Nurs Geheimnisse - Najat El Hachmi - E-Book

Nurs Geheimnisse E-Book

Najat El Hachmi

0,0

Beschreibung

Najat El Hachmis erster Jugendroman – über die schlaue Nur, die Schriftstellerin werden will! Nur ist 12 Jahre alt, eine gute Schülerin und die Tochter von Eltern mit Migrationsgeschichte. Sie lebt mit ihrer Familie in einem bunten Viertel. Eines Tages bittet Nurs Lehrerin die Eltern zu sich in die Schule und verkündet ihnen eine wunderbare Neuigkeit: Nur wurde für ein Stipendium ausgewählt und kann ab dem kommenden Schuljahr die beste Oberschule der Stadt besuchen. Dies ist für sie einerseits eine große Chance, andererseits sorgt sie sich: Sie möchte weder ihre Familie noch ihr vertrautes Umfeld zurücklassen – und auch ihre beste Freundin und Cousine Aisha nicht allein lassen.  In der neuen Schule entdeckt sie eine Welt, die sich sehr von ihrer eigenen unterscheidet. Sie wird mit Ungleichheiten, Vorurteilen und Ablehnung konfrontiert und fühlt sich zum ersten Mal anders. Nur versucht, ihren Platz zu finden: zwischen zwei Kulturen, den unterschiedlichen sozialen Umfeldern – auf dem Weg zum Erwachsenwerden. In ihrem Tagebuch kann sie Konflikte und Gefühle zum Ausdruck bringen, ohne Menschen vor den Kopf zu stoßen oder Kompromisse eingehen zu müssen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Najat El Hachmi

Nurs Geheimnisse

Aus dem Katalanischen von Michael Ebmeyer

Inhalt

1 Ich heiße Nur, und ich werde Schriftstellerin

2 Eine (fast) ganz normale Familie

3 Langeweile

4 Mein erstes Mal Rausfliegen

5 Ein guter Tag

6 Ein Junge kann nicht dein bester Freund sein

7 Wir sind Muslime

8 Für das Leben gibt es keine Gebrauchsanweisung

9 Eine einmalige Gelegenheit

10 Wie ich Iimma und Baba von der einmaligen Gelegenheit erzähle

11 Die letzten Wochen in der Schule hier unten

12 Mein Sommerproblem

13 Der wichtigste Tag meines Lebens

13 Zweiter Teil

14 Streng dich an, Nur

15 Meine Hand gehört mir

16 Ein geniales Referat

17 Laura lädt mich zu sich ein

18 Geld, Geld, Geld

19 Was hast du hier zu suchen, Nur?

20 Schriftstellerin ohne Schreibtisch

21 Ich lade Laura ein

22 Anständig sein

23 Mädchen werden nicht »gegeben«

Über die Autorin

Über den Übersetzer

Für die sehr edle und geniale Anaïs

1Ich heiße Nur, und ich werde Schriftstellerin

28. Dezember

Ich werde Schriftstellerin, das weiß ich genauso gut, wie ich weiß, dass ich zwölf Jahre alt bin, dass ich lockiges Haar habe und dass ich das größte Mädchen in der sechsten Klasse bin. Ich werde sogar schon heute Schriftstellerin – nämlich, weil du mich liest.

Und ich schreibe dir hier das, was ich nicht laut sagen kann. Gedanken, Gefühle, Ideen und Dinge, die mir passieren, die ich aber aus verschiedenen Gründen mit niemand sonst teilen kann. Weil manche Themen bei mir zu Hause verboten sind, weil manches mir peinlich ist, weil ich mich manchmal selbst noch nicht verstehe oder weil es um persönliche Angelegenheiten von mir geht, über die ich ausschließlich in diesem Heft reden will. Denn dieses Heft ist ein sicherer und behaglicher Ort. Hier kann ich mich so ausdrücken, wie ich bin, ohne dass ich mich rechtfertigen muss, und ohne Angst, dass mich jemand auslacht.

