O Du Fröhliche - Lisa Kuppler - E-Book

O Du Fröhliche E-Book

Lisa Kuppler

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Beschreibung

Von Weihnachtsliedern inspirierte Weihnachtsgeschichten – 2009 erschien das erste Weihnachtsheft mit dem Titel "Alle Jahre wieder". Seither entstehen jedes Jahr neue Geschichten, jede ungefähr 1000 Worte lang. Sieben Weihnachtshefte wurden so mit über 50 Geschichten gefüllt, die hier in einem Buch versammelt sind. Alle Genres von Fantasy und Science-Fiction bis Familien- und Liebesgeschichten sind vertreten, klassische Kurzgeschichten, Gedichte, sogar Weihnachtsbriefe sind mit dabei. Von dramatisch bis humorvoll, von besinnlich bis politisch engagiert – in diesem ungewöhnlichen Buch finden Sie Weihnachtsgeschichten, wie Sie sie sonst noch nirgends gelesen haben.

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2016

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O du Fröhliche

Gesammelte Weihnachtsgeschichten

aus sieben Jahren

Caroline Döring

Thea Eickmeyer

Friedricke Hackmann

Sabine Hübner

Judith Ischen

Anja Kasseckert

Lisa Kuppler

Connie Panzenböck

Jonathan Rose

Doris Rüb

Angelika Schindler

Kim Skott

Maike Stein

Julia Werner

Wie es zur Weihnachtshefttradition kam

Es war einmal vor unendlichen Zeiten ...

Nein, ganz so lange zurück liegt die Idee zum Weihnachtsheft dann doch noch nicht. Es war im düsteren November 2009, da saßen drei von uns zusammen, Weihnachten nahte, und in den Kassen herrschte Ebbe. Wir blickten der Tatsache ins Auge, dass wir unseren Liebsten nichts würden schenken können. Kein schöner Gedanke. Was tun?

Da ist diese eine Sache, die wir können: Geschichten erfinden. Geschichten lektorieren. Geschichten Korrektur lesen. Eine Buchidee umsetzen. Cover designen. Mit dieser Expertise musste sich doch ein Weihnachtsgeschenk machen lassen. Und so entstand das erste Weihnachtsheft.

Als Thema und Titel wählten wir das Weihnachtslied »Alle Jahre wieder«, ein paar weitere Mitschreibende und eine Grafikerin für die Covergestaltung waren schnell gefunden. Um den Umfang des Hefts überschaubar zu halten, begrenzten wir die Länge der Geschichten auf tausend Worte.

Und weil das Weihnachtsheft bei den Beschenkten so gut ankam, machten wir im nächsten Jahr noch eins (»Leise rieselt der Schnee«) und im folgenden Jahr das nächste (»Stille Nacht«) und – so wurde daraus eine Tradition, der wir noch immer die Treue halten. Diesen Dezember erscheint das inzwischen achte Weihnachtsheft.

Im vorliegenden eBook versammeln sich 51 Geschichten aus den Weihnachtsheften der Jahre 2009 bis 2015.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und fröhliche Weihnachten!

Im Dezember 2016

Die Autor*innen

Alle Jahre wieder

2009

Nun nieset und seid froh

Sabine Hübner

Alle Jahre wieder trifft sich unsere Großfamilie und feiert gemeinsam Heiligabend. Alle Jahre wieder bedaure ich, nicht Medizin studiert zu haben. Allergologie. Unsere Familie wäre ein Eldorado für jeden Allergologen.

Ursprünglich wollte ich Psychologie studieren. Zwei Jahre vor dem Abitur stand für mich das Thema meiner Doktorarbeit fest: Saisonales weihnachtliches Irresein und dessen Ursachen in der elterlichen Kindheit. Nach eigener Aussage war die Weihnachtszeit für beide ja die glücklichste Zeit ihrer Kindheit gewesen. Beleuchtet man dies näher, lautet die Erklärung bei Mutti, dass ihre ungeliebten Pflegeeltern im Dezember immer nach Davos flogen und sie über Weihnachten gemütlich im Internat bleiben durfte. Und die Erklärung bei Vati (dem multiallergischen Kind): Dezember war der einzige Monat, wo endlich mal nichts blühte.

Es ist früher Nachmittag. Einige von uns wollen später vielleicht in die Kirche gehen oder auch nicht. Max und Minni sitzen am Tisch und malen. Minni ist ein bisschen erkältet, aber zum Glück fieberfrei. Meine Schwester Pia hat sich mittags mit Tomatensuppe bekleckert (sie hat schon vor dreißig Jahren gegessen wie ein Ferkel), und Mutti hat ihre Jeans gewaschen. Jetzt blafft Pia Mutti an, weil die statt allergiegetesteter Waschnüsse Persil benutzt hat. Das Hasswort. Pest, Lepra, Cholera – Persil.

»Du weißt doch«, schreit Pia, »dass ich von Persil Ausschlag kriege!«

»Du weißt doch«, schreit Mutti zurück, »dass von diesen blöden Waschnüssen die Heizstäbe verkalken! An so was denkt ihr natürlich nicht! Außerdem braucht’s für hartnäckige Flecken schon was Stärkeres als Bio!«

Was in Mutti an Weihnachten vorgeht, ist unergründlich. Das ganze Jahr über verwendet sie das geschmähte Biozeug, aber an Weihnachten soll alles »einmal ganz normal« zugehen. Und das gilt nicht nur fürs Waschmittel.

