Oberes Tor, unteres Tor - Geir Gulliksen - E-Book

Oberes Tor, unteres Tor E-Book

Geir Gulliksen

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Beschreibung

Eine Familiengeschichte aus Norwegen über drei Generationen.

Ein kleines norwegisches Dorf in den 1950er Jahren: Als die junge Gladys im Alter von achtzehn Jahren schwanger wird, tut sie das, was in dieser Zeit alle tun: Sie heiratet umgehend. Drei Söhne bringt sie schließlich zur Welt - um die sie sich kümmert und die sie großzieht, so gut sie eben kann. Letzteres versucht sie auch bei ihrem Ehemann ...

An ihrem Totenbett wachen Jahrzehnte später zwei dieser Söhne und stöbern in ihren Erinnerungen: Welche Geschichte werden sie einander einmal erzählen, über das Leben ihrer Mutter und das ihres Bruders, der schon lange nicht mehr am Leben ist?

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Seitenzahl: 552

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt:

Eine norwegische Kleinstadt in den 1950er Jahren: Als die junge Gladys im Alter von achtzehn Jahren schwanger wird, tut sie das, was in dieser Zeit alle tun: Sie heiratet umgehend. Drei Söhne bringt sie schließlich zur Welt – um die sie sich kümmert und die sie großzieht, so gut sie eben kann. Letzteres versucht sie auch bei ihrem Ehemann. Als sowohl er als auch sie einen Job in der lokalen Waffenfabrik bekommen, scheint es endlich aufwärtszugehen. Doch etwas läuft schief. Nicht nur für Gladys, auch für ihre Söhne … An ihrem Totenbett wachen Jahrzehnte später zwei dieser Söhne und stöbern in ihren Erinnerungen: Was werden sie einander einmal erzählen, über das Leben ihrer Mutter und das ihres Bruders, der schon lange tot ist? »Oberes Tor, unteres Tor« spielt mit den Geschichten einer Familie, damit, was hätte sein können, was sich heimlich gewünscht und doch nie erreicht wurde.

Autor:

Geir Gulliksen (geb. 1963) ist einer der herausragenden Persönlichkeiten des Literaturlebens in Norwegen. Als Verleger und Lektor war er u. a. verantwortlich für die Entdeckung so wichtiger skandinavischer Autoren wie Karl Ove Knausgård oder Linn Ullmann. Bekannt wurde er zunächst als Lyriker und Essayist; Romane, Theaterstücke und Kinderbücher folgten. 2014 erhielt er den Aschehoug-Preis für sein Gesamtwerk.

Übersetzer:

Andreas Donat wurde 1983 in Wien geboren. Er studierte Skandinavistik und Klavier in Wien, Berlin und Oslo und lebt als freier Literaturübersetzer und Pianist in Berlin. Andreas Donat übersetzt aus dem Norwegischen, Schwedischen, Dänischen und Englischen.

GEIR GULLIKSEN

OBERES TOR, UNTERES TOR

Roman

Aus dem Norwegischen von Andreas Donat

Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel »Øvre port, nedre port« bei H. Aschehoug & Co., Oslo.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.Die Arbeit des Übersetzers am vorliegenden Text entstand mit Unterstützung des Deutschen Übersetzerfonds.Die Übersetzung wurde von NORLA, Oslo, gefördert. Der Verlag bedankt sich sehr herzlich dafür.

Deutsche Erstausgabe März 2025

btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Copyright © der Originalausgabe 2023 Geir Gulliksen

Published by agreement with Copenhagen Literary Agency ApS, Copenhagen

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025 btb Verlag

Umschlaggestaltung: Sabine Kwauka

Covermotiv: Edvard Munch, Das Haus am Strand, 1905, Privatsammlung (Ausschnitt) © Photo © O. Vaering / Bridgeman Images

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

MSP · Herstellung: KH

ISBN 978-3-641-33730-8V001

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/penguinbuecher

beauty goes unrecognized

1

EIN GANZES LEBEN SPÄTER kehre ich zurück.

Ich parke hinter dem Krankenhaus. Wo der Asphalt aufhört, haben sich vier schlanke Birken ihren Weg durch den Kies gesprengt, fahles Laub, der Herbst hat begonnen, lange bevor der Sommer zu Ende ist. Die Birken sind etwa so groß wie kleinwüchsige Konfirmanden und werden auch nicht mehr höher, dafür ist das Erdreich zu flach.

Auf den Hügeln rund um die Stadt wachsen mehr Fichten und Kiefern als Birken, und obwohl sich das Stadtzentrum ausgedehnt hat, ist Overberget immer noch von dunklem Nadelwald umgeben. Aus der Ferne wirken die Hügel blau. Am Ende des Tages leuchten die Kiefern rot. Im Frühling sind die Birken violett, und so weiter, ich erinnere mich an alles. Von dieser Landschaft wollte ich weg und niemals hierher zurückkehren.

Ich steige aus dem Auto, atme ein und spüre den schalen Geschmack von Herbst mitten in der Augusthitze. Warum muss ich über das Wetter reden. Über die Landschaft. Was solls, ich tue es, und schon jetzt vermisse ich alles, von dem ich einmal wegwollte. Ich vermisse es, weil es mir verschlossen ist, weil ich hier niemanden mehr kenne, nicht mehr hierhergehöre. Falls ich überhaupt jemals hierhergehört habe, aber das habe ich, das muss ich getan haben, ich war ein Kind, ich hatte nichts anderes als diese Aussicht, diese Hügel, Straßen, Menschen, die hier wohnten. Ihre Gesichter im Gegenlicht verwischt wie auf alten, von der Sonne vergilbten Farbfotos.

Das Zentrum von Overberget liegt in der Sohle eines langen Flusstals, ehe die Landschaft flacher wird. Beide Seiten des Flusses sind bebaut, eine breite Stromschnelle namens Nybrufossen verläuft reißend und weiß schäumend unter der Nybrua, die immer noch das »neu« im Namen trägt, auch wenn sie älter ist, als sich irgendein Lebender hier erinnern kann. Immer noch heißt es, die Nybrua verbinde die Ostseite der Stadt mit der Westseite, dabei wird der Durchgangsverkehr schon lange am Zentrum vorbei und über eine neuere Brücke geleitet. Seit meinem letzten Besuch ist südlich der Stadt, wo flache Kiefernwälder talaufwärts übers Gebirge und auf die andere Seite des Landes führen, eine Autobahn gebaut worden. Overberget ist keine Stadt mehr, die man durchfährt, weil man anderswo hinmöchte. Niemand braucht hierherzukommen, der das nicht will, oder muss.

Aber Ivar hat mich angerufen, um mir zu sagen, ich müsse.

Er hat gesagt: Ich finde, du solltest jetzt kommen.

Er erwartet mich im Eingangsbereich, ich trete aus dem grellen Tageslicht hinein und sehe ihn erst, als er mit seiner großen Hand vorsichtig meine Schulter berührt.

– Hallo, sagt er, und ich erkenne die Stimme aus längst vergangener Zeit, leicht nasal wie immer, aber jetzt hat sie einen selbstbewussten und sicheren Klang, erwachsen und grob. Sein Gesicht ist verschwollen, seine blauen Augen haben früher immer leicht hervorgestanden, wie die Augen eines großen Tiers, immer ist er mir und allen anderen mit großäugigem Vertrauen begegnet. Aber jetzt liegen sie tiefer in ihren Höhlen. Schwere Lider, die Trauer überwuchert sein Gesicht.

– Sie ist nicht mehr sie selber, das muss dir klar sein, sagt er.

– Ist sie wach?

– Heute Nacht habe ich mit ihr gesprochen, ein paar kurze Sätze. Sie wollte wissen, wo sie war, und dann hat sie auf die Deckenlampe gedeutet und gesagt: Schau, der Mond.

Er blickt mich eine Sekunde lang an, während er mit der einen Augenbraue ein Lächeln andeutet.

– Aber dann war sie wieder weg. Ab und zu murmelt sie ein wenig, das ist alles.

Ich will auf den Fahrstuhl zugehen, aber er hält mich zurück, er ist noch nicht fertig.

– Es kann sein, dass sie dich nicht erkennt.

Er bleibt mit offenem Mund stehen. Er möchte mir etwas sagen, das er nicht herausbekommt, er atmet schwer, blickt sich um, als wollte er sichergehen, dass niemand in der Nähe steht und zuhört.

– Sie ist nicht mehr unsere Mama, wenn du verstehst, was ich meine.

Das tue ich nicht, nicke aber trotzdem, ich will es ihm nicht schwer machen. Wir steigen zusammen in den Aufzug, nicht den großen, der für die Krankenhausbetten plus mehrere Personen vorgesehen ist, sondern einen kleineren mit dem Vermerk Personal.

– Ich fahre immer mit dem, sagt mein Bruder, der andere macht ständig Probleme.

