mit seiner App den Kunstkatalog und wählte die Grafik WHAMM! von Roy Lichtenstein. Mit einem Touch machte er die konkave Glaswand vor der Designerküche zu einer Art Wall, auf der die Grafik Zwei Jagdflugzeuge im Gefecht leuchtete. Wie eine Blutlache spiegelte sich das Rot eines explodierenden Jets auf dem glänzenden Nussbaumholz des Fußbodens.
Als Roman Morretti die Virtual Tour durch sein zukünftiges Penthaus beendete, fiel sein Blick auf die zartrosa Blüten der Magnolie vor seinem Fenster. Er beschloss den Baum, dessen Blüten er so liebte, in seinem Dachgarten, hoch über New York, zu pflanzen. Bei diesem Gedanken fiel ihm Shirin ein, seine exotische Ex-Geliebte. Sie würde nicht mit ihm gehen, obgleich sie den Luxus liebte und sich auch in New York zuhause gefühlt hätte. Zu viel war zwischen ihnen vorgefallen, von dem sie das wenigste wusste. Zum Glück, dachte Morretti, und erlebte den Anflug eines Schuldgefühls, das es aber gleich mit dem Gedanken vertrieb, dass man nicht alles haben konnte. Sie nicht und auch er nicht.
Das Klingeln des Telefons unterbrach seine Überlegungen. Mirko Graf aus der Zentrale war in der Leitung.
„Hallo Roman, gratuliere zum neuen Job in New York.“
„Danke, Mirko, er ist nicht neu. Es ist ein Comeback“ antwortete Morretti und fragte sich, warum Graf anrief.
„Ja, du hast zu den Zockern gehört, die uns fast das Genick gebrochen haben. Nur ihretwegen hängen wir am Tropf des Finanzministers.“
Morretti erwiderte: „Du weißt hoffentlich, dass ich schon lange vor dem Crash zurückgekommen bin und hier jeden gewarnt habe. Wenn ich drüben bin, wird sich einiges ändern. Das Konzept habe ich bereits. Das Stichwort lautet: Kulturelle Intelligenz!“
„Hört sich gut an. Ich wünsche dir alles Gute. Du wirst dort mit Änderungen wenig Freunde finden.“
„Warum rufst du eigentlich an?“ fragte Morretti.
„Es geht um eine delikate Angelegenheit.“
„Delikat?“
„Du weißt doch noch, dass wir letztes Jahr in den Filialen bei Firmenkrediten einen Verlust von 320 Millionen verbucht haben?“
„Die Kredite meiner Filiale waren ok“, entgegnete Morretti.
„Das stimmt. Aber die Verluste der anderen haben zu einer neuen Situation geführt.“
Morretti wurde hellhörig und versuchte seine Unruhe zu verbergen als er nachfragte: “Welche neue Situation, Mirko?“
Mirko Graf registrierte Morettis neue Tonlage und antwortete gedehnt: „Es geht da auch um deinen neuen Job.“
„Um meinen neuen Job?“ fragte Morretti.
„Das Limit für die Vergabe von Firmenkrediten in den Filialen ist vom Vorstand auf eine Million Euro gesenkt worden. Bis zum Jahresende wandern die Firmenkredite, die darüber liegen, in meinen Bereich“ sagte Graf genüsslich, und machte eine Pause, um eine Reaktion zu bekommen. Aber Morretti schwieg.
Graf fuhr fort: „Wir müssen auf die Bremse treten. Vier-Augen-Prinzip. Du verstehst?“
„In der Filiale nur noch Kredite bis einer Million? Mir kann´s ja eigentlich egal sein. Es wird viel Arbeit in Frankfurt anfallen und viele Kunden werden abwandern. Die Volksbanken und Sparkassen werden sich freuen.“
„Mag sein. Ich wollte dich nur vorwarnen. Wir werden genau hinsehen müssen. Für die Übergabe der Kredite machen wir noch einen Termin aus. Die zentrale Personalabteilung wird sich auch noch melden. Beim Personalabbau in den Filialen sind noch einige Renditepunkte drin.“
Dann legte Mirko Graf auf.
Roman Morretti war geschockt. Würde Graf seine Kreditvergabe überprüfen, säße er in New York auf einem Pulverfass. Er musste seine Altlasten noch vor seinem Sprung über den großen Teich beseitigen.
