O-PAndemie - Jeannette Deckers - E-Book

O-PAndemie E-Book

Jeannette Deckers

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Beschreibung

Eine Enkelin schreibt Briefe an ihren Opa, der kurz vor der Corona-Pandemie in ihrem Beisein verstorben ist – ein sehr einschneidendes Erlebnis, das sie über das Leben ihres Opas im Vergleich zum heutigen Leben nachdenken lässt: War das einfache, bescheidene, analoge Leben des Opas gar besser als das heutige Leben voller Konsum, Selbstoptimierung, Digitalisierung und Hektik, geprägt von düsteren Zukunftsaussichten aufgrund der Klimakatastrophe? Erleichtert und verbessert die Digitalisierung wirklich unseren Alltag und die Bildung unserer Kinder? Und was ist an den sozialen Medien eigentlich sozial? Fordert unser ausbeuterisches, kapitalistisches Wirtschaftssystem, das Raubbau an der Natur und am Menschen betreibt, radikale Veränderungen unserer Lebensweise, um das Überleben der Menschen auf der Erde zu sichern und das Leben zu entschleunigen? Welche Veränderungen könnten dies sein? In ihren Briefen, die sich über einen Zeitraum von 1,5 Jahren erstrecken und eine Mischung aus Gesellschaftskritik und Corona-Pandemie-Tagebuch sind, setzt sich die Briefeschreiberin mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Themen und Diskussionen rund um die Digitalisierung, das kapitalistische Wirtschaftssystem, den Klimawandel, die Identitätspolitik oder die Emanzipation auseinander, und versucht, Antworten auf ihre Fragen zu finden. Dabei werden jeweils Bezüge zum Leben des Opas hergestellt und häufig Gegensätze aufgezeigt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Jeannette Deckers

O-PAndemie

Briefe einer Enkelin an ihren verstorbenen Opa

Über die Autorin

Jeannette Deckers (mit ihrem Opa)

Jeannette Deckers, geboren 1984, hat Sozialwissenschaften, Germanistik und Erziehungswissenschaften an der Universität Bielefeld studiert und arbeitet seit elf Jahren als Studienrätin an einem Gymnasium am Niederrhein.

Sie hat diverse Artikel in pädagogischen Fachzeitschriften und mehrere Lernhilfen zum Trainieren von Rechtschreibung, Ausdruck und Stil veröffentlicht.

O-PAndemie ist ihr erster Roman. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Widmung

Für Jupp und all deine Urenkelkinder, deren Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder hoffentlich in eine friedlichere, gesündere, klimastabilere und gerechtere Welt geboren werden können, in der Altruismus, Menschlichkeit und der Respekt vor der Natur wichtiger sind als Profit und Eigeninteresse.

© 2022 Jeannette Deckers

Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer

ISBN Softcover: 978-3-347-69690-7

ISBN E-Book: 978-3-347-69692-1

Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Inhalt

Prolog

Brief 1, Oktober 2020:

Pandemie

Brief 2, November 2020:

Überlastung

Brief 3, Mitte Dezember 2020:

Irrweg Digitalisierung der Bildung

Brief 4, Anfang Januar 2021:

Düstere Zukunftsaussichten

Brief 5, Mitte Januar 2021:

Neoliberales Wirtschaftsfiasko und eine Heuschrecke

Brief 6, Anfang Februar 2021:

Long Covid

Brief 7, zweite Februarwoche 2021:

Impfstoffe und Patent-W ahnsinn

Brief 8, Karnevalswochenende 2021:

Noch mehr psychische Auffälligkeiten bei Kinder und Corona bei Tieren

Brief 9, Mitte Februar 2021:

Murmelbahn aus Klopapierrollen

Brief 10, dritte Februarwoche 2021:

Es geht uns wohl zu gut

Brief 11, 8. März 2021:

Wertlose Care-Arbeit

Brief 12, Mitte März 2021:

Impfchaos, keine Notbremse, Corona-Tote

Brief 13, Mitte März 2021:

Langeweile? Fehlanzeige!

Brief 14, Osterwoche 2021:

Hohe Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen

Brief 15, dritte Aprilwoche 2021:

Erinnerungen an deine Beerdigung

Brief 16, Ende April 2021:

Gemüsesaat, Urknall und Gott

Brief 17, letztes Aprilwochenende 2021:

Bundesnotbremse, Ausgangssperren, Homeoffice

Brief 18, letzte Aprilwoche 2021:

Depressive Realisten – Hawking und Thunberg

Brief 19, erste Maiwoche 2021:

Schwangerschaften und Geburten während Corona

Brief 20, Mitte Mai 2021:

Erste Impfung und trotzdem düstere Aussichten

Brief 21, Mitte Mai 2021:

Gartenfreuden

Brief 22, Ende Mai 2021:

Zunahme übergewichtiger und psychisch kranker Kinder durch Corona-Maßnahmen oder doch (auch) durch digitale Medien?