Und nebenbei fange ich damit eben schon an, das zu sein, was ich als Erwachsene sein werde: Schriftstellerin. Dir kann ich das so frei heraus sagen. Denn es ist tatsächlich nichts, was ich bloß gerne will oder mir wünsche. Es ist kein Traum, von dem ich hoffe, er »möge in Erfüllung gehen«: Nein, ich sehe mich in der Zukunft, und ich WEISS, ich werde Schriftstellerin sein, so wie ich weiß, dass die Erde rund ist. Ich sehe meine Bücher – zwar nicht ihre Titel, aber mein Name steht groß darauf: Nur Lamharti Benzekri.

Und schau, wenn ich hier schon mit meinem Namen ankomme, teile ich dir direkt mit, dass ich beschlossen habe, ihn ein wenig zu ändern. Ich will mir keinen Künstlernamen zulegen, das nicht, aber es nervt mich schon lange, dass viele Leute meinen Vornamen falsch aussprechen. In meinem Pass steht nämlich »Nour«, und ich will das O streichen. Es ist zu gar nichts gut. Ein Geister-O, das bloß verwirrt, denn man spricht es nicht mit. Es kommt daher, dass Iimma und Baba (also meine Eltern) zwar das Amazic aus dem Norden Marokkos sprechen, aber die Schriftsprachen, also die offiziellen Sprachen, sind dort Arabisch und Französisch. Wenn unsere Namen in lateinischen Buchstaben geschrieben werden, dann auf die französische Weise. Obwohl wir kein bisschen französisch sind. Ich habe lange gebraucht, bis ich den Grund dafür kapiert habe. Und zwar haben die Franzosen eine Zeit lang in Marokko geherrscht, und damals musste alles auf Französisch sein, auch wenn die Leute eigentlich was anderes sprachen. Als das Land dann unabhängig wurde, zogen die Franzosen ab, aber ihre Art zu buchstabieren blieb da. Deshalb schreibt sich mein Name in den Papieren Nour: Auf Französisch wird OU wie U ausgesprochen und U wie Ü. Und ich sollte ja nicht Nür heißen. Ich weiß, das ist alles ziemlich verwirrend, aber wenn ich es dir hier erkläre, habe ich den Eindruck, ich kann es auch selber besser verstehen.

Wenn die Leute Nour lesen, sagen sie oft No-ur zu mir, und das klingt in meinen Ohren, wie wenn mit Fingernägeln über eine Tafel gekratzt wird. Als ich mir noch nicht das O gestrichen hatte, musste ich, wenn jemand meinen Namen geschrieben sah, immer wieder das gleiche Gespräch führen.

»Du heißt No-ur?«

»Nein, Nur. So wie das Wort nur. Mein Name schreibt sich aber N, O, U, R.«

»Also No-ur.«

»Nein, gesprochen NUR. Nur mit U.«

»Aber warum dann das O, wenn man es gar nicht hört?«

»Wissen Sie, was? Schreiben Sie einfach, ich heiße Anna.«

Den letzten Satz habe ich noch nie gesagt, aber ich hätte echt große Lust, das mal zu machen. Das Problem ist, niemand würde es glauben. Mit meinen krausen Haaren und meiner Hautfarbe wie Kaffee mit nur wenig Milch sehe ich nicht so aus, als könnte ich Anna heißen.

Ich finde meinen Namen, ehrlich gesagt, auch nicht so kompliziert. Aber für die Leute hier ist er halt ungewohnt, sie kennen nicht viele Nours. Jedenfalls bringt er mich immer wieder in Situationen, in die Mädchen mit Namen wie Anna oder Laura oder Josefina nie geraten. Okay, eine Josefina wird vielleicht manchmal gefragt, warum ihre Eltern ihr so einen Oma-Namen gegeben haben. Wie auch immer, ich gewöhnte mir schon als kleines Kind an, meinen Namen ohne das O zu buchstabieren: N, U, R. N, U, R. N! U! R! Und manchmal war ich wirklich kurz davor, mich Anna zu nennen, um nicht immer wieder das gleiche Gespräch führen zu müssen.