Dann rief er Dr. Beuter an.
Dr. Beuter besaß graues volles Haar und eine Figur wie ein Diskuswerfer. Er war Chef der Landes-Bürgschaftsbank. Vom Typ höherer Beamter, sich einer sicheren Zukunft gewiss, nicht einer, der ohne Netz auf der Karriereleiter turnt. Sein Vater leitete diese Bank mehr als ein ein Jahrzehnt. Sie gehörten der FDP an, dem kleinen Koalitionspartner, deren Personal diesen Job traditionell besetzte. Sein Vater hatte ihm mit auf den Weg gegeben, die Bank so zu nutzen, dass die begabten jungen Leute, die sich in den Schulen und der Universität des Landes das Rüstzeug geholt hatten, nicht nach Kalifornien auswandern mussten, sondern sich in ihrer Heimat als innovative Unternehmer verwirklichen konnten. Gemäß dieser Maxime hatte sein Vater schon mit dem Vorgänger von Roman Morretti ein Geschäftsmodell entwickelt, bei dem es um die Beschaffung von Risikokapital für Firmengründungen ging. Kurz gesagt bestand es darin, dass die private Primabank in dieser Landeshauptstadt auch mittellosen jungen Leuten, mit einer sehr guten Geschäftsidee und einwandfreiem Leumund, die vom Bund subventionierten Kredite ohne die banküblichen Sicherheiten vermittelte und die Bürgschaftsbank des Landes für diese Kredite die Bürgschaft übernahm. Der Trick dabei war eine spezielle Methode der Beleihungswertermittlung. Die Primabank bewertete den Wert vorhandener Sicherheiten wesentlich höher als der bei Insolvenz am Markt zu erwartende Verwertungserlös sein konnte und das Agreement lautete: Geht eine Firma Pleite, bei der bankübliche Sicherheiten fehlen, werden die Bürgschaftszusagen eingehalten, als sei alles in Ordnung.
Durch dieses Modell wurden im Land Arbeitsplätze geschaffen, die bei legaler Kreditvergabe nicht entstanden wären. Für das Land war der Saldo von Bürgschaftsleistungen und Steuereinnahmen durchaus positiv. Die Primabank verdiente gut durch die Vermittlung und Betreuung von refinanzierten und oft durch Vergabe eigener Kredite. Junge Leute ohne bankübliche Sicherheiten konnten Firmen ohne Einflussnahme privater Kapitalgeber gründen. Insgesamt war es für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation.
Durch dieses Modell war mit den Jahren vor den Toren der traditionsreichen Universitätsstadt ein kleines Silicon Valley entstanden. Dr. Beuter würde aufgrund seines Erfolges beim Wachstum der Arbeitsplätze und Firmenansiedlungen nach der nächsten Landtagswahl als Staatssekretär oder Minister ins Wirtschaftsministerium des Landes wechseln, das die Aufsicht über die Geschäfte der Bürgschaftsbank führte.
Er schaute wohlgefällig durch das Fenster seines Büros auf die Dächer seiner schönen Stadt und dachte an den bevorstehenden Theaterbesuch mit seiner Frau, als ihn der Anruf von Roman Morretti erreichte.
Nach der Begrüßung kam Morretti gleich zur Sache: „Alle unsere Kredite, die von dir verbürgt sind, kommen ab dem nächsten Jahr bei einer Kreditsumme ab einer Million in der Zentrale auf den Prüfstand.“
„Wieso das denn? fragte Dr. Beuter geschockt.
„Vorstandsbeschluss auf Druck des Finanzministeriums, unserem neuen Großaktionär“ antwortete Morretti.
Dr. Beuter bemerkte tonlos: „Dann können wir unser Fördermodell vergessen.“
Morretti entgegnete bissig: „Du mit deiner Förderung junger Gründer. Mir ist das Hemd näher als der Rock. Wir müssen uns aus der Schusslinie bringen.“
„Du hast Recht. Die Kredite ohne bankübliche Sicherheiten müssen aus dem Bestand fliegen. Wieviel Zeit bleibt uns?“
Morretti antwortete: „Bis Ende des Jahres.“
„Also 9 Monate. Hast du schon einen Plan?“
Morretti antwortete: „Wir Banker beherrschen die Kombination von betriebswirtschaftlicher Phantasie mit dem juristisch Machbaren.“
Dr. Beuter konterte: „Ja, so gut, dass ihr jetzt Pleite seit. Ohne uns, den öffentlichen Sektor, gäbe es euch gar nicht mehr.“
„Wir müssen da zusammen raus. Es sind nur noch neun Monate“ sagte Morretti einlenkend. „Dazu brauchen wir aber den Wanne.“
„Noch ein Mitwisser. Können wir ihm vertrauen?“ fragte Dr. Beuter.
