Odéonia, Paris - Veneda Mühlenbrink - E-Book

Odéonia, Paris E-Book

Veneda Mühlenbrink

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Beschreibung

Paris, 1917. Im Herzen der Stadt begegnen sich zwei passionierte Buchhändlerinnen: Sylvia Beach und Adrienne Monnier. Fast vierzig Jahre lang wird das Paar in der Rue de l`Odéon seine Buchläden betreiben, Sylvia Shakespeare & Company, Adrienne schräg gegenüber das La Maison des Amis des Livres. Ihr Straßenzug, von Adrienne Monnier "Odéonia" getauft, wird zum Treffpunkt einer regen Literaturszene, in der neben freiheitsliebenden Mäzenatinnen, amerikanischen Autorinnen und Intellektuellen wie Djuna Barnes, Gertrude Stein oder Nathalie Barney auch angehende Schriftsteller verkehren, darunter Ernest Hemingway und Thornton Wilder. An der Rive gauche entsteht eine Gemeinschaft aus Menschen, die als "Lost Generation" schreibend die Alte Welt verändert, von den Goldenen Zwanzigern über die Weltwirtschaftskrise, dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Nachkriegszeit. Sylvia Beach ist es, die James Joyce's "Ulysses" verlegt, den sich niemand zu verlegen traute – ihre mutige Tat wird zum grandiosen Erfolg, aber auch zur größten Belastungsprobe für die Beziehung der beiden Frauen. Veneda Mühlenbrink erzählt erstmals in einem Roman die facettenreiche Geschichte dieses Paares nach, so wie sie anhand der historischen Fakten vorstellbar wird.

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Seitenzahl: 296

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Veneda Mühlenbrink

Odéonia, Paris

Eine Liebe, zwei Buchhändlerinnenund die Welt der Bücherfreunde

Roman

© 2016 eBook nach der Originalausgabe© 2016 Copyright Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/TaunusAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: Atelier KatarinaS | NLCoverfoto: »Retro Vintage fashion girl« © Vagengeym | Fotolia

ISBN 978-3-89741-986-5eISBN 978-3-89741-984-1

Ulrike Helmer VerlagNeugartenstraße 36c, 65843 Sulzbach/TaunusE-Mail: [email protected]

www.ulrike-helmer-verlag.de

Inhalt

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Epilog

Ich widme dieses Buch meinen ElternRenate und Kurt.

Danken möchte ich meiner Frau Melfür ihre Unterstützung und eine Auszeitin Paris.

Prolog

Sylvia Beach saß im ›Les Deux Magots‹, vor sich auf dem Tisch einen Café noir, daneben lag griffbereit die ›New York Times‹. Doch kaum hatte sie das Blatt zur Hand genommen, um sich erneut in die Titelstory zu vertiefen, lenkten lautstarke Rufe ihre Aufmerksamkeit auf sich.

»Fi-del! Fi-del!«

Am Tisch gegenüber skandierten junge Studenten ihre Parolen. Bei reichlich Bier und Zigaretten unterhielten sie sich wild gestikulierend über das Waffenembargo der USA gegen Kuba und das seit dem Herbst 1960 bestehende totale Exportverbot.

Der am lautesten über den Tisch brüllte, erinnerte Sylvia sofort an den jungen André Breton. Damals hatten sie sich selbst die Lost Generation genannt und wie alle jungen Menschen die Welt verändern wollen. Als Antwort auf den Irrwitz des Ersten Weltkrieges war der Dadaismus entstanden, eine rebellische Kunstform, die versuchte, im Unsinn einen Sinn zu finden. Doch hatte sich die Welt seither wirklich verändert? Hatten sie sie verändern können?

So oder so: Manche von ihnen lebten nicht mehr, waren ihren letzten Weg gegangen. Mit unterdrücktem Seufzen wandte Sylvia sich wieder der ›New York Times‹ zu, auf deren Titelseite das Foto eines ihrer besten Freunde prangte.

Ketchum, Idaho July 2 – Ernest Hemingway was found dead of a shotgun …

Seine Frau Mary sagte, beim Reinigen der Waffe habe er sich versehentlich in den Kopf geschossen.

Ein zartes Lächeln ging über Sylvias Lippen, doch in ihren Augen brannten Tränen. Säße Janet jetzt hier, ließe sie gewiss ihr rauchiges Lachen hören. Oft hatten Janet Flanner und Hem in den hinteren Räumen des Café ›La Closerie des Lilas‹ gesessen und über den Freitod philosophiert.

