Oblomow - Iwan A. Gontscharow - E-Book

Oblomow E-Book

Iwan A. Gontscharow

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Beschreibung

Der russische Schriftsteller Iwan Alexandrowitsch Gontscharow ist einer der größten Realisten der russischen Literatur. Sein Roman "Oblomow" gilt als Klassiker der russischen Romanliteratur. Als Gontscharows nächstes Buch "Oblomow" im Jahre 1859 veröffentlicht wurde, machte es seinen Autor zu einem lebenden Klassiker. "Oblomow" wurde zu Recht mit Shakespeares "Hamlet" verglichen. Oblomow verbringt seine Zeit im Bett, bequem in seinem Schlafrock, ("einen echten morgenländischen Schlafrock - ohne die geringste Anlehnung an Europa") und argumentiert müde mit seinem mürrischen, trinkfesten Kammerdiener Sachar, der denkt, dass Flöhe, Läuse und anderes Ungeziefer ein natürlicher Teil des Lebens sind. Oblomow ist unfähig sich mit praktischen Angelegenheiten auseinanderzusetzen, er wird von seinem Finanzberater betrogen und sein Landgut gleitet in den Ruin. Oblomow ist ein Tagträumer, er hat große Visionen, aber er lässt es an Ehrgeiz missen. Einhundertfünfzig Seiten braucht es, bis Oblomow das erste Mal aus seinem Bett raus kommt. In der modernen westlichen Literatur soll das Theaterstück "Warten auf Godot" von Samuel Beckett, von Oblomow inspiriert sein. Null Papier Verlag

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Seitenzahl: 945

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Iwan A. Gontscharow

Oblomow

Iwan A. Gontscharow

Oblomow

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected]Übersetzung: Clara Brauner EV: B. Cassirer, Berlin, 1920 3. Auflage, ISBN 978-3-943466-57-7

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Inhaltsverzeichnis

Au­tor und Werk

Ers­ter Teil

Ers­tes Ka­pi­tel

Zwei­tes Ka­pi­tel

Drit­tes Ka­pi­tel

Vier­tes Ka­pi­tel

Fünf­tes Ka­pi­tel

Sechs­tes Ka­pi­tel

Sie­ben­tes Ka­pi­tel

Ach­tes Ka­pi­tel

Neun­tes Ka­pi­tel

Zehn­tes Ka­pi­tel

Elf­tes Ka­pi­tel

Zwei­ter Teil

Ers­tes Ka­pi­tel

Zwei­tes Ka­pi­tel

Drit­tes Ka­pi­tel

Vier­tes Ka­pi­tel

Fünf­tes Ka­pi­tel

Sechs­tes Ka­pi­tel

Sie­ben­tes Ka­pi­tel

Ach­tes Ka­pi­tel

Neun­tes Ka­pi­tel

Zehn­tes Ka­pi­tel

Elf­tes Ka­pi­tel

Zwölf­tes Ka­pi­tel

Drit­ter Teil

Ers­tes Ka­pi­tel

Zwei­tes Ka­pi­tel

Drit­tes Ka­pi­tel

Vier­tes Ka­pi­tel

Fünf­tes Ka­pi­tel

Sechs­tes Ka­pi­tel

Sie­ben­tes Ka­pi­tel

Ach­tes Ka­pi­tel

Neun­tes Ka­pi­tel

Zehn­tes Ka­pi­tel

Elf­tes Ka­pi­tel

Zwölf­tes Ka­pi­tel

Vier­ter Teil

Ers­tes Ka­pi­tel

Zwei­tes Ka­pi­tel

Drit­tes Ka­pi­tel

Vier­tes Ka­pi­tel

Fünf­tes Ka­pi­tel

Sechs­tes Ka­pi­tel

Sie­ben­tes Ka­pi­tel

Ach­tes Ka­pi­tel

Neun­tes Ka­pi­tel

Zehn­tes Ka­pi­tel

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Klas­si­ker bei Null Pa­pier

Ali­ce im Wun­der­land

Anna Ka­re­ni­na

Der Graf von Mon­te Chri­sto

Die Schat­zin­sel

Ivan­hoe

Oli­ver Twist oder Der Weg ei­nes Für­sor­ge­zög­lings

Ro­bin­son Cru­soe

Das Got­tes­le­hen

Meis­ter­no­vel­len

Eine Weih­nachts­ge­schich­te

und wei­te­re …

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Autor und Werk

Der rus­si­sche Schrift­stel­ler Iwan Alex­an­dro­witsch Gont­scha­row ist ei­ner der größ­ten Rea­lis­ten der rus­si­schen Li­te­ra­tur. Sein Ro­man »Oblo­mow« gilt als Klas­si­ker der rus­si­schen Ro­man­li­te­ra­tur.

Ivan Gont­scha­row wur­de in ei­ner wohl­ha­ben­den Ge­trei­de­händ­ler-Fa­mi­lie am 18. Juni 1812 in Sim­birsk (jetzt Ul­ja­nowsk) ge­bo­ren.

Gont­scha­rows Va­ter starb im Jah­re 1819 und Ivan wur­de von sei­nem Pa­ten, Ni­ko­lai Tre­gu­bov, ei­nem li­be­ra­len Ari­sto­kra­ten und ehe­ma­li­gen See­mann, auf­ge­zo­gen. Im Al­ter von acht Jah­ren wur­de er auf eine Pri­vat­schu­le ge­schickt, und mit 10 Jah­ren zu ei­nem pri­va­ten In­ter­nat in Mos­kau. Spä­ter, im Au­gust 1831, wur­de Gont­scha­row er­folg­reich an der Mos­kau­er staat­li­chen Uni­ver­si­tät auf­ge­nom­men, wo er Li­te­ra­tur stu­dier­te. Nach sei­nem Ab­schluss im Jah­re 1834 kehr­te Gont­scha­row nach Sim­birsk zu­rück und blieb dort fast ein Jahr lang, wo er im Se­kre­ta­ri­at des Gou­ver­neurs diente. Aber das Le­ben weit ent­fernt von der Stadt schi­en lang­wei­lig und Gont­scha­row zog es bald nach St. Pe­ters­burg. Die ers­ten zehn Jah­re in der Haupt­stadt wa­ren ru­hig und lang­wie­rig, Gont­scha­row diente als Be­am­te bei der Au­ßen­han­dels­stel­le.

In den Jah­ren 1838 und 1839 wur­den die ers­ten Ge­dich­te und No­vel­len von Gont­scha­row in den Jahr­bü­chern der li­te­ra­ri­schen Ge­sell­schaft ver­öf­fent­licht. Spä­ter, im Früh­jahr 1846 traf Gont­scha­row Bel­in­ski, einen der re­nom­mier­tes­ten rus­si­schen Li­te­ra­tur­kri­ti­ker sei­ner Zeit.

Gont­scha­rows ers­ter Ro­man, »Oby­kno­ven­na­ya Isto­ri­ya« oder »Eine all­täg­li­che Ge­schich­te« wur­de 1847 ver­öf­fent­licht. Bel­in­ski lob­te das Buch als ei­nes der bes­ten Neu­ver­öf­fent­li­chun­gen des Jah­res.

Zwi­schen 1852 und 1855 diente Gont­scha­row als Se­kre­tär des le­gen­dären Ma­ri­ne-Ad­mi­rals Yev­fi­my Put­ja­tin. Der Schrift­stel­ler nahm an dem his­to­ri­schen rus­sisch-ja­pa­ni­schen Ab­kom­men von 1855 teil, und diente als of­fi­zi­el­ler Dol­met­scher zwi­schen der rus­si­schen und der ja­pa­ni­schen Re­gie­rung.

Spä­ter ging Gont­scha­row auf Rei­sen an Bord der rus­si­schen Fre­gat­te »Pal­la­da« und be­sich­tig­te zahl­rei­che Län­der in Eu­ro­pa, Afri­ka und Asi­en. Im Jah­re 1858 wur­de die Chro­nik sei­ner drei­jäh­ri­gen Rei­se »Fre­gat­te Pal­la­da« ver­öf­fent­licht, und sorg­te für Fu­ro­re im rus­si­schen Za­ren­reich.

Nach sei­ner Rück­kehr nach St. Pe­ters­burg im Jah­re 1856 über­nahm Gont­scha­row den Pos­ten als Re­gie­rungs­zen­sor, eine Po­si­ti­on, die ihm Kri­tik und Miss­trau­en un­ter vie­len sei­ner Zeit­ge­nos­sen ein­brach­te. Ob­wohl sei­ne Po­li­tik als Kri­ti­ker oder Zen­sor eher kon­ser­va­tiv war, nutz­te er sei­ne Po­si­ti­on um vie­le wich­ti­ge und li­be­ra­le Wer­ke der Li­te­ra­tur zur Ver­öf­fent­li­chung zu­las­sen, dar­un­ter Wer­ke von Fjo­dor Do­sto­jew­ski und Alex­an­der Her­zen.

Als Gont­scha­rows nächs­tes Buch »Oblo­mow« im Jah­re 1859 ver­öf­fent­licht wur­de, mach­te es sei­nen Au­tor zu ei­nem le­ben­den Klas­si­ker.

»Oblo­mow« wur­de zu Recht mit Sha­ke­s­pea­res »Ham­let« ver­gli­chen. Oblo­mow ver­bringt sei­ne Zeit im Bett, be­quem in sei­nem Schlaf­rock, (»ei­nen ech­ten mor­gen­län­di­schen Schlaf­rock – ohne die ge­rings­te An­leh­nung an Eu­ro­pa«) und ar­gu­men­tiert müde mit sei­nem mür­ri­schen, trink­fes­ten Kam­mer­die­ner Sachar, der denkt, dass Flö­he, Läu­se und an­de­res Un­ge­zie­fer ein na­tür­li­cher Teil des Le­bens sind.

Oblo­mow ist un­fä­hig sich mit prak­ti­schen An­ge­le­gen­hei­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen, er wird von sei­nem Finanz­be­ra­ter be­tro­gen und sein Land­gut glei­tet in den Ruin.

Sein Freund Stolz ist ein kom­plett an­de­rer Cha­rak­ter, ein Ge­schäfts­mann, der ent­schlos­sen, ge­bil­det, und er­folg­reich ist. Oblo­mows große Lie­be ist Olga, aber er ver­schiebt die Hoch­zeit zu oft und schließ­lich ver­liert er sie an sei­nen prag­ma­ti­schen Freund. Schließ­lich hei­ra­tet Oblo­mow Agaf­ja Psche­ni­zi­na, eine Wit­we. Oblo­mow ist ein Tag­träu­mer, er hat große Vi­sio­nen, aber er lässt es an Ehr­geiz miss­en.

Ein­hun­dert­fünf­zig Sei­ten braucht es, bis Oblo­mow das ers­te Mal aus sei­nem Bett raus kommt. In der mo­der­nen west­li­chen Li­te­ra­tur soll das Thea­ter­stück »War­ten auf Go­dot« von Sa­mu­el Beckett, von Oblo­mow in­spi­riert sein.

Der drit­te be­rühm­te Ro­man von Gont­scha­row, »Obryv« (»Die Schlucht«), er­schi­en im Jah­re 1868. Am 12 Sep­tem­ber 1891 er­käl­te­te sich Gont­scha­row, und die Er­kran­kung ent­wi­ckel­te sich ra­sant, so­dass er drei Tage spä­ter, im Al­ter von 79 Jah­ren, an ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung starb. Er wur­de im Alex­an­der-New­ski-Klos­ter in St. Pe­ters­burg be­er­digt.

Erster Teil

Erstes Kapitel

In der Go­ro­cho­wa­ja­stra­ße, in ei­nem der großen Häu­ser, des­sen Be­völ­ke­rung für eine gan­ze Kreis­stadt aus­ge­reicht hät­te, lag des Mor­gens Ilja Il­jitsch Oblo­mow in sei­ner Woh­nung auf dem Sofa. Er war ein etwa zwei­und­drei­ßig­jäh­ri­ger Mann von mitt­le­rem Wuchs und an­ge­neh­mem Äu­ßern, mit dun­kel­grau­en Au­gen, die über Wand und Zim­mer­de­cke sorg­los streif­ten und je­nes un­be­stimm­te Sin­nen aus­drück­ten, wel­ches dar­auf hin­wies, dass ihn nichts be­schäf­tig­te und nichts be­un­ru­hig­te. Die Sorg­lo­sig­keit ging vom Ge­sicht auf die Stel­lung des gan­zen Kör­pers und selbst auf die Schlafrock­fal­ten über. Manch­mal trüb­te sich sein Blick durch einen An­flug von Mü­dig­keit oder Lan­ge­wei­le. Aber we­der die Mü­dig­keit noch die Lan­ge­wei­le konn­te von sei­nem Ge­sicht auch nur für einen Au­gen­blick die Weich­heit ver­trei­ben, die der herr­schen­de und grund­le­gen­de Aus­druck nicht nur sei­nes Ge­sich­tes, son­dern sei­ner gan­zen See­le war. Die­se See­le leuch­te­te hell aus den Au­gen, dem Lä­cheln und ei­ner je­den Kopf- und Hand­be­we­gung. Ein flüch­tig be­ob­ach­ten­der, teil­nahms­lo­ser Mensch wür­de Oblo­mow nur im Vor­über­ge­hen an­bli­cken und sa­gen: »Das ist ge­wiss ein gu­ter, ein­fa­cher Kerl!« Ein tiefe­rer und teil­neh­men­de­rer Mensch wür­de sein Ge­sicht lan­ge be­trach­ten und dann lä­chelnd, in an­ge­neh­mes Sin­nen ver­tieft, wei­ter­ge­hen.

