Nwiab - Andreas Prün - E-Book

Nwiab E-Book

Andreas Prün

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Beschreibung

„Babygetue!“ So nennt der Vater die träumerische Flucht seines Sohnes Kai in seine eigene, heile Welt. In eine Welt voller Mutterliebe. Kais Mutter starb, als er neun Jahre alt war. Und er kann den schmerzlichen Verlust einfach nicht verarbeiten. Trost findet er nur in seiner Vergangenheit. Als seine Mutter ihn noch umsorgte. Sein „Babygetue“ bringt ihn wieder dahin zurück. Mit dem Daumen im Mund und einer Windel an fühlt er sich wieder klein. So klein wie damals. Als seine Mutter noch lebte. Und er bei ihr geborgen und sicher war. Er braucht diese Auszeiten einfach. Denn sicher ist er nun nicht mehr. Sein völlig verständnisloser Vater zwingt Kai, zum Mann zu werden. Er wird geschlagen und eingesperrt. Und Gespräche sind sinnlos. In seiner Not wendet sich Kai an seinen 24-jährigen Chatfreund Stefan. Der befreit ihn zwar aus den gewalttätigen Zwängen seines Vaters, doch in Sicherheit ist der Junge nicht. Es beginnt eine Zeit voller Missverständnisse und Enttäuschungen, die Kai fast in den Selbstmord treiben. Auf seiner Suche nach einer Familie, die ihn so liebt, wie er ist, muß der 14jährige Stärke zeigen, wie er es sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.

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Seitenzahl: 316

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Andreas Prün

Nwiab

Nur weil ich anders bin

Roman

Definition des Wortesnormal:

Alles, was von der Gesellschaft akzeptiert und/oder verstanden wird.

Gegenteil vonnormal:

abnormal, unnormal, andersartig, ggf. fremd

Books on Demand

Kai ist 13. Fast 14.

Und er ist anders als die andern.

Er ist das, was im Internet als „Teenbaby“ bezeichnet wird. Jugendliche, die sich mit babyartigem Verhalten Geborgenheit und Sicherheit vermitteln, die sich sonst nicht bekommen. Oder meinen, Sie nicht zu bekommen.

Kai ist ein Teenbaby. Er trägt Windeln und lutscht am Daumen. Wie ein Baby. Er träumt sich damit in seine heile Welt, als seine Mutter noch lebte.

Sie starb, als er neun Jahre alt war. Seitdem sind sein Vater und er alleine. Und er ist kalt. Schrecklich kalt zu seinem Sohn. Ohne Verständnis für sein kleinkindhaftes Verhalten eskaliert die Situation zwischen den Beiden. Er schlägt ihn, beleidigt ihn, sperrt ihn ein. Versucht krampfhaft, einen „Mann“ aus ihm zu machen.

Kai versteht seinen Vater nach dem Tod der Mutter nicht mehr. Versteht nicht, warum er nicht mehr geliebt wird. Nur sein Papa kennt den Grund. Und genau dieses dunkle Geheimnis wird für Kai zur Qual.

Nur bei seinem erwachsenen Chatfreund Stefan findet Kai Trost. Er versteht ihn, lebt ebenfalls in dieser „Szene“, ohne auch nur in geringsten Sinne jegliche Art von pervers zu sein. Es dauert, bis er sich ihm anvertraut. Ihm erzählt, was bei ihm zu Hause abläuft.

Und dann folgt ein Entschluss, der Kais Leben für in verändern sollte.

Hintergrund:

Nwiab (Nur weil ich anders bin) ist der erste Roman in deutscher Sprache, der eine Szene beschreibt, die meist auf Ablehnung stößt. Jugendliche und Erwachsene, die sich Windeln anziehen, an Schnullern oder Daumen nuckeln, um in Traumwelten zu flüchten, in den alles in Ordnung ist. Er behandelt den Teil der Szene, der keine sexuellen Hintergründe für dieses Verhalten zeigt. Die andere Hälfte ist meist das Gegenteil.

In unserer hektischen Zeit haben diese Menschen einen Weg gefunden, sich völlig zu entspannen. Ohne, das sie dabei jemanden schaden oder belästigen. Sie wollen vielleicht nicht als „normal“ bezeichnet werden, aber sie wollen akzeptiert werden, wie sie sind. Denn sie tun niemanden damit weh.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit den darin vorkommenden Personen, Orten oder Ereignissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Nwiab ist meinem Vater

Alfons Prün

*30.05.1946 †14.07.1995

gewidmet.

Ich konnte mir keinen besseren Papa wünschen.

Mögen alle Kinder dieser Welt so liebevolle Väter haben, wie ich einen hatte.

„Kein Tag vergeht, ohne einen Gedanken an dich.“

Danke

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Anfang

2. Chat

3. Babygetue

4. Überraschung für Papa

5. Geburtstag

6. Der Kollaps

7. Einsehen

8. Flucht

9. Flucht II

10. Begegnung Abschnitt 1

11. Begegnungen Abschnitt 2

12. Detektivarbeit

13. Zweiter Geburtstag

14. Falsches Spiel

15. Ausweglosigkeit

16. Autobahn

17. Vertrauensangst (I)

18. Anschuldigungen

19. Vertrauensangst (II)

20. Schöne, heile Welt

21. Der Schalter

22. Gespräche und Gedanken

23. Freundschaften

24. Schönes Wochenende

25. Der Abschied

26. Ein neues Zuhause

EINLEITUNG

Hallo.

Ich will euch eine Geschichte erzählen. Sie handelt von mir. Von mir und meinen Vater und Stefan, der 24 ist. Ich bin erst 14. Gerade geworden. Aber so richtig interessiert hat es keinen. Außer Stefan. Er hat mir übers Internet gratuliert:

Hallo Kai, mein Kleiner!

