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Merle stolpert durch Zufall über das Facebook-Profil ihrer großen Liebe Tom, der sie vor über 12 Jahren von heute auf morgen hat sitzenlassen. Obwohl sie eine bislang glückliche Ehe mit Andy führt und die beiden ein gemeinsames Kind haben, kann sie den Wunsch herauszufinden, warum Tom sie damals verlassen hat, nicht unterdrücken. Sie nimmt Kontakt zu ihm auf ... dies bleibt nicht ohne Folgen.
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Seitenzahl: 457
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Anne Meller
Nurfürdich
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Lange ist es her ... und doch scheinbar nicht lang genug, um Dich komplett vergessen zu haben. Wo bist Du, was tust Du, was fühlst Du, mit wem bist Du zusammen ... warum interessiert mich das bloß nach all den Jahren so brennend?
Wenn Du wüsstest, wie oft meine Gedanken in den letzten Wochen um Dich gekreist sind! Die kurze Zeit, die wir damals miteinander verbracht haben, habe ich nie vergessen.
Vielleicht ist man ja tatsächlich einmal im Leben mit dem Menschen zusammen, der einen dann das restliche Leben zumindest in Gedanken begleitet ... auch wenn man sich nie wieder begegnet. Wie dem auch sei ... ich hoffe, Du bist glücklich und hast das gefunden, wonach Du gesucht hast.
Tatsächlich habe ich dieses Profil nur für dich angelegt, mit meinem echten geht es verständlicherweise nicht, Du würdest mich sofort erkennen und das macht mir Angst ... ich erwarte auch keine Rückmeldung, ich habe diese Zeilen nur für mich gebraucht, um einmal das Gefühl zu haben, Dir das gesagt zu haben, was ich damals verpasst habe: nämlich, dass ich Dichüber alles geliebt habe ...
Ich starrte seit gefühlten Stunden auf den Bildschirm des Computers und mein Finger lag nun schon seit einer Ewigkeit auf der linken Maustaste. Der Cursor zeigte blinkend auf das Senden-Symbol und ich war sozusagen nur einen Mausklick davon entfernt, diese Nachricht in die Weiten des Internets zu schicken.
Unschlüssig las ich die getippten Zeilen erneut, während immer wieder die gleichen Fragen durch meinen Kopf schwirrten: Wollte ich das denn tatsächlich abschicken? Was, wenn er sich zusammenreimte, dass diese Nachricht von mir kam? Aber genau das wollte ich doch auch, oder?
Verdammt, Merle, Du hast definitiv Besseres zu tun, als den kompletten Vormittag vor dem Rechner zu hocken, schalt ich mich im Stillen. Ich musste wirklich völlig den Verstand verloren haben, dass ich mich damit aufhielt, obwohl unser Haus aussah, als hätte dort eine Bombe eingeschlagen. Der Wäschekorb quoll über, die Spülmaschine wartete darauf, endlich eingeräumt zu werden und auch sonst hatte ich diverse Haushaltspflichten zu erledigen, die ich in den letzten Tagen sträflich vernachlässigt hatte und ehrlicherweise nur allzu gerne auch weiterhin vor mir herschieben würde.
Seufzend lehnte ich mich auf dem Bürostuhl zurück und schaute aus dem Fenster unseres Büros, um den beiden Schmetterlingen zuzusehen, die auf der üppigen Rose in unserem Garten tanzten. Nein, man konnte mir sicherlich keinen grünen Daumen nachsagen ... eher das Gegenteil war der Fall ... aber meine Rosenbüsche, die ich damals nach unserem Einzug mit viel Liebe ausgesucht und gepflanzt hatte, gehörten zu meinen absoluten Favoriten und ich erfreute mich jeden Sommer aufs Neue daran, wenn sie so schön blühten, wie jetzt.
Die Sonne lachte inzwischen strahlend vom Himmel und die Luft hatte sich bereits jetzt am Vormittag auf angenehme 23 Grad erwärmt ...endlich schien der Sommer Einzug zu halten, was für Mitte Juni auch langsam Zeit wurde. Die Kinder würden bald Sommerferien bekommen und Sam, mein 8jähriger Sohn, war angesichts unserer bevorstehenden Urlaubsreise in die Türkei, bei der uns in diesem Jahr sein bester Freund Jonathan begleiten würde, schon mächtig aufgeregt.
"Das wird der coolste Urlaub überhaupt", hatte er noch heute Morgen am Frühstückstisch gestrahlt, während er dabei war, sein Brot zu schmieren. Angesichts seiner kindlichen Freude wurde mir warm ums Herz. Ja, ich freute mich auch ... na klar, auch wenn mir angesichts der Verantwortung, die wir für ein fremdes Kind übernehmen würden, auch ein bisschen flau im Bauch wurde.
Sam war Einzelkind geblieben und ich war mir darüber bewusst, wie viel Spaß es ihm bereiten würde, diesmal nicht allein mit seinen Eltern zu verreisen, sondern einen Spielkameraden mit an Bord zu haben. Es waren Momente wie diese, in denen ich mir wieder wünschte, dass Sam noch eine Schwester oder einen Bruder bekommen hätte. Bedauerlicherweise war es nicht mehr dazu gekommen.
Mein Blick wanderte zurück auf den Bildschirm.
Ich kann das nicht abschicken, das ist verrückt und ganz ehrlich: Was zum Teufel soll das bringen? Nachdenklich betrachtete ich das Profilbild der geöffneten Facebook-Seite. Die Augen des Mannes, an den meine Nachricht gerichtet war, schienen mich regelrecht zu durchbohren ... so, als wollte er fragen, was ich eigentlich nach der langen Zeit von ihm wollte.
Er sah auch jetzt, nach 12 Jahren, die wir uns nun nicht mehr gesehen hatten, atemberaubend gut aus.
Sein dichtes schwarzes Haar umrahmte sein Gesicht immer noch so perfekt wie damals, auch wenn die Schläfen mittlerweile leicht ergraut waren. Die strahlendblauen Augen blickten leicht amüsiert in die Kamera, entspannt hielt er ein Glas Wein in der Hand. Es schien sich um einen Urlaubsschnappschuss zu handeln, denn im Hintergrund erkannte man das Meer und eine Felsformation ragte beeindruckend in den wolkenlosen Himmel.
Ja, da saß er, "mein" Tom.
Eigentlich hieß er Thomas, aber er hatte mir mal erzählt, dass ihn seit seiner frühesten Kindheit eigentlich niemand je so genannt hatte ... außer seiner Großmutter, die nichts von verniedlichten Vornamen hielt. Hatte ich vielleicht unbewusst deshalb meinen Sohn Sam genannt, weil es hier keine Möglichkeit gab, eine Koseform abzuleiten?
Mein Gott, was für ein Blödsinn, langsam drehte ich wirklich durch. Reiß Dich zusammen, mach einfach den verflixten Computer aus und geh an die Arbeit, schimpfte ich wieder mit mir.
Aber was, wenn ich doch auf Senden drückte und er vielleicht sofort an mich denkt? Er würde zurückschreiben, würde fragen "Merle, bist Du das?" und der Ball wäre ins Rollen gekommen ...
Ein schrilles Klingeln durchbrach die Stille des Wohnzimmers und ich zuckte erschrocken zusammen. So versunken war ich gerade in meiner Traumwelt gewesen, dass mich unser Telefon fast zu Tode erschreckte.
Ich sprang auf und durchsuchte den Raum nach dem Mobilteil. Irgendwann fand ich es schließlich auf dem Esszimmertisch und hörte, kaum dass ich mich gemeldet hatte, die fröhliche Stimme meiner besten Freundin Anne: "Stell Dir vor, ich habe gerade den neuen Job bekommen! Die wollen, dass ich noch diesen Monat anfange. Ach, Merle, endlich kommt wieder Bewegung in mein Leben!"
Ich lachte: "Anne, das ist phantastisch, ich freue mich so sehr für Dich. Wo genau wirst Du denn anfangen?"
Aufgeregt erzählte sie mir von dem kleinen Stadtblatt, das letzten Monat die Stelle einer Grafikdesignerin ausgeschrieben hatte. Sie habe sich eigentlich keinerlei Chancen ausgerechnet, wir seien schließlich keine 30 mehr und mit zunehmendem Alter werde es für uns Frauen ja bekanntlich schwieriger auf dem Stellenmarkt, aber ihre Entwürfe seien wohl so gut angekommen, dass sie in die engere Auswahl gekommen war. Heute Morgen hatte sie dann die endgültige Zusage bekommen und war völlig aus dem Häuschen.