»Du hast doch keine Ahnung«, schreit Axel aus dem Bad, »Waschnüsse besitzen sogar noch bessere Waschkraft. Die Saponine werden aus den Schalen rausgekocht und lösen Dreck besonders gut aus den Fasern.«

Natürlich hat er recht. Und Mutti weiß das auch. Waschnüsse sind ein Lichtblick für Allergiker wie Vati und mich und Tilde, Jonas, Mäxchen, Pia und Axel, auf Hautfreundlichkeit getestet. Die Waschnüsse, nicht Axel. Obwohl bestimmt auch Axel hautfreundlich ist, sonst wäre Pia nicht schon so lang mit ihm zusammen. Vor fünf Jahren haben sie sich auf Station C der Universitätshautklinik kennengelernt, im dermatologischen Hochsicherheitstrakt. Kontaktallergiker, zusätzlich geplagt mit allerlei Kreuzallergien. Beiden geht es mittlerweile besser. Also keine Chemiewaschmittel, damit es so bleibt.

Mutti schüttelt den Kopf und zischt in Richtung Bad, »Bellum omnium contra omnes!«, weil sie Axel ärgern will, der kein Latein kann. Dann geht sie in die Küche, um Kartoffeln zu schälen.

Jemand niest im Treppenhaus. Vati muss gar nicht erst klingeln. »Opa!«, ruft Minni glücklich. Minni ist meine Tochter und völlig aus der Art geschlagen. Fünf Jahre und noch keine Allergie. Muss ich mir Sorgen machen? Kleiner Scherz.

Mutti kommt aus der Küche, gibt ihr ein Hustenbonbon und fragt, ob sie ihr beim Kartoffelschälen helfen mag.

Vati ist leicht angesäuert. Jemand hat ›exotisches Weihnachtsgestrüpp‹ durchs Treppenhaus getragen. Sonst müsste er ja nicht niesen. Er hat verdrängt, dass er schon seit vier Wochen schniefend unterm einheimischen Adventskranz sitzt und Muttis Weihnachtsplätzchen nur unter gleichzeitiger Gabe von Cortison probieren kann. Vati ist gegen fast alles allergisch. Auch gegen Anis, Zimt und Koriander, Nuss und Mandelkern, Kokos, Rosenwasser, Rumaroma, also sämtliche Zutaten, die ins Weihnachtsgebäck so reinkommen. Übers Jahr niest und schnieft er zwar auch, aber kein Vergleich zu Dezember! Zwar blüht im Dezember nichts, doch über diesen Umstand setzt sich Vatis Immunsystem souverän hinweg. Es identifiziert alle Wintersubstanzen als feindlich und körperfremd. Ich stelle mir das so vor: Kaum schwenken Anis, Kokos, Zimt & Co die Tannenzweiglein und rufen zart Advent, Advent!, johlt Vatis Immunsystem April, April und schüttet tonnenweise Histamin aus.

Mutti ist gegen nichts allergisch außer Hausstaub – das allerdings verschärft. Deshalb wuchsen wir vier Kinder in einer völlig sterilen Umgebung auf und sitzen nun mit im Allergikerboot.

Früher hegte jedes von uns Kindern seine ganz spezielle Allergie, beharrte auf seinem ureigenen Allergieprofil. Selbst wenn es Überschneidungen gab, hätte das keiner von uns je eingestanden. Streiften Tilde und ich laut niesend durch die Wiesen, schob ich mein Gerotze trotzig auf Tierhaare oder Schimmelpilzsporen.

Doch nun sind wir erwachsen, und diese Form der Abgrenzung spielt keine Rolle mehr. Da ständig neue Allergene und Kreuzallergien hinzukommen, verliert man irgendwann den Überblick.

Ich packe die mitgebrachten Plätzchen aus. Mutti hätte die Wahl, entweder gar nicht zu backen oder mindestens zwanzig verschiedene Diät-Varianten. Sie hat sich für die dritte Möglichkeit entschieden: Sie backt Plätzchen nach traditionellen Rezepten, mit allem drum und dran und drin und stellt einen riesigen Weihnachtsplätzchenteller auf den Tisch, von dem nur sie selber essen darf (keins der Rezepte enthält nennenswerte Hausstaubmengen). Was sie nicht schafft, wird an allergiefreie Freunde, Nachbarn, Kollegen, Bekannte und Verwandte verschenkt. Für Vati, uns Kinder und Kindeskinder bedeuten Muttis Plätzchen Lebensgefahr.

Damit wir nicht darben müssen, bringt jeder von uns seine eigenen Weihnachtsplätzchen mit. Von den Zutaten her haben wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt – minimalistische Rezepte mit sehr überschaubarer Zusammensetzung, von denen jeder gefahrlos essen kann: Weihnachtsplätzchen ganz ohne Eischnee, Milch, Anis, Kokos, Weizen, Hafer, Dinkel, Nüsse, Mandeln, Zimt, um nur einige verbotene Zutaten zu nennen. Unsere allgemeinverträglichen Plätzchen bestehen aus Reismehl, Zucker und Wasser. Sie sehen alle gleich aus und schmecken nach nichts.

Keiner von uns kapiert, was an Weihnachten mit Mutti los ist. Als wir Kinder noch zu Hause wohnten, hat sie trotz Berufsstress täglich Diätmenüs für uns gekocht. Jetzt kocht sie täglich antiallergene Schonkost für Vati. Nur am Heiligen Abend müssen es traditionell Wiener Würstchen sein und Kartoffelsalat mit Ei, Speck & Mayonnaise. Pia nennt es Killerwürstchen mit Knockoutsalat: Eiweiß, Phosphat, Stabilisator E 327, Antioxidationsmittel E300 bis E403, Geschmacksverstärker E 621 und vieles mehr; ein Füllhorn möglicher Symptome, von Nesselsucht bis Asthma, von Niesattacken bis zum anaphylaktischen Schock.