Ich wünsche dir alles Liebe und Gesundheit zu deinem 14. Geburtstag. Ich weiß, dass es heute ist. Du hast es mir beim chatten erzählt. Ich habe es mir extra aufgeschrieben, damit ich es nicht vergesse. Ja, und hier ist sie. Deine

„Happy Birthday Geburtstags-email“.

Ich hoffe, du feierst fest mit deinem Vater und Freunden. Ja, ich weiß, dein Daddy und du versteht euch nicht so ganz zur Zeit, aber ich denke, so ein Geburtstag ist doch auch eine super Gelegenheit, sich zu vertragen, stimmst? Ich weiß, es ist schwer und wenn es alles stimmt, was du mir so beim chatten erzählst (und davon gehe ich aus), dann wünsche ich dir von ganzem Herzen, das alles gut wird. Lass dich nicht unterkriegen. Und wenn du Hilfe brauchst, ich bin für dich da. Immer. Mail mich einfach. Du kannst mir alles erzählen. Und vielleicht kann ich dir auch helfen.

Ich hab dich sehr gern und möchte nicht, dass es dir schlecht geht. Ich will, dass du glücklich bist. Du bistdoch noch (fast) ein Kind.

Und wie gesagt, wenn du nicht mehr weiter weißt, oder du traurig oder verzweifelt bist, dann sprich mit mir. Es tut dir bestimmt gut.

Ich weiß, du willst kein Mitleid und so, aber das empfinde ich schon manchmal für dich. Und dann werde ich wütend, weil ich dir nicht mehr helfen kann. Blödes Gefühl ist das.

Also, lass es dir gut gehen an deinem Geburtstag. Und bleibe stark und vor allem so wie du bist.

dein Chatfreund Stefan

Das fand ich ganz toll. Ich hab mich sehr darüber gefreut. Er ist ein ganz lieber, ich mag ihn sehr, aber alles weiß er nicht von mir. Noch nicht. Mein Papa hat nicht mal angerufen. Und abends, kurz bevor ich ins Bett ging, sagte er es noch schnell. „Ach, das hab ich ja ganz vergessen. Alle Gute zum Geburtstag, Kai. Hattest du einen schönen Tag?“ Aber ich ging einfach in mein Zimmer. Wen juckt das schon.

Ich bin nicht gierig oder so was, aber einen Feier hätte ich mir schon gewünscht. Eine kleine halt. Mit Kuchen und so. Aber er hat keine Zeit, hat er gesagt. Er hat wichtige Termine hat er gesagt. Und ich bin nicht so wichtig.

Wie schon gesagt, ich heiße Kai und ich bin 14 Jahre alt. Mein Name gefällt mir eigentlich ganz gut. Schon deshalb, weil er in unserer Gegend nicht so oft vorkam. Zumindest kannte ich keinen, der auch so hieß. Geschwister hab ich keine. Meine Mutter ist bei einem Verkehrsunfall gestorben, als ich 9 war. Seitdem sind wir zwei alleine. Ich hatte meine Mutter sehr lieb und habe damals viel und lange geweint. Ich war tagelang so gut wie nicht ansprechbar, lag oft nur mit dem Daumen im Mund einfach so da und hab in die Luft gestarrt. Ich konnte einfach nicht begreifen, dass sie auf einmal nicht mehr da war. Meinem Vater brach es ebenfalls das Herz und auch er weinte viel. Allerdings heimlich, also, er versuchte es zumindest, aber ich habe ich es oft mitbekommen. Auch wenn nur seine Augen rot waren. Nach Tagen der Trauer begann dann mein Vater wieder zu arbeiten. Er stürzte sich gewissermaßen darauf, wohl, um zu vergessen oder das Geschehende besser verarbeiten zu können. Er veränderte sich. Früher lachte er viel und wir spielten oft zusammen, aber seit dem Tod von Mama nicht mehr. Es wurde so kalt. Wenn ich mich abends an ihn lehnte, um ein wenig zu kuscheln, war es nur kalt. Eisig. Er umarmte mich nicht, knuddelte mich nicht. Dabei hätte ich es so dringend gebraucht. Ich war schon immer sehr verschmust und anhänglich. Aber er gab mir nichts. Ich denke mal, dass ich ihm irgendwie im Weg war. Zumindest fühlte ich mich so. Vielleicht konnte er mit mir jetzt nichts mehr anfangen, jetzt war Mama tot war. Denn erst jetzt merkte ich, dass ich doch mehr an meiner Mutter hing, als an ihm. Ich meine, selbstverständlich waren wir auch oft zusammen und so, aber mit Mama trotzdem mehr, als mit ihm. Naja, logo, sie war ja auch den ganzen Tag zuhause. Und Papa war in der Arbeit. Deswegen liebe ich ihn natürlich auch. Er hat mich immer gut behandelt. Bis jetzt zumindest. Bis plötzlich alles anders wurde. Ich frag mich immer wieder, ob ich an allem schuld bin. Aber ich kann doch nix dafür, dass Mamanicht mehr lebt, oder?

