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In 21 unterhaltsamen Erzählungen erfährt der Leser von einer kleinen Welt am Rande des Landes, in der es einfach und persönlich, eigentümlich und skurril zugeht.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2017
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© 2017 e-book-Ausgabe RHEIN-MOSEL-VERLAG Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel Tel 06542/5151 Fax 06542/61158 Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-89801-857-9 Ausstattung: Stefanie Thur Titelbild: Wolfgang Wähnelt
Axel Hesse
O Mosella
Geschichten vom Fluss
Rhein-Mosel-Verlag
Vorspiel
Vor 50 Millionen Jahren. Irgendwo im späteren Frankreich. Dort, wo sich die Vogesen gerade zusammenfinden, da kommt ein Rinnsal aus einer Ritze. Noch ist es dünn und schwächlich, seine Kraft reicht gerade zum Fließen. Es fließt und fließt, andere Tropfen schließen sich an, die Sache läuft nicht schlecht. Nach einigen Kilometern kreuzt es Luxemburg, und dann, beim zukünftigen Trier, stellen sich plötzlich hohe Türme in den Weg, Schiefer, Basalte, Erze. Es sind die Vorboten der ungleichen Brüder Eifel und Hunsrück. Sie haben sich versammelt. Und sie kennen nur ein Ziel. Sie wollen die Mosel aufhalten, koste es, was es wolle.
Erst links, dann rechts, wieder links, dann wieder rechts. Hier eine Finte, dort ein versteckter Hieb, Technik und Geschmeidigkeit, Eleganz und Eloquenz. Aber vor allem eines, sie ist eine Getriebene, eine Suchende.
So kommt die Mosel an ihr Ziel, auch wenn sie unglaubliche Wege dafür in Kauf nimmt, auch wenn sie viele Kilometer in die eine und genauso viele in die andere fließen muss. Sie kennt kein Abwägen, keine Zurückhaltung, kein Pardon. Wie ein herrenloser Hund beißt sie sich durch die Landschaft, eine tiefe Schneise hinter sich lassend, eine mäandernde Schlucht.
Auf ihrem Weg leistet sie viel, sehr viel sogar. Vielleicht verausgabt sie sich, vielleicht wird sie unaufmerksam, vielleicht machen die Erfolge sie übermütig. Die heutige Sicht erlaubt kein Urteil. Doch eines steht fest, wie viele Heldengeschichten endet auch die der Mosel in großer Tragik. Am Ende schlagen sie ihre eigenen Waffen.
Auf der Höhe des späteren Koblenz begegnet sie dem Rhein. Der Bruderfluss ist alles andere als beeindruckt. Nicht im geringsten berührt ihn, was die Nebenbuhlerin alles geleistet hat. Ihn interessieren nicht die großartigen Ornamente aus Zicken und Zacken, nicht die kühnen Wellen des Auf und Ab, weder die Tiefen der finsteren Klammen, noch die spitzen Höhen und lichten Kuppen.
Ohne eine Welle zu verziehen, macht der Rhein das, was ein großer Fluss machen muss. Er nimmt, er schluckt die Mosel. Und auf einmal ist sie wieder das, was sie einst an ihrem Anfang gewesen war, auf einmal ist die Mosel wieder eine Nebensache, ein Rinnsal in der äußeren Peripherie.
Willkommen
Das Haus, in das ich ziehe, ist alt, ehern, kolossal. Der Fußboden knarzt, die Türbalken sind schief. Es ist eine ehemalige Fabrikantenvilla, deren beste Zeiten lange zurückliegen, etwas, das ich dem Haus nicht im geringsten übelnehme. Einzig stören mich die mannshohen Fenster, da sie ungehindert das Gold der Augustsonne in die Zimmer lassen. Man muss wissen, dass der Kessel des Moseltals zu einem regelrechten Backofen werden kann. Deshalb drapiere ich, noch bevor ich meine Kisten auspacke, Bettlaken und Hemden vor die Scheiben. Darauf begebe ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz. Eine Ecke in dem größten Raum des Hauses scheint mir die richtige Wahl. So mache ich mich an den Abschiedsgruß, den ich mir aus Berlin mitgebracht habe. Er besteht aus einem Bündel gebundener Bücher, einem gedruckten Haufen Sozialwissenschaften. Aus ihm soll ich eine Seminararbeit formen. Und das so schnell wie möglich.