Ilja Il­jitschs Ge­sichts­far­be war we­der rot noch dun­kel, noch aus­ge­spro­chen blass, son­dern un­be­stimmt, und sie er­schi­en viel­leicht des­we­gen so, weil Oblo­mow, gar nicht im Ver­hält­nis zu sei­nem Al­ter, auf­ge­dun­sen war: sei es aus Man­gel an Be­we­gung oder an Luft oder viel­leicht an bei­dem. Über­haupt er­schi­en sein Kör­per, nach der mat­ten, zu wei­ßen Fär­bung des Hal­ses, den klei­nen wei­chen Hän­den und den schlaf­fen Schul­tern zu ur­tei­len, für einen Mann zu sehr ver­zär­telt. Sei­ne Be­we­gun­gen wur­den, selbst wenn er er­regt war, durch eine ge­wis­se Sanft­heit und eine der Gra­zie nicht ent­beh­ren­de Träg­heit ge­dämpft. Wenn ihm eine Sor­gen­wol­ke aus der See­le aufs Ant­litz glitt, um­zog sich sein Blick, auf der Stirn er­schie­nen Fal­ten, und es be­gann ein Spiel des Zwei­fels, der Trau­er, des Schre­ckens; doch die­se Un­ru­he er­starr­te sel­ten in der Form ei­ner be­stimm­ten Idee und ver­wan­del­te sich noch sel­te­ner in ein Vor­ha­ben. Die gan­ze Er­re­gung lös­te sich in einen Seuf­zer auf und erstarb in Teil­nahms­lo­sig­keit und Hin­däm­mern.

Wie gut pass­te Oblo­mows Hau­s­an­zug zu sei­nen ru­hi­gen Ge­sichts­zü­gen und sei­nem ver­zär­tel­ten Kör­per! Er trug einen Schlaf­rock aus per­si­schem Stoff, einen ech­ten mor­gen­län­di­schen Schlaf­rock – ohne die ge­rings­te An­leh­nung an Eu­ro­pa, ohne Quas­ten, ohne Samt, ohne Tail­le –, der so weit war, dass Oblo­mow sich zwei­mal hin­ein­wi­ckeln konn­te. Nach der un­ver­än­der­li­chen asia­ti­schen Mode er­wei­ter­ten sich die Är­mel von den Fin­gern zur Schul­ter im­mer mehr und mehr. Ob­wohl die­ser Schlaf­rock sei­ne ur­sprüng­li­che Fri­sche ein­ge­büßt hat­te und sei­nen frü­he­ren, na­tür­li­chen Glanz stel­len­wei­se durch einen er­wor­be­nen er­setzt hat­te, wa­ren ihm doch noch die Leb­haf­tig­keit der mor­gen­län­di­schen Far­be und die Dau­er­haf­tig­keit des Ge­we­bes ge­blie­ben.

Der Schlaf­rock hat­te in Oblo­mows Au­gen eine Men­ge un­schätz­ba­rer Ei­gen­schaf­ten: Er war weich und schmieg­sam; man fühl­te ihn kaum auf sich; er pass­te sich, gleich ei­nem ge­hor­sa­men Skla­ven, den ge­rings­ten Be­we­gun­gen des Kör­pers an.

Oblo­mow ging zu Hau­se im­mer ohne Kra­wat­te und ohne Wes­te her­um; denn er lieb­te die Be­quem­lich­keit und Frei­heit. Er trug lan­ge, wei­che und brei­te Pan­tof­feln; wenn er sei­ne Füße vom Bett auf den Fuß­bo­den her­ab­glei­ten ließ, schlüpf­te er ohne hin­zu­bli­cken mit un­fehl­ba­rer Si­cher­heit in bei­de Pan­tof­feln auf ein­mal.

Das Lie­gen war für Ilja Il­jitsch we­der eine Not­wen­dig­keit, wie für einen Kran­ken oder einen Schläf­ri­gen, noch eine Zu­fäl­lig­keit, wie für einen Er­mü­de­ten, noch ein Ver­gnü­gen, wie für einen Fau­len: es war sein nor­ma­ler Zu­stand. Wenn er zu Hau­se war – und er war fast im­mer zu Hau­se –, lag er stets in dem Raum, in wel­chem wir ihn an­ge­trof­fen ha­ben und der ihm als Schlaf-, Ar­beits- und Empfangs­zim­mer diente. Er be­saß noch drei Zim­mer; doch er blick­te sel­ten hin­ein, höchs­tens des Mor­gens – aber auch nicht je­den Tag –, wenn sein Die­ner das Ar­beits­zim­mer feg­te, was nicht täg­lich ge­sch­ah. In je­nen Zim­mern steck­ten die Mö­bel in Über­zü­gen, und die Sto­ren wa­ren her­ab­ge­las­sen. Das Zim­mer, in wel­chem Ilja Il­jitsch lag, er­schi­en auf den ers­ten Blick sehr schön ein­ge­rich­tet. Es stan­den dar­in zwei mit Sei­de über­zo­ge­ne So­fas, ein Se­kre­tär aus Ma­ha­go­ni­holz und ein schö­ner Wand­schirm mit ge­stick­ten, in der Na­tur nir­gends vor­kom­men­den Vö­geln und Früch­ten. Auch gab es dar­in sei­de­ne Vor­hän­ge, Tep­pi­che, ein paar Bil­der, Bron­zen, Por­zel­lan und eine Men­ge hüb­scher Klei­nig­kei­ten. Doch hät­te das er­fah­re­ne Auge ei­nes Men­schen von Ge­schmack auf den ers­ten flüch­ti­gen Blick aus al­le­dem nur den Wunsch her­aus­ge­le­sen, den un­ver­meid­li­chen An­stand, so gut es eben ging, zu wah­ren. Oblo­mow war bei der Ein­rich­tung sei­nes Ar­beits­zim­mers si­cher­lich nur von die­ser Ab­sicht ge­lei­tet wor­den. Ein ver­fei­ner­ter Ge­schmack hät­te sich nicht mit sol­chen schwe­ren, un­gra­zi­ösen Ma­ha­go­ni­ses­seln und wack­li­gen Eta­ge­ren be­gnügt. Die Leh­ne des einen So­fas hat­te sich ge­senkt, und das auf­ge­kleb­te Holz stand stel­len­wei­se da­von ab.

Die Bil­der, Va­sen und Klei­nig­kei­ten tru­gen den­sel­ben Cha­rak­ter.

Doch der Ei­gen­tü­mer selbst be­trach­te­te die Ein­rich­tung sei­nes Ar­beits­zim­mers so kalt und zer­streut, als frag­te er mit den Au­gen: »Wer hat das al­les her­ge­schleppt und hin­ein­ge­stellt?« Auf die­ses küh­le Ver­hal­ten Oblo­mows sei­nem Ei­gen­tum ge­gen­über und viel­leicht auch auf das noch küh­le­re Ver­hal­ten sei­nes Die­ners Sachar dem­sel­ben Ge­gen­stand ge­gen­über war es zu­rück­zu­füh­ren, dass der Zu­stand des Ar­beits­zim­mers bei ge­naue­rer Un­ter­su­chung durch die dar­in herr­schen­de Nach­läs­sig­keit und Ver­wahr­lo­sung ver­blüff­te. Auf den Wän­den, bei den Bil­dern hing stau­bi­ges Spinn­ge­we­be in Form von Ge­win­den; statt die Ge­gen­stän­de wie­der­zu­ge­ben, moch­ten die Spie­gel eher als Ta­feln die­nen, auf de­ren Staub man ir­gend­wel­che No­ti­zen auf­zeich­nen konn­te. Die Tep­pi­che wa­ren fle­ckig. Auf dem Sofa lag ein ver­ges­se­nes Hand­tuch; es kam sel­ten vor, dass auf dem Tisch nicht ein Tel­ler mit ei­nem Salz­fas­se und ei­nem ab­ge­nag­ten Kno­chen von dem letz­ten Abend­brot zu­rück­ge­blie­ben war und kei­ne Brot­kru­men her­um­la­gen. Wäre die­ser Tel­ler und die am Bett leh­nen­de, so­eben zu Ende ge­rauch­te Pfei­fe oder de­ren im Bett lie­gen­der Ei­gen­tü­mer nicht ge­we­sen, so konn­te man glau­ben, es woh­ne hier nie­mand – so ver­staubt, ver­bli­chen und über­haupt so ohne jede le­ben­di­ge Spur ei­ner mensch­li­chen An­we­sen­heit war al­les. Auf den Eta­ge­ren la­gen zwar zwei, drei auf­ge­schla­ge­ne Bü­cher, hier trieb sich eine Zei­tung her­um, und dort auf dem Se­kre­tär stand auch ein Tin­ten­fass mit Fe­dern; aber die ge­öff­ne­ten Sei­ten der Bü­cher wa­ren stau­big und ver­gilbt; man sah, dass sie schon lan­ge fort­ge­wor­fen wa­ren; die Zei­tung wies ein vor­jäh­ri­ges Da­tum auf, und wenn man die Fe­der ins Tin­ten­fass ge­steckt hät­te, so wä­ren höchs­tens er­schro­cke­ne, sum­men­de Flie­gen her­aus­ge­schwirrt.

Ilja Il­jitsch wach­te ge­gen sei­ne Ge­wohn­heit sehr früh, um acht Uhr, auf. Er war durch ir­gend et­was sehr in An­spruch ge­nom­men. Auf sei­nem Ge­sicht drück­ten sich ab­wech­selnd bald Angst, bald Trau­rig­keit, bald Är­ger aus. Man sah, dass in sei­nem In­nern sich ein Kampf ab­spiel­te und dass der Ver­stand ihm noch nicht zu Hil­fe ge­kom­men war.

Oblo­mow hat­te näm­lich am vor­her­ge­hen­den Tage einen un­an­ge­neh­men Brief von sei­nem Dorf­schul­zen er­hal­ten. Man kann sich den­ken, von was für Unan­nehm­lich­kei­ten ein Dorf­schul­ze schrei­ben kann: von Mis­sern­te, Zah­lungs­rück­stän­den, Ver­rin­ge­run­gen der Ein­nah­men usw. Ob­wohl der Dorf­schul­ze im vo­ri­gen und vor­vo­ri­gen Jah­re sei­nem Herrn ge­nau eben­sol­che Brie­fe ge­schrie­ben hat­te, wirk­te die­ser letz­te Brief eben­so stark wie jede un­an­ge­neh­me Über­ra­schung.

War es denn auch et­was Leich­tes? Galt es doch, über die Wege zur An­wen­dung ir­gend­wel­cher Maß­re­geln nach­zu­den­ken. Üb­ri­gens muss man der Auf­merk­sam­keit, die Ilja Il­jitsch sei­nen Ge­schäf­ten ent­ge­gen­brach­te, Ge­rech­tig­keit wi­der­fah­ren las­sen. Er hat­te un­mit­tel­bar nach dem ers­ten un­an­ge­neh­men Brief sei­nes Dorf­schul­zen vor ein paar Jah­ren da­mit be­gon­nen, im Geis­te den Plan ver­schie­de­ner Än­de­run­gen und Ver­bes­se­run­gen in der Ver­wal­tung sei­nes Gu­tes aus­zu­ar­bei­ten. In die­sem Pla­ne wur­den ver­schie­de­ne neue öko­no­mi­sche, po­li­zei­li­che und noch an­de­re Maß­re­geln in Aus­sicht ge­stellt. Doch der Plan war noch lan­ge nicht ganz aus­ge­ar­bei­tet, und die un­an­ge­neh­men Brie­fe des Dorf­schul­zen wie­der­hol­ten sich all­jähr­lich, trie­ben ihn zur Tä­tig­keit an und stör­ten folg­lich sei­ne Ruhe. Oblo­mow er­kann­te die Not­wen­dig­keit, et­was Ent­schei­den­des zu be­gin­nen.