Er hat Angst davor, dass der Aufzug stecken bleibt, das ist neu. Aber er will es nicht zugeben, das ist nicht neu. Sein Körper füllt den Großteil der kleinen Aufzugskabine, und ich drücke mich gegen die Wand, damit wir einander nicht zu nahe kommen. Ich tue es um seinetwillen, weil er nie ein großer Freund von Umarmungen gewesen ist. Das mag jetzt anders sein, denn als sich unsere Arme berühren, scheint es ihm nichts auszumachen, er zwinkert mir zu und lächelt aufmunternd. Er ist schwerer geworden, er ist ein erwachsener Mann mit einem ziemlich kompakten Bauch, bald wird er in Rente gehen, aber immer noch sagt er Mama und kriegt dabei feuchte Augen. Das versetzt mir einen leichten Stich, ich weiß nicht warum, vielleicht ist es Neid. Ich habe sie immer Gladys genannt. Nicht immer, aber solange ich mich erinnern kann.

Auf dem Korridor vor dem Zimmer, in dem sie liegt, neigt sich Ivar zu mir und flüstert mir mit seinem heiseren und nasalen, tief berührten Bariton ins Ohr:

– Sie ist kaum noch ein Mensch. Das ist es, was ich dir sagen wollte.

Ivar war immer schon rücksichtsvoll, immer wollte er mich schonen, und andere auch. Nein, nicht immer, aber seit wir erwachsen sind, hat er stets darauf geachtet, niemanden traurig zu machen oder aus der Fassung zu bringen. Er ist der Älteste, das war er schon immer – ich weiß, das versteht sich von selbst, aber ich möchte damit etwas anderes sagen: Es ist, als wäre Ivar mit dem klaren Bewusstsein auf die Welt gekommen, der Erstgeborene zu sein, der sich als solcher um uns andere zu kümmern hat. Auch das stimmt nicht ganz, denn irgendwann einmal war er pubertär und verblendet und dachte nur an sich selbst. Aber dann fing sein zweites Leben an, er lernte Hanne kennen, und sie heirateten und bekamen Kinder und wurden eine kleine Familie, damals verloren wir den Kontakt, und damals ist er vermutlich zu dem freundlichen und selbstsicheren Mann geworden, der er heute ist.

Er ist mein Bruder, und ich kenne ihn schon mein ganzes Leben lang. Bei dem Gedanken erfasst mich eine unerwartete Traurigkeit. Nun, da ich im selben Zimmer stehe wie er, fällt es mir schwer zu begreifen, warum wir uns nie sehen. Ivar hat seine Erinnerungen an meine Geburt und meine Kindheit, vielleicht lässt er mich deshalb so leicht davonkommen. Wenn Gladys Hilfe gebraucht hat, hat sie jedes Mal Ivar angerufen.

Klar tut sie das, meint er, immerhin sei er von uns dreien der Einzige, der in der Stadt wohnen geblieben sei.

Und jetzt hat er sie durch einen Krankheitsverlauf begleitet, der damit enden wird, dass sie nicht mehr gesund wird, und deshalb fand er, ich müsse kommen, denn bald würde es zu spät sein.

Und ja, es ist bereits zu spät, und dennoch bin ich hier. Ich stehe in der Tür und blicke sie an. Sie ist kleiner und schmächtiger geworden, in dem hohen Krankenhausbett gleicht ihr Körper einem vergessenen Stoffbündel. Früher einmal war sie groß und kräftig, mit breiten Hüften und großen Händen. Sie hat immer groß gewirkt. Ich kann mich erinnern, dass einer von den Menschen, mit denen ich zusammengelebt habe, einmal unmittelbar vor einem von Gladys’ seltenen Besuchen bei uns zu Hause ausrief: Sie wird hier nicht reinpassen, unsere Zimmer sind zu klein, deine Mutter ist zu groß für uns.

Und jetzt ist sie so klein geworden. Sogar ihr Gesicht ist zusammengefallen, als hätte sie es um meinetwillen getan, als wollte sie sagen: Schau, du bist nicht der Einzige, der sich verändern kann, auch ich bin nicht mehr dieselbe wie früher. Und plötzlich verstehe ich nicht mehr, was es ist, was es war, das mich all diese Jahre von hier ferngehalten hat. Warum ist es mir unmöglich gewesen, sie zu besuchen, mit ihr zu reden, den Versuch zu machen, die Person kennenzulernen, die sie heute ist?

– Setz dich neben sie, sagt Ivar.

Er deutet auf den wuchtigen Lehnstuhl, auf dem er vermutlich den Großteil der Tage und Nächte seit Gladys’ Einlieferung ins Krankenhaus verbracht hat. Für sich selbst holt er einen Hocker und setzt sich auf die andere Seite des Betts.

– Mama, sagt er, und wieder treten ihm Tränen in die Augen.

– Schau doch, wer da ist.

Völlig unerwartet öffnet Gladys die Augen und blickt ihn an.

– Runar?, fragt sie.

Es dauert ein paar Sekunden, ehe ich verstehe, was sie gesagt hat. Ihre Stimme ist belegt, sie ist das Sprechen nicht gewohnt. Und ich bin es nicht mehr gewohnt, sie sprechen zu hören. Ihre Stimme hat früher anders geklungen, aber auch mit der neuen Stimme erkenne ich sie wieder, obwohl sie tiefer und zugleich irgendwie flacher ist. Ihre Art zu artikulieren ist immer noch dieselbe, sie verschluckt das »R« ein wenig, während das lange »U« in Runar sehnsuchtsvoll und zärtlich klingt.

– Nein, Mama. Runar ist tot, das weißt du doch. Schon lange.

Und dann sagt er den Namen, bei dem sie mich gerufen hat, irgendwann einmal, vor so langer Zeit, dass ich ihn schon vergessen hatte.

– Titti ist hier.

Es überrascht mich, dass ich hier bin, dass es den, der ich war, immer noch gibt, dass der Name, den ich einmal getragen habe, immer noch benutzt werden kann. Aber Gladys blickt Ivar ausdruckslos an. Und dann blickt sie an die Decke, es sieht aus, als verdrehte sie die Augen, und ihre Lider fallen wieder halb zu. Sie atmet schwach, undeutlich, fast lautlos, wie vorhin, als wir hereingekommen sind.

– Schau mal, Mama, sagt Ivar. – Titti ist da, er sitzt hier neben dir.

Von irgendwo unter ihrer Decke dringt ein Laut hervor, weich und zusammengepresst, wie eine verstimmte Trompete oder ein unterdrücktes Keuchen in einem dunklen Zimmer. Wieder vergehen einige Sekunden, ehe mir klar wird, was ich gehört habe, aber dann besteht kein Zweifel, es muss ein Furz gewesen sein.

Ivar und ich sehen einander an.

– Ui, sagt er.

Er schüttelt den Kopf, um es mir leichter zu machen, er denkt, ich wäre traurig, er befürchtet, die Trauer, die ihn selbst so hart getroffen hat, könnte auch mich überwältigen.

IVAR STOCHERT in einer zusammengesunkenen Brokkoliquiche, die er in der Mikrowelle aufgewärmt hat.

Sie zerfällt auf seiner Gabel und ist ohnedies zu heiß, um sie in den Mund zu nehmen. Gladys hat so tief geschlafen, dass ich Ivar überreden konnte, in die Kantine mitzukommen und etwas zu essen. Langsam schlich er um ihr Bett und hatte Angst, sie zu wecken, er stand in der Tür und vergewisserte sich, dass sie schlief, ehe er sich dazu durchringen konnte, dass es vielleicht doch in Ordnung sei zu gehen. Jetzt schiebt er den Teller zur Seite, hebt das Wasserglas an den Mund und schaut mich an, während er trinkt. Durch den Boden des Glases wird die rote Innenseite seines Mundes sichtbar, ein intimer und unerklärlicher Anblick, der sogleich wieder verschwindet, er leert das Glas in einem Zug, ehe er es abstellt. Er erzählt, seine Tochter werde später vorbeikommen, es sei an der Zeit, dass ich sie wiedersehe. Ich frage, wie alt sie mittlerweile ist. Er hebt die Augenbrauen, überrascht über mein mangelndes Erinnerungsvermögen. Frida ist doch deine Nichte, sagt er. Sie ist siebzehn. Dann fällt ihm etwas ein, ein Foto, das er mir zeigen möchte. Aus der Brusttasche seiner Jacke holt er einen Umschlag hervor, und aus dem Umschlag zieht er ein Foto, von dem ich meine, es noch nie gesehen zu haben. 1953, steht auf der Rückseite. Gladys war siebzehn, genauso alt wie Frida jetzt ist. Das Foto muss im Frühsommer gemacht worden sein, also nur wenige Wochen, bevor Gladys Gunnar kennenlernen wird, nämlich im August, und von ihm schwanger werden wird, im September. Nur wenige Wochen vor Ivars Zeugung. Gladys zu Hause im Garten ihrer Eltern, sie läuft auf die Kamera zu, ihre Augenpartie ist durch die Bewegung verschwommen, vermutlich ist es ihr ältester Bruder, der das Foto macht. Wenn sie zu Hause nach ihr rufen, dann sagen sie »Gladdis«, sie hat einen englischen Vornamen bekommen, weil das stattlich und vornehm klingt, aber sie sprechen ihn norwegisch aus, denn sie soll eine unter allen sein, sich nicht hervortun. Hinter ihr sehe ich ihre verwöhnte kleine Schwester, halb in Richtung Haus gedreht, wahrscheinlich hat die Mutter sie gerufen. Hinter der kleinen Schwester steht der jüngste Bruder, der an Polio erkranken und in selben Jahr direkt vor Weihnachten sterben wird. Er blickt in die Kamera, er hebt die Hand, um gesehen zu werden, er ahnt nicht, dass er in nur wenigen Monaten für niemanden mehr sichtbar sein wird, nicht einmal für sich selbst. Aber all diese Ereignisse des Sommers, der kaum begonnen hat, und des Winters, der wartet, und all der kommenden Jahre, sind nichts als unsere Vorstellung, die wir hier sitzen und das Bild betrachten und denken, wir wüssten es besser als Gladys, die in ihrem selbst genähten Kleid auf uns zugelaufen kommt. Geblümter Stoff, dessen Farben auf dem kleinen Schwarz-Weiß-Foto unmöglich zu erraten sind, und kurze Ärmel, einen Hauch niedlicher und koketter, als eigentlich zu ihr passt. Sie richtet sich für niemanden her, nicht damals und nicht heute, aber sie trägt das geblümte Kleid, so scheint es, mit Leichtigkeit. Das schwarze Haar ist fein gelockt, das muss an der Dauerwelle liegen, auf die sie so sehr schwört, von frühester Kindheit an ist es ihr größter Kummer gewesen, dass ihr Haar nicht schön fiel.

