Objekt der Begierde - Ina M. Krause - E-Book

Objekt der Begierde E-Book

Ina M. Krause

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Beschreibung

Die Bankangestellte Vanessa fühlt sich zu dem Autoverkäufer Jakob hingezogen, auf Vanessa hat der Praktikant Lucas an ihrem gemeinsamen Arbeitsplatz ein Auge geworfen. Konflikte sind vorprogrammiert, als diese Konstellation bekannt wird und sich zudem herausstellt, dass die beiden Männer miteinander verwandt sind. Wer bekommt wen und welche Grenze sind beide bereit zu überschreiten, um ihre Ziele zu erreichen?

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Seitenzahl: 507

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

EPILOG

Kapitel 1

Vanessa genoss den abendlichen Spaziergang, bei dem sie nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag mit ihren Gedanken zur Ruhe kommen konnte. Sie wohnte in einem ruhigen Wohnviertel von Ahrensburg und war in wenigen Minuten in der freien Natur, wo es nur noch Wiesen, Felder und ein größeres Waldstück gab. In der jetzigen Jahreszeit, wenn es abends noch länger hell war, ging sie gerne diesen Weg an den Feldern vorbei. In den Wintermonaten blieb sie dagegen lieber in Häusernähe.

Heute war sie in Begleitung von Filou, dem Hund einer Nachbarin. Auf einem ihrer Spaziergänge war sie mit der Besitzerin, einer älteren Dame, die nicht mehr so gut zu Fuß war, ins Gespräch gekommen und hatte sich so auch mit dem schwarzen Terriermischling angefreundet. Vanessa war ein Hundefan, aber ihr ganztägiger Job bei der Hamburger Bank ließ einen eigenen Hund leider nicht zu. Das wäre dem Tier gegenüber nicht fair gewesen. Daher hatte sie der Frau angeboten, Filou ab und zu abends mitzunehmen. Und aus ab und zu war dann regelmäßig einmal in der Woche geworden.

Mit einem Lächeln sah sie jetzt dem Hund zu, wie er versuchte, hinter einem Eichhörnchen her, auf einen Baum zu klettern. Er bellte enttäuscht, weil ihm das nicht gelang und das kleine Wesen über ihm auf einem Ast saß und hinuntersah.

„Lass es gut sein“, sagte sie zu ihm, als er sich gar nicht mehr beruhigen wollte. Entschlossen zog sie ihn an der Leine von dem Baum weg. Er versuchte zwar, sich gegen den Zug zu wehren, indem er in Terriermanier alle vier Beine in den Boden stemmte, doch dann gab er nach und lief wieder brav neben ihr her.

Nach gut eineinhalb Stunden verabschiedete sie sich mit ein paar letzten Streicheleinheiten von Filou, übergab ihn anschließend seiner Besitzerin und legte die wenigen Meter bis zu dem Haus zurück, in dem sie eine der 6 Wohneinheiten gemietet hatte. Seit drei Jahren wohnte sie hier in Ahrensburg, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Zwar war der tägliche Weg zur Arbeit in Hamburg recht lang, aber die Wohnung war es wert. Außerdem war es nur kilometermäßig weiter. Von der Zeit her hatte sie früher quer durch Hamburg oft genauso lange gebraucht wie jetzt über die Autobahn von Ahrensburg nach Hamburg.

Sie betrat das Treppenhaus und ging nach oben in den zweiten Stock. Das Haus verfügte auch über einen Fahrstuhl, aber den benutzte sie nur selten. Sie fühlte sich in der engen Kabine nicht sonderlich wohl und sobald sich die Tür geschlossen hatte, beschleunigte sich ihr Herzschlag und das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie war als Kind mal in einem Lift steckengeblieben und dieses Erlebnis war ihr im Bewusstsein geblieben.

Eine Viertelstunde später saß sie in legeren Klamotten auf der Couch und ließ sich vom Fernseher berieseln, während vor ihr auf dem Tisch ihr Abendessen stand: zwei belegte Brote und ein paar Cherrytomaten. Nebenbei überflog sie auf ihrem Handy ihre E-Mails und beantwortete kurz die eine oder andere Nachricht über WhatsApp. Anschließend legte sie das Handy zur Seite und schaute sich einen Film an, den sie sich über das Programm von Amazon Prime Video ausgesucht hatte.

Sie hatte gerade erst ein paar Minuten geschaut, als ihr Handy klingelte. Sie schaute aufs Display und nahm das Gespräch entgegen.

„Tobi, mein Lieblingsbruder, was gibt es denn?“, begrüßte sie ihn.

„Ich bin dein einziger Bruder“, brummte er und fragte sie dann: „Hast du ein paar Minuten Zeit?“

Für ihn hatte sie immer Zeit und er klang deprimiert. „Klar. Was hast du auf dem Herzen?“

Er seufzte tief. „Ich werde in zwei Monaten arbeitslos sein“, ließ er sie wissen.

„Was? Aber warum denn?“, fragte sie schockiert. Tobias arbeitete in Hamburg in einer Kfz-Werkstatt, bei der er seit drei Jahren angestellt war.

„Der Betrieb ist jetzt doch verkauft worden, obwohl wir gehofft haben, dass der Besitzer ihn trotz seiner Krankheit behält“, erzählte er. „Und der neue Inhaber reduziert erst mal die Angestellten. Ich bin als letzter gekommen, darf jetzt also als einer der ersten wieder gehen“, antwortete er, mit viel Sarkasmus in der Stimme.

„Kann der das so einfach machen? Und vor allem so kurzfristig?“

„Ja, leider. Ich habe das schon prüfen lassen.“

Ihr fehlten echt die Worte über so ein Vorgehen des Arbeitgebers. „Wenn ich etwas für dich tun kann, lass es mich wissen. Gerade auch, wenn du einen finanziellen Engpass hast.“

„Danke, aber da brauche ich vorerst nichts“, versicherte er ihr. „Leider hast du ja keine Kontakte in die Autobranche, um da mal irgendwo für mich ein gutes Wort einzulegen oder ein Vorsprechen zu arrangieren“, seufzte er.

„Nein“, gab sie zu. „Du kannst dich nur selbst irgendwo umhören, die Zeitungen durchsehen oder auch mal eine Initiativbewerbung in größeren Autohäusern machen. Da werden doch immer Leute gesucht. Ich denke, in den kleineren Werkstätten wird es schwierig.“

„Scheiße, Vanessa. Warum muss mir das passieren?“, beklagte er sich.

„Ich weiß, dass es ein blöder Spruch ist und du mit den Augen rollst, aber: wer weiß, wofür es gut ist. Vielleicht findest du einen wesentlich besseren Job. Mit Aufstiegschancen. In dem jetzigen Betrieb hattest du dazu doch gar keine Möglichkeiten.“

„Ja, das stimmt schon. Aber trotzdem. Bewerbungen schreiben, sich überall vorstellen ... das nervt mich schon total an“, beschwerte er sich.

Vanessa konnte das nachvollziehen. „Aber du hast keine andere Wahl“, sagte sie ihm schonungslos.

„Ein bisschen mehr Mitleid hätte ich von dir schon erwartet“, grummelte er, aber er wusste, dass sie recht hatte.

Sie unterhielten sich noch ein paar Minuten über allgemeine Dinge, bevor sie das Gespräch beendeten. Nachdem Vanessa ihr Handy wieder zur Seite gelegt hatte, starrte sie vor sich hin. Eigentlich sollte es nicht so schwer sein, dass ihr Bruder mit seinen 28 Jahren schnell wieder einen neuen Job bekam. Aber für ihn war es schon ein harter Schlag, beruflich so plötzlich auf der Straße zu stehen.

Die Gedanken waren im Bett nochmal um Tobis Jobverlust gekreist, daher hatte sie schlecht einschlafen können und war auch öfter nachts aufgewacht. Sie war noch etwas müde, als sie am nächsten Morgen die Bankfiliale betrat und sich mit den Kollegen im Aufenthaltsraum einfand.

„Gefühlt haben wir doch jede Woche irgendeine Besprechung“, beschwerte sich Vanessas Kollegin leise bei ihr.

„Ich möchte auch mal wissen, was es jetzt schon wieder gibt“, flüsterte Vanessa zurück und verdrehte die Augen.

Zu fünft saßen sie um den Tisch und schauten abwartend zum Tischende, wo ihr Chef, Werner Moritz, noch in seinen Unterlagen blätterte.

„Ich hatte das Thema neue Datenschutzgrundverordnung kürzlich schon einmal angesprochen“, begann er, nachdem er jedem ein paar Kopien ausgehändigt hatte. „Die relevanten Fakten habe ich Ihnen zusammengestellt und heute Morgen geht es darum, wie wir mit dieser neuen Situation umgehen. Was wir tun müssen, um weiterhin unsere Kunden optimal beraten zu können. Dazu gehört für uns, dass wir auf alle Daten, die bei uns hinterlegt sind, uneingeschränkt zugreifen können. Nach dem neuen Gesetz muss der Kunde damit jedoch einverstanden sein und dies durch seine Unterschrift dokumentieren. Andernfalls dürfen wir sie nicht für unsere Zwecke verwenden.“

„Bedeutet im Klartext?“, fragte einer der Berater.