"Mein Gott", seufzte sie aus tiefstem Herzen, "bald verdiene ich endlich wieder mein eigenes Geld und kann hier bei meinen Eltern raus. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie ich mich darauf freue."
Doch, das konnte ich sehr wohl. Anne hatte eine schlimme Scheidung hinter sich ... man könnte auch sagen, eine Schlammschlacht von fast nicht zu fassendem Ausmaß ... und mangels Job und Geld zurück zu ihren Eltern flüchten müssen. Und seien wir mal ehrlich? Wer bitte möchte mit 41 Jahren wieder in sein Elternhaus zurückziehen? Also, ich persönlich könnte mir nichts Schlimmeres vorstellen, auch wenn ich meine Eltern abgöttisch liebte und wir fast jeden Tag mindestens einmal miteinander telefonierten.
Dennoch war man mit Anfang 40 definitiv in einem Alter, in dem man entweder mit seiner eigenen Familie oder zumindest allein leben sollte.
"Wir müssen das unbedingt feiern, Merle, außerdem haben wir uns schon lange nicht mehr gesehen. Wie passt es Dir morgen Abend? Wir gehen ins Paulo`s und lassen es uns mal wieder so richtig gut gehen", unterbrach Anne meine Gedanken.
"Hm ... ich weiß nicht, ich muss das mit Andy besprechen, wenn er heute Abend wiederkommt. Du weißt doch, dass er momentan so viele auswärtige Termine hat und abends erst immer spät hier ist. Sam kann ich schließlich nicht allein lassen," überlegte ich laut, "aber ich klär das und melde mich später nochmal, ok?"
Nachdem ich noch mehrfach versprochen hatte, auf jeden Fall mein Bestes zu geben, um meinen Mann zu überreden, morgen doch bitte einmal pünktlich zu sein, legten wir auf.
Gedankenverloren blieb ich mit dem Telefon in der Hand im Raum stehen und blickte mich um. Vielleicht sollte ich jetzt wirklich mal anfangen, mich ein bisschen um Ordnung und Sauberkeit in diesem Haus zu kümmern.
Ich ließ also den Computer Computer sein, um in der Küche erstmal die Geschirrberge in die Spülmaschine einzuräumen. Ich könnte mich später noch mit dieser absurden Idee einer anonymen Mail an Tom befassen ... hoffentlich mit klarerem Kopf.
Später stand ich vor dem Kalender, um die Termine für den heutigen Tag zu checken. Ok, heute ich Dienstag, Sam hatte also am Nachmittag Fußballtraining, vorher mussten wir kurz beim Arzt vorbei, um seine hoffentlich jetzt komplett abgeklungende Mittelohrentzündung nachsehen zu lassen, und auf dem Weg dahin würden wir kurz bei unserem Steuerberater halten, um die Steuererklärung einzureichen.
Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich nur noch genau anderthalb Stunde Zeit hatte, um einzukaufen und das Mittagessen vorzubereiten, bevor Sam aus der Schule kam. Hatte ich tatsächlich fast den gesamten Vormittag damit zugebracht, eine so kurze Mail an einen Mann zu schreiben, den ich seit 12 Jahren weder gesehen noch gesprochen hatte, um sie dann stundenlang anzustarren und letztendlich doch nicht abzusenden? Ich musste wirklich verrückt sein.
Nachdem ich rasch zum Supermarkt geradelt war, um die Zutaten für einen Nudelauflauf zu besorgen, bog ich gerade wieder um die Ecke, als ich den silbernen Kombi meines Mannes auf unsere Auffahrt fahren sah. Was machte er denn um diese Uhrzeit hier? Es kam äußerst selten vor, besser gesagt eigentlich nie, dass Andy in der Woche mittags nach Hause kam. Entweder war er plötzlich krank geworden oder er hatte etwas sehr Wichtiges vergessen.
Andy leitete eine mittelständische Baufirma, die er in zweiter Generation von seinem Vater übernommen hatte. Hans, Andys Vater, war zwar immer noch regelmäßig im Büro, ließ seinem Sohn aber mittlerweile alle Entscheidungsfreiheiten und stand ihm nur noch beratend zur Seite.
Die beiden hatten wirklich ein sehr harmonisches Verhältnis und manchmal fragte ich mich, warum es mit Dorothea, Andys Mutter, so ganz anders gekommen war. Sie hatte die Familie verlassen, als Andy und seine Schwester Marlene noch Kinder gewesen waren, um sich selbst zu verwirklichen. So hatte sie es zumindest ausgedrückt. Die Enge in der niedersächsischen 160.000 Einwohner-Stadt, in der wir lebten, habe sie erdrückt und ihr die Luft zum Atmen genommen.
Nun atmete sie bereits seit 30 Jahren die Berliner Großstadtluft und ließ sich höchstens zu runden Geburtstagen - und dann auch nur höchst widerwillig - bei uns blicken. Sie war in Berlin als "freischaffende Künstlerin" tätig, was jedoch genau ihre Kunstwerke waren, hatte ihre Familie in all den Jahren nicht herausfinden können. Sie lebte ihr Leben und hatte offenbar nie das Bedürfnis verspürt, zumindest ihre Kinder daran teilhaben zu lassen.
Hans und Dorothea waren zwar nie geschieden worden, sprachen aber bei den seltenen Zusammentreffen höchstens ein paar höfliche Worte miteinander. Ich empfand diese offensichtlichen Spannungen immer als sehr unangenehm, da ich selbst eine so behütete und glückliche Kindheit verlebt hatte und mir gar nicht vorstellen konnte, was es überhaupt bedeutete, bei nur einem Elternteil aufzuwachsen, noch dazu beim Vater.
Andy selbst sprach nie gern über seine Mutter und in den 10 Jahren, die wir mittlerweile zusammenwaren, hatte er mir immer nur so häppchenweise Informationen über sie zukommen lassen, dass ich manchmal das Gefühl hatte, sie eigentlich kaum zu kennen. Wahrscheinlich hatte er ihr nie verziehen, dass sie ihn und seine kleine Schwester damals einfach so zurückgelassen hatte.
"Hey, was machst Du denn hier, hast Du was vergessen?", fragte ich atemlos, als ich nach einem kurzen Sprint mit dem Rad neben ihm vor der Haustür zum Stehen kam.
Andy war gerade im Begriff aufzuschließen und blickte nur kurz auf, als er mich bemerkte. Seine mürrische Miene verriet mir augenblicklich, dass irgendwas nicht in Ordnung zu sein schien.
"Ach, ich war auf dem Weg zu einem Kunden hier in der Nähe, um dann dort vor der Tür festzustellen, dass ich die falschen Unterlagen mitgenommen habe," knurrte er missgestimmt. "Zum Glück konnte ich den Termin noch ein wenig nach hinten schieben, aber mir fehlt trotzdem die Zeit, um ganz zurück ins Büro zu fahren. Alma hat mir die Unterlagen hierher gemailt, damit ich sie mir ausdrucken kann."
Alma war Andys Sekretärin und seit vielen Jahren die gute Seele der Firma. Ich wusste nicht, wie viele Jahre sie schon für Wagner&Sohn tätig war, aber sie war schon die Sekretärin von Hans gewesen und saß jetzt im Vorzimmer von Andy.
Ich war der felsenfesten Überzeugung, dass der Laden zusammenbrechen würde, wenn sie irgendwann beschließen würde, in Rente zu gehen. Andererseits war Andy sicher ein genauso hervorragender Chef wie er Ehemann und Vater war, dachte ich liebevoll. Von daher würde sie sicher gern noch einige Jahre mit ihm aushalten.
Wir standen mittlerweile in der Küche und ich war gerade dabei, die Einkäufe auf der Arbeitsfläche zu verteilen, um endlich mit dem Kochen zu beginnen. Andy stand an der offenen Kühlschranktür und trank aus der halbvollen Wasserflasche. Wie ich diese Angewohnheit hasste ... als wenn wir keine Gläser besitzen würden.
"Ich bin dann auch sofort wieder weg," sagte er, nachdem er die Flasche - natürlich nur halb zugeschraubt - wieder weggestellt hatte. Bei Andy musste immer alles schnell gehen, da waren solche Nichtigkeiten wie das richtige Zuschrauben von Wasserflaschen oder ähnlichem natürlich absolute Zeitverschwendung.