Ich nehme mal an, dass ich deswegen ein Teenbaby bin, damit ich eine Welt abtauchen kann, die für mich früher Wirklichkeit war. Als wir noch zu dritt waren. Als man mich oft knuddelte. Und mit mir schmuste. Diese Bezeichnung „Teenbaby“ kannte ich vorher noch gar nicht, bis ich mal durch Zufall auf so eine Seite gekommen bin und da genau die Sachen standen, die ein Teenbaby ausmachen. Und das passte genau auf mich. Ich schlafe in der Nacht mit Windeln und pinkel auch da rein. Groß nicht, das gefällt mir nicht, aber klein schon. Da brauch ich nicht extra immer aufstehen und so. Da ich am Tag ja alleine bin, trage ich die Windeln auch tagsüber. Im Sommer lauf ich im Haus nur so rum. Nur mit der Windel an und dem Daumen im Mund. Nuckeln tu ich für mein Leben gern. Am Daumen und aus der Nuckelflasche. Und genau diese Sachen sind das Problem. Mein Vater hasst es. Das ganze Babygetue. Er kann weder die Windeln, noch das Nuckeln leiden. Und dabei kauf ich das alles von meinem eigenen Taschengeld. Aber das interessiert ihn nicht. Er will einfach, dass ich erwachsen werde, wahrscheinlich, damit er sich nicht mehr um mich kümmern muss oder so, und nicht, dass sein Sohn mit 14 Jahren noch in die Windeln pinkelt und am Daumen lutscht. Ein Baby ist. Ich traute mich nicht, es ihm zu sagen, und ich brauchte es auch nicht, denn er fand es an einem Wochenende selbst mal heraus. Das ist übrigens fast die einzige Zeit, wo wir zusammen sind. Er reagierte eigentlich ziemlich gelassen. Er dachte wohl, das wäre nur so eine Phase, also nix ernstes, aber da hat er sich getäuscht. Und mit jedem weiteren Tag, wurde es schlimmer und schlimmer. Ich versuche, es nur noch heimlich zu machen, aber er erwischte mich immer wieder und verbot mir alles. Papa steckte meine Hände vorm Schlafengehen in Verbände, damit ich nicht lutschen konnte. Er warf die Nuckelflasche und die Windeln weg. Er drohte mir mit Hausarrest und Taschengeldentzug, sollte ich es wieder tun. Und wenn ich heute so darüber nachdenke, hätte ich es vielleicht doch lassen sollen. Aber …ich konnte nicht. Das Teenbaby-sein gab mir ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme, die ich so vermisste. ich fühlte mich so sehr wohl damit. Ich war richtig süchtig danach. Aber er verstand es nicht. Und mich erst recht nicht. Wie gesagt, ich war ihm halt im Weg.

Und nun beginnt sie, meine Geschichte. Sie beginnt da, wo es kurz vorm Kollaps steht. Kurz bevor das Fass endgültig überlief. Zwei Tage vor meinem Geburtstag. Und dabei wollte ich doch nur mal in den Arm genommen werden. Ich wollte nur mal Liebe spüren. Von ihm. Von meinen Papa. An Mama denk ich jeden Tag. Damit ich nicht vergesse, wie sie aussah. Damit ich den Klang ihrer Stimme nicht vergesse, ihren Geruch, ihre Art. Ich muss einfach täglich an sie denken.

Und manchmal weine ich dann.

1. Der Anfang

„Das gibt’s doch nicht!! Du verdammter Bengel! Wie oft soll ich dir das noch sagen, hm??!!“ Mein Vater stand im Flur mir gegenüber. Es war zehn nach 18 Uhr. Ich hatte nicht damit gerechnet, das er so früh zurück kam. Ich ging gerade von der Küche ins Wohnzimmer, nur mit Windel an, und da kam er zur Tür rein. Er hatte mich völlig überrascht. Wütend kam er auf mich zu, packte meine rechte Hand und sah meinen verschrumpelten Daumen. Wieder war er fast den ganzen Tag im Mund. „Und genuckelt hast du auch wieder!! Mir reicht´s jetzt langsam, Kai!“ Er holte aus und gab mir eine schallende Ohrfeige. So stark, das mir die Tränen in die Augen schossen. Er packte mich an den Schultern und schüttelte mich durch. Ich sah weinend auf den Boden. „Sieh mich gefälligst an, wenn ich mir dir rede!“ Aber ich konnte nicht. „Du sollst mich anschauen, verdammt!“ Und wieder holte er aus. Er traf fast dieselbe Stelle, ich verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Teppich. Die Tränen liefen nur so über mein Gesicht. Ich hielt mir mit einer Hand die Wange. Sie brannte wie Feuer. „Jetzt heulst du auch noch, steh auf! Steh auf, sag ich!“ Völlig außer sich zerrte er mich am Arm hoch. Er packte mich so fest, das es wehtat. Ich ging ein wenig mit hoch, damit nicht mein ganzes Gewicht an dieser schmerzenden Stelle war, wo er mich festhielt. Und als ich wieder stand, sah ich ihn tränenüberströmt an. Die Augen und die rechte Backe knallrot, der Mund leicht geöffnet. „Ich mach das nicht mehr mit, hörst du! Mir langt´s jetzt, Kai. Ständig dieses Scheiss Babygetue. Du bist doch nicht mehr normal!“ Er hielt mich immer noch fest und starrte mich an. Nein, das war nicht mehr mein Vater. Das kann er nicht sein, dachte ich mir. Ich bin doch sein Sohn. Warum hat er mich nicht mehr lieb? Warum versteht er mich denn nicht?“ „Bitte, Papa“, schniefte ich kaum verständlich, „du tust mir weh.“ Aber er lockerte seinen Griff nicht. „Das wird gleich noch viel weher tun, wenn du nicht endlich mit damit aufhörst! Wird endlich erwachsen, Kai!“ „Aber… aber… ich bin doch erst 13.“ „Das ist mir egal, du hörst damit auf und basta. Hast du mich verstanden!?“ Ich sah auf den Boden und sagte nichts. „HAST DU MICH VERSTANDEN, KAI!“ Er schrie diese Worte förmlich heraus. Und dann machte ich einen Fehler. Warum hab ich nicht den Mund gehalten. Ich sah auf, ihn an und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Mit allem Mut, den ich noch hatte sagte ich:“ Nein, Papa, ich hab nicht verstanden. Und ich werde es auch nicht. Ich mach was ich will. Und wenn ich Windeln anziehe, ist es meine Sache. Und wenn ich Daumen lutsche, dann auch. Was geht dich das an? Du bist doch sowieso nie da, wenn ich dich brauch. Also, was kümmert es dich? Und lieb hast du mich sowieso nicht mehr. Weißt du was? Du kannst mich mal. Ich wünschte, Mama wäre noch hier.“ Oh Gott. Hab ich das wirklich gesagt? Respekt Kai. Hätte ich dir gar nicht zugetraut. Aber dieser Anfall von Selbstbewusstsein dauerte nicht mal 5 Sekunden. Denn genau diese Zeit brauchte mein Vater, um entsetzt seine Aktentasche fallen zu lassen, seinen Gürtel zu öffnen und aus den Hosenschlaufen zu ziehen. Ich kapierte natürlich, was das zu bedeuten hatte, obwohl es das erste Mal war, aber ich konnte nicht mehr rechtzeitig weglaufen. Und selbst wenn ich es geschafft hätte, wohin hätte ich rennen sollen? Wieder in die Küche? Ja, und dann? Sie hat nur eine Tür. Das Beste wäre, in mein Zimmer, aber dazu müsste ich leider an ihm vorbei, denn das liegt gleich neben der Eingangstüre links. Tja, weglaufen war also nicht, das heißt, ich versuchte es natürlich trotzdem, aber da hatte er mich schon am Arm gepackt. Und noch während er mich mit seiner linken Hand am meinem linken Arm festhielt, schlug er mit der rechten zu. Er traf meinen Nacken, meinen Rücken, meine Arme. Ich schrie vor Schmerzen. Meine Augen fest zusammen gepresst, schrie ich nur. Zuerst stand ich noch, zappelte an seiner Hand, die wie ein Schraubstock meinem Arm umschloss, aber dann ging ich in die Knie, er ließ mich los und ich versuchte mich so gut es ging, mit den Händen und Armen vor den Schlägen zu schützen. Aber es gelang mir kaum. Ich vernahm so was wie „Dir werde ich´s zeigen, wer hier das sagen hat“ oder „Du undankbarer Hund“ oder „Haufen Scheisse“. Er drosch weiter auf mich ein. Immer weiter und weiter. Das Ende des Gürtels (wenn man hier von Glück reden kann, war es nicht die Schnalle) klatschte ich weiß nicht wie oft auf meine nackte Haut und hinterließ roten Striemen. Ich konnte nichts tun. Ich war völlig hilflos. Ich konnte nur hoffen, dass er endlich aufhörte, mich zu schlagen…