„Ich gebe Ihnen ein Beispiel: ein Kunde von Ihnen, den Sie eigentlich nicht kennen, weil Sie bisher kein persönliches Gespräch mit ihm geführt haben, hat bei Ihnen einen Termin wegen einer Kreditanfrage. Im Vorfeld würden Sie sich diesen Kunden genauer ansehen. Was verdient er und was hat er monatlich für Ausgaben, zusätzlich zu den Pauschalen, die wir außerdem noch anrechnen. Schließlich wollen Sie wissen, ob er überhaupt für einen Kredit in Frage kommt. Diese Daten dürfen Sie sich nach der neuen Gesetzeslage nicht eher ansehen, bis Ihnen der Kunde das mittels seiner Unterschrift gestattet hat.“

„Was ist denn das für ein Schwachsinn?“, kam es von einem anderen Berater. Die anderen reagierten ebenfalls mit einem verständnislosen Kopfschütteln und es entstand ein allgemeines Gemurmel.

Herr Moritz hob die Hand und bat um Ruhe. „Soweit die Theorie. In der Praxis wird sich vorerst für uns sicher nichts ändern. Die meisten Kunden wissen nicht, was dieses neue Gesetz für Auswirkungen hat und werden es auch nicht hinterfragen, da sie davon ausgehen, dass ihre Daten bei uns sicher sind. Was ja auch der Fall ist. Trotzdem sollten Sie ab jetzt in Ihren Beratungsgesprächen die Unterschrift Ihrer Kunden einholen.“ Er sah auch Vanessa und ihre Kollegin an. „Das gleiche gilt für Sie im Schalterbereich. Wenn ein Kunde etwas zu seinem Konto wissen will, zum Beispiel nach einem Zahlungseingang fragt oder Sie eine Umbuchung für ihn erledigen sollen, einen Dauerauftrag ändern, was auch immer: holen Sie erst seine Unterschrift ein.“

Es wurde noch ein paar Minuten über dieses Thema diskutiert, bis Herr Moritz nochmal um Ruhe bat. „Wir werden uns demnächst noch einmal mit diesen Punkten beschäftigen. Zum Schluss unserer heutigen Besprechung möchte ich Ihnen noch mitteilen, dass ab nächster Woche ein Praktikant bei uns eingesetzt wird.“ Er wandte sich an Vanessa. „Die erste Zeit überwiegend bei Ihnen am Schalter, Frau Felding.“ An alle gerichtet fügte er hinzu: „Der junge Mann macht bei uns im Haus eine Art Umschulung und wird wahrscheinlich ein Vierteljahr in unserer Filiale bleiben.“

„Dann ist das kein Schulpraktikum?“, hakte Vanessa nach.

„Nein, Herr ... “, er blätterte kurz in seinen Unterlagen, „Mahler hat bereits das Abitur hinter sich und eine abgeschlossene Lehre. Will jetzt aber als Quereinsteiger in die Bank. Wenn er durch Ihre Begleitung im Service den Umgang mit Kunden gut meistert, wird er sich bei den Beratergesprächen dazusetzen. Nach der Zeit bei uns wird ein Gespräch mit der Personalabteilung erfolgen, wie es gelaufen ist. Danach durchläuft er noch ein paar interne Abteilungen unserer Bank.“

Nachdem er noch ein Schlusswort gesagt hatte, war die Besprechung beendet und alle bereiteten sich auf ihre Arbeit vor.

Vanessa war in der Filiale der Hamburger Bank, zusammen mit ihrer älteren Kollegin Susanne Hartwich, für den Serviceschalter zuständig. Sie waren die erste Anlaufstelle für Kunden, die etwas erledigt haben wollten. Wenn weniger zu tun war, unterstützten sie die Berater, indem sie ihnen kleinere Aufgaben abnahmen. Außerdem kümmerten sich beide Frauen um alles, was mit Bargeld zu tun hatte sowie um die vorhandenen Geldautomaten.

„Das wird zu einigen Diskussionen mit den Kunden führen“, seufzte Susanne, als sie sich mit Vanessa in einer ruhigen Phase nochmal über das Thema neuer Datenschutz unterhielt.

„Wir dürfen gar nicht so sehr ins Detail gehen“, sagte Vanessa. „Lediglich das Formular ausdrucken und dem Kunden zeigen, wo er unterschreiben muss, wenn er weiter bei uns wie bisher betreut werden will. Wenn wir Glück haben, tut er das, ohne großartig nachzufragen.“

„Und wenn doch ...“ Susanne zuckte mit den Schultern, „dann darf sich sein Berater damit auseinandersetzen und muss ihn überzeugen, dass das alles nur in seinem Sinn ist.“

„Gut, dass ich kein Berater bin“, erwiderte Vanessa nachdrücklich.

„Ich bin auch froh, dass ich mich vor Jahren von meinem Beraterplatz verabschiedet und mich für den Service entschieden habe“, antwortete Susanne. „Diese ganzen Vorgaben waren irgendwann nicht mehr meine Welt.“

Sie wechselten noch einige Sätze über das Für und Wider ihrer Arbeitsplätze, bis die nächsten Kunden kamen. Sobald es wieder leerer geworden war und sie Gelegenheit zum Reden hatten, griff Susanne das Thema Praktikant auf.

„Freust du dich auf deine neue Aufgabe?“, fragte sie mit einem Grinsen.

Vanessa seufzte. „Zu Beginn ist das immer anstrengend. Jeden Handgriff genau erklären und du brauchst für alles doppelt so lange, als wenn du es alleine erledigen würdest. Hoffentlich lernt er schnell.“

„Bestimmt. Zum einen ist er wesentlich älter als die Praktikanten, die wir sonst haben. Das sollte einen Unterschied machen, auch bei seiner Einstellung der Arbeit gegenüber. Bei einigen Schülerpraktikanten hatte man den Eindruck, die machen es, weil sie es müssen und nicht wirklich aus Interesse.“ Dann fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu: „Außerdem kannst du super gut erklären, weshalb der Chef ja auch dich dafür ausgewählt hat.“

„Ab und zu werde ich ihn dir auch aufs Auge drücken“, warnte Vanessa sie vor.

Kapitel 2

Am Wochenende telefonierte Vanessa erneut mit ihrem Bruder.

„Gibt es schon was Neues?“ Sie kannte ihn gut und nahm an, dass er sich seit ihrem letzten Gespräch noch nicht wirklich um etwas bemüht hatte. Er wartete manchmal gerne ab, ob sich die Probleme nicht von alleine lösten.

„Ich habe nächste Woche ein Vorstellungsgespräch bei einer Audi-Vertragswerkstatt“, teilte er ihr freudig mit.

„Hey, das ist doch mal eine tolle Nachricht“, sagte sie. „Wie kam es dazu?“

„Jemand hatte bei Facebook was geteilt, dass dieses Autohaus einen Mitarbeiter in der Werkstatt sucht“, berichtete er. „Ich habe bei denen angerufen und nächste Woche soll ich mit einigen Unterlagen vorbeikommen. Die Verantwortlichen machen sich lieber gleich ein Bild von den Kandidaten, sortieren also nicht anhand der Bewerbungen erst mal vor, wen sie zum Gespräch einladen.“

„Wann hast du den Termin?“

„Mittwoch, 16 Uhr“, antwortete Tobias. „Wäre cool, wenn ich bei denen genommen werden würde. Was ich so im Internet über den Betrieb gefunden habe, hat mir gefallen. Ist auch eine recht neue Werkstatt.“

„Du musst sie nur von dir überzeugen“, meinte sie.

„Sagt sich so einfach. Die haben bestimmt viele Bewerber“, gab er zu bedenken.

„Mach dich nicht verrückt, lass es auf dich zukommen“, riet sie ihm. „Du gehst da hin, gibst deine Unterlagen ab und dann schaust du, wie sich das Gespräch entwickelt.“ Sie fügte hinzu: „Soll ich dir moralischen Beistand leisten? Ich könnte früher aufhören und dich begleiten. Natürlich nicht bei dem Gespräch, aber vorher und auch danach.“

„Nein, lass mal, ich schaffe das schon. Aber danke für das Angebot.“

Wie immer verging das Wochenende viel zu schnell und es war wieder Montagmorgen. Vanessa richtete gerade ihren Arbeitsplatz ein, als ein Ruf durch die Filiale schallte.

„Würden Sie bitte alle kurz hier zusammenkommen, damit ich Ihnen unseren Praktikanten vorstellen kann?“

Jeder ließ seine bisherige Tätigkeit ruhen und alle stellten sich im Halbkreis vor dem Büro des Chefs auf. Vanessa musterte den Praktikanten neugierig, der augenscheinlich entspannt neben Herrn Moritz stand. Er trug einen dunkelgrauen Anzug, ein hellgraues Hemd und eine graugemusterte Krawatte dazu. Er hatte dunkle Haare und um die Mundpartie einen dunklen Bartansatz. Als sich ihre Blicke kreuzten, lächelte er sie an.

„Das ist Herr Lucas Mahler“, begann ihr Chef. „Wie ich Ihnen schon mitgeteilt hatte, wird Herr Mahler das nächste Vierteljahr bei uns sein Praktikum absolvieren. Ich möchte Sie bitten, ihn gut in unserem Team aufzunehmen und ihn tatkräftig in seiner Anfangszeit zu unterstützen.“ Er wandte sich an den Praktikanten. „Ich stelle Ihnen jetzt mein Team vor.“ Er begann mit den drei Beratern: Thomas Trebing, Sascha Berger und Marco Schreiber. Danach stellte er ihm Susanne und Vanessa vor.