"Okay," murmelte ich, mehr für mich als für ihn, da er schon auf dem Weg ins Büro war, und mich eh nicht mehr hören konnte.
Ich zog die Schublade auf, um den Topf für die Nudeln rauszunehmen, als ich mitten in der Bewegung erstarrte.
Verdammt! Ich hatte völlig vergessen, womit ich heute Morgen beschäftigt gewesen war. Es würde nur noch Sekunden dauern, bis Andy sich an den Rechner setzen, die Maus bewegen und der Monitor aus dem Ruhemodus erwachen würde. Dort würde die Mail an Tom aufleuchten und seine hellblauen Augen würden von seinem Profilbild direkt in die dunkelbraunen Augen meines Mannes blicken.
Ich Idiotin, wie konnte ich das bloß vergessen! Nach dem Telefonat mit Anne hatte ich mich nicht mehr zurück an den Rechner gesetzt und mich ja bekanntlich gezwungen, meine Pflichten im Haushalt zu erfüllen, was bisher mehr recht als schlecht geklappt hatte.
Mir wurde augenblicklich heiß und kalt und mein spontaner Ruf "Andy!" hallte durchs Haus.
"Was ist?", fragte er unwillig und drehte sich im Türrahmen des Büros zu mir um. Ich stand im Flur und hatte das Gefühl, gleich vor lauter Panik ohnmächtig zu werden. Was sollte ich bloß sagen bzw. tun, um ihn vom Rechner fernzuhalten?
In meinem Kopf ratterte es fieberhaft, bis mir endlich etwas einfiel: "Da Du gerade hier bist: Wärst Du bitte so lieb und würdest kurz den Gartenschlauch richtig anschließen? Er springt mir immer ab, sobald ich das Wasser aufdrehe."
Andy verdrehte die Augen: "Och, Merle, ehrlich, kann das nicht bis heute Abend warten, ich habe es verdammt eilig."
Ich trat einen Schritt näher an ihn heran, legte ihm beide Hände auf die Brust und blickte ihm bittend in die Augen: "Bitte, das geht doch sicher ganz schnell und ich muss unbedingt die Pflanzen draußen gießen, bevor sie vertrocknen."
Kurz hatte ich das Gefühl, dass Andy doch lieber erst ins Büro gehen würde, aber ich bemerkte sein Zögern und letztlich drehte er sich zur Wohnzimmertür und verschwand im Garten.
Erleichtert atmete ich aus. Mir war bewusst, dass ihn diese verzweifelte Aktion von mir nur sehr kurz beschäftigen würde, denn der Gartenschlauch saß natürlich bombenfest. Lediglich tropfte er ein wenig, aber er war durchaus zu gebrauchen.
Ich stürzte also schnell ins Büro und bewegte die Maus, damit der Ruhemodus beendet wurde. Der Bildschirm wurde hell und Tom`s Lächeln erschien auf dem Bildschirm. Hektisch bewegte ich die Maus hin und her. Verflixt nochmal, wir brauchten dringend einen schnelleren Rechner, fluchte ich innerlich.
Während ich mit einem Ohr angestrengt nach draußen lauschte, versuchte ich irgendwie den gerade stockenden Mauszeiger in Bewegung zu bringen. Das darf doch wohl nicht wahr sein, warum hängt dieser blöde Computer sich ausgerechnet jetzt auf?
"Merle", rief Andy von draußen, "was ist bitte das Problem? Der funktioniert doch einwandfrei."
Ich hörte seine Schritte, die langsam näher kamen und fing verzweifelt an, wie wild auf der Maus herumzuklicken. Endlich bewegte sich was, aber ... Oh nein, bevor ich endlich oben rechts das Kreuz zum Schließen des Bildschirmfensters drücken konnte, hatte ich gerade noch Gelegenheit die Worte zu lesen, die mittig auf der Seite erschienen: IHRE NACHRICHT WURDE GESENDET.
Als Andy den Raum wieder betrat, stand ich schweißgebadet und mit bis zum Hals klopfendem Herzen vor dem Computer und starrte immer noch wie gebannt auf den Bildschirm, auf dem nun aber keine Facebook-Seite mehr aufleuchtete, sondern ein Bild meines lachenden Sohnes, welches ich als Hintergrundbild festgelegt hatte.
"Merle? Du hast mir nicht geantwortet: Der Schlauch sitzt doch fest. Was hast Du denn für ein Problem damit?", fragte Andy mich ungeduldig.
Ich wollte gerade zu einer weitschweifenden Erklärung ansetzen, als er mich schon sanft beiseite schob, um auf dem Bürostuhl Platz zu nehmen.
"Ach, das ist komisch, vorhin ist er mir ständig abgesprungen. Vielleicht habe ich ihn jetzt doch so fest dranschrauben können, dass er nun hält. Trotzdem Danke, dass Du kurz nachgesehen hast", bedankte ich mich und legte die Hand auf die Schulter meines Mannes. Er murmelte irgendetwas vor sich hin und beschäftigte sich schon mit dem Lesen seiner Mails.
Ich begab mich mit immer noch etwas zittrigen Knien zurück in die Küche, um nun endlich das Mittagessen vorzubereiten. Sam würde heute vermutlich ein wenig hungern müssen, da ich es auf keinen Fall mehr schaffen würde, rechtzeitig fertigzuwerden.
Während ich Karotten und Paprika kleinschnitt, dachte ich über die vergangenen Minuten nach. Was wohl passiert wäre, wenn ich nicht rechtzeitig gewesen wäre oder mein fades Ablenkmanöver mit dem Gartenschlauch nicht funktioniert hätte? Was, wenn Andy die Zeilen gelesen hätte, die seine Frau an einen anderen Mann verfasst hatte? Hätte er es überhaupt gelesen? Vielleicht hätte er auch einfach den Bildschirm minimiert, um sein Mail-Programm zu öffnen ... Ich wusste, dass Andy nichts mehr hasste, als Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit. Daher war mir sehr wohl bewusst, wie sehr er sich heute über sich selbst ärgern musste, weil er die falschen Unterlagen eingesteckt hatte. Vermutlich hätte er tatsächlich gar nicht weiter nachgelesen, was da auf dem Bildschirm stand, sondern sich einfach beeilt, seine Mails zu öffnen, um an seine Unterlagen zu gelangen.
Ich hörte sein leises Fluchen aus dem Büro und musste lächeln, da Andy vermutlich gerade dasselbe Problem mit unserem langsamen Rechner hatte, über das ich mich vor wenigen Minuten auch geärgert hatte.
Wenige Minuten später betrat Andy die Küche, stellte seine Aktentasche auf den Barhocker, um einen Ordner herauszunehmen. Die gerade ausgedruckten Seiten schob er hinein und verstaute alles wieder in der Tasche.
"So, erledigt," sagte er und schaute sich dann fragend um, "Ist Sam noch gar nicht da?"
"Nein, er muss aber jeden Moment reinkommen. Willst Du vielleicht noch kurz warten? Er freut sich bestimmt, Dich mal im Hellen zu sehen", lachte ich.
"Ja, ich würde mich auch freuen, aber ich muss wirklich los", sagte er und beugte sich kurz über die Küchentresen, um mir einen leichten Kuss auf die Wange zu geben. "Wir sehen uns heute Abend. Leider wird es wohl spät werden, da ich im Zeitplan nun etwas hinterherhinke."
Als wäre das was Neues, dachte ich insgeheim, sagte dann aber nur: "Kein Problem. Aber wäre es möglich, dass Du morgen ein wenig früher hier bist? Ich würde mich furchtbar gerne mit Anne treffen. Sie hat endlich eine neue Stelle und möchte das gern ein wenig mit mir feiern." Fragend sah ich ihn an.
"Das ist sehr schön für Anne. Wurde ja auch Zeit, dass sie mal wieder ein wenig Auftrieb kriegt. Ich denke, ich kann es einrichten, morgen eher hier sein", hörte ich ihn noch sagen, bevor er durch die Haustür verschwand.
Lächelnd nahm ich seine aufrichtige Freude über die guten Neuigkeiten zur Kenntnis. Ich wusste, dass er Anne sehr gern hatte, obwohl ihn auch mit Alexander, Anne's Exmann, eine innige Freundschaft verband.
Wir hatten beide bedauert, dass die Ehe von Anne und Alexander nicht mehr zu kitten gewesen war, und der anschließende erbitterte Scheidungskrieg hatte auch uns ganz schön zugesetzt. Nun traf sich Alexander in der Regel mit meinem Mann, während ich natürlich meiner besten Freundin beistand. Es war schon eine komische Situation, wenn man bedenkt, wie viele gemeinsame Pärchen-Abende und Urlaube uns vier verbanden.