Brief 23, Ende Juni 2021:

Aufhebung der Impfpriorisierung zwischen Regenbogenwahnsinn und Selbstoptimierung

Brief 24, Mitte Juli 2021:

Überflutungen, Brände und der E-Auto- und Urlaubswahnsinn

Brief 25, Mitte August 2021:

Moral Hazard-Problem bei Pandemie und Klimakatastrophe

Brief 26, Anfang Oktober 2021:

Wir sollten uns mindestens genauso Sorgen um unsere Kinder machen wie sie selbst Sorgen vor der Zukunft haben

Brief 27, Mitte Oktober 2021:

Immer weniger Sand, immer mehr SUV

Brief 28, Mitte November 2021:

Neue Pandemie-Höchstwerte und Karneval

Brief 29, Ende November 2021:

Masken in der Schule? Logisch!

Brief 30, Ende November 2021:

Tägliche Inzidenz-Rekorde, Regel-Wirrwarr und Ungeimpfte als Sündenböcke

Brief 31, Anfang Dezember 2021:

Kinderimpfungen und Schlange stehen

Brief 32, Mitte Dezember 2021:

Lauterbach ist Gesundheitsminister – hohe Erwartungen, die hoffentlich nicht enttäuscht werden

Brief 33, Mitte Januar 2022:

Wir sind alle geimpft – Erleichterung

Brief 34, Mitte Februar 2022:

Kontrollverlust!?

Brief 35, Ende Februar 2022:

Es ist Krieg und alle rufen nach Waffen statt nach Deeskalation

Brief 36, Mitte März 2022:

Freiheit über alles?

Brief 37, Ende März 2022:

Ich verstehe das nicht

Brief 38, Ende März 2022:

Letzter Brief?

Brief 1, irgendwann in den 2080er-Jahren:

Mit wenig zufrieden

Quellen

Danksagung

Prolog

Ich stehe neben dir und weiß, das sind deine letzten Minuten. Es ist schrecklich und gleichzeitig schön, dass ich in diesem Moment bei dir sein kann. Ich streichle abwechselnd deine Wange und deinen Arm und weiß nicht, ob du noch etwas wahrnimmst. Deine Augenlider haben sich seit mehreren Minuten nicht mehr bewegt, deine Augen sind geöffnet, dein Blick ist starr. An deinen Beinen, Füßen und Händen haben sich blaue Flecken gebildet. Ich weiß jetzt, dass sich beim Sterben das Blut aus den Extremitäten zurückzieht, Hände und Füße werden kalt und blau und in der Haut von Füßen und Unterschenkeln kann sich Blut sammeln, wodurch dunkle Flecken entstehen.

Ich sage dir, dass du ein ganz toller Uropa, Opa und Papa und ein herzensguter und aufopferungsvoller Mann für Oma gewesen bist. Ich erinnere dich daran, dass du sie jahrelang zu Hause gepflegt und mit deiner positiven und humorvollen Art unterhalten hast, auch wenn es noch so schwierig wurde. Ich sage dir auch, dass du dein Umfeld immer zum Lachen gebracht hast und dass du keine Angst haben musst und nicht alleine bist.

Aus deinem Auge läuft daraufhin eine Träne, du schließt den Mund, der bis dahin geöffnet war, und nimmst unter Stöhnen deinen letzten Atemzug. Deine Augen sind nun auch geschlossen. Du liegst ganz friedlich da. Ich beobachte, wie die Träne an deiner Wange herunterläuft, und frage mich, ob du wahrgenommen hast, was ich gesagt habe. Ich weiß jetzt auch, dass das Gehör als letztes geht. Ich glaube, du hast noch etwas von dem gehört, was ich gesagt habe. Du atmest nicht mehr. Ich frage mich, wie die Träne entstehen konnte, nachdem du so lange die Augen geöffnet und zudem schon eine längere Zeit nichts mehr getrunken hattest. Nun laufen bei mir die Tränen, nicht nur eine, sondern eine ganze Menge.

Mama, das älteste deiner vier Kinder, kommt wieder herein. Sie war kurz vor deine Zimmertür gegangen, um deine zweite Tochter zu informieren, wie es um dich steht. Sie sieht mich an, sieht dich an und weiß sofort, was los ist. Ich zeige ihr die Träne, die immer noch an deiner Wange herunterläuft. Wir nehmen uns in die Arme und weinen.

Ich habe das Bedürfnis, das Fenster zu öffnen. Du warst sehr gläubig, ich bin es nicht, aber in diesem Moment habe ich das Gefühl, deine Seele aus dem Zimmer herauslassen zu müssen. Das Laub der Bäume weht im Wind, die Vögel zwitschern, die frische Luft beruhigt mich.