„Sie werden sich die erste Zeit bei den Damen am Schalter aufhalten“, sprach er anschließend Herrn Mahler wieder an, „und dort einen Einblick bekommen, was bei uns im Service geleistet wird und welche anderen Aufgaben diese beiden noch nebenbei haben. Generell wird Frau Felding Ihr erster Ansprechpartner hier sein, wenn Sie ein Problem haben.“ Er sah zu Vanessa hinüber, die nun als Bestätigung nickte. Ihr Chef hatte das im Vorfeld mit ihr abgesprochen. „Natürlich werden auch die anderen jederzeit ein offenes Ohr für Sie haben“, fügte er hinzu. Und zum Abschluss: „Ich wünsche Ihnen allen einen guten Start in die neue Woche.“

Während die anderen wieder an ihre Arbeit gingen, führte Vanessa den Praktikanten als Erstes durch die Filiale und zeigte ihm, wo er was fand: Aufenthaltsraum und Toiletten, den Raum mit der Videoanlage für die Überwachung sowie den, in dem sich die Geldautomaten befanden, danach ging es weiter zum Tresorraum. An den Beraterbüros waren die Namen der Herren angebracht, das Büro des Chefs kannte er schon. Zum Abschluss zeigte sie ihm den Schalterbereich mit einem abgetrennten Schreibtisch. „Dorthin ziehen wir uns zurück, wenn wir mal was in Ruhe aufarbeiten müssen“, erklärte sie ihm. „Manches kann man einfach nicht machen, wenn dauernd der nächste Kunde kommt und man den Vorgang wieder unterbrechen muss.“

Nachdem sie ihm das Wichtigste erklärt hatte, übernahm sie ihren Schalter und unterstützte Susanne beim Abarbeiten der Kunden, die sich in einer Reihe angestellt hatten.

Der Vormittag verging sehr schnell. Die meiste Zeit schaute ihr der Praktikant über die Schulter und sie erklärte ihm die Vorgänge, die sie zum Bearbeiten der Kundenwünsche brauchte. Da er eine schnelle Auffassungsgabe hatte, ließ sie ihn auch schon die eine oder andere Buchung selbst machen, die am Schalter anfiel.

In der Mittagspause holte sie sich nebenan in der Fleischerei ein belegtes Brötchen. Lucas Mahler hatte sich ihr angeschlossen, um sich von der Umgebung und den Möglichkeiten der Essensauswahl einen Überblick zu verschaffen. Als er sie wiederholt bei der Unterhaltung ungewollt duzte, sich aber jedes Mal sofort korrigierte, bot sie ihm das Du an. Sie waren vom Alter her lediglich acht Jahre auseinander, und es würde die Arbeitsatmosphäre auflockern, wenn sie ihn bei den Erklärungen duzen konnte.

„Ich wollte das nicht provozieren“, meinte er entschuldigend.

„Hast du auch nicht“, beruhigte sie ihn. „Für mich ist das in Ordnung. Ich bin noch nicht so alt, um auf das Sie zu bestehen.“ Sie reichte ihm die Hand. „Ich bin Vanessa.“

Er nahm die dargebotene Hand und grinste. „Freut mich, Vanessa. Ich bin Lucas.“

Natürlich musste Susanne sie deswegen nachmittags aufziehen, als sie kurz alleine waren. „Lucas, hm? So schnell schon so vertraut miteinander?“

„Es hat sich so ergeben, okay? Ist keine große Sache“, entgegnete sie und rollte mit den Augen.

„Verdreh dem armen Kerl bloß nicht den Kopf“, fuhr Susanne fort und grinste.

„Ganz bestimmt nicht“, versicherte Vanessa ihr. „Ich stehe nicht auf jüngere Männer.“

„Vielleicht steht er aber auf ältere Frauen“, setzte sie noch einen drauf.

„Na, dann solltest eher du aufpassen“, gab Vanessa frech zurück und spielte darauf an, dass Susanne zehn Jahre älter war wie sie.

Zur Hälfte der Woche hatte sich Lucas schon gut bei ihnen am Schalter integriert. Vanessa überließ ihm zeitweise den Schalter und gab ihm Hilfestellung, wenn er nicht weiter wusste oder Kunden zu spezielle Fragen hatten. Zwischendurch hatten sie auch Zeit zum Reden und unterhielten sich über allgemeine Themen.

Nachdem sie an dem Mittwoch Dienstschluss hatte, war sie in Gedanken bei Tobias, der jetzt sein Vorstellungsgespräch hatte. Da sie wusste, wo das Autohaus war und es keinen großen Umweg für sie bedeutete, fuhr sie kurzentschlossen dort hin, um auf ihn zu warten.

Sie parkte ihren Mercedes auf dem Kundenparklatz und stieg aus. In ihrer Nähe stand Tobis Motorrad, er war also noch hier. Um sich die Zeit zu vertreiben, schlenderte sie auf dem Gelände an den ausgestellten Autos vorbei. Audi hatte auch ein paar ganz nette Modelle, stellte sie fest, auch wenn ihre bevorzugte Marke die mit dem Stern war. Ihr Blick blieb an einem roten Cabrio hängen, das auf einer erhöhten Position als Eye-Catcher stand. Sie ging einmal um das Fahrzeug herum. Dafür hätte sie ihre A-Klasse unter Umständen eingetauscht, aber es lag weit außerhalb ihrer Preisklasse, wie ihr der Aushang hinter der Windschutzscheibe verriet.

Sie wandte den Blick von dem Auto ab und bemerkte aus den Augenwinkeln einen Mann, der in der Nähe des Hintereingangs stand und rauchte, während er mit seinem Handy beschäftigt war. Er trug ein langärmeliges weißes Hemd, ohne Krawatte, dazu eine schwarze Hose.

Sie sah ihn sich ein wenig genauer an. Da er immer noch auf seinem Handy herumtippte und seine Umgebung nicht wahrnahm, konnte sie ihn unbemerkt beobachten. Er war recht groß, um die 1,80 m, hatte schwarze Haare und auf dem Gesicht zeigte sich an einigen Stellen ein Bartansatz. Er war nicht im üblichen Sinn attraktiv, aber trotzdem eine sehr ansprechende Erscheinung. Sein Alter konnte Vanessa schlecht schätzen, eventuell war er wie sie um die dreiunddreißig.

Ob der Mann ein Kunde war? Ein Geschäftsmann, der sich einen neuen Dienstwagen bestellte und der während des längeren Gesprächs mit einem Verkäufer eine kurze Zigarettenpause hatte machen wollen? Weil in den Büros sicher nicht geraucht werden durfte, hatte man ihn deshalb vor die Tür gebeten? Dort hatte er gleich die Gelegenheit genutzt und seine Mails gecheckt, ob in seiner Firma alles ohne ihn lief.

Vanessa musste schmunzeln. Sie hatte zu viel Fantasie. Aber er war sicher kein Kunde. Wahrscheinlicher war, dass er einer der Autoverkäufer war, der draußen gerade eine Zigarettenpause machte und dabei die eine oder andere private Nachricht beantwortete. Vielleicht schrieb er sich auch mit seiner Frau / Freundin. Wobei er dafür etwas grimmig dreinschaute. Vielleicht hatte er Stress mit ihr und sie kommunizierten gerade nur noch per WhatsApp.

Er ließ jetzt sein Handy in die Hosentasche gleiten, zog noch einmal an seiner Zigarette, ehe er sie in einem Behälter neben der Tür ausdrückte und entsorgte. Dann verschwand er durch den Eingang ins Gebäude.

Vanessa seufzte. Obwohl sie jeden Tag Männer im Anzug sah, wirkten einige damit attraktiver als andere. Dieser Mann eben hatte noch nicht mal ein Sakko angehabt, aber trotzdem hatte er etwas ausgestrahlt, das sie veranlasst hatte, einen zweiten, genaueren Blick auf ihn zu werfen.

Sie sah auf die Uhr und wollte anschließend ihren Rundgang auf dem Ausstellungsgelände fortsetzen, als sie Tobias an einer anderen Stelle aus dem Gebäude kommen sah. Sie machte ihn auf sich aufmerksam und er kam lächelnd zu ihr herüber.

„Was machst du hier? Suchst du ein neues Auto?“, zog er sie auf.

„Wie ist es gelaufen?“, fragte sie ihn statt eine Antwort zu geben.

„Ich bin in der nächsten Runde der Bewerber und soll als nächstes einen Tag bei denen zur Probe in der Werkstatt helfen“, platzte er sofort heraus und Vanessa sah ihm die Freude an.

„Das ist doch super!“, freute sie sich mit ihm.

Tobias berichtete ihr nun ausführlich, wie er zuerst mit dem Verantwortlichen in einem Büro gesprochen hatte. Und um ihm einen Eindruck von der Werkstatt zu verschaffen, hatte der Mann ihn danach noch herumgeführt und ihm einiges gezeigt. Tobias war von der neueren Technik beeindruckt gewesen und hatte zum Ausdruck gebracht, dass er damit gerne arbeiten würde. Und schon hatte der Mann ihm den Vorschlag mit dem Probetag gemacht.