Er hat­te sich gleich beim Er­wa­chen vor­ge­nom­men, auf­zu­ste­hen, sich zu wa­schen und, nach­dem er Tee ge­trun­ken ha­ben wür­de, gründ­lich nach­zu­den­ken, man­ches in Er­wä­gung zu zie­hen, zu no­tie­ren, sich über­haupt der Sa­che ganz zu wid­men. Er lag eine hal­be Stun­de lang da und quäl­te sich mit die­sem Vor­sat­ze ab; doch dann über­leg­te er sich, dass er dies al­les auch nach dem Früh­stück tun konn­te und dass er den Tee, wie im­mer, lie­gend trin­ken könn­te, umso mehr, als die­se Stel­lung zum Nach­den­ken nicht min­der ge­eig­net war. So tat er denn auch. Nach dem Tee aber rich­te­te er sich auf sei­nem La­ger auf und wäre bei­na­he auf­ge­stan­den; ja, er hat­te so­gar be­gon­nen, auf die Pan­tof­feln bli­ckend, den einen Fuß vom Bet­te zu ih­nen hin­ab­glei­ten zu las­sen; doch gleich dar­auf zog er ihn wie­der zu­rück.

Es schlug halb zehn, Ilja Il­jitsch raff­te sich auf.

»Was soll denn das, wahr­haf­tig!« sag­te er laut und är­ger­lich. »Man muss doch ein Ge­wis­sen ha­ben; es ist Zeit, mit der Ar­beit zu be­gin­nen! Wenn man sich ge­hen lässt, so…«

»Sachar!« rief er.

In dem Zim­mer, das nur durch einen klei­nen Kor­ri­dor von Ilja Il­jitschs Ar­beits­zim­mer ge­trennt war, hör­te man zu­erst et­was wie das Brum­men ei­nes Ket­ten­hun­des und dann das Geräusch von ir­gend­wo her­ab­sprin­gen­der Füße. Das war Sachar, der von der Ofen­bank her­ab­sprang, auf wel­cher er ge­wöhn­lich sei­ne Zeit, vor sich hin­dö­send, ver­brach­te.

Ins Zim­mer trat ein äl­te­rer Mann in ei­nem grau­en Rock, mit ei­nem Loch un­ter dem Arm und ei­nem dar­aus her­vor­schau­en­den Hemd­zip­fel, in ei­ner grau­en Wes­te mit Mes­sing­knöp­fen, mit ei­nem Schä­del, nackt wie ein Knie, und ei­nem brei­ten, dich­ten, dun­kel­blond und grau me­lier­ten Ba­cken­bart, des­sen jede Hälf­te für drei Bär­te aus­ge­reicht ha­ben wür­de.

Sachar mach­te kei­ne Ver­su­che, das ihm von Gott ver­lie­he­ne Äu­ße­re, auch die von ihm im Dorf ge­tra­ge­ne Klei­dung zu än­dern. Sei­ne An­zü­ge wur­den ihm nach dem Mo­dell, das er sich aus dem Dor­fe mit­ge­bracht hat­te, ge­näht. Der graue Rock und die Wes­te ge­fie­len ihm auch dar­um, weil er in die­ser halb­mi­li­tä­ri­schen Klei­dung eine schwa­che Erin­ne­rung an die Li­vree sah, die er einst trug, als er die ver­stor­be­nen Herr­schaf­ten in die Kir­che oder bei Vi­si­ten be­glei­te­te; die Li­vree aber war in sei­ner Erin­ne­rung das ein­zi­ge Sym­bol der Wür­de des Hau­ses Oblo­mow. Nichts sonst er­in­ner­te den Al­ten mehr an das woh­li­ge, ru­hi­ge, herr­schaft­li­che Le­ben im ent­le­ge­nen Dor­fe. Die al­ten Herr­schaf­ten wa­ren ge­stor­ben, die Fa­mi­li­en­por­träts wa­ren zu Hau­se ge­blie­ben und la­gen wohl ir­gend­wo auf dem Dach­bo­den her­um; die Über­lie­fe­rung von der al­ten Le­bens­wei­se und der Vor­nehm­heit der Fa­mi­lie ver­schwand mit der Zeit oder leb­te nur in der Erin­ne­rung we­ni­ger im Dor­fe zu­rück­ge­blie­be­ner Grei­se. Da­rum war der graue Rock Sachar so teu­er; dar­in, wie auch in ei­ni­gen im Ge­sich­te und in den Ma­nie­ren des Herrn er­hal­te­nen Merk­ma­len, die an sei­ne El­tern er­in­ner­ten, und in sei­nen Lau­nen, über die er zwar im Geis­te und laut brumm­te, die er aber in sei­nem In­nern als die Äu­ße­rung des herr­schaft­li­chen Wil­lens und Rech­tes ach­te­te, sah er schwa­che Über­res­te der da­hin­ge­schwun­de­nen Ma­je­stät. Ohne die­se Lau­nen fühl­te er kei­nen Herrn über sich; ohne sie mach­te nichts sei­ne Ju­gend, das Dorf, das sie längst ver­las­sen hat­ten, und die Er­zäh­lun­gen über die­se alte Fa­mi­lie auf­er­ste­hen. Das Haus Oblo­mow war einst reich und in sei­ner Hei­mat be­rühmt ge­we­sen; doch dann ver­arm­te es, Gott weiß wes­halb, ver­küm­mer­te und ver­lor sich end­lich un­merk­lich un­ter den jün­ge­ren Adels­ge­schlech­tern. Nur die er­grau­ten Die­ner des Hau­ses ver­wahr­ten und über­ga­ben ein­an­der das treue An­ge­den­ken an die Ver­gan­gen­heit, das sie wie ein Hei­lig­tum hoch­hiel­ten. – Da­rum lieb­te Sachar so sei­nen grau­en Rock. Vi­el­leicht war ihm auch sein Ba­cken­bart dar­um so teu­er, weil er in sei­ner Kind­heit vie­le alte Die­ner mit die­ser al­ter­tüm­li­chen, ari­sto­kra­ti­schen Bart­tracht ge­se­hen hat­te.

In sei­ne Ge­dan­ken ver­sun­ken, be­merk­te Ilja Il­jitsch Sachar lan­ge Zeit nicht. Sachar stand schwei­gend vor ihm. End­lich räus­per­te er sich.

»Was hast du?« frag­te Ilja Il­jitsch.

»Sie ha­ben mich doch ge­ru­fen!«

»Ich habe dich ge­ru­fen? Wa­rum habe ich dich denn ge­ru­fen – ich weiß es nicht mehr!« ant­wor­te­te er und streck­te sich. – »Geh vor­läu­fig in dein Zim­mer, ich wer­de mich schon er­in­nern.«

Sachar ging, und Ilja Il­jitsch blieb lie­gen und dach­te wie­der über den ver­fluch­ten Brief nach.

Es ver­ging eine Vier­tel­stun­de.

»Nun ist ge­nug ge­le­gen«, sag­te er; »es muss auf­ge­stan­den wer­den… Ich wer­de also den Brief des Dorf­schul­zen noch ein­mal auf­merk­sam durch­le­sen und dann auf­ste­hen. Sachar!«

Wie­der der­sel­be Sprung und ein hef­ti­ge­res Brum­men. Sachar kam her­ein, und Oblo­mow ver­senk­te sich wie­der in sei­ne Ge­dan­ken. Sachar blieb etwa zwei Mi­nu­ten ste­hen, in­dem er den Herrn un­gnä­dig ein we­nig von der Sei­te an­blick­te, und trat end­lich zur Türe.

»Wo­hin denn?« frag­te plötz­lich Oblo­mow.

»Sie sa­gen mir nichts, warum soll ich denn un­nütz da­ste­hen?« krächz­te Sachar in Er­man­ge­lung ei­ner an­de­ren Stim­me, die er, wie er sag­te, als er mit dem al­ten Herrn auf die Jagd fuhr und ihm ein hef­ti­ger Wind in den Hals blies, ver­lo­ren hat­te. Er stand halb ab­ge­wen­det in der Mit­te des Zim­mers und blick­te Oblo­mow im­mer noch von der Sei­te an.

»Fal­len dir denn dei­ne Füße ab, wenn du ste­hen­bleibst? Du siehst, ich habe Sor­gen – war­te also! Hast du etwa zu we­nig ge­le­gen? Su­che den Brief, den ich ges­tern vom Dorf­schul­zen be­kom­men habe. Wo hast du ihn hin­ge­tan?«

»Was für einen Brief? Ich habe kei­nen Brief ge­se­hen«, sag­te Sachar.

»Du hast ihn ja selbst dem Brief­trä­ger ab­ge­nom­men, es war ein ganz schmut­zi­ger Brief.«

»Wo­her soll ich wis­sen, wo Sie ihn hin­ge­legt ha­ben?« sprach Sachar, über die Pa­pie­re und die ver­schie­de­nen auf dem Ti­sche lie­gen­den Sa­chen mit der Hand fah­rend.

»Du weißt nie et­was. Schau dort im Korb nach! Oder ist er viel­leicht hin­ter das Sofa ge­fal­len? Die Leh­ne da am Sofa ist noch im­mer nicht re­pa­riert; warum holst du nicht den Tisch­ler und lässt es ma­chen? Du hast sie zer­bro­chen.«

»Ich hab’ sie nicht zer­bro­chen«, ant­wor­te­te Sachar; »sie ist von selbst zer­bro­chen; sie kann nicht ewig hal­ten, sie muss auch ein­mal zer­bre­chen.«

Ilja Il­jitsch hielt es nicht für not­wen­dig, das Ge­gen­teil zu be­wei­sen.

»Hast du ihn schon ge­fun­den?« frag­te er nur.

»Hier sind Brie­fe.«

»Das sind an­de­re.«

»Dann gib­t’s kei­ne mehr«, ant­wor­te­te Sachar.

»Also gut, geh!« sag­te Ilja Il­jitsch un­ge­dul­dig; »ich wer­de auf­ste­hen und ihn selbst su­chen.«

Sachar ging in sein Zim­mer; doch in dem Au­gen­blick, da er sich mit den Hän­den ge­gen die Ofen­bank stemm­te, um hin­auf­zu­sprin­gen, hör­te er wie­der die ei­li­gen Rufe: »Sachar! Sachar!«

»Ach du mein Gott!« brumm­te Sachar, sich wie­der ins Ar­beits­zim­mer be­ge­bend; »was das für eine Qual ist! Wenn doch mein Tod bald käme!«

»Was wol­len Sie?« sag­te er, sich mit der einen Hand an der Zim­mer­tür hal­tend, und blick­te Oblo­mow zum Zei­chen sei­ner Un­gna­de so sehr von der Sei­te an, dass er ihn nur mit dem hal­b­en Auge zu se­hen be­kam, wäh­rend sein Herr schon die eine un­ge­heu­re Ba­cken­bart­hälf­te sah, wel­che er­war­ten ließ, es wür­den zwei, drei Vö­gel aus ihr her­aus­flie­gen.

»Das Ta­schen­tuch, ge­schwind! Das könn­test du auch selbst wis­sen; hast du denn kei­ne Au­gen!« be­merk­te Ilja Il­jitsch streng.

Sachar äu­ßer­te kei­ne be­son­de­re Un­zu­frie­den­heit oder Ver­wun­de­rung bei die­sem Be­fehl und Vor­wurf des Herrn, da er wohl von sei­nem Stand­punk­te aus bei­des sehr na­tür­lich fand.

»Wer weiß, wo das Ta­schen­tuch ist!« brumm­te er, in­dem er eine Run­de durch das Zim­mer mach­te und je­den Stuhl be­tas­te­te, ob­gleich man auch so se­hen konn­te, dass auf den Stüh­len nichts lag.

»Sie ver­lie­ren al­les!« be­merk­te er, die Tür in den Sa­lon öff­nend, um nach­zu­se­hen, ob das Ge­such­te sich nicht dort be­fand.

»Wo­hin? Su­che hier; ich war seit vor­ges­tern nicht drin. So be­ei­le dich doch!« sag­te Ilja Il­jitsch.

»Wo ist das Ta­schen­tuch?« »Das Ta­schen­tuch ist nicht da!« er­wi­der­te Sachar ach­sel­zu­ckend und in alle Win­kel bli­ckend. »Da ist es ja«, krächz­te er plötz­lich zor­nig; »un­ter Ih­nen! Da schaut ein Zip­fel her­aus. Sie lie­gen selbst auf dem Ta­schen­tuch und fra­gen da­nach!«

Und Sachar wand­te sich, ohne eine Ant­wort ab­zu­war­ten, der Tür zu. Oblo­mow war ein we­nig ver­le­gen ge­wor­den. Er fand schnell einen neu­en Vor­wand, Sachar im Un­recht er­schei­nen zu las­sen.

»Wie rein du hier al­les hältst! Mein Gott, wie schmut­zig und stau­big es ist! Da, da, schau mal in die Ecken hin­ein – du tust gar nichts!«

»Ich tu’ nichts…« be­gann Sachar mit ge­kränk­ter Stim­me, »ich gebe mir so viel Mühe, mir ist es um mein Le­ben nicht zu scha­de, ich stau­be ab und fege fast je­den Tag…«

Er zeig­te auf die Mit­te des Fuß­bo­dens und auf den Tisch hin, an dem Oblo­mow zu Mit­tag aß.