Ich hätte dir gerne noch so viel erzählt oder deine Meinung zu den Geschehnissen in der Welt gehört. Doch dazu ist nun keine Zeit mehr. Denn: Die Zeit fließt. Ohne die Zeit ist alles nichts. Von der Zeit hängt alles ab. Das Leben, der Tod, alles. Sie bestimmt unser Leben. Bei schönen Erlebnissen vergeht sie meist zu schnell, bei weniger schönen Erlebnissen scheint sie manchmal zu stehen. Doch das tut sie nie, sie läuft und läuft…Die Zeit sorgt für Hektik, für Ordnung, für Flugpläne, Zugfahrpläne, Busfahrpläne, in allen Plänen wird die Zeit mit berücksichtigt. Was wäre ohne die Zeit? Stillstand? Langeweile? Muße? Die Zeit ist ein ewiger Begleiter, im Urlaub ist sie besonders schön, vor Prüfungen ist sie kaum auszuhalten, sie scheint endlos wie das Meer zu sein. Doch irgendwann ist sie für jeden zu Ende, und trotzdem läuft die Zeit weiter. Sie sorgt für Falten, Geburten, geregelte Abläufe, sie gibt den Takt im Schulalltag an, sie bestimmt alles. Manchmal gerät sie auch durcheinander, beziehungsweise die Menschen geraten durcheinander, dann gibt es Jet-Lags, man verschläft, manchmal hat man zu viel von ihr, meist aber zu wenig. Man kann sie nicht anhalten, sie läuft und läuft und läuft und sorgt für Entwicklung, Freude, aber auch Trauer. Jeden Zeitpunkt kann man nur ein einziges Mal erleben, dann ist er vorbei, man kann die Zeit nicht zurückdrehen, sie läuft immer weiter…tick…tack… tick…tack…manchmal merkt man gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht.

Mit der Zeit hängen viele Dinge zusammen, sie werden von ihr bestimmt: Hochzeiten, Geburtstage, Beerdigungen…tick, tack, tick, tack…was würden wir machen, ohne die Zeit? Gäbe es dann Tag und Nacht, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Ebbe und Flut? Die Zeit ist ein ewiges Rätsel und doch so genau vorherzusehen.

Es hört sich makaber an, Opa, aber zum Glück bist du nicht ein Jahr später gestorben. Wäre es so gewesen, hätte ich nicht bei dir sein können, wegen Corona. Aber dazu später mehr.

Da wir keine gemeinsame Zeit mehr haben, schreibe ich dir nun Briefe. Wie gesagt, ich bin nicht gläubig, aber du warst es sehr. Wer weiß, vielleicht erreichen dich diese Briefe ja – irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Brief 1, Oktober 2020:

Pandemie

Lieber Opa,

in den Schulen sollen sich die Schülerinnen und Schüler nun mit Decken ausstatten, damit ihnen beim Lüften nicht zu kalt wird, alle 20 Minuten soll für fünf Minuten gelüftet werden, egal bei welcher Außentemperatur. Angela Merkel empfiehlt Kniebeugen zum Aufwärmen. Beim Einkaufen, in Bussen, Zügen, Taxen und teilweise auch in Fußgängerzonen oder auf anderen stark frequentierten Straßenzügen und auf beliebten, belebten Plätzen tragen die Menschen Masken, um Mund und Nase zu bedecken. Es werden Bußgelder verhängt, wenn man gegen die Maskenpflicht verstößt. In manchen Städten gibt es Sperrstunden für Restaurants und Kneipen, überall kann man sich die Hände desinfizieren. In Restaurants werden Gästelisten geführt, um im Falle einer infizierten Person die Kontaktpersonen informieren zu können. Es gibt Vorgaben, wie viele Menschen sich bei Hochzeiten, Geburtstagen, anderen Festen oder grundsätzlich in der Öffentlichkeit treffen dürfen. Das Ordnungsamt kontrolliert stichprobenartig. Theateraufführungen, Opern, Ballettvorstellungen, Konzerte, Messen oder Gottesdienste finden nicht mehr oder nur mit sehr wenigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Heimarbeit ist eine immer weiter verbreitete Form, seiner Arbeit nachzugehen. Kinderspielplätze waren eine Zeit lang gesperrt. In Altenheimen und Krankenhäusern gibt es Besuchsverbote. Fußballspiele finden ohne Zuschauerinnen und Zuschauer statt. Menschen sollen mindestens 1,5 Meter Abstand voneinander halten. An Supermarktkassen, in Landtagen oder an der Rezeption bei Ärztinnen und Ärzten sind Plexiglas-Trennwände angebracht, um die Menschen voreinander zu schützen. Zur Begrüßung gibt sich keiner mehr die Hand, stattdessen stößt man die Ellenbogen oder Fäuste gegeneinander oder tritt sich Fuß gegen Fuß. Es gibt Risikogebiete, in denen Corona besonders verbreitet ist, und Beherbergungsverbote für Menschen aus Risikogebieten. Superspreading-Events sind Zusammenkünfte von vielen Menschen, bei denen ein Mensch viele andere mit Corona ansteckt. Bei der Suche nach dem Unwort des Jahres dürfte das „Superspreading-Event“ ein Favorit sein. Jeder kennt mindestens zwei Virologinnen oder Virologen namentlich, es gibt Lieblings-Virologinnen oder Lieblings-Virologen. Jeden Tag gibt es neue Statistiken über Neuinfizierte, Genesene, Verstorbene in der Stadt, Gemeinde, im Bundesland, im ganzen Land, in Europa und weltweit. Es gibt Zahlen zum Reproduktionsfaktor (R-Wert), der angibt, wie viele weitere Menschen ein Infizierter ansteckt. Es gibt Zahlen zur Anzahl der belegten und noch verfügbaren Intensivbetten, zur Anzahl der positiven Tests im Verhältnis zur Gesamtzahl der durchgeführten Tests (Positivrate). Auch die Sterblichkeit in verschiedenen Altersgruppen wird erhoben. Nie zuvor wurden tagtäglich so viele Statistiken veröffentlicht. Es gibt Untersuchungen zur Verbreitung des Virus durch Aerosole, kleinste Partikel, die beim Atmen, Sprechen oder Singen ausgestoßen werden und sich im Raum verteilen.