Ihr Haar, und der tote Bruder, und später Runar, der auch gestorben ist.

Sie blickt direkt in die Kamera, das knochige, pferdeähnliche Gesicht, eine Spur unscharf, lang und ausdrucksvoll, mit der markanten Nase, für die sie sich ebenfalls schämt. Sie weiß nicht, dass wir, die wir ihre Söhne sein werden, eines Tages dieses Bild von ihr betrachten und denken werden da ist sie, als wäre dies eine wahrere Version ihrer selbst als jene eingesunkene Landschaft, die jetzt ihr Gesicht darstellt, hier im Krankenbett, in dem sie liegt und in dem sie sterben wird.

Es ist leicht, in den Glauben zu verfallen, dass ein Augenblick wie dieser, in dem sie über die Wiese läuft, um den großen Bruder davon abzuhalten, das Foto zu machen, oder um ihm die Kamera wegzunehmen und selbst zu fotografieren, dass dieser Augenblick wahrer und zugleich unschuldiger ist als vieles von dem, was später kommen wird. Hier sehen wir sie in ihrer Jugend, umgeben von ihrer ersten Familie. Hier weiß sie nichts davon, dass sie bald schwanger sein wird, dass sie als gerade mal Achtzehnjährige ihr erstes Kind gebären und ihr Dasein bald auf den Kopf gestellt werden wird. Sie wird noch unfreier werden, als sie es bereits ist. Sie wird Gunnar heiraten, dem nicht über den Weg zu trauen ist, und sie wird eine junge Hausfrau werden, die Wasser kocht, um Windeln und Bettzeug und Kleider zu waschen. Sie wird das Essen fertig haben, wenn ihr Mann nach Hause kommt, sie wird sich den Bedürfnissen dieses Mannes und dieser Söhne unterordnen. Und dann wird sie, überraschend und dennoch selbstverständlich, langsam anfangen, ihr Leben selbst zu formen, innerhalb gewisser Rahmen, die sie als unabdingbar betrachtet.

Aber was hat sie damals vor sich gesehen, als Siebzehnjährige? Es kann sein, dass sie sich ein Leben vorgestellt hat, das ziemlich genau so aussah wie das, was sie schließlich bekam. Sie träumte davon, jemanden kennenzulernen, in den sie sich verlieben würde. Sie wünschte sich, was jeder sich wünscht: Umarmungen, Lachen, Austausch von Zärtlichkeit und Bestätigung, was auch immer einem ermöglicht durchzuhalten. In ihrem Fall also: einen Mann. Danach Kinder und Familienleben. Für Mädchen wie sie gab es nichts anderes. Keine Möglichkeit, irgendwelche verborgenen Fähigkeiten zu entfalten. Keine Studien, keine Reisen, niemals einen Augenblick, sich in irgendetwas zu vertiefen, sich Wissen über die Welt außerhalb der kleinen Stadt anzueignen. Als Dreizehnjährige hatte sie die Schule abgeschlossen, jetzt arbeitete sie in einem Lebensmittelladen, sie stand hinter der Fleischtheke und schnitt Schinken. Radelte zur Arbeit, radelte nach Hause, half im Haushalt mit. Ihre kleine Schwester war sieben Jahre jünger, sie würde drei Jahre länger zur Schule gehen als Gladys, aber dann war auch ihre Ausbildung zu Ende, und ein Leben begann, das jenem von Gladys glich. Der große Bruder, Vilhelm, ging noch ein paar Jahre länger zur Schule und wurde Schreiner, wie sein Vater. Aber das wirklich Entscheidende war auch für Vilhelm etwas anderes: eine Frau kennenzulernen, mit ihr zusammenzuleben, eine Familie zu gründen. Vilhelm lernte Vilma kennen und heiratete sie im selben Jahr, in dem Gladys Gunnar heiraten musste. Es wurde, aus praktischen Gründen, eine Doppelhochzeit.

Auf den Hochzeitsfotos ist zu sehen, dass Gladys unter ihrem Kleid schwanger war. Das war ein Unglück, das Schande und Erniedrigung bedeutete, aber kann es nicht auch ein leicht verbeultes und robustes Glück gewesen sein? Sie muss losgelassen und es geschehen lassen haben, sich dem hingegeben haben, was auf sie zukam. Endlich nahm das Leben Fahrt auf und erhielt eine Richtung. Und warum auch nicht? Sie wusste um die Leere, die unter allem ruht, sie muss den Eiswind gespürt haben: jedes Mal, wenn sie sich aufs Fahrrad setzte, jedes Mal, wenn sie sich im Hinterzimmer des Ladens die Schürze anzog, jedes Mal, wenn sie das kalte Stück Schinken auf die Schneidemaschine legte und anfing, die dünnen Scheiben zu schneiden, die flach auf das Wachspapier fielen. Oder jedes Mal, wenn es still um sie wurde, etwa wenn sie in ihrem Dachbodenzimmer, das sie mit ihren Geschwistern teilte, im Bett lag und an die Decke blickte.

Die Leere, und die Sehnsucht nach etwas, das nicht leer ist. Nicht die Sehnsucht in die Ferne, von der alle reden, sondern die Sehnsucht hinein, hinein ins Leben, hinein zu den anderen, hinein in das, was zugleich Grenzen und Halt bietet und das Leben für sie verständlich und erträglich machen konnte. Dorthin wollte sie, dorthin musste sie, wohin sonst?

EINMAL WAR GUNNAR GROSS und schlank gewesen, mit einem steilen Nacken, der zu Sonnenbränden neigte.

Aber das weiß heute niemand mehr, niemand außer Gladys. Falls sie da, wo sie gerade liegt, überhaupt etwas weiß. Sie atmet beinahe unhörbar, ihre Augenlider zittern, als träumte sie und würde im Traum durch irgendetwas gestört, tief drinnen in einer ansonsten behaglichen Landschaft, durch die sie sich bewegt. Und falls sie jetzt von allen möglichen Menschen tatsächlich Gunnar vor sich sieht, dann muss es wohl der junge Gunnar sein.

Sie kannte ihn schon lange, bevor die beiden ein Paar wurden, sie konnte sich noch an den Jungen erinnern, der vier Klassen über ihr in die Schule gegangen war. Als Kind war er pummelig gewesen, von den anderen Jungen in seinem Jahrgang wurde er Dickwanst genannt, sie erinnerte sich an sein rundes, helles Gesicht und das unter dem Pullover deutlich erkennbare Bäuchlein. Den Bauch hat er später, als mittelalter Mann, wieder bekommen, aber als er zweiundzwanzig war und mager und sonnengebräunt und groß, mit glatt aus der Stirn gekämmtem Haar (wie Elvis) deutete nichts darauf hin, dass er wieder dick werden würde. Und wenn doch, dann hätte das auch keinerlei Bedeutung gehabt, nicht für sie. Sie verliebte sich in ihn, weil sie dafür bereit war, und weil es an der Zeit war, und weil er auf einmal vor ihr stand und tanzen wollte. Was hätte sie anderes tun sollen? Sie war siebzehn, sie musste jemanden zum Heiraten finden, das war das Einzige, was auf sie wartete, der einzige Weg, den sie gehen konnte.