Gerade als ich den Auflauf in den Ofen schob, sah ich Sam auf seinem Fahrrad um die Ecke biegen. Fröhlich verabschiedete er sich von Felix, dem Nachbarsjungen, der zwar nicht in Sams Klasse ging, aber den gleichen Schulweg hatte.
"Hi Sam, wie war die Schule?", fragte ich, nachdem ich ihm die Tür geöffnet und ihm seinen Schulranzen abgenommen hatte. Er grinste mich breit an uns strahlte aus den gleichen dunkelbraunen Augen seines Vaters, um mit stolzgeschwellter Brust zu sagen: "Wir haben die Mathe-Arbeit zurückbekommen und rate mal, was ich habe?"
"Hm, eine 3?", riet ich vorsichtig.
"Mama", tadelte er mich, "doch keine 3. Ich habe eine 2 geschrieben!"
Er hüpfte auf und ab wie ein Flummi und freute sich unbändig, dass er uns endlich mal eine solche Note in dem von ihm so verhassten Fach Mathe präsentieren konnte.
Stolz schloss ich ihn in die Arme, wuschelte durch seine kurzen blonden Haare und versicherte ihm, wie stolz auch sein Vater auf ihn sein würde.
Liebevoll betrachtete ich meinen Sohn, während er seine Jacke auszog und sie auf den Korbstuhl schmiss, der neben der Garderobe stand. Er war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Er hatte die gleichen blonden, leicht gewellten Haare und seine Augen hatten ein genauso tiefes Braun wie die von Andy. Auch war Sam für sein Alter schon ziemlich groß und da Andy mit 1,94m auch nicht der kleinste Mann war, vermutete ich, dass Sam auch hier mit ihm gleichziehen würde. Na ja, dann würde ich später mit meinen 1,69m wohl zu meinen beiden Männern aufblicken müssen, dachte ich amüsiert.
"Was gibt es denn zu essen?", fragte Sam und schaute neugierig um die Ecke in die Küche, "ich habe Bärenhunger!"
"Es dauert noch ein paar Minuten, leider war ich heute Morgen etwas zu beschäftigt und ich habe ein bisschen die Zeit vergessen. Vielleicht fängst Du schon mit Deinen Schularbeiten an und ich rufe Dich, sobald das Essen fertig ist?," schlug ich ihm vor.
Nachdem Sam sich nach oben in sein Zimmer verzogen hatte, räumte ich die Küche auf, deckte den Tisch und schaute in den Ofen, um nachzusehen, wie weit der Auflauf war.
Als ich am Abend mit einem Glas Wein auf der Terrasse saß, ging ich nochmal die Steuererklärung durch. Leider hatte ich nach dem doch etwas hektischen Nachmittag mit Arztbesuch, Fahrt zum Fußballtraining und diversen noch zu erledigenden Einkäufen, völlig vergessen, die Steuererklärung abzugeben. Einige Kleinigkeiten waren mir nun noch aufgefallen, die es zu korrigieren galt und ich ging rüber ins Büro, um mir die notwendigen Schreibutensilien zu holen.
Aus Sam's Zimmer klangen die Stimmen einer Hörspiel-CD herunter, die Sam sich abends immer anmachte, wenn er ins Bett ging. Vermutlich war er längst eingeschlafen.
Im Büro fiel mein Blick auf den Computer. Zögernd ging ich näher, als mir meine morgendliche Aktion wieder in den Kopf kam. Ob Tom bereits auf meine Mail reagiert hatte?
Selbstverständlich konnte er gar nicht wissen, wer ihm geschrieben hatte. Extra für diese Mail hatte ich mir nämlich ein neues Facebook-Profil mit dem Namen "Nurfürdich" angelegt. "Nurfürdich" war mit niemandem befreundet, hatte keinerlei Aktivitäten, außer der einen: Eine Mail an "Tom Riedel" zu schreiben, die ich heute Vormittag im Eifer des Gefechts tatsächlich versendet hatte.
Ich schaltete den Rechner ein und wartete, bis das fröhliche Gesicht meines Kindes auf dem Bildschirm erschien. Nachdem ich die Facebook-Startseite geöffnet hatte, tippte ich "Nurfürdich" und mein dazugehöriges Passwort ein. Unruhig wartete ich den Anmeldevorgang ab und erstarrte Augenblicke später, als Facebook mir rot leuchtend eine ungelesene Nachricht anzeigte.
Aufgeregt rutschte ich auf dem Bürostuhl hin und her. Natürlich war die Nachricht von ihm ... von niemand anderem konnte sie sein. Ich klickte neugierig auf das Briefkasten-Symbol.
Tatsächlich, Tom hatte geantwortet, bereits eine Stunde nachdem ich meine Nachricht an ihn heute Vormittag mehr oder weniger aus Versehen versendet hatte.
Seine Nachricht enthielt nur drei kurze Worte:
Wer bist Du?
Tom und ich lernten uns im Frühjahr vor 12 Jahren kennen.
Ich arbeitete damals schon in dem gleichen Autohaus, in dem ich auch heute noch - allerdings nur noch auf Teilzeitbasis - tätig bin. Ich habe immer gern dort gearbeitet, allerdings gab es zu dieser Zeit ein paar Umstände, die mir das Arbeiten nicht so angenehm machten.
Mein damaliger Vorgesetzter, Herr Konrad, gerade 50 geworden und mächtig in den Midlife-Crisis, hatte nichts Besseres zu tun, als jedem verfügbaren Rock hinterherzusteigen. Leider gehörte auch meiner dazu, was die Zusammenarbeit mit ihm nicht wirklich leicht machte.
Da ich seit geraumer Zeit Single war und ich damals befürchtete, dass dieses Dasein sich auch auf absehbare Zeit leider nicht ändern würde, sah er das sozusagen als Freibrief dafür an, mich ständig mit Einladungen zum Abendessen, anzüglichen Witzen und ähnlichem auf den Nerv zu fallen.
Ich erwog ernsthaft, mich in der obersten Chef-Etage über ihn zu beschweren, war mir aber bewusst, dass seine Arbeit gut war und die Inhaber sicher kein Interesse daran hatten, einen ihrer fähigsten Männer zu verlieren. Wohl oder übel biss ich also in den sauren Apfel und erledigte meine Arbeit weiterhin gewissenhaft und versuchte Herrn Konrad so gut es eben ging zu ignorieren, was natürlich nicht einfach war, wenn man in seinem Vorzimmer saß.
Als ich schon nicht mehr damit rechnete, ihn jemals loszuwerden, wendete sich das Blatt.
An einem Montagmorgen kam ich ins Büro, um erstaunt festzustellen, dass Herr Konrad nicht wie gewohnt schon hinter seinem Schreibtisch saß. Ich ging in sein Büro, um nachzusehen, ob im Ausgangskorb Notizen für mich lagen, musste aber feststellen, dass der komplette Schreibtisch leergeräumt war. Sogar die Bilder seiner Frau und seiner Kinder, die immer einen Großteil seines Schreibtisches eingenommen hatten, fehlten und auch weitere persönliche Gegenstände waren verschwunden. Verwirrt drehte ich mich gerade in dem Moment wieder zur Tür um, als Herr Konrad plötzlich im Türrahmen erschien.
"Schau mich nicht so an, Du dumme Kuh", fauchte er mich direkt erbost an und in seinen Augen funkelte es streitlustig.
Ich zuckte zusammen und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
Er ging an mir vorbei zu dem großen Regal am anderen Ende des Raumes, vor dem noch eine kleine Umzugskiste stand, die mir vorher noch gar nicht aufgefallen war. Wutschnaubend riss er sie hoch und kam auf mich zu.
Er baute sich dicht vor mir auf und funkelte mich wütend an: "Da habt Ihr Schlampen es also tatsächlich geschafft, mich feuern zu lassen. Ich muss schon sagen, ich bin beeindruckt! Aber glaub mir eins, ich bin noch nicht fertig mit Euch!" Er warf mir einen eiskalten Blick aus seinen ohnehin schon kühlen grauen Augen zu. Auch wenn ich wusste, dass diese Worte vermutlich nur leere Drohungen sein würden, zog ich unwillkürlich den Kopf ein.