Einige von Sylvias Freunden hatten darin später ganz real den einzigen Ausweg gesehen.

Nicht zuletzt ihre große Liebe.

Sechs Jahre war es nun her, kurz vor Sommerbeginn, als Sylvia an ihren Freund Hemingway geschrieben hatte: Ich habe Adrienne verloren – es ist sehr traurig hier ohne sie. Sie, deren Lebensinhalt aus Büchern und Texten bestand, fand keine anderen als diese dürren Worte.

Nach fast vierzig Jahren gemeinsamen Weges war Adrienne zur Seite getreten, hatte innegehalten und sie an sich vorbeigehen lassen.

Irgendwo an einem der Tische – Sylvia schaute hinüber zu den immer noch sehr begehrten Plätzen: da vorn, rechts, der neben dem Eingang –, dort hatten sie im Übermut der Verliebtheit zwei sich kreuzende Kerben in die Unterseite der Platte geritzt, als Zeichen für jenen Märztag in Adriennes Buchhandlung ›La Maison des Amis des Livres‹, an dem alles begann …

1. Kapitel

Erkennst du klar, dass sich alle Dinge verändern, dann wirst du an nichts festhalten wollen.

Laotse

Clovis Monnier, Postbeamter auf der Eisenbahn, zitierte immer wieder gern Heraklit: »Alles was zustande kommt, geht auf Mühe und Notwendigkeit zurück.« Vielleicht hatte er damit allzu häufig die Schicksalsgöttin herausgefordert, bis es ihr schließlich zu bunt geworden war. Vielleicht hatte er diese Worte damals gerade durch seine zum Trichter geformten Hände in den Fahrtwind einer qualmenden Lokomotive gebrüllt, jedenfalls durchschlug irgendwann im November des Jahres 1913 der Nachtzug Lyon–Paris im Kopfbahnhof Gare Montparnasse die Glaswand und kam erst eine Etage tiefer auf der Straße zum Stehen. Der Lokführer hatte zu spät gebremst. Eine Zeitungsverkäuferin verlor ihr Leben, Schienen-Postler Monnier ein Bein. Er nahm die Abfindung von der Eisenbahngesellschaft und überließ die ansehnliche Summe seiner Tochter Adrienne zur Geschäftsgründung eines Buchladens.

Zwei Jahre später war es soweit. Adrienne Monniers Traum von einer eigenen Buchhandlung wurde Wirklichkeit. Die Konkurrenz hielt sich in Grenzen: 1915 herrschte Krieg und selbst Buchhändler, waren sie auch noch so intellektuell, fühlten sich berufen, zu den Waffen zu eilen. Patriotismus hielt plötzlich Einzug in die Bohème, deren Vertreter noch gestern schwadroniert hatten, dies sei der Krieg des Imperialismus, das Ende der Privilegierten. August Macke, Franz Marc, Robert Delaunay, einst in Paris Freunde im künstlerischen Geiste, begegneten sich fortan als Feinde auf dem Feld. In den Cafés am Montmartre, in Montparnasse weigerten sich die Kellner, Deutsche zu bedienen. Diese Boches sollten ihrem pickelhaubigen Kaiser doch in den Dreck der Schlachtfelder folgen!

Adrienne verfolgte die Entwicklungen, doch ihre Aufmerksamkeit war ganz darauf gerichtet, einen leerstehenden Laden mit erschwinglichem Mietzins zu finden. In der Rue de l’Odéon entdeckte sie in einem ehemaligen Antiquitätengeschäft die geeignete Immobilie. ›La Maison des Amis des Livres‹ war geboren – an der Rive Gauche, dem linken Ufer der Seine, wo Schriftsteller, Poeten, Übersetzer und Journalisten bei Weißwein und Austern in Cafés wie dem ›Deux Magots‹ über Literatur, Kunst und Politik debattierten. Adrienne war in dieser Szene bislang nichts als ein unbeschriebenes Blatt, Frau noch dazu. Sie selbst sah das durchaus klar. Ihre Liebe zu den Büchern war zwar groß, reichte aber nicht aus, die leere Registrierkasse zu füllen. Beziehungen zu knüpfen schien da unabdinglich. Möglicherweise hatte die Schicksalsgöttin erneut ein Einsehen … Jedenfalls stellte Adriennes Schwester Maria, deren Gatte Paul-Émile sein Geld mit Buchillustrationen verdiente, ihr bei einer Geburtstagsfeier eine junge Verlagsangestellte vor.