»Da, da«, sag­te er. »Al­les ist aus­ge­fegt und zu­sam­men­ge­räumt, wie zu ei­ner Hoch­zeit… Was wol­len Sie noch?«

»Und was ist das?« un­ter­brach ihn Ilja Il­jitsch, auf die Wän­de und an den Pla­fond zei­gend, »und das? Und das?«

Er wies auf das seit ges­tern her­um­lie­gen­de Hand­tuch und auf den auf dem Tisch ver­ges­se­nen Tel­ler, wor­auf eine Brot­schnit­te lag.

»Nun gut, das wer­de ich ab­räu­men«, sag­te Sachar her­ab­las­send und nahm den Tel­ler.

»Nur das! Und der Staub an den Wän­den und das Spinn­ge­we­be?« frag­te Oblo­mow.

»Das räu­me ich zu Os­tern zu­sam­men; dann put­ze ich die Hei­li­gen­bil­der und neh­me das Spinn­ge­we­be her­ab…«

»Und wann staubst du die Bü­cher und die an­de­ren Bil­der ab?…«

»Das ma­che ich vor Weih­nach­ten: dann schaue ich mit Aniss­ja alle Schrän­ke durch. Wann soll ich denn jetzt zu­sam­men­räu­men? Sie sit­zen doch im­mer zu Hau­se.«

»Ich gehe manch­mal ins Thea­ter und auf Be­such; dann…«

»Wie kann man denn bei Nacht zu­sam­men­räu­men!«

Oblo­mow blick­te ihn vor­wurfs­voll an, schüt­tel­te den Kopf und seufz­te, wäh­rend Sachar gleich­gül­tig durch das Fens­ter blick­te und gleich­falls seufz­te. Der Herr schi­en zu den­ken: Bru­der, in dir steckt ja noch mehr von ei­nem Oblo­mow als in mir selbst, und Sachar dach­te fast: du lügst! Du kannst hoch­tra­ben­de und rüh­ren­de Wor­te sa­gen; aber der Staub und das Spinn­ge­we­be küm­mern dich im Grun­de gar nicht.

»Ver­stehst du«, sag­te Ilja Il­jitsch, »dass durch den Staub Mot­ten ent­ste­hen? Ich sehe manch­mal so­gar eine Wan­ze an der Wand!«

»Ich habe auch Flö­he!« er­wi­der­te Sachar gleich­gül­tig.

»Ist denn das schön? Das ist ja Schmutz!«

Sachar schmun­zel­te über das gan­ze Ge­sicht, so­dass das Grin­sen selbst die Brau­en und den Ba­cken­bart er­fass­te, der sich seit­wärts aus­ein­an­der­schob, und ein ro­ter Fleck sich über das gan­ze Ge­sicht vom Hals bis auf die Stirn hin­auf aus­dehn­te.

»Ist es denn mei­ne Schuld, dass es auf der Welt Wan­zen gibt?« sag­te er mit nai­vem Er­stau­nen; »hab’ denn ich sie aus­ge­dacht?«

»Das kommt durch die Un­rein­lich­keit«, un­ter­brach ihn Oblo­mow. »Was denkst du dir nur im­mer aus?«

»Ich habe auch die Un­rein­lich­keit nicht aus­ge­dacht.«

»Bei dir lau­fen in der Nacht Mäu­se her­um, ich höre es.«

»Ich habe auch die Mäu­se nicht aus­ge­dacht. Sol­che Ge­schöp­fe, wie Mäu­se, Kat­zen und Wan­zen, gibt es über­all viel.«

»Wa­rum gibt es denn bei an­de­ren Leu­ten we­der Mot­ten noch Wan­zen?«

Sachars Ge­sicht drück­te Ungläu­big­keit oder bes­ser ge­sagt ru­hi­ge Zu­ver­sicht aus, dass so et­was nicht vor­kom­men kön­ne.

»Bei mir gib­t’s im­mer viel da­von«, sag­te er ei­gen­sin­nig, »man kann nicht auf jede Wan­ze auf­pas­sen, man kann ihr in ihre Rit­ze nicht nach­krie­chen.«

Und da­bei dach­te er wohl im stil­len: Was wäre das auch für ein Schla­fen ohne Wan­zen?

»Fege aus, nimm den Mist aus den Win­keln her aus, dann wird nichts da sein«, be­lehr­te ihn Oblo­mow.

»Man räumt auf, und mor­gen ist al­les wie­der voll«, sag­te Sachar.

»Es wird nicht voll sein«, un­ter­brach ihn der Herr, »das darf nicht sein.«

»Es wird voll sein, ich weiß es«, gab der Die­ner nicht nach.

»Und wenn es so ist, dann fege wie­der aus!«

»Was? Ich soll je­den Tag in alle Win­kel hin­ein­schau­en?« frag­te Sachar, »was ist denn das für ein Le­ben? Dann soll Gott lie­ber mei­ne See­le ho­len!«

»Wa­rum ist denn bei an­de­ren Leu­ten rein?« ent­geg­ne­te Oblo­mow. »Schau mal zum Kla­vier­stim­mer vis-à-vis hin­über: Es ist eine Freu­de, das zu se­hen, und sie ha­ben nur ein ein­zi­ges Mäd­chen…«

»Und wo sol­len die­se Deut­schen auch Mist her­neh­men?« er­wi­der­te plötz­lich Sachar. »Schau­en Sie sich ein­mal an, wie sie le­ben! Die gan­ze Fa­mi­lie nagt die gan­ze Wo­che an ei­nem ein­zi­gen Kno­chen. Der Rock geht von der Schul­ter des Va­ters auf den Sohn über und vom Sohn wie­der auf den Va­ter. Die Frau und die Töch­ter tra­gen kur­ze Klei­der und ver­ste­cken im­mer ihre Füße wie die Gän­se… Wo sol­len sie den Mist her­neh­men? Bei ih­nen gib­t’s das nicht, dass gan­ze Hau­fen von ab­ge­tra­ge­nen al­ten Klei­dern jah­re­lang in den Schrän­ken lie­gen oder sich im Win­ter eine gan­ze Ecke von Bro­trin­den an­sam­melt wie bei uns. Sie las­sen nicht ein­mal eine Rin­de un­nütz her­um­lie­gen; sie ma­chen sich dar­aus Zwie­back und es­sen das zum Bier!«

Sachar spuck­te so­gar aus, wäh­rend er von ei­ner so knau­se­ri­gen Le­bens­wei­se sprach.

»Du brauchst mir gar nichts zu er­zäh­len!« ant­wor­te­te Ilja Il­jitsch, »räu­me lie­ber auf.«

»Ich wür­de ja manch­mal auf­räu­men; aber Sie las­sen es ja selbst nicht dazu kom­men«, sag­te Sachar.

»Jetzt fängst du wie­der da­mit an! Ich bin im­mer im Wege!«

»Na­tür­lich ist’s so; Sie sit­zen im­mer zu Hau­se; wie soll man da auf­räu­men? Ge­hen Sie den gan­zen Tag fort, dann räu­me ich auf.«

»Was du dir da aus­ge­dacht hast, ich soll fort­ge­hen! Geh du lie­ber in dein Zim­mer!«

»Nein, wirk­lich!«, Sachar gab nicht nach, »ge­hen Sie doch heu­te fort, dann wür­de ich mit Anis­ka al­les auf­räu­men. Wir wür­den aber auch zu zweit nicht fer­tig wer­den; man müss­te noch Frau­en da­zu­neh­men und al­les auf­wa­schen.«

»Aber, was das für Ein­fäl­le sind! Frau­en da­zu­neh­men! Geh in dein Zim­mer!« sag­te Ilja Il­jitsch.

Er be­reu­te schon, mit Sachar die­ses Ge­spräch an­ge­fan­gen zu ha­ben. Er ver­gaß im­mer, dass man bei der ge­rings­ten Berüh­rung die­ses zar­ten Ge­gen­stan­des in end­lo­se Sche­re­rei­en hin­ein­ge­riet. Oblo­mow war ja für die Rein­lich­keit; doch er wünsch­te, dass es un­merk­lich, von selbst ge­sche­hen sol­le; Sachar fing aber im­mer eine lan­ge Dis­kus­si­on an, so­bald man von ihm ver­lang­te, er sol­le den Staub aus­fe­gen und die Fuß­bö­den wa­schen und so wei­ter. Er be­wies in sol­chen Fäl­len die Not­wen­dig­keit ei­nes großen Rum­mels im Hau­se, da er sehr gut wuss­te, dass der blo­ße Ge­dan­ke dar­an sei­nem Herrn Ent­set­zen ver­ur­sach­te.

Sachar ging, und Oblo­mow ver­senk­te sich in sei­ne Ge­dan­ken. Nach ein paar Mi­nu­ten schlug es wie­der halb.

»Was ist das?« sag­te Ilja Il­jitsch er­schro­cken, »es ist gleich elf Uhr, und ich bin noch nicht auf­ge­stan­den und habe mich noch im­mer nicht ge­wa­schen? Sachar, Sachar!«

»Ach du mein Gott l Was denn!« tön­te es im Vor­zim­mer, und dann folg­te der be­kann­te Sprung.

»Ist al­les zum Wa­schen be­reit?« frag­te Oblo­mow.

»Schon längst!« ant­wor­te­te Sachar. »Wa­rum ste­hen Sie nicht auf?«

»Wa­rum sagst du denn nicht, dass al­les vor­be­rei­tet ist? Ich wäre schon längst auf­ge­stan­den. Geh, ich kom­me gleich nach. Ich habe zu tun, ich muss schrei­ben.«

Sachar ging hin­aus, kam aber nach ei­ner Wei­le mit ei­nem ganz be­schrie­be­nen und fet­ti­gen Heft und mit eben­sol­chen Pa­pier­fet­zen zu­rück.

»Da, wenn Sie schrei­ben wer­den, ha­ben Sie die Güte, bei der Ge­le­gen­heit auch die Rech­nun­gen durch­zu­se­hen; sie müs­sen be­zahlt wer­den.«

»Was für Rech­nun­gen? Was muss be­zahlt wer­den?« frag­te Ilja Il­jitsch un­zu­frie­den.

»Vom Flei­scher, vom Ge­mü­se­händ­ler, von der Wä­sche­rin, vom Bä­cker; alle bit­ten um Geld.«

»Man hat im­mer Geld­sor­gen!« brumm­te Ilja Il­jitsch.

»Wa­rum gibst du mir denn die Rech­nun­gen nicht all­mäh­lich, son­dern alle auf ein­mal?«

»Sie ha­ben mich ja im­mer da­mit fort­ge­jagt: Ich soll­te nur mor­gen kom­men…«

»Nun, und kann man es denn nicht auch jetzt auf mor­gen ver­schie­ben?«

»Nein! Sie be­ste­hen dar­auf und ge­ben nichts mehr auf Borg. Heu­te ist der Ers­te.«

»Ach!« sag­te Oblo­mow nie­der­ge­schla­gen, »neue Sor­gen! Nun, was stehst du da? Leg’s auf den Tisch. Ich wer­de gleich auf­ste­hen, mich wa­schen und sie durch­se­hen. Es ist also al­les zum Wa­schen vor­be­rei­tet?«

»Ja!«

»Nun, und jetz­t…«

Er be­gann sich äch­zend auf dem Bet­te auf­zu­rich­ten, um auf­zu­ste­hen.

»Ich habe ver­ges­sen, Ih­nen zu sa­gen«, be­gann Sachar, »vor­hin, als Sie noch ge­schla­fen ha­ben, hat der Ver­wal­ter den Haus­be­sor­ger ge­schickt. Er sagt, dass wir durch­aus aus­zie­hen müs­sen… Die Woh­nung ist ver­ge­ben.«

»Nun also! Wenn sie ver­ge­ben ist, wer­den wir na­tür­lich aus­zie­hen. Wa­rum lässt du mir kei­ne Ruhe? Du sprichst nun schon das drit­te Mal da­von.«

»Man lässt auch mir kei­ne Ruhe.«

»Sag, dass wir die Woh­nung räu­men wer­den.«

»Sie sa­gen, Sie ha­ben es schon vor ei­nem Mo­nat ver­spro­chen, räu­men aber noch im­mer nicht die Woh­nung; sie sa­gen: ›Wir wer­den es der Po­li­zei an­zei­gen.‹«

»Sol­len sie’s an­zei­gen!« sag­te Oblo­mow ent­schlos­sen; »wir räu­men die Woh­nung von selbst, wenn es wär­mer wird, so in drei Wo­chen.«

»Wie­so in drei Wo­chen! Der Ver­wal­ter sagt, dass in zwei Wo­chen die Ar­bei­ter kom­men und al­les nie­der­rei­ßen… Er sagt: ›Zie­hen Sie mor­gen aus oder über­mor­gen…‹«

»Aber das ist zu schnell, mor­gen! Was ih­nen al­les ein­fällt; viel­leicht wer­den sie es so­fort be­feh­len! Un­ter­steh dich nicht, mich an die Woh­nung zu er­in­nern. Ich hab’ es dir schon ein­mal ver­bo­ten, und du fängst wie­der an. Nimm dich in acht.«

»Was soll ich denn tun?« er­wi­der­te Sachar.