"Und eins lass Dir gesagt sein: Eine wie Du kriegt eh keinen mehr ab, so prüde wie Du bist. Schau Dich nur an ... diese verstaubten Klamotten, als kämen die direkt aus dem Schrank Deiner Oma." Verächtlich schnaubte er und deutete mit dem Kopf auf meine hochgeschlossene cremefarbene Bluse und die weite schwarze Hose, die, wie ich zugeben musste, wirklich etwas unvorteilhaft war. "Du hättest Dich lieber ein bisschen mit mir vergnügen sollen, um wenigstens mal zu wissen, was Sex überhaupt ist."
Mit diesen Worten ließ er mich in seinem ehemaligen Büro stehen und knallte geräuschvoll die Tür hinter sich zu.
Ich brauchte einige Minuten, um mich aus meiner Schockstarre zu lösen und hinüber in mein Büro zurückzukehren. Was war hier bloß passiert? Warum war er gefeuert worden? Unmöglich konnte ich damit irgendetwas zu tun haben ...
Wie ich erst später erfuhr, hatte meine Kollegin Sandra Herrn Konrad wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt. Er hatte sich ihr auf der letzten Betriebsfeier in der Tiefgarage völlig betrunken unsittlich genähert und sie war ihm im letzten Moment gerade noch entkommen, indem sie ihm einen kräftigen Tritt in sein bestes Stück verpasst hatte. Die Chef-Etage hatte aus diesem Umstand wohl oder übel ihre Konsequenzen ziehen müssen und ihn entlassen.
Auch wenn Sandra mir sehr leid tat und dies sicher eine sehr unangenehme Erfahrung gewesen war, wurde mir deutlich, wie froh ich war, dass es passiert war und wir ihn dadurch endlich losgeworden waren.
Dennoch hatten seine letzten Worte an mich ihre Wirkung nicht verfehlt. Am Abend nach dem Vorfall stand ich in meinem kleinen Badezimmer und begutachtete mich kritisch im Spiegel. Ein Hingucker war ich sicherlich nicht, obwohl man mich auch nicht als hässlich bezeichnen konnte.
Meine langen braunen Haare waren immer ein wenig störrisch und ich brauchte oft Ewigkeiten, um sie einigermaßen in Form zu bringen. Aus praktischen Gründen trug ich sie daher meist zum Pferdeschwanz zusammengebunden. Meine haselnussfarbenen Augen, die ich von meiner Mutter geerbt hatte, waren groß und ausdrucksvoll. Lediglich meine Nase war etwas groß geraten, ansonsten war ich mit meinem Gesicht im Großen und Ganzen eigentlich recht zufrieden. Ich war mit 1,69m durchschnittlich groß und hatte relativ gute Proportionen.
Aber auch jetzt, als ich hier so stand, wurde mir bewusst, dass mein verhasster Ex-Chef vielleicht sogar ein wenig Recht hatte. Meine Kleidung war irgendwie nicht das, was andere 29jährige so trugen. Meine Blusen waren alle hochgeknöpft und meine Röcke ... wenn ich denn überhaupt welche trug ... reichten bis weit über das Knie. Mein Dekolleté hatte im letzten Jahr höchstens einmal Tageslicht gesehen und zwar auf der Hochzeit einer Schulfreundin. Ich hatte leider kein Kleid gefunden, was höher geschlossen war und musste daher meinen - wie ich fand viel zu großen - Busen mehr zur Schau stellen, als mir lieb war. Ich weiß noch ganz genau, wie unwohl ich mich an diesem Abend gefühlt hatte.
Man konnte mich wohl tatsächlich etwas bieder nennen.
Der Satz von Herrn Konrad, dass eine wie ich eh keinen mehr abkriegen würde, brannte mir im Kopf. Hatte er auch da Recht? War ich so eine graue Maus, dass mich keiner anguckte, geschweige denn ein Gespräch mit mir führen wollte und ich würde irgendwann als alte Jungfer enden?
In diesem Moment ärgerte ich mich wieder über mich, über mein fehlendes Selbstbewusstsein und meine mangelnde Fähigkeit, mich anderen Menschen, insbesondere Männern, offener zu geben. Ständig hatte ich Angst, blöde Sachen zu sagen oder irgendwie unangenehm aufzufallen, so dass ich es beim Ausgehen mit meinen Freundinnen lieber ihnen überließ, die Männer einzufangen.
Ich war einfach nicht dafür geschaffen, mich in den Vordergrund zu drängen und mir war klar, dass ich daher meist gar nicht wahrgenommen wurde. Ich hielt mich vielmehr so dezent im Hintergrund, dass ich mit meiner ohnehin schon unauffälligen Kleidung und zurückhaltenden Art fast unsichtbar wurde.
Traurig ließ ich den Kopf hängen ... ich würde nächstes Jahr 30 Jahre alt werden und hatte außer zwei kurzfristiger unbedeutender Beziehungen noch nichts vorzuweisen.
Anne, meine seit Grundschultagen beste Freundin, hatte zu dieser Zeit schon ihre vermutlich zehnte Beziehung. Sie war das komplette Gegenteil von mir. Wunderhübsch, mit langen glänzenden blonden Haaren, strahlendblauen Augen und einer atemberaubend weiblichen Figur ... sie war schlicht der wandelnde Männertraum.
Klar, ich hatte auch eine weibliche Figur, aber ich empfand meinen Busen einfach zu groß, während ich fand, dass ihrer einfach wunderbar zu dem Rest ihres Körpers passte. So trug ich also lieber weite Oberteile, um meine Brüste zu verstecken, während Anne's Blusen und Tops nicht enger und figurbetonter ausfallen konnten.
Aber Anne war bereits seit Grundschultagen meine beste Freundin und wir waren gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen, so dass ich keinerlei Neid oder Eifersucht empfand.
Als Anne und ich uns am Samstag nach dem Rausschmiss von Herrn Konrad zum Frühstück in der Stadt trafen und ich ihr von seinen verletzenden Worten mir gegenüber berichtete, runzelte sie die Stirn und fragte: "Sag mal, Merle, findest Du Dich eigentlich wirklich so wenig attraktiv, dass diese Worte von so einem unterbelichteten Vollidioten Dich so hart treffen?"
"Na ja", murmelte ich und versuchte die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, "ich bin nicht so sicher, was das angeht. Vielleicht hat er ja ein bisschen recht mit dem, was er gesagt hat. Prüde, komische Klamotten, und so ..." Ich sah demonstrativ an mir herunter und zupfte mit dem Finger an meinem weiten Schlabbershirt und meiner etwas zu weiten Jeans. "Ein Objekt der Begierde bin ich doch wirklich nicht, wenn ich mich mal so mit Dir vergleiche. Ich habe da einfach kein Händchen für."
"Ach, Merle, das ist doch Quatsch", sagte Anne und legte mir mitfühlend die Hand auf den Arm, "Du bist eine tolle Frau. Ok, Du hast vielleicht ein paar kleine Komplexe und bist etwas schüchtern, aber das ist doch noch lange kein Grund, dass jemand Dich so runterzieht." Kopfschüttelnd sprang sie auf und riss mich an der Hand mit sich. "Komm, wir gehen jetzt shoppen."
"Nein, Anne, bitte nicht", jammerte ich, "das bringt doch nichts."
"Und ob das was bringt! Du hast doch sicherlich genug Geld auf dem Konto, so wenig wie Du für Klamotten und sonstige Luxusgüter ausgibst. Also sei kein Geizkragen und lass uns gehen."
Freudig strahlte Anne mich an und irgendwie schaffte ich es nicht, ihr den Wunsch abschlagen. Ich hasste zwar nichts mehr als Shoppingtouren durch überfüllte Innenstädte, stickige Umkleidekabinen waren mir ein Graus und da ich mir die aktuelle Mode an meinem Körper zumeist eh nicht vorstellen konnte, verzichtete ich nur zu allzu gerne darauf. Heute würde ich aber wohl nicht darum herumkommen und folgte Anne schließlich ergeben in Richtung der ersten Boutique.
Vier Stunden später hatten wir in drei Läden ordentlich zugeschlagen und ich war stolze Besitzerin von vier - für meinen Geschmack viel zu engen - T-Shirts, zwei Gott sei Dank theoretisch auch hoch zuzuknöpfenden Blusen, zwei knackig sitzenden Jeanshosen, einem unverschämt kurzen Rock und einer wirklich schicken Lederjacke.
"So, jetzt brauchen wir nur noch die passenden Schuhe", freute Anne sich angesichts unserer Ausbeute und schwenkte fröhlich die gefüllten Plastiktüten durch die Luft.