Vermutlich ist das eine besondere Form des Protests. Mutti hat es satt, seit vierzig Jahren müde aus der Schule zu kommen und dann zu Hause Ökotrophologin und Diätköchin zu spielen. Sie streikt. Einmal im Jahr. Streik muss schmerzhaft sein. Und da Muttis Pflichtgefühl es ihr verbietet, den Streik in die Länge zu dehnen, macht sie’s kurz, aber da, wo’s wirklich wehtut. In der Weihnachtszeit, an Heiligabend.

Mutti kocht also für sich und Minni, ihre Enkelin, Wiener Würstchen und Kartoffelsalat. Minni ist ihr Herzblatt. Wenigstens ein normaler Mensch in dieser Familie.

Wir Kinder bringen an Weihnachten das Essen mit, für uns und Vati. Damit jeder von allem probieren kann, einigen wir uns auch hier auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Alles ist für alle gefahrlos genießbar. Das schmeckt bescheiden, und wir verlieren über die Festtage locker ein paar Pfunde.

Mutti hat Minni gerade ein Glas heiße Milch mit Honig gebracht. Wir anderen, die wir gegen Milcheiweiß allergisch sind, kriegen sogenannten Weihnachtstee – frei von künstlichen Aromastoffen, frei von natürlichen Aromastoffen, also quasi Schwarztee, aber aus sternverzierten Weihnachtstassen.

Dass wir alle unter Allergien leiden, ist ja eigentlich zum Heulen, aber wir haben uns daran gewöhnt. Manchmal lachen wir sogar darüber. Es gibt gewisse Highlights – letztes Weihnachten zum Beispiel, als der vierjährige Max seine Version von »Stille Nacht, heilige Nacht« vortrug. Statt »Gottes Sohn, o wie lacht«, sang er inbrünstig, »Cortison, o wie lacht« – klar, das Medikament steht ihm näher.

Ein anderer Knaller, viele Jahre her, war mein Versuch, mich während des Studiums als Weihnachtsmann zu verdingen. Das amüsiert die lieben Geschwister heute noch, wenn sie angesäuselt unterm Christbaum sitzen. Wisst ihr noch? Ein Schenkelklopfer, der seit Jahren für Heiterkeit sorgt und inzwischen ebenso fest zum Ritual gehört wie anderswo die Lesung der Weihnachtgeschichte: Es begab sich aber zu der Zeit …

Ich kriegte den Job übers Studentenwerk, am 24. Dezember. Da ich vor Dienstantritt eine kleine Stärkung brauchte, kaufte ich mir im Supermarkt den Schlemmersalat Nizza, wegen des eingeschweißten Plastiklöffels. Im Eilschritt löffelte ich den Becher auf dem Weg zum ersten Einsatzort leer. Im Treppenhaus streifte ich das Nikolauskostüm über und klingelte im dritten Stock. Das Kind hieß Emu. Eigentlich ein flugunfähiger Laufvogel mit drei Buchstaben, in diesem Fall jedoch ein kleiner Junge. Mein Auftrag bestand darin, ihm zu drohen: Wenn er noch einmal im Kindergarten auf die Bauklötzchen pinkle, würde ich ihn für immer ins Weihnachtsland holen. Dort müsse er in der Engelsbäckerei heiße Bleche schleppen, dürfe aber kein einziges Plätzchen naschen.

Psychologisch fand ich das natürlich bedenklich. Wenn ein Kind auf Bauklötzchen pinkelt, will es doch etwas sagen, also ist Strafandrohung völlig deplatziert. Mit dem Weihnachtsland zu drohen, schien mir besonders verwerflich.

Lag es an den Allergenen im vollsynthetischen Nikolauskostüm? Wahrscheinlich hatten sich im Schlemmersalat Nizza Spuren von Muscheln versteckt.

Kaum hatte ich dröhnend gerufen »Wohnt hier der kleine Emu?«, wurde mir höllenheiß, und ich begann zu würgen. Ich sehe noch die vergnügte Miene der Mutter, die das für eine gelungene Show-Einlage hielt. Ich riss mir den Bart ab, rang keuchend um Luft und fiel um. Die Mutter rannte zum Telefon. Nur der kleine Emu fragte sachlich: »Papa, ist der Weihnachtsmann betrunken?« Es war das Letzte, was ich hörte, Stunden später erwachte ich im Krankenhaus.

Vati steht mit ärgerlicher Miene im Flur. Er ist nicht nur sauer wegen des ›exotischen Weihnachtsgestrüpps‹, sondern auch wegen der leckeren Essensdüfte, die durch die Wohnung ziehen. Aber jetzt versucht er seine schlechte Laune zu überspielen. »Mmmh, riecht das köstlich!«, sagt er. Er guckt in die Küche und reibt sich die Hände, um trotz milder Außentemperaturen ein Gefühl von knackiger Kälte aufkommen zu lassen. Auch Mutti trägt zur Steigerung der Weihnachtsstimmung bei: Sie macht den Kartoffelsalat an und rezitiert Von drauß vom Walde. Als Deutschlehrer kennen sie solche Gedichte noch.

21 Uhr. Wir sind dann doch nicht in die Kirche gegangen. Das Abendessen ist vorbei. Vati war – wie jedes Jahr – stocksauer, dass Mutti sich Kartoffelsalat und Würstchen schmecken ließ, während er unsere fade Schonkost runterwürgen musste.