„Ich will ihn als meinen Nachfolger vorschlagen. Er ist ehrgeizig und nicht zu intelligent.“
„Der Wanne, dein Nachfolger?“ fragte Dr. Beuter zweifelnd.
„Er wird platzen vor Stolz. Nachdem er seinen Aufstieg mit Familie und Freunden gefeiert hat, werden wir ihm gemeinsam die Kröte verabreichen. Er wird sie schlucken, am Donnerstag um 11 in meinem Büro. Einverstanden?“
„Gut, am nächsten Donnerstag um 11 in deinem Büro.“
Als Dr. Beuter zu verabredeter Zeit das Büro von Morretti betrat, begrüßte er auch einen glücklichen und stolzen Stefan Wanne. Morretti eröffnete das Meeting mit den Worten: „Es gibt Neuigkeiten. Unschöne Neuigkeiten. Ab nächsten Januar werden alle Kreditanträge über eine Million Euro in der Zentrale bearbeitet. Auch die bestehenden Kredite über eine Million wandern nach Frankfurt.“
Als Morretti seine Worte wirken ließ, hörte man im Raum die Klimaanlage.
„Dann ist Mirko Graf für diese Kredite zuständig. Und fällt ihm nur ein fauler Kredit in die Hände, sind wir alle, alle wie wir hier sitzen, geliefert.“
Dr. Beuter sagte sichtlich betroffen: „Roman, jetzt könnte ich einen vertragen.“
Morretti sah Wanne an, nickte in Richtung Sideboard, und fragte: „Wie viele kritische Bürgschaften laufen derzeit bei dir?“
Während Wanne die Drinks für den Gast und seinen Chef machte, tippte Dr. Beuter auf seinem iPad herum und antwortete nach einer Weile: „Bei 32 Darlehensnehmern fehlen bankübliche Sicherheiten. Denen habe ich 80 Millionen an Bürgschaften zugesagt.“
Morretti trank einen Schluck, sah zur Decke und sagte betont ruhig: „Bis zum Jahresende müssen diese Kredite aus den Büchern sein. Entweder die Kunden können die fehlenden Sicherheiten nachliefern, was bei der geprüften Qualität der Geschäftsmodelle inzwischen möglich sein müsste….“
Wanne unterbrach: „Und wenn unsere Kunden keine Sicherheiten haben oder nicht nachträglich liefern wollen?“
Morretti antwortete: „…oder wir kündigen die Kredite und stellen sie sofort fällig. Basta. Auch das bereinigt unseren Bestand.“
Dr. Beuter bemerkte nickend: „Es liegt eindeutig höhere Gewalt vor. Für Ethik ist da überhaupt kein Platz.“
Morretti bestätigte: „Ja, die Entscheidung des Vorstandes ist höhere Gewalt. Aber die Allgemeinen Geschäftsbedingungen geben uns alle Möglichkeiten zur rechtmäßigen Sanierung.“
An Dr. Beuter gewandt sagte er: „Du musst bei jedem dieser Kunden die Bürgschaftssumme reduzieren. Das verschlechtert ihre Kreditsicherheit, was uns gemäß AGB berechtigt, vom Kunden eine Sicherheitenverstärkung zu verlangen – eine Hypothek auf das Privathaus, Verpfändung der Umsätze oder sowas. Stellt sich der Kunde quer, wird gekündigt und fällig gestellt gemäß Punkt 19 unserer AGB.“
Dr. Beuter entgegnete: „Die Bürgschaftsreduktion bekommt ihr. Voraussetzung ist eine vernünftige Begründung, die ihr mir schriftlich liefert. Verfehlung des Geschäftsplanes oder außerplanmäßiger Betriebsmittelbedarf, sowas in der Richtung. Die Herren Unternehmensgründer neigen ja manchmal zu teuren Autos und sonstigen Statussymbolen, schon bevor der Laden brummt. Ihr bekommt dann von mir umgehend die Bürgschaftsreduktionen, versprochen.“