"Lass uns das ein anderes Mal machen, ich kann schon nicht mehr laufen. Und diese ganze Anprobiererei macht mich wahnsinnig. Ich hasse Shoppen!", maulte ich, doch natürlich kam ich bei Anne auch damit nicht durch und eine weitere Stunde später besaß ich zwei Paar neue Schuhe.
Als wir endlich zum Verschnaufen ein weiteres kleines Café in der Innenstadt aufgesucht hatten und ich meine schmerzenden Beine massierte, ging Anne zum nächsten Angriff über.
"Jetzt wird es Zeit, dass wir endlich einen Mann für Dich finden", sagte sie bestimmt und begann sich demonstrativ umzugucken.
"Anne, bitte lass das, das ist echt peinlich", meinte ich verlegen und ging fast ein wenig in Deckung. "Ich glaube nicht, dass gerade hier der passende Mann rumsitzt."
"Nein, vermutlich hast Du recht", grübelte Anne mit gerunzelter Stirn, "aber ich habe da schon so eine Idee, die für Dich genau passend ist. Hast Du heute Abend schon was vor?"
Prüfend sah ich sie an und sagte misstrauisch: "Nein?"
"Prima, ich komme so gegen 20.00 Uhr direkt nach dem Sport bei Dir vorbei. Wir brauchen lediglich Deinen Computer."
Verwirrt schaute ich sie an, aber bevor ich den Mund zur Frage öffnen konnte, lächelte sie vielsagend: "Du wirst schon sehen..."
Abends machten wir es uns vor meinem nagelneuen Computer, auf den ich mächtig stolz war, gemütlich und tranken ein Glas Wein.
"Also, pass auf, es gibt da mittlerweile diverse Seiten im Internet, auf denen man einen Partner finden kann ...," begann Anne.
"Wie bitte?", unterbrach ich sie entsetzt und wollte schon aufspringen. Das konnte ja wohl nicht ihr Ernst sein. Anne hielt mich jedoch am Pullover fest und zog mich zurück auf meinen Stuhl.
"Hör Dir doch wenigstens erstmal an, was ich mir Geniales ausgedacht habe", maulte sie beleidigt.
"Hm," brummte ich widerwillig und wandte das Gesicht demonstrativ von ihr ab.
"Hier zum Beispiel, die Seite heißt Friendscout24 und man eröffnet dort ein Profil, in dem man Bilder von sich hochladen, Fragen über sich beantwortet und bestimmte Suchkriterien angeben kann."
"Suchkriterien?", fragte ich spöttisch.
"Ja, genau, zum Beispiel wie Dein Traumprinz aussehen sollte, Haarfarbe, Augenfarbe ... und wie groß sein bestes Stück mindestens sein sollte ..."
"Was?", rief ich entsetzt.
"Mensch, Merle, das war ein Scherz", lachte Anne sich kaputt, "das musst Du Dir dann tatsächlich später in Natura ansehen. Komm, ich zeig Dir mal ein paar Seiten von Leuten, die da schon angemeldet sind."
Flink huschten ihre Finger über die Tastatur und innerhalb der nächsten Stunde beschäftigten wir uns mit dem Studieren von Profilen bereits vorhandener Mitglieder.
Etwas widerwillig musste ich zugeben, dass das gar nicht so uninteressant war und sich manche Profile wirklich nett anhörten. Allerdings zerbrach ich mir sofort den Kopf darüber, ob diese Bilder immer der Wahrheit entsprachen. Manche sahen nämlich aus, als wären sie direkt aus der Modezeitschrift abgeknipst.
Anne, die meine Skepsis zu bemerken schien, schüttelte rasch den Kopf: "Klar sind da welche bei, die nicht echt sind, aber das lernt man schnell zu unterscheiden."
Prüfend sah ich sie an: "Sag mal, warum kennst Du Dich eigentlich so gut aus damit? Sag nicht, Du hast hier selbst ein Profil?"
"Doch, habe ich. Seit genau fünf Monaten", gab sie fast stolz zu und straffte ihre Schultern.
"Aber ... Du hast doch Jan, warum brauchst Du das dann?" Ich dachte an den hübschen Jan, mit dem Anne seit knapp acht Monaten zusammen war und der sie abgöttisch zu lieben schien. Ich konnte mit bestem Willen nicht verstehen, warum sie sich ein Profil auf einer Partnervermittlungsseite eingerichtet hatte ... und das sogar erst, nachdem sie mit Jan zusammengekommen war.
"Ach, ich war einfach neugierig. Ich hatte im Wartezimmer beim Zahnarzt in einer Zeitschrift einen Artikel über Friendscout24 gelesen und musste das dann unbedingt selbst ausprobieren." Sie warf ihre langen blonden Haare in den Nacken und zwinkerte mir vergnügt zu. "Ich habe bisher nur andere Profile durchgelesen und glaub mir, das kann richtig lustig sein."
"Weiß Jan davon?"
"Natürlich nicht, das würde wohl ein bisschen komisch bei ihm rüberkommen, denkst Du nicht?" Sie schüttelte angesichts meiner Frage belustigt den Kopf und wandte sich dann wieder dem Bildschirm zu. "Also, nun aber genug von Jan und mir. Wir sitzen hier, um Dir ein Profil einzurichten. Konzentrier Dich also und gib mir die Antworten auf die Fragen, die ich Dir gleich stellen werde, okay?"
Immer noch nicht restlos überzeugt, stimmte ich schließlich zu und wir konzentrierten uns bis weit nach Mitternacht darauf, mir ein anständiges Profil einzurichten.
Gefühlte 100 Fragen und Antworten später, betrachteten wir beide zufrieden das Ergebnis.
"Sieht doch gut aus", freute sich Anne und massierte sich die Schulter, "jetzt fehlt nur noch ein schönes Foto."
"Muss das denn unbedingt sein?", fragte ich unsicher, "irgendwie ist mir der Gedanke unangenehm, wenn mein Bild im Internet steht. Wenn das irgendjemand sieht!"
"Na ja, genau darum geht es hier aber schließlich. Die Mitglieder wollen ja nicht nur was lesen, sondern sich auch ein ungefähres Bild vom Gegenüber machen. Komm, gib Dir einen Ruck und teste es wenigstens. Wenn Du das Gefühl hast, dass Du damit gar nicht leben kannst, können wir es immer noch wieder rausnehmen." Hoffnungsvoll sah sie mich mit ihren großen blauen Augen an und schließlich seufzte ich und begann in meinen Bildern aus dem letzten Mallorca-Urlaub zu wühlen.
"Ja, das hier ist super", schrie Anne begeistert auf, als ein Foto von mir am Strand von Cala Ratjada auftauchte. Es zeigte mich im Sand sitzend, während ich lächelnd in die Kamera blinzelte. Meine braunen Haare waren hochgesteckt und einzelne Strähnen fielen mir locker auf die Schulter, was erstaunlich lässig aussah. Auch mein Lächeln wirkte auf dem Foto echt und nicht so gekünstelt, wie es auf diesen gestellten Fotos oftmals der Fall war. Ja, man konnte schon sagen, dass ich auf diesem Foto ausnahmsweise mal gut getroffen war.
Allerdings gab es da einen winzig kleinen Haken, der für mich eigentlich ein Ausschlusskriterium darstellte.
"Was ist? Das ist doch gut, das nehmen wir! Oder nicht?", fragte Anne in meine Bedenken hinein.
"Ich weiß nicht ... Guck doch mal, wie leicht bekleidet ich darauf bin."
Leicht bekleidet war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber für meine Verhältnisse war es schon recht freizügig. Ich trug über meinem Bikini lediglich ein großes Wickeltuch, welches zwar alle eventuell anstößigen Körperteile verdeckte, aber dennoch erahnen ließ, dass ich nichts weiter als den Bikini darunter hatte.
"So ein Quatsch," lachte Anne, "da sieht man doch gar nichts. Außerdem erkennt man sofort, dass es sich um ein Urlaubsfoto handelt und jeder weiß, dass man nicht mit hochgeschlossenem Business-Look am Strand hockt. Gib jetzt her, ich scanne es ein und dann können wir es hochladen."
Mit ungutem Gefühl ließ ich mich also überreden und schon bald betrachteten wir mein nunmehr komplettes Profil.
"Klasse, das wird was, das habe ich im Gefühl. Irgendwo in den Weiten des Internets versteckt sich Dein Traumprinz und wartet nur darauf, von Dir gefunden zu werden." Anne klatschte begeistert in die Hände und erhob sich. "Jetzt wird es aber auch echt Zeit für mich. Berichte mir sofort, wenn sich irgendwas tut, ok?"