Blindlings und ohne Rücksicht auf inhaltliche Verluste schreibe ich, was Platz füllt und irgendwie nach Sozialwissenschaften aussieht. Ich esse kaum, meide die Gänge zur Toilette, verlasse so gut wie nicht das Haus. Nach mehreren durchschriebenen Tagen ist es schließlich soweit. Meine Arbeit ist vollendet. Nun muss sie nur noch zu meiner Professorin nach Berlin gelangen, was ich in diesem Moment noch für eine Kleinigkeit halte.
Frohgemut hole ich den Router aus der Kiste und pflanze seinen Zapfen in die Telefonbuchse. Doch die Leuchten wollen einfach nicht blinken. Ich probiere es immer wieder, ohne Erfolg. Mein Computer will sich nicht mit dem Internet verbinden.
Mit der eigentümlichen Entschlossenheit, die sich nur dann auftut, sobald man sich ausweglosen Situationen gegenübersieht, verlasse ich das Haus. Nach wenigen Schritten überkommt mich allerdings ein seltsames Gefühl. Es ist das Wetter. Statt in klebriger Wärme stehe ich in feuchtem Nass. Ein Sommergewitter hat sich über mich ergossen und ich triefe von Kopf bis Fuß, als ich an der ersten Tür klingele, die mir in die Quere kommt. Ein Mann mit quadratischem Kopf und anthraziten Leuchten öffnet sie. Auf die Frage, ob ich vielleicht sein Internet benutzen könne, kassiere ich einen skeptischen Blick. Ich versuche mich näher zu erklären, da lässt er mich einfach stehen.
Interessant, denke ich mir, so sind sie also, die Moselaner, und gehe meine Optionen durch. Entweder ich folge dem Mann und riskiere einen ersten Affront oder ich warte darauf, dass er das weltweite Netz an die Tür bringt. Da weder Mann noch Netz auftauchen wollen, schleiche ich hinein. Einen feuchten Film hinter mir lassend, taste ich mich durch das Haus und finde ihn schließlich in der Guten Stube, wo er mit seiner Frau zu Abend isst. Zaghaft bewege ich mich auf sie zu, so lange, bis es von meinem Haar in ihre Rieslinggläser tropft. Ich hole tief Luft und erkläre mein Anliegen. Dann geschieht etwas Bemerkenswertes. Der Mann steht auf und beginnt, die Möbelstücke des Zimmers zu verschieben. Das kostet ihn keinerlei Mühe, seine ausgeprägten Pranken brauchen dafür nur wenige Sekunden. Am Ende bilden Schrank, Tisch und Sofa einen schönen Haufen, gekrönt von der Ehefrau, die obenauf an ihrem Mahl isst. Wir stehen vor seinem Werk. Nur das Kauen der Gattin unterbricht die Stille. Da schnappt er sich seine Jacke und geht hinaus, seine Frau tut es ihm nach.
Zuerst bin ich erstaunt, aber langsam beginne ich zu verstehen. Wenn mich nicht alles täuscht, bin ich auf eine alte Dorfsitte gestoßen: Die Bewohner des Ortes lieben offensichtlich Haufen und abrupte Abgänge. Nun ist es also an mir, mich den hiesigen Gewohneiten anzupassen.
Ich nehme eine Vase, positioniere sie vorsichtig auf dem Möbelberg, zuerst steht sie etwas uneben, doch schließlich findet sie ihren rechten Platz. Nachdem ich eine undurchsichtige Miene aufgesetzt habe, gehe ich in möglichst abrupten Bewegungen ab.
Als ich die beiden im Auto auf mich warten sehe, halte ich das für äußerst liebenswürdig und setze mich dazu. Wir rollen die Dorfstraße hinunter, da versperrt uns eine Spaziergängerin den Weg. Vehement drückt sie ihren Schirm gegen den Regen. Eine kleine Unterredung genügt und die Frau klettert zur Gattin auf den Rücksitz, der Schäferhund, den sie bei sich hat, kommt ins Heck. Sofort wird es dunkel im Auto, die Scheiben beschlagen. Meinen Nachbarn stört das nicht im Geringsten, er gibt weiter Gas, doch hinter uns wird es schlagartig laut. Der Hund jault als heisere Alarmglocke, dazu brüllen die Frauen Ratschläge, wie man die Scheiben befreien könne.