»Was du tun sollst? Sol­che Aus­re­den ge­brauchst du!« ant­wor­te­te Ilja Il­jitsch. »Das fragst du mich! Was geht das mich an? Komm mir nicht da­mit, son­dern rich­te al­les, wie du willst, so ein, dass wir nur nicht aus­zu­zie­hen brau­chen. Kannst du das denn nicht für dei­nen Herrn tun!«

»Wie soll ich’s denn ein­rich­ten, Vä­ter­chen, Ilja Il­jitsch?« be­gann Sachar mit sanf­te­rem Kräch­zen, »das Haus ge­hört ja nicht mir, wie soll­te man denn nicht aus ei­nem frem­den Hau­se aus­zie­hen, wenn man fort­ge­jagt wird? Wenn es mein Haus wäre, wür­de ich mit dem größ­ten Ver­gnü­gen…«

»Kann man sie denn nicht ir­gend­wie über­re­den? Du weist dar­auf hin, dass wir schon lan­ge hier woh­nen und pünkt­lich zah­len.«

»Das habe ich schon pro­biert«, sag­te Sachar.

»Was ha­ben sie denn geant­wor­tet?«

»Was sie geant­wor­tet ha­ben? Sie wie­der­ho­len im­mer das eine: ›Zie­hen Sie aus!‹ sa­gen sie, ›wir müs­sen die Woh­nung än­dern‹, sie wol­len aus der Dok­tor­woh­nung und aus die­ser da zur Hoch­zeit des Haus­herrn­soh­nes eine ein­zi­ge große Woh­nung ma­chen.«

»Ach du mein Gott!« sag­te Oblo­mow är­ger­lich, »es gibt sol­che Esel, wel­che hei­ra­ten!«

Er dreh­te sich auf den Rücken um.

»Sie soll­ten an den Haus­herrn schrei­ben, gnä­di­ger Herr«, sag­te Sachar, »dann wür­de er Sie viel­leicht in Ruhe las­sen und wür­de zu­erst jene Woh­nung nie­der­rei­ßen las­sen.«

Sachar zeig­te da­bei mit der Hand ir­gend­wo­hin nach rechts.

»Nun gut, wenn ich auf­ge­stan­den bin, wer­de ich schrei­ben… Geh in dein Zim­mer, ich wer­de dar­über nach­den­ken. Du kannst nichts über­neh­men«, füg­te er hin­zu. »Ich muss mich auch um die­ses ekel­haf­te Zeug selbst küm­mern!«

Sachar ging, und Oblo­mow be­gann nach­zu­den­ken.

Doch er war in Ver­le­gen­heit, wor­über er nach­den­ken soll­te: über den Brief des Dorf­schul­zen, über die Über­sied­lung in eine neue Woh­nung, oder soll­te er mit den Rech­nun­gen be­gin­nen? Der An­drang der Sor­gen mach­te ihn ver­wirrt, und er lag noch im­mer da, in­dem er sich von der einen Sei­te auf die an­de­re wälz­te. Man hör­te nur ab und zu un­zu­sam­men­hän­gen­de Aus­ru­fe: »Ach du mein Gott! Das Le­ben macht sich fühl­bar, es er­reicht einen über­all.«

Es ist un­be­stimm­bar, wie lan­ge er noch in die­ser Un­schlüs­sig­keit ver­harrt wäre; jetzt aber er­tön­te im Vor­zim­mer ein Läu­ten.

»Es kommt schon je­mand!« sag­te Oblo­mow, sich in den Schlaf­rock ein­wi­ckelnd, »und ich bin noch nicht auf­ge­stan­den. Das ist eine Schan­de! Wer kommt denn so früh?«

Und er blieb lie­gen und blick­te neu­gie­rig auf die Tür.

Zweites Kapitel

Es trat ein jun­ger, fünf­und­zwan­zig­jäh­ri­ger Mann her­ein, der von Ge­sund­heit strotz­te und la­chen­de Wan­gen, Lip­pen und Au­gen be­saß. Man wur­de nei­disch, wenn man ihn an­blick­te.

Er war ta­del­los fri­siert und ge­klei­det und blen­de­te durch die Fri­sche sei­nes Ge­sich­tes, sei­ner Wä­sche, sei­ner Hand­schu­he und sei­nes Frackes. Auf sei­ner Wes­te brei­te­te sich eine ele­gan­te Ket­te mit ei­ner Men­ge von win­zi­gen Ber­lo­cken aus. Er zog ein sehr fei­nes Ba­tist­tuch her­vor, at­me­te die mor­gen­län­di­schen Wohl­ge­rü­che ein, fuhr sich dann da­mit nach­läs­sig über das Ge­sicht, über den glän­zen­den Hut und staub­te sich die Lackstie­fel ab.

»Ah, gu­ten Tag, Wol­kow!« rief Ilja Il­jitsch aus.

»Gu­ten Tag, Oblo­mow«, sag­te der strah­len­de Herr, sich ihm nä­hernd.

»Nicht so nah, nicht so nah! Sie kom­men aus der Käl­te!« sag­te die­ser.

»Oh, Sie ver­zär­tel­ter Sy­ba­rit!« er­wi­der­te Wol­kow und sah sich um, wo er sei­nen Hut hin­le­gen konn­te; da er aber über­all Staub sah, leg­te er ihn nir­gends­hin; dann hob er sei­ne Frack­schö­ße auf, um sich hin­zu­set­zen; nach­dem er aber den Ses­sel auf­merk­sam be­trach­tet hat­te, blieb er ste­hen.

»Sie sind noch nicht auf­ge­stan­den! Was tra­gen Sie da für einen Mor­ge­n­an­zug? Man trägt sol­che schon längst nicht mehr«, be­schäm­te er Oblo­mow.

»Das ist kein Mor­ge­n­an­zug, das ist ein Schlaf­rock«, sag­te Oblo­mow, sich lie­be­voll hin­ein­wi­ckelnd.

»Füh­len Sie sich nicht wohl?« frag­te Wol­kow.

»Gar nicht!« ant­wor­te­te Oblo­mow gäh­nend, »es geht mir schlecht: mei­ne Kon­ge­s­tio­nen quä­len mich so. Und wie geht es Ih­nen?«

»Mir? Ich kann nicht kla­gen: Ich bin ge­sund und lus­tig!« füg­te der jun­ge Mann mit Be­to­nung hin­zu.

»Wo­her kom­men Sie so früh?« frag­te Oblo­mow.

»Vom Schnei­der. Schau­en Sie mich an, ob der Frack gut sitzt?« sag­te er, sich vor Oblo­mow hin und her wen­dend.

»Aus­ge­zeich­net! Er ist sehr ge­schmack­voll ge­näht«, sag­te Ilja Il­jitsch, »aber warum ist er rück­wärts so breit?«

»Das ist ein Reit­frack: zum Aus­rei­ten.«

»Rei­ten Sie denn?«

»Aber ge­wiss! Ich habe mir den Frack ex­tra für den heu­ti­gen Tag be­stellt. Heu­te ist ja der ers­te Mai: ich rei­te mit Gor­ju­now nach Je­ka­te­rin­hof. Ach! Sie wis­sen nicht? Man hat Mi­scha Gor­ju­now im Rang be­för­dert, dar­um fei­ern wir heu­te«, füg­te Wol­kow ent­zückt hin­zu.

»So!« sag­te Oblo­mow.

»Er hat einen Fuchs«, fuhr Wol­kow fort, »sie ha­ben in ih­rem Re­gi­ment Füch­se, ich aber habe einen Rap­pen. Wie kom­men Sie: zu Fuß oder im Wa­gen?«

»Über­haupt nicht.«

»Am ers­ten Mai nicht in Je­ka­te­rin­hof sein! Aber Ilja Il­jitsch. Dort wer­den ja alle sein!«

»Wie­so alle! Doch nicht alle!« be­merk­te Oblo­mow trä­ge.

»Kom­men Sie, lie­ber Ilja Il­jitsch! Sof­ja Ni­ko­la­jew­na wird nur mit Ly­dia im Wa­gen sein, vis-à-vis ist aber noch eine Bank, Sie könn­ten also mit­kom­men…«

»Nein, ich habe auf der Bank kei­nen Platz. Und was soll ich dort an­fan­gen?«

»Nun, dann gibt Ih­nen Mi­scha ein zwei­tes Pferd!«

»Gott weiß, was er sich aus­denkt!« sag­te Oblo­mow fast flüs­ternd. »Was ha­ben Sie denn mit den Gor­ju­nows?«

»Ach!« rief Wol­kow er­rö­tend aus; »soll ich’s sa­gen?«

»Sa­gen Sie’s!«

»Wer­den Sie das nie­mand er­zäh­len, Ihr Ehren­wort?« sprach Wol­kow wei­ter, sich zu ihm aufs Sofa set­zend.

»Gut.«

»Ich… bin in Ly­dia ver­liebt«, flüs­ter­te er.

»Bra­vo! Schon lan­ge? Ich glau­be, sie ist sehr nett.«

»Schon drei Wo­chen!« sag­te Wol­kow tief seuf­zend. »Und Mi­scha ist in Da­schen­j­ka ver­liebt.«

»In wel­che Da­schen­j­ka?«

»Wo­her sind Sie, Oblo­mow? Sie ken­nen nicht Da­schen­j­ka! Die gan­ze Stadt ist ent­zückt, wenn sie tanzt! Heu­te sind wir zu­sam­men im Bal­lett; er wird ihr ein Bu­kett zu­wer­fen. Ich muss ihn bei ihr ein­füh­ren: er ist schüch­tern und noch ein Neu­ling… Ach! Ich muss ja noch hin­fah­ren und Ka­me­li­en kau­fen…«

»Was noch? Las­sen Sie das, blei­ben Sie zum Mit­ta­ges­sen; wir wür­den mit­ein­an­der spre­chen. Ich habe ein dop­pel­tes Un­glück ge­hab­t…«

»Ich kann nicht, ich esse beim Fürs­ten Tju­men­jew zu Mit­tag; es wer­den dort alle Gor­ju­nows sein, und auch sie, sie… Li­d­in­j­ka!« füg­te er flüs­ternd hin­zu.

»Wa­rum ha­ben Sie den Ver­kehr mit dem Fürs­ten auf­ge­ge­ben? Was das für ein lus­ti­ges Haus ist! Was für ein Ton dort herrscht! Und das Land­haus! Es ist in Blu­men ge­bet­tet! Man hat eine Ga­le­rie go­thi­que an­ge­baut. Es heißt, man wird dort im Som­mer tan­zen und le­ben­de Bil­der1 auf­füh­ren. Wer­den Sie hin­kom­men?«

»Nein, ich glau­be nicht.«

»Ach, was das für ein Haus ist! Die­sen Win­ter gab es dort je­den Mitt­woch nicht un­ter fünf­zig Per­so­nen, und manch­mal wa­ren es so­gar hun­der­t…«

»Mein Gott! Da ist es ge­wiss höl­lisch lang­wei­lig!«

»Wie kann man so et­was sa­gen? Lang­wei­lig! Je mehr Men­schen da sind, de­sto lus­ti­ger ist es ja. Auch Ly­dia kam hin, ich habe ihr kei­ne Auf­merk­sam­keit ge­schenkt, und plötz­lich…

Ver­ge­bens müh’ ich mich, sie zu ver­ges­sen Und durch Ver­nunft die Lei­den­schaft zu ban­nen…«

sang er und setz­te sich ver­träumt auf den Ses­sel; doch dann sprang er plötz­lich auf und be­gann sich den Staub von den Klei­dern zu klop­fen.

»Wie stau­big es bei Ih­nen über­all ist!« sag­te er.

»Das ist al­les Sachars Schuld!« klag­te Oblo­mow.

»Nun, ich muss ge­hen!« sag­te Wol­kow, »ich habe noch für Mi­scha ein Bu­kett Ka­me­li­en zu be­sor­gen. Au re­voir!«

»Kom­men Sie abends nach dem Bal­lett Tee trin­ken, Sie wer­den mir er­zäh­len, wie es dort zu­ge­gan­gen ist«, lud Oblo­mow ein.

»Ich kann nicht, ich habe den Muss­ins­kys ver­spro­chen, hin­zu­kom­men, heu­te ist bei ih­nen Jour. Kom­men Sie auch! Wenn Sie wol­len, stel­le ich Sie vor!«

»Nein, was soll ich dort an­fan­gen?«

»Bei den Muss­ins­kys? Aber ich bit­te Sie, dort­hin kommt ja die hal­be Stadt. Was man dort an­fan­gen soll? Das ist ein Haus, in dem über al­les ge­spro­chen wird…«

»Das ist ja das Lang­wei­li­ge, dass über al­les ge­spro­chen wird«, sag­te Oblo­mow.