Auch die Bescherung wie gehabt. Mutti kriegt den neuesten Antiallergie-Staubsauger, Vati einen ungegerbten, chromfreien Ledergürtel mit Riegel-Knopfverschluss. Ansonsten gibt es massenweise Diät-Kochbücher, allergenfreie Gesichtscremes und Bio-Textilien, Deos und Rasierwässer, Allergikerkissen und nickelfreie Emailkochtöpfe. Pia kriegt für ihre schwarz gefärbten Haare ein Produkt ohne Cetylstearylalkohol.

Nun aber naht der dramatische Höhepunkt des Weihnachtsabends. Mutti und Vati graben an Heiligabend nämlich ihre Instrumente aus. So wie die Königin der Nacht nur eine Nacht pro Jahr erblüht, erklingt das elterliche Geigenspiel am 24. Dezember gegen 21 Uhr, um dann wieder für 364 Tage zu verstummen. Der Vergleich hinkt, Blüten sind ja etwas Wunderschönes.

Zu den Mysterien unseres Familienweihnachtsfests zählen die Fragen: Warum üben Mutti und Vati eigentlich nie?

Warum lässt man die Geigen nicht dort, wo sie sind?

Zum Ritual gehört es aus unerfindlichen Gründen, dass Vati die Instrumente erst an Heiligabend vom Speicher holt. Nach der Bescherung schleicht er auf Zehenspitzen ins Treppenhaus und zum Dachboden hinauf. Er holt die Geigenkästen, entstaubt sie im Treppenhaus, bringt sie herein und legt sie leise, leise unter den Weihnachtsbaum. Bald ist’s soweit!

Nun schnappen die Schlösser auf, die Instrumente werden vorsichtig entnommen, es wird ein paar Sekunden lang gestimmt, und dann beginnen Mutti und Vati zu streiten, wer dieses Jahr die erste Stimme spielen darf.

Auf dem Notenheft steht Bekannte Weihnachtslieder für zwei Geigen oder andere Melodieinstrumente. Wobei das Gefiedel die Assoziation ›Melodieinstrument‹ nicht unbedingt nahelegt. Unserer Schätzung nach hatten Mutti und Vati als Kinder vielleicht zwei Wochen Geigenunterricht. Angeblich sollen es bei Mutti zwei Jahre gewesen sein, bei Vati sogar zweieinhalb. Das kann natürlich niemand überprüfen. Ich denke, Mutti hat irgendwann »zwei Jahre« gesagt, und Vati hat spontan ein halbes Jahr draufgesetzt. Auf diese willkürliche Differenz beruft er sich nun immer.

»Also, Schatz, los geht’s, Es ist ein Ros …«

Beide beginnen unisono die erste Stimme zu kratzen.

»Halt«, ruft Vati nach zwei Takten. »Du bist in der Zeile verrutscht. Ich spiel doch oben.«

»Dann spielst du aber bei O Tannenbaum unten!«

Wir Kinder grinsen betreten.

»Hör mal, Schatz«, doziert Vati, »ich hatte ja bedeutend länger Unterricht als du. Die exponierte erste Stimme sollte doch derjenige spielen, der –«

»Ich seh nicht ein«, faucht Mutti, «warum wir die Stimmen nicht gerecht aufteilen sollten. Es sind sechs Lieder. Du drei oben, ich drei oben, ja?«

Vati lächelt spöttisch, reißt die Geige ans Kinn und spielt los, die erste Stimme von Es ist ein Ros. Um des lieben Friedens willen fällt Mutti nach ein paar Takten mit der zweiten Stimme ein.

Sie spielen schauerlich. Ich schaue zu Minni hinüber. Sie hustet mit gequältem Lächeln vor sich hin. Wäre sie ein kleiner Hund, würde sie jetzt unters Sofa kriechen.

Wenn das Lied nicht so bekannt wäre, würde man es nicht erkennen. Vati fiedelt sich in Schwung und hängt gleich noch die zweite und dritte Strophe an. Mutti hat nach der ersten Strophe erleichtert den Bogen sinken lassen, spielt dann aber, wieder um des lieben Friedens willen, weiter.

Vierte Strophe. Minni schleicht Richtung Tür. Ich schüttle den Kopf und winke sie zu mir. Sie klettert auf meinen Schoß.

Fünfte Strophe. Vati versucht Zeit zu gewinnen, klar. Er will nicht bei O Tannenbaum die zweite Stimme spielen.

Sechste Strophe. Minni seufzt und ächzt und legt den Kopf an meine Schulter.

Siebte Strophe. Ich wusste gar nicht, dass Es ist ein Ros entsprungen so viele Strophen hat. Minni niest und hustet, nimmt meine Hand, legt sie sich auf die Stirn. Sie glüht. Minni hat Fieber. Ich überlege, ob ich mit ihr rausgehen soll. Nein, Mutti und Vati reagieren da empfindlich, ich warte lieber, bis das Lied zu Ende ist. Vierzehnte Strophe. Mutti spielt nicht mehr mit. Vati schrappt alleine weiter. Ich halte die ächzende Minni im Arm und komme mir wie der Vater im Erlkönig vor. Sechzehnte Strophe. Ich stehe auf und trage sie hinaus. Minni atmet schwer. Sie reibt sich die Augen und sieht schon wie ein blasses, rotäugiges Kaninchen aus. Jetzt kratzt sie sich am Arm. Alles voller Quaddeln. Mir kommt ein schrecklicher Verdacht – Minni hat eine Weihnachtsallergie!