Ja, er hörte auf. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, aber in Wirklichkeit waren es nur vielleicht nicht mal 2 Minuten. Ich lag mit der rechten Körperseite auf dem Boden und krümmte mich vor Schmerzen. Mein Rücken war ein einziger Feuerball, die Arme brannten bei jeder Bewegung. Ich hatte immer noch die Augen geschlossen und wimmerte vor mich hin. Mein Vater stand schnaufend im Flur und ließ den Gürtel fallen. Er fasste sich an die Stirn. Schweißperlen waren dort zu sehen. Er atmete sehr schnell, sein Puls musste rasen vor Erregung. Ich weiß nicht genau, was ich mir jetzt erhoffte. Das er mich nun in den Arm nimmt und mich irgendwie tröstet oder so was, oder das er einfach geht. Das er einfach verschwindet. Und das tat er auch. Er hob seinen Gürtel auf und stolperte aus der Wohnung. Laut fiel die Tür ins Schloss. Mich ließ er einfach liegen. Ganz alleine liegen.

2. Chat

Es dauerte schon ein wenig, bis ich traute, mich zu bewegen. Die Schmerzen der brennenden Haut, die meinen Rücken erstarren ließen, waren zu groß. Bei jeder noch so kleinen Bewegung durchfuhr mich ein bisher noch nie gekannter Stich, der mich aufschreien ließ. Nicht laut, aber heftig. Ein kurzes „AH“ mit zusammengekniffenen Augen. Und danach wieder leises Wimmern. Ich konnte es nicht fassen, was so eben passiert. Mein Vater hatte mich tatsächlich verprügelt. Ich hätte nie gedacht, dass es mal so weit kommen würde. Und wieder fragte ich mich, ob ich an allem schuld war. War ich es, der ihn so provoziert hatte? Das er so austickte? Naja, in gewisser Weise schon, denn hätte ich getan, was er gesagt hat, beziehungsweise es unterlassen, mich wie ein “Baby“ aufzuführen, wäre es wohl nicht so passiert. Das leuchtete mir ein. Aber gab es ihm auch das Recht, mich deswegen zu schlagen? Wieder durchzuckte mich ein schmerzender Blitz. Ich versuchte, mich aufzurichten, ließ es aber dann sofort. Stattdessen krabbelte ich auf allen vieren in mein Zimmer und auf mein Bett. Sich auf den Rücken zu legen war undenkbar, also ließ ich mich erschöpft auf den Bauch fallen. Die Matratze federte leicht nach. Eigentlich konnte ich es kaum fassen, was soeben passiert war. So was war für mich einfach unvorstellbar. Ich meine, ich habe schön öfter mal was hinter die Ohren auf den Arsch gekriegt, aber noch nie so fest und schmerzhaft. Und auch nur mit der flachen Hand und nicht mit einem Gürtel. Auch meine Mutter hat mir schon mal eine geknallt, aber auch nur dann, wenn ich wirklich besonders frech zu ihr war. Und dann, nach kurzer Zeit, kam sie immer zu mir und nahm mich in den Arm zum trösten. Ja, dann wusste ich, das alles wieder gut war und ich verstand auch, das ich eine Strafe verdient hatte. Aber diesmal? Ich fing wieder an, zu weinen. Und je mehr ich darüber nachdachte, umso schlechter ging’s mir. Denn ich kam nur zur einer einzigen Erklärung: Dein Papa hat dich nicht mehr lieb. Anders kann es nicht sein. Er hat dich sehr fest geschlagen. Er hat dich beschimpft. Schlimme Worte hat er zu dir gesagt. Und das allerschlimmste, er kommt nicht zum trösten. Er ist einfach gegangen. So, als wenn nichts wäre. Er kann dich nicht mehr lieb haben, Kai, dachte ich. Das ist aus und vorbei. Sonst wäre das nicht passiert.