Die Beziehung der beiden Buchliebhaberinnen überstieg bald das Berufliche. Suzanne Bonnière, eine elegische Garçonne mit sanfter Stimme, war fortan die Frau in Adriennes Leben. So unverhofft war sie ihr begegnet!

Suzanne versprühte eine Eleganz, die auch von ihrer abgetragenen Kleidung nicht geschmälert wurde, und ihr Geist zeugte von wahrhaft klassischer Melancholie. Sie glich einem jungen Mann, der Belle Époque entsprungen, jener Zeit, die Rebellen mit dem Willen, die Welt zu verändern, hervorgebracht hatte. Bis 1914 die ersten in den Schützengräben fielen.

Adrienne hingegen fühlte sich unscheinbar. Das Gesicht zu pausbäckig, die blonden Haare ohne Glanz, die Kleidung stets langweilig in Schwarzgrau gehalten. Einzig ihre blauen Augen gefielen ihr.

Im Jardin de Luxembourg waren Adrienne einmal zwei alte Frauen aufgefallen, die sich auf einer Bank gegenseitig die Haare kämmten. Die Harmonie zwischen diesen beiden und ihre sichtbare Liebe füreinander hatten sie tief berührt; dasselbe empfand sie nun gegenüber Suzanne.

Am Tage der Eröffnung des Ladens standen die frischgebackenen Buchhändlerinnen aufgeregt kichernd hinter dem Fenstervorhang. Keine traute sich, der ersten eintretenden Kundin das Buch, das sie in die Hand nahm, zu verkaufen. Die Dame mochte darauf bestanden haben, es zu erwerben, denn: Mit 75 Centimes in der Kasse und ungebremstem Stolz verkündete Adrienne am Abend ihre ersten Einnahmen. Das mussten sie gemeinsam feiern – ohne Paul-Émile und Schwester Maria! Suzanne wollte es nicht anders; zu viel Familie. Und die ›Brasserie Lipp‹ musste es sein, mit ihren Keramikkacheln in gelb, blau und grün, auf denen Papageien und Kraniche durch ein buntes Blumenmeer flogen. Alte Metalllüster warfen ihr warmes Licht auf die bemalten Decken und die dunkle Holztheke dieser ›Kantine von ganz Saint-Germain‹ – ein traditionsreiches Künstlerlokal, in dem aber auch Menschen mit Einfluss verkehrten. Wer sich gleich vorne im Eingangsbereich beim bestechlichen Ober Bernard einen Tisch erkaufte, hatte direkt im Blick, ob wichtige Leute durch die Drehtür flanierten. In einem der vielen Wandspiegel sah Adrienne sich auf der ledergepolsterten Bank neben Suzanne sitzen. Käme jetzt einer dieser mittellosen Maler aus der Atelierbaracke des ›Bateau-Lavoir‹ vorbei, hieße sie ihn dieses Spiegelbild in einer Kohleskizze festhalten, um es später in Öl malen zu lassen …

Die 75 Centimes reichten gerade einmal für zwei elsässische Biere, an denen sie den ganzen Abend über nippten.

In den nächsten Wochen und Monaten, nach dem abendlichen Kassensturz, lernten die beiden Frauen die Welt der Poeten und Schriftsteller kennen. Über allen schwebte Apollinaire, der Dichter und Kritiker. Wer ihn kannte, kannte bald die gesamte Literaturszene. Und in ihr gab es auch Frauen! Colette lernten sie bei einem der illustren Salonabende in der Rue Jacob kennen. Sie ließ sich gerade von ihrem Gatten, Baron Henry, scheiden, schrieb nicht länger unter seinem Namen und wohnte bei Natalie Clifford Barney, der Millionenerbin eines amerikanischen Eisenbahnbesitzers, die sich nach dem Vorbild der antiken Dichterin Sappho als Förderin junger hungernder talentierter Künstlerinnen betätigte. Ihr Ruf als ›Amazone von Paris‹ schloss mit ein, dass sie als die größte Herzensbrecherin der Stadt galt. Über Natalies Salonabende sprach man, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand: Darbietungen von Tänzerinnen in durchsichtigen Tüllschals, mit nackten Brüsten, an deren Nippeln winzige Ponpons klebten! In dieser plüschigen Atmosphäre von dicken Wandteppichen, Schlafsofas und roten Samtdecken roch es nach den schweren Parfums der Damen und nach altem Cognac. Oft kamen über hundert Gäste, ein Tisch im Esszimmer war immer reich gedeckt mit kleinen Gurkensandwichs.