Lachend umarmten wir uns und ich versicherte Anne, dass ich umgehend zum Hörer greifen würde, sobald die ersten Nachrichten eintrafen.
Nachdem Anne gegangen war, schaltete ich den Computer aus, ohne auch nur einen weiteren Blick auf mein Profil zu werfen.
Erst Tage später brachte ich es dann tatsächlich über mich und meldete mich wieder bei Friendscout24 an. Vielleicht war es die Furcht davor, dass sich auch in dieser virtuellen Welt niemand für mich interessieren würde, vielleicht aber war auch das Gegenteil der Fall. Was, wenn da tatsächlich jemand auftauchte, der mir richtig gut gefallen würde? Noch kam es mir geradezu unvorstellbar vor, dass ich es jemals wagen würde, ihn dann auch wirklich zu treffen.
Überrascht sah ich, dass mein Profil bereits stolze 17 Nachrichten-Eingänge aufwies. Ebenfalls hatte es schon eine beachtliche Anzahl an Besuchern zu verzeichnen.
Die ersten Nachrichten, die ich öffnete, waren schlicht zum Wegrennen.
Nicht nur, dass die Herren nur so mit Anzüglichkeiten um sich warfen - dafür hatte ich nun wirklich lange genug Herrn Konrad gehabt - nein, auch ihre Profilbilder waren einfach nur abschreckend ... obwohl ich mir vorher eigentlich geschworen hatte, keinen großen Wert auf Äußerlichkeiten zu legen. Aber so ganz ohne optische Sympathiepunkte ging es dann wohl doch nicht.
Es folgten ein paar sehr nett geschriebene Nachrichten, die ich nicht sofort löschte, bei denen ich mir aber aufgrund des großen Altersunterschiedes oder wegen anderer mir nicht zu passen scheinender Aspekte noch überlegen wollte, ob ich zurückschrieb. Zwei weitere Nachrichten, die mir sehr gut gefielen, beantwortete ich so ausführlich wie möglich und hoffte insgeheim, dass ich wiederum Antwort bekam.
So vergingen einige Wochen und ich musste mir nach und nach eingestehen, dass es mir tatsächlich Freude bereitete, mich abends vor den Computer zu setzen, eingegangene Mails zu lesen und Antworten zu verfassen.
Mittlerweile hatte ich sogar drei regelmäßige Kontakte. Zum einen war da Fred, 35 Jahre alt, der ganz in der Nähe wohnte, allerdings schon ein Kind von 2 Jahren hatte und von der Mutter seines Kindes geschieden war. Er war witzig, sah nach seinem Profilbild zu urteilen recht nett aus und es machte Spaß von ihm zu lesen oder ihm zu schreiben.
Dann war da noch Stefan, 30 Jahre, unglaublich hübsch, mit dunklen Haaren, dunkelbraunen Augen und wunderschönen Grübchen. Er wohnte allerdings in Leipzig und das wiederum erschien mir aufgrund der vielen Kilometer, die zwischen uns lagen, doch irgendwie unrealistisch. Dennoch schrieben auch wir uns regelmäßig und ich hatte das Gefühl, dass Stefan immer mehr darauf brannte, mich endlich persönlich kennenzulernen.
Auch Miquel, 28 Jahre, ein gebürtiger Portugiese aus Münster, hatte gewisse Reize. Ihm schrieb ich nun schon am längsten, da er einer der ersten war, die mir eine Nachricht geschrieben hatten. Somit hatte ich mittlerweile fast schon das Gefühl, ihn irgendwie zu kennen, auch wenn wir uns natürlich noch nie gesehen hatten.
Ich staunte über mich selber, wie leicht es mir auf diese Weise fiel, mich meinem jeweiligen Gesprächspartner zu öffnen. Im "wahren Leben" - wie ich es gern nannte - wäre ich nicht im Traum darauf gekommen, beispielsweise Fred zu erzählen, wie sehr ich mich nach einer festen Beziehung sehnte, in der es auch in sexueller Hinsicht gut funktionierte. Auf seine Frage, was genau ich mir da denn vorstellen würde, rutschten wir im Laufe des Gesprächs in eine gewisse Intimität ab und ich weiß jetzt noch, dass ich knallrot vor meinem Computer saß und Gott dafür dankte, dass mich gerade niemand sehen konnte.
Wahrscheinlich war dann auch dieses Gespräch letztendlich der Grund dafür, dass ich auf das Drängen von Fred, uns nun endlich auf einen Kaffee zu treffen, immer ausweichend reagierte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, ihm gegenüberzusitzen und in seine Augen zu sehen, während ich mir in Erinnerung rufen würde, dass Fred bereits wusste, was für Vorlieben ich im Bett hatte. Vermutlich würde ich das gesamte Café mit meinem feuerroten Kopf zum Leuchten bringen.
So kam es schließlich dann auch, dass Fred mehr und mehr das Interesse verlor, da er das Gefühl nicht loswurde, dass ich eigentlich gar keine Lust darauf hatte, ihn kennenzulernen. Irgendwann hörte ich nichts mehr von ihm.
Anne war von der ersten Minute an brennend interessiert an meinen "Fortschritten", wie sie es nannte. Warum ich nach Monaten immer noch niemanden getroffen hatte, wollte ihr partout nicht einleuchten und sie drängte bei jedem Anruf und jedem Treffen darauf, mir doch endlich einen Ruck zu geben und ein erstes Treffen mit einem potentiellen Kandidaten zu wagen.
Auch fand sie es überhaupt nicht schlimm, dass Stefan - ihr absoluter Favorit - so weit weg wohnte.
"Na und? Merle, er ist 30 Jahre und freiberuflicher Journalist. Der kann doch theoretisch überall wohnen. Was spricht denn dagegen, dass Ihr Euch kennenlernt und schaut, wohin Euch der Weg führt?", meinte sie, als wir mal wieder einen gemeinsamen Kino-Abend verbrachten.
"Ja, schon, aber ich habe irgendwie Angst, dass das Treffen trotzdem katastrophal wird. Wir wissen mittlerweile so viel vom anderen und dennoch werden wir uns fremd sein. Was, wenn wir uns im echten Leben überhaupt nicht verstehen und er sauer wird, dass er für mich so weit gefahren ist?", fragte ich sie unsicher.
"Das gehört halt dazu", meinte Anne, "aber wie heißt es so schön: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Komm, gib Dir einen Ruck und lad ihn ein. Ihr müsst Euch ja nicht gleich am ersten Abend in den Kissen wälzen, aber wenn es doch so kommt ... warum nicht?"
Während Anne lachte und sich scheinbar gerade vorzustellen schien, wie es mit Stefan und mir ablaufen könnte, stieg mir bereits wieder die Röte ins Gesicht.
Puh, ich war da, glaube ich, nicht für gemacht. Mein ruhiges Leben gefiel mir doch eigentlich auch gar nicht so schlecht. Vielleicht sollte ich es einfach dabei belassen.
Tatsächlich kam es dann aber doch so, dass ich an einem regnerischen Samstagnachmittag den Rechner mit dem Ziel einschaltete, Stefan eine Nachricht zu schreiben, in der ich ihm vorschlagen wollte, mich zu besuchen.
In Gedanken hatte ich mir bereits die Worte zurechtgelegt, die ich gleich in die Tastatur tippen würde, war aber immer noch nicht ganz überzeugt davon, dass es wirklich eine gute Idee war.
Nachdem ich mich eingeloggt hatte, sah ich, dass ich fünf neue Nachrichten erhalten hatte. Drei löschte ich aufgrund des vulgären Inhalts direkt wieder, eine war von Miquel, der wissen wollte, wie es mir ging und wie ich diesen schrecklichen Regentag verbrachte, und die letzte neue Nachricht war von Tom.
Hallo Unbekannte ... so oft bei mir und doch kein Wort?
Ich starrte auf den Bildschirm und rutschte verlegen auf meinen Stuhl hin und her.
Leider war es so, dass man jeden neuen Besucher auf seinem Profil angezeigt bekam, egal, ob er letztendlich eine Nachricht hinterließ oder nicht. Auf Tom's Profil war ich vor einiger Zeit gestoßen, als ich dabei war, mich durch die diversen Profile zu klicken. Ich war an seinem irgendwie hängengeblieben, da zum einen sein Profilbild eine gewisse Faszination auf mich ausübte und zum anderen seine Worte mich magisch anzogen.