»Wie heißt du?«

»N, U, R. Nur!«

»Was? Wie?«

»N, U, R. Einfach Nur!!!«

Das wird alles anders, wenn ich erst eine bekannte Schriftstellerin bin und alle, die meine Bücher lesen, sich den Namen Nur Lamharti Benzekri einprägen. Ein bisschen lang ist er, das gebe ich zu, und nicht ganz leicht auszusprechen, aber egal, die Leute werden sich dran gewöhnen. Genauso wie ich gelernt habe, Highsmith richtig zu schreiben oder Conan Doyle, genauso werden sie Nur Lamharti Benzekri lernen.

Siehst du? Was ich gerade geschrieben habe, könnte ich nie laut sagen. Wie toll, dass du hier bist und mich liest! Ich könnte diese Dinge sonst nicht gut erklären, denn wenn mir solche Gedanken kommen, sage ich immer zu mir selbst: Sei nicht so eingebildet, Nur. Also das Gleiche, was mir manche aus meiner Klasse sagen würden, wenn ich ihnen verriete, dass ich mal Schriftstellerin sein werde, und zwar eine so bekannte Schriftstellerin, dass die Leute dann lernen, Nur richtig auszusprechen. Das wird das Leben für alle Nurs in Ländern leichter machen, wo der Name bisher falsch ausgesprochen wird. Aber weißt du, mir reicht es schon, dass sie in der Schule mit dem Finger auf mich zeigen und sagen: »Nur mit der Büchermacke«, »Nur liest Wörterbücher«, »Nur, die Streberin«. Da hätte bloß noch gefehlt: »Die hat so einen Schaden, die denkt, sie wird mal eine berühmte Schriftstellerin.« Wie gut ist es, dass ich diese Dinge hier sagen kann, ohne Angst, von irgendwem ausgelacht zu werden.

Manchmal entdeckt mich die Rovi (Carme Rovira, meine Klassenlehrerin), wie ich auf dem Schulhof alleine in einer Ecke sitze und in einen Krimi vertieft bin. Sie kommt zu mir und sagt: »Spiel doch lieber mit den anderen.« Ich hebe kurz den Blick, um zu sehen, ob das ein Befehl sein soll oder ein Vorschlag, dann lese ich weiter. Ich weiß nicht, wie sie es macht, aber die Rovi erwischt mich immer im spannendsten Moment – immer wenn ich gerade ganz kurz davor bin, zu erraten, wer der Mörder ist. Leider findet sie sich meistens nicht damit ab, dass ich sie gleich wieder loswerden will. Fast immer kommt sie dann noch näher, hebt kurz das Buch an, um zu sehen, was ich lese, und schüttelt bekümmert den Kopf: »Das ist doch nichts für dein Alter.«

Klar, sie hätte gerne, dass ich lächerliche Bücher lese, auf denen »Ab 8« oder »Ab 12« steht, aber das Alter ist doch bloß eine Zahl. Worauf es beim Lesen ankommt, ist nicht, wie alt du bist, sondern ob du den Text verstehst. Und wenn dich ein Buch genau jetzt interessiert, warum sollst du damit warten? Die Kinderbücher hatte ich alle schon in der ersten Klasse durch. Was hätte ich denn danach machen sollen? Mich zu Tode langweilen wegen einer Zahl, zwölf, die nichts über mich aussagt, weder über das, was ich mag, noch über das, was ich kapiere? Wie du dir denken kannst, schafft es die Rovi nie, sich bei mir durchzusetzen. Ich bin sofort wieder in meinen Krimi vertieft, und sie seufzt und verzieht sich. Dabei steckt sie die Hände in die Taschen des karierten Kittels, den sie in der Schule immer trägt.