Kaaaldelufʼ-heiiiselufʼ-keiiinelufʼ …
Ich schaue hinüber zum Nachbarn und bin schwer beeindruckt. Anstatt in Hektik zu verfallen, anstatt hastig die Lüftung zu betätigen oder die Frauen zur Ruhe zu rufen, benetzt er die Lippen. Als sie feucht und biegsam sind, verfällt er in einen Plauderton.
Apropossummergewitta-dukennstjadiemühlʼ-unneambach-daistdochdäschuppeʼ…
Wieder etwas dazugelernt: Die Dorfbwohner lieben nicht nur Haufen und abrupte Abgänge, sondern auch seelenruhiges Gesäusel, vermutlich Moselfränkisch.
Ich richte mich auf und versuche es selbst. Zugegeben, zu Beginn klingt es etwas steif, doch bald werden meine Laute runder und es gelingt mir, würdig in das allgemeine Gebrabbel einzustimmen.
Plötzlich halten wir vor einem mittelalterlichen Häuschen. Wie auf Kommando springen alle aus dem Auto und schlüpfen in eine enge Pforte. Ich folge und komme in einen Raum mit langer Tafel, eine Handvoll Männer diskutiert aufgebracht. Es ist so düster, dass ich erst auf den zweiten Blick erkenne, es ist meine Reisegesellschaft, mit der hier verhandelt wird. Als ich näher rücke, um den Wortlaut zu verstehen, spüre ich einen heftigen Windstoß. Er rührt von der Mannschaft, die gesammelt an mir vorbeifegt. In ihrem Sog zieht es mich auf die Straße, hinein ins Auto, zurück durchs Dorf, am Kirchturm vorbei, über eine wacklige Brücke, durch tiefe Pfützen, zu einem Haus, halb Ruine, halb Schloss. Unter den Männern geht das Gerücht, hier solle es Internet geben. Wieso man in einer verotteten Ruine nach einem Zugang sucht, will mir zwar nicht in den Kopf, aber als man mir ein Kabel reicht, probiere ich es trotzdem aus. Ich schiebe den Stecker in meinen Laptop und kann es kaum glauben.
Anerkennend stelle ich fest: Neben Haufen, abrupten Abgängen, seelenruhigem Gesäusel liebt man im Dorf anscheinend auch Internetzugänge an unbewohnbaren Orten.
Während ich mich daran mache, meine Seminararbeit nach Berlin zu schicken, fällt mir etwas Merkwürdiges auf. In einer Ecke steht ein Fahrrad, das in Form und Farbe meinem bis ins kleinste Detail gleicht. Auch die Art, wie es an der Wand lehnt, ist mir mehr als vertraut. Da höre ich die Stimme meines Nachbarn.
Meine Schwager schafft ja bei der Telekom – rufʼ ich morjean – kann ja net sei – dat du ove in der Wohnung kei Internet has‘ – aver hier unne in deinem Keller.
15:49 nach Trier
Eines Tages, es waren noch einige Jahre bis zum Ersten Weltkrieg und der kleine Moselort war nicht zuletzt aufgrund des prachtvollen Bahnhofs, der Nähe zur Burg Eltz und der jährlichen Stippvisite des Kaisers zu einem beliebten Ziel für Sommerfrischler geworden, saß Gottfried Prüm in der Guten Stube seines Hauses und blickte durch das Fenster hinaus auf die Bahntrasse. Genau genommen wanderte sein Blick zwischen dem Fenster und seiner Taschenuhr hin und her. Mit besorgter Miene sah der Generaldirektor der Moselbahn, wie die Zeiger seiner Uhr wieder einmal im Eiltempo über das Zifferblatt tanzten. Prüm lief der Schweiß von der Stirn, denn ihn umtrieb seine ganz persönliche Pein, wie kann ich die Bahnverbindung im Moseltal zu gänzlich preußischer Perfektion bringen.