Ja, Opa, das hört sich alles an wie im Film, leider ist es die Realität. Schon seit gut einem halben Jahr gibt es eine weltweite Pandemie und wir sind mittendrin. SARS-CoV-2, Covid 19 oder auch einfach Corona heißt das Virus, das die ganze Welt durcheinanderbringt. Man sagt, es sei die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Den musstest du, Opa, miterleben, jetzt sind wir dran. Es gibt Existenzängste, Todesängste, Zukunftsängste, Spannungen in der Gesellschaft, vermehrt extremistische und islamistische Attentate, in Dresden, in Paris, in Nizza, in Wien.

Je weiter diese Pandemie voranschreitet, desto mehr wünsche ich mir, dich fragen zu können, wie ihr euch damals gefühlt habt, im Krieg, auch wenn ich den momentan oft erwähnten Kriegs-Vergleich mit der derzeitigen Situation übertrieben finde. Ich denke, eine von wenigen Parallelen ist die Ungewissheit darüber, wie die Zukunft aussieht, wie sich die nächsten Wochen und Monate entwickeln. Ansonsten muss die Kriegszeit viel schlimmer gewesen sein, das können wir uns höchstens ansatzweise vorstellen. Ihr habt so viel verloren, gleichzeitig aber so viel für’s Leben gelernt. Ich erinnere mich sehr gut an die zahlreichen Mittagessen bei dir und Oma. Nie wurde etwas weggeschmissen. Sogar das Salatdressing hast du ausgelöffelt. Wir Enkelkinder sind uns einig, es war eine der besten Soßen der Welt, die du immer für uns gezaubert hast, aus Dosenmilch, Fondor und Essigessenz. Dazu gab es oft frischen Feldsalat aus dem eigenen Garten. Ihr habt eine große Dankbarkeit gelebt und sie euren Kindern und Enkelkindern vermittelt. Vor dem Essen wurde immer gebetet, das Essen wurde nicht als etwas Selbstverständliches angesehen, ihr habt euch dafür bedankt. Ihr habt uns Demut gelehrt. Dafür bin ich euch wiederum sehr dankbar. Neben eurer großen Dankbarkeit und Demut habt ihr auch gerne etwas für andere Menschen getan. Als zum Beispiel euer Enkelsohn ein Praktikum ganz bei euch in der Nähe gemacht hat, hast du jeden Tag für ihn mit gekocht, Opa. Es gab meistens Tiefkühlkost, gewürzt mit Fondor und ganz viel Liebe. Zum Abschied gab es dann jedes Mal noch ein Paket Chokini-Kekse mit nach Hause. Euer Vorrat bestand immer mindestens aus fünf Packungen. Heute noch essen eure Enkelkinder sehr gerne diese Kekse, auch eure Urenkelkinder mögen sie gerne. Auch in der Hinsicht habt ihr uns für’s Leben geprägt.

In der Anfangszeit der Pandemie waren bestimmte Lebensmittel plötzlich eine Weile nicht mehr verfügbar, Mehl wurde knapp, Hefe, Nudeln, Reis und auch Toilettenpapier. Ja, wochenlang war kaum Toilettenpapier zu bekommen. Wenn mir das vor einem Jahr jemand erzählt hätte, ich hätte es nicht geglaubt. Die Pandemie hatte in dieser Hinsicht etwas Gutes: Es wurde einem plötzlich klar, dass das Selbstverständliche von heute auf morgen nicht mehr selbstverständlich sein kann. Man lernt die alltäglichen Dinge zu schätzen wie noch nie zuvor. Eure Generation hat es in Kriegszeiten gelernt.

Opa, jetzt weißt du, warum ich dankbar bin, dass du vor der Pandemie sterben musstest. Viele Menschen in Altenheimen und Krankenhäusern mussten und müssen ganz alleine oder zumindest ohne einen engen Freund oder Angehörigen sterben. Ich kann mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen. Weil besonders hochbetagte Menschen gefährdet sind, einen schweren Verlauf der Krankheit zu haben und daran zu sterben, wird in Altenheimen besonders aufgepasst. Teilweise sind Besuche gar nicht gestattet, manchmal schon, aber nur mit einem negativen Corona-Test und nur für eine Person und eine Stunde am Tag. Zum Glück musstest du das nicht miterleben, du konntest immer besucht werden und bist auch fast täglich besucht worden. Man sagt, dass im Moment viele Menschen, wenn nicht an Corona, dann an Einsamkeit sterben.