Morretti richtete sich an Wanne: „Bis wann bekommst du das hin?“
Wanne schluckte und sagte stockend: „Können wir das einfach so machen? Ich meine, äh, wenn sich ein Kunde in Frankfurt oder bei der Bankenaufsicht beschwert?“
Morretti beugte sich vor und berührte seinen Unterarm: „Willst du Filialleiter werden, wenn ich in New York bin - oder weiter Briefe an brave Sparer unterschreiben?“
Wanne antwortete: „Ich denke nur an Mirko Graf. Der will uns doch Ärger machen.“
Morretti machte eine abfällige Handbewegung und sagte spöttisch: „Ja, das würde er gern, aber das wird er nicht können, wenn du tust was notwendig ist. Das Risiko tragen zudem wir, Dr. Beuter und ich. Aber auch du als künftiger Chef musst jetzt schon mal über deinen Schatten springen.“
Morretti stand auf, nahm die zwei leeren Gläser vom Tisch, holte einen Single Malt 40 aus den Tiefen seines Sideboards und füllte drei Gläser mit dem kostbaren Tropfen.
Auf dem Weg zurück zum Konferenztisch sagte er: „Wanne, wir sind Banker und Risiko ist unser Geschäft. Das wissen wir doch, oder?“
Dann stellte er die Gläser auf den Tisch und sagte: „Wir in unserem Haus ziehen das im kleinsten Kreis durch. Nur du und ich wissen davon und unterschreiben die Briefe an Dr. Beuter mit der Begründung einer Bürgschaftsreduktion und“, nach einer Kunstpause: „auch die Briefe an die Kunden mit der Forderung nach Erhöhung der Kreditsicherheit oder, wenn nötig, der Kreditkündigung und Fälligstellung. Dann sind die Kredite raus aus unserem Bestand und die in Hamburg bei der Intensive Care können sich mit denen rumärgern.“
Dr. Beuter pflichtete Morretti bei: „Ich werde die Bürgschaftsreduktionen nur mit meiner Perle, Frau Lorensen, unterschreiben. Sie freut sich auf die nahe und fette Betriebsrente. Noch ein Jahr, dann ist es soweit. Sie wird ihren Mund halten.“
Morretti sah Wanne tief in die Augen und sagte: „Na, ist dir das sicher genug?“
Stefan Wanne drückte sein Kreuz durch und sprach nun ohne Mainzer Dialekt: „Ok, dann machen wir das so. Sie haben doch immer die besten Ideen, Chef.“
Morretti nickte zufrieden, hob sein Glas und sagte: „Das kriegen wir schon hin. Wäre doch gelacht. Zum Wohl, meine Herren.“
„Zum Wohl“ sagten Dr. Beuter und Wanne
Beim Hinausgehen sagte Dr. Beuter: „Im Ministerium, werde ich mich zuerst um eine Änderung der Bürgschaftsrichtlinien kümmern. Dieser Passus mit den banküblichen Sicherheiten bei innovativen Gründern ist doch total überholt. Das hat die Lobby der Venture-Capital-Gesellschaften durchgedrückt. Das werde ich reparieren, glaubt mir.“
Der alte Baum ächzte unter den Quitten, die im Licht der tiefstehenden Sonne signalgelb aus seinem archaischen Geäst leuchteten. Tom fand braune Stellen und beschloss, sie morgen zu ernten. Auf der Terrasse nahm er einen Schluck vom Brand des letzten Jahres. Er genoss sein mildes Aroma am Gaumen, spürte ihn heiß den Rachen hinab rinnen und als angenehme Wärme in seinem Magen. In den Sonnenstrahlen, die vereinzelt durch die mit Weinreben bewachsene Pergola brachen, beobachtete er den Reigen tanzender Fliegen und genoss die Entspannung, die der Wärme folgte.