An dem Abend, an dem er schließlich Mut fasste und sie zum Tanz aufforderte, meinte sie in seinem Gesicht eine Art Abenteuerlust zu erkennen, oder Gier. Oder vielleicht war es einfach nur Hoffnung. Sein Gesicht war damals so offen, ein Leuchten lag in seinen Augen. Oft zog er die Augenbrauen hoch und starrte an den Gesichtern um ihn herum vorbei nach oben, als wartete er darauf, dass sich dort irgendetwas offenbarte. Sein halb geöffneter Mund, das leuchtende Blau seiner Augen, so deutlich inmitten von all dem Weiß, das es umgab, und vielleicht war ihr das schon genug? Dass sein Gesicht sich vor ihr öffnete, wie eine unerwartete Möglichkeit, ein Weg hinein ins Leben. Sie nahm seine Aufforderung an, mit einem verschämten Lachen oder einem abfälligen Kichern, zur Sicherheit, immerhin wollte sie sich auch nicht allzu beflissen zeigen. Sie erhob sich von dem kleinen Cafétisch, an dem sie mit ihren drei Freundinnen aus dem Nähklub gesessen hatte, und folgte ihm auf die Tanzfläche. Er legte seinen Arm um ihre Hüfte und führte sie. Es war ein Walzer, bei Walzern fühlte er sich am sichersten, aber sie merkte, er war wohl insgesamt ein ziemlich guter Tänzer. Er sah sie an und lächelte, er ließ seinen Blick über die anderen Tanzenden schweifen, und lächelte weiter. Als wäre er stolz darauf, mit ihr zu tanzen. Das war er wohl auch. Er war einer, der stets auf das Beste hoffte, und das war ansteckend, das sollte sie bald selbst erfahren.

ABER ES WÜRDE GUTGEHEN zwischen ihnen, das hatte sie beschlossen.

Es würde gutgehen, auch wenn es anfangs nicht danach aussah. Gleich bei der ersten Übelkeit, die sie beim Betreten des hinteren Ladenzimmers heimsuchte, wo sie sich die Schürze anzog, um sich für ihre Schicht an der Fleischtheke fertig zu machen, wurde ihr klar, dass sie schwanger war. Dieses Wort. Schwanger. Übrigens sagte sie es nicht so, sie sagte schwanngr. Sie machte sich das Wort zu eigen, und dann muss sie beschlossen haben, dass es gutgehen würde. Das ist typisch für sie: eine Entscheidung zu treffen und dann auf Biegen und Brechen dabeizubleiben. Zuerst erzählte sie es Gunnar; der reagierte zufrieden, als wäre die ganze Sache sein alleiniges Werk, er war stolz, dass es ihm gelungen war, sie gleich beim ersten Versuch zu befruchten. Und dann musste sie ihn mit nach Hause nehmen und ihren Eltern zeigen. Erst danach konnte sie ihnen erzählen, dass sie ein Kind erwartete.

Sie gingen die Treppe hoch und in den Flur, zogen ihre Schuhe und Mäntel aus, die Kleiderbügel klirrten, und Gunnar räusperte sich, und sie wusste, ihre Eltern konnten hören, dass sie nicht allein war, dass sie mit einem Mann nach Hause kam. Sie öffnete die Tür einen Spalt und rief hinein:

– Ich hab jemand mitgebracht.

Sie versuchte, es in einem leichten Tonfall zu sagen, als wäre es eine gute Neuigkeit, dass sie jemanden nach Hause mitgebracht hatte, obwohl sie wusste, wie angespannt ihre Mutter wurde, wenn sie Besuch hatten. Sie wusste es nur zu gut, sie konnte die Anspannung schon im Voraus in ihrem eigenen Körper spüren, und als sie die Tür öffnete, sah sie Mutter und Vater in der Küche nebeneinanderstehen, mitten im Raum. Die Mutter strich mit den Händen nervös über ihre Schürze, das eine Augenlid und der eine Mundwinkel zitterten mehr als gewöhnlich.

– Das ist Gunnar, sagte Gladys.

Immer noch versuchte sie, den leichten Tonfall beizubehalten, als hätten sich alle gewünscht und sehnlichst erwartet, dass sie mit einem wildfremden Mann nach Hause kam. Und ihr Vater wiederholte den Namen, misstrauisch oder verständnislos, er zog die Augenbrauen hoch, und auf seiner Stirn zeigten sich die fünf schmalen Falten, vor denen Gladys stets auf der Hut war. Also wusste er Bescheid, dachte sie. Vermutlich hatten sie es ihr längst angesehen. Ihre Hüften wirkten breiter, und sie lief den lieben langen Tag mit feuchten Augen rum, es musste ihnen längst klar gewesen sein, dass etwas im Busch war. Jedenfalls: Als sie mit einem Mann namens Gunnar nach Hause kam, von dem sie noch nie gehört hatten, bestand kein Zweifel mehr. Gladys würde ein Kind kriegen und musste heiraten. Das war der Satz, mit dem sie sich ihren Verwandten und Nachbarn erklärten, sobald es offensichtlich, sobald es zu sagen unvermeidlich geworden war.

Gunnar war Klempnerlehrling und arbeitete seit einiger Zeit mit seinem Bruder zusammen. Der Bruder war ein paar Jahre älter und hatte gerade seinen Gesellenbrief erhalten. Einen Gesellenbrief würde auch Gunnar bekommen, ziemlich bald, meinte er, hielt sich über den genauen Zeitpunkt jedoch bedeckt. Er wich aus und gab zugleich den Angeber. Er schien sich zu schämen, also musste er wohl einen Grund dafür haben? Doch dann fing er an, mit seiner Arbeit zu prahlen, mit allem, was er gelernt hatte, es hörte sich an, als wäre er Weltmeister der Klempnerei, und danach, als Gunnar sich bedankt hatte und gegangen war, ließ ihr Vater die Bemerkung fallen, dass mit Scheiße zu arbeiten ja wohl nicht allzu schwierig sein könne. Die Scheiße müsse in die Rohre und die Rohre in den Fluss geleitet werden, das würde ja wohl jeder hinkriegen. Und ihre nervöse, aufbrausende Mutter hatte den Kaffee in den feinsten, teuersten Tassen serviert, die sie besaßen, und Gunnar hatte seine zu fest gehalten und war plötzlich mit dem kleinen Porzellanhenkel zwischen den Fingern dagesessen, nachdem die Tasse auf den Tisch geplumpst war. Die Tischdecke voller Tassenscherben und Kaffee, und Gladys war noch nicht mal achtzehn, und Gunnar war zweiundzwanzig. Sollte es so mit ihr enden, sollte ihre älteste Tochter einen Angeber heiraten, einen Tölpel? Es lag an ihr, etwas Anständiges aus ihm zu machen, und ihr Vater meinte, es mochte nicht das erste Mal sein, dass ein solches Unterfangen geglückt sei, aber er hatte seine Zweifel, und die Mutter vergaß die zerbrochene Tasse niemals.

Aber Gladys hatte sich entschieden, sie würde es schaffen. Sie würde Gunnar zurechtbiegen, ihn zu jemandem machen, der im Leben klarkam und auf den man stolz sein konnte. Er war gut aussehend, er hatte ein schönes Lächeln, und seine Stimme nahm einen so warmen Klang an, wenn er über das Leben sprach, das er vor sich sah, das Leben, das sie gemeinsam haben würden, mit einem Haus und ein paar Kindern und irgendwann einem Auto. Sie hörte ihm gern zu, wenn er von der Zukunft redete. Er redete sich warm, seine Augen leuchteten, während er sich ausmalte, was ihm nicht alles gelingen würde. Aber wo sollte das Geld dafür herkommen? Solange Gunnar bloß ein Klempnerlehrling ohne feste Arbeitszeiten war, würden sie sich keine Wohnung leisten können. Der Klempnermeister hatte nicht jeden Tag Arbeit für Gunnar und seinen Bruder, manchmal arbeiteten sie bis spät in den Abend hinein, während sie sich an anderen Tagen in der Stadt herumtrieben und ihr Geld im Bahnhofscafé ausgaben.