Bis bald

Deine Enkelin

Brief 2, November 2020:

Überlastung

Lieber Opa,

die Intensivstationen füllen sich mehr und mehr mit Corona-Patienten. Die Warnungen vor einer Überlastung des Gesundheitssystems werden lauter. In den Nachbarländern sieht es bereits schlimmer aus, Patientinnen und Patienten aus z.B. Belgien und Frankreich werden in deutschen Krankenhäusern behandelt. Lange wird das wahrscheinlich nicht mehr möglich sein. Auch die Labore, die Corona-Tests auswerten, stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen. Drei Viertel aller Corona-Infektionen können nicht mehr zurückverfolgt werden. Überall werden Behelfskrankenhäuser errichtet. Ärztinnen und Ärzte in Nachbarländern müssen die Leben von Patientinnen und Patienten gegeneinander abwägen, das heißt Triage, bei uns wird es bald wahrscheinlich auch so sein. So muss es damals in Feldlazaretten gewesen sein. Ich frage mich, Opa, ob ihr damals Freunde oder Bekannte hattet, die so etwas miterleben mussten. Wir haben nie darüber gesprochen.

Restaurants, Bars, Kinos, kulturelle Einrichtungen und Sportvereine mussten mittlerweile schließen. In immer mehr Krankenhäusern und Pflegeheimen gibt es wieder Besuchsverbote. Ständig müssen Schulen und Kindergärten ganz oder teilweise schließen, weil es Corona-Fälle gibt.

Die Situation an Schulen wird immer konfliktreicher. Manche Eltern sind froh, dass die Schulen ganz normal weiterlaufen, andere wünschen sich ein Aussetzen der Präsenzpflicht, damit ihre Kinder von zu Hause aus lernen können. Sie möchten sich und ihre Kinder schützen und können es wegen der Präsenzpflicht nicht.

Alle befinden sich in einer Art Schwebezustand und in einer Ausnahmesituation. Ein Ende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil, die Fallzahlen und besonders auch die Zahl der Corona-Toten steigen. Wahrscheinlich sind bald weitere Maßnahmen nötig.

Ich schreibe dir bald wieder.

Bis dahin. Deine Enkelin

Brief 3, Mitte Dezember 2020:

Irrweg Digitalisierung der Bildung

Lieber Opa,

schon wieder ist alles anders. In zwei Tagen startet der zweite harte Lockdown, den ersten gab es zu Beginn der Pandemie im Frühjahr. Alle Geschäfte müssen schließen, nur Lebensmittelgeschäfte und andere Geschäfte, die Waren für den täglichen Bedarf verkaufen, dürfen geöffnet bleiben. Schulen und Kitas gehen in einen Notbetrieb über, das heißt, möglichst viele Kinder sollen zu Hause bleiben. Die Innenstädte sind nun überlaufen, weil noch schnell Weihnachtseinkäufe erledigt werden wollen, vor Geschäften bilden sich lange Schlangen, weil nur eine begrenzte Anzahl an Kundinnen und Kunden gleichzeitig in die Läden darf. Für Weihnachten gibt es Einschränkungen, wie viele Personen sich treffen dürfen. An Silvester gibt es ein Böller- und Feuerwerksverbot auf belebten Plätzen. In manchen Bundesländern gibt es Ausgangssperren, teilweise tagsüber, teilweise auch nachts, auch an Silvester. Es wird also ein ruhiges Silvester werden.

Opa, ein großes Thema ist, verstärkt durch die Pandemie, die Digitalisierung an Schulen. Natürlich ist es beim Distanzunterricht – das bedeutet, Lehrerinnen und Lehrer und Schülerinnen und Schüler bleiben zu Hause und treffen sich, im Idealfall, ab und zu per Videokonferenz – sinnvoll, wenn alle vernünftig mit Endgeräten und Software ausgestattet sind, um Videokonferenzen zu machen und Aufgaben auszutauschen. Auch beim Hybridunterricht – dabei befindet sich ein Teil der Klasse in der Schule, ein Teil zu Hause – ist es hilfreich, wenn die Technik in der Schule vorhanden ist, um das Unterrichtsgeschehen in die Kinderzimmer oder Wohnzimmer der Kinder zu übertragen, die zu Hause sind. Das alles geschieht momentan mal mehr, mal weniger gut an allen Schulen des Landes und auch in anderen Ländern. Es ist gut, dass trotz der Umstände irgendeine Art von Unterricht stattfindet. Aber ich kann nicht verstehen, dass die Digitalisierung so ungeprüft und unkritisch als Heilsbringer für alles in der Bildung angesehen wird, wie es in letzter Zeit geschieht. Sie soll die individuelle Förderung verbessern, sie soll den Einfluss der sozialen Herkunft auf die Bildungschancen abschwächen, sie soll die Motivation von Schülerinnen und Schülern stärken. All das sehe ich kritisch.

Du hast, wenn wir dich mit dem Auto mitgenommen haben, oft gesagt, all die Autos, das ist doch verrückt, so viele Autos auf den Straßen. Ich glaube, wenn du all die digitale Technik sehen würdest, von Smartphones, Tablets, über Apps, Navigationssysteme usw., würdest du die Welt nicht mehr verstehen und dies genauso in Frage stellen wie den damals schon zunehmenden Autoverkehr.