Ein neuer Name

Kim Skott

Betsabie läuft durch den Schnee die Straße entlang. Es ist ihr üblicher Rundgang, und sie hofft auf reiche Beute. An den Weihnachtstagen sind Abfalltonnen immer besonders ergiebig. Voll von Knochen und Saucenresten, in Bratensaft getränkten Knödelbrocken, an denen noch Rosenkohlblätter kleben. Sie ist nicht wählerisch um diese Jahreszeit und frisst auch Rosenkohlblätter. Am besten ist die Tonne vor dem Eckhaus: da gibt es nämlich häufig Fisch. Der Geruch ist dann so intensiv, dass sie ihn schon von der Straße aus wahrnimmt. Zum Beispiel Lachs mit Käsedillsauce und dazu Bratkartoffeln mit Krabben. Nordisch-deftig, aber genau das mag sie. Was kümmern sie die eleganten Häppchen von den Stehpartys bei Kaisers, wenn im Winter doch alle Türen geschlossen sind? Betsabie liebt Lachs in Sauce.

Betsabie – sie hat nicht immer so geheißen. Früher hieß sie mal Susi, Schnuckelkatze, meine Schöne. Das war in einem anderen Teil der Stadt. Aber dieses Leben ist vorbei. Eines Tages lagen die vertrauten Hände zu still auf der Decke, und dann waren da andere Hände, die viel zu sehr nach Chemie und Desinfektionsmitteln rochen, nach Sauberkeit aus der Dose. Biest. Da hat sie gekratzt und gefaucht, und dann ist sie gerannt. Katzenvieh. Weit fort ist sie gerannt, bis über die Grenze ihres Streifgebiets hinaus und weiter. Seitdem heißt sie nicht mehr Susi, Schnuckelkatze, meine Schöne. Seitdem heißt sie Betsabie. Sie hätte wohl noch zurückgefunden – doch wozu? Und so ist sie hiergeblieben, in diesem neuen Stadtteil. Er ist nicht so ärmlich wie ihr alter. Für sie bedeutet das vor allem, dass die Abfälle in den Mülltonnen reichhaltiger sind. Allerdings sind die Mülltonnen auch besser verschlossen. Alles, das weiß sie, hat seinen Preis.

Ein Geräusch lässt sie auffahren: der Deckel einer Mülltonne. Geruch schießt ihr in die Nase, köstlich, verheißungsvoll. Kein Lachs. Sie ist jetzt auf Höhe des allerletzten Hauses am Ende der Straße angelangt. Es ist ein Haus, das nicht so recht dazugehört. Hier ist nichts zu holen, und die Mülltonne erinnert sie an die Tonnen ihrer alten Gegend: nur ärmliche Reste.

Sie bläht die Nüstern, wittert. Fleisch. Der Geruch kommt nicht von der Mülltonne, sondern von der Gestalt, die dicht danebensteht, die jetzt ein paar Schritte in Richtung Straße macht, sich hinhockt und eine kleine Schüssel abstellt. Es ist der Mann, der in dem Haus wohnt – Betsabie erkennt die Silhouette seiner abstehenden Ohren, seinen leichten Duft nach Minze, der sich in das Aroma des Fleisches mischt und zu ihr herüberdringt. Der Mann bleibt hocken, und sein Blick richtet sich auf Betsabie.

Betsabie erstarrt. Du siehst mich nicht, denkt sie, und ihr kleiner Körper verharrt in scheinbar unbeeindrucktem Desinteresse. Soll er doch glauben, sie hätte irgendeinen Vogel gesehen. Hauptsache, er … Der gute Geruch raubt ihr fast den Verstand. Der Mann macht lockende Geräusche, schnalzt mit der Zunge in ihre Richtung.

»Komm, komm, Miez. Schöne Miez. Ich hab was für dich …«

Schöne Miez.

Meine Schöne.

Betsabie durchfährt ein Schauer. Sie kann dieses Spiel des Nicht-Hinsehens sonst stundenlang spielen. Aber es ist kalt, und sie hat Hunger. Vorsichtig wendet sie den Kopf, schaut den Mann an. Er sieht zu ihr herüber; die steile Falte zwischen seinen Augen zeigt, was es ihn kostet, nicht umzufallen. Wenn sie genauer hinschaut, kann sie seine Beine zittern sehen. Er schnauft.

Keine Gefahr. Sie wird es riskieren. Und falls er sie zu packen versucht, wird sie ihm biegsam entwischen und davonrennen. Betsabie schiebt die Hinterbeine unter den Körper, tastet sich mit den Vorderpfoten vorwärts.

»Ja, meine Schöne. So ist es gut. Komm her.«

Er lobt sie. Seine Stimme streichelt sie, selbst auf diese Distanz von einigen Metern. Nicht alle freundlichen Stimmen bedeuten auch freundliche Hände, und so bleibt sie wachsam. Ihre Ohren spielen nach allen Seiten, während sie sich umschmeicheln lässt.

Der Geruch wird immer intensiver. Leber ist es, rohe Leber. Ihr wird klar, das sind keine Essensreste. Das ist für sie, extra für sie! Das Wasser fließt ihr im Maul zusammen, ihre Pfoten schieben sich weiter, fast ohne ihr Zutun.

»Schöne Miez. Feine Miez.« Seine Stimme raunt und krault, und Betsabies Ohren zucken.

Zentimeter trennen sie noch von der Futtergabe, da streckt er die Hand aus. Sie ist gerade noch weit genug entfernt, dass er sie nicht erreicht. Sie spannt den Körper an. Wenn er sich jetzt vorbeugt, kann er sie packen. Noch eine weitere Bewegung, dann lässt sie die Leber Leber sein und läuft weg. Doch er rührt sich nicht mehr, hockt nur da, mit ausgestrecktem Arm. Betsabies Nase bebt.