Das würde sich ändern, sobald das Kind da war, sagte Gunnar, er würde mit dem Klempnermeister darüber reden. Aber er zögerte das Gespräch hinaus, jede Woche fragte sie, ob er schon mit dem Meister gesprochen habe, und jede Woche antwortete er Nein, er könne die Sache noch nicht ansprechen, es seien schlechte Zeiten. Der Klempnermeister habe nicht einmal für sich selbst genug Geld, argumentierte Gunnar, der es nur schlecht vertrug, unter Druck gesetzt zu werden, und dann kam das Baby, und Gunnar hatte noch immer keine feste Arbeit. Die erste Zeit durften sie bei Gladys’ Eltern wohnen. Ihr Vater ließ den äußersten Teil des Wohnzimmers abtrennen, den Raum, der bisher als eine Art Wintergarten gedient hatte. Dort hatten sie einen Eingang vom Garten aus und gewissermaßen ihr eigenes Heim. Aber das war keine Dauerlösung, und so überredete Gladys Gunnar, sich bei der Waffenfabrik zu bewerben. Zuerst wollte er nicht, er war gern Klempner. Ganz ähnlich sollte es in den kommenden Jahren weitergehen: Gladys hatte ihre Vorstellungen davon, was passieren musste, um bestimmte Dinge zu erreichen, während Gunnar es vorzog, alles beim Alten zu belassen. Aber schließlich bewarb er sich doch um die Stelle in der Waffenfabrik, und seltsamerweise wurde er sofort eingestellt, höchstwahrscheinlich weil Gladys’ Vater mit einem Bekannten in der Personalabteilung gesprochen hatte. Das war die Rettung, eine feste Anstellung in der Waffenfabrik. Jetzt würde alles gut werden.

Gunnar sollte als Feilarbeiter anfangen, das mussten alle Neuangestellten in der Fabrik. Dafür musste er an einem Feilkurs teilnehmen, und das behagte ihm nicht, er hatte keine Lust, mit anderen Anfängern im Feilarbeitersaal zu stehen und Anweisungen zu befolgen. Er hatte versucht klarzustellen, dass er keinen Kurs brauche, immerhin habe er doch bereits Rohre gefeilt, aber er kam nicht drumrum, niemand durfte in der Fabrik arbeiten, ohne den Feilkurs absolviert zu haben. Gunnar war überheblich und unverschämt, das schien bei ihm in der Familie zu liegen, vermutete Gladys. Ihr Vater bot ihm an, ihn anzulernen, aber das hatte Gunnar nicht nötig. Er hatte keine Angst davor, es nicht zu schaffen. Wer in der Lage war, eine Spüle zusammenzubauen, würde doch wohl auch Gewehrläufe feilen können, und bestimmt auch fein gegossene Maschinenteile. Feilen sei Präzisionsarbeit, bemerkte ihr Vater, etwas völlig anderes als Rohre zusammenzuschrauben, aber das sagte er nicht zu Gunnar, sondern zu Gladys. Ob es nun darum ging, die Kanten der großen industriellen Rührbehälter zu feilen oder Gewehrläufe aus der Gewehrwerkstatt, Präzision sei das Einzige, was zähle. In der Waffenfabrik wurden nicht nur Kanonen hergestellt, sondern alles Mögliche, was die Verkaufsabteilung für profitabel hielt, Autoteile und Globoidmaschinen und Bootsschrauben. Und alles erforderte dieselbe Genauigkeit.

Es ging nicht gut. Gleich am ersten Tag ruinierte er drei Gewehrläufe, sie waren nicht zu retten und wurden als Anschauungsbeispiel benutzt, wie man es nicht machen sollte, er wurde vor allen anderen vorgeführt. Der Vormann meinte, es mangle ihm an Geschick, und damit hatte er gewiss recht. Später, als sie einen Baukredit erhielten und Gunnar Teile der Bauarbeiten selber erledigen wollte, musste er das Handtuch werfen. Er schlug sich beim Nageln mit dem Hammer auf die Finger, und als er die Dachüberstände streichen wollte, fiel er von der Leiter. Am Ende musste er sich damit begnügen, stattdessen Materialien für den Zimmermann zu tragen und Nägel aufzusammeln.

Das Feilen sei wohl schwieriger gewesen, als Gunnar es sich eingebildet habe, kommentierte Gladys’ Vater das Ganze. Aber jemand hielt eine schützende Hand über ihn, und Gunnar bekam eine Stelle in der Montagewerkstatt. Wieder war es Gladys’ Vater gewesen, der im Hintergrund die Fäden gezogen hatte. Er verachtete Gunnar, er schüttelte über ihn den Kopf, und das sollte sich niemals ändern.

Woher weiß ich das. Ich suche in dem Wenigen, das mir erzählt worden ist, aber vor allem in meinem eigenen Gefühlsleben, meinem emotionalen Archiv, in das auch die Gefühle anderer einfließen, nichts überträgt sich so leicht wie die Emotionen anderer Wesen, seien es Menschen oder Tiere. Ich denke an Gunnar, und unmittelbar steigt in mir das Schamgefühl auf wie ein aufgeschwollener weißer Kadaver in schwarzem Wasser. Ich muss sie irgendwo herhaben, die Scham über meinen Vater, sie ist auf mich übertragen worden, nicht von Gladys, glaube ich, aber vielleicht von ihrem Vater, und vielleicht von anderen in unserem Umfeld. Oder vielleicht, und wahrscheinlicher, von Gunnar selbst.

Gladys befürchtete, dass er in der Fabrik nicht zurechtkommen würde, aber das musste er nun mal, und sie würde ihm dabei helfen. Schon im Voraus machte sie sich Sorgen darüber, was er an seinem ersten Arbeitstag anziehen würde. Ein Flanellhemd, aber ein neues, das mussten sie sich leisten können, und darunter ein Unterhemd, wie ihr Vater es immer trug. Gunnar wollte kein Unterhemd, ihm war ohnehin immer zu warm, und er wollte nicht aussehen wie sein Schwiegervater, und was hatte denn überhaupt ihr Vater mit der Sache zu tun, der hatte doch nie in der Fabrik gearbeitet. Sie reagierte im Namen ihres Vaters gekränkt, immerhin war er Schreinermeister und hatte es weitergebracht als seine Brüder, die allesamt in der Fabrik arbeiteten. Aber genau aus diesem Grund wusste er auch mehr über die Fabrik als Gunnar. Gunnar würde sich gegenüber seinem Schwiegervater immer unterlegen fühlen, und das zu Recht, fand Gladys später. Aber damals noch nicht, damals meinte sie, sie könnte Gunnar ummodeln, ihn zu dem Menschen machen, den sie bei ihrer ersten Begegnung in ihm zu erkennen geglaubt hatte. Er hatte sie so leicht und einfach angelächelt, und außerdem war er ein guter Tänzer.

Gunnar wollte kein neues Hemd, er wollte nicht aussehen, als hätte er sich für die Arbeit herausgeputzt. Nun gut, dann musste es eben das beste Hemd sein, das er hatte. Aber seine Hose war abgewetzt und hatte speckige Glanzflecken an Gesäß und Knien, die konnte er nicht anziehen, wenn er seine neue Stelle antrat. Es war eine Sache, solche abgenutzten Hosen zu Hause zu tragen, oder auf dem Weg zur Arbeit als Klempner, dafür hatte er ja seinen Blaumann, aber wenn er durch das Fabriktor ging, musste er aussehen wie ein anständiger Mensch. Dort würde er doch auch einen Blaumann bekommen, sagte er. Aber was änderte das schon, er würde durch das Tor gehen müssen, er würde sich mit den anderen umziehen, er würde seine Kleidung in einen Spind hängen. Er konnte nicht mit seiner abgenutzten Hose reingehen und sie in einen der neuen feinen Metallspinde der Fabrik hängen. Sie würde ihn bitten, seine Kleidung ordentlich aufzuhängen, Kleiderbügel würde es dort wohl geben, ansonsten musste er einen von zu Hause mitbringen. Sie stellte sich vor, wie er seine Kleidung am Boden des Schranks liegen lassen würde, während alle anderen ihre ordentlich aufhängten, sie sah seine Kleidung als dummen zusammengefallenen Haufen vor sich, wie irgendetwas Totes, das da unten auf dem Schrankboden lag. Sie war stolz auf ihn und seine neue Arbeit, und zugleich schämte sie sich für ihn. Sie befürchtete, dass er ungepflegt aussehen würde. Stets musste sie ihn daran erinnern, sich zu waschen, sie ärgerte sich über seinen Geruch, Schweiß und Tabak, ungewaschene Hosen, dreckige Unterhosen, er selbst schien nichts davon zu bemerken. Wenn sie sich nur ein Haus mit fließendem Wasser hätten leisten können, und das konnten sie jetzt vielleicht bald. Außerdem brauchte er eine neue Arbeitstasche, sagte sie, das komme nicht in Frage, sagte er laut, er war wütend, was bildete sie sich nur ein. Die alte abgenutzte braune Tasche würde er mitnehmen, alles andere wäre zu viel. Aber sie nähte ihm eine neue Hose, sie kaufte schönen graublauen Terylenstoff und nähte zwei Abende hintereinander, die Nähmaschine ratterte und hämmerte auf den Tisch, und es vibrierte in den Kinderbetten, in denen unter anderem auch ich lag, nein, ich war damals noch nicht geboren, diese Anstellung sollte der Grund sein, dass Gladys sich schließlich darauf einließ, noch ein Kind zu bekommen, aber ich weiß trotzdem, wie es damals war, sie saß da und nähte ihm bis spät in die Nacht eine Hose, der wütende Klang des Nähmaschinenpedals, und alles war umsonst, denn als die Hose fertig und mit einer allzu scharfen Bügelfalte versehen war, wollte er sie nicht, sie war ihm zu fein. Er werde die Hose für Weihnachten aufheben, sagte er. Er hatte Angst, er wollte nicht auffallen. Und dann war da noch die Brotdose, oder sollte er Butterbrotpapier benutzen, ach nein, wie stutzerhaft, in der Kantine sitzen und mit Butterbrotpapier knistern, das wollte er auf keinen Fall, er würde seine alte Brotdose benutzen, und dieselbe Thermoskanne wie immer. Nun gut, dann sollte er eben gehen, wie er war, aber wozu dann überhaupt eine neue Stelle annehmen, wenn ohnehin alles so weitergehen sollte wie bisher? Sie knallte mit den Schranktüren und klapperte mit dem Geschirr, um das sie sonst immer so besorgt war. Aber sie suchte die beste seiner alten Hosen heraus, sie wusch und bügelte seine Kleider, wie immer. Und am Morgen seines ersten Arbeitstags stand sie besonders früh auf und schmierte ihm Schinkenstullen, wenn schon, denn schon.

