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Willkommen in der gnadenlosen Realität der Arbeitswelt, in der die menschliche Würde oft unter dem Druck von Maschinen, Erwartungen und Ausbeutung zerbricht. Mit rauer Sprache und ungeschönten Bildern taucht Michael Bäuerle in seiner Kurzgeschichtensammlung Ochsen-Jobs tief in die Abgründe des Arbeitsalltags ein. Ob es der resignierte Schlachthofarbeiter ist, dessen Routine ihn langsam auffrisst, die gescheiterte Trapezkünstlerin, die an den unsichtbaren Seilen der Gesellschaft hängt, oder die verzweifelte Suche nach Sinn jenseits von Asphalt und Blut - jede Geschichte ist ein Schlag in die Magengrube, eine Einladung, den Blick nicht abzuwenden, sondern hinzusehen. Bäuerle nimmt seine Leser mit an Orte, die man lieber meiden würde, und zeigt dabei mit messerscharfem Sarkasmus und bitterem Humor, wie Arbeit nicht nur Existenzen, sondern auch Träume zerstören kann. Doch da, wo sich Dunkelheit breitmacht, blitzen auch Momente der Hoffnung auf - manchmal leise, manchmal mit der Wucht eines Bolzenschusses. Ein literarischer Wachrüttler für alle, die glauben, dass Arbeit allein den Menschen adelt. Ochsen-Jobs ist unbequem, ehrlich und verstörend aktuell. Ein Buch, das bleibt - wie die Spuren, die es hinterlässt.
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Willkommen in der gnadenlosen Realität der Arbeitswelt, in der die menschliche Würde oft unter dem Druck von Maschinen, Erwartungen und Ausbeutung zerbricht. Mit rauer Sprache und ungeschönten Bildern taucht Michael Bäuerle in seiner Kurzgeschichtensammlung Ochsen-Jobs tief in die Abgründe des Arbeitsalltags ein.
Ob es der resignierte Schlachthofarbeiter ist, dessen Routine ihn langsam auffrisst, die gescheiterte Trapezkünstlerin, die an den unsichtbaren Seilen der Gesellschaft hängt, oder die verzweifelte Suche nach Sinn jenseits von Asphalt und Blut – jede Geschichte ist ein Schlag in die Magengrube, eine Einladung, den Blick nicht abzuwenden, sondern hinzusehen.
Bäuerle nimmt seine Leser mit an Orte, die man lieber meiden würde, und zeigt dabei mit messerscharfem Sarkasmus und bitterem Humor, wie Arbeit nicht nur Existenzen, sondern auch Träume zerstören kann. Doch da, wo sich Dunkelheit breitmacht, blitzen auch Momente der Hoffnung auf – manchmal leise, manchmal mit der Wucht eines Bolzenschusses.
Ein literarischer Wachrüttler für alle, die glauben, dass Arbeit allein den Menschen adelt. Ochsen-Jobs ist unbequem, ehrlich und verstörend aktuell. Ein Buch, das bleibt – wie die Spuren, die es hinterlässt.
Michael Bäuerle, geboren 1957
auf der Schwäbischen Alb,
inzwischen Wahldresdner,
ist Autor, Fotograf und Digital-Maler.
Herzlichen Dank an Jacky
für Motivation und Inspiration!
1. Bolzenschuss und Bier
2. Vom Blut zum Bitumen
3. Leben auf dünnem Seil
4. Der alte Fernfahrer
5. Im Kohlenpott
6. Ein Kochlöffel voll Koks
7. Epilog
Karl stand in seiner kleinen, runtergekommenen Kabine. Offiziell hieß das „Betäubungsbereich“, aber keiner mit mehr Hirn als ’ne Mettwurst nannte das so. Für Karl war das einfach die „Knallbude“, sein persönlicher Abgrund, wo er seit 15 Jahren Kühe von „Muh“ zu „Matsch“ verarbeitete. Das Neonlicht flackerte wie ein epileptischer Rave, die Wände waren so dreckig, dass selbst ’ne Ratte sich hier schämte, und irgendwo tropfte ’ne Leitung vor sich hin, die wahrscheinlich schon beim Bau der Titanic im Arsch war.
Sein treues Bolzenschussgerät, ein richtiges Scheißding, lehnte an der Wand wie ’n alter Saufkumpel. Alle paar Minuten schlappt ’ne Kuh durch die Schleuse. Rind rein, Bolzen zack, Rind platt. „PENG!“ – ein Soundtrack, der Karl inzwischen so vertraut war wie das Rülpsen nach ’m Feierabendbier.
Karl war mal jung. Unglaublich, oder? Aber damals, vor 15 Jahren, stand er mit 20 Frühlingsrollen auf dem Buckel, frisch vom Bauernhof, mitten im Schlachthof. Neben ihm: Dieter, ein wandelnder Kleiderschrank mit Achselhöhlen, die wahrscheinlich den Amazonas bewässern könnten.
„Na, Kleiner, haste Bock oder machste dir gleich in die Bux?“ grunzte Dieter und drückte ihm das Bolzenschussgerät in die Hand. „Hier, fang mal an. Ist schwerer als dein Leben demnächst, sag ich dir.“
„Äh, klar, kein Problem,“ log Karl und hielt das Ding so unbeholfen wie ’n Veganer ein Wurstbrot.
Dieter stapfte zur ersten Kuh. Das Vieh guckte, als wüsste es, dass der Spaß gleich vorbei war, aber sagen konnte es nix. Dieter zielt, zack, Bolzen rein, Kuh platt. „Siehste? Kein Drama. Jetzt du, Tiger.“
Karl wurde blasser als ’ne Kreidewand, aber Dieter grinste nur wie ’n Straßenköter, der ’nen Knochen gefunden hat. „Keine Angst, die verklagen dich nicht.“
Seitdem hat Karl mehr Kühe auf dem Gewissen als McDonald’s Hamburger auf der Welt verkauft. Für ihn war das wie Zähneputzen: nervig, aber irgendwie nötig. Knall hier, Knall da, immer dasselbe.
Sein Kaugummi war längst tot, aber ausspucken? Wozu? Irgendwas in ihm sagte, dass das Ding zu ihm gehört wie die Scheiße zum Stall.
Mittagspause. Karl hockte mit den anderen im Pausenraum, der aussah, als hätte man ’ne Zeitreise ins Jahr 1982 gemacht – klapprige Stühle, Kaffeemaschine, die nach altem Motoröl schmeckte, und ’n Tisch mit mehr Brandflecken als ’ne Studentenbude. Der Geruch von Fett und Resignation hing schwer in der Luft.
„Sag mal, Karl,“ begann Lisa, die Neue, mit einer Stimme, die so frisch klang wie ein Salatblatt in einer Dönerbude, „geht dir das nicht nahe, die ganzen Tiere abzuknallen?“
Karl zog an seiner Fluppe, als wär’s der letzte Halt vor dem Abgrund. „Nee. Warum sollte’s? Die sterben so oder so. Ich bin nur schneller.“
„Aber findest du das nicht… krass?“ fragte sie, als hätte sie grad erfahren, dass der Weihnachtsmann nicht echt ist.
„Krass ist der Preis für ’n Liter Milch,“ grunzte Karl. „Mach deinen Job oder geh zurück zu den Möchtegern-Veganern, die Fleisch aus Kichererbsen schnitzen.“
Mattes, der Neuzugang, mampfte in der Ecke sein Wurstbrot. „Karl hat recht. Ich denk auch nur noch an Bier.“
Karl guckte ihn an wie ’ne Fliege auf ’m Butterbrot. „Du denkst an Bier, weil dein Hirn nix anderes kennt.“
Zurück in der Knallbude zog sich die zweite Schicht wie ein alter Kaugummi, der irgendwo auf der Rückbank von ’nem Schrottauto festklebt. Karl ballerte weiter Kühe ab wie auf ’ner Kirmes, als Mattes plötzlich im Türrahmen stand.
„Ey, Karl, mach schneller. Die Rinder stapeln sich draußen!“
Karl drehte sich nicht mal um. „Wenn’s dir nicht passt, greif dir das Teil und mach’s selber, du Flachzange.“
„Ach, komm, Alter. Wahrscheinlich Zeit für dich, in Rente zu gehen.“
Karl drehte sich langsam um, das Bolzenschussgerät in der Hand. „Weißt du, Mattes, du solltest lernen, die Klappe zu halten, bevor ich dir zeig, wie präzise das Teil hier ist.“
Am Abend saß Karl in seiner Stammkneipe, dem „Blauen Bock“, ’ner Bierhöhle, die so versifft war, dass du danach deine Klamotten verbrennen konntest. Aber es war sein Zuhause. Der Tresen war sein Beichtstuhl, und der Wirt, Udo, ein Pastor mit ’ner Nase, die aussah, als hätte sie schon Kriege überlebt.
„Na, Karl, wie lief’s?“ rief Udo rüber, während er ein Glas polierte, das niemals sauber wurde.
„Wie immer,“ brummte Karl. „Kühe tot, ich leb noch. Prost.“
Neben ihm ließ sich Ralle, der größte Depp im Umkreis von 50 Kilometern, auf den Hocker plumpsen. „Ey, Karl, warum machste nicht mal Urlaub?“
Karl nahm einen tiefen Schluck Bier. „Weil ich mir von dir keine Lebensratschläge holen will, du Pfosten.“
Wochen später stand Karl auf der alten Brücke, eine Fluppe zwischen den Fingern, die kaum noch Glut hatte. Der Himmel war grau, das Wasser darunter noch grauer, ein zäher Brei aus Dreck und Schaum, der genauso abgestorben wirkte wie Karls Blick. Der Wind zerrte an seiner abgewetzten Jacke, aber er ließ es geschehen. Was machte das schon? Ein bisschen Kälte würde ihn nicht mehr umbringen. Seine Gedanken rollten durch seinen Schädel wie rostige Kugellager, quietschend und nutzlos.
„Was zum Teufel mach ich hier noch?“ murmelte er in die Nacht, kaum lauter als das Rauschen des Flusses. Seit Jahren schleppte er sich durch dieselbe Routine: Rind rein, Bolzen rein, Bier rein. Und jetzt? Was blieb? Ein Konto, so leer wie seine Zukunft, ein Kopf voller toter Kühe, und eine Welt, die ihn nicht mal ignorierte.
„Karl!“ Eine Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Natürlich Mattes. Der Idiot hatte den Instinkt einer lästigen Fliege, immer dann aufzutauchen, wenn keiner ihn brauchte. „Karl, was machst du da, Mann? Willste echt springen, oder spielste nur den großen Dramatischen?“
Karl drehte sich langsam um, seine Augen glitzerten kalt im fahlen Licht. „Was zum Fick willst du hier, Mattes? Soll ich springen, damit du endlich deinen großen Moment hast? Der neue Held vom Schlachthof, der den alten Penner abgelöst hat?“
Mattes kam näher, die Hände in die Taschen seiner viel zu neuen, viel zu sauberen Jacke vergraben. „Alter, reiß dich zusammen. Du bist vielleicht ’n Arschloch, aber niemand will, dass du dir die Lichter ausknipst. Nicht mal ich.“
Karl lachte, kurz und bitter, wie ein Messer, das über Stein kratzt. „Nicht mal du, ja? Wow, das wärmt mein Herz, Mattes. Echt. Weißte, was dein Problem ist? Du hast nie irgendwas begriffen. Nicht die Arbeit, nicht die Leute, nicht mal dich selbst. Du bist nur ’ne Scheißattrappe von ’nem Menschen.“
„Na, danke, Karl,“ konterte Mattes, die Stimme zischend vor Wut. „Weißte, was DEIN Problem ist? Du bist nur noch Wut, Kippen, Bier und Schnaps. Du meckerst über alles und jeden, aber an deinem beschissenen Leben änderst du nix. Und jetzt stehst du hier und machst auf Mitleid. Ehrlich, du kotzt mich an.“
Karl machte einen Schritt nach vorn, direkt auf Mattes zu. Sein Gesicht war eine Maske aus Zorn und Schmerz. „Mitleid? Du kleiner Wichser! Ich brauch kein Mitleid. Was ich brauch, ist, dass Leute wie du die Fresse halten und aus meinem Leben verschwinden. Du hast keine Ahnung, was das heißt, seit 15 Jahren denselben Scheiß zu machen, jeden Tag das Blut und den Gestank zu ertragen. Aber klar, Mattes, komm her und erzähl mir, wie ich mich fühlen soll!“
„Dann spring doch, Karl!“ brüllte Mattes jetzt, die Hände aus den Taschen und mit geballten Fäusten. „Spring, wenn das alles ist, was du drauf hast! Aber gib nicht mir die Schuld für deine Scheißentscheidungen, du elender Feigling!“
Stille. Nur der Wind und das leise Rauschen des Wassers.
Karl schüttelte den Kopf und lachte wieder. Diesmal war es fast sanft, aber ohne Freude. „Weißte, Mattes, ich hab gedacht, ich könnt dich nicht noch weniger leiden. Aber hey, Glückwunsch. Du hast’s geschafft.“
Er drehte sich wieder zum Fluss, zog einen letzten, tiefen Zug von seiner Zigarette und warf sie ins Wasser. „Vielleicht hast du recht. Vielleicht bin ich ein Feigling. Aber was soll’s? Manche von uns sind einfach nicht fürs Gewinnen gemacht.“
Bevor Mattes reagieren konnte, ließ Karl sich fallen. Ein dumpfes „Platsch“ drang aus der Dunkelheit, dann nichts mehr. Kein Schreien, keine dramatischen Wellen. Nur das monotone Fließen des Flusses.
Mattes starrte auf die Stelle, wo Karl verschwunden war, unfähig, sich zu bewegen. Minuten vergingen, oder waren es Stunden? Irgendwann schleppte er sich weg, die Füße schwer wie Blei.
Im „Blauen Bock“ brannte ein einsames Teelicht auf Karls Stammplatz. Udo stand hinter dem Tresen und polierte das gleiche verdreckte Glas wie immer, obwohl ihm die Hände zitterten. „Karl… der war wie ’n alter Aschenbecher. Immer da, immer voll, irgendwann kippt er um.“
Mattes saß daneben, stumm und mit gesenktem Kopf. „Ich hätt was machen sollen,“ murmelte er schließlich. „Ich hätt ihm helfen sollen. Aber… mal ehrlich? Ich glaub, der war schon lange weg, bevor er gesprungen ist.“
Udo nickte langsam, seine Augen müde. „Manche Leute kannst du nicht retten, Mattes. Die sind schon so kaputt, dass sie’s selber nicht mal merken. Und wenn sie’s merken, ist’s zu spät.“
Der Alltag ging weiter. Der Schlachthof lief wie geschmiert, die Kühe starben weiter, und der „Blaue Bock“ blieb so klebrig wie eh und je. Aber für die wenigen, die Karl kannten, war die Welt ein kleines Stück dunkler geworden. Ein Mann, der jahrelang im Schatten gelebt hatte, war jetzt endgültig verschwunden.
Mattes hockte auf der Betontreppe hinter der Kantine, seine Hände stanken immer noch nach altem Fett und kaltem Blut, obwohl er geschrubbt hatte, bis die Haut brannte. „Das war’s,“ murmelte er, während er eine Kippe anzündete. Der Gestank aus der Metzgerei – Eisen, Gummi, Tod – hatte sich in seine Poren gefressen. Acht Jahre Schlachthof, und jeder beschissene Tag war schlimmer als der davor.
Er zog an seiner Kippe, spuckte aus und starrte auf die Zeitungsanzeige, die er rausgerissen hatte: „Straßenbau sucht Männer – gutes Geld, feste Anstellung, echte Männerarbeit!“ Er lachte trocken. Echte Männerarbeit. Klar. Hauptsache keine Schweine mehr. Keine Schreie. Kein Gestank.
Zwei Wochen später stand er auf einer endlosen Baustelle irgendwo bei Gelsenkirchen, in einer Neonweste, einem abgewetzten Helm und der Sonne, die ihm den Schädel kochte. 35 Grad im Schatten, aber Schatten gab’s nicht. Nur flimmernden Asphalt und Maschinen, die röhrten, als hätten sie schlechte Laune.
„Willkommen in der Hölle, Neuer!“ brüllte einer, breit wie ein Schrank, tätowierte Arme, ein Gesicht wie 100 Jahre schlechte Nachrichten. „Ich bin Horst. Und wenn du hier weiter so rumstehst, schmeiß ich dich ins nächste Loch, kapiert?“
Mattes zuckte mit den Schultern. „Alles klar, Chef. Wo soll ich anfangen?“
Horst zeigte auf eine Maschine, die schwarzen Teer kotzte, während ein Typ – halb Mensch, halb Bierfass – mit einer Walze die Suppe plattdrückte. „Da hinten bei Erkan. Der zeigt dir, wie’s läuft.“
Erkan war ein Viech von einem Mann, Glatze, der Mund voller Flüche, die er in drei Sprachen raushaute. „Hey, Alter,“ rief er, als Mattes ankam, „nimm die Schaufel und verteile den Mist. Aber nicht trödeln, sonst schmilzt die Scheiße.“
Mattes nickte. Er hatte keinen Plan, aber was sollte schon schiefgehen? Nach fünf Minuten schwitzte er, als hätte ihn jemand in die Sauna gesperrt. Der Teer dampfte unter seinen Stiefeln, sein Rücken schrie nach einer Pause, aber Erkan hatte die Gnade eines Folterknechts.
„Du schwitzt ja wie meine Oma beim Strip-Poker,“ meinte Erkan grinsend. „Was hast du vorher gemacht? Sekretär?“
„Schlachthof,“ knurrte Mattes und warf ihm einen Blick zu, der Bände sprach.
„Passt,“ lachte Erkan. „Von Schweinen zu Schweinearbeit. Willkommen im Club!“
Abends, als Mattes nach Hause kam, stank er nach Teer, Schweiß und Frust. Kaum hatte er die Tür aufgemacht, ging’s los. Kinder brüllten, seine Frau Susi motzte.
„Wo warst du so lange?“ schrie sie aus der Küche. „Der Müll steht immer noch da, und Mia hat den ganzen Tag geschrien!“
„Ich hab gearbeitet!“ brüllte er zurück, aber sein Gebrüll ging im Chaos unter. Leon, sein Ältester, warf ein Plastikauto durch den Raum, Mia lag auf dem Boden und drehte durch wie ein kaputtes Spielzeug.
„Und du stinkst,“ fügte Susi hinzu, die Hände in die Hüften gestemmt.
„Ach komm, Susi,“ knurrte Mattes, „ich schufte mir den Arsch ab, und du machst mir auch noch die Hölle heiß?“
„Die Hölle heiß?“ fauchte sie. „Du hast keine Ahnung, was hier los ist, während du dich draußen bräunst!“
Er wollte was sagen, ließ es aber. Stattdessen knallte er die Badezimmertür zu und ließ kaltes Wasser über sein Gesicht laufen. Im Spiegel sah er sich an: ein Mann, müde wie der Tod, mit Augen, so leer wie die Baustelle, auf der er stand.
„Vielleicht hätt ich im Schlachthof bleiben sollen,“ murmelte er.
Der Wecker klingelte um 5:30 Uhr. Neuer Tag, neuer Mist.
Horst wartete schon mit einem Grinsen und einem Kaffee. „Na, Neuer? Wie war der erste Tag?“
„Scheiße,“ sagte Mattes und zog an seiner Kippe.
„Richtig geraten,“ lachte Horst. „Aber hey, so ist das Leben. Wenn’s einfach wäre, wär’s langweilig.“
Mattes lachte nicht. Er nahm die Schaufel und wartete auf den nächsten endlosen Tag.
Erkan war in Bestform. „Ey, Mattes! Wenn du weiter so schleichst, grab ich dich ein und asphaltier dich mit.“
Mattes funkelte ihn an. „Halt die Fresse, Erkan. Mach deinen Mist alleine, wenn du so’n Profi bist.“
„Was hast du gesagt?“ Erkan stand jetzt vor ihm, sein Atem stank nach Knoblauch und Testosteron.
„Jungs, Schnauze!“ brüllte Horst. „Wir sind hier nicht im Kindergarten!“
Mattes ballte die Fäuste, ließ es aber gut sein. Noch ein Tag im Dreck. Noch eine Nacht im Chaos.
Als er abends ein Bier aus dem Kühlschrank holte, fing Susi wieder an. „Mattes, der Müll steht immer noch…“
„Halt’s Maul, Susi!“ brüllte er und knallte die Flasche auf den Tisch. Das Glas splitterte, die Kinder starrten ihn an.
„Du hast doch keinen Bock mehr auf uns,“ flüsterte sie.
Er sagte nichts. Am nächsten Morgen war er weg.
Norwegen. Ein Fischerboot. Kalte Luft, harte Arbeit. Kein Schwein, kein Bitumen, keine Susi. Und doch war Mattes immer noch Mattes. Immer noch imArsch.
Mattes wusste nicht, ob das ein Fortschritt war oder einfach nur ein anderes Loch, in das er gefallen war. Das Fischerboot war klein, schäbig, und die Crew sah aus wie ein Haufen versoffener Bären. Aber die See war ehrlich. Sie schlug dir ins Gesicht, sie versuchte, dich umzubringen, aber sie log nicht.
Benno, sein alter Schulfreund, war der einzige, den er kannte. „Na, Mattes, willkommen im Nirgendwo. Bereit, nach Fisch zu stinken?“
„Klar,“ murmelte Mattes und zog an einer Zigarette, die er in der salzigen Brise kaum anbekam.
Die erste Woche war die Hölle. Der Wind biss, die Arbeit war ein Kraftakt, und der Fischgeruch kroch ihm in die Klamotten wie eine Ratte in ein Loch. Jede Nacht fiel er wie ein Stein in seine Hängematte, die sich in der schwankenden Kabine anfühlte, als würde er in einem Mixer schlafen.
„Das ist nix für Memmen,“ knurrte der Kapitän, ein bärbeißiger Typ mit einer Pfeife im Mund. „Wenn du kotzen musst, kotz über Bord, aber hör nicht auf zu arbeiten.“
Mattes kotzte. Zwei Tage lang. Dann kotzte er nicht mehr. Und langsam wurde der Rhythmus der See zu etwas, das er ertragen konnte. Vielleicht sogar mochte.
Nachts saßen sie oft auf der Reling. Benno, der Kapitän, ein paar andere. Sie redeten nicht viel. Nur das Motorengeräusch, das Kreischen der Möwen und das ewige, graueWasser.
„Besser als Schweine töten?“ fragte Benno einmal.
Mattes zog an seiner Kippe. „Ja. Aber das heißt nicht viel.“
Die See schlug zurück. Ein Sturm kam auf, so stark, dass selbst die erfahrenen Männer an Bord blass wurden. Mattes hielt sich an einem Seil fest, während die Wellen das Boot wie eine Nussschale hin und her warfen. Benno rutschte aus und wäre fast über Bord gegangen, hätte Mattes ihn nicht im letzten Moment gepackt.
„Scheiß Leben,“ keuchte Benno, als der Sturm endlich nachließ.
„Immer,“ murmelte Mattes.
Die Wochen vergingen. Die See wurde vertraut, der Fischgeruch normal, die Männer an Bord fast so etwas wie Freunde. Aber in den langen Nächten, wenn das Boot still auf dem Wasser lag, dachte Mattes an Susi. An die Kinder. An den Mist, den er hinterlassen hatte.