Es tat unvorstellbar weh. Nicht nur der Rücken oder die Arme. Es war tiefer. In mir drin. Ich fühlte mich so allein, so im Stich gelassen. Ich fühlte mich plötzlich ungeliebt und wertlos. So „im Weg“. Deinem Papa in der Quere. Aber ich habe doch nur ihn. Ich habe ihn doch lieb. Oder doch nicht? Jetzt nicht mehr? Ich wusste es nicht. Ich musste plötzlich laut aufschreien und bekam einen immensen Heulkrampf. Die Tränen liefen wie Bäche über mein Gesicht, meine Finger krallten sich in das Betttuch. Mein ganzer Körper erzitterte. Ja, du hast Recht. Du bist nichts wert, Kai. Du bist nichts weiter als ein kleiner, dummer Junge, er jedem im Weg steht. Vor allem deinem Vater. Kein Wunder, das er dich geschlagen hat. Du hast es verdient. Diese Gedanken sausten wie ein Sturm durch mein Gehirn. Und sie waren tausendmal schlimmer wie das Brennen auf meinem Rücken…

Es muss eine Stunde vergangen sein, vielleicht sogar noch mehr, als ich mich wieder einkriegte. Die Tränen versiegten, vermutlich hatte ich keine mehr, die Krämpfe in meinen Muskeln ließen nach. Langsam wurden auch die Schmerzen weniger und ich atmete ein paar Mal tief durch. Ich konnte mich nun aufrichten. Vorsichtig aber stetig bewegte ich mich, bis ich endlich auf der Bettkante saß. Wieder kurzes Durchatmen und ich stand auf. Ich grinste ganz leicht, wohl deswegen, weil mein Rücken nicht mehr so schmerzte, wie noch vor etwa einer Stunde. Ich beschloss, ins Bad zu gehen, um ihn im Spiegel zu betrachten. Schon auf dem Weg dorthin stellte ich ihn mir knallrot und blutig vor, aber dem war nicht so. Ich entdeckte „nur“ die roten Striemen. Keine Wunde blutete. Vorsichtig tastete ich mich zu einem erreichbaren Streifen vor und zuckte sofort zusammen, als ich ihn berührte. Mann, tat das weh. Wie Feuer brannte das. Hoffentlich wird das bald besser, dachte ich. Sonst kannst du dich morgen in der Schule nicht mal anlehnen. Ich drehte mich wieder um und sah in den Spiegel. Deutlich erkannte ich die leicht geschwollenen, Augen, die vom vielen Weinen immer noch gerötet waren. Außerdem war mein ganzes Gesicht irgendwie rot. Ich hatte mich noch nie so gesehen. Das erschrak mich. Ich sah so… so traurig aus. Und auch so hilflos. So fremd. Und während ich mich so ansah, fühlte ich mich wieder so unglaublich einsam. So allein. Wenn ich doch nur jemanden zum Reden hätte. Jemanden, der mir zuhört. Aber ich war ja allein. Die Wohnung war völlig leer. Mit hängendem Kopf ging ich in mein Zimmer zurück, setzte mich aufs Bett und drückte meinen Teddy fest an mich. Seine, mit braunem Plüsch bedeckten Arme streiften leicht die meinigen und trafen eine gerötete Stelle. Wieder jagte ein brennender Schmerz durch mich und ließ mich zusammenfahren. Doch ich drückte ihn noch fester an mich und nahm noch zusätzlich meinen Daumen in dem Mund. Einige Minuten saß ich so da. Der Teddy und der Daumen trösteten mich ein wenig. Und gleichzeitig ängstigten sie mich. Denn gerade das machte ja meinen Vater so wütend. Dieses Babygetue. Und ich kann ihm nicht beweisen, das ich das trotzdem brauche. Das ist das Problem. Aber selbst wenn, ich glaube, er würde es nicht verstehen. „Werde erwachsen, Kai. Und zwar schnell!“ Das ist sein Lieblingssatz. Und: „Nimm den Daumen raus und die Windel ab. Werde endlich ein Mann!“ Ich will aber nicht. Ich brauch das. Das hilft mir. Ehrlich. Warum verstehst du mich denn nicht, Papa…