Sie hatte Schinken gekauft, sie stand im Laden und sah zu, wie er aufgeschnitten wurde, das Mädchen hinter der Fleischtheke war nett, sie lächelte und redete und lachte, aber Gladys hätte es schneller und präziser machen können. Frühmorgens schmierte sie ihm die Stullen für die erste Brotzeit, die er in der Feilerwerkstatt essen sollte, sie legte frischen, glänzenden Schinken auf die Brotscheiben, es roch roh und kalt und lebendig, so würde es nicht immer sein, das konnten sie sich nicht leisten, aber der erste Tag und der erste Eindruck waren wichtig. Auch Gunnar machte sich Sorgen um den Eindruck, den er auf die anderen machen würde. Wenn etwas schiefging, würde es auf ihm sitzen bleiben, er wollte keinen Spitznamen, davor fürchtete er sich am meisten, ein Name, der an ihm hängen bleiben würde, und zwar nicht nur in der Fabrik, ein Spitzname verbreitete sich in der ganzen Stadt, alle, die er kannte, würden davon erfahren. Dort geht er, und dann der Name, Schrottbüchse, Morgenkuss, Rosentanz, Friedhofsscheißer, Linkshänder-Larsen. Manchmal gingen die Namen auf die Söhne über, wenn sie in der Fabrik anfingen, dort geht der Sohn von Morgenkuss. Nein, das durfte nicht passieren, er würde es nicht ertragen. Vor dem Losgehen überprüfte er seine Kleidung und seine Sachen und sogar den Tabakbeutel, er überprüfte, ob der Tabak nicht zu alt und trocken war, und ganz neu durfte er auch nicht sein, auffallen konnte man mit allem Möglichen, das wusste er. Am Vorabend hatte er zwei Kartoffelscheiben in den Tabakbeutel gelegt, um den Tabak weniger trocken zu machen. Jetzt nahm er die Kartoffelscheiben heraus und warf sie weg – was, wenn er es vergessen hätte. Toffel hätten sie ihn genannt. Er betrachtete seine abgenutzte Hose und beschloss, doch die neue anzuziehen. Aber bevor er sie anzog, rollte er sie zusammen, warf sie auf den Boden und trampelte darauf herum, damit sie nicht so neu und frisch gebügelt aussah. Er rasierte und kämmte sich wie immer. Gladys freute sich, ihn mit der neuen Hose zu sehen, sie tätschelte ihm die Wange, zärtlich, hätte ich beinahe gesagt, aber dieses Wort gab es in ihrem Vokabular nicht. Gunnar spürte die Wärme ihrer Hand, das muss ihm eine Hilfe gewesen sein, auch wenn er es sich nicht anmerken ließ.

Und dann ging er los, stieg aufs Fahrrad und verschwand um die Kurve und die Straße hinunter. Zuerst war er sich nicht sicher gewesen, ob er mit dem Fahrrad fahren sollte oder nicht, das hatte er Gladys nicht erzählt, es war ihm auf einmal so alt und klapprig vorgekommen, aber um zu Fuß zu gehen, war er zu spät dran. Also stieg er auf und ließ sich den Hügel hinunterrollen. Die Kette hätte geölt werden müssen, sie rasselte und quietschte, das hatte ihn bisher nie gestört, aber jetzt ging es ihm auf die Nerven, jetzt beschloss er, sich so bald wie möglich darum zu kümmern. Er fuhr ein Stück am Fluss entlang, er hatte vorgehabt, vor der Alten Brücke vom Rad zu steigen und es am Ufer im Gebüsch abzustellen. Aber daran war nicht zu denken, immerhin war er nicht allein, die Straße war voller anderer Männer, auf Fahrrädern oder zu Fuß, die alle in dieselbe Richtung mussten, und hätte ihn jemand dabei beobachtet, wie er sein rostiges Fahrrad im Gebüsch versteckte, dann wäre er damit nur ins Gerede gekommen. Fahrraddieb hätten sie ihn genannt, oder Buschjäger. Beim Gedanken daran musste er beinahe selbst lachen, aber für ein richtiges Lachen war er zu nervös. Also radelte er mit der gleichen Geschwindigkeit wie alle anderen und stellte das Fahrrad mit den anderen am Fahrradständer der Fabrik ab, wo Hunderte schwarze Herrenräder standen, die gespannten Stahlrahmen und braunen Sattel aus seitlich eingerissenem Leder, und reihenweise glänzende Lenkstangen, sie glichen metallenen Pferden. Er schob dieses Bild von sich, fast machte es ihm Angst, er löste die Tasche vom Gepäckträger, die abgenutzte braune Tasche, die er von seinem Bruder geerbt hatte, der sie wiederum vom Vater geerbt hatte, dem dicken Bäcker mit den wunden Händen. Gunnar erinnerte sich noch aus seiner Kindheit an diese Tasche, und jetzt trug er sie selbst unterm Arm durch das Tor. Dort saß hinter einer kleinen Luke der lahme Pförtner mit dem schiefen Mund, ihm war als Kind ins Gesicht geschossen worden, von seinem kleinen Bruder, hieß es, er hatte vier Brüder, und wer den Schuss abgefeuert hatte, war ein Familiengeheimnis, keiner verstand, warum es ein Geheimnis sein musste, das schadete doch nur den drei anderen Brüdern, die nicht geschossen hatten, aber so war es nun mal, über nichts durfte geredet werden, und am besten blickte man einfach geradeaus. Der Pförtner war unter dem Namen Waldtroll bekannt, so hatte man ihn seit der Schulzeit genannt, und Gunnar kannte ihn von damals, er nickte ihm zu und hoffte, dass er nichts würde sagen müssen, aber was war es eigentlich, das er nicht sagen wollte und so ängstlich zu verbergen suchte? Irgendetwas muss mein Vater sein Leben lang versteckt gehalten haben, vielleicht sogar vor sich selbst. Vielleicht ist es das, was ich herausfinden werde, während ich hier an Gladys’ Bett sitze und alles, was sich durch ihre dösigen Gedanken bewegt, in mein Inneres weiterfließt. Mag sein, dass sich das, was mein Vater in seinem Inneren bewachte, niemals aufdecken lassen wird. Der Pförtner mit dem schiefen Mund redete gerade mit jemandem, einem Höherstehenden, und dann war Gunnar drinnen, und im Gegensatz zu den anderen sollte er nicht einstempeln, nicht am ersten Tag, er ging einfach weiter auf dem Kiesweg, der zum längsten Gebäude führte, Gebäude Nummer 11, so heißt es heute, das hat mir Ivar erzählt. Gunnar folgte dem Strom der anderen, die ebenfalls in das lange, niedrige Backsteingebilde mussten, in dem die alte Feilerwerkstatt lag. Das Gebäude umschloss ihn mit Geräuschen und Gerüchen und einer kühlen, mauerartigen Dunkelheit, die er bald zu schätzen lernen sollte. Dem Licht zu entschlüpfen und in die kühlen Schatten einzutauchen, das kam ihm zupass, stelle ich mir vor, vielleicht sehnte er sich danach, ein Teil jener Dunkelheit zu werden.