Sie reckt den Hals, ein wenig nur. Es reicht nicht. Der Leberduft ist überwältigend, und sie muss sich zwingen, auf die Hand zu achten, die er ihr hinhält.

Er raunt etwas. Sie kann es kaum verstehen. Line, Lina … nein: Messalina. Messalina? Wer ist das? Sie schnuppert weiter. Schiebt sich noch ein wenig weiter vor. Ihre Nasespitze tickt gegen seine Hand, und sie zuckt zurück. Kalt. Rau. Minze und Leber. Leber, die er frisch geschnitten hat, für sie. Sie schnuppert wieder. Es riecht köstlich.

Er hat keinen Versuch gemacht, sie zu packen, und sie beschließt, es zu wagen. Senkt den Kopf von seiner Hand zu den Leberstückchen in der Schüssel. Schnuppert noch einmal. Rohe Leber. Dann schlägt sie die Zähne in das Fleisch, spürt, wie der Saft an ihren Gaumen spritzt, als sie zubeißt. Sie packt den nächsten Brocken. Geschmack explodiert auf ihrer Zunge, ihr Magen krampft sich erwartungsvoll zusammen, sie schluckt. Beißt erneut zu, kaut, schluckt, schlingt. Ihre Nase steckt tief in der Schüssel, mitten in den Leberstücken. Sie braucht nur das Maul aufzumachen, zu kauen und zu schlucken. Es ist herrlich, und für eine Weile vergisst sie den Schnee, die Kälte und beinahe auch den Mann, der vor ihr hockt.

Ihr Bauch ist zum Platzen gespannt, und sie weiß, dass sie jetzt erst einmal einen trockenen Ort braucht, um zu verdauen. Am besten, sie rollt sich bei Kaisers im Gartenhäuschen zusammen. An der Rückwand ist ein kleines Loch, da kommt sie hinein.

Über ihr das Raunen seiner Stimme. »Messalina, meine Schöne.«

Es klingt gar nicht so schlecht. Ihre Ohren zucken, sie lauscht, während sie langsam die letzten Brocken vertilgt.

Er hat immer noch nicht versucht, sie zu packen. Das ist gut. Sie hockt sich auf die Hinterläufe und beginnt, sich zu waschen, das Maul, die Nase und die Pfoten. Nicht besonders gründlich (das macht sie lieber, wenn sie alleine ist) – mehr so, um die Reste der Leber zu entfernen. Er schaut ihr zu, streichelt sie mit seiner Stimme. Lobt sie fürs Putzen und weil sie so eine schöne Katze ist. Es wärmt sie auf andere Weise, als die Leber es getan hat.

»Schöne Miez. Feine Miez. Messalina-Miez.«

Sie schaut ihn an, und er schaut zurück. Sie mag seine Leber. Sie mag seine raue Stimme. Sie mag den Klang von Messalina, meine Schöne.

Gleich wird sie aufstehen, sich strecken und gehen. Vielleicht schaut er ihr dann noch eine Weile nach, bevor er sich hochstemmt und auf leicht tauben Beinen ins Haus zurückgeht. Morgen wird sie wieder hier sein, zufällig vorbeistreunen, als hätte sie nichts Besseres zu tun. Vielleicht steht dann wieder eine Schüssel für sie bereit.

Und vielleicht, wenn das Glück und der Mann und Betsabie es so wollen, hat sie nächstes Jahr einen neuen Namen.

Sonnwend im Turm

Lisa Kuppler

Der Winter war schon immer ein Freund der Nachfahren Draculas. Die dunklen Nächte brachen früh herein, und das graue Dämmerlicht des Morgens bot ihnen Schutz bis weit in den Tag.

Der Vampir schaute hinaus in den dunklen Himmel, von dem seit Stunden Schneeflocken fielen. In seinem langen Leben vergingen die Jahre wie im Flug, doch diese Nacht, die längste des Jahres, war etwas Besonderes. Jedes Jahr prägte er in dieser Nacht eine Münze im Turm.

Zur Christmette im Jahr 1732 war der Turm fertig gestellt worden, nach seinen Plänen. Zwischen dem kleinen Park und der Kirche erhob er sich zu einer Höhe von neunundsechzig Metern. Der Vampir war einmal der Architekt des Königs gewesen. Doch die Steine dieses Turms hatte er nie berührt. Sein eigener Turm hätte die Kathedrale zieren sollen, das höchste Bauwerk seiner Zeit. Halb vollendet war der Turm vom Blitz getroffen worden und wenig später in sich zusammengefallen. Das Krachen hatte man noch am anderen Ende der Stadt gehört.

Nach der unglückseligen Audienz beim König (niemand glaubte einem Baumeister, mochte er auch noch so berühmt sein, wenn er den sandigen Boden für den Einsturz seines Bauwerks verantwortlich machte) und noch bevor die königlichen Schergen ihn in den Kerker werfen konnten, war er zur Baustelle geflohen. Dort hatte ein Vampir ihm aufgelauert und ihm für sein Blut diese halbe Existenz vermacht. Der Architekt war an diesem Abend verschwunden, seine Leiche wurde nie gefunden. Sein Grab war leer, nur sein Name stand auf einem schwarzen Stein. Dem neu geschaffenen Vampir war nichts geblieben als dieser Turm, den einer seiner Schüler ihm zu Ehren und Andenken errichtet hatte.