Schließlich stand ich wieder auf und schaltete den Computer ein. Immer noch daumenlutschend beobachtete ich den Bootvorgang. Mein Teddy saß auf meinem Schoß. Nach erfolgreicher Anmeldung verband ich mich mit dem Internet und dem Chat-Messenger. Vielleicht war Stefan ja on. Ich hoffte es nicht nur, ich wünschte mir es sogar. Wie schon erwähnt, war Stefan mit bester Chatfreund. Wir kannten uns zwar erst seit September, also nur 8 Monate, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Ich vertraute ihm total, konnte ihm alles erzählen. Er nahm auch Windeln und lutschte am Daumen, genau wie ich. Somit waren wir sozusagen „auf einem Level“. Er war immer sehr nett zu mir, schimpfte nie und ich konnte immer toll mit ihm quatschen. Und zwar über alles. Gerne hätte ich ihn mal besucht, aber leider wohnte er über 300 Km von mir weg und wie sollte ich da hinkommen? Ohne Geld und Führerschein. Also redeten wir oft und lange und jedes Mal freute ich mich, wenn er online war. Ich habe irgendwie nicht so viele Freunde, ein paar aus meiner Klasse, mit denen ich manchmal rum hing, aber so einen richtigen festen hab ich nie gehabt. Ich habe mal durch Zufall von einem Mädchen aus der Parallelklasse erfahren, das die anderen Kinder mich für seltsam halten. Sie sagten, ich sei komisch und nicht ganz normal. Ich frage mich wirklich, wie solche Gerüchte zustande kommen. Naja, bestimmt werden über alle solche Sachen verbreitet, die in jeder Pause allein auf dem Schulhof standen.

Mit der linken Hand bediente ich die Maus, da die rechte ja nuckelnd in Gebrauch war. Ich bin eigentlich Rechtshänder, da ich aber fast immer mit Daumen im Mund surfte, lernte ich die Maus auch mit links bedienen. Nur noch wenige Sekunden und… ja, Stefan war auch on. Natürlich bemerkte er meine Anmeldung sofort und fing an zu schreiben:

Stefan: hey hallo kai *froi*

Kai: hallo du:)

Stefan: na, wie geht’s dir

Ich zögerte kurz mit der Antwort.

Kai: ganz gut, und dir auch oder

Stefan: ja, bissel langweilig, aber sonst

Langweilig ist es nicht gerade, dachte ich.

Kai: na, dann nuckel doch ein wenig:)

Stefan: ja, mach ich doch schon die ganze zeit, aber trotzdem

Kai: hihi

Stefan: und was hast du so den ganzen tag gemacht

Kai: nix besonderes, ferngesehen, genuckelt, nich viel hab ja Hausarrest

Soll ich es ihm erzählen, dachte ich.

Stefan: is dein papa noch sauer auf dich

Ich habe ihm vorgestern erzählt, dass mich mein Vater zusammengestaucht hat, wegen meinem „Babygetue“.

Und das ziemlich heftig. Daher auch der Hausarrest.

Und wieder überlegte ich… lange… für Chat Verhältnisse…

Stefan: bist du noch da

Kai: ja, entschuldige, äh er ist.. ja

Stefan: echt:( tut mir leid

Und mir erst…

Kai: hey, muss dir nich leid tun, kannst doch nix dafür

Stefan: trotzdem, hab dich doch lieb und will nicht, das dir schlecht geht

Kai: *rotwerd* danke, *rehdl* 1

Stefan: naja, das wird bestimmt wieder schließlich ist er doch dein papa

Kai: ach… ich weiß nicht

Stefan: na klar, bist doch ein lieber

Kai: du kennst ihn nicht, echt

Stefan: na hör mal, soooo nachtragend kann man doch nicht sein oder

Wenn du nur wüsstest, dachte ich.

Komisch, obwohl ich immer das Gefühl hatte, ihm alles sagen zu können, konnte ich es diesmal nicht.

Kai: tja *kopfhängenlass*

Stefan: na komm, kuschel dich an mich, magst flasche haben

Kai: au ja, bitte *rankuschel*

Stefan: *flasche geb*

Kai: *nuckel*

Wenn das doch nur echt wäre, dachte ich. Das wäre jetzt schön.

Stefan: na, geht’s wieder besser

Kai: ja, danke, wenn ich dich nich hätte

Stefan::) du weißt doch, kannst mir alles sagen

Kai: ja ich weiß

Stefan: wie wärs denn, wenn du ihm nochmal erklären tust

Kai: was meinst du

Stefan: naja, das du das nuckeln brauchst und so

Kai: ach.. das hab ich doch schon sooo oft, keine chance

Stefan: versuchs doch nochmal, vielleicht sieht ers ja ein

Lieber Stefan, ich weiß du meinst es gut.

Kai: ich glaub nicht, das das noch was bringt

Stefan: nicht aufgeben, kleiner, wird schon *knuddel*

Kai::)

Stefan: wie gesagt, er ist dein vater und hat dich doch lieb

Ich mußte kurz grinsen. Komisch, nicht?

Kai: ja, du hast bestimmt recht

So ein Quatsch, dachte ich.

Stefan: na siehst du:)

Kai: ja

Stefan: du musst einfach hart bleiben, dann wird das auch was

Stefan: und irgendwann wird’s ihm dann zu blöd und dann…

Verprügelt er mich.

Stefan: läßt ers bleiben, wirst sehen

Kai: das hoffe ich

Stefan: logo, hast du noch deinen teddy

Kai: klar, den brauch ich auch

Stefan: ja, kann ich gut verstehen, is man dann nicht mehr so allein

Kai: genau

Stefan: und wegen teddy sagt dein papa nix

Kai: nein nicht wirklich, eigentlich nur wegen windeln und nuckeln

Stefan: ja, ich weiß, das “babygetue”

Kai::)

Stefan: der sollte mich erstmal sehen, mit 24 *gg* 2

Kai: ja *g*3 da würd er gucken

Stefan: hihi

Ein paar Minuten vergingen…

Stefan: bist du alleine zuhause

Kai: ja, keiner da

Stefan: wo ist dein papa denn

Kai: weiß nich, irgendwo

Stefan *kopfschüttel* läßt dich schon oft alleine oder

Kai: ja, schon

Stefan: hm

Ich überlegte….ja.. genau

Kai: er hat mich geschlagen stefan

Stefan: WAS!!!!!!!!!!!!!!