Zu euren Lebzeiten gab es noch keine Liveblogs, die mehrmals die Stunde aktualisiert werden, es gab keine Eilmeldungen, kein Twitter und das Tagesschau Extra hieß noch Brennpunkt. Eure Informationsquellen waren die Tagesschau, der Videotext, die Rheinzeitung, und Zeitschriften, die ihr abonniert hattet, zum Beispiel „Paulinus“, eine katholische Wochenzeitung des Bistums Trier, die Zeitschrift „Frau und Mutter“ oder „Leben und Erziehen“. Im Radio habt ihr oft Mönchsgesänge, Heimatlieder und klassische Musik gehört. So wie der Autoverkehr die Mobilität intensiviert und beschleunigt hat, so hat die Digitalisierung die Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten intensiviert und beschleunigt. Beim Autoverkehr gefiel dir das gar nicht. Ich bezweifle, dass dein Urteil bei der Digitalisierung anders ausfallen würde, Opa.

Du hast sowieso am liebsten handwerklich gearbeitet. Deinen Enkelkindern hast du in deiner Garagenwerkstatt beigebracht, wie man sägt, schleift, hobelt und hämmert. Wir waren immer gerne bei euch, man konnte viel lernen. Ganz ohne Spielzeug oder digitale Medien.

Im Moment hört man oft den Satz: Corona ist wie ein Brennglas für die Missstände in der Welt. Dieser Satz wird nun auch genutzt, um die Digitalisierung in der Bildung voranzutreiben, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich habe ein Buch gelesen, das heißt: „Die Katastrophe der digitalen Bildung. Warum Tablets Schüler nicht klüger machen – und Menschen die besseren Lehrer sind“ (von Ingo Leipner). Die Digitalisierung der Bildung bekommt in der aktuellen Corona-Pandemie einen Schub und wird als alternativloser Weg für modernes und individualisiertes Lernen dargestellt. Ingo Leipner entzaubert diese Vorstellung in seinem Buch, er ist der Meinung, dass Corona zum Brandbeschleuniger digitaler Bildung wurde. Ich finde, jeder, der sich als Elternteil, Erzieherin/Erzieher oder als Lehrerin/Lehrer mit der Bildung von Kindern und Jugendlichen und deren Medienkonsum beschäftigt, sollte dieses Buch gelesen haben. Opa, ich denke, dich würde das Buch interessieren, denn ihr habt schließlich früher Zeitschriften zum Thema Familie und Erziehung abonniert und Oma war Kindergärtnerin. Leipner sagt, digitaler Distanzunterricht sei nur eine Krücke, die wir aufgrund fehlender Resonanz und fehlenden Feedbacks nach der Pandemie schnell wegwerfen sollten.

Andere Länder haben da schon mehr Erfahrungen gemacht als wir,

Opa. In Holland gab es beispielsweise Steve-Jobs-Schulen, die 2013 ihre Arbeit aufnahmen und diese 2018 wieder beendeten, weil sie scheiterten. Mit individuellen Stundenplänen, Tablets und Apple TV sollte jedes Kind selbstbestimmt und in seiner eigenen Geschwindigkeit lernen können. Schon Vierjährige (die Klassen 1 und 2 in Holland entsprechen dem deutschen Kindergarten) sollten mit iPads in der Hand an das selbstbestimmte Lernen herangeführt werden. Es zeigte sich jedoch: Den Kindern fehlte eine feste Struktur, das selbstbestimmte Lernen überforderte sie, ihre Leistungen waren im Vergleich zu Schülerinnen und Schülern anderer Schulen schlechter und auch die Motivation nahm durch den Einsatz von Computern nicht zu, sondern ab. Interessant waren die Geräte für Kinder nur, um darauf zu spielen oder YouTube zu schauen, bei Schularbeiten ging ihr Reiz schnell verloren. Zudem fiel den Eltern auf, dass ihre Kinder zu suchtartigem Verhalten neigten, nur noch auf dem Tablet und nicht mehr im Freien spielen wollten. Leipner schließt daraus, dass eine Frühdigitalisierung zum Scheitern verurteilt ist.

Ich sehe es bei Kindern in unserem Umfeld, Opa, sie brauchen die regelmäßige Rückmeldung ihrer Lehrerin oder ihres Lehrers und auch den Vergleich mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, das motiviert sie. Wenn jeder für sich ganz individuell arbeitet, findet dieser Austausch kaum noch statt. Kinder freuen sich, wenn ihr Lehrer ihnen zum Beispiel sagt, sie schrieben wie gedruckt, oder wenn sie ein „Toll“ unter ihre Hausaufgaben geschrieben bekommen. Wenn die gegenseitige Rückmeldung und der Austausch mit dem Lehrer oder der Lehrerin und den Mitschülerinnen und Mitschülern verloren gehen und stattdessen von Programmen übernommen werden oder gar nicht stattfinden, fehlt das Zwischenmenschliche, dessen positive Wirkung auf das Lernen, denke ich, nicht zu unterschätzen ist. Es muss doch jedem einleuchten, dass Kinderherzen schon im Kleinkindalter höherschlagen, wenn sie einen Turm aus Holzklötzen gebaut haben und dafür von Mama oder Papa gelobt werden, anstatt zum Beispiel einen Ton zu hören, der signalisiert, dass der Turm eine Höhe erreicht hat, die ein Programm bemerkenswert findet. Warum sollte das bei älteren Kinder anders sein?