Knapp hundert Jahre lang waren hier die silbernen Guldiner und goldenen Dukaten des Könighauses geprägt worden. Dann hatten Maschinen die Funktion des Münzturms übernommen, wie überall in dieser schönen, neuen Welt. Doch jede Christnacht prägte der Vampir eine Eisenmünze.

Keine Münze aus Gold, denn Gold war des Teufels. Er hatte seine Seele verloren, doch er war nicht ein Diener Beelzebubs geworden. Auch keine Münze aus Silber, denn Silber war der Fluch der Nachfahren Draculas. Nein, Eisen musste es sein. Oben in seinem Schlafgemach wuchs der kleine Haufen rostiger Münzen neben dem Sarg.

Bedächtig stieg er die steile Treppe hoch bis in die Spitze des Turms, wo der Wind durch die Fenster blies. Er klemmte den Oberstempel in den Schlaghammer, der an einer Schnur befestigt war. Der Vampir sprang hinunter in die Tiefe bis zum ebenerdigen Eingangsraum (solche Sprünge waren ein Privileg seiner Art). Leichten Fußes landete er neben dem metallenen Prägeamboss, der dort in den Boden eingelassen war. In die passgenaue Mulde legte er den Unterstempel. Dann nahm er den Schrötling aus seiner Westentasche. Kein halbes Zoll maß das flache Stück Eisen im lichten Rund. Behutsam platzierte er es auf dem Amboss.

Mit einem letzten Blick hoch in das schattige Gemäuer löste er die lange Schnur, die ihm seit zwei Jahrhunderten treue Dienste tat. Für einen Moment noch war der Frieden der Winternacht ungestört, dann näherte sich von oben ein kaum wahrnehmbares Zischen. Mit einem laut tönenden Schlag trafen Hammer und Amboss aufeinander. Funken stoben im schwachen Licht, das Echo des Aufpralls hallte von den dicken Wänden wider.

Der Vampir lauschte, ob draußen Menschen von dem Knall aufgeschreckt worden waren. In der Kirche wurde der Baum für die mitternächtliche Christmette geschmückt, und das Gebäude, das sonst um diese Stunde im Dunkeln lag, glänzte festlich im Lichterschein. Doch niemand näherte sich dem Turm. Mit seinen geschärften Sinnen nahm der Vampir nur das Rieseln der Schneeflocken wahr und die vorsichtigen Tapser der Katze vom Pfarrhaus nebenan.

Zufrieden beugte er sich zum Prägeamboss und hob den Oberstempel ab. Aus dem Eisenschrötling war eine Eisenmünze geworden. Zielgenau war der Stempel die gesamten neunundsechzig Meter des Turms herabgestürzt und hatte den Unterstempel getroffen – ein Hammerschlag auf den Amboss, exakt, wie von Menschenhand geführt. Der Turm stand im Lot und hatte sich seit 278 Jahren keinen Zoll nach rechts oder links geneigt. Natürlich nagte der Zahn der Zeit an Stein und Putz, ansonsten stünde das Bauwerk bis in alle Ewigkeit auf diesem festen Grund. Denn seine Pläne, die Pläne des Architekten des Königs, waren gut gewesen. Hätte die Kathedrale nicht auf weichem Sandboden gestanden, dann wäre sein Turm immer noch der höchste der Stadt. Ein wenig bedauerte er es, dass er niemandem die Beweise zeigen konnte, die er Jahr um Jahr in der Christnacht sammelte. Doch nicht einmal die Kathedrale hatte überlebt, geschweige denn seine Richter oder der König selbst. Das Rad der Zeit hatte sich weitergedreht, und nur ihn allein kümmerte es, ob der Münzturm immer noch gerade stand.

Die Umrisse der Prägung auf der Eisenmünze waren messerscharf unter seinen Fingerspitzen, die gewellten Sonnenstrahlen, die klaren Linien der Ziffern. Das Motiv der Sonne war ihm damals passend erschienen. Ludwig XV. war noch nicht lange tot gewesen, und alle Schaffenden, Architekten bis Operettenschreiber, hatten seinen glorreichen Einfluss auf die Künste gepriesen. Die geteilten Ziffern, 17 links, 32 rechts der Sonne, markierten das Jahr der ersten Münzprägung. Und das Jahr seines Todes.

Im Halbdunkel des Turms glitzerte die neue Münze matt. Er rieb sie zwischen den Fingern, prüfte ihre Qualität und erfreute sich an der makellosen Prägung. Den Geruch von Blut in seinem Turm bemerkte er erst, als eine helle Stimme fragte: »Wohnst du hier?«

Hätte sein Herz noch geschlagen, es wäre vor Schreck stehen geblieben. Niemand außer der Katze im Pfarrhaus wusste von seiner Existenz. Langsam drehte der Vampir sich zur Tür.

Ein Mädchen von vielleicht acht Jahren stand da, mit roten Wangen und dunklen Locken. Ihr dunkelgrüner Mantel war von Schneeflocken bedeckt. In der Hand hielt sie einen Stern aus Stroh. Der süße Geruch von Blut kam von ihrem rechten Daumen, wo sie sich beim Schmücken des Christbaums gestochen haben musste. Denn ganz sicher gehörte das Kind zu den Menschen in der Kirche.

Unwillkürlich ging er vor ihr in die Knie, die Augen auf den Stern und den blutenden Daumen gerichtet.

»Ja, ich wohne hier«, sagte er, obwohl es gefährlich war, mit Sterblichen zu reden. Besser man verschwand blitzschnell, so dass die Menschen den bleichen, hageren Mann, den sie vermeintlich im Turm gesehen hatten, für reine Einbildung hielten. Doch es war nur ein kleines Mädchen. Und der Vampir war hungrig.