Anscheinend gibt es Eltern, die ihren Kindern vorschreiben, was sie lesen dürfen und was nicht, je nach Alter. Aber die Rovira begreift nicht, dass bei uns zu Hause niemand Zeit hat, mir zu sagen, was ich lesen soll, oder rauszufinden, ob das, was ich lese, für mein Alter geeignet ist. Iimma und Baba glauben, an einem Buch kann nichts Schlechtes sein. Wenn mein Gesicht hinter einem Buch verborgen ist, sind sie beruhigt. Und das, obwohl sie selbst nie lesen und ich sie fast nie überreden kann, mir ein Buch zu kaufen, das dann wirklich nur mir gehört und das ich nicht in die Bibliothek zurückbringen muss. In meinem Zimmer – es ist klein, aber ich habe es für mich alleine, denn es ist das »Mädchenzimmer«, und ich bin das einzige Mädchen von uns vier Geschwistern – steht ein schmales Regal mit meinen Büchern: ein paar Wörterbücher, die mir die Nachbarin aus dem zweiten Stock geschenkt hat, als sie in ein Heim umgezogen ist, und die Bücher, die wir als Schullektüre hatten und die ich dann nicht an einen meiner Brüder weitergeben musste. Das sind meine Schätze.

Warum meine Eltern nie lesen, hat seine Gründe.

Baba ging in Marokko zwar zur Schule, aber nur für kurze Zeit: »Dann musste ich Ziegen hüten und danach Säcke schleppen.« Wenn er das erzählt, lachen meine Brüder sich kaputt. Ziegen! Baba lernte Arabisch, was, wie gesagt, nicht seine Muttersprache ist – bei ihm im Dorf sprechen alle Amazic und nichts anderes. Aber Amazic wird nicht geschrieben. Wenn man also Schreiben lernt, muss man auch eine andere Sprache lernen. Ist das nicht seltsam? Ich kann eigentlich kein Arabisch, denn mit Baba und Iimma rede ich natürlich in ihrer Sprache. Allerdings müssen wir samstags immer in die Moschee gehen, damit wir gute Muslime werden, und Arabisch ist die Sprache des Korans, des wichtigsten Buchs im Islam.

Baba hat sich auch das lateinische Alphabet beigebracht, er weiß selbst nicht, wie, denn Französischunterricht hatte er nie. Er kann jetzt nicht Highsmith lesen, aber er kann unsere Namen buchstabieren. Manchmal, wenn er auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzt, macht er etwas Lustiges: Er liest die eingeblendeten Namen der Leute laut vor, die die Nachrichten moderieren. Ein bisschen wie ein kleines Kind reiht er einen Buchstaben an den anderen und freut sich, wenn er am Ende den ganzen Namen entziffert hat.

Bei Baba ist es also umgekehrt wie bei mir. Mir reicht ein einziger Blick, um so was zu lesen. Wenn ich ihn vor dem Fernseher buchstabieren sehe, habe ich gemischte Gefühle. Denk nicht, es ist ganz einfach, zu merken, dass du solche Sachen besser als deine Eltern kannst. Das fühlt sich ein bisschen so an, als wäre ich weniger Kind und als wären sie weniger erwachsen – fast, als hätten wir die Rollen getauscht. Anderseits ist es schon immer so gewesen, für uns ist es normal. Aber als ich Baba einmal fragte, wie er die Buchstaben eigentlich gelernt hat, sagte er mir: »So im Vorübergehen.« Und als Witz ließ er auch noch ein Sprichwort folgen, das ihm gefällt: »Immer langsam und in Schönschrift.«

b) Iimma hat nie Lesen und Schreiben gelernt, denn in dem Dorf, wo sie geboren wurde, sah die Lage folgendermaßen aus:

b.1) Die Mädchen wurden im Haus gebraucht, da gab es immer viel zu tun, und die Hausarbeit galt als reine Frauen- und Mädchensache.

b.2) Die Schule war weit weg, und der Weg war für Mädchen zu gefährlich.