Morgen würde er den öligen Flaum auf der Quittenhaut mit einem weichen Tuch entfernen und danach mit dem Häcksler aus den harten Früchten diese einzigartig riechende Maische machen. Hefezusatz für das Gären war nach dem langen, warmen Sommer nicht nötig. Schon im Frühjahr hatte Tom für sein Destilliergerät einen Kolonnenaufsatz angeschafft, um den Dampfwiderstand und die Reinheit des Destillats beim Brennen zu erhöhen. Das Gerat würde seinen neuen Quittenschnaps ein Quäntchen milder und das Aroma noch feiner machen.
Er hörte das Lachen der Kinder, die vor dem Haus Brombeeren pflückten. Es war wie in den Jahren zuvor – nur durften sie in diesem Jahr alle Beeren aufessen. Seine Frau würde keine Marmelade kochen, um sie an Freunde zu verschenken, obwohl sie schon das Etikett für die Marmeladengläser fertig gemalt hatte. Ein naives Bild vom Garten mit Blick aus südlicher Richtung auf Quittenbaum, Kirschbaum, Pergola und Terrasse hätte die verschenkten Marmeladengläser schmücken sollen.
Der Grund für diese Änderung war ein Brief der Primabank. Mit dürren Worten informierte sie ihn darin über die fristlose Kündigung der vor drei Jahren gewährten Existenzgründungsdarlehen und ihre Fälligstellung in zwei Monaten. Der Brief enthielt die Ankündigung der Zwangsversteigerung für den Fall, dass die Verwertung seines Internet Portals, das Tom zur Marktreife entwickelt hatte, nicht den erwünschten Erfolg hätte. Für den Fall des Misserfolges riet man ihm, das Anwesen selbst zu verkaufen, da dies im Hinblick auf die Restschulden günstiger sei als eine Zwangsversteigerung. Unterschrieben war der Brief der Primabank von Filialleiter Roman Morretti und seinem Stellvertreter Stefan Wanne.
Als die Quittenmaische zu gären anfing, meldete er Insolvenz an, kündigte seinen vier Mitarbeitern, suchte in der Neustadt eine billige Wohnung und beantragte Arbeitslosengeld, wobei die drohende Einkommenspfändung durch die Bank seine Motivation bei der Suche nach einer Beschäftigung beeinträchtigte, was ihn angesichts seiner Rolle als Ernährer der Familie in einen Konflikt stürzte. So wehte im Haus bereits ein kalter Wind, als draußen noch die herbstliche Sonne wärmte. Seine Frau beklagte seine Risikosucht, die ihn in das Haifischbecken des Internetbusiness getrieben habe und sie malte ihm aus, wie seine Pleite ihr mühsam aufgebautes soziales Netzwerk zerstören würde. Sie beklagte auch den Verlust ihres BMW und des schon gebuchten Weihnachtsurlaubes auf Madagaskar. Für juristische Feinheiten der Pleite interessierte sie sich nicht, sondern nur für ihre unmittelbaren monetären Auswirkungen. Die nahende Zwangsversteigerung hatte sich offensichtlich herumgesprochen, denn Nachbarn und Bekannte waren für einen kurzen Schwatz nicht mehr zu haben, sondern verschwanden in Haus, Garten oder Garage, wenn sie ihrer ansichtig wurden. Tom schlief in diesen Wochen meist im Morgengrauen ein und stand spät auf. Er suchte und fand Informationen über Schicksalsgenossen in den USA, wo eine Pleite als Nachweis von Erfahrung und Qualifikation gilt und jedem die zweite Chance zustand. Doch als der Januar nahte, hatten die Schuldgefühle alle Illusionen besiegt. Nur auf das Destillieren der Quittenmaische zu einem edlen Schnaps freute er sich, weil es den Naturgesetzen folgte, nicht von einer höheren Gewalt abhängig war und ihm niemand das Ergebnis seiner Arbeit nehmen konnte. Nach diesem letzten Akt der Freude existierte nur noch sein Unglück, verursacht von seinem mittlerweile verfestigten Glauben, selbst Ursache der Geschehnisse zu sein.