Der Minutenzeiger strebte der vollen Stunde entgegen, aber so wie er es auf Prüms Uhr immer tat, in einer Art und Weise, wie es dem pflichtbewussten Mann mehr und mehr Schweiß auf die Stirn trieb. Über fünf Minuten war der 15:49 von Koblenz nach Trier nun schon verspätet. Kopfschüttelnd steckte Prüm die Uhr in seine Westentasche, warf seinen Mantel über, nahm den Hut und verließ das Haus. Dabei vergaß er nicht, seine beiden Kinder, die zu seinen Füßen spielten, zu schelten, egal was nun passiere, sie dürften unter keinen Umständen das Haus verlassen.
Der Vater nahm den schon so häufig genommenen Weg zur Bahnhofshalle, kletterte die Unterführung hindurch zum Bahnsteig, wo er an einer Gruppe schirmbemützter Männer vorbeikam. Prüm erkannte sofort, dass es sich um Ausflügler aus Trier handelte, Studenten, die eine Wanderung zur Burg unternommen hatten und nun auf der Rückreise waren. Am Ende des Bahnsteigs kam Prüm zu einem kleinen Mann in leuchtend blauer Uniform. Schon Meter bevor Prüm ihn erreichte, stieg ihm der Geruch gegorener Trauben in die Nase. Prüm vermutete einen Mosel-Riesling Jahrgang 1907, wahrscheinlich einen Kabinett. Der Bahnhofsvorsteher hatte schon wieder während der Arbeitszeit getrunken. So konnte es nicht weitergehen, dachte sich Prüm, aber darum würde er sich später kümmern, dann, wenn der 15:49 nach Trier endlich ordnungsgemäß den Bahnhof passiert haben würde.
Auf die Frage, wo der Zug bleibe, zuckte der Bahnhofsvorsteher nur die Schultern. Schnaufend drehte Prüm auf dem Absatz und entschied selber nachzusehen. Er ging wieder den Bahnsteig hinunter, kam wieder an den Studenten vorbei und am Ende des Bahnsteigs sprang er drahtig auf die mit Quarzsteinen überdeckten Schwellen. Er vermutete, dass der Zug in der Kurve nach Hatzenport liegen geblieben war, was gelegentlich geschah, denn hoch über der Moselkehre thronte ein Felsen, welcher noch nicht mit Fangnetzen abgesichert war. Das sollte erst im nächsten Frühjahr geschehen. Solange musste Prüm damit leben, dass ab und an Felsbrocken auf die Schienen fielen, die dann der Lokomotivführer zusammen mit dem Heizer wegzuschaffen hatte.
Als Prüm am Wohnzimmerfenster des kleinen Häuschens vorbeikam, in dem er mit seiner Familie wohnte, sah er seine Kinder, die wie befohlen in der Stube geblieben waren. Sie hielten ihre Hände in die Höhe, um dem Vater zuzuwinken. Als sie ihren Vater zurückwinken sahen, hörten sie ein Heulen, gefolgt von einem zweiten. Die Kinder kannten dieses Geräusch zu gut, sie wussten sofort, es war der 15:49 nach Trier. Allen Lokomotivführern hatte ihr Vater aufgetragen, sich in der Kurve mit zwei ohrenbetäubenden Heulern zu melden, damit bei der Einfahrt in den Bahnhof kein Unglück passierte.
Während Bruder und Schwester ihre Gesichter an die Scheibe drückten, wunderten sie sich, warum ihr Vater nicht von den Schienen wich. Wenn sie doch in der Stube die Heuler gehört hatten, durch die Fensterscheibe von der Außenwelt getrennt, dann musste ihr Vater die Signale doch sicherlich auch vernommen haben. Aber zu ihrem Verzagen blieb der Vater einfach stehen, dort wo er war, auf den Schienen. Und es kam, wie es kommen musste. Der Zug schoss in hoher Geschwindigkeit, so schnell wie die beiden Kinder ihn noch nie haben fahren sehen, aus der Kurve. Für ihren Vater wäre es kein Problem gewesen, zur Seite zu springen, nur ein kleiner Schritt und der Zug wäre an ihm vorbeigefahren. Bruder und Schwester klopften mit ihren Fäusten gegen die Scheibe, immer lauter, doch ihr Vater reagierte nicht.