b.3) Eines Tages konnte Iimma den Jeddi Hamsa (also meinen Opa) trotzdem überreden, dass er sie zur Schule gehen ließ. Sie schaffte das, weil sie ihm versprach, sie würde ihre Mädchenarbeiten nicht vernachlässigen, sondern sie vor und nach der Schule erledigen, und sie würde auf dem Weg gut aufpassen und weder mit Spinnern noch mit Räubern sprechen. Iimma erzählt diese Geschichte oft, und jedes Mal verändert sie irgendwelche Details, zum Beispiel, welche Farbe ihr Kleid hatte oder ob sie einen oder zwei Zöpfe trug. Aber das Ende bleibt immer gleich: Als sie zurückkam und dem Jeddi sagte, sie müsse zur Schule einen Bleistift und ein Heft mitbringen, fragte er: »Und wie viel kostet dieses Heft?«

»Zwei Dirham«, sagte Iimma, und die Antwort darauf war für sie das Schlimmste, was sie je zu hören bekommen hatte.

»Dann bleibst du zu Hause. Hier kannst du dich nützlich machen, ohne dass wir dafür auch nur einen Dirham verschwenden müssen.«

Diese Geschichte erzählt Iimma jedes Mal, wenn sie sich machtlos fühlt, weil sie nicht lesen und schreiben kann. »Was steht da?«, fragt sie mich oft und reicht mir irgendein Papier rüber. Und seufzend fügt sie hinzu: »Wegen zwei Dirham bin ich für mein ganzes Leben dumm geblieben.«

Mir tut es weh, wenn sie das sagt, denn Iimma ist alles andere als dumm. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, sie ist sogar einer der klügsten Menschen, die ich kenne. Ihr wurde bloß etwas verwehrt, was mir selbst riesige Angst machen würde, wenn man es mir verwehren würde: Sie durfte nicht zur Schule gehen und lernen und damit ihre Bildung verbessern. Auch das ist wieder etwas, das ich nicht laut sagen kann. Denn in meinem Alter müssen wir behaupten, wir würden die Schule hassen. Aber ich gehe total gerne zur Schule! Mich macht das glücklich! Pscht, sag es bitte nicht weiter.

Was ich an meinen Eltern besonders mag: Auch wenn sie selbst nicht lesen, haben sie nie zu mir gesagt, ich soll nicht lesen. Schon seit ich klein war, haben sie mich zur Bibliothek gehen lassen. Und zu meinen Brüdern, die keine Bücher mögen, sagen sie immer, sie sollen trotzdem gut mit ihnen umgehen. Wenn sie eins auf dem Sofa oder sonst wo rumliegen lassen, hebt Iimma es auf, fährt mit der Hand drüber, als ob sie es streicheln würde, und stellt es behutsam im Wohnzimmer ins Regal.

Meine Eltern würden das mit den »Büchern, die nichts für dein Alter sind«, gar nicht verstehen. Wenn du ein Buch lesen kannst, dann ist es auch für dein Alter.

»Aber wenn es zu kompliziert geschrieben ist«, sagt die Rovi zu mir. Und ich antworte ihr: »Kein Problem, ich habe Wörterbücher.«