Kai: ja

Stefan: wann, heute

Kai: ja

Stefan: und wie heftig

Wieder überlegte ich. Was ist, wenn ich die Wahrheit sage. Über das komplette Ausmaß. Was wird Stefan tun?

Meinen Papa anzeigen? Kommt er dann ins Gefängnis?

Was wird dann aus mir? In ein Heim? ich will nicht… ich weiß nicht was ich tun soll… shit…

Kai: ein paar mal halt

Stefan: ins gesicht oder wo

Kai: auf den rücken

Stefan: das gibt’s doch nicht *sauerwerd*

Kai: doch

Stefan: und tuts noch sehr weh

Und wieder diese Überlegungen..

Kai: geht schon wieder

Du Lügner. Du verdammter Lügner. Du Schisser…

Stefan: ich weiß gar nicht was ich sagen soll

Kai: ist schon gut, war bestimmt nicht so gemeint

Wie denn sonst, hm? WIE DENN SONST, DU IDIOT!!!

Stefan: na hör mal, wenn er dich schlägt….

Stefan: hat er sich wenigstens entschuldigt

Stefan: und versprochen, das er es NIE, NIE WIEDER tut

Wieder zögern..

Kai: ja, hat er und dann isser gegangen

Stefan: naja, wenigstens etwas

Stefan: du mußt unbedingt mit ihm reden nich das noch schlimmer kommt

Kai: ja, mach ich

Stefan: versprichst du mir das kai

Überlegen…..lange…..

Kai: ja, ich versprechs

Stefan: gut, gleich morgen ok und sag mir wies gelaufen is

Kai: io4

Stefan: *dich nochmal gaaaaanz fest drück* meine kleiner kai:)

Stefan: ich muß jetzt leider off5, bis morgen dann

Kai: schaaaaade

Stefan: machs gut und vor allem kopf hoch

Kai: mach ich und danke fürs zuhören

Stefan: hab ich gern gemacht

Kai: tschüüüüß

Stefan: ciao

Stefan hat sich abgemeldet.

Kai hat sich abgemeldet.

Ich schaltete den PC wieder aus und obwohl es noch ziemlich früh war, ging ich schlafen. Die Windel zog ich aus und warf sie in den Mülleimer in der Küche. In meinem blauen Schlafanzug, den Teddy im Arm und Daumen im Mund lag ich nun im Bett und versuchte zu schlafen. In der Hoffnung, das morgen vielleicht alles wieder gut wird. Ich war froh, dass Stefan online war und das ich es ihm erzählte, was passiert war. Obwohl es nicht ganz die Wahrheit war. Ein wenig hatte ich schon ein schlechtes Gewissen. Er hat es nicht verdient, dass ich ihn belüge. Aber was sollte ich machen? Ich hab irgendwie Angst. Weiß aber nicht genau, vor was oder vor wem.

1 Chat Abkürzung: „hab dich auch lieb“

2 Chat Abkürzung: „Doppel-Grins“

3 Chat Abkürzung: „Grins“

4 Chat Abkürzung: „In Ordnung“

5 Chat Abkürzung: „Offline gehen“, „Ausschalten“

3. Babygetue

Ich schlief sehr unruhig in dieser Nacht und Alpträume quälten mich. Ich wurde von irgendjemanden (irgendwas) verfolgt und konnte nicht wegrennen. Ich wollte davon laufen, es ging aber nicht. Meine Bewegungen waren so zäh. So gehemmt und langsam. Und trotzdem hektischer, denn der oder das kam immer näher auf mich zu. Erkennen war nicht möglich, hinter mir war alles dunkel. Aber ich hörte Worte wie: „Geh mir aus den Augen…“ oder „Du hast es verdient“, „Selber schuld…“ Ich träumte, dass ich in einem Gefängnis saß. Es war stockdunkel, aber ich sah um mich herum nur Gitterstäbe und dahinter irgendwelche Leute, die sich unterhielten. Oder Familien, die mit ihren Kindern auf einer Wiese Ball spielten, einige machten ein Picknick, andere tollten einfach so mit ihren Eltern herum. Und alle lachten und freuten sich. Aber es nahm keiner Notiz von mir. Ich war mitten auf dieser Wiese in einen Käfig eingesperrt und keiner sah mich. Ich schrie. Ich schlug gegen die Metallstäbe. „Lasst mich raus hier. Lasst mich raus!“ schrie ich so laut ich nur konnte. Aber keiner bemerkte es. Sie spielten einfach weiter. Ein paar Kinder sahen zwar zu mir rüber, aber dann gleich wieder weg. So, als wenn ich ein Monster wäre. Das schrecklich aussieht. Und von dem man Angst hat.

Ich wachte auf. Mein Atem ging schnell und ich schwitze sehr stark. Hatte ich geschrieen? Ich wusste es nicht genau. Vielleicht. Ich lag im Bett, den Oberkörper auf die Unterarme gestützt und versuchte, mich wieder zu beruhigen. Die vielen Bilder in meinem Traum so schnell wie möglich wieder zu vergessen. Aber da spürte ich noch was. Und das war kein Traum. Ich spürte Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen und am Hintern. Oh nein, dachte ich, bitte nicht das. Langsam für meinen Hand in Richtung Pullermann und ertastete schon den feuchten Schlafanzug. „Oh Gott“, sagte ich leise, „oh Gott, bitte nicht, bitte nicht..“ Aber es war passiert. Ich hatte ins Bett gemacht. Mir wurde sehr schnell sehr flau im Magen und mein Atem beschleunigte sich. Ich hielt eine Hand von dem Mund und die ersten Tränen flossen über mein Gesicht. Dafür bringt er mich um, war mein erster Gedanke. Dafür schlägt er mich tot…

Ich brauchte schon ein paar Minuten, um mich zu sammeln und aufzustehen. Und als ich stand, bemerkte ich erst, wie ich zitterte.