»Be­su­chen Sie dann Mes­drows«, un­ter­brach ihn Wol­kow, »dort spricht man nur von ei­nem Ge­gen­stand, von der Kunst; man hört nichts an­de­res als: die ve­ne­zia­ni­sche Schu­le, Beetho­ven und Bach, Leo­nar­do da Vin­ci…«

»Im­mer ein und das­sel­be, wie lang­wei­lig! Das sind ge­wiss Pe­dan­ten!« sag­te Oblo­mow gäh­nend.

»Man kann es Ih­nen nicht recht ma­chen. Gibt es etwa zu we­nig Fa­mi­li­en! Und alle ha­ben sie jetzt Jours: bei den Sa­wi­nows speist man am Don­ners­tag, die Ma­kla­schins emp­fan­gen am Frei­tag, die Wjas­ni­kows am Sonn­tag, der Fürst Tju­men­jew am Mitt­woch. Bei mir sind alle Tage be­setzt!« schloss Wol­kow mit strah­len­den Au­gen.

»Und fällt es Ih­nen nicht läs­tig, tag­aus, tagein her­um­zu­ren­nen?«

»Läs­tig! Wie kann das läs­tig fal­len? Es ist so lus­tig!« sag­te er sorg­los. »Des Mor­gens liest man ein we­nig, man muss im­mer au cou­rant sein und alle Neu­ig­kei­ten wis­sen. Ich habe, Gott sei Dank, eine sol­che Be­schäf­ti­gung, dass ich nicht ins Amt zu ge­hen brau­che. Ich sit­ze nur zwei­mal in der Wo­che beim Ge­ne­ral und esse bei ihm zu Mit­tag; dann ma­che ich Leu­ten, bei de­nen ich schon lan­ge nicht war, einen Be­such; nun, und dann… gibt es ja im­mer eine neue Schau­spie­le­rin, bald im rus­si­schen und bald im fran­zö­si­schen Thea­ter. Die Oper wird nächs­tens er­öff­net, ich abon­nie­re mich. Und jetzt bin ich ver­lieb­t… Es wird bald Som­mer; man hat Mi­scha einen Ur­laub ver­spro­chen; dann fah­ren wir für einen Mo­nat auf ihr Gut, der Ab­wechs­lung hal­ber. Dort wird ge­jagt. Sie ha­ben sehr net­te Nach­barn, es wer­den bals champêtres ar­ran­giert. Ich wer­de mit Ly­dia im Wald spa­zie­ren­ge­hen, Boot fah­ren, Blu­men pflücken… Ach!…« Und er mach­te einen Freu­den­sprung… »Es ist aber Zeit… Adieu«, sag­te er und mach­te ver­geb­li­che Ver­su­che, sich im ver­staub­ten Spie­gel von vor­ne und von rück­wärts zu be­trach­ten.

»War­ten Sie«, hielt ihn Oblo­mow zu­rück, »ich woll­te mit Ih­nen ge­schäft­lich spre­chen.«

»Par­don, ich habe kei­ne Zeit«, ant­wor­te­te Wol­kow ei­lig, »ein an­der­mal! Wol­len Sie nicht mit mir Aus­tern es­sen? Sie kön­nen mir da­bei Ihre An­ge­le­gen­hei­ten er­zäh­len. Kom­men Sie, Mi­scha la­det Sie ein.«

»Nein, was fällt Ih­nen ein!« sag­te Oblo­mow dar­auf.

»Also, Adieu!«

Er ging und kam zu­rück.

»Ha­ben Sie das schon ge­se­hen?« frag­te er, die Hand zei­gend, der der Hand­schuh wie an­ge­gos­sen saß.

»Was ist das?« frag­te Oblo­mow ver­blüfft.

»Die neu­en La­cets! Se­hen Sie, wie gut das zu­sam­men­hält: Man braucht sich nicht zwei Stun­den lang mit den Knöp­fen ab­zu­quä­len, man zieht an der Schnur, und die Sa­che ist er­le­digt. Das kommt so­eben aus Pa­ris. Wol­len Sie, dass ich Ih­nen ein Paar zur Pro­be mit­brin­ge?«

»Gut, brin­gen Sie mir eins mit.«

»Und se­hen Sie sich ein­mal das an: nicht wahr, das ist sehr hübsch?« sag­te er, nach­dem er in dem Hau­fen der Ber­lo­cken ei­nes aus­ge­sucht hat­te; es war eine Vi­si­ten­kar­te mit ei­ner um­ge­bo­ge­nen Ecke.

»Ich kann nicht ent­zif­fern, was dar­auf steht.«

»Pr. – Prin­ce, M. – Mi­chel, und der Fa­mi­li­enna­me Tju­men­jew ist nicht mehr dar­auf­ge­gan­gen. Das hat er mir zu Os­tern statt ei­nes Eies ge­schenkt. Aber le­ben Sie wohl, au re­voir! Ich muss noch zehn Per­so­nen auf­su­chen. O Gott, wie lus­tig ist es auf der Welt!«

Und er ver­schwand.

Zehn Per­so­nen an ei­nem Tage auf­su­chen – der Un­glück­li­che! dach­te Oblo­mow. Und das ist ein Le­ben!, und er zuck­te hef­tig die Ach­seln. Wo bleibt denn dann der Mensch? In wie viel klei­ne Tei­le löst er sich auf und zer­fällt er? Es ist ge­wiss nicht übel, ins Thea­ter hin­ein­zu­gu­cken und sich in ir­gend­ei­ne Ly­dia zu ver­lie­ben… Sie ist hübsch! Es ist schön, mit ihr auf dem Lan­de Blu­men zu pflücken und spa­zie­ren­zu­fah­ren! – Aber an ei­nem Tage zehn Per­so­nen auf­zu­su­chen – der Un­glück­li­che!, schloss er, sich auf den Rücken um­wen­dend und sich freu­end, dass er kei­ne so lee­ren Wün­sche und Ge­dan­ken hat­te, son­dern da­lie­gen und sei­ne mensch­li­che Wür­de und Ruhe auf­recht­er­hal­ten konn­te.

Ein neu­es Läu­ten un­ter­brach sei­ne Be­trach­tun­gen.

Es kam wie­der ein Gast.

Das war ein Herr in ei­nem dun­kel­grü­nen Frack mit Uni­form­knöp­fen; er hat­te ein glat­tra­sier­tes Kinn, einen dunklen Ba­cken­bart, der sein Ge­sicht gleich­mä­ßig um­rahm­te, einen an­ge­streng­ten, aber ru­hi­gen und in­tel­li­gen­ten Aus­druck in den Au­gen, ein wel­kes Ge­sicht und ein nach­denk­li­ches Lä­cheln.

»Gu­ten Tag, Su­d­j­bins­kij!« be­grüß­te Oblo­mow ihn freu­dig. »Schaust du dich auch ein­mal nach dei­nem al­ten Kol­le­gen um! Komm nicht so nahe her­an! Du bringst Käl­te her­ein.«

»Gu­ten Tag, Ilja Il­jitsch. Ich woll­te schon lan­ge zu dir«, sprach der Gast, »aber du weißt ja, was für einen teuf­li­schen Dienst wir ha­ben! Da, schau ein­mal, ich habe hier einen gan­zen Kof­fer voll Be­rich­te, und ich habe dem Bo­ten be­foh­len, her­zu­ren­nen, wenn man dort nach ir­gend et­was fragt. Ich kann kei­nen Au­gen­blick über mich ver­fü­gen.«

»Gehst du erst jetzt ins Amt? Wa­rum so spät?« frag­te Oblo­mow, »du pfleg­test ja um zehn Uhr an­zu­fan­gen…«

»Ja, ich pfleg­te; jetzt ist’s aber an­ders: ich fah­re um zwölf Uhr hin.« Er be­ton­te: fah­re.

»Ah! Ich er­ra­te!« sag­te Oblo­mow, »du bist Bü­ro­chef! Schon lan­ge?«

Su­d­j­bins­kij nick­te be­deu­tungs­voll.

»Seit Os­tern«, sag­te er. »Aber wie viel zu tun ist – schreck­lich! Von acht bis zwölf Uhr ar­bei­te ich zu Hau­se, von zwölf bis fünf Uhr in der Kanz­lei, und dann habe ich noch abends zu tun. Ich bin jetzt gar nicht mehr ge­wohnt, mit Men­schen zu­sam­men zu sein.«

»Hm! Bü­ro­chef, so!« sag­te Oblo­mow. »Gra­tu­lie­re! Du bist aber ei­ner! Wir wa­ren ja zu­sam­men Kanz­lei­be­am­te. Ich den­ke, du wirst nächs­tes Jahr Re­gie­rungs­rat.«

»Aber! Was fällt dir ein! Ich muss noch in die­sem Jahr den Or­den be­kom­men; ich habe ge­hofft, man wür­de mich ›für ge­leis­te­te Diens­te‹ vor­schla­gen, ich habe aber jetzt ein neu­es Amt über­nom­men. Das geht nicht, zwei Jah­re nach­ein­an­der…«

»Komm zu mir zum Es­sen, wir wer­den zu Ehren dei­nes Avan­ce­ments ein Glas lee­ren!« sag­te Oblo­mow.

»Nein, ich bin heu­te beim Vi­ze­di­rek­tor ge­la­den. Ich muss für Don­ners­tag einen Be­richt aus­ar­bei­ten – eine Höl­len­ar­beit! Man kann sich auf den Rap­port aus den Gou­ver­ne­ments nicht ver­las­sen. Man muss die Re­gis­ter selbst kon­trol­lie­ren. Foma Fo­mitsch ist so miss­trau­isch: er will al­les selbst prü­fen. Wir ma­chen uns heu­te Nach­mit­tag dar­an.«

»Wirk­lich, noch heu­te Nach­mit­tag?« frag­te Oblo­mow un­gläu­big.

»Ja, was glaubst du denn? Es ist noch gut, wenn ich et­was frü­her da­mit fer­tig wer­de und Zeit habe, nach Je­ka­te­rin­hof zu fah­ren… Ja, also, ich bin ge­kom­men, um dich zu fra­gen, ob du nicht mit mir spa­zie­ren­fah­ren willst? Ich wür­de dich ab­ho­len.«

»Ich bin nicht ganz wohl, ich kann nicht!« sag­te Oblo­mow, in­dem er das Ge­sicht ver­zog, »ich habe auch viel zu tun…«

»Scha­de!« er­wi­der­te Su­d­j­bins­kij, »es ist ein so schö­ner Tag. Ich hof­fe we­nigs­tens heu­te auf­zuat­men.«

»Nun, was gibt es Neu­es bei euch?« frag­te Oblo­mow.

»Vie­les! Man hat jetzt fest­ge­setzt, in den Brie­fen statt ›er­ge­be­ner Die­ner‹ ›sei­en Sie ver­si­cher­t‹ zu schrei­ben; es ist an­ge­ord­net wor­den, nicht mehr zwei Exem­pla­re For­mu­lar­bo­gen ein­zu­rei­chen. Man hat un­ser Büro um drei Ti­sche und zwei Be­am­te ver­grö­ßert. Man hat un­se­re Kom­mis­si­on auf­ge­ho­ben… Und noch viel an­de­res!«

»Nun, und was ist mit un­se­ren frü­he­ren Kol­le­gen?«

»Vor­läu­fig gar nichts; Swin­kin hat sei­ne Ak­ten ver­lo­ren!«

»Wirk­lich? Was hat denn der Di­rek­tor ge­sagt?« frag­te Oblo­mow mit zit­tern­der Stim­me. Er er­schrak in der Erin­ne­rung an die al­ten Zei­ten.

»Er hat ihm die Re­mu­ne­ra­ti­on vor­ent­hal­ten las­sen, bis er die Ak­ten fin­det. Es war ein wich­ti­ges Do­ku­ment: ›Ü­ber die Steuer­ein­trei­bung‹. Der Di­rek­tor glaubt«, füg­te Su­d­j­bins­kij fast flüs­ternd hin­zu, »dass er es… ab­sicht­lich ver­lo­ren hat.«

»Also so ist die Sa­che: du ar­bei­test im­mer!« sag­te Oblo­mow, »du mühst dich ab.«

»Schreck­lich, schreck­lich! Aber es ist na­tür­lich an­ge­nehm, mit ei­nem sol­chen Men­schen wie Foma Fo­mitsch zu­sam­men­zu­ar­bei­ten: Bei ihm bleibt nie­mand ohne Re­mu­ne­ra­ti­on; er ver­gisst selbst die nicht, die nichts tun. So­bald die Zeit des Avan­ce­ments da ist, schlägt er gleich vor; und dem, der noch kein Amt und kei­nen Or­den be­kom­men kann, ver­schafft er Geld…«

»Wie viel be­kommst du?«

»1200 Ru­bel Ge­halt, 750 Diä­ten, 600 Woh­nungs­geld, 900 Zu­la­gen, 500 Mei­len­geld und an 1000 Ru­bel Re­mu­ne­ra­ti­on.«

»Aber zum Teu­fel!« sag­te Oblo­mow, vom Sofa auf­sprin­gend, »hast du eine so schö­ne Stim­me? Das klingt ja wie bei ei­nem ita­lie­ni­schen Sän­ger!«

»Das ist noch gar nichts! Pe­res­wje­tow be­kommt Gra­ti­fi­ka­tio­nen und ar­bei­tet we­ni­ger als ich, er ver­steht auch nichts. Nun, er hat na­tür­lich auch nicht die­ses Re­nom­mee. Ich wer­de sehr ge­schätzt«, füg­te er be­schei­den, mit ge­senk­ten Au­gen hin­zu, »der Mi­nis­ter hat sich neu­lich aus­ge­drückt, dass ich die Zier­de des Mi­nis­te­ri­ums sei.«

»Du bist ein Haupt­kerl!« sag­te Oblo­mow. »Aber die­se Ar­beit! Von acht bis zwölf und von zwölf bis fünf, und dann noch zu Hau­se – oh, oh!«

Er schüt­tel­te den Kopf.