„Wenn du es da nicht ganz dumm anstellst, solltest du gute Chancen haben“, sagte sie zu ihm.

„Ich werde alles geben“, versicherte er ihr.

Auf der Fahrt nach Hause dachte sie noch einmal an das Gespräch mit ihrem Bruder. Sie hatte die Hoffnung in seinen Augen gesehen, dort künftig seinen Arbeitsplatz zu haben. Sie würde ihm alle Daumen drücken, dass das klappte.

Von einem auf den anderen Moment schob sich plötzlich das Bild von dem Mann vor ihr inneres Auge, den sie beim Rauchen gesehen hatte. Anscheinend hatte er einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen, warum auch immer, wenn sie jetzt wieder an ihn dachte.

Wollte ihr das Schicksal damit etwas sagen? In der Art wie: deine letzte Beziehung zu einem Mann ist schon etwas länger her und es wird Zeit, dass du wieder mal jemand Neues kennenlernst? Schön und gut, und selbst wenn dieser Kerl in die engere Wahl käme, wie sollte sie mit ihm in Kontakt kommen? Hingehen und ihn ansprechen schied definitiv aus. Sie war nicht der Typ, der die Initiative ergriff. Manchmal verfluchte sie es, dass sie so war und nicht einfach unbeschwert auf Leute zugehen und ein Gespräch anfangen konnte.

Später am Abend saß sie vor dem Fernseher und ließ sich von einer Doku berieseln, als ihre Gedanken abschweiften und der Typ aus dem Autohaus ihr erneut durch den Kopf spukte. Was hatte es mit dem nur auf sich? Ihr Blick fiel auf das Laptop. Kurzentschlossen ließ sie Doku Doku sein, setzte sich an den Esstisch und klappte das Gerät auf.

„Wollen wir doch mal sehen, ob ich etwas über dich in Erfahrung bringen kann“, murmelte sie vor sich hin. Über Google suchte sie das Autohaus und klickte auf den Link zu der entsprechenden Seite. Nach einem kurzen Überblick auf der Startseite wurde sie fündig: die Ansprechpartner für Service, Werkstatt und Beratung. Sie klickte auf die wahrscheinlichste Rubrik, die Beratung. Es dauerte einen Moment, bis sich die Seite aufbaute, dann erschienen mehrere Fotos von Mitarbeitern. Sie musste nicht lange suchen, bis sie den Mann entdeckte, um den es ihr ging, denn sein Bild sprang ihr sofort ins Auge. Sie betrachtete es. Er lächelte, seine dunklen Augen blickten ein wenig schelmisch genau in die Kamera und das machte ihn sehr attraktiv. Er trug auf dem Bild ein Jackett über seinem weißen Hemd, aber auch hier keine Krawatte und der oberste Knopf des Hemds war offen.

Vanessa konnte sich gut vorstellen, dass nicht nur sie ihm einen zweiten Blick gönnte, sondern er bei den Frauen allgemein gut ankam. Und sie hatte ihn noch nicht einmal aus unmittelbarer Nähe gesehen oder gar mit ihm gesprochen.

Jetzt erst schaute sie auf seinen Namen: Jakob Sander. Darunter die Telefonnummer des Autohauses mit seiner direkten Durchwahl sowie der Mail-Adresse.

Sie sah sich noch einmal sein Foto an und schloss dann die Seite. Jetzt hatte sie zu dem Bild in ihrem Kopf einen Namen. Und nun? Was brachte ihr dieses Wissen?

„Einfach nur so“, beantwortete sie sich diese Frage selbst. Sie wechselte vom Tisch wieder vor den Fernseher, aber die Doku lief weiter nur nebenbei. Ihre Gedanken kreisten immer noch um diese Begegnung.

Wenn sie nicht so wäre, wie sie war, würde sie versuchen, diesen Jakob Sander kennenzulernen. Sie könnte sich bei den Autos aufhalten und darauf warten, dass er sie ansprechen würde, weil er sich ein Geschäft davon erhoffte. Wenn sie dann erst mal mit ihm ins Gespräch gekommen wäre ... Allein der Gedanke brachte sie zum Schwitzen. Das würde sie nie fertigbringen. Es war also überflüssig, darüber überhaupt nachzudenken.

Aber auch am nächsten Tag hatte sie diesen Mann noch nicht vergessen. In Abständen schlich er sich immer wieder in ihr Gedächtnis. Sie konnte sich wirklich nicht erklären, warum sie so auf einen ihr unbekannten Mann reagierte.

Kurz vor der Mittagspause stand sie am Schalter und als sie einen Blick rüber zu ihrer Kollegin warf, die Lucas gerade bei einem Kundengespräch behilflich war, stutzte sie einen Moment. So wie er da stand, hatte er eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Verkäufer des Autohauses. Nicht nur alleine, weil er einen Anzug trug oder auch die dunklen Haare hatte. Nein, es war die gesamte Statur und auch die Gesichtsform.

Vanessa wandte den Kopf ab und verdrehte innerlich die Augen. Jetzt sah sie schon in anderen Männern diesen Jakob Sander. Wo sollte das noch hinführen?

„Vergiss endlich diesen Kerl“, forderte sie sich stumm auf.

Kapitel 3

„Jetzt hast du die erste Woche fast geschafft“, meinte sie zu Lucas, als sie am nächsten Tag die letzte Stunde vor sich hatten. Für einen Freitagnachmittag war es recht ruhig und sie hatten Zeit zum Reden. „Wie fällt dein Fazit aus?“ Als er nicht gleich darauf antwortete, meinte sie: „Du überlegst, wie du es sagst, dass es überhaupt nicht das ist, was du machen möchtest.“

Er schüttelte den Kopf. „Nach einer Woche könnte ich das noch gar nicht beurteilen. Aber ich bin beeindruckt, wie Susanne und du das alles im Griff habt. Eure Aufgaben sind vielschichtig und es gibt einiges, um das ihr euch kümmern müsst. Als es hieß, ich bin zuerst nur am Serviceschalter, dachte ich, wie langweilig wird das werden. Ist es jedoch nicht.“ Er lächelte sie jetzt an. „Wo du schon nach meinen Eindrücken fragst, möchte ich mich auch gleich mal bei dir bedanken. Dass du Geduld mit mir gehabt hast und weil du super gut erklären kannst.“

Sein Lob machte sie fast ein bisschen verlegen, sie freute sich aber auch darüber. „Danke“, sagte sie lediglich. Um das Gespräch wieder in andere Bahnen zu lenken, bat sie ihn, den Auszugsdrucker und das Überweisungsterminal im Foyer nochmal zu kontrollieren. Er holte sich den entsprechenden Schlüssel und ging in den Vorraum. Durch die geöffnete Tür erhaschte sie einen Blick auf die wartenden Kunden vor dem Geldautomat. Sie wollte sich gerade wieder auf eine noch zu bearbeitende Überweisung konzentrieren, als sie mitten in der Bewegung innehielt und den Kunden anstarrte, der als nächstes an den Automaten wollte. Es bestand für sie kein Zweifel, dass es sich bei dem Kunden um Jakob Sander handelte. Im Gegensatz zu gestern trug er heute ein Jackett über dem Hemd.

Der Automat wurde nun frei und er trat nach vorne, holte aus der Innentasche seiner Jacke das Portemonnaie, daraus seine Karte und begann mit dem Vorgang, um Geld abzuheben. Nachdem er das Geld und seine Karte wieder verstaut hatte, drehte er sich um, und in dem Moment ging Lucas zielstrebig auf ihn zu. Vanessa konnte verfolgen, wie Jakob Sander ihn begrüßte und ihm freundschaftlich auf die Schulter schlug. Es war offensichtlich, dass sich die beiden kannten. Sie unterhielten sich eine Weile und es schien, als wollte Lucas ihn mit in die Filiale nehmen, aber der andere lehnte ab und schien es jetzt eilig zu haben. Sie verabschiedeten sich voneinander, Jakob Sander verließ das Foyer und Lucas wandte sich dem zweiten Gerät zu.

Vanessa schaute auf ihren Bildschirm, ohne wirklich etwas zu sehen. Woher kannte Lucas diesen Jakob? War es Zufall, dass der heute hier aufgetaucht war und Geld geholt hatte? Er war ihr hier jedenfalls noch nie aufgefallen. Ihr schoss die Frage durch den Kopf, ob er Kunde ihrer Bank war oder willkürlich diese Filiale gewählt hatte. Vielleicht holte er sich hier lediglich sein Geld, und das meistens außerhalb der Öffnungszeiten, war also noch nie direkt bei ihnen am Schalter gewesen, überlegte sie weiter.

Aus den Augenwinkeln sah sie Lucas zurückkommen. Der Wunsch, ihn zu fragen, woher er Jakob kannte, war übermächtig, aber sie wusste, dass sie das nicht machen konnte. Zum einen müsste sie dann zugeben, dass sie Jakobs Namen wusste. Was bei Lucas signalisieren würde, dass sie ihn kannte und er fragen würde woher. Ihm darauf zu antworten schied aus. Und als neugierig wollte sie ihm gegenüber auch nicht erscheinen, in dem sie ihn fragte, wer denn das gewesen war. Lucas würde es vielleicht als Interesse an Jakob interpretieren. Auch diesen Eindruck wollte sie auf gar keinen Fall erwecken.