Meine Knie waren wie Pudding und beinahe musste ich mich wieder setzen, um nicht umzufallen. Ich hatte Angst. Nur Angst, als ich die Bettdecke leise zurückwarf und den Fleck auf dem Bezug sah. Ein großer, fast kreisrunder, dunkler Fleck. Unübersehbar. Ich atmete schwerer und erneute kullerten Tränen. Jetzt bist du fällig, dachte ich nur. Wenn Papa mich schon so verprügelte wegen Nuckeln und Windeln, was macht er dann erst, wenn er das sieht? Ich wagte nicht daran zu denken. Die Angst war zu groß. Er darf es nicht sehen, dachte ich dann. Er darf es nicht sehen. Auf gar keinen Fall darf er es bemerken. Hätte ich doch nur ne Windel angezogen, dann wäre das nicht passiert. Du musst das Bett abziehen, sagte ich leise vor mich hin. Und einen neuen Schlafanzug anziehen. Die alten Sachen wäschst du dann morgen in der Maschine nach der Schule. Und dann gleich in den Trockner und wieder drauf aufs Bett. Dann merkt er nix. Hoffentlich. Ja, so mach ich es. Genau. Gute Idee, Kai. Und ich lächelte unsicher. Leise, so leise es nur ging, zog ich mein Bett ab, das Laken von der Matratze und stopfte alles ganz nach unten in den Schrank. Danach holte ich eine dicke Decke heraus und legte diese auf die Matratze. Hoffentlich geht da das Pipi nicht durch, dachte ich. Ein neuer Schlafanzug war schnell angezogen, den alten genauso wie die Bettwäsche in den Schrank gestopft. So weit, so gut. Papa wird normalerweise morgen sehr früh das Haus verlassen und ich glaubte nicht, dass er nach mir sehen wird. Nicht, nachdem, was alles passiert war. Einigermaßen beruhigte schlüpfte ich unter die umgedrehte, ohne Bezug richtig nackt aussehende Bettdecke, nahm wieder Teddy und Daumen und versuchte so schnell wie möglich wieder einzuschlafen. Die Bilder aus meinen Träumen waren so gut wie verschwunden, aber die Vorstellung des „Entdeckt werdens“ von Papa waren viel schlimmer als alle Albträume zusammen, die ich je gehabt hab. Es war nun 3.45 Uhr. Und ängstlich schlief ich wieder ein.

Mein Wecker klingelt immer um sieben. Doch heute brauchte ich sein Klingeln nicht zum aufstehen. Mein Vater weckte mich bereits um kurz nach sechs. Er war, bevor er zur Arbeit fuhr, in mein Zimmer gekommen, um nach mir zu sehen. Ich weiß bis heute nicht, was ihn dazu getrieben hatte, hoffe aber, es war sein schlechtes Gewissen mir gegenüber, das ihn veranlasste, leise die meine Tür zu öffnen und bis zu meinem Bett zu gehen. Und wäre es dunkel gewesen, ja, wäre es finster gewesen, wäre vielleicht gar nichts passiert. Hätte er es vielleicht gar nicht gesehen. Aber die Jalousien hingen oben und ließen die morgendlichen Sonnenstrahlen in diesem Frühsommer ungehindert in mein Zimmer fallen. Noch nicht ganz so hell wie am Tag, aber es reichte es, um zu sehen, dass die Bettdecke keinen Bezug hatte. Und das machte in stutzig. Ich lag auf der rechten Seite, ihm den Rücken zugewandt, immer noch den Teddy im Arm. Ich hatte ihn die restliche Nacht nicht losgelassen. Mein Daumen war, Gott sei Dank, oh Mann, Gott sei Dank, nicht mehr im Mund. Der fällt meistens raus, wenn ich mich im Schlaf drehte. Er legte seine Hand auf meine linke Schulter (diese Berührung… jetzt ich nachhinein…fast fremd…) und schüttelte mich ein wenig, so dass ich wach wurde. Ich öffnete die Augen, blinzelte ein, zweimal und drehte dann den Kopf so, dass ich ihn sehen konnte. Fast erwartete ich, dass er traurig aussehen würde. Das er gleich sagen wird, wie gesagt, von seinem schlechten Gewissen getrieben, nicht wartend bis heute Abend, sondern jetzt gleich und sofort, das es ihm unendlich leid tut. Das er die Kontrolle verloren hat. Das er mir nicht weh tun wollte und schwört, das er das nie wieder machen wird. Und das er mich lieb hat. Und das wir nach einer Lösung für unsere Probleme suchen, und sie gemeinsam finden werden.

„Morgen, warum ist das Bett abgezogen, Kai?“ Das sagte er. Sein Gesichtsausdruck war ernst. Wieder bekam ich leichte Angst. Ich drehte mich, setze mich auf. Beide Hände stützen mich meinen Oberkörper ab. „Ich…“ Das war alles, was ich sagte, denn er wusste genau, was los war und zog mit einem Ruck die Bettdecke weg, die den Blick auf die Wolldecke preisgab. Er guckte mich ein wenig überrascht an, nur einen kurzen Moment, bevor er diese typische Kopfbewegung machte, die mich aufforderte, Platz zu machen, beziehungsweise aufzustehen. Seine Augen waren ernst. Ich wagte nicht, zu widersprechen und folgte. Und als er dann auch noch