»Was soll­te ich denn tun, wenn ich kei­nen Pos­ten hät­te?« frag­te Su­d­j­bins­kij.

»Man kann Ver­schie­de­nes tun! Le­sen, schrei­ben…« sag­te Oblo­mow.

»Ich tue ja auch jetzt nichts als le­sen und schrei­ben.«

»Das ist doch ganz was an­de­res; du wür­dest dei­ne Sa­chen dru­cken las­sen…«

»Es kön­nen nicht alle Schrift­stel­ler sein, du schreibst doch auch nicht!«

»Da­für habe ich ein Gut, das auf mir las­tet«, sag­te Oblo­mow seuf­zend. »Ich über­le­ge mir einen neu­en Plan; ich füh­re al­ler­lei Re­for­men ein. Ich quä­le mich da­mit ab… Und du be­schäf­tigst dich ja nicht mit Ei­ge­nem, son­dern mit Frem­dem.«

»Was soll man tun! Man muss ar­bei­ten, wenn man be­zahlt wird. Im Som­mer wer­de ich aus­ru­hen: Foma Fo­mitsch ver­spricht ei­gens für mich eine Dien­st­rei­se aus­zu­den­ken… dann be­kom­me ich Rei­se­geld, das für fünf Pfer­de be­rech­net wird, drei Ru­bel täg­li­che Diä­ten und Ex­tra­gel­der…«

»Das geht ja wie ge­schmiert!« sag­te Oblo­mow voll Neid; dann seufz­te er und ver­tief­te sich in sei­ne Ge­dan­ken.

»Ich brau­che Geld, ich hei­ra­te im Herbst«, füg­te Su­d­j­bins­kij hin­zu.

»Was?! Wirk­lich? Wen denn?« frag­te Oblo­mow teil­nahms­voll.

»Scherz bei­sei­te, die Muar­schin. Weißt du noch, sie ha­ben ne­ben mir auf dem Lan­de ge­wohnt! Du hast bei mir Tee ge­trun­ken und hast sie, scheint mir, ge­se­hen.«

»Nein, ich er­in­ne­re mich nicht! Ist sie hübsch?«

»Ja, sie ist lieb. Wenn du willst, kön­nen wir zum Mit­ta­ges­sen zu ih­nen hin­fah­ren…«

Oblo­mow wur­de ver­le­gen.

»Ja… gut, aber…«

»Nächs­te Wo­che«, sag­te Su­d­j­bins­kij.

»Ja, ja, nächs­te Wo­che«, wil­lig­te Oblo­mow er­freut ein, »mein An­zug ist noch nicht fer­tig. Machst du eine gute Par­tie?«

»Ja, der Va­ter ist Ho­frat; er gibt ihr zehn­tau­send, und dann be­kom­men wir eine Amts­woh­nung. Er hat für uns die Hälf­te sei­ner Woh­nung be­stimmt, zwölf Zim­mer; au­ßer­dem be­kom­men wir die da­zu­ge­hö­ri­gen Mö­bel und freie Be­hei­zung und Be­leuch­tung: man kann also le­ben…«

»Ja, man kann! Und ob! Bist du aber ein Kerl, Su­d­j­bins­kij!« füg­te Oblo­mow nicht ohne Neid hin­zu.

»Ich lade dich zu mei­ner Hoch­zeit als Kranz­herr ein, den­ke dar­an…«

»Aber ge­wiss! Nun, was ist mit Kus­ne­zow, mit Was­sil­jew, mit Mochow?«

»Kus­ne­zow ist längst ver­hei­ra­tet, Mochow hat mei­nen frü­he­ren Pos­ten ein­ge­nom­men, und Was­sil­jew ist nach Po­len ver­setzt wor­den. Iwan Pe­tro­witsch hat den Wla­di­mi­ror­den be­kom­men, Olesch­kin ist Ex­zel­lenz ge­wor­den.«

»Er ist ein gu­ter Kerl!« sag­te Oblo­mow.

»Ja, ja; er ver­dient es.«

»Ein sehr gu­ter Kerl, er hat einen so sanf­ten, gleich­mä­ßi­gen Cha­rak­ter«, füg­te Oblo­mow hin­zu.

»Er ist auch so dienst­fer­tig«, be­merk­te Su­d­j­bins­kij – »und weißt du, er hat nicht die­ses Be­stre­ben, sich vor­zu­drän­gen, ei­nem zu scha­den, ein Bein zu stel­len oder zu­vor­zu­kom­men… er tut al­les, was er kann.«

»Ein pracht­vol­ler Mensch! Wenn man manch­mal in den Ak­ten et­was ver­dreht oder nicht be­ach­tet hat und eine an­de­re Fol­ge­rung, ein an­de­res Ge­setz un­ter­scho­ben hat, hat er gar nichts ge­sagt; er hat’s nur von je­mand an­de­rem ver­bes­sern las­sen. Ein aus­ge­zeich­ne­ter Mensch!« schloss Oblo­mow.

»Un­ser Sjem­jon Sjem­jo­nitsch ist da­ge­gen un­ver­bes­ser­lich«, sag­te Su­d­j­bins­kij, »er ver­steht nur, Sand in die Au­gen zu streu­en. Was er da vor kur­z­em an­ge­stellt hat: Aus den Gou­ver­ne­ments ist ein Pro­spekt ein­ge­lau­fen, dass an den zu un­se­rem De­par­te­ment ge­hö­ri­gen Ge­bäu­den Hun­de­hüt­ten, zum Schut­ze des Staats­ei­gen­tums ge­gen Raub, er­rich­tet wer­den; un­ser Archi­tekt, ein tüch­ti­ger, ge­bil­de­ter und ehr­li­cher Mann, hat einen sehr mä­ßig be­rech­ne­ten Kos­ten­an­schlag zu­sam­men­ge­stellt; das ist ihm plötz­lich zu teu­er er­schie­nen, und er hat sich dar­an­ge­macht, Er­kun­di­gun­gen dar­über ein­zu­zie­hen, was das Fer­tig­stel­len ei­ner Hun­de­hüt­te kos­ten kann. Er hat ir­gend­wo her­aus­ge­fun­den, dass es um drei­ßig Kope­ken we­ni­ger kos­tet, und reicht so­fort einen Be­richt ein.«

Es wur­de wie­der ge­läu­tet.

»Adieu«, sag­te der Be­am­te, »ich hab’ mich ver­plau­dert, man wird mich dort ge­wiss schon brau­chen…«

»Bleib noch«, hielt ihn Oblo­mow zu­rück. »Ich wer­de mich bei der Ge­le­gen­heit mit dir be­ra­ten; ich habe ein dop­pel­tes Un­glück ge­hab­t…«

»Nein, nein, ich kom­me lie­ber die­ser Tage wie­der«, sag­te er im Fort­ge­hen.

Der lie­be Freund ist im Schlamm ver­sun­ken, er ist über die Ohren ver­sun­ken, dach­te Oblo­mow, ihm mit den Au­gen fol­gend. Er ist für die gan­ze üb­ri­ge Welt blind, taub und stumm. Er wird es aber zu et­was brin­gen, wird mit der Zeit im Amte schal­ten und wal­ten und einen ho­hen Rang er­rei­chen… Auch das heißt bei uns Kar­rie­re! Und wie we­nig wird da­bei be­an­sprucht; wozu braucht man sei­nen Ver­stand, sei­nen Wil­len, sei­ne Ge­füh­le? Das ist ein Lu­xus! Er wird sei­ne Span­ne Zeit le­ben, und vie­les, vie­les, vie­les wird in ihm nicht wach wer­den… Und da­bei ar­bei­tet er von zwölf bis fünf in der Kanz­lei und von acht bis zwölf zu Hau­se – der Un­glück­li­che!

Er hat­te das Ge­fühl fried­li­cher Freu­de bei dem Ge­dan­ken, dass er die Zeit von neun bis drei und von acht bis neun auf sei­nem Sofa ver­brin­gen konn­te, und war stolz dar­auf, dass er kei­ne Be­rich­te zu er­stat­ten und kei­ne Ak­ten zu schrei­ben brauch­te und dass sei­ne Ge­füh­le und sei­ne Fan­ta­sie frei­en Spiel­raum hat­ten.

Oblo­mow phi­lo­so­phier­te und be­merk­te nicht, dass ne­ben ihm ein sehr schmäch­ti­ges, schwar­zes Herr­chen stand, das mit ei­nem Ba­cken­bart, ei­nem Schnurr­bart und ei­ner Flie­ge ganz be­wach­sen war. Er war mit ab­sicht­li­cher Nach­läs­sig­keit ge­klei­det.

»Gu­ten Tag, Ilja Il­jitsch.«

»Gu­ten Tag, Pjen­kin; kom­men Sie nicht so nahe her­an, Sie brin­gen Käl­te her­ein!« sag­te Oblo­mow.

»Ach, Sie Son­der­ling!« sag­te je­ner, »Sie sind noch im­mer der­sel­be un­ver­bes­ser­li­che, sorg­lo­se Fau­len­zer!«

»Ja, sorg­los!« sag­te Oblo­mow, »ich wer­de Ih­nen gleich den Brief vom Dorf­schul­zen zei­gen; ich zer­bre­che mir in ei­nem fort den Kopf, und Sie sa­gen, ich bin sorg­los. Wo­her des We­ges?«

»Aus der Buch­hand­lung. Ich hat­te mich er­kun­digt, ob die Zeit­schrif­ten noch nicht er­schie­nen sind. Ha­ben Sie mei­nen Ar­ti­kel ge­le­sen?«

»Nein.«

»Ich schi­cke ihn her, le­sen Sie ihn.«

»Wor­über?« frag­te Oblo­mow, hef­tig gäh­nend.

»Über den Han­del, die Frau­eneman­zi­pa­ti­on, über die uns zu­teil ge­wor­de­nen schö­nen April­ta­ge und über das neu er­fun­de­ne Mit­tel ge­gen Feu­er­scha­den. Wie­so le­sen Sie denn nicht? Das ist ja un­ser täg­li­ches Le­ben. Am meis­ten kämp­fe ich aber für die rea­lis­ti­sche Rich­tung in der Li­te­ra­tur.«

»Ha­ben Sie viel zu tun?«

»Ja, ge­nü­gend. Ich schrei­be wö­chent­lich zwei Ar­ti­kel für die Zei­tung, dann Kri­ti­ken über Bel­le­tris­tik, und jetzt habe ich eine Er­zäh­lung ver­fasst…«

»Wo­von han­delt sie?«

»Da­von, wie in ei­ner Stadt der Po­li­zei­meis­ter die Klein­bür­ger ins Ge­sicht schläg­t…«

»Ja, das ist wirk­lich eine rea­lis­ti­sche Rich­tung«, sag­te Oblo­mow.

»Nicht wahr?« be­stä­tig­te der er­freu­te Jour­na­list. »Ich füh­re fol­gen­den Ge­dan­ken aus, von dem ich weiß, dass er neu und kühn ist. Ein Vor­über­rei­sen­der war Zeu­ge die­ser Be­hand­lung und be­klag­te sich bei sei­nem Zu­sam­men­sein mit dem Gou­ver­neur dar­über. Die­ser be­auf­trag­te den Be­am­ten, wel­cher da­selbst in­spi­zie­ren soll­te, sich ne­ben­bei von der Sa­che zu über­zeu­gen und über­haupt über die Per­sön­lich­keit und das Be­neh­men des Po­li­zei­meis­ters Er­kun­di­gun­gen ein­zu­zie­hen. Der Be­am­te ließ die Klein­bür­ger kom­men, an­geb­lich um über den Han­del zu spre­chen, mach­te sich aber statt des­sen dar­an, sie über jene An­ge­le­gen­heit aus­zu­fra­gen. Wie ha­ben sich aber die Klein­bür­ger da­bei ver­hal­ten? Sie ha­ben sich ver­beugt und ge­lacht und ha­ben das Lob des Po­li­zei­meis­ters ge­sun­gen. Der Be­am­te be­gann, sich an­der­wärts zu er­kun­di­gen, und man sag­te ihm, die Klein­bür­ger wä­ren schreck­li­che Be­trü­ger, sie han­del­ten mit fau­ler Ware und über­vor­teil­ten selbst den Staat beim Wie­gen und Mes­sen, sie wä­ren alle sehr un­mo­ra­lisch, so­dass die Schlä­ge sich als eine ge­rech­te Stra­fe er­wie­sen…«

»Die Schlä­ge des Po­li­zei­meis­ters spie­len also in der Er­zäh­lung die Rol­le des Fa­tums der al­ten Tra­gi­ker?« sag­te Oblo­mow.