Weil sie dieses Jahr neu an die Schule gekommen ist, kennt die Rovi mich noch nicht so gut. Sie weiß noch nicht, wozu Nur Lamharti Benzekri, die zukünftige Schriftstellerin, fähig ist. Die anderen Lehrerinnen wundern sich längst nicht mehr darüber, dass ich während der großen Pausen lese. Die, die mich seit der Vorschule kennen, erklären der Rovi hoffentlich bald mal, wie früh ich lesen gelernt habe. Schon als ich vier war, fiel ihnen auf, wie ich auf der Gruppenliste den Finger auf die Namen der anderen Kinder legte und sie laut vorlas. Das ist fast so was wie eine Legende bei uns an der Schule und wird immer mal wieder erzählt: dass sie es anfangs kaum glauben konnten, weil ich ja aus einer Familie mit einer anderen Sprache kam, und von Iimma wussten sie, dass ich nicht im Kindergarten gewesen war. Die Erzieherin, die als Erste merkte, dass ich schon lesen konnte, dachte, ich sei eins dieser Kinder, die zu Hause von klein auf gedrillt werden, damit sie besonders schlau wirken. Dressiert wie Hündchen, mit Belohnung, wenn sie die Farben richtig benennen oder das Periodensystem runterbeten können. Aber so ging es bei uns ganz und gar nicht zu. Baba ist von früh bis spät bei der Arbeit, und Iimma ist zwar immer zu Hause, aber so damit beschäftigt, die Wäsche zu machen, Brot zu backen, Essen zu kochen, aufzuräumen und zu putzen, dass sie zu nichts anderem kommt. Bedenke, mein Bruder Abde war erst ein Jahr alt, als ich geboren wurde, und zwei Jahre später kam Ilias zur Welt. Der Einzige, bei dem es dann etwas länger dauerte (und der unerwartet kam, sagt Iimma – sie hätte mit drei Kindern schon genug zu tun gehabt), war Adam. Er ist jetzt vier und sozusagen das Maskottchen von uns allen. Jedenfalls, als ich klein war, schaffte es Iimma nur mit Ach und Krach, uns alle immer zu füttern und anzuziehen, da hätte sie gar nicht auf die Idee kommen können, uns auch noch zu dressieren, damit wir besonders schlau wirken – so wie es manche Mütter in Filmen machen, die, schon wenn sie schwanger sind, dem Baby im Bauch Musik vorspielen.

Ich weiß selbst nicht, wie ich lesen gelernt habe. Aber die Erzieherinnen erlaubten es mir, die paar Bücher aus der kleinen Schulbibliothek mit nach Hause zu nehmen. Diese Bibliothek bestand eigentlich nur aus zwei niedrigen Regalen im Lehrerzimmer, sie hatte keinen eigenen Raum. Den hat sie bis heute nicht. Es gibt in unserer Schule auch keine Aula und keine Sporthalle, so wie wiederum in Filmen oder in amerikanischen Serien. Unsere Schule ist eigentlich eine Notlösung. Sie besteht aus vorgefertigten Baracken, die aussehen wie diese Container hinten auf großen Lastwagen. Im Winter frieren wir furchtbar, und im Sommer vergehen wir vor Hitze. Jedes Jahr einmal kommt ein Inspektor von der Stadtverwaltung vorbei und sagt zur Rektorin, bald wird es Geld für ein richtiges Schulgebäude geben. Und das nächste Schuljahr fangen wir dann wieder in denselben Baracken an, in denen wir das vorige beendet haben. Wir sind so sehr daran gewöhnt, dass wir uns eine Schule mit gemauerten Wänden kaum noch vorstellen können.

Zum Glück kann ich inzwischen schon lange in die Stadtteilbibliothek gehen. Die ist zwar auch nichts Besonderes, aber immerhin gibt es da viele Bücher, die ich noch nicht gelesen habe. Und wenn ich eins will, das sie nicht haben, kann ich es bei Rosi, der Bibliothekarin, bestellen. Sie lässt es dann aus einer anderen Bibliothek kommen, und nach ein paar Tagen kann ich es mir abholen. Als ich zum ersten Mal hinging kam Iimma mit, um mir den Weg zu zeigen, aber schon beim zweiten Mal ging ich alleine. Und als ich zum ersten Mal dort eintrat, kam ich mir vor wie in einer Schatzhöhle. Ich wollte »Sesam, öffne dich!« rufen, so wie im Märchen von Ali Baba und den vierzig Räubern, das ich schon gelesen hatte. Der Bibliotheksausweis war wie das Zauberwort, das mir die Türen zu all den Geschichten öffnete, zu Orten, die ich nie zuvor gesehen hatte, zu lauter fantastischen Wesen.

Seitdem habe ich mich nie wieder gelangweilt. Und nach den ersten paar Büchern, die ich in der Bibliothek ausgeliehen und gelesen hatte, sagte ich mir: Ich werde Schriftstellerin!