An solchen Salonabenden veränderte sich Suzanne. Adrienne auch: Sie fing an zu rauchen, denn oft hielt sie Suzannes Zigarette. Es gab keine Frau, die nicht mit ihrer Liebsten tanzen wollte, doch wäre es Adrienne dabei nie in den Sinn gekommen, eifersüchtig zu werden. Nicht selten verschwand Suzanne in einem der oberen Räume. Irgendwann später stand sie mit einem Glas Martini im Salon, steckte sich eine Zigarette an und starrte reglos in den Kamin. Oft sprach sie auf dem Heimweg kein einziges Wort, dann wieder wirkte sie total aufgekratzt.

»Komm, lass uns noch ins Dôme gehen!«

Die Arme zu Flügeln ausgebreitet, versuchte sie von einer Mauer zu springen, stolperte und suchte Halt in Adriennes Armen.

»Liebst du mich nicht? Ich will, dass du mich liebst!«

Immer wieder forderte sie Liebesschwüre ein, verlangte in solchen Nächten nachdrücklich, noch von Adrienne geliebt zu werden, nur um kurz darauf die liebkosenden Hände wegzustoßen.

»Ich bin deiner Liebe nicht wert«, musste Adrienne oft von ihr hören und es verletzte sie zutiefst. Am Morgen schien alles wieder gut und Suzanne blieb den ganzen Tag im Bett, las in einem Gedichtband von Rimbaud, schlief und trank Weißwein. Manchmal ging es drei Wochen gut, oder auch nur zwei. Dann kehrte die Wut zurück. Die Abstände zwischen den Ausbrüchen wurden kürzer, die Launen unerträglicher.

»Ich hasse dich! Ich hasse deine verfluchten Bücher! Ich hasse es, wie du herumläufst, wie du dich bewegst!«

Adrienne arbeitete Tag und Nacht. Der Laden sicherte ihre Existenz, er musste florieren.

Eines Tages betrat Paul Valéry ihre Buchhandlung. Paul Valéry! Wie gern hätte sie Suzanne davon erzählt, wie sie es eingefädelt hatte, dass der bekannte Dichter am kommenden Samstag in ihrem Laden eine Lesung geben würde …!

Mit einer ausrangierten Druckerpresse aus dem Verlag ihres Schwagers druckte Adrienne von Apollinaire entworfene Programmzettel und verteilte sie als Einladung an ihre Kundschaft, im Vertrauen darauf, dass sie das geplante Ereignis weitererzählte. Nichts sprach sich in Saint-Germain schneller herum als eine Veranstaltung in einem kostenfrei zugänglichen Raum, in dem ein Ofen, stabile Sitzmöbel und heißer Tee den Kunstgenuss abrundeten. Wenn dazu noch Häppchen gereicht wurden, war der Laden rappelvoll!

Den Künstlern von Paris fehlte es immerzu an Geld, doch kaum hatte jemand für ein Bild, ein Gedicht oder vielleicht einen Fuß in Stein ein paar Franc kassiert, traf man sich im »Dôme‹ oder im ›Deux Magots‹. Die Scheine wanderten auf den Tisch und dem Ober wurde aufgetragen, so lange Bestellungen der Freunde aufzunehmen, bis auch der letzte Sou sich in Nierchen mit Sahnesauce verwandelt hatte und in Château Lafite ersoffen war. Suzanne blieb oft bis zum Morgengrauen. An sommerlichen Tagen öffnete Adrienne um 8.00 Uhr in der Frühe den Laden und ließ sie direkt von der Nachttour herein.

»Sei mir nicht böse, Chérie.«

Dieser Blick hinderte Adrienne immer wieder daran, sie auf der Stelle hinauszuwerfen. Die Verlorenheit darin lähmte sie, jagte ihr Angst ein. Dann kamen ihr die Tränen, oft nächtelang, und dazu plagte sie dieser Schwindel. Er ereilte sie plötzlich, ohne erkennbaren Grund, eine wabernde Masse in ihrem Kopf, begleitet von Herzrasen, Zittern in den Händen und der Furcht, der Zustand könnte anhalten. Die Vorstellung, von Suzanne verlassen zu werden, erschien Adrienne unerträglich. Eines Tages würde sie in den Armen einer anderen Frau liegen bleiben – und was dann?!

Dabei hatten ihre Gefühle für Suzanne durchaus nachgelassen. Der Mensch, den Adrienne einst geliebt hatte, war diese blasse, bissige Frau schon lange nicht mehr. Sie trank zu viel, wirkte ständig reizbar und übermüdet. Am wenigsten hielt Adrienne ihren Sarkasmus aus. Suzanne quälten Depressionen – letztlich kein Wunder in dieser Welt, die Krieg führte, aber deshalb nicht leichter zu ertragen.