Ich lese im Moment viel Zeitung, Opa, in einem Interview hat die neue Vorsitzende der Kultusministerkonferenz Britta Ernst vor ein paar Tagen geäußert, auch nach der Pandemie solle der Einsatz digitaler Medien im Präsenzunterricht für eine bessere individuelle Förderung genutzt werden. Das ist so ein Quatsch. Leipner stellt in einem Kapitel seines Buches dar, weshalb das Konzept der „Individualisierung“ in die Irre führt: Schülerinnen und Schüler würden hierdurch zu Unternehmerinnen und Unternehmern, die sich – unterstützt durch individuelle Lernpakete – selbst optimieren müssen. Ganz im Sinne des Neoliberalismus stehe ökonomische Effizienz an erster Stelle.

Der Autor wirft auch einen kritischen Blick auf die Erfassung und Auswertung von Daten zum Zweck der individuellen Förderung. Er stellt die Gefahr dar, dass digitale Bildung die permanente Vermessung junger Menschen einfordert. Es findet eine totale Kontrolle von Kindern und Jugendlichen statt, die auf diese Weise daran gewöhnt werden, dass ihr Leben von Beginn an digital dokumentiert, analysiert und beeinflusst wird. Er zeigt, inwiefern in China und den USA die soziale Spaltung durch den Einsatz digitaler Technik vorangetrieben wird und die IT-Unternehmen die Klassenzimmer erobern. Er warnt, Deutschland solle sich nicht den Bedingungen der Datenökonomie unterordnen, sondern eine demokratische und soziale Gesellschaft bleiben, in der Bildung weiterhin als öffentliche Aufgabe verstanden wird, die nicht der Privatisierung durch Konzerne zum Opfer fällt. Schon jetzt haben die Digitalindustrie, die Privatwirtschaft und Lobbyisten einen großen Einfluss auf die Bildungspläne.

In China kommt tatsächlich schon Künstliche Intelligenz zur Überwachung von Schülerinnen und Schülern zum Einsatz, wie ich in einem Zeitungsartikel gelesen habe, Opa. In Sportkleidung eingenähte Computer- Chips helfen, die Fitness und die Leistungen der Schülerinnen und Schüler zu analysieren, individuell angepasste Ernährungspläne und Übungen für zu Hause werden von der Software gleich mitgeliefert. Smarte Kameras zeichnen die Wortmeldungen und Konzentration im Unterricht auf, die mentale Verfassung von Schülerinnen und Schülern wird analysiert und gespeichert. Das Ziel des Ganzen: Mit Hilfe Künstlicher Intelligenz makellose und vorbildliche Bürger zu erziehen. Opa, das ist doch absolut unmenschlich. Da China uns bei der Digitalisierung um einige Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, voraus ist, bleibt zu befürchten, dass auch uns solche Systeme ins Haus stehen.

Leipner jedenfalls ist der Meinung, dass Kindergärten und Grundschulen digitalfrei sein sollten. Erst auf weiterführenden Schulen erreichten Schülerinnen und Schüler die kognitive Reife, um eine wirksame Medienkompetenz aufzubauen, in deren Vordergrund eine aktive Medienproduktion stehen solle, also beispielsweise Recherchieren, Filmaufnahmen machen, Podcasts aufnehmen etc..

Er lässt Eltern des Silicon Valley, also Menschen wie Bill Gates, zu Wort kommen, deren Kinder, wenn überhaupt, erst mit 14 Jahren Zugang zu Handys, Computern etc. bekommen und häufig auf Waldorfschulen gehen. Leipner wirft der deutschen Politik vor, im Vergleich zum Silicon Valley abgehängt zu werden, weil die Politik an einem längst überholten Glauben festhält, alles digitalisieren zu müssen, egal wie viel Sinn dahintersteckt. Leipner stellt auch dar, dass das Textverständnis abnimmt, je häufiger Jugendliche digitale Medien nutzen. Lineares Lesen solle Vorrang haben, um Ausdauer, Kreativität, Aufmerksamkeit und Konzentration zu trainieren. Erst ab 12 Jahren solle das nicht-lineare Lesen bewusst trainiert werden, um die Flut von Informationen im Internet kanalisieren zu lernen.

Opa, ich höre immer wieder im Freundes- und Bekanntenkreis, dass Kinder sich nicht lange auf etwas konzentrieren können, zum Beispiel keine Hörbücher hören können. Auch gibt es häufig Motivations-Häppchen für die Kinder in Form von mehr erlaubter Medienzeit, wenn Aufgaben für die Schule erledigt werden, oder dekorativ gestaltetem Essen, um das Lernen zu verschönern. Von intrinsischer Motivation, also einem eigenen Antrieb von innen heraus, ist bei diesen Kindern wohl schon in ihrem zarten Alter nicht mehr viel übrig geblieben. Und trotzdem haben die Eltern das Gefühl, ihren Kindern mit dieser Art von Unterstützung, der extrinsischen, von außen her gesteuerten Motivation, etwas Gutes zu tun.