»Sehr rich­tig«, fiel Pjen­kin ein. »Sie ha­ben viel Takt, Ilja Il­jitsch. Sie soll­ten schrei­ben! Und da­bei ist es mir ge­lun­gen, das ei­gen­mäch­ti­ge Ver­fah­ren des Po­li­zei­meis­ters, die Sit­ten­ver­derbt­heit des Vol­kes, die schlech­te Or­ga­ni­sa­ti­on der Be­am­ten und die Not­wen­dig­keit von stren­gen, aber ge­rech­ten Ge­set­zen zu zei­gen… Nicht wahr, die­ser Ge­dan­ke ist… ziem­lich neu?«

»Ja, be­son­ders für mich«, sag­te Oblo­mow, »ich lese so we­nig…«

»Man sieht in der Tat kei­ne Bü­cher bei Ih­nen!« be­merk­te Pjen­kin. »Aber ich be­schwö­re Sie, le­sen Sie das eine; es er­scheint ein, man kann sa­gen, wun­der­ba­res sa­ti­ri­sches Poem: ›Die Lie­be des Be­stech­li­chen zum ge­fal­le­nen Wei­be.‹ Ich kann Ih­nen nicht sa­gen, wer der Au­tor ist. Das ist noch ein Ge­heim­nis.«

»Wie ist denn der In­halt?«

»Es wird dar­in der Mecha­nis­mus un­se­rer gan­zen so­zia­len Be­we­gung bloß­ge­legt, und das al­les in poe­ti­schen Far­ben. Alle Fe­dern wer­den be­rührt; alle Stu­fen der so­zia­len Lei­ter wer­den un­ter­sucht. Der Au­tor rich­tet dar­in den schwa­chen, aber ver­derb­ten Edel­mann, den gan­zen Schwarm der ihn be­trü­gen­den be­stech­li­chen Be­am­ten und alle Rang­stu­fen der ge­fal­le­nen Frau­en… Fran­zö­sin­nen, Deut­sche und Finn­in­nen, und das al­les wird mit ver­blüf­fen­der, le­bens­vol­ler Wahr­heit ge­schil­der­t… Ich habe Bruch­stücke dar­aus ge­hört – der Au­tor ist groß! Man glaubt in ihm bald Dan­te und bald Sha­ke­s­pea­re zu ver­neh­men…«

»Das will aber viel hei­ßen!« sag­te Oblo­mow und rich­te­te sich er­staunt auf.

Pjen­kin ver­stumm­te plötz­lich, da er sah, dass er tat­säch­lich über­trie­ben hat­te.

»Wenn Sie es le­sen, wer­den Sie selbst se­hen«, füg­te er schon ru­hi­ger hin­zu.

»Nein, Pjen­kin, ich wer­de es nicht le­sen.«

»Wa­rum denn nicht? Es hat Lärm ge­macht, man spricht da­von…«

»Und wenn! Man­che ha­ben ja nichts an­de­res zu tun, als zu spre­chen. Es gibt einen sol­chen Be­ruf.«

»Le­sen Sie es doch aus Neu­gier­de.«

»Was ist denn Neu­es dar­in?« sag­te Oblo­mow. »Wa­rum schrei­ben Sie bloß so zum Zeit­ver­treib…«

»Wie­so denn? Wie wahr, wie wahr al­les ist! Es ist zum La­chen ähn­lich. Wie le­ben­di­ge Por­träts. Wenn Sie ir­gend­je­mand vor­neh­men, einen Kauf­mann, einen Be­am­ten, einen Of­fi­zier oder einen Wäch­ter – ist es, als druck­ten sie ihn le­bend ab.«

»Wes­we­gen mü­hen Sie sich denn ab? Des Spa­ßes hal­ber, dass je­der, den Sie vor­neh­men, ähn­lich her­aus­kommt? Es ist aber kein Le­ben dar­in; es fehlt das Ver­ständ­nis da­für, das Mit­füh­len, das, was bei euch Hu­ma­ni­tät heißt. Es ist nichts wie Ei­tel­keit da­bei. Sie be­schrei­ben die Die­be und die ge­fal­le­nen Frau­en, als fin­gen Sie sie auf der Stra­ße ein und führ­ten sie ins Ge­fäng­nis. Man hört in Ihren Er­zäh­lun­gen nicht die un­sicht­ba­ren Trä­nen, son­dern nur sicht­ba­res, ro­hes La­chen und Zorn…«

»Was braucht man denn noch? Das ist ja aus­ge­zeich­net, Sie ha­ben es ja selbst aus­ge­spro­chen: Die­ser flam­men­de Zorn, das gal­li­ge Ver­fol­gen des Las­ters, das ver­ächt­li­che La­chen dem ge­fal­le­nen Men­schen ge­gen­über… dar­in ist ja al­les!«

»Nein, nicht al­les!« er­ei­fer­te sich plötz­lich Oblo­mow. »Schil­de­re einen Dieb, ein ge­fal­le­nes Weib, einen auf­ge­bla­se­nen Nar­ren, ver­giss aber da­bei nicht den Men­schen. Wo ist denn die Men­sch­lich­keit? Ihr wollt nur mit dem Kopf schrei­ben?« sag­te Oblo­mow fast zi­schend. »Ihr glaubt, man braucht beim Den­ken kein Herz zu ha­ben? Nein, der Ge­dan­ke wird durch die Lie­be be­fruch­tet. Reicht dem ge­fal­le­nen Men­schen die Hand, um ihn auf­zu­rich­ten, oder weint bit­ter­lich über ihn, aber ver­höhnt ihn nicht. Liebt ihn, denkt bei ihm an euch selbst und be­han­delt ihn wie euch selbst, dann wer­de ich be­gin­nen, euch zu le­sen, und wer­de vor euch mein Haupt nei­gen…« sag­te er und leg­te sich wie­der be­quem auf das Sofa hin. »Sie schil­dern einen Dieb, ein ge­fal­le­nes Weib«, sag­te er, »und ver­ges­sen, den Men­schen zu schil­dern, oder Sie kön­nen es nicht. Was ist denn das für eine Kunst, was für poe­ti­sche Far­ben ha­ben Sie da­bei her­aus­ge­fun­den? Ver­folgt das Las­ter, den Schmutz, aber bit­te, ohne An­spruch auf Poe­sie.«

»Wol­len Sie also die Na­tur dar­ge­stellt ha­ben? Ro­sen, die Nach­ti­gall oder einen fros­ti­gen Mor­gen, wäh­rend al­les um Sie her­um braust und wir­belt? Wir brau­chen die nack­te Phy­sio­lo­gie der mensch­li­chen Ge­sell­schaft; wir sind jetzt nicht zu Lie­dern auf­ge­leg­t…«

»Gebt mir den Men­schen, den Men­schen!« sag­te Oblo­mow, »liebt ihn…«

»Den Wu­che­rer, den Heuch­ler, den die­bi­schen oder stumpf­sin­ni­gen Be­am­ten lie­ben – hö­ren Sie! Was sa­gen Sie da? Man sieht, dass Sie sich nicht mit Li­te­ra­tur be­fas­sen!« sag­te Pjen­kin er­regt. »Nein, man muss sie stra­fen, aus der Mit­te der Bür­ger, aus der Ge­sell­schaft aus­sto­ßen…«

»Sie aus der Mit­te der Bür­ger aus­sto­ßen!« be­gann plötz­lich Oblo­mow voll Be­geis­te­rung, sich vor Pjen­kin er­he­bend, »das heißt ver­ges­sen, dass in die­sem schlech­ten Ge­fäß ein hö­he­rer Ur­sprung ein­ge­schlos­sen war; dass er ein ver­derb­ter Mensch, aber doch im­mer­hin ein Mensch, das heißt ei­ner wie ihr ist. Auss­to­ßen! Und wie wollt ihr ihn aus dem Krei­se der Mensch­heit, aus dem Scho­ße der Na­tur, aus Got­tes Barm­her­zig­keit aus­sto­ßen?« schrie er fast mit flam­men­den Au­gen.

»Sie über­trei­ben aber!« sag­te Pjen­kin, an den jetzt die Rei­he zu er­stau­nen ge­kom­men war.

Oblo­mow sah, dass auch er zu weit ge­gan­gen war. Er ver­stumm­te plötz­lich, blieb eine Wei­le ste­hen, gähn­te und leg­te sich lang­sam auf das Sofa nie­der.

Sie schwie­gen bei­de.

»Was le­sen Sie denn?« frag­te Pjen­kin.

»Ich?… meis­tens Rei­se­be­schrei­bun­gen.«

Ein er­neu­tes Schwei­gen.

»Wer­den Sie also das Poem le­sen, wenn es er­scheint? Ich wür­de es Ih­nen brin­gen…« sag­te Pjen­kin.

Oblo­mow schüt­tel­te ver­nei­nend den Kopf.

»Dann wer­de ich Ih­nen mei­ne Er­zäh­lung schi­cken!«

Oblo­mow nick­te zum Zei­chen der Zu­stim­mung.

»Jetzt muss ich aber in die Dru­cke­rei!« sag­te Pjen­kin. »Wis­sen Sie, warum ich zu Ih­nen ge­kom­men bin? Ich woll­te Ih­nen den Vor­schlag ma­chen, mit mir nach Je­ka­te­rin­hof zu fah­ren; ich habe einen Wa­gen. Ich muss mor­gen einen Ar­ti­kel über den Kor­so schrei­ben; wir wür­den zu­sam­men be­ob­ach­ten, wenn mir et­was ent­gin­ge, wür­den Sie es mir mit­tei­len; das wäre lus­ti­ger. Kom­men Sie mit…«

»Nein, ich bin un­wohl«, sag­te Oblo­mow, das Ge­sicht ver­zie­hend und sich in die De­cke ein­hül­lend; »ich fürch­te die Feuch­tig­keit, es ist jetzt noch nicht tro­cken. Kom­men Sie aber heu­te zum Mit­ta­ges­sen; wir wür­den mit­ein­an­der ei­ni­ges be­spre­chen… Mir ist ein dop­pel­tes Un­glück pas­sier­t…«

»Nein, un­se­re gan­ze Re­dak­ti­on ver­sam­melt sich heu­te im Re­stau­rant Saint-Ge­or­ges, von dort aus fah­ren wir zum Kor­so. Und in der Nacht muss ich schrei­ben und beim Mor­gen­grau­en in die Dru­cke­rei schi­cken. Auf Wie­der­se­hen!«

»Auf Wie­der­se­hen, Pjen­kin!«

In der Nacht schrei­ben, dach­te Oblo­mow, wann soll man denn schla­fen? Er ver­dient aber si­cher fünf­tau­send jähr­lich! – Das ist ein Brot! Aber im­mer schrei­ben, sei­ne Ge­dan­ken, sei­ne See­le auf Klei­nig­kei­ten aus­ge­ben, die Über­zeu­gun­gen än­dern, mit dem Ver­stan­de und der Fan­ta­sie Han­del trei­ben, sei­ne Na­tur ver­ge­wal­ti­gen, sich auf­re­gen, im­mer glü­hen und ent­flammt sein, kei­ne Ruhe ken­nen und sich im­mer wei­ter be­we­gen… Und im­mer schrei­ben, im­mer schrei­ben, wie ein Rad, wie eine Ma­schi­ne: mor­gen, über­mor­gen; es kom­men Fei­er­ta­ge, es kommt der Som­mer, und er muss im­mer schrei­ben! Wann soll man da ste­hen­blei­ben und aus­ru­hen? Der Un­glück­li­che!

Er wand­te den Kopf zum Ti­sche hin, wo al­les leer war, wo das aus­ge­trock­ne­te Tin­ten­fass stand und kei­ne Fe­der zu se­hen war, und freu­te sich, dass er sorg­los wie ein neu­ge­bo­re­nes Kind dalag, sich nicht mit so viel Din­gen zu be­fas­sen und sich nicht zu ver­kau­fen brauch­te. »Und der Brief des Dorf­schul­zen und die Woh­nung?« er­in­ner­te er sich plötz­lich und wur­de nach­denk­lich.

Jetzt aber er­tön­te wie­der ein Läu­ten.

»Bei mir ist ja heu­te der reins­te Jour!« sag­te Oblo­mow und war­te­te, wer ein­tre­ten wür­de.