Dabei war es drinnen keineswegs dunkel. Die alten Fabrikgebäude am Fluss hatten entlang der gesamten Fassade hohe Sprossenfenster, und von den Decken hingen große weiße Kugellampen, in vielen Hallen waren die Wände verputzt und weiß gestrichen wie in einem Laboratorium, wie in einem modernen Traum von der sauberen Zukunft der Industrie. Aber für Gunnar fühlte es sich dennoch so an, als verschwände er hinab in die Dunkelheit, in eine gnädige Unterwelt, wo er hoffentlich in den Schatten verharren konnte, am besten ohne mit irgendjemandem zu reden, ohne aufzufallen. Er bekam eine Werkbank, an der er arbeiten sollte, und ein Set Feilen, manche gröber und manche feiner, einige flach und andere halbrund, er hatte keine Ahnung gehabt, dass es so viele verschiedene Arten von Feilen gab. Er stand am Fenster, und wenn er sich ein bisschen in die Höhe streckte, konnte er sogar ein wenig vom Fluss sehen, der hier unten schwarz war und glänzte und stark strömte, genau wie er selbst, fand er. Und dann machte er sich an die Arbeit, feilte drauflos, neigte sich über die Bank und folgte den Anweisungen, die man ihm gab, und er machte sich nicht übel, fand er selbst, obwohl ihm jedes Geschick fehlte, obwohl er viele Fehler machte, der Vormann kam und bemängelte dieses und jenes, wies ihn an, genauer hinzuschauen, sorgfältiger zu sein, aber trotzdem machte er sich gut, ansonsten, so dachte er, hätte man ihn wohl kaum weiterarbeiten lassen. Und ziemlich bald breitete sich eine Zufriedenheit in ihm aus, wie typisch für ihn, diese voreilige Selbstzufriedenheit. Er stand da und pfiff, lautlos fast, aber doch so, dass man es hören konnte, dass die anderen es sehen konnten, und ich weiß, wie er dann aussah, mit dem spitzen Pfeifmund, selbstgefällig sah er aus, dachten manche, und in der Feilerwerkstatt galt Selbstgefälligkeit als das Allerletzte. Nach all diesen Jahren ist es für mich klar ersichtlich, dass Gunnars Hang zur Angeberei einer chronischen Unsicherheit geschuldet war, aber für seine Arbeitskameraden war das keine Entschuldigung, denn Unsicherheit war mindestens genauso schlimm. Außerdem muss da noch etwas anderes an ihm gewesen sein, das auffällig war. Vielleicht war es sein unbedarfter Gesichtsausdruck, der offene Mund, mit dem er durch die Halle lief, vielleicht hatte er etwas Merkwürdiges gesagt, oder vielleicht war es einfach seine Art, stehen zu bleiben und ins Leere zu schauen, die Anstoß erregte, und als er hinaufging in die Kantine und sich zum Essen zu den anderen setzte und mit einem dummen kleinen Knall den Deckel seiner Brotdose aufklappte, da sickerte ihm und seinen Tischnachbarn der Geruch frischen Schinkens in die Nase, und einer, der mit ihnen am Tisch saß, irgendein alter Teufel, den er aus der Schule kannte, einer, vor dem er immer schon etwas Angst gehabt hatte, lange bevor er gewusst hatte, dass er jemals in der Fabrik anfangen würde, lange bevor irgendjemand von ihnen dort gearbeitet hatte, beugte sich über den Tisch und fragte, was denn da unten am Tischende so gottverdammt stinke.

– Das sind nur Schinkenstullen, sagte Gunnar.

Der frische Schinken leuchtete auf der Brotscheibe liegend, und das blasse gekochte Fleisch muss ausgesehen haben wie das Ebenbild seines offenen, gutgläubigen Gesichts, es war für alle sichtbar, sie sahen es in einem Augenblick plötzlicher gemeinsamer Erleuchtung, und sie lachten laut darüber, ein Tisch voller erwachsener Männer mit aufgerissenen Mündern – glücklich oder schadenfroh oder überwältigt von der Ähnlichkeit des runden Gesichts des neuen Feilers mit dem hellen Schinken auf seinem Brot, und dieses Gelächter sollte ihn durch die Nächte, durch die Jahre und durch den Rest seiner Existenz verfolgen. Man hört es bis hierher, selbst Gladys in ihrem Dunkel oder Halbdunkel, durch das sie sich bewegt, selbst ich kann das Gelächter hören und spüren, wie es seinen Körper einnahm und tief in uns allen liegen blieb, ohne dass wir wussten oder begriffen, was es war. Dies wurde eines seiner vielen Geheimnisse, und es machte seinen Charakter noch unbequemer, als er ohnehin von Geburt an gewesen war. Was ist das übrigens für ein Wort, unbequem, das hätte er selbst nie in den Mund genommen. Vielleicht versuchte er mitzulachen, aber dafür war er nicht der Typ, ihm fehlte diese Art Charme, an dem alles abprallt, er nahm sich selbst zu ernst, und außerdem war es ohnedies zu spät, denn nur eine Stunde nachdem sie in der Kantine über ihn gelacht hatten, sollte einer im Feilarbeitersaal nach ihm rufen.

– He du, sagte er, und Gunnar reagierte nicht rasch genug, und der, der ihn angesprochen hatte, konnte sich vielleicht nicht an Gunnars Namen erinnern, oder er rief ihn genau darum, um ihm diesen neuen Namen zu geben, nur um derjenige zu sein, der ihn getauft hatte.

– He du, Schinkenstulle!, rief er,

und somit war es getan, und von nun an hieß er Schinkenstulle, ungeachtet seines Aufstiegs durch die Ränge, selbst als er Beamter geworden war und stets nur noch durch das obere Tor ging, wurde er von vielen immer noch Schinkenstulle genannt. Auch viele Jahre später kam es noch vor, dass Gunnar in der Nacht von Rufen geweckt wurde, man rief nach ihm, und immer war es dieser Name, mit dem er gerufen wurde.

Es stimmt jedenfalls, dass er nachts häufig wach wurde, manchmal schlafwandelte er, und einmal stolperte er dabei über einen kleinen Korbtisch mit einer Glasplatte, die in die Brüche ging und an deren Scherben er sich das Handgelenk aufschlitzte. Ich wurde vom Klirren des Glases geweckt, und am nächsten Morgen waren immer noch Blutflecken auf dem Boden, obwohl Gladys versucht hatte, alles wegzuräumen und zu putzen, nachdem sie Gunnar ausgeschimpft und gefragt hatte, weshalb er mitten in der Nacht durchs Haus geistere und sich dabei nicht mal auf den Beinen halten könne. Sie machte sich Sorgen, sie hatte Angst, weil er so schlimm gestürzt war, sie vermutete wohl, dass er getrunken hatte, und vielleicht zu Recht, und dann hatte sie ihm geholfen und einen Verband angelegt. Während der Jahre, die wir mit Gunnar zusammenlebten, wachte ich oft davon auf, dass er im Schlaf laut schrie. Ich habe häufig an seine Schreie gedacht, den hohlen Schrecken darin. Die Stimme eines erwachsenen Mannes, der im Dunkeln wegen irgendetwas schreit, das nicht zu ertragen ist. Aber ich habe nie verstanden, woher dieses Etwas kam oder wie es sich anfühlte. Jetzt glaube ich, es muss sich angefühlt haben, als würde er fallen oder hinfliegen, wie er selbst gesagt hätte. Als hätte er ständig davor Angst gehabt, als wäre es für ihn eine Erleichterung gewesen, endlich hinzufliegen, loszulassen, den Halt zu verlieren, verlorenzugehen, für sich selbst und die anderen.

DIE NATUR muss mit uns experimentiert haben, wie sie mit allem experimentiert.

Ein neugeborenes Kalb ist nur ein weiteres neugeborenes Kalb, außer für das Kalb selbst. Für sich selbst ist es ganz neu und weiß nicht einmal, dass es ein Kalb ist, und Ivar wurde als Antwort auf eine Frage geboren, von der niemand wusste, dass sie gestellt worden war. Er kam direkt aus der Natur, eine Folge biologischer Umstände. In den ersten Monaten füllte er für Gladys jeden Winkel ihres Daseins. Vielleicht auch für Gunnar, als er Vater wurde, nein, Papa, ein dem Anblick seines kleinen Jungen hilflos ausgelieferter Papa. Ging damals etwa nicht ein Riss der Zärtlichkeit durch ihn hindurch? Verlor er nicht einen Teil der Ichbezogenheit des jungen Mannes, der er gewesen war, im Tausch gegen die aufreibende Fürsorge für ein kleines Kind? Geriet die Liebe zu dem Kind nicht auch für ihn zu etwas so Starkem und Tiefgreifendem, dass sein eigenes Leben an Bedeutung verlor? Wurde nicht auch er zu einem jener Menschen, die vor allem dafür leben, sich um ihr Kind zu kümmern? Doch, höchstwahrscheinlich, etwas anderes zu glauben wäre ungerecht – nur blieb es nicht lange dabei.

Herbst 1954, und Gladys war zu Hause bei Ivar. Er war ihr Kalb, er war ihr guter kleiner Junge, er war kleiner kleiner meiner, eine Deklination der Liebe, die mehrere Hundert Jahre zuvor im offiziellen Norwegisch ausgestorben war, in Overberget jedoch überlebt hatte und von Generation zu Generation weitergegeben worden war. Kleiner kleiner meiner, so klang die geheime Grammatik der Fürsorge, die plötzlich in Gladys Knospen geschlagen hatte. Ivar war ein Säugling, er lag auf ihrem Schoß und blickte zu ihr auf, sein Gesicht brach plötzlich in ein Lächeln aus, und Gladys fing an zu schluchzen. Oh, mein Junge. Oh, kleiner kleiner meiner. Er lächelte, und sie lächelte und weinte, und es war, als ob er sie wiedererkannte oder sie für sich auserwählte, weil er wusste, dass er ohne einen erwachsenen Menschen, der ihn über alles andere stellte, nicht überleben konnte, und das tat sie, er muss es an ihrem Geruch erkannt haben und an ihren großen, behutsamen Händen.