Leipner spricht in seinem Buch auch davon, dass eine Gefahr der digitalen Sucht besteht, sowohl in sozialen Netzwerken als auch bei Computer- und Lernspielen. Er hält frühe Medienkompetenz, die überall gefordert wird, für eine Illusion, weil Vier- bis Fünfjährige nicht in der Lage seien, reflektierend mit digitalen Medien umzugehen. Das zeige deutlich die Entwicklungspsychologie. Wer digitale Medien in diesem Alter in der Schule einsetzen wolle, fördere den Umgang mit Glücksspielautomaten. So wie das Flow-Erleben in Computerspielen Suchtverhalten stimuliere, geschehe dies durch permanentes Feedback und Belohnungssysteme auch in Lernprogrammen. Durch Herzchen, Sternchen und Taler als Belohnung löse die extrinsische Motivation die intrinsische Motivation ab. Auch in der weit verbreiteten Lern-App Anton, die durch die Pandemie noch beliebter geworden ist, kommen solche Belohnungssysteme zum Einsatz. Der Suchtfaktor wird schon deutlich, wenn man einfach nur durch die Stadt spaziert, Opa. Kaum ein Jugendlicher nimmt seine Umwelt wahr, die meisten haben den Blick nach unten gesenkt und starren auf ihr Smartphone, selbst bei Fahrradfahrern sieht man dies nicht selten. Im Freundes- und Bekanntenkreis gibt es Kinder, die bis zu fünf Stunden täglich Medien konsumieren, hauptsächlich digitale Spiele spielen, auch da kann man wohl von Sucht sprechen.

Es gibt so viele weitere negative Auswirkungen der Digitalisierung, Opa. Und ich habe das Gefühl, dass es kaum jemanden interessiert, weil es scheinbar alles so bequem macht: Lehrerinnen und Lehrer werden mehr und mehr zu Lernbegleitern und müssen nach und nach immer weniger Inhalte vermitteln, das können ja die Programme viel besser. Kinder sind beschäftigt, sei es durch Programme, Spiele, Apps, und können in der Zeit niemandem auf die Nerven fallen.

Auch der zusätzliche CO2-Verbrauch, der entsteht, wenn tagtäglich all die Tablets, Laptops usw. mit Strom versorgt werden müssen, ist ein solcher Rückschritt im Kampf gegen den Klimawandel. Das macht mich so wütend, Opa. Es wird auch noch viel mehr Elektroschrott entstehen, wie oft werden Geräte kaputtgehen oder in regelmäßigen Abständen gegen modernere ausgetauscht werden.

Es gibt Studien, die zeigen, dass die Kurzsichtigkeit unter Kindern und Jugendlichen rapide zunimmt, wenn sie viele Stunden am Tag auf Bildschirme starren. Eine chinesische Studie hat gezeigt, dass die Anzahl kurzsichtiger Kinder im Laufe der Pandemie zugenommen hat. Besonders Kleinkinder und Kinder im Grundschulalter, bei denen die Augen mitten in ihrer Entwicklung sind, sind anfällig hierfür. Wer sich wenig am Tageslicht aufhält und lange auf kurze Distanz schaut, begünstigt diese negative Entwicklung. Die Zeiten am Laptop, Handy oder Tablet sollten also überschaubar bleiben, die Zeiten draußen an der frischen Luft hingegen sollten täglich um die zwei Stunden umfassen. Die WHO schätzt, dass bis zum Jahr 2050 die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein könnte. Netzhauterkrankungen oder Grüner Star sind häufige Folgen von Kurzsichtigkeit. Der Mensch scheint also nicht dafür gemacht zu sein, seinen Tag vor Bildschirmen sitzend zu verbringen.

Auch kommt es zu Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern, wenn sie viel Zeit vor Bildschirmen verbringen. Opa, ich finde es erschreckend, wie wenig über all das gesprochen wird. Die Konzerne wie Google, Apple, Microsoft und ihre Lobbygruppen scheinen ihre Arbeit jedenfalls gut zu machen. Und jetzt wird Vieles mit Corona und den Einschränkungen zum Infektionsschutz begründet, die Zunahme psychischer Auffälligkeiten bei Kindern zum Beispiel oder die Zunahme fettleibiger Kinder. Dabei sind die negativen Auswirkungen der digitalen Medien ein grundsätzliches Problem, das höchstens durch die Pandemie-Umstände verstärkt wird.

Ich glaube, dass durch soziale Medien ganz viele soziale Spannungen überhaupt erst entstehen oder zumindest verschärft werden. Fast jeder hat Zugang zum Internet und kann dort seine Meinung kundtun. Das ist natürlich auf den ersten Blick gut, allerdings glaube ich, dass die Hemmschwelle sinkt und Dinge geschrieben werden, die man von Angesicht zu Angesicht nicht so schnell sagen würde. Zudem bleibt es oft nicht dabei, dass die eigene Meinung vertreten wird, sondern es wird ein immer beliebteres Mittel gerade von demokratiefeindlichen Gruppierungen, die eigene Meinung auf eigenen Fakten aufzubauen. Opa, schon in der Schule lernen Schülerinnen