2Eine (fast) ganz normale Familie

4. Januar

Um Schriftstellerin zu werden, muss ich üben und üben und üben. So lange, bis ich es hinkriege, genau das zu schreiben, was ich schreiben möchte. Das klingt einfach, denn eigentlich kann ich ja schreiben, was ich will. Aber es ist auch schwierig, weil ich selbst entscheiden oder rausfinden muss, was ich erzählen möchte und wie ich es erzählen möchte. Das habe ich von den Schriftstellern gelernt, deren Bücher ich gelesen habe: Sie haben immer ihre besondere Art, sich auszudrücken, und sie haben immer ihren ganz eigenen Blick auf die Geschichte. So wie wenn verschiedene Fotografen im selben Moment das gleiche Bild machen, und dann stellt sich heraus, die Bilder sind trotzdem alle unterschiedlich. Ich glaube, das nennt man »Perspektive«. Außerdem gibt es noch den »Stil«: Der ist das, was deine Art zu schreiben einzigartig macht, sodass es deine Art ist und nur deine. Ich weiß noch nicht, was mein »Stil« ist. Wenn ich versuche, mir Geschichten auszudenken, kommt bisher immer was mit Detektiven raus, sehr ähnlich wie die Geschichten von der Highsmith oder die über Sherlock Holmes. Das gilt natürlich nicht. Die Rovi hat ein paar von meinen Texten gelesen und sagt, sie gefallen ihr sehr, ich mache das toll. Aber ich weiß, ich äffe bloß nach, was andere geschrieben haben.

»Alle haben mal so angefangen«, sagt sie zu mir, »sei nicht zu streng mit dir.« Aber ich will Schriftstellerin sein und keine Nachmacherin. Darum habe ich beschlossen, so lange weiter zu üben, bis ich meine eigene Art finde, die Dinge zu sagen – das heißt meine Stimme.

Heute übe ich Beschreibungen. Denn wenn du nicht mal die Wirklichkeit, in der du lebst, mit Worten beschreiben kannst, wie willst du dann eine ausgedachte Wirklichkeit beschreiben? Und weil es das ist, was mir am nächsten liegt, fange ich mit unserem Haus und mit meiner Familie an.

Wir leben in einer Wohnung im sechsten Stock, in einem Block mit zwölf Etagen. Der Hauseingang hat zwei Türen, die äußere ist mit einem dicken Gitter gesichert, die innere eine normale Tür. (Ich weiß, »normal« ist nicht gerade ein präzises Wort, aber ich lasse es stehen, weil mir kein besseres einfällt.) Das Gitter an der Außentür soll verhindern, dass ins Haus eingebrochen wird. Auch die Fenster im Erdgeschoss und in den ersten beiden Etagen sind deshalb vergittert. Die Gitterstäbe bestehen aus grauem, kaltem Eisen. Ich mag sie nicht, aber das ist keine Beschreibung, sondern eine Bewertung. Subjektiv. Mein Bruder Abde macht immer denselben Witz, wenn wir aus dem Haus gehen oder wieder beim Haus ankommen. Er klammert sich an das Gitter und brüllt wie die Häftlinge im Film: »Wachdienst! Wachdienst!«

Ich finde das nicht lustig, aber so ist mein Bruder eben, du wirst es noch sehen. Einmal machte er den Quatsch gerade, als Frau Mina nach Hause kam, die im dritten Stock, Wohnung A, lebt. Da war er plötzlich stumm. Ich würde sogar sagen, er wurde rot. Er hat allerdings so ein dunkles Gesicht, dass ich es nicht wirklich erkennen konnte. Der älteste Sohn von Frau Mina sitzt nämlich tatsächlich im Knast, weil er sich, wie sie sagt, »mit den falschen Leuten eingelassen hat«.