Dass häufiger ein paar Franc in der Kasse fehlten, machte die Situation für Adrienne nicht leichter.

Suzanne half nicht mehr im Laden. Eine Aushilfe wurde eingestellt. Hélène pustete sich immerzu Strähnen aus dem Gesicht und sang, während sie die neu eingetroffenen Bücher in Pergament einwickelte. Bestimmt würde sie eines Tages im Théâtre de l’Odéon auftreten! Immerhin, Hélène stand pünktlich und ausgeschlafen am Tresen.

Nachdem Suzanne durch die Ladentür aus ihrem Leben verschwunden war, weinte Adrienne hemmungslos. Sie dachte an die Stunden in ihrem Lieblingsrestaurant, der ›Brasserie Lipp‹, redete sich die schlechten Dinge schön und die guten göttlich. Die Tränen liefen und liefen, als könne sie niemals mehr trockenen Auges auf die Straße gehen.

Hélènes Mitgefühl hielt sich in Grenzen. Sie erkundigte sich knapp, ob Adrienne wahrnehmungsgestört sei. Solange sie hier im Laden arbeite, habe diese Frau doch nur Ärger gebracht. Einmal habe sie ihr, Hélène, sogar einen Griff in die Kasse anhängen wollen!

Von nun an begann jede Veränderung in Adriennes Leben hinter der Schwelle zum Laden, denn sie lebte praktisch in der Buchhandlung.

Eines Morgens betrat Raymonde Linossier den Laden. Adrienne hatte inzwischen ein gutes Auge dafür, ob ihre Kundschaft nur Zeit überbrücken wollte oder sich wirklich für Literatur interessierte. So viel war klar: Raymonde drückte in ihrer charmanten Höflichkeit echtes Interesse aus.

Ein Buch wollte sie dennoch nicht kaufen. Stattdessen zog sie mit langen Fingern ein paar beschriebene Blätter aus einer abgewetzten Ledertasche.

»Kennen Sie jemanden, der meinen kleinen Roman verlegen könnte?«

Sie lächelte spöttisch. Vielleicht, weil es dem Ton ihres Werkes entsprach, vielleicht aber auch, weil dieser Roman wirklich sehr kurz war: fünf Kapitel, das längste von ihnen ganze zwölf Zeilen.

Nachdem sie die ersten Worte gelesen hatte, wusste Adrienne, dass für den Satz von solcherart Literatur nur eine einzige Druckerei in Frage kam, die mit der Exzentrik des Werkes mithalten konnte. Ihr Inhaber war als Soldat eingezogen worden, nun bediente seine freundliche, unerschrockene Gattin die alte Handpresse. So kam es, dass Madame Birault, die sich mutig jeder literarischen und setzerischen Herausforderung stellte, im Keller des Hauses bald die ersten fünfzig Exemplare von Bibi-la-Bibiste druckte – höchst edle Broschüren auf nachempfundenem Japanpapier.

In der von der Verlegerin Margaret Anderson herausgegebenen ›Little Review‹, einer bedeutenden Literaturzeitung, deren Chefredakteur Ezra Pound war, verfasste Adrienne eine Rezension der Bibi, die zum erhofften Ausverkauf der ersten Auflage in nur wenigen Tagen führte. Dieser kurze Text sei üblichen Formen des Schreibens weit voraus, lebendig, authentisch, echt, zukunftsweisend für künftige Literaten. Die Avantgarde ist tot! Es lebe die Avantgarde!

Am Tage der Veröffentlichung ihrer Kritik gingen Raymonde und Adrienne abends ins ›Les Deux Magots‹. Von den Platanen am Boulevard Saint-Germain wehte eine Wolke weißer Blüten auf Tische und Stühle herab. Adrienne, von Allergie geplagt, kam aus dem Niesen gar nicht mehr heraus. Unmöglich, hier draußen Platz zu nehmen, und wenn die laue Frühlingsbrise noch sosehr dazu einlud, dem abendlichen Treiben auf dem hell erleuchteten Boulevard beizuwohnen! Aber Raymonde stellte nur trocken fest, dass drinnen sowieso die wichtigeren Leute säßen. Erleichtert strich Adrienne ihr kurz über die Hand.

Sie fanden einen Tisch im vorderen Bereich. Tatsächlich, hier im Café pulsierte das Leben! Hier rauchte und trank man, redete mit den Händen und fiel sich lauthals ins Wort. Ideen, Notizen, Skizzen wurden auf Papