Obsidian 1: Obsidian. Schattendunkel - Jennifer L. Armentrout - E-Book

Obsidian 1: Obsidian. Schattendunkel E-Book

Jennifer L. Armentrout

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Beschreibung

Als Katy vom sonnigen Florida ins graue West Virginia ziehen muss, ist sie alles andere als begeistert. In dem kleinen Nest kommt sie anfangs nicht einmal ins Internet, was für die leidenschaftliche Buchbloggerin eine Katastrophe ist. Sie beschließt, bei ihren Nachbarn zu klingeln, und lernt so den atemberaubend gut aussehenden, aber unfassbar unfreundlichen Daemon Black kennen. Was Katy jedoch nicht weiß, ist, dass genau dieser Junge, dem sie von nun an aus dem Weg zu gehen versucht, ihrem Schicksal eine ganz andere Wendung geben wird … Dies ist der erste Band der Obsidian-Serie von Jennifer L. Armentrout. Alle Bände der unwiderstehlichen Bestsellerserie: Obsidian. Schattendunkel Onyx. Schattenschimmer Opal. Schattenglanz Origin. Schattenfunke Opposition. Schattenblitz Alle Bände der dazugehörigen Oblivion-Serie: Oblivion 1: Lichtflüstern (Obsidian aus Daemons Sicht erzählt) Oblivion 2: Lichtflimmern (Onyx aus Daemons Sicht erzählt) Oblivion 3: Lichtflackern (Opal aus Daemons Sicht erzählt) Alle bisher erschienenen Bände der Spin-off-Serie "Revenge": Revenge. Sternensturm Rebellion. Schattensturm Redemption. Nachtsturm

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Seitenzahl: 564

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Bisher von Jennifer L. Armentrout im Carlsen Verlag:Obsidian. Schattendunkel Onyx. Schattenschimmer Opal. Schattenglanz Origin. Schattenfunke Opposition. Schattenblitz Oblivion. Lichtflüstern Oblivion. Lichtflimmern Oblivion. Lichtflackern Revenge. Sternensturm

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Für meine Familie und meine Freunde.Ihr seid für mich so unverzichtbar wie Kuchen.

Kapitel 1

Ich blickte auf den Stapel Kartons in meinem neuen Zimmer und wünschte mir, das Internet würde schon funktionieren. Seit ich wegen des Umzugs nichts mehr in meinem Buch-Blog machen konnte, fühlte ich mich wie arm- und beinamputiert. Meine Mom war der Meinung, »Katys kreative Obsession« wäre mein ganzes Leben. Ganz so war es nicht, aber es war ein wichtiger Teil von mir. Für meine Mutter hatten Bücher eben nicht die gleiche Bedeutung.

Ich seufzte. Seit zwei Tagen waren wir hier und nach wie vor gab es unendlich viel auszupacken. Ich hasste es, von so vielen Kartons umgeben zu sein. Das machte alles noch schlimmer.

Zumindest fuhr ich nicht mehr bei jedem Knacken und Knarzen zusammen wie in den ersten Stunden nach unserer Ankunft in West Virginia beziehungsweise in diesem Haus, das aussah, als ob man es direkt aus einem Horrorfilm geholt hätte. Sogar einen Turm hatte es – einen albernen, unheimlichen Turm. Wozu brauchte man denn so was?

Ketterman war keine eingetragene Gemeinde, also nicht einmal ein richtiger Ort. Der nächste richtige Ort war Petersburg – ein Städtchen mit zwei oder drei Ampeln, nicht allzu weit entfernt von einigen anderen Städtchen, die wahrscheinlich allesamt nicht einmal mit einem Starbucks gesegnet waren. Die Post wurde uns nicht zu Hause zugestellt, sondern musste in Petersburg abgeholt werden.

Steinzeitlich.

Es traf mich wie ein Schlag. Florida war Vergangenheit – verschlungen von den Kilometern, die wir gefahren waren, um Moms dringendes Bedürfnis nach einem Neuanfang zu befriedigen. Es war nicht einmal so, dass ich Gainesville, das Wetter, meine alte Schule oder auch nur unsere Wohnung dort so sehr vermisste. Ich ließ mich gegen die Wand sinken und wischte mir mit der flachen Hand über die Stirn.

Was ich vermisste, war Dad.

Und Florida war Dad. Dort war er geboren worden, dort hatte er meine Mom kennengelernt und dort war alles perfekt gewesen … bis alles zerbrochen war. Tränen schossen mir in die Augen, aber ich nahm mir fest vor nicht zu weinen. Weinen änderte nichts an dem, was geschehen war, und Dad wäre schockiert, wenn er erführe, dass ich drei Jahre später noch immer weinte.

Doch ich vermisste auch Mom. Die Mom, die sie gewesen war, bevor mein Dad starb, die sich neben mich aufs Sofa gekuschelt hatte, um einen ihrer Kitschromane zu lesen. Mir kam es vor, als läge eine halbe Ewigkeit zwischen dieser Zeit und jetzt. Zumindest ein halbes Land.

Seit Dads Tod hatte meine Mutter mehr und mehr zu arbeiten begonnen. Während sie früher gern zu Hause gewesen war, schien sie plötzlich am liebsten möglichst weg sein zu wollen. Schließlich hatte sie eingesehen, dass dies keine Lösung war, und entschieden, dass wir uns dauerhaft an einen möglichst weit entfernten Ort begeben müssten. Zumindest war sie, seit wir hier waren, wild entschlossen mehr an meinem Leben teilzuhaben, auch wenn sie nach wie vor wie eine Irre arbeitete.

Ich für meinen Teil hatte gerade entschieden, meinem neurotischen Ordnungstick nicht nachzugeben und die Kartons für heute Kartons sein zu lassen, als mir ein Geruch in die Nase stieg. Mom brutzelte etwas auf dem Herd. Das verhieß nichts Gutes.

Ich raste hinunter.

Sie stand in ihrem groß gepunkteten Krankenhauskittel in der Küche. Nur meine Mutter konnte von Kopf bis Fuß Punkte tragen und trotzdem gut aussehen. Mom hatte wunderschönes, glattes blondes Haar und strahlende, haselnussfarbene Augen. Selbst wenn sie ihre Krankenhauskluft trug, sah ich mit meinen grauen Augen und dem undefinierbaren Farbton meines Haars im Vergleich zu ihr fade aus.

Außerdem war ich insgesamt irgendwie … runder als sie. Breite Hüften, volle Lippen und riesige Augen, die meine Mutter liebte, mich aber wie eine unterbelichtete Babypuppe aussehen ließen.

Sie drehte sich um und winkte mit einem Holzwender. Dabei spritzte halb rohes Ei auf den Herd. »Guten Morgen, mein Schatz.«

Ich blickte auf das Chaos und überlegte, wie ich sie am besten ablösen könnte, ohne dass sie beleidigt wäre. Immerhin versuchte sie sich wie eine ›richtige Mom‹ zu benehmen und das war schon mal ein gewaltiger Fortschritt. »Du bist früh zurück.«

»Seit gestern Abend habe ich fast zwei Schichten gearbeitet und bin nun Mittwoch bis Samstag von 23 bis 9 Uhr morgens eingeteilt. Das heißt, dass ich dazwischen drei Tage frei habe. Ich überlege, entweder einen Teilzeitjob in einer der Kliniken hier in der Gegend oder auch in Winchester anzunehmen.« Sie verteilte das angebrannte Rührei auf zwei Teller und stellte mir einen davon vor die Nase.

Hmm, lecker … Zum Eingreifen war es nun zu spät, deshalb angelte ich resigniert nach dem Karton, der auf dem gegenüberliegenden Küchentresen stand und mit »Besteck etc.« beschriftet war.

»Du weißt ja, wie sehr ich es hasse, nichts zu tun zu haben, deshalb werde ich dort mal nachfragen.«

O ja, das wusste ich.

Die meisten Eltern würden sich wahrscheinlich eher einen Arm absägen, als ihre halbwüchsige Tochter regelmäßig allein zu Hause zu lassen, nicht jedoch meine Mom. Sie vertraute mir, weil ich ihr nie einen Grund gab, es nicht zu tun. Natürlich hatte ich die Situation manchmal ausgenutzt. Aber ehrlich gesagt eher selten.

Ich war irgendwie langweilig.

In meiner alten Clique in Florida hatte ich zwar nicht als die Brave gegolten, aber ich schwänzte nie, hatte einen soliden Notendurchschnitt und war im Großen und Ganzen ziemlich zuverlässig. Nicht weil ich Angst davor hatte, wild und rücksichtslos zu sein, aber ich wollte meiner Mutter nicht noch mehr Ärger machen. Zumindest zu der Zeit noch nicht …

Ich nahm zwei Gläser und füllte sie mit dem Orangensaft, den Mom offenbar auf dem Heimweg besorgt hatte. »Soll ich heute noch einkaufen gehen? Wir haben kaum etwas zu essen im Haus.«

Sie nickte und sagte mit dem Mund voll Ei: »Du denkst wirklich an alles. Wenn du einen Trip zum Supermarkt machen könntest, wäre das klasse.« Sie griff nach ihrem Portemonnaie, das auf dem Tisch lag, und nahm ein paar Scheine heraus. »Das sollte reichen.«

Ich schob sie in meine Jeans, ohne auf den Betrag zu achten. Sie gab mir immer zu viel. »Danke«, murmelte ich.

Mom beugte sich mit einem plötzlichen Funkeln in den Augen vor. »Übrigens … ich habe heute Morgen etwas sehr Interessantes gesehen.«

O nein, das verhieß nichts Gutes. Ich bemühte mich um ein Lächeln. »Was denn?«

»Hast du schon bemerkt, dass nebenan zwei Jugendliche in deinem Alter wohnen?«

Sofort hob mein innerer Wachhund den Kopf. »Wirklich?«

»Bist du noch gar nicht draußen gewesen?« Sie lächelte ebenfalls. »Ich hätte darauf wetten können, dass du dich sofort über das grässliche Blumenbeet hermachen würdest.«

»Das habe ich vor, aber die Kartons packen sich nicht von alleine aus.« Patzig sah ich sie an. Ich liebte diese Frau, aber wie konnte sie dieses Detail nur ständig vergessen? »Egal, was ist mit den Nachbarn?«

»Also, es handelt sich um ein Mädchen, das ungefähr in deinem Alter sein müsste, und dann ist da noch dieser Junge.« Während sie sich vom Tisch erhob, grinste sie. »Der ist echt heiß.«

Mir blieb ein kleines Stück Ei in der Kehle hängen. Meine Mutter mit solchen Worten über Typen in meinem Alter sprechen zu hören ging gar nicht. »Heiß? Mom, das klingt einfach merkwürdig.«

Mom schob den Stuhl zurück, nahm ihren Teller und machte sich damit auf den Weg zur Spüle. »Ich mag ja alt sein, aber meine Augen funktionieren noch ganz gut. Vorhin jedenfalls ganz bestimmt.«

In mir zog sich alles zusammen. Sie machte es immer schlimmer. »Stehst du neuerdings auf ganz junges Blut? Bahnt sich da vielleicht eine Midlife-Crisis an und ich müsste mir Sorgen machen?«

Sie begann ihren Teller abzuwaschen und sah mich über die Schulter hinweg an. »Katy, ich hoffe, du bemühst dich wenigstens ein bisschen und gehst mal rüber. Ich glaube, es wäre nett für dich, ein paar Leute kennenzulernen, bevor die Schule anfängt.« Sie hielt inne, um zu gähnen. »Sie könnten dir hier alles zeigen.«

Ich weigerte mich, an den ersten Schultag zu denken, an dem ich die Neue sein würde. Schnell entsorgte ich das ungegessene Rührei im Müll. »Ja, es wäre nett. Aber ich will nicht bei denen klopfen und darum betteln, dass sie sich mit mir anfreunden.«

»Du musst nicht betteln. Du solltest dir eins der hübschen Kleider anziehen, die du in Florida immer getragen hast, und nicht so etwas hier.« Sie zog an meinem Top. »Dann würdest du ganz von selbst Eindruck auf sie machen.«

Ich schaute an mir hinab. Auf meinem Top stand MEIN BLOG IST BESSER ALS DEIN VLOG. Daran war doch nichts falsch. »Wie wäre es, wenn ich in Unterwäsche bei ihnen erschiene?«

Nachdenklich fasste sie sich ans Kinn. »Das hinterlässt wahrscheinlich noch mehr Eindruck.«

»Mom!«, sagte ich lachend. »An dieser Stelle müsstest du mich anbrüllen und mir sagen, dass das keine gute Idee ist.«

»Mein Schatz, ich glaube nicht, dass du so etwas Dummes tun würdest. Aber im Ernst, bemüh dich ein bisschen.«

Ich war mir nicht sicher, wie ich mich ihrer Meinung nach ›ein bisschen bemühen‹ sollte.

Sie gähnte abermals. »Ich werde jetzt jedenfalls etwas Schlaf nachholen.«

»Ist gut, und ich besorge uns etwas Gutes zu essen.« Und vielleicht auch noch Mulch und Pflanzen. Das Beet draußen sah wirklich erbärmlich aus.

»Katy?« Stirnrunzelnd war meine Mutter im Türrahmen stehen geblieben.

»Ja?«

Ein Schatten legte sich über ihr Gesicht. »Ich weiß, dass dieser Umzug, noch dazu vor deinem letzten Schuljahr, nicht leicht für dich ist, aber es war das Beste für uns. Noch länger dort in der Wohnung zu bleiben … ohne ihn … Es ist Zeit, dass wir wieder zu leben beginnen. Dein Vater hätte es so gewollt.«

Der Kloß in meinem Hals, den ich glaubte in Florida zurückgelassen zu haben, war plötzlich wieder da. »Ich weiß, Mom. Ich komme schon zurecht.«

»Wirklich?« Als sie ihre Hand bewegte, brach sich das durchs Fenster scheinende Sonnenlicht in dem goldenen Ring an ihrem Finger.

Ich nickte schnell. »Alles in Ordnung. Und ich werde nebenan klingeln. Vielleicht können sie mir sagen, wo der Supermarkt ist. Ich kann mich ja mal ein bisschen bemühen.«

»Wunderbar! Ich werde mich jetzt hinlegen, aber wenn etwas ist, dann melde dich. Okay?« Moms Augen glänzten, während sie noch einmal gähnte. »Ich liebe dich, mein Schatz.«

Ich wollte ihr sagen, dass ich sie ebenfalls liebte, doch sie war bereits halb die Treppe hinaufgegangen, bevor die Worte meinen Mund verlassen konnten.

Zumindest versuchte sie sich zu ändern und ich würde im Gegenzug versuchen mich hier einzuleben. Und nicht den ganzen Tag mit dem Laptop auf den Knien in meinem Zimmer hocken, wie meine Mutter es befürchtete. Allerdings war neue Leute kennenlernen noch nie meine Stärke gewesen. Lieber vergrub ich mich mit einem Buch oder las die Kommentare auf meinem Blog.

Ich biss mir auf die Lippen, weil ich an den Lieblingssatz meines Vaters denken musste, mit dem er mir immer Mut zugesprochen hatte: »Komm schon, KittyCat, sei kein Feigling.« Ich drückte die Schulterblätter zusammen. Dad hatte das Leben nie an sich vorbeiziehen lassen …

Und nach dem nächsten Supermarkt fragen war doch eine gute Gelegenheit, um sich einmal vorzustellen. Wenn Mom Recht hatte und unsere Nachbarn in meinem Alter waren, wäre dieser Umzug vielleicht doch keine so große Pleite. Wie blöd es auch sein mochte, ich würde es tun. Entschlossen lief ich über die Wiese und die Einfahrt hinauf, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Im nächsten Moment stand ich auf der breiten Veranda, öffnete das Fliegengitter der Eingangstür und klopfte. Dann trat ich einen Schritt zurück und strich mein Top glatt. Ich bin cool. So ist es. Und es war nichts dabei, nach dem Weg zu fragen.

Schwere Schritte näherten sich auf der anderen Seite der Tür, bevor diese im nächsten Moment aufgerissen wurde und ich auf eine sehr breite, gebräunte und muskulöse Brust schaute. Eine nackte Brust. Ich senkte den Blick und mein Atem … stockte. Die Jeans saß ihm so tief auf den Hüften, dass man die dünne Haarlinie zwischen seinem Nabel und seiner Hose ziemlich weit nach unten verfolgen konnte.

Und dann der Waschbrettbauch. Perfekt. Fest. Kein Bauch, wie ich ihn bei einem Siebzehnjährigen – und ich ging davon aus, dass er so alt war – erwartet hätte, aber, na ja, ich würde mich nicht beschweren. Ich konnte ohnehin nicht sprechen. Ich konnte nur starren.

Schließlich wanderte mein Blick wieder höher und blieb an dichten, dunklen Wimpern hängen, die fast die markanten hohen Wangenknochen berührten und die Iris seiner Augen verbargen, während er auf mich hinabschaute. Ich musste unbedingt wissen, welche Farbe seine Augen hatten.

»Womit kann ich dir helfen?« Wohlgeformte, zum Küssen einladende Lippen verzogen sich genervt.

Seine Stimme war tief und fest. Eine Stimme, die es gewohnt war, dass die Leute zuhörten und ohne Widerrede gehorchten. Dann hoben sich seine Wimpern endlich und gaben den Blick auf unvorstellbar grün leuchtende Augen frei. Der intensive Smaragdton hob sich unfassbar schön von der gebräunten Haut ab.

»Hallo?«, hob er abermals an und legte eine Hand an den Türrahmen, während er sich vorbeugte. »Kannst du auch sprechen?«

Ich schnappte nach Luft und wich zurück. Mein Gesicht wurde vor Verlegenheit heiß und rot.

Der Typ hob den freien Arm und schob sich eine Strähne aus der Stirn, bevor er für einen Moment über meine Schulter hinweg und anschließend wieder zu mir blickte. »Zum Ersten … zum …«

Als ich meine Stimme endlich wiedergefunden hatte, wäre ich am liebsten gestorben. »Ich … ich wollte fragen … ob du mir sagen könntest, wo der nächste Supermarkt ist? Ich heiße Katy und bin gerade nebenan eingezogen.« Ich deutete auf unser Haus, während ich wie minderbemittelt weiterfaselte. »Vor zwei Tagen –«

»Ich weiß.«

Ooooo-kay. »Na ja, ich hatte gehofft, ich könnte hier den schnellsten Weg zum Supermarkt erfahren und vielleicht auch, wo ich einen Laden finde, der Pflanzen verkauft.«

»Pflanzen?«

Auch wenn es irgendwie gar nicht wie eine Frage klang, beeilte ich mich zu erklären: »Ja, wir haben nämlich dieses Beet vor dem Haus –«

Er antwortete nicht, sondern hob nur abfällig eine Augenbraue: »Aha.«

Inzwischen war ich schon zu wütend, als dass ich die Situation noch als peinlich empfinden konnte. »Na ja, ich brauche eben Pflanzen –«

»Für irgendein Blumenbeet, das habe ich verstanden.« Er lehnte sich mit der Hüfte gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme. In seinen grünen Augen blitzte etwas auf. Keine Wut, es war etwas anderes.

Ich holte tief Luft. Wenn dieser Idiot mir noch einmal das Wort abschnitt … Als ich erneut ansetzte, nahm meine Stimme den Tonfall an, in dem meine Mutter mich immer angefahren hatte, sobald ich mit potenziell gefährlichen Gegenständen spielte: »Ich würde gern wissen, wo ich Geschäfte finde, in denen es Lebensmittel und Pflanzen gibt.«

»Dir ist schon bewusst, dass wir uns in einem Ort befinden, in dem es nur eine einzige Ampel gibt, oder?« Dabei hob er beide Augenbrauen bis zum Haaransatz, als würde er sich fragen, wie blöd man eigentlich sein konnte. Schlagartig wurde mir klar, was ich in seinen Augen aufblitzen gesehen hatte. Mit einer gesunden Portion Hochmut machte er sich über mich lustig.

Einen Moment lang konnte ich ihn wieder nur anstarren. Er war wahrscheinlich der heißeste Typ, der mir je begegnet war, aber ein absoluter Vollidiot. Das soll nun mal einer verstehen. »Ich wollte nur nach dem Weg fragen, das ist alles. Aber offensichtlich passt es gerade nicht.«

Einer seiner Mundwinkel zuckte. »Mir passt es zu keiner Zeit, dass du an meine Tür klopfst, Kleine.«

»Kleine?«, wiederholte ich und sah ihn ungläubig mit großen Augen an.

Abermals hoben sich seine dunklen Brauen spöttisch. Sie machten mich langsam wahnsinnig.

»Ich bin keine Kleine. Ich bin siebzehn.«

»Ach ja?« Er blinzelte. »Du siehst aus wie zwölf. Na ja, vielleicht wie dreizehn. Meine Schwester hat jedenfalls eine Puppe, die mich an dich erinnert. Die hat auch so riesige Augen und so einen starren Blick.«

Ich erinnerte ihn an eine Puppe? Eine Puppe mit starrem Blick? Langsam kam mir die Galle hoch. »Okay, entschuldige die Störung. Ich werde nie wieder bei dir klopfen. Das kannst du mir glauben.« Schnell wandte ich mich zum Gehen, bevor ich dem dringenden Bedürfnis, ihm meine Fäuste ins Gesicht zu rammen – oder zu heulen –, nicht länger würde widerstehen können.

»He«, rief er mir hinterher.

Ich blieb auf der untersten Stufe stehen, drehte mich aber nicht um. Auf gar keinen Fall würde ich ihn sehen lassen, wie aufgebracht ich war. »Was ist?«

»Du fährst auf die Route 2 und biegst von dort aus auf den Highway 220 Richtung Norden, nicht nach Süden, bis du in Petersburg landest.« Genervt atmete er aus, als würde er mir gerade einen riesigen Gefallen tun. »Der Supermarkt – Foodland – ist mitten in der Stadt, du kannst ihn gar nicht verfehlen. Na ja, du vielleicht schon. Nebenan gibt es auch einen Baumarkt, glaube ich. Die sollten so Zeugs haben, das in den Boden geht.«

»Danke«, murmelte ich und schob leise hinterher: »Du Idiot.«

Er lachte tief und kehlig. »So etwas ziemt sich aber nicht für eine Dame, KittyCat.«

Ich fuhr herum. »Nenn mich nie wieder so«, fauchte ich.

»Ist aber doch freundlicher, als jemanden Idiot zu nennen, oder?« Er machte einen Schritt vor die Tür. »Vielen Dank für den anregenden Besuch, ich werde noch lange davon zehren.«

Okay. Jetzt reichte es. »Weißt du, du hast Recht. Wie konnte ich dich nur als Idioten bezeichnen. Idiot ist noch viel zu nett für dich«, zischte ich und lächelte süßlich. »Ein Vollidiot bist du.«

»Ein Vollidiot?«, wiederholte er. »Wie charmant.«

Ich zeigte ihm den Stinkefinger.

Er lachte abermals und deutete eine Verneigung an. Dabei fielen ihm wilde Haarsträhnen ins Gesicht, so dass man kaum noch seine leuchtend grünen Augen sah. »Sehr zivilisiert, Kätzchen. Ich bin mir sicher, dass du noch alle möglichen abstrusen Namen und Gesten für mich hättest, aber sie interessieren mich nicht.«

Ich hätte noch einiges darauf zu sagen oder zu tun gewusst, doch ich kratzte den Rest meiner Würde zusammen, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte zu unserem Haus zurück, ohne ihn sehen zu lassen, wie sauer ich war. In der Vergangenheit war ich Konfrontationen immer aus dem Weg gegangen, aber dieser Typ kitzelte die Furie aus mir heraus wie kein Zweiter. Ich erreichte mein Auto und riss die Tür auf.

»Bis später, Kätzchen!«, rief er und lachte noch einmal, bevor er die Haustür zuschlug.

Tränen schossen mir in die Augen – vor Zorn und vor Scham. Ich rammte den Schlüssel in die Zündung und legte den Rückwärtsgang ein. »Bemüh dich ein bisschen«, hatte Mom gesagt. Das hat man nun davon, wenn man sich bemüht.

Kapitel 2

Ich brauchte die gesamte Fahrt bis nach Petersburg, um mich wieder zu beruhigen. Doch selbst dann noch brodelte in mir eine Mischung aus Wut und Scham. Was war bloß sein Problem?! Ich dachte immer, in Kleinstädten wären die Menschen freundlich und würden sich nicht wie der Satan höchstpersönlich benehmen.

Die Hauptstraße fand ich sofort und es schien auch wirklich die Hauptstraße zu sein. Dort gab es sogar eine Bücherei, die »Grant County Library on Mount View«, und ich nahm mir fest vor, mir einen Büchereiausweis zu besorgen. Die Auswahl an Lebensmittelgeschäften war begrenzt. Foodland, das eigentlich nur Foo land hieß, weil ein Buchstabe fehlte, befand sich genau dort, wo es der Beschreibung von diesem Vollidioten nach auch sein sollte.

In den Fenstern klebte das Foto einer vermissten Person, einem Mädchen in meinem Alter mit langem dunklem Haar und fröhlichen Augen. Aus dem darunterstehenden Text ging hervor, dass man sie vor gut einem Jahr zum letzten Mal gesehen hatte. Es gab auch eine Belohnung, aber nachdem sie bereits so lange vermisst war, bezweifelte ich, dass die Belohnung je eingefordert werden würde. Plötzlich traurig geworden machte ich mich auf den Weg nach drinnen.

Einkaufen ging bei mir immer schnell. Ziellos durch die Gänge zu streifen hielt ich für Zeitverschwendung. Während ich alles Mögliche in den Wagen warf, wurde mir jedoch bewusst, dass ich mehr besorgen musste als gedacht, weil wir kaum das Notwendigste zu Hause hatten. Es dauerte nicht lange, bis der Wagen randvoll war.

»Katy?«

Eine freundliche Mädchenstimme riss mich aus den Gedanken und ließ mich heftig zusammenfahren, so dass ich einen Karton Eier fallen ließ. »Mist.«

»Oh! Das tut mir leid! Ich habe dich erschreckt. Das passiert mir dauernd.« Eine weibliche Person mit gebräunten Armen griff nach dem Karton und stellte ihn ins Regal zurück. Dann griff sie mit ihren schlanken Händen nach einem neuen und hielt ihn mir hin.

Langsam hob ich den Blick von dem Eigelbgemetzel auf dem Linoleumboden. Für einen Moment verschlug es mir die Sprache. Meinem ersten Eindruck nach erschien sie mir einfach zu hübsch, um mit einem Eierkarton in der Hand in einem Supermarkt zu stehen. Sie war wie eine Sonnenblume mitten in einem Getreidefeld. Im Vergleich zu ihr verblassten alle anderen. Ihr dunkles Haar war wellig und länger als meins. Es reichte bis zur Taille. Sie war groß, schlank und ihre fast perfekten Gesichtszüge hatten etwas Unschuldiges. Sie erinnerte mich an jemanden, insbesondere ihre erstaunlich grünen Augen. Ich biss die Zähne zusammen. Das konnte doch nicht wahr sein!

Sie grinste. »Ich bin Daemons Schwester. Ich heiße Dee.« Sie legte den heilen Eierkarton in meinen Wagen. »Neue Eier!«, sagte sie lächelnd.

»Daemon?«

Dee deutete auf die pinkfarbene Tasche in ihrem Wagen. Obenauf lag ein Handy. »Du hast vor ungefähr einer halben Stunde mit ihm gesprochen. Du hast bei uns geklingelt, um … nach dem Weg zu fragen.«

Der Vollidiot hatte also einen Namen. Daemon – irgendwie passend. Und natürlich sah seine Schwester genauso gut aus wie er. Willkommen in West Virginia, dem inoffiziellen Staat der Models. Ich begann mich zu fragen, ob ich mich hier jemals einleben würde. »Tut mir leid, ich habe nicht damit gerechnet, dass hier jemand meinen Namen kennen könnte.« Und nach einer kurzen Pause hakte ich nach: »Er hat dich angerufen?«

»Ja.« Geschickt zog sie ihren Wagen gerade noch rechtzeitig einem Kleinkind aus dem Weg, das in dem engen Gang Amok lief. »Aber ich habe auch schon mitbekommen, wie ihr eingezogen seid, und hatte sowieso vorbeischauen wollen. Als er mir dann sagte, dass du hier wärst, wollte ich dich unbedingt sofort kennenlernen und habe nach dir gesucht. Er hat mir beschrieben, wie du aussiehst.«

Diese Beschreibung konnte ich mir gut vorstellen.

Neugierig sah sie mich aus ihren leuchtend grünen Augen an. »Nur dass du ganz anders aussiehst, als er behauptet hat, aber egal, ich wusste ohnehin, dass du es warst. Es ist quasi unmöglich, hier nicht jeden zu kennen.«

Mein Blick fiel auf das schmutzig wirkende kleine Kind, das jetzt das Brotregal hinaufkletterte. »Ich glaube nicht, dass dein Bruder mich mag.«

Sie runzelte die Stirn. »Was?«

»Dein Bruder – ich glaube nicht, dass er mich mag.« Ich wandte mich meinem Einkaufswagen zu und fingerte an einer Fleischpackung herum. »Er war nicht sehr … hilfsbereit.«

»O nein«, antwortete sie und dann lachte sie. Ich sah sie irritiert an. »Tut mir leid. Mein Bruder ist ziemlich launisch.«

Ach was. »Ich bin mir sicher, dass es mehr war als nur schlechte Laune.«

Sie schüttelte den Kopf. »Er hat einen schlechten Tag. Er zickt dann immer total rum, glaub mir. Er hat nichts gegen dich. Wir sind Zwillinge. Selbst ich würde ihn an allen Tagen, die auf G enden, liebend gerne umbringen. Daemon umgibt sich mit einer rauen Schale. Er hat eben Probleme mit … Leuten.«

Ich lachte trocken. »Was du nicht sagst.«

»Auf jeden Fall bin ich froh dich hier getroffen zu haben!«, rief sie und wechselte abermals das Thema. »Ich war mir nicht sicher, ob ich euch nicht stören würde, wenn ich einfach rübergekommen wäre, während ihr doch gerade dabei seid, euch einzuleben.«

»Nein, du hättest nicht gestört.« Ich hatte Mühe, dem Gespräch zu folgen, denn sie sprang von einem Thema zum nächsten wie jemand, der unbedingt sein Ritalin brauchte.

»Du hättest mich sehen sollen, als Daemon mir sagte, dass du in unserem Alter bist. Fast wäre ich nach Hause gerannt, um ihn zu umarmen.« Sie zappelte aufgeregt. »Wenn ich allerdings gewusst hätte, dass er so unfreundlich zu dir sein würde, hätte ich ihm eher eine reingehauen.«

»O ja.« Ich grinste. »Ich hätte ihm auch gern eine reingehauen.«

»Stell dir vor, wie es ist, das einzige Mädchen weit und breit zu sein und die meiste Zeit mit deinem nervigen Bruder verbringen zu müssen.« Sie blickte über ihre Schulter hinweg nach hinten und zog die hübschen Brauen zusammen.

Ich folgte ihrem Blick. Der kleine Junge von vorhin hatte jetzt eine Packung Milch in jeder Hand, was mich daran erinnerte, dass auch ich Milch brauchte. »Bin gleich wieder da.« Ich machte mich auf den Weg zum Kühlregal.

Im nächsten Moment bog die Mutter des Kindes um die Ecke und brüllte: »Timothy Roberts, stell das sofort wieder zurück! Was glaubst du –?«

Der Kleine streckte ihr die Zunge raus. Kinder live zu erleben war bisweilen die perfekte Therapie, um enthaltsam zu leben. Nicht dass ich dafür tatsächlich eine bräuchte. Mit der Milch in der Hand kehrte ich zu Dee zurück, die auf den Fußboden starrte. Sie hielt den Griff ihres Wagens so fest umklammert, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten.

»Timothy, du kommst jetzt sofort her!« Die Mutter packte ihn an seinem speckigen Arm. Einige Strähnen lösten sich dabei aus ihrem festen Haarknoten. »Was habe ich dir gesagt?«, zischte sie. »Du hältst dich von denen fern.«

Denen? Ich warf einen Blick den Gang runter. Aber hier standen nur Dee … und ich. Verwirrt sah ich die Frau wieder an und nahm bestürzt den Ekel in ihrem Blick wahr. Abgrundtiefe Abscheu, doch dahinter verbarg sich, worauf ihre fest zusammengepressten zitternden Lippen hindeuteten, nur pure Angst.

Unverhohlen starrte sie Dee an.

Dann hob sie den unsympathischen Jungen auf den Arm und eilte davon. Ihren Einkaufswagen ließ sie mitten im Gang stehen.

Ich wandte mich Dee zu. »Was war denn das?«

Dee lächelte, aber es war ein kühles Lächeln. »Kleinstadt. Die Einheimischen sind manchmal komisch. Das darf man nicht allzu ernst nehmen. Du bist bestimmt total genervt vom Auspacken und dann musst du auch noch einkaufen. Das sind die beiden schlimmsten Dinge, die man sich vorstellen kann. Die Hölle könnte daraus gemacht sein. Stell dir vor, du müsstest bis in alle Ewigkeit Kartons auspacken und einkaufen gehen.«

Dees pausenlosem Geplapper konnte ich wirklich kaum folgen und ich musste grinsen, während wir weitere Einkäufe in unsere Wagen luden. Normalerweise würde jemand wie sie mir nach fünf Minuten auf die Nerven gehen, doch das Blitzen in ihren Augen und wie sie auf den Fersen vor- und zurückwippte, wirkte ansteckend.

»Brauchst du noch mehr?«, erkundigte sie sich. »Ich habe eigentlich alles. Ich bin sowieso nur hergekommen, um dich abzufangen, und dann hat das Tiefkühlregal mit all dem Eis darin förmlich nach mir gerufen.«

Ich lachte und schaute in meinen gut gefüllten Wagen. »Ja, ich hoffe, ich bin auch fertig.«

»Gut, dann können wir gemeinsam bezahlen gehen.«

Während wir an der Kasse warteten, plauderte Dee munter weiter und ich vergaß den seltsamen Zwischenfall vor dem Kühlregal wieder. Dee war der Meinung, dass der Ort einen weiteren Supermarkt bräuchte, da dieser keine Bioprodukte führte, und für das Gericht, das Daemon zum Abendessen kochen sollte, hätte sie ein Biohuhn vorgezogen. Nach einer Weile fiel es mir leichter, ihr zu folgen, und ich begann mich zu entspannen. Sie war nicht hyperaktiv, sondern einfach so … lebendig. Ich hoffte, es würde auf mich abfärben.

Die Schlange an der Kasse bewegte sich wesentlich schneller vorwärts als in größeren Städten. Bald schon waren wir draußen, wo Dee vor einem neuen VW stehen blieb und den Kofferraum öffnete.

»Schicker Wagen«, stellte ich fest. Offenbar hatte die Familie Geld oder Dee einen Job.

»Ich liebe ihn.« Sie tätschelte die hintere Stoßstange. »Er ist mein ganzer Stolz.«

Ich lud die Einkäufe in meine alte Karre.

»Katy?«

»Ja?« Ich drehte die Schlüssel um meinen Finger und hoffte inbrünstig, dass sie sich ungeachtet ihres Affenhirn-Bruders später noch mal mit mir treffen wollte.

»Ich sollte mich für meinen Bruder entschuldigen. Er war sicher nicht besonders nett.«

Fast hatte ich Mitleid mit ihr, dass sie mit so einem Scheißkerl verwandt war. »Du kannst ja nichts dafür.«

Sie spielte an ihrem Schlüsselring herum und sah mich an. »Er hat einen überaus ausgeprägten Beschützerinstinkt und ist Fremden gegenüber daher sehr abweisend.«

Redeten wir hier von einem Hund? Beinahe hätte ich gelacht, doch dann bemerkte ich, dass sie die Augen weit aufgerissen hatte und ehrlich besorgt zu sein schien, dass ich ihr das übel nehmen würde. So ein Bruder muss echt ätzend sein. »Kein Problem. Vielleicht hat er tatsächlich einfach einen schlechten Tag gehabt.«

»Vielleicht.« Sie lächelte, doch es wirkte gequält.

»Ehrlich, mach dir keinen Kopf. Das hat mit uns nichts zu tun«, versicherte ich ihr.

»Danke! Ich will echt nicht aufdringlich sein, aber ich hätte total Lust, heute Nachmittag was mit dir zu machen. Hast du schon was vor?«

»Ich wollte eigentlich das verwilderte Blumenbeet in unserem Vorgarten in Angriff nehmen. Magst du mir vielleicht helfen?« Möglicherweise wäre es ja ganz nett, dabei Gesellschaft zu haben.

»Oh, das klingt wunderbar. Ich bringe nur schnell meine Einkäufe nach Hause und komme danach sofort rüber«, antwortete sie. »Hah, ich freue mich richtig aufs Gärtnern! Ich habe so etwas noch nie gemacht.«

Bevor ich noch fragen konnte, wie man eine Kindheit verbringen konnte, ohne nicht einmal die obligatorischen Tomaten gepflanzt zu haben, war sie zu ihrem Wagen geeilt und vom Parkplatz gebraust. Ich drückte mich von der Stoßstange meiner Karre ab und ging zur Fahrertür. Gerade wollte ich einsteigen, als ich plötzlich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden.

Ich schaute mich auf dem Parkplatz um und konnte lediglich einen Mann in einem schwarzen Anzug und mit dunkler Sonnenbrille sehen, der das Foto einer weiteren vermissten Person auf einer öffentlichen Anschlagtafel studierte. Unwillkürlich musste ich an Men in Black denken.

Fehlten nur noch ein kleiner Gedächtnislöscher und der sprechende Hund. Eigentlich war es zum Lachen, allerdings war nichts komisch an dem Mann … der jetzt auch noch zurückstarrte.

Kurz nach eins klopfte Dee an der Tür. Als ich heraustrat, stand sie auf der Veranda in der Nähe der Stufen und wippte auf hochhackigen Keilsandaletten vor und zurück. Nicht gerade ein Outfit, das ich als »passend zum Gärtnern« bezeichnen würde. Die Sonne bildete einen Heiligenschein um ihren dunklen Kopf und sie grinste mich offenherzig an. In dem Moment erinnerte sie mich an eine Märchenprinzessin. Oder an die kleine Fee aus Peter Pan auf Speed, so aufgedreht, wie sie war.

»Ich hoffe, ich habe deine Mom nicht geweckt«, sagte sie laut flüsternd.

Ich schüttelte den Kopf. »Nee, da kann ein Hurrikan über uns hinwegfegen und sie schläft weiter. Das ist übrigens tatsächlich mal passiert.«

Nach wie vor grinsend setzte sich Dee auf die Hollywoodschaukel. So wie sie die Arme über der Brust verschränkte, wirkte sie jedoch fast scheu. »Kaum war ich mit meinen Einkäufen zu Hause, hat Daemon sofort die halbe Tüte meiner Chips aufgemampft, anschließend zwei meiner Fudge Pops und danach das halbe Glas Erdnussbutter.«

Ich begann zu lachen. »Wow. Wie bleibt er trotzdem so …?« Scharf. »Fit?«

»Ja, es ist erstaunlich.« Sie zog die Beine an und schlang ihre Arme um sie. »Er isst so viel, dass wir zwei bis drei Mal die Woche einkaufen gehen müssen.« Dann sah sie mich mit einem halb belustigten, halb entschuldigenden Blick an. »Allerdings kann auch ich ganz schön viel essen. Wahrscheinlich sollte ich den Mund nicht so voll nehmen.«

Ich war so neidisch, dass es fast wehtat. Ich war nämlich nicht mit einem so schnellen Stoffwechsel gesegnet. Meine Hüften und mein Hintern stellten das bestens zur Schau. Zwar war ich nicht übergewichtig, aber das, was meine Mom als »kurvig« bezeichnete. Wie ich dieses Wort hasste. »Fair ist das nicht. Ich esse eine Tüte Chips und schon habe ich zwei Kilo mehr drauf.«

»Wir haben da Glück.« Plötzlich wirkte ihr Grinsen verspannt. »Egal, du musst mir unbedingt von Florida erzählen. Bin noch nie dort gewesen.«

Ich setzte mich auf das Geländer der Veranda. »Stell dir einfach eine endlose Aneinanderreihung von Einkaufszentren und Parkplätzen vor. Ja, und dann sind da noch die Strände. Doch, für die Strände lohnt es sich.« Ich liebte die Wärme der Sonne auf meiner Haut, während sich die Zehen in den nassen Sand gruben.

»Wow«, sagte Dee und ihr Blick wanderte kurz nach nebenan, als würde sie auf jemanden warten. »Es ist sicher nicht leicht für dich, dich hier einzugewöhnen. Irgendwo neu anzufangen kann echt … schwer sein, wenn man aus seiner Umgebung gerissen wird.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. So schlimm finde ich es gar nicht. Klar, als ich davon erfahren habe, war mein erster Gedanke, das kann doch jetzt wohl nicht wahr sein. Ich wusste bis dahin nicht einmal, dass es diesen Ort gibt.«

Dee lachte. »Ja, das geht vielen so. Wir waren genauso geschockt, als wir hergekommen sind.«

»Ach, ihr seid auch nicht von hier?«

Ihr Lachen erstarb und sie wandte den Blick ab. »Nein, wir sind nicht von hier.«

»Seid ihr wegen der Arbeit eurer Eltern hergezogen?« Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, was für Jobs es hier geben sollte.

»Ja, sie arbeiten in der Stadt. Wir sehen sie kaum.«

Ich hatte das vage Gefühl, dass mehr dahintersteckte. »Das muss schwer sein. Aber … so habt ihr wenigstens eure Freiheiten. Meine Mom ist auch selten da.«

»Dann weißt du ja, wovon ich spreche.« Sie sah plötzlich niedergeschlagen aus. »Wir führen mehr oder weniger unser eigenes Leben.«

»Und man würde annehmen, dass unsere Leben spannender wären, als sie es sind, stimmt’s?«

Ein wenig wehmütig sah sie mich an. »Das habe ich früher auch immer gedacht. Aber hast du je davon gehört, dass man darauf achtgeben soll, was man sich wünscht?« Sie stieß sich mit den Fußspitzen ab. Keine von uns schien es eilig zu haben, das nun folgende Schweigen zu unterbrechen. Ich wusste genau, was sie meinte. Unzählige Male hatte ich nachts wach gelegen und gehofft, Mom würde endlich aus sich rauskommen und etwas verändern – und willkommen in West Virginia.

Dunkle Wolken schienen aus dem Nichts heranzuziehen und verfinsterten den Garten. Dee runzelte die Stirn. »O nein! Sieht so aus, als würde eins unserer berühmten nachmittäglichen Unwetter auf uns niedergehen. Meistens dauern sie ein paar Stunden.«

»Pech gehabt. Dann verschieben wir die Gartenarbeit wohl lieber auf morgen. Hast du Zeit?«

»Klar.« Dee fröstelte, die Luft war plötzlich kühl geworden.

»Ich frage mich, woher das Unwetter kommt?«, überlegte ich. »Wie aus dem Nichts war es auf einmal da.«

Dee sprang von der Schaukel und wischte sich die Hände an der Hose ab. »Sieht ganz so aus. Ich glaube, deine Mom ist inzwischen aufgestanden, und ich muss Daemon wecken.«

»Er schläft? Ist das nicht ein bisschen spät?«

»Er ist halt komisch«, antwortete Dee. »Ich komme morgen wieder vorbei und dann können wir gemeinsam zum Baumarkt fahren.«

Lachend ließ ich mich vom Geländer gleiten. »Klingt gut.«

»Super.« Sie sprang die Verandastufen hinunter und drehte sich noch einmal um. »Ich sage Daemon, dass du ihn grüßen lässt!«

Ich merkte, wie ich feuerrot wurde. »Ach, das muss nicht unbedingt sein.«

»Glaub mir, es muss!« Lachend rannte sie nach nebenan. Wahnsinn! Das pure Leben.

Meine Mutter stand mit einem Kaffee in der Hand in der Küche. Als sie sich zu mir umdrehte, schwappte die dampfende braune Flüssigkeit über die Arbeitsplatte. Der unschuldige Blick auf ihrem Gesicht verriet sie.

Ich griff nach einem Tuch und ging damit zum Tresen. »Sie wohnt nebenan und heißt Dee. Ich habe sie im Supermarkt getroffen.« Ich wischte den Kaffee auf. »Sie hat einen Bruder. Er heißt Daemon. Sie sind Zwillinge.«

»Zwillinge? Wie interessant.« Sie lächelte. »Ist Dee nett?«

Ich seufzte. »Ja, Mom, sie ist sehr nett.«

»Ich bin so froh. Es war höchste Zeit, dass du aus deinem Panzer rauskommst.«

Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass ich in einem Panzer steckte.

Meine Mutter blies sanft in ihren Becher und nahm dann einen Schluck, während sie mich über den Rand hinweg ansah. »Hast du dich mit ihr für morgen verabredet?«

»Du weißt es doch. Du hast gelauscht.«

»Natürlich.« Sie zwinkerte. »Ich bin deine Mom. So etwas tun Mütter.«

»Was? Gespräche belauschen?«

»Ja, wie soll ich sonst wissen, was los ist?«, fragte sie.

Ich verdrehte die Augen und machte mich auf den Weg in Richtung Wohnzimmer. »Schon mal was von Privatsphäre gehört, Mom?«

»Ach Schatz«, rief sie mir aus der Küche nach. »Privatsphäre ist doch überbewertet!«

Kapitel 3

An dem Tag, an dem ich endlich wieder eine Internetverbindung hatte, fühlte ich mich besser, als wenn der heißeste Kerl meinen Hintern bewundert und nach meiner Telefonnummer gefragt hätte. Nie war ich glücklicher gewesen. Da dies zufällig auf einen Mittwoch fiel, schrieb ich schnell einen »Waiting on Wednesday«-Beitrag für meinen Blog, in dem ich ein neues Jugendbuch über einen coolen Typen in einer tödlichen Mission vorstellte – damit konnte man nicht verkehrt liegen –, dann entschuldigte ich mich für meine lange Abwesenheit, reagierte auf Kommentare und checkte einige meiner Lieblingsblogs. Es war wie nach Hause kommen.

»Katy?«, rief meine Mutter die Treppe hinauf. »Deine Freundin Dee ist da.«

»Ich komme«, rief ich zurück, klappte meinen Laptop zu und sprang die Treppe hinunter. Kurze Zeit später waren Dee und ich schon auf dem Weg zum Baumarkt, der natürlich überhaupt nicht in der Nähe des Foo land war, wie Daemon gesagt hatte. Immerhin gab es dort alles, was ich brauchte, um das unansehnliche Blumenbeet im Vorgarten in Ordnung zu bringen.

Wieder zu Hause hievten wir mit vereinten Kräften einen Sack nach dem anderen aus dem Kofferraum. Die Erde und der Mulch waren unglaublich schwer, und als wir damit fertig waren, lief uns der Schweiß nur so runter.

»Willst du etwas trinken, bevor wir das Zeug zum Beet schleppen?«, bot ich an, denn mir tat alles weh.

Sie rieb sich die Hände sauber und nickte. »Ich sollte echt anfangen Gewichte zu stemmen. Das hier hat mich fertiggemacht.«

Wir gingen ins Haus und holten uns Eistee aus dem Kühlschrank. »Erinnere mich daran, dass ich mich noch im Fitnessstudio einschreiben wollte«, witzelte ich und drückte meine kraftlosen Arme.

Dee lachte und drehte sich die schweißnassen Haare aus dem Nacken. Sogar erschöpft und mit erhitztem Gesicht war sie noch bildhübsch, während ich wahrscheinlich wie eine Serienmörderin aussah. Zumindest wussten wir jetzt, dass ich zu schwach war, um wirklich gefährlich zu werden. »Ähm. Vergiss nicht, wir sind in Ketterman. Unter Fitnessstudio versteht man hier, die Mülltonne bis zum Ende des Schotterwegs zu ziehen oder Heu einzuholen.«

Ich besorgte ihr ein Haargummi, während wir uns weiterhin darüber lustig machten, wie uncool mein neues Kleinstadtleben doch war. Höchstens zehn Minuten blieben wir im Haus, aber als wir wieder rauskamen, lagen alle Säcke fein säuberlich gestapelt neben der Veranda.

Überrascht sah ich sie an. »Wie sind die denn hierhergekommen?«

»Das war wahrscheinlich mein Bruder«, sagte Dee, kniete sich vor das Beet und machte sich daran, das Unkraut herausziehen.

»Daemon?«

Sie nickte. »Er spielt gern den heimlichen Helden.«

»Heimlichen Helden?«, murmelte ich, hielt es aber für ziemlich unwahrscheinlich. Eher waren die Säcke aus eigener Kraft dorthin geschwebt.

Dee und ich gingen mit mehr Elan auf das Unkraut los, als ich uns zugetraut hätte. Schon immer war ich der Meinung gewesen, dass man beim Unkrautjäten wunderbar Dampf ablassen konnte, und wenn Dees ruckartige Bewegungen irgendwelche Schlüsse zuließen, dann, dass sie viel Frust abzubauen hatte. Was mich bei dem Bruder nicht überraschte.

Anschließend betrachtete sie ihre malträtierten Nägel. »Das war’s dann wohl mit der Maniküre.«

Ich grinste. »Ich habe dir doch gesagt, dass du Handschuhe anziehen sollst.«

»Aber du trägst auch keine«, entgegnete sie.

Ich hob meine schmutzigen Hände hoch und seufzte leise. Meine Nägel waren ständig abgebrochen. »Ja, aber meine sehen fast immer so aus.«

Dee zuckte mit den Schultern und griff nach einer Harke. Es sah lustig aus, wie sie das Ding in Rock und Keilsandaletten hinter sich herzog. Sie hatte darauf bestanden, dass dieses Outfit der letzte Schrei für die Gartenarbeit sei. »Macht übrigens Spaß.«

»Besser als shoppen?«, hakte ich nach.

Sie rümpfte die Nase und schien ernsthaft darüber nachzudenken. »Ja … es entspannt mehr.«

»Finde ich auch. Wenn ich so was mache, denke ich an gar nichts.«

»Das ist das Schöne daran.« Sie begann die alte Erde aus dem Beet zu harken. »Tust du es, um nicht nachdenken zu müssen?«

Ich riss einen weiteren Sack Mulch auf und war mir nicht sicher, wie ich die Frage beantworten sollte. »Mein Dad … liebte solche Dinge. Er hatte einen grünen Daumen. In unserer vorherigen Wohnung hatten wir zwar keinen Garten oder Hof, aber einen Balkon. Und daraus haben wir einen Garten gemacht.«

»Was ist mit deinem Dad? Haben sich deine Eltern scheiden lassen?«

Ich presste die Lippen aufeinander. Ich redete nicht gern über ihn. Eigentlich nie. Er war ein guter Mann gewesen – ein wunderbarer Vater. Er hatte sein Schicksal nicht verdient.

Nach einer Weile sagte Dee: »Tut mir leid. Es geht mich nichts an.«

»Nein, schon gut.« Ich stand auf und putzte mir die Erde vom T-Shirt. Als ich wieder aufblickte, lehnte sie gerade die Harke an die Veranda. Ihr linker Arm verschwamm vor meinen Augen. Ich konnte sogar das weiße Geländer durch ihn hindurchsehen. Ich blinzelte. Ihr Arm blieb verschwunden.

»Katy? Alles in Ordnung?«

Plötzlich klopfte mir das Herz bis zum Hals. Ich zwang mich, meine Augen von ihrem durchsichtigen Arm zu lösen und ihr ins Gesicht zu schauen, doch dann fiel mein Blick unweigerlich zurück auf ihren Arm. Er war wieder da. Makellos. Ich schüttelte den Kopf. »Ja, alles in Ordnung. Ähm … mein Dad war krank. Krebs. Unheilbar – im Gehirn. Er bekam oft Kopfschmerzen und sah immer mal wieder seltsame Dinge.« Ich musste schlucken und wandte mich ab. So seltsame Dinge wie ich? »Aber abgesehen davon ging es ihm bis zur Diagnose hin gut. Sie versuchten es mit Chemo- und Strahlentherapie, aber dann … ging es plötzlich ganz schnell. Zwei Monate später ist er gestorben.«

»O Gott, Katy. Das tut mir so leid.« Sie war blass geworden und sprach ganz leise. »Das ist ja schrecklich.«

»Schon okay.« Ich zwang mich zu einem Lächeln, auch wenn ich mich nicht so fühlte. »Das war vor ungefähr drei Jahren. Deshalb wollte meine Mom umziehen. Wegen Neuanfang und so.«

Ihre Augen glänzten in der Sonne. »Das kann ich verstehen. Wenn man jemanden verliert, heilt auch die Zeit keine Wunden, oder?«

»Nein.« Sie hatte so geklungen, als wüsste sie, wovon sie sprach, aber bevor ich danach fragen konnte, schwang nicht weit von uns entfernt die Tür zu ihrem Haus auf. Mir wurde flau im Magen. »O nein«, wisperte ich.

Dee drehte sich um und sagte seufzend: »Sieh mal, wer da ist.«

Es war bereits nach ein Uhr mittags und Daemon sah aus, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen. Die Jeans wirkte zerknittert, sein Haar war platt gedrückt und zerzaust. Er telefonierte und rieb sich dabei mit der Hand übers Kinn.

Oben herum trug er nichts.

»Besitzt er kein T-Shirt?«, fragte ich und griff nach dem Spaten.

»Nicht wirklich, nicht einmal im Winter trägt er eins. Er rennt immer so herum.« Sie stöhnte. »Total nervig, so viel von seiner … Haut zu sehen. Igitt.«

Für sie vielleicht. Ich dagegen fand es ziemlich scharf. Hastig begann ich an mehreren Stellen Löcher zu graben. Meine Kehle war staubtrocken. Makelloses Gesicht. Toller Körper. Ätzendes Verhalten – die heilige Dreieinigkeit scharfer Typen.

Daemon blieb auf der Terrasse seines Hauses und telefonierte noch ungefähr dreißig Minuten lang weiter. Doch seine Anwesenheit veränderte alles. Keine Chance, ihn zu ignorieren, selbst wenn ich ihm den Rücken zuwandte. Auch dann spürte ich, wie er mich beobachtete. Meine Schulterblätter begannen zu prickeln. Als ich mich schließlich zu ihm umdrehte, war er fort, kehrte aber im nächsten Augenblick wieder zurück. Diesmal mit T-Shirt. Mist. Ich vermisste den Anblick jetzt schon.

Ich war gerade dabei, neue Erde festzudrücken, als Daemon herübergeschlendert kam und seiner Schwester mit Schwung einen Arm um die Schultern legte. Sie versuchte sich aus seinem Griff herauszuwinden, aber er hielt sie fest. »Hi, Schwesterherz.«

Sie verdrehte die Augen, grinste aber. Ihr Blick machte klar, wie sehr sie ihn verehrte. »Danke, dass du die Säcke für uns geschleppt hast.«

»Das war ich nicht.«

Dee verdrehte abermals die Augen. »Dann nicht, Blödmann.«

»Das ist aber nicht sehr freundlich.« Lächelnd zog er sie näher an sich heran. Das Lächeln war echt und es sah gut aus. Er sollte es öfter tun. Dann blickte er zu mir und seine Augen verengten sich, als hätte er eben erst bemerkt, dass ich ebenfalls anwesend war, in meinem Garten. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. »Was tust du da?«

Ich schaute an mir hinab. Eigentlich war es nicht zu übersehen. Meine Klamotten waren voller Erde und um mich herum lagen Pflanzen. »Ich bringe –«

»Dich habe ich nicht gefragt.« Er wandte sich seiner Schwester zu, deren Wangen glühten. »Was tust du?«

Ich hatte mir geschworen, mich nicht wieder von ihm verunsichern zu lassen. Deshalb zuckte ich nur mit den Schultern und griff nach einer der Pflanzen, die wir gekauft hatten. Mitsamt den Wurzeln riss ich sie aus dem Plastiktopf.

»Ich helfe ihr mit dem Blumenbeet. Komm, sei nett.« Dee boxte ihm in den Magen und befreite sich dann aus seinem Griff. »Sieh dir an, was wir bereits gemacht haben. Ich glaube, wir sind heimliche Naturtalente.«

Daemon richtete den Blick auf mein gartengestalterisches Meisterstück. Wenn ich einen Traumjob benennen müsste, wäre es Landschaftsplanung, im Freien arbeiten. Ich war überhaupt kein Outdoor-Typ, aber sobald ich mit den Händen tief in der Erde wühlen konnte, war ich in meinem Element. Ich liebte alles daran. Das Eintönige, den würzigen Geruch und wie ein bisschen Wasser und frische Erde etwas Welkem zu neuem Leben verhelfen konnten.

Und ich war gut darin. Ich schaute mir jede Gartensendung an. Ich wusste, wo man Pflanzen platzieren musste, die mehr Sonne brauchten, und wohin jene, die besser im Schatten gediehen. Um in dem Beet eine Art Stufeneffekt zu erreichen, hatte ich die größeren, robusteren Blattpflanzen nach hinten gesetzt und die Blumen nach vorn. Es fehlte nur noch Erde und Mulch und voilà!

Daemon hob eine Augenbraue.

In mir zog sich alles zusammen. »Was ist?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ganz hübsch.«

»Ganz hübsch?« Dee klang so beleidigt, wie ich mich fühlte. »Das ist mehr als nur ›ganz hübsch‹. Das haben wir super gemacht. Na ja, eigentlich hat Katy es super gemacht. Ich habe ihr die Pflanzen nur hingehalten.«

»Damit verbringst du also deine Freizeit?«, fragte er mich, ohne auf seine Schwester einzugehen.

»Ach, hast du dich jetzt doch entschlossen, mit mir zu sprechen?« Ich lächelte grimmig, nahm eine Handvoll Mulch und verteilte ihn. Wässern und noch einmal festdrücken. »Ja, es ist eine Art Hobby. Hast du auch eins? Unschuldige Welpen treten vielleicht?«

»Ich weiß nicht, ob ich es dir vor meiner Schwester sagen sollte«, antwortete er und schaute eindeutig zweideutig.

»Ihh.« Dee verzog das Gesicht.

Vor meinem inneren Auge tauchten plötzlich Bilder auf, die absolut nicht jugendfrei waren, und das süffisante Grinsen auf seinem Gesicht verriet mir, dass er sich dessen sehr wohl bewusst war. Ich griff nach einer Handvoll Mulch.

»Aber es ist nicht annähernd so öde wie das hier«, fügte er hinzu.

Ich hielt inne. Rote Zedernholzspäne glitten mir aus den Fingern. »Wieso soll das hier öde sein?«

Er sah mich mit einem Blick an, der sagte: Muss ich dir das wirklich erklären? Und ja, Gartenarbeit war nicht gerade ultracool, das war mir sehr wohl bewusst. Aber es war sicher nicht öde. Nur weil ich Dee mochte, hielt ich den Mund und begann den Mulch zu verteilen.

Dee stieß ihren Bruder in die Seite, aber er rührte sich nicht vom Fleck. »Kannst du dich bitte einmal benehmen!«

»Ich benehme mich doch«, entgegnete er.

Ich hob die Augenbrauen.

»Willst du etwas dazu sagen, Kätzchen?«, fragte Daemon.

»Abgesehen davon, dass ich nie wieder Kätzchen genannt werden möchte, nicht.« Ich strich den Mulch glatt und richtete mich auf, um das Ergebnis zu bewundern. Grinsend blickte ich zu Dee hinüber. »Also ich finde, wir haben gute Arbeit geleistet.«

»Ja.« Abermals stieß Dee ihren Bruder in Richtung ihres Hauses, doch noch immer machte er keine Anstalten zu gehen. »Ob nun öde oder nicht, wir haben wirklich gute Arbeit geleistet. Und weißt du was? Ich bin irgendwie gern öde.«

Daemon musterte die frisch gepflanzten Blumen, als wollte er sie für ein wissenschaftliches Experiment sezieren.

»Und ich glaube, wir sollten mein persönliches Bedürfnis, öde zu sein, auch auf dem Blumenbeet vor unserem Haus zur Schau stellen«, fuhr Dee fort und ihre Augen blitzten begeistert auf. »Wir könnten noch mal zum Baumarkt fahren, ein paar weitere Sachen besorgen und dann kannst du –«

»Sie ist in unserem Haus nicht willkommen«, unterbrach Daemon sie scharf. »Das meine ich ernst.«

Überrascht von der Heftigkeit seiner Worte trat ich einen Schritt zurück.

Dee hingegen rührte sich nicht vom Fleck, sondern ballte ihre zarten Hände zu Fäusten. »Ich meinte das Beet, das sich, zumindest als ich es zum letzten Mal gesehen habe, vor und nicht in unserem Haus befand.«

»Das ist mir egal. Ich will sie bei uns nicht sehen.«

»Daemon, hör auf«, flüsterte Dee und Tränen schossen ihr in die Augen. »Bitte, ich mag sie.«

Dann geschah etwas Bemerkenswertes. Seine Züge wurden weicher. »Dee …«

»Bitte!«, flehte sie abermals und begann auf und ab zu hüpfen, als wäre sie ein kleines Mädchen, das um sein Lieblingsspielzeug bettelt, was bei ihrer Größe seltsam unpassend wirkte. Ich hätte Daemon am liebsten einen Tritt verpasst, weil er seine Schwester ganz offensichtlich in die Lage brachte, um Freundschaften betteln zu müssen.

Leise fluchend verschränkte er die Arme. »Dee, du hast doch schon genügend Freunde.«

»Das ist nicht das Gleiche und das weißt du genau.« Sie ahmte seine Körperhaltung nach. »Das ist etwas anderes.«

Mit einem angespannten Zug um die Lippen schaute Daemon jetzt in meine Richtung. Hätte ich den Spaten noch in der Hand gehabt, hätte ich für nichts garantieren können. »Sie sind deine Freunde, Dee. Sie sind wie du. Du musst nicht mit jemandem … jemandem wie ihr befreundet sein.«

Bis jetzt war ich still gewesen, da ich keine Ahnung hatte, wovon sie sprachen, und nichts sagen wollte, das Dee vielleicht verärgern würde. Immerhin war dieser Vollidiot ihr Bruder, aber das – das war wirklich zu viel. »Was meinst du mit jemandem wie mir?«

Er legte den Kopf schief und atmete langsam aus.

Seine Schwester blickte nervös zwischen uns beiden hin und her. »Nichts meint er damit.«

»Bullshit«, murmelte er.

Ich ballte die Hände zu Fäusten. »Was zum Teufel hast du eigentlich für ein Problem?«

Daemon baute sich vor mir auf. Sein Gesicht hatte einen seltsamen Ausdruck angenommen. »Du bist mein Problem.«

»Ich bin dein Problem?« Ich machte einen Schritt auf ihn zu. »Ich kenne dich nicht einmal. Und du kennst mich nicht.«

»Ihr seid alle gleich.« Ein Muskel in seinem Kiefer zuckte. »Ich muss dich gar nicht kennenlernen. Und will es auch nicht.«

Wütend fuchtelte ich mit den Händen in der Luft herum. »Damit bin ich sehr einverstanden, denn ich will dich auch nicht kennenlernen.«

»Daemon«, rief Dee und hielt ihn am Arm fest. »Jetzt hör auf!«

Höhnisch grinsend schaute er mir in die Augen. »Mir gefällt es nicht, dass du mit meiner Schwester befreundet bist.«

Ich folgte dem ersten Gedanken, der mir in den Sinn kam, auch wenn er sicher nicht der schlaueste war und ich normalerweise auch nicht der Typ war, der sofort zurückschießt. Doch dieser Kerl machte mich wahnsinnig und ich hatte die Schnauze inzwischen gestrichen voll. »Und mir ist es so was von scheißegal, was dir gefällt.«

War er gerade noch neben Dee gewesen, stand er jetzt direkt vor mir. Und zwar wirklich direkt vor mir. So schnell konnte er sich gar nicht bewegt haben. Nie und nimmer. Aber er war jetzt hier und schaute auf mich herab. Es war, als hätte er sich von einer Stelle zur nächsten gebeamt.

»Wie … konntest du so schnell sein …?« Ich machte einen Schritt rückwärts und rang nach Worten. Sein Blick war so bohrend, dass ich erschauderte. Heilige Scheiße …

»Hör mir gut zu«, sagte er und machte wieder einen Schritt nach vorn, worauf ich weiter zurückwich. Er folgte mir, bis mir der vorstehende Ast eines großen Baums in den Rücken stieß. Daemon beugte sich zu mir hinab und im nächsten Moment war ich von seinen unnatürlich grünen Augen gefangen. Sein Körper strahlte Hitze aus. »Ich sage es dir nur ein einziges Mal. Wenn meiner Schwester etwas zustößt, dann hilf mir –« Er hielt inne und holte tief Luft, während sein Blick zu meinen geöffneten Lippen wanderte. Mir stockte der Atem. In seinen Augen flackerte etwas, aber er verengte sie abermals zu Schlitzen und verbarg, was auch immer dort gewesen sein mochte.

Wieder konnte ich nichts gegen die Bilder tun, die wie automatisch vor meinem inneren Auge auftauchten. Nur wir beide. Verschwitzt und erregt. Ich biss mir auf die Lippen und versuchte cool zu bleiben, aber als sein Gesichtsausdruck plötzlich so selbstgefällig wurde, dass ich es kaum ertragen konnte – und im nächsten Moment überhaupt nicht mehr ertragen konnte –, ahnte ich, dass er meine Gedanken erraten hatte.

»Ganz schön schmutzig, Kätzchen.«

Ich blinzelte. Leugnen. Leugnen. Leugnen. »Was hast du gesagt?«

»Schmutzig«, wiederholte er und sprach so leise, dass Dee ihn nicht hören konnte. »Überall an dir klebt Dreck. Was dachtest du denn, was ich meinte?«

»Nichts«, sagte ich und wünschte mir ganz fest, er würde endlich ein Stück zurücktreten. Daemon so nahe zu sein war nicht gerade beruhigend. »Ich arbeite im Garten. Dabei macht man sich eben schmutzig.«

Sein Mund zuckte. »Da kenne ich aber viel spaßigere Sachen … um schmutzig zu werden. Nicht dass ich vorhätte sie dir zu zeigen.«

Wahrscheinlich kannte er jede einzelne dieser Sachen aus eigener Erfahrung. Eine Hitzewelle brachte meine Wangen zum Glühen und rauschte meine Kehle hinunter. »Lieber würde ich mich in Kuhscheiße wälzen als an den Orten, wo du die Nächte verbringst.«

Daemon hob eine Augenbraue und drehte sich dann von mir weg. »Wir müssen Matthew anrufen«, sagte er zu seiner Schwester. »Und damit meine ich, jetzt sofort und nicht in fünf Minuten.«

Fassungslos blieb ich an dem Baum stehen, bis er in seinem Haus verschwunden war und die Tür hinter ihm zuschlug. Ich schluckte und blickte zu einer verzweifelten Dee hinüber. »Okay«, sagte ich. »Das war stark.«

Dee ließ sich auf die Stufen fallen und hielt sich die Hände vors Gesicht. »Ich liebe ihn wirklich. Er ist mein Bruder, der einzige –« Sie unterbrach sich und hob den Kopf. »Aber er benimmt sich gerade unfassbar. Ich weiß es ja. Er war mal anders.«

Wortlos sah ich sie an. Das Herz schlug mir immer noch bis zum Hals und pumpte das Blut viel zu schnell durch meine Adern. Ich wusste nicht, ob Furcht oder Adrenalin daran Schuld trugen, dass mir schwindelig war, als ich mich schließlich von dem Baum abstieß und auf sie zuging. Wenn es nicht Furcht war, sollte ich vielleicht mal darüber nachdenken, ob sie nicht langsam angebracht wäre.

»Er macht es mir schwer, Freunde zu haben«, murmelte sie und starrte auf ihre Hände. »Er vergrault sie alle.«

»In der Tat, aber ich frage mich, warum?« Das fragte ich mich wirklich. Sein Besitzanspruch schien mir ziemlich überzogen. Meine Hände zitterten noch immer, und obwohl er fort war, spürte ich ihn nach wie vor – die Hitze, die er ausgestrahlt hatte. Es war … sexy gewesen. Leider.

»Es tut mir so, so leid.« Sie sprang von den Stufen auf, öffnete ihre Hände und schloss sie wieder. »Er ist einfach überfürsorglich.«

»Das habe ich gemerkt, aber ich bin doch kein Kerl, der dich sexuell belästigt oder so?«

Kurz hoben sich ihre Mundwinkel zu einem Grinsen. »Ich weiß. Aber er macht sich eben ständig Sorgen. Ich bin mir sicher, dass er … sich beruhigen wird, wenn er dich besser kennenlernt.«

Das bezweifelte ich.

»Bitte sag mir, dass er dich nicht auch noch vergrault hat.« Mit ernster Miene stellte sie sich vor mich hin. »Wahrscheinlich denkst du, mit mir befreundet zu sein ist den Ärger nicht wert –«

»Nein, mach dir keine Gedanken.« Ich fuhr mir mit der Hand über die Stirn. »Er hat mich nicht vergrault – und das wird er auch nicht.«

Sie sah plötzlich so erleichtert aus, dass ich befürchtete, sie würde zusammenbrechen. »Gut, ich muss los, aber ich werde das in Ordnung bringen. Versprochen.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Da gibt es nichts in Ordnung zu bringen. Er ist nicht dein Problem.«

Ihr Gesicht nahm plötzlich einen seltsamen Ausdruck an. »Irgendwie doch. Na ja, wir reden später weiter, okay?«

Nickend beobachtete ich, wie sie zu ihrem Haus ging. Ich griff nach den leeren Säcken. Was hatte das nur zu bedeuten? Noch nie hatte ich erlebt, dass jemand so negativ auf mich reagierte. Und wie um alles in der Welt hatte er sich so schnell bewegen können? Kopfschüttelnd warf ich die Säcke in den Müll. Daemon war heiß, aber ein Mistkerl. Ein Tyrann. Und was ich zu Dee gesagt hatte, war ernst gemeint. Er würde mich nicht davon abhalten, mit seiner Schwester befreundet zu sein. Er würde damit leben müssen. Ich würde keinen Schritt zur Seite weichen.

Kapitel 4

Am folgenden Montag schrieb ich keinen neuen Beitrag für meinen Blog, weil ich montags normalerweise über neue Bücher berichtete, im Moment aber gar nichts Neues las. Stattdessen beschloss ich, endlich einmal wieder mein armes, altes Auto zu waschen. Meine Mutter schlief, wäre aber sicher stolz auf mich gewesen, wenn sie gesehen hätte, dass ich mich draußen aufhielt, anstatt vor dem Laptop rumzuhängen. Abgesehen von der gelegentlichen Gartenarbeit war ich nämlich ein typischer Stubenhocker.

Der Himmel war blau und die Luft brachte einen würzigen Kieferngeruch mit sich. Ich begann damit, den Innenraum zu reinigen, und war erstaunt, wie viele Stifte und Haargummis ich dort fand. Als mir dabei meine Schultasche auf der Rücksitzbank in die Augen fiel, zog sich alles in mir zusammen. In zwei Wochen würde die neue Schule beginnen und ich wusste, dass Dee spätestens dann wieder von ihren Freunden umringt wäre – Freunden, die Daemon allesamt akzeptierte, was bei mir nicht der Fall war, weil er mich offenbar für eine Crackdealerin oder Schlimmeres hielt.

Als der Innenraum einigermaßen sauber aussah, holte ich einen Eimer und den Gartenschlauch und schäumte den größten Teil des Wagens ein, doch als ich das Dach in Angriff nahm, schäumte ich vor allem mich selbst ein und ließ den rutschigen Schwamm am laufenden Band zu Boden fallen. Egal von welcher Seite ich es auch versuchte, das Dach war eine Nummer zu groß für mich.

Fluchend zupfte ich Steinchen und Gras aus dem Schwamm, den ich am liebsten in den angrenzenden Wald gefeuert hätte. Stattdessen warf ich ihn in den Eimer zurück.

»Du siehst aus, als könntest du ein bisschen Hilfe gebrauchen.«

Ich erschrak. Kaum einen Meter von mir entfernt stand Daemon, die Hände in den Taschen seiner verwaschenen Jeans. Die grünen Augen funkelten im Sonnenlicht.

Abermals hatte mich sein plötzliches Erscheinen mehr als überrascht. Ich hatte ihn überhaupt nicht kommen hören. Wie konnte sich jemand so verdammt lautlos bewegen, insbesondere jemand von seiner Größe? Und ja, er trug ein T-Shirt. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm dafür dankbar oder enttäuscht sein sollte. Abgesehen von dem, was er gewöhnlich so von sich gab, war er immer noch zum Dahinschmelzen. Ich riss mich zusammen und bereitete mich auf die unvermeidliche verbale Ohrfeige vor.