Als hätte Lucas ihren Zwiespalt erahnt, stellte er sich wieder neben sie und teilte ihr mit einem breiten Lächeln unaufgefordert mit:„ Mein Cousin war gerade da und hat sich erkundigt, wie meine erste Woche hier war.“

„Dein Cousin?“ Ihr war diese Frage rausgerutscht, ehe sie diese Information richtig verarbeiten konnte.

Lucas grinste. „Hast du gedacht, er ist mein Bruder?“ Er fuhr fort, ohne ihr Gelegenheit zu einer Antwort gegeben zu haben. „Wir sehen uns recht ähnlich und viele halten uns für Brüder“, erklärte er ihr. „Aber wir sind nur Cousins.“

Das erklärte zumindest, dass sie sich diese Ähnlichkeit gestern nicht eingebildet hatte.

„So viel habe ich von ihm nicht gesehen“, log sie. „Ich hatte mich nur gewundert, dass du schon Small Talk mit den Kunden hältst, obwohl du erst ein paar Tage hier bist.“

„Ich wollte ihm noch meinen Arbeitsplatz zeigen, dann hätte ich ihn dir auch vorstellen können, aber er musste los. Hatte hier in der Nähe noch einen Termin.“

Gerne hätte sie nachgefragt und Lucas noch ein paar Details über Jakob entlockt, aber das wäre zu auffällig gewesen. Deshalb sagte sie nur: „Dann klappt es vielleicht beim nächsten Mal.“

Vanessa und die Kollegen hatten sich gegenseitig ein schönes Wochenende gewünscht und die Filiale verlassen. Auf ihrem Nachhauseweg war sie noch zu einem Edeka gefahren und hatte eingekauft.

Eine Stunde später war sie mit Filou auf einem Spaziergang. Sie hoffte, dadurch endlich ihren Kopf freizukriegen, der sich immer wieder mit einem gewissen Jakob Sander beschäftigte.

Was es für Zufälle gab. Dass ausgerechnet Lucas der Cousin von ihm war und sie die nächsten Wochen mit Lucas zusammenarbeiten, daher jeden Tag auch an den Mann denken würde, den sie eigentlich vergessen wollte.

Hatte das Universum etwas mit ihr vor? Mit ihr und diesem Jakob? Er hatte ihr wohl am Mittwoch auffallen sollen. Deshalb hatte Tobias dieses Vorstellungsgespräch genau in diesem Autohaus gehabt. Und deshalb arbeitete sie auch mit seinem Cousin zusammen. Entweder würde sie ihn durch Lucas demnächst in der Filiale näher kennenlernen oder durch Tobias, wenn er die Stelle dort bekommen und sie ihn dort einmal besuchen würde.

„Verschwörungstheorie“, dachte sie belustigt. Es waren wirklich alles nur Zufälle.

„Schade, dass ich heute nicht schon die Möglichkeit gehabt habe, einen ersten Eindruck von ihm zu bekommen und einen Hinweis darauf, ob es sich lohnt, sich mit diesem Herrn gedanklich überhaupt länger zu beschäftigen“, murmelte sie vor sich hin und hatte schon wieder sein Bild vor Augen. Jetzt kam auch noch ihre Fantasie mit ins Spiel: sie übernahm doch die Initiative und fuhr zu dem Autohaus, sah sich als Vorwand die ausgestellten Fahrzeuge an. Er würde sie ansprechen und ihr ein paar Modelle zeigen, und während er ihr Infos zu den Autos geben würde, könnte sie ihn sich genauer ansehen. Sie musste bei der Vorstellung grinsen, wie er ihr die Vorteile eines Audis gegenüber ihrem Mercedes aufzählte, sie ihm angeblich zuhörte, ihn aber gedanklich schon küsste, auszog oder sonst etwas mit ihm anstellte.

Erschrocken machte sie im Kopf eine Vollbremsung. Wie kam sie denn auf solche Gedanken??? Anscheinend hatte sie wirklich zu lange keine Beziehung mehr gehabt, wenn sie, sobald sie einen gutaussehenden und eventuell in Frage kommenden Mann sah, im Geiste bereits mit ihm auf Tuchfüllung ging. Oh Mann, wenn sie ihm vorgestellt werden würde und ihr kamen solche Bilder in den Sinn, würde sie vor Verlegenheit rote Ohren bekommen und den Wunsch verspüren, dass sich die Erde auftun und sie verschlingen möge. Was natürlich nicht passieren würde und sie somit diese peinliche Situation über sich ergehen lassen müsste.

Und noch vor wenigen Minuten hatte sie sich darauf gefreut, ihn irgendwann kennenzulernen …

„Hattest du ein schönes Wochenende?“, fragte Lucas sie am Montag, als sie gemeinsam am Schalter standen und auf die ersten Kunden warteten.

Vanessa zuckte mit den Schultern. „Ich habe nichts Besonderes gemacht, daher war es ein unspektakuläres“, antwortete sie ihm. „Und bei dir?“

„Ich war wieder im Club 7, teilte er ihr mit. „Da bin ich öfter samstags. Den kennst du, oder?“

Sie nickte. „Vom Hörensagen. Ich selbst war da noch nicht.“

„Echt nicht?“

„Warum überrascht dich das?“

„Wo gehst du denn hin, wenn du ausgehst?“

Die Frage war ihr etwas unangenehm, doch dann beantwortete sie sie. „Ich bin nicht so der Club-Gänger. Außerdem wohne ich nicht in Hamburg. Nachts noch über die Autobahn zu fahren, muss ich nicht wirklich haben.“

Natürlich kam die Frage, wo sie wohnte. Es war ja kein Geheimnis, also sagte sie: „In Ahrensburg.“

„Ach, das ist ja witzig, da wohnt mein Cousin auch“, meinte er.

Nach dieser Information musste sich Vanessa zusammenreißen, ihn nicht anzustarren. Meinte er den Cousin, oder hatte er noch andere?

Lucas sprach schon weiter und verzog etwas das Gesicht. „Da ist ja nicht so viel los. Ist eher eine Wohngegend für ältere Leute.“

Vanessa nahm es ihm nicht übel, sondern musste lächeln. „Ich bin ja auch schon etwas älter.“

Lucas schnaubte. „Quatsch. Jedenfalls nicht so alt, um dort zu wohnen. So fern ab von allem, was man zur Freizeitgestaltung braucht.“

„Ach, dann ist dein Cousin wohl auch schon älter, wenn er da wohnt?“ Sie verpackte die Frage absichtlich so, als wollte sie ihn damit aufziehen.

Lucas schüttelte den Kopf. „Das nicht, aber er arbeitet ja in Hamburg und bleibt öfter hier bei seiner Freundin, um was zu unternehmen.“ Dann erinnerte er sich wohl daran, dass er etwas über sie erfahren wollte. „Was machst du in Ahrensburg in deiner Freizeit?“

Zum Glück kam sie um die Antwort erst mal herum, denn ein Kunde trat zu ihnen an den Schalter, dem Lucas sich zuwenden musste.

Anstatt mit einem Ohr hinzuhören, was der Kunde wollte und was Lucas ihm antwortete, schweifte ihre Aufmerksamkeit ab. Dass Jakob Sander in Ahrensburg wohnte, hatte sie erfreut zur Kenntnis genommen. Bei der Information, dass er bereits vergeben war, hatte sich dagegen ein Gefühl von ... Enttäuschung? in ihr breitgemacht. Sie hatte es geahnt, dass ein Typ wie er kein Single war.

In ihre Überlegungen hinein hörte sie ihren Namen. Sie schaute zu Lucas und bemerkte seinen fragenden Blick. Anscheinend hatte er sie schon einmal angesprochen. Sie riss sich zusammen und konzentrierte sich auf die Frage, die Lucas ihr nun stellte.

An dem Abend blieb Vanessa etwas länger an der Arbeit, weil sie noch ein paar eilige Sachen aufarbeiten wollte. Neben ihr war auch Sascha Berger noch anwesend, der in seinem Büro saß und gelegentlich mit einem Kunden telefonierte.

Zwischen zwei Vorgängen schlich sich wieder einmal ungebeten Jakob Sander in ihre Gedanken. Ihr Puls beschleunigte sich etwas, als sie überlegte, sich, trotzdem er vergeben war, noch einige Informationen über ihn zu beschaffen und wie sie an diese gelangen konnte.

Sie warf einen Blick zum Büro von Sascha. Sie war ungestört. Dann wandte sie sich ihrem Bildschirm zu und rief im Programm die Personensuche auf. Sie atmete noch einmal tief durch und gab Sander in dem Suchfeld Nachnamen ein. Das Feld des Vornamens füllte sie lediglich mit J und einer Raute. Kurz verharrte ihr Finger über der Enter-Taste, dann drückte sie sie.

Gleich darauf wurden ihr sämtliche Kunden mit Namen Sander angezeigt, deren Vornamen mit einem J begannen. Es gab etliche, aber nur einen Jakob. Sie markierte diese Person. Mit einem erneuten Druck auf die Enter-Taste würden nun weitere Daten über sie sichtbar werden.