Nicht, dass er sich an einem Kind vergriffen hätte. Der Vampir tötete nie. Blut war ein sehr nahrhafter Saft, schon ein Schluck genügte, um ihn für Tage zu sättigen. Ein Tropfen vom Daumen des Mädchens war ein herrliches Christmahl für ihn.

»Kannst du den Stern zum Leuchten bringen?« Das Mädchen hielt ihm den Strohstern entgegen, als wisse sie, dass er früher einmal ein Baumeister gewesen war. »Die Tanten sagen, er strahlt nur auf der Spitze des Weihnachtsbaums. Aber dort sitzt schon der Engel mit der goldenen Trompete. Und wie kann das sein, dass der Stern über dem Stall in Bethlehem geleuchtet hat, wenn er nur auf Baumspitzen strahlt?«

Das vorwitzige Kind erinnerte ihn an seinen Sohn, der in diesem Alter gewesen war, als der Architekt zum Vampir geworden war. Er griff nach der Hand des Mädchens. »Ihr habt Euch verletzt, Fräulein?«

Sie schien die Wunde erst jetzt zu bemerken. Doch nickte sie und schaute mit großen Augen zu ihm hoch. Er wischte das Blut von ihrer Haut und schmeckte es mit der Zunge. Seine Beißzähne schoben sich aus dem Fleisch. Er schluckte das lebendige, warme Blut, in dem das Pochen des Herzens noch zu spüren war. Wie Sonnenlicht strömte es durch seinen Körper.

Vorsichtig fuhr der Vampir mit dem speichelfeuchten Finger über die kleine Wunde am Daumen des Mädchens. Als er noch lebte, hatte er nichts von der heilenden Wirkung der Körpersäfte der Vampire gewusst. Überhaupt hatte er kaum etwas über Vampire gewusst. Doch diese eine Gabe hatte ihn überrascht – warum sollten diese grausamen Kreaturen solche Heilkräfte in sich tragen? Inzwischen wusste er, dass jedes Böse auch mit einem Guten kam und jedes Gute mit einem Bösen. Die Wunde schloss sich, und die Daumenkuppe war wieder rosig und glatt.

Das Mädchen lachte, und der Vampir sagte: »Nun lass uns sehen, ob wir deinen Stern zum Leuchten bringen.«

Er nahm den Stern aus ihrer Hand. Das Roggenstroh war zu einem matten Goldton gebleicht und kunstvoll gebunden. Von der geflochtenen Mitte aus gingen lange Strahlen ab, zwischen denen sich winzige Strohkreise ringelten, die wie Schneeflocken aussahen.

»Ein Engel trompetet auf dem Christbaum in der Kirche?«, fragte er. Er wollte sicher gehen, dass der Stern nicht vermisst wurde, wenn er ihn in die Turmspitze setzte.

Das Mädchen nickte. »So ein kleiner mit dicken Backen. Die Tanten sagen, er verkündet den Hirten die Geburt des Jesuskinds. Aber das glaube ich nicht. Das war ein ganz anderer Engel, mit großen Flügeln und einem silbernen Kleid.« Ihre helle Stimme zitterte vor Empörung darüber, dass irgendjemand glauben könnte, ein pausbäckiger Trompeter hätte etwas mit wirklichen Engeln gemein. Der Vampir, der die geflügelten Himmelsboten schon mit eigenen Augen gesehen hatte (manchmal kreuzten sich die Wege der Blutsauger mit denen der Engel), musste ihr recht geben.

»Und?«, fragte das Mädchen. »Kannst du ihn zum Leuchten bringen? Du bist kein Engel. Oder?« Sie schaute zu ihm hoch und blickte dann schnell wieder auf ihren geheilten Daumen.

»Ich bin kein Engel, nein.«

Der Vampir reichte dem Mädchen die Eisenmünze. Er brauchte beide Hände, um den Stern von Bethlehem über seinem Turm leuchten zu lassen. Sie nahm sie, ohne einen Blick darauf zu werfen. Ihre Augen hingen an dem Stern, den der Vampir zwischen seinen Händen drehte. Der Wurf würde unpräzise sein ohne Messinstrumente, und für eine Berechnung der Flugbahn fehlte ihm die Zeit. Der Architekt in ihm stöhnte ungehalten angesichts des dilettantischen Unterfangens. Doch er war kein Baumeister mehr.

Unter dem ehrfurchtsvollen Blick des Mädchens hielt er den Stern vor sich wie eine Scheibe beim Diskuswurf. Er kannte den Turm wie seine Westentasche, er wusste, wo der Wind durch unsichtbare Ritzen pfiff und wie der Schneefall und die Kälte draußen sich im Innern des Bauwerks bemerkbar machten. Seine neunundsechzig Meter Höhe waren ihm zur zweiten Natur geworden, eine Entfernung, nach der er seine Welt bemaß. Mit einem scharfen Ruck seines Handgelenks schleuderte der Vampir den Strohstern in die Höhe.

Dies war sein Turm. Die Statik war ausgelegt nach den Plänen des berühmten Münzturms der Salzstadt Hall, wo der erste Guldiner geprägt worden war. Der Schlaghammer fiel die neunundsechzig Meter Fallhöhe wie ein Lot und traf haargenau auf den Amboss. 278 Eisenmünzen besaß der Vampir, 278 unumstößliche Beweise. Einer davon befand sich nun in der Hand dieses Menschenkinds.