Im Traum suchte er die Plätze in der Stadt auf, wo sich die Abgehängten versammelten, um gemeinsam ihre Angst zu bewältigen. Wenn er schweißgebadet und mit klopfendem Herz aufwachte, verließ er das Ehebett und beruhigte sich mit Bier und Fernsehen, bis er sich wieder neben seine schlafende Frau legte. In einem anderen Traum war er im Frankfurter Bahnhofsviertel, wo ihm Shirin Eshghi mit traurigem Blick in einem Hinterzimmer eines Bordells einen Trommelrevolver mit Munition aushändigte. Der Traum endete regelmäßig dann, wenn er den kalten Lauf der schweren Waffe an seiner Schläfe und den Abzug an seinem Zeigefinger spürte. In diesen Wochen verlor er seinen Appetit und trank schon am Tag. Die sportlichen Aktivitäten hatte er längst eingestellt. Sein gelbes Rennrad aus Carbon, das früher neben dem metallblauen BMW stand, grinste ihn aus der leeren Garage verächtlich an. In acht Wochen verlor er zehn Kilo seines Normalgewichtes. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, die Wangen eingefallen. Gedanken an Selbstmord und Tod waren seine ständigen Begleiter.
In den Augen seiner Kinder las er die Vorwürfe, die ihm seine Frau machte. Ihr Streit endete meist mit dem Satz: „Sag mir nur einen Grund, warum wir bei dir bleiben sollten? Nur einen Grund!“
Tom konnte ihr keinen nennen, der ihre wirtschaftliche Zukunft betraf, und so postete er in der vagen Hoffnung, dass eine einschneidende Reaktion seiner Frau nicht ausbleiben würde, auf Facebook die Nachricht:
Hallo Freunde!
Der Pleitegeier schwebt über uns. Ab dem 15.Januar wohnen wir in der Mainzer Neustadt, Walpurgis Str. 4 direkt neben dem Diskontladen eines Türken und dem Getränkeshop eines Griechen. Daher benötigen wir zum Glück kein Auto mehr und meine Fitness wird steigen durch den Transport der Getränke in den 5. Stock. Von Beileidsbesuchen bitte ich Abstand zu nehmen.
Alles Liebe!
Eurer Tom
Das gefiel einigen seiner Freunde, doch die Mehrzahl kündigte ihm die Freundschaft. Kurz vor Weihnachten zog seine Frau mit den Kindern ins elterliche Haus nach Bielefeld. Sie bekäme eine Anstellung als Lehrerin in einer Grundschule und die Kinder würden es besser haben, denn dort bliebe ihnen die Wohnung im Ausländerviertel erspart, sagte sie zur Begründung.
Tom gab ihr Recht und empfand es als Befreiung, allein zu sein, ohne Streit und Schuldgefühle. Er trank weniger, schlief gut und so erwachte seine Lust am Leben. Sie führte ihn in die Stadt, wo er sich vom Verkaufserlös seines Rennrades Jeans, Hemden, Pullover und Schuhe der Marken kaufte, die er früher als Skateboarder getragen hatte. Dann suchte er alte Freunde und Freundinnen auf, die seinen Berichten lauschten und nicht selten jenen Trost spendeten, den er in besonderem Maße benötigte. So erlebte er, was er schon vergessen hatte, nämlich ein Leben jenseits von Business und schwarzer Kreditkarte.
Als die Zeit des Abschieds kam, entschied sich Tom der Zwangsversteigerung beizuwohnen. Vier Interessenten waren vor Ort, sowie ein Vertreter des Gerichtes und der Bank. Das Haus ging nach einem kurzen Bieten an ein unverheiratetes Paar mittleren Alters. Obgleich er anonym auftrat, vermied das Käuferpaar jeglichen Augenkontakt. Der Zuschlag erbrachte knapp 50% des Preises, den Tom vor vier Jahren gezahlt hatte und das, obwohl die Preise um 20% gestiegen waren. Tom machte sich nachträglich Vorwürfe, das Haus nicht selbst verkauft zu haben.