Sie vergewisserte sich, dass sie immer noch ungestört war, ehe sie nach einigen Sekunden des Zögerns endlich den Mut hatte, die Taste zu drücken. Mit wild klopfendem Herzen wartete sie darauf, dass sich die Seite mit dem Geburtsdatum und den Kontaktdaten öffnete. Kurz kam ihr in den Sinn, dass dieser Kunde gar nicht der Jakob Sander war, um den es ihr ging. Vielleicht hatte der sein Konto gar nicht bei der Hamburger Bank. Und es gab bestimmt mehr Männer mit diesem Namen. Wenn dieser hier allerdings in Ahrensburg wohnte, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um den richtigen handeln würde.

Gebannt schaute sie auf die Seite. Bingo. Ahrensburger Kamp 26 konnte sie als Adresse lesen. Als nächstes wanderte ihr Blick zum Geburtsdatum. Er war 34. Das passte auch, denn sie hatte ihn ungefähr auf ihr eigenes Alter geschätzt.

Wieder warf sie einen Blick auf das Büro von Sascha. Er war noch beschäftigt, also rief sie sich die nächste Seite mit den Konten auf. Sie sog überrascht die Luft ein. Er hatte nur ein Girokonto, dessen Saldo allerdings über 25.000 € betrug.

„Na, du bist ja eine richtig gute Partie“, murmelte sie vor sich hin. Das passte auch zu seiner Adresse. Sie kannte diese Straße, in der viele neue Häuser standen. Hauptsächlich welche, in denen bis zu sechs Eigentumswohnungen untergebracht waren.

Gehörte ihm eine davon? Oder wohnte er da nur zur Miete? Das würde ihr die nächste Seite verraten, wenn sie das Konto selektierte. Sie klickte darauf und nach ein paar Sekunden erschienen die Umsätze der letzten drei Wochen. Sie sah seinen Gehaltseingang. So viel verdiente man als Autoverkäufer? Wow. Sie scrollte weiter nach unten und entdeckte einen Dauerauftrag für Miete. Also keine eigene Wohnung. Aber für 1200 € im Monat könnte er sich locker einen Abtrag leisten und hätte seine eigenen vier Wände. Sie überflog die anderen Positionen. Eine Rate über 450 € für die Audi-Bank, wahrscheinlich für sein Auto. Bei diesem Betrag lag es auf der Hand, dass es sich um ein teureres Modell handeln musste, das er geleast oder finanziert hatte. Dann waren da noch die üblichen Versicherungen und ein Beitrag fürs Fitnessstudio. Sofort produzierte ihr Kopf Bilder, wie er an den Geräten war, seine Muskeln spielen ließ und richtig ins Schwitzen kam ...

Sie schüttelte den Kopf, um diese Bilder wieder loszuwerden und schloss dann die Seite mit den Umsätzen. Einen Moment schaute sie noch auf seine Kontonummer. Nach einem weiteren Blick zu Saschas Büro, griff sie nach einem Zettel und schrieb sie sich auf. Außerdem notierte sie sich Jakobs Adresse sowie die Handynummer, die dort mit hinterlegt war. Sie ließ diesen Zettel gerade in ihre Tasche gleiten, als sie hörte, wie Sascha aus seinem Büro kam. Schnell drückte sie eine Taste und eine andere Seite wurde auf ihrem Bildschirm angezeigt. Ihr Herz schlug schnell und sie fühlte sich ertappt.

„Na, hast du kein Zuhause?“, fragte er sie.

„Anscheinend genauso wenig wie du“, gab sie zurück und fügte hinzu: „Aber ich mache auch gleich Schluss.“ Mit den ganzen Informationen über Jakob hatten ihre Gedanken erst mal genug zu tun, auf ihre unerledigten Sachen würde sie sich jetzt eh nicht mehr konzentrieren können.

Nachdem Sascha die Filiale verlassen hatte, normalisierte sich ihr Herzschlag langsam. Sie hatte nicht wirklich etwas Verbotenes getan, in dem sie nach Jakobs Daten geschaut hatte. Andererseits gab es diese Anweisung, dass man Kundendaten nur aufrufen durfte, wenn es, wie zum Beispiel im Rahmen eines Kundengesprächs, nötig war. Sie war nicht seine Beraterin, hatte überhaupt keine Beraterfunktion im Rahmen ihrer Tätigkeit im Service. Außerdem war er zwar Kunde ihrer Bank, aber war einer anderen Filiale zugeordnet. Alles Gründe, die ein Einsehen seiner Daten nicht rechtfertigte, wenn sie jemand darauf ansprach. Aber wem würde das auffallen? Wer würde sich ansehen, wen sie als Kunden aufgerufen hatte?

Vielleicht gab es inzwischen eine entsprechende Abteilung, die sich damit beschäftigte, seit das neue Datenschutzgesetz in Kraft getreten war. Die die Mitarbeiter überprüfte, wer sich wann welchen Kunden angesehen hatte.

Aber es war müßig, länger darüber nachzudenken. Sie fuhr den PC herunter und verließ ein paar Minuten später ebenfalls die Filiale.

Als Vanessa von der Autobahn abfuhr und sich Ahrensburg näherte, kam sie in Versuchung, nicht direkt nach Hause zu fahren, sondern einen kleinen Umweg zu machen. Einen kurzen Blick aus dem fahrenden Auto auf das Haus zu werfen, in dem Jakob Sander wohnte. Aber dann entschied sie sich dagegen und ermahnte sich selbst, es nicht zu übertreiben. Der Mann war vergeben und damit für sie tabu.

Kapitel 4

„Fährst du am Donnerstag mit dem eigenen Auto zum Restaurant?“, fragte Lucas sie am nächsten Vormittag, als es gerade ruhig war und sie auf Kunden warteten.

Überrascht sah Vanessa ihn an. „Bist du auch eingeladen?“

Lucas nickte. „Herr Moritz hat mich heute Morgen darauf angesprochen. Da ich ja länger bei euch eingesetzt bin, hatte er wohl die Befürchtung, dass ich mich übergangen fühle, wenn er mich nicht wenigstens fragt.“

„Er hat auf eine Absage gehofft und du hast zugesagt“, sagte Vanessa und musste grinsen.

„Wenn es so war, hat er es sich nicht anmerken lassen“, erwiderte Lucas. „Also? Fährst du selbst?“, wiederholte er seine Frage.

„Da ich ja abends irgendwie nach Hause kommen muss und keiner bei mir in der Nähe wohnt, kann ich mich niemandem anschließen“, ließ sie ihn wissen. „Also ja, ich fahre selbst.“ Dann zwinkerte sie ihm zu. „Wolltest du dich als Fahrer anbieten?“

Er grinste. „Nicht wirklich. Aber wenn du noch einen Platz in deinem Auto frei hast, wäre es nett von dir, wenn du mich mitnehmen könntest. Vom Restaurant nach Hause kann ich mir ein Taxi nehmen.“

Vanessa nickte. „Kein Problem. Bisher hat mich nur Susanne gefragt, also kannst du gerne noch mitfahren.“

„Super“, bedankte sich Lucas.

Später saß Vanessa am Schreibtisch und machte erneut den Versuch, die unerledigten Vorgänge, die sie sich gestern vorgenommen hatte, zu bearbeiten. Sie war in Rufweite, falls Lucas am Schalter ihre Hilfe benötigen sollte.

Ihre Gedanken schweiften ab und ihr kam die Aktion vom vergangenen Abend wieder in den Sinn. Sie hätte bei den Umsätzen des Herrn Sander mal genauer schauen sollen, ob und in welchem Zeitraum er hier in der Filiale Geld abhob. Oder war das eine Ausnahme gewesen? Würde er zum Wochenende hin nochmal hier auftauchen? Mit mehr Zeit wie beim letzten Mal, damit er sich anschauen konnte, wo Lucas arbeitete?

Auch wenn er nicht mehr auf ihrer Liste stand, war sie doch neugierig, was er für ein Typ war.

Zwei Tage später waren sie auf dem Weg ins Restaurant, das sich in der Nähe der Binnenalster befand. Lucas hatte sich nach hinten setzen wollen, aber Susanne hatte ihm großzügig den Beifahrerplatz überlassen. Vanessa ertappte sich dabei, dass sie ab und zu aus den Augenwinkeln zu Lucas schielte. Es war wie ein Zwang, dass sie Lucas ansehen musste, sich aber Jakob vorstellte.

„Wahrscheinlich hat er gar nicht so viel Ähnlichkeit mit ihm, nur ich bilde mir das ein, weil ich es sehen will“, schalt sie sich selbst. Sie ärgerte sich, dass sie diesen Typen einfach nicht mehr aus dem Kopf bekam. Dass er, aus welchem Grund auch immer, einen so bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, obwohl sie ihn nur zweimal kurz gesehen hatte.

Die Parkplatzsuche gestaltete sich wieder nervig. Sie hasste es, um die Blocks zu fahren und nach einer Lücke Ausschau zu halten.

„Deshalb lasse ich mich nach Möglichkeit mitnehmen“, erklang Susannes Stimme von der Rückbank.

„Und deshalb würde ich ein Restaurant aussuchen, das genug eigene Parkplätze für die Gäste hat“, maulte Vanessa.