Ich mache weiter mit der Beschreibung unseres Blocks. Die Treppen sind schmal, unter dem ersten Absatz befinden sich die Briefkästen. Auch sie sind aus Metall, viele von ihnen verbeult und verrostet. An fast keinem steht ein Name, und der Postbote ärgert sich jedes Mal, wenn er mit einem Stapel Rechnungen kommt (unser Block kriegt nichts anderes als Rechnungen geschickt) und nicht weiß, wo er welchen Umschlag reinstecken soll. Am Ende schmeißt er sie einfach irgendwo ein, bündelweise, noch mit den Gummibändern drum, und beim Weggehen sagt er: »Sortiert sie halt selber.«

Es gibt auch einen Fahrstuhl, der ist sehr eng und macht ein Geräusch wie rasselnde Ketten, sobald er hoch- oder runterfährt. Dieses Geräusch höre ich bis in mein Zimmer, und dann denke ich an Geschichten von Geistern mit Eisenfesseln um die Knöchel. Ich nehme nie den Fahrstuhl, denn in der Zeit, die er bis in den siebten Stock braucht, füllt sich mein Kopf mit schrecklichen Vorstellungen, dass die Kabine im Schacht abstürzt und alle, die drin sind, sterben.

Das ist ein Gedanke, der mir immer wieder kommt: dass wir alle sterben werden. Deshalb kann ich nachts oft nicht schlafen. Mein Kopf ist ein bisschen wie der von Edgar Allan Poe – noch ein Schriftsteller, den ich sehr mag, obwohl ich ihn nur lesen kann, wenn andere Leute dabei sind. Wenn ich alleine bin, macht er mir solche Angst, dass ich danach ganz sicher kein Auge zutun würde. Manchmal bilde ich mir schon ein, dass ein Rabe mit mir spricht. Dabei gibt es bei uns im Viertel zwar alles Mögliche, aber keine Raben, schon gar keine sprechenden.

Die Treppenabsätze sind auch sehr schmal, so wie alles hier im Haus, gerade mal so breit wie die Tür, die auf den Korridor mit den Wohnungen führt. In der Wohnung A bei uns im sechsten Stock wohnt Loli. Sie ist eine Dame mit krummem Rücken und mit kaum noch Haaren auf dem Kopf. Die aber färbt sie sich in einem so grellen Rot, dass du gar nicht anders kannst, als sie anzustarren. Sie hat keinen Mann mehr (»Mein armer Paco«, sagt sie oft und blickt dabei nach oben, als hinge er unter der Decke ihrer Wohnung), und ihre Kinder sind in eine andere Stadt gezogen, sie kommen sie aber ab und zu besuchen. Loli verlässt das Haus nur, um einkaufen zu gehen. Sie verbringt den Tag auf ihrem kleinen Balkon, neben unserem, da sitzt sie in der Sonne. Ich starre ihre roten Haare an, aber auch ihre Füße. Denn sie trägt immer uralte Hausschuhe, die mit der Zeit eine ganz komische Form angenommen haben und aussehen wie Elefantenfüße. Ich habe sie nie barfuß gesehen, aber diese Hausschuhe machen den Eindruck, als ob ihre Füße sehr dick sein müssten. Dabei denke ich an das Buch Hexen hexen von Roald Dahl, auch wenn Loli überhaupt nicht böse aussieht.

In der Wohnung B auf unserer Etage leben mein Onkel und meine Tante mit ihren Kindern: Babas Bruder Azzi Mohamed, den wir ’Zizi nennen (der Apostroph, also das kleine Zeichen vor dem Namen, steht für einen Buchstaben, den es im lateinischen Alphabet nicht gibt, er spricht sich so ähnlich wie ein G, aber tiefer im Rachen); seine Frau Malika, die wir La-la nennen, und Aisha, meine Cousine und beste Freundin für immer. Wir haben das Glück, dass wir beide in dieselbe Klasse gehen, und manchmal dürfen wir in der Schule sogar nebeneinandersitzen. Aisha hat noch vier Geschwister: Fouad, Sabrina, Ayoub und den kleinen Abde. Der kleine Abde heißt mit vollem Namen nicht Abdelkader, wie mein Bruder, sondern Abdelrahim; auf Arabisch gibt es Millionen von Namen, die mit Abde beginnen.