Tom beschrieb sich selbst als ausgeglichen, ruhig, harmoniebedürftig und hoffnungslos romantisch. Mal ehrlich, das sind ja schon mal Kriterien, die nicht zu verachten sind.
Hinzu kam, dass er z.B. Fragen nach der Traumfrau mit "Ich erhoffe mir, eine Frau zu finden, mit der ich seelenverwandt bin, mit der ich reden, weinen und lachen kann und die mich so nimmt wie ich bin. Ich würde sie auf Händen durch's Leben tragen und immer versuchen, sie mindestens einmal am Tag herzlich zum Lachen zu bringen" beantwortete. Ich war förmlich dahin geschmolzen, als ich diesen Satz das erste Mal gelesen hatte. Gab es solche Männer wirklich?
Ferner hatte er fast identische Hobbies wie ich: Ich liebe Kinoabende, egal ob romantische Komödie, Actionfilm oder spannender Thriller. Lesen, Musik hören - gerne Rock, Pop und auch mal Klassik -, Konzertbesuche, entspannte Urlaube, vorzugsweise am Strand .... Genau das Gleiche machte auch ich gerne. Was also hatte mich bisher davon abgehalten, ihm einfach eine Nachricht zu schicken? Ganz klar ... sein Aussehen.
Tom hatte insgesamt drei Profilbilder eingestellt und angesichts der Tatsache, dass er darauf immer gleich aussah, konnte man annehmen, dass es keine Fake-Bilder waren, sondern es sich wirklich um ihn handelte.
Sofort aufgefallen waren mir seine dunklen, fast schwarzen Haare, die auf jedem der Bilder leicht zerzaust wirkten. Seine Augen waren wohl die blauesten, die ich je gesehen hatte und ich hatte mich schon mehrfach gefragt, ob sie in echt wohl auch so strahlen würden. Seine Gesichtszüge waren markant und männlich und wirkten fast wie in Stein gemeißelt. Die gerade Nase war einfach perfekt und die Lippen wirkten voll und irgendwie sinnlich.
Auf den beiden Bildern, auf denen nicht nur sein Gesicht zu sehen war, sondern ihn einmal auf dem Fahrrad sitzend und einmal im Anzug - scheinbar auf einer Feierlichkeit – zeigten, konnte man erkennen, dass er eine sportliche, man könnte auch sagen fast athletische Figur hatte, sehr groß war - nach eigenen Profilangaben 1,92 m –, und er ganz offensichtlich über einen guten Kleidungsstil verfügte.
Er war einfach zu perfekt, zu schön, als dass ich je auf die Idee gekommen wäre, so einem Mann eine Nachricht zu schicken. Ich, Merle, die kleine graue Maus, die hier hinter dem Computer hockte und heimlich die schönsten Männer der Friendscout24-Seite durchklickte. Nein, das erschien mir lächerlich.
Dennoch musste ich zugeben, dass ich in den letzten Wochen wohl sehr häufig auf dem Profil von Tom gewesen war. Keine Ahnung warum, ich hatte einfach Freude daran, ihn mir anzusehen und wieder und wieder seine Antworten auf die gestellten Fragen durchzulesen, die mir so gut gefielen.
Nun war es ihm also aufgefallen und sicher fragte er sich, warum ich ihn immer wieder anklickte. Instinktiv bekam ich ein schlechtes Gewissen, obwohl ich ja nichts Verbotenes getan hatte, sondern lediglich in eine gewisse Bewunderung für ihn verfallen war. Sollte ich zurückschreiben oder einfach vermeiden, sein Profil wieder anzuklicken? Ich entschied mich nach längerer Grübelei für die erste Möglichkeit.
Entschuldige, ich wollte nicht lästig werden.
Ach, Merle, schalt ich mich, nachdem ich die Nachricht versandt hatte, das ist wieder so typisch für Dich. Sofort eine Entschuldigung raushauen und ins Schneckenhaus verkriechen, obwohl du doch eigentlich gar nichts gemacht hast, für das Du Dich schämen müsstest. Maßlos ärgerte ich mich wieder einmal über mein fehlendes Selbstbewusstsein.
Genervt von mir selber wandte ich mich vom Computer ab, um mir in der Küche einen Kaffee aufzusetzen. Als ich gerade aufstehen wollte, kündigte ein leises Ping eine neue Nachricht an. Verwundert drehte ich mich wieder dem Bildschirm zu und sah, dass sich ein Chat-Fenster geöffnet hatte, das jetzt mitten auf dem Bildschirm stand.
Tom: Mit keinem Wort habe ich gesagt, dass Du mir lästig bist. Ich hätte mich jederzeit über ein Hallo von Dir gefreut ...
Oh Mist, er war gerade online. Das war mir vorhin völlig entgangen, als ich seine Nachricht beantwortet hatte. Als ich jetzt hinsah, konnte ich deutlich das Wort "online" hinter seinem Namen lesen.
Nun kam ich irgendwie in Handlungszwang, da er nicht über die Nachrichten-Funktion geschrieben hatte, sondern direkt eine Chat-Unterhaltung gestartet hatte. Ich könnte es natürlich einfach ignorieren, aber warum? Nein, ich entschied mich, ihm zu antworten:
Merle: Stimmt, Du hast Recht, ich hätte zumindest mal Hallo sagen können. Also: Hallo!
Tom: Ah, ich sehe schon, Du bist keine Frau der großen Worte. Trotzdem schön, mal was von Dir zu lesen. Ich bin Tom und Du bist ...?
Merle: Ich bin Merle. Und nein, eigentlich rede ich schon ein bisschen mehr.
Tom: Merle, ein ungewöhnlicher Name, gefällt mir.
Merle: Danke schön. Ja, meine Eltern wollten etwas ausgefallenes, keine weitere Stefanie, Susanne oder Melanie, von denen es in meinem Geburtsjahr wohl schon jede Menge gegeben hat.
Tom: Das war eine gute Idee Deiner Eltern. Meine waren da leider weniger einfallsreich. Ich heiße eigentlich Thomas, aber so nennt mich niemand. Also, bleib auch Du bitte gerne bei Tom.
Merle: Das mach ich.
Tom: Also, Merle, was machst Du so an einem solch regnerischen Samstag?
Merle: Ich schreibe Dir :-) ... Nein, Spaß beiseite. Ich bin nebenbei damit beschäftigt meinen Papierkram weg zu sortieren und die Wohnung ein wenig auf Vordermann zu bringen. Und Du?
Tom: So, so, nebenbei also? Eigentlich wäre es doch schön, wenn Du Deine volle Aufmerksamkeit gerade auf den Bildschirm richten würdest, oder? Ich zumindest warte gespannt auf Deine nächste Nachricht ...
Oh, wie war denn das jetzt gemeint? War er beleidigt, dass ein Mann wie er nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit einer Frau bekam? Ein erneutes Ping kündigte eine weitere Chat-Nachricht an.
Tom: Das kam jetzt komisch rüber, oder? War aber nicht so gemeint. Ich persönlich finde es nur einfach schön, wenn man das Gefühl hat, dass das Gegenüber sich voll auf die Unterhaltung konzentriert. Wenn wir zwei im Restaurant sitzen würden, würdest Du wohl auch nicht nebenbei Rechnungen sortieren, oder? ;-)
Ich musste schmunzeln.
Merle: Nein, definitiv nicht :-) Du hast ab jetzt meine ungeteilte Aufmerksamkeit.
Tom: Schön. Also erzähl mir mal von Dir ...
Merle: Was möchtest Du denn wissen?
Tom: Fragen mit Gegenfragen zu beantworten ... auch so eine Unart ;-)
Merle: Ich weiß gerade einfach nicht, womit ich beginnen soll.
Tom: Wie wäre es hiermit: Welchen Film wirst Du Dir als nächstes im Kino anschauen?
Merle: "Die zauberhafte Welt der Amelie" hört sich interessant an. Den möchte ich unbedingt noch sehen.
Tom: Eine gute Wahl. Ist Dir aufgefallen, dass die Filme, die Du in Deinem Profil als Deine Lieblingsfilme genannt hast, identisch mit den meinen sind?
Aha, er hatte sich also mein Profil durchgelesen. Ich merkte, wie mein Herz einen kleinen Hüpfer machte. Ich verglich schnell seine Einträge mit den meinen und stellte fest, dass wir in der Tat exakt die gleichen Filme angegeben hatten.