Kleiner kleiner meiner.

Mein kleines kleines Kind.

Gunnar ging morgens zur Waffenfabrik und kam zu einem gedeckten Tisch und einem neugeborenen Kind nach Hause, mit dem er am Nachmittag ein wenig sitzen und plaudern konnte. Seine Stimme wurde weich, und er kitzelte den Jungen mit einem nikotingelben Zeigefinger unter dem Kinn. Er lachte, wenn der Junge lachte, aber sobald der Kleine zu jammern begann, verlor er die Geduld. Eine halbe Stunde war genug, dann bekam er seinen Koffie, und Gladys ging und versuchte, den Jungen zum Einschlafen zu bringen. Mit achtzehn Jahren war Gladys Hausfrau und Mutter und Ehefrau geworden, Gunnar mit zweiundzwanzig ein verheirateter Mann mit fester Anstellung. Wie sollte das weitergehen? Ein zweites Kind muss wie eine natürliche Fortsetzung gewirkt haben, und anderthalb Jahre später wurde Runar geboren.

Runar kam wie eine Frage, die zu beantworten niemand imstande war. Nicht einmal er selbst, so schien es. Er war nicht bereit, geboren zu werden. Vom ersten Augenblick an gefiel es ihm nicht, er hielt es nicht aus, auf die Welt gekommen zu sein. Er konnte nicht schlafen, und er konnte nicht essen. Er war nicht in der Lage, das Essen bei sich zu behalten, er erbrach sich, sobald er gestillt worden war, und er schrie. Er schrie so laut, dass niemand anderer etwas sagen konnte. Gladys trug ihn auf dem Arm durch die Zimmer, sie wiegte ihn und sang Tag und Nacht, aber Runar schrie weiter. Ein rundes kleines Gesicht, rot vor Anstrengung. Monatelang war es, als bekäme sie nie seine Augen zu sehen, sie waren schmale gequälte schwarze Striche, alles, was er ihr zeigte, war sein zum Schreien weit aufgerissener roter Mund. Gladys ging mit dem schreienden Runar umher, während Ivar geduldig auf dem Boden saß und spielte. Ivar reagierte auf alles mit Vertrauen, er lächelte hoffnungsvoll, er passte sich an, und er wollte helfen – so würde sie sich später an ihn erinnern, so erinnert sie sich immer noch an ihn, hier, wo sie mit geschlossenen Augen in ihrem Krankenbett liegt –, während sein kleiner neugeborener Bruder das Leben ablehnte. Runar wollte weder Trost noch Liebe, er schrie und zappelte in ihren Armen, feuerrot im Gesicht. Er war klein und dünn und nahm nicht zu, und es sah so aus, als würde er nicht durchkommen. Einmal hörte sie im Krankenhaus einen Arzt sagen, wenn dieser Junge nicht bald Nahrung zu sich nähme, dann wäre es um ihn geschehen.

Gladys ging nach Hause und traf eine Entscheidung, und in dieser Nacht rührte sie Weizenmehl in Kuhmilch ein und gab es ihm auf einem Löffel. Er nahm es an, und es kam nicht wieder hoch. Sie fuhr fort, ihn zu füttern, Löffel für Löffel. Bald schlief er in ihren Armen ein, sein Gesicht war glatt und weich. Er war zufrieden, zum ersten Mal, seit er auf die Welt gekommen war. Er schlummerte, und Gladys weinte vor Erleichterung oder Erschöpfung. Sie gab ihm weiterhin Kuhmilch mit Weizenmehl, zuerst mit dem Löffel und später aus einer Flasche, und jetzt behielt er endlich die Nahrung bei sich. Die Tage vergingen, er aß und rülpste und machte in die Windeln. Er bekam Bauchweh und weinte immer noch häufig, aber er aß und nahm zu, er wuchs. Er wuchs zu einem kleinen Bruder heran, der gehen und sprechen konnte, er schaute Gladys mit großen Augen an, und er brachte sie zum Lachen. Er brachte seinen Bruder zum Lachen, sogar Gunnar. Er brachte alle zum Lachen, außer vielleicht sich selbst.

Runar war ein magerer Junge mit rundem Kopf, der am Tischende saß und die anderen zum Lachen brachte. Oder über Dinge redete, an die niemand sonst gedacht hatte.

Wann war das? Ich weiß nicht, ob ich schon auf der Welt war, vielleicht war ich ein Baby, Gladys bekam mich sieben Jahre nach Runar, also war ich ein Jahr alt, sie stellt sich vor, dass ich ihr gegenüber in einem Babystuhl am Tisch sitze. Ich konnte weder sprechen noch denken, zumindest nicht auf dieselbe Art und Weise wie jemand denken kann, der über Sprache verfügt, um damit seine Gedanken zu sortieren, da saß ich also mit meinem blassen Babygesicht und nahm nicht am Gespräch teil. Und Runar war gewissermaßen immer noch der Jüngste, der Jüngste von denen, die sprechen konnten, und derjenige, der mit unerwarteten Vorschlägen überraschte, und das sollte er viele Jahre lang bleiben.

Niemand weiß mehr, worüber an diesem Nachmittag am Tisch gesprochen wurde, aber höchstwahrscheinlich ging es um Geld. Gladys und Gunnar redeten oft über Geld, Geld war das allgegenwärtige Problem, das jedoch nicht als Problem anerkannt wurde, ganz im Gegenteil waren Geldsorgen ein Problem, das es nicht hätte geben dürfen. Daher ist es falsch zu sagen, dass sie darüber sprachen, denn sie konnten nicht darüber sprechen, Gladys war sauer, und Gunnar ging an die Decke, so wird es gewesen sein, denke ich, ein Teil von mir kann sich daran erinnern, jener Teil, der immer noch darum fleht, diesen Tisch verlassen zu können, weg aus diesem Raum, aus dieser Kindheit und hinein in ein anderes Leben. War Gunnar zu Hause, war die Stimmung meist schlecht, und sie prägte uns alle, auch Ivar, aber er sagte nichts, saß nur mit seinem milden, hoffnungsvollen Lächeln da und wartete darauf, dass es vorüberging oder er vom Tisch aufstehen durfte. Er stopfte sich das Essen so schnell wie möglich in den Mund, Kartoffeln und Hering oder Kartoffeln und Leber oder Kartoffeln und Fischkuchen, und er überlegte sich bereits, was er danach machen würde, wenn er endlich vom Tisch aufstehen durfte. Er würde mit seinen Spielzeugautos spielen oder ein Buch lesen, das würde den Nachmittag erträglicher machen. Aber Runar dachte nicht daran, wegzugehen, das hatte er noch nicht gelernt, er saß mit seinem offenen runden Gesicht und seinen hervorstehenden, weichen Ohren am Tischende und sagte:

– Können wir nicht einfach Geld machen?

– Geld kann man nicht einfach so machen, sagte Ivar schnell, er wurde ängstlich und wollte seinem Bruder Einhalt gebieten, begriff Runar denn nicht, dass er nichts sagen durfte, dass es jetzt nur darum ging aufzuessen, sich zu bedanken und abzuhauen? Ein Schatten legte sich über Gunnars Gesicht, er hielt Gabel und Messer so fest, dass man meinen konnte, er wolle sich selbst oder den Tisch und die Stühle und dann das ganze restliche Zimmer damit aufschneiden, und Gladys’ Gesicht war verschlossen, ein Haus mit verriegelten Türen und Fenstern, nicht einmal in ihren Augen konnte man sie entdecken, vereinzelt huschten wachsame Blicke gereizt hin und her und machten ihre Augen für uns unnahbar, unmöglich sie anzusehen, ohne Angst zu bekommen. Sogar ich muss es gespürt haben, der ich ihr am Tisch gegenübersaß und den Mund nach einem Löffel lauwarmen Haferbreis nach dem anderen aufriss. Ich war ein braves Kind, das hat Gladys immer behauptet. Dasselbe sagte sie auch über Ivar, was bedeuten muss, dass wir nicht weinten, obwohl wir wegwollten, obwohl wir merkten, dass keiner von uns hier sein wollte, obwohl wir nichts anderes kannten. Aber wir weinten nicht, und wir beschwerten uns nicht, wir saßen einfach da und hofften, dass es vorübergehen würde. Also waren wir brav.

Aber Runar ließ sich nicht abwimmeln, er versuchte, eine Lösung zu finden, und er sagte:

– Doch, das geht. Ivar, weißt du denn nicht, dass es unten in der Stadt eine Fabrik gibt, in der das ganze Geld Norwegens gemacht wird?