„Da ist einer“, rief Lucas, der ebenfalls die Augen offen gehalten hatte. „Oder ist dir der zu klein?“, war sein nächster Satz.

„Ich kenne die Vorurteile von euch Männern, von wegen Frauen und Einparken“, erwiderte sie. Und um diese Theorie für sich zu widerlegen, fuhr sie schwungvoll in die Lücke. „Noch Fragen?“, wandte sie sich an ihn, nachdem sie den Motor abgestellt hatte.

Er grinste nur. „Keine.“

Sie stiegen aus und mussten ein paar Minuten laufen, ehe sie ihr Ziel erreicht hatten. Lucas hielt ihnen gentlemen-like die Tür auf, und kurz darauf brachte ein Kellner sie zu dem reservierten Tisch. Vanessa setzte sich neben ihren Chef und ehe sie sich versah, ließ sich Lucas neben ihr auf den Stuhl fallen. Sie fing den amüsierten Blick von Susanne auf, die sich auf die gegenüberliegende Seite am Tisch setzte. Vanessa verdrehte lediglich die Augen über die Anspielung, dass Lucas es darauf anlegte, in ihrer Nähe zu sein.

Nachdem auch die restlichen Kollegen eingetroffen waren, sie die Getränke bestellt und sich alle für ein Gericht entschieden hatten, fingen die allgemeinen Unterhaltungen an.

Es wurde ein unterhaltsamer Abend und sie hielten es alle recht lange aus. Susanne war die Erste, die gegen 22.30 Uhr aufstand, weil ihr Mann vor dem Lokal im Auto wartete.

„Ich mache mich auch gleich los“, nutzte Vanessa die Gelegenheit.

„Wer möchte noch etwas trinken?“, fragte Herr Moritz in die Runde. Als alle dankend ablehnten, gab er dem Kellner ein Zeichen, ihm die Rechnung zu bringen.

„Wo hast du geparkt?“, fragte Sascha sie, als Vanessa aufstand und ihre Jacke anzog. „Weit weg?“

Sie schüttelte den Kopf. „Die paar Meter schaffe ich zu Fuß“, witzelte sie.

„Es geht nicht um die paar Meter“, sagte er, „sondern darum, dass du nicht alleine in der Gegend rumlaufen musst.“

„Ich kann dich bis zum Auto begleiten und rufe mir von da ein Taxi“, schlug Lucas sofort vor.

„Nein, das ist nicht nötig“, wehrte Vanessa ab.

„Das ist eine gute Idee, Herr Mahler“, kam es fast zeitgleich von Herrn Moritz.

Vanessa war also überstimmt. Lucas stand ebenfalls auf und nach einer kurzen Verabschiedung verließen sie das Restaurant. Auf dem Weg zum Auto unterhielten sie sich angeregt. Etwa auf der Hälfte des Weges kam ihnen ein angetrunkener Mann entgegen, der kurz vor ihnen stehenblieb und um ein paar Euro bettelte. Er war ziemlich hartnäckig und ließ sich nicht abwimmeln, bis Lucas Vanessa entschlossen am Arm packte und wegzog, während er dem Mann laut zurief: „Verpiss dich!“ Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der Mann noch klar genug war, ihnen als Antwort darauf den Mittelfinger zu zeigen.

In dem Moment war sie froh, dass sie nicht alleine unterwegs gewesen war. Sie war nicht überängstlich, aber so Situationen waren ihr doch unheimlich.

„So ein Penner“, regte sich Lucas auf. „War doch ganz gut, dass ich dich begleitet habe.“

„Ja“, musste sie ihm recht geben. „Und weißt du was? Dafür, dass du den edlen Ritter gespielt hast, fahre ich dich nach Hause. Du brauchst kein Taxi nehmen.“

„Das musst du nicht“, widersprach er. „Zum einen war das eben kein großer Akt, von wegen edler Ritter. Und außerdem liegt meine Wohnung nicht auf deinem Weg zur Autobahn.“

„Auf den kleinen Umweg kommt es nicht an“, argumentierte sie.

„Vanessa, wirklich, ein Taxi ist für mich ok.“

Sie hatten ihren Mercedes erreicht. „Willst du noch diskutieren oder steigst du endlich ein?“

Er zögerte einen Moment. „Dein Ernst?“ Als sie ihn nur ansah, fing er an zu grinsen. „Ok, ok.“ Und schon ließ er sich auf den Beifahrersitz fallen.

Eine Viertelstunde später hielt sie in zweiter Reihe vor dem Haus, in dem Lucas seine Wohnung hatte.

„Danke fürs Mitnehmen“, sagte er und kurz durchzuckte Vanessa bei seinem Blick der Gedanke, dass er sich zu ihr hinüberbeugen und sie küssen wollte. Doch der Moment ging sofort wieder vorbei und sie überlegte, ob sie sich das nur eingebildet hatte. Wahrscheinlich. Warum sollte er das auch machen wollen?

„Nichts zu danken“, erwiderte sie nun. „Gute Nacht, Lucas. Bis morgen“, fügte sie hinzu, als er sich abgeschnallt hatte und ausgestiegen war.

„Komm gut nach Hause“, meinte er und schloss dann die Tür. Als er sich dem Haus zuwandte, fuhr sie los.

Die Fahrt nach Ahrensburg zog sich in die Länge und Vanessa war froh, als sie endlich ihr Auto abstellen konnte. Während sie den Zündschüssel abzog, schaute sie auf die Zeitanzeige. 23.45 Uhr. Das würde eine kurze Nacht werden. Sie würde sich das nächste Mal dafür starkmachen, dass sie als Termin einen Freitag nehmen sollten. Dann konnte man wenigstens am nächsten Tag ausschlafen.

Eine halbe Stunde später lag sie im Bett. Obwohl sie müde war, war sie trotzdem auch noch aufgedreht. Sie hatten den Abend viel Spaß gehabt und gelacht. Sie waren ein gutes Team, das sich untereinander hervorragend verstand. Was heutzutage unter Kollegen nicht mehr selbstverständlich war. Lucas hatte sich nach den knapp zwei Wochen schon darin integriert und hatte heute Abend viel zur allgemeinen Erheiterung beigetragen. Er war kein schüchterner Praktikant.

Sie dachte daran, wie sie sich ab und zu dabei ertappt hatte, dass sie an Jakob Sander gedacht hatte. Ob er mit Lucas von der Art her auch Ähnlichkeit hatte und nicht nur vom Äußeren? Wenn sie allerdings daran dachte, wie grimmig er geschaut hatte, als sie ihn in seiner Raucherpause beim Autohaus gesehen hatte, dann unterschied er sich sehr von Lucas. Den kannte sie nur gut drauf und mit einem Lächeln im Gesicht. Wobei es aber auch ein Bild von Jakob gab, auf dem er lächelte: auf der Homepage des Autohauses.

„Schlaf endlich anstatt dir wieder und wieder Gedanken über diesen Kerl zu machen“, schalt sie sich. Wie sollte das werden, wenn sie ihn erst kennengelernt hatte und er unbekannt schon so in ihrem Kopf war.

Es war dann doch relativ schnell gegangen, dass sie eingeschlafen war, und widererwartend war sie am nächsten Morgen nicht übermüdet, als sie in ihr Auto stieg und nach Hamburg fuhr. Die Aussicht, dass Freitag war, beflügelte auch.

Als sie vom Hintereingang der Filiale Richtung Aufenthaltsraum ging, hörte sie von dort die Stimmen von Susanne und Sascha. Den Inhalt ihres Gesprächs konnte sie aber noch nicht verstehen. Kurz bevor sie den Raum erreicht hatte, hörte sie Susanne sagen: „Ich glaube, darauf würde sie sich nicht einlassen.“

„Wer lässt sich auf was nicht ein?“, fragte sie und betrat gleichzeitig den Pausenbereich.

Beide verstummten und sahen sie erst ein wenig ertappt und dann neugierig an. Vanessa war nicht auf den Kopf gefallen und konnte sich denken, dass es in der Unterhaltung um sie gegangen war. Daher konkretisierte sie: „Auf was lasse ich mich nicht ein?“

Sascha sah nun an ihr vorbei, als würde er noch auf jemanden warten. Irritiert sah Vanessa sich um, aber da war niemand. Es war auch hinter ihr keiner in die Bank gekommen.

„Hast du Lucas nicht mitgebracht?“, fragte Sascha jetzt und grinste süffisant.

„Nein, warum sollte ich?“, antwortete Vanessa. Dann machte es bei ihr Klick und sie sah erst Sascha und dann Susanne empört an. „Das denkt ihr nicht wirklich, oder? Habt ihr sie noch alle? Ich fange doch nichts mit dem Praktikanten an!“

„Wieso nicht?“, meinte Sascha. „Es gingen zwar eindeutig mehr Blicke von ihm in deine Richtung, aber du hast auch öfter zu ihm geschaut.“ Als Vanessa protestieren wollte, schob Sascha nach: „Versuch es gar nicht erst zu leugnen. Das ist sogar Susanne aufgefallen.“ Diese nickte und er fuhr fort: „Und dann wäre da noch die Tatsache, dass ihr gemeinsam das Lokal verlassen habt.“ Wieder grinste er. „Hat er sich ein Taxi genommen?“

„Ich habe ihn nach Hause gefahren, ok?“, teilte sie ihm aufgebracht mit. „Das heißt aber noch lange nicht, dass ich irgendeine Absicht damit verfolgt habe.“

„Wie dankbar hat sich Lucas denn gezeigt? Gab es wenigstens einen Gute-Nacht-Kuss?“

Vanessa schüttelte den Kopf und ließ Sascha mit einem Idiot einfach stehen.