Spät am Abend, das Haus lag verlassen und dunkel, kehrte er zurück mit einem Schlüssel, den er sich behalten hatte. Im Haus verspürte er Wut und die starke Neigung, mit einem Vorschlaghammer alles zu zertrümmern, was den Profit der Käufer hätte mindern können. Doch ihm fehlte die Energie. Wie ein Dieb schlich er durch die leeren Räume. Zuletzt setzte er sich vor die breite Fensterfront zur Gartenterrasse und betrachtete seinen alten Quittenbaum, der seine verkrüppelten Äste, der Kälte und dem Alter zum Trotz, furchtlos in das helle Mondlicht streckte. Tom dachte an seine Kinder, die ihr Leben ohne ihn führten und an die kommenden Tage, Wochen, Monate in einer engen Wohnung ohne Garten und Wechsel der Jahreszeiten. Wie Wellen des Meeres den Schwimmer rhythmisch bewegen, übermannten ihn Weinkrämpfe bis zur Erschöpfung und Einkehr grenzenloser Ruhe. Im Bus vom Dorf in die Stadt flossen vertraute Weinberge und Dörfer an seinen müden Augen vorbei. Schläfrig versuchte er sich zu erinnern, wann er das letzte Mal so geweint hatte. Als seine Gedanken zu seiner Kindheit wanderten, drängte er sie zurück zum alten Quittenbaum, der im kalten Mondlicht furchtlos und voller Vertrauen auf das kommende Frühjahr wartete.
Die Wohnkasernen in Toms neuem Quartier stammten aus den 60er Jahren. Sie schlossen kostengünstig die Lücken in den Straßen mit gutbürgerlichen Wohnhäusern der Gründerzeit, die der Krieg gerissen hatte. Deren Bewohner gehörten zum gehobenen Mittelstand und die heute zum Prekariat, das aus Hartz IV-Empfängern, Geringverdienern und Asylbewerbern besteht..
Toms Wohnung war im 5. Stock. Gardinen waren selten, was Tom die Abwechslung verschaffte, das Leben der anderen zu beobachten. Er kannte die Zeiten, zu denen die Leute aufstanden, duschten, ins Bett gingen, schliefen und ob es Streit gab und das Familienoberhaupt für Ordnung sorgte. Von elf Uhr am Morgen bis zum späten Nachmittag hingen im Treppenhaus die Gerüche von Knoblauch, Kohl, Zwiebel, Koriander, Minze und Kreuzkümmel. Genaueres der griechischen, türkischen und arabischen Küche erfuhr er, wenn er den Frauen beim Kochen zuschaute.
Der Fahrplan der Straßenbahnen, die sein Viertel mit der Innenstadt verbanden, meinte es gut mit den Menschen hier. Wenn sich die Räder der tonnenschweren Bahnen über den Stahl der Geleise durch scharfe Straßenbiegungen schoben und bremsten, produzierten sie ein Inferno, das, abhängig vom Wetter, Schmerzen verursachte. Darum waren Toms Fenster immer geschlossen. Zudem bewirkte ein Lüften lediglich den Austausch der Gerüche des Treppenhauses mit den Autoabgasen der Straße. Frische Luft war somit nur nach 23 Uhr, wenn die Bahnen nicht mehr fuhren, zu bekommen. Auch dann nur bei Temperaturen über Null, da die Heizung nachts zentral zurückgefahren wurde. Im ganzen Haus war Tom, bis auf einen Mann namens Jonny, der einzige Deutsche und wusste daher, wie sich Ausländer unter Deutschen fühlten.
Er vermisste schmerzlich das Haus auf dem Land, die Ruhe, die saubere Luft, das helle Tageslicht, die Sonne aus dem Süden auf der Terrasse, den Garten und den direkten Weg in die freie Natur. Er vermisste, nackt am offenen Badezimmerfenster zu stehen mit dem Blick in die Weite Rheinhessens, auf zugeschneite, weite, unberührte Felder, wo Hasen ihre Haken schlugen. Trotz seiner Sehnsucht nach Weite zog es ihn nicht hinaus aus seiner Enge seiner Wohnung auf die Straßen und Plätze der Stadt, da ihm die Menschen Angst machten. So wurde er schwermütig. Wenn er an seine Kinder dachte, freute er sich, dass sie nicht hier leben mussten.