„Getroffene Hunde bellen, Vanessa“, meinte er nur und verließ lachend den Raum.

Während sie ihre Jacke in den Schrank hing, meinte Susanne, die noch geblieben war, zu ihr: „Die Blicke sind mir tatsächlich aufgefallen und ich habe den Eindruck, dass du ihm ein bisschen den Kopf verdreht hast.“

„Mit was denn?“, wollte Vanessa genervt wissen. „Ich habe gar nichts gemacht, mich einfach mit ihm unterhalten, genau wie mit euch auch. Noch nicht mal in irgendeiner Art mit ihm geflirtet.“

„Für ihn hat sich das wahrscheinlich anders dargestellt“, entgegnete sie. „Die Blicke, die du ihm zugeworfen hast, hat er wohl als Interesse interpretiert.“

„Um Himmelswillen, ich fange doch nichts mit einem so jungen Kerl an“, regte sich Vanessa auf.

„Und warum hast du ihn dann öfter beobachtet?“ Als Vanessa nichts dazu sagte, hakte Susanne nochmal nach. „Also gibst du die Blicke zu, hast aber kein Interesse.“

Vanessa wollte dieses Thema nicht weiter vertiefen, es ignorieren. Dann stieß sie entnervt die Luft aus. „Weil er mich an jemanden erinnert.“

„Ach, na jetzt wird es interessant.“ Susanne setzte sich auf die Tischkante und wartete, dass Vanessa mehr dazu sagte. Als aber nichts kam, bohrte sie weiter. „Ein Verflossener, eine heimliche Liebe - aus welcher Kategorie?“

„Weder noch. Und wenn du es genau wissen willst: aus noch gar keiner Kategorie. Ich kenne den Typ nicht mal persönlich.“

„Aber du würdest ihn gerne kennenlernen, schließe ich daraus.“

„Ich will nicht darüber reden, ok?“ Sie schloss mit Nachdruck die Schranktür. Sie drehte sich um und in dem Moment betrat Lucas den Raum.

„Guten Morgen“, begrüßte er sie beide fröhlich, hatte aber nur Augen für Vanessa.

Vanessa musste Susanne recht geben: wie es aussah, hatte sie Lucas, mit was auch immer, den Kopf verdreht.

„Alles gut bei dir?“, fragte Lucas und setzte sich auf den Kundenstuhl, der vor ihrem Schreibtisch stand. Sie hatte sich zurückgezogen, um noch etwas aufzuarbeiten.

„Ja, wieso fragst du?“

Er musterte sie. „Du bist heute ziemlich wortkarg.“

„Ich hatte eine kurze Nacht ... “

Lucas unterbrach sie. „Ich konnte gestern Abend auch nicht einschlafen. Ich war noch zu aufgedreht.“

Bei Vanessa entstanden Bilder im Kopf, wie er in seinem Bett lag und von ihr träumte. Sich Hoffnungen machte, dass sie Interesse an ihm hatte. Sie musste das schleunigst klarstellen. Wie auch immer ...

Er beugte sich nun nach vorne. „Ich treffe mich heute wieder mit ein paar Leuten im Club“, fing er an. „Hast du Lust mitzukommen? Du warst doch noch nie da. Wäre eine gute Gelegenheit. Du könntest gleich in Hamburg bleiben. Wir essen irgendwo was und gehen dann gegen neun in den Club.“ Als Vanessa ihn nur anstarrte, fügte er hinzu: „Mein Cousin kommt übrigens auch, du könntest ihn dann gleich mal kennenlernen.“

Na, wenn das kein Argument ist, dachte sie sarkastisch. Sie konnte sich schon sehen, wie sie mit Lucas dort im Club auftauchte, den ganzen Abend aber nur Augen für seinen Cousin hatte, der mit seiner Freundin da war. Mit ansehen musste, wie er Händchen mit ihr hielt, knutschte, was auch immer. Ganz. Sicher. Nicht.

Sie hoffte, dass Lucas ihr von all dem in ihrem Inneren nichts anmerkte. Als Antwort schüttelte sie nun mit dem Kopf. „Ich kann heute nicht.“ Sie gab ihm keine weitere Erklärung, warum das so war.

Sobald sie das gesagt hatte, konnte sie kurz seine Enttäuschung sehen, die er aber sofort wieder im Griff hatte und so tat, als würde es ihm nichts ausmachen. „Schade, aber vielleicht klappt es ein anderes Mal.“ Sie hörte eine Frage anstelle dieser Feststellung. Er gab die Hoffnung also noch nicht auf. Es wäre am besten, ihm hier und jetzt zu sagen, dass sie überhaupt niemals mit ihm zusammen in diesen Club gehen würde, aber der passende Moment ging vorbei, weil Susanne nach Lucas rief.

Vanessa sah ihm nach, wie er an den Schalter ging. Warum musste das Leben so kompliziert sein? Wie es aussah, war Lucas bereits ein bisschen in sie verknallt, während sie an ihm keinerlei Interesse hatte. Sie ihrerseits dachte an einen Mann, der nichts von ihrer Existenz und ihren Gedanken wusste.

Sie seufzte und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

Die letzte Stunde am Nachmittag saß sie erneut am Schreibtisch, weil Herr Moritz ihr noch eine Aufgabe übertragen hatte. Sie hatte allerdings Schwierigkeiten, sich darauf zu konzentrieren. Den ganzen Tag, und auch in der Mittagspause, hatte sie immer wieder die Blicke von Lucas auf sich gespürt. Sie musste unbedingt mit ihm reden, aber nicht mehr heute. Sie würde sich übers Wochenende was zurechtlegen.

Von Lucas wanderten ihre Gedanken weiter zu Jakob. Ob er heute nochmal hier in der Filiale Geld abheben würde? Aber sie glaubte nicht so recht daran. Wenn er für heute Abend noch welches brauchen würde, würde er einen anderen Automat wählen als den, der nicht in der Nähe seines Arbeitsplatzes war. Und dass er wieder einen Termin hatte, der ihn hier in diese Gegend verschlagen würde, war auch unwahrscheinlich.

Es juckte sie in den Fingern, ein weiteres Mal seine Kontobewegungen einzusehen. Unauffällig sah sie sich um, ob sie irgendjemand dabei ertappen konnte. Ihr Puls ging nach oben, als sie ohne noch länger darüber nachzudenken, seine recht kurze Kontonummer eingab, die sie, obwohl nur einmal gesehen und notiert, aber wegen ihres guten Zahlengedächtnisses, bereits auswendig konnte. Sie drückte auf Enter und sein Name erschien auf dem Bildschirm. Bevor sie jedoch auf die nächste Seite mit den Umsätzen klicken konnte, rief Susanne nach ihr und es klang eindeutig eilig. Schnell klickte sie mit der Maus auf Seite schließen, sprang auf und eilte zu Susanne an den Schalter. Sie warf einen Blick auf den zweiten Schalter, aber Lucas war nicht zu sehen.

Grund für Susannes Aufregung war eine ältere Dame, die wohl eine Art Schwächeanfall vor dem Schalter erlitten hatte. Sie setzten sie auf den nächsten Stuhl und Vanessa lief in die Küche, um der Kundin ein Glas Wasser zu holen, während Susanne bei der Frau blieb.

Nachdem sie in kleinen Schlucken das Wasser getrunken hatte, verneinte sie Susannes Frage nach einem Krankenwagen. Sie bat aber darum, dass jemand ihren Sohn anrufen sollte. Vanessa übernahm das, ging wieder zu ihrem Schreibtisch und griff nach dem Telefon. Während sie die Nummer eintippte, die die Frau ihr genannt hatte, fiel ihr Blick auf den Bildschirm. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie die Kontobewegungen sah, die dort angezeigt wurden. Es waren die von Jakob. Anscheinend hatte sie in der Eile den falschen Klick gemacht, und statt die Seite zu schließen, war die nächste mit den Umsätzen aufgegangen.

Ihr Herz klopfte heftig, als sie nun die Seite schloss und im nächsten Moment die Stimme ihres Telefonpartners hörte. Sie verhaspelte sich kurz, bevor sie sich gefangen hatte und dem Mann erklärte, was vorgefallen war. Er versprach, seine Mutter in den nächsten Minuten abzuholen.

Vanessa legte auf und versuchte sich zu beruhigen. Ob jemand etwas von dem gesehen hatte, was auf dem Bildschirm gestanden hatte? Aber eigentlich nicht, denn die Kollegen waren noch in ihren Büros. Ihr fiel nur Lucas ein, der ihr auf dem Weg zurück zum Schreibtisch entgegengekommen war. Aber ob der dort Halt gemacht und sich angesehen hatte, an was sie arbeitete, konnte sie sich nicht vorstellen. Trotzdem reichte ihr dieser Adrenalinkick, um heute keinen weiteren Versuch mehr zu unternehmen, sich Jakobs Daten anzusehen.