Die ersten Wochen überstand Tom mit seinen Quittenschnaps. Die schöne Zeit brachte er nicht zurück, jedoch half er, Enge, Geräusche, Gerüche und Einsamkeit zu ertragen. Der Alkohol verdrängte das Bedürfnis nach einer warmen Mahlzeit pro Tag oder nach der täglichen Körperpflege. Erst als er Hautveränderungen und Kreislaufstörungen nicht mehr übersehen konnte, reagierte er mit täglichen Spaziergängen in den Rheinalleen. Auf seiner Lieblingsbank sitzend, sah er Lastschiffen zu, die mit stampfender Monotonie den breiten Fluss, Kilometer für Kilometer, langsam aber stetig in Richtung Basel durchpflügten. Auf seinem Weg musste er an Männern und einer Frau vorbeigehen, die in einer abseits des Hauptweges gelegenen Ecke der Parkanlagen diskutierten, tranken, rauchten, mit und ohne Gepäck für die Nacht, oft mit Hund. Wenn er kam, schauten sie auf und unterbrachen kurz ihre Gespräche. Nach seinem fünften oder sechsten Spaziergang sprach ihn ein älterer Mann an, der ihm durch ein hellgraues Sakko aufgefallen war. Er rief: „Hallo, Junge, komm her zu uns, wir beißen nicht.“
Früher hatte ihn ein banges Gefühl erfasst, wenn er an solchen Leuten vorbeiging und über die Ursachen nachgedacht, die sie ins Abseits gedrängt hatten, und sich gefragt, welche Umstände ihn dorthin führen könnten. Manche der Gestrandeten stufte er als Schiffbrüchige, andere als Aussteiger, wieder andere als Süchtige oder nur Pechvögel ein. Es hatte ihn jedes Mal geschaudert, wenn er daran dachte, ihre Gesellschaft teilen zu müssen.
Aber heute war Tom froh und folgte der Einladung des freundlichen Mannes mit dem teuren Sakko. Als er sich der Gruppe näherte, ließ sie ihn ihr Interesse nicht spüren. Die Gruppe von Jacko, so hieß der Mann, bestand aus zwölf Personen, elf Männern und einer Frau. Ihr Lagerplatz war an einem Geländer, hinter dem, drei Meter tiefer, ein Leinpfad direkt am Ufer entlang führte, der von Radfahrern und Spaziergängern genutzt wurde. Ihr Platz besaß das Privileg, ungestört auf die Bürger herunterschauen zu können.
Jacko nahm ihn bald zur Seite, zeigte in die Runde und erklärte: „Wir haben alle eine Last zu tragen. Verlust der Familie durch Tod oder Scheidung, Krebs, gescheiterte Resozialisierung, Drogenabhängigkeit und so weiter. Manche reden drüber, andere nicht. Aber alle wissen, dass es gemeinsam leichter ist. Manche kommen auch hier nicht zurecht“ und lachte als er sagte: „andere sind auf Teilzeit hier. Die sitzen nachts und bei schlechtem Wetter in ihrem gemütlichen Haus oder ihrer Wohnung.“
Wenn Toms Blick wanderte, sah er ihre Augen auf sich gerichtet, lebendige, neugierige Augen.
Er erkannte seinen Nachbarn in Jackos Gruppe und sagte: „Den großen Hageren mit dem grauen Drei-Tage-Bart kenne ich. Der wohnt direkt unter mir.“
Jacko schaute hin und sagte: „Das ist Jonny, Jonny Heuser. Er war bei der US Air Force in Wiesbaden Zivilangestellter. Kriegt jetzt eine gute Rente. Gibt manchmal eine Runde Bier oder Pizza aus. Bei schlechtem Wetter bleibt er daheim.“
Jacko drehte sich wieder dem Fluss zu und erzählte: „Auch wir haben eine Hierarchie. Die Stellung des Einzelnen ist aber nicht von Leistung, Geld oder Schönheit abhängig.“
Tom fragte nach: „Sondern?“
Jacko sagte lachend: „Die nur bei Schönwetter hier sind, stehen ganz unten“, und zeigte auf zwei Männer, die etwas abseits auf einer Bank saßen und Rotwein aus Gläsern tranken, „sondern die, die Solidarität zeigen, vor allem, wenn sie nicht hier sein müssten.“ Jacko zeigte auf eine blonde, hübsche Frau, die sich angeregt unterhielt. „Sie hat echtes Interesse und sie fühlt sich wohl bei uns. Das freut einen.“
Sie lehnten am Geländer und sahen auf den Strom. Endlich stellte Jacko die von Tom schon erwartete Frage: „Darf man wissen, was dich jeden Tag auf deine Bank treibt?“
„Pleite, Schulden, Trennung.“
„Der alltägliche Wahnsinn also. Aber warum hast du Angst vor uns?“
„Wie kommst du darauf?“
„Ich habe dich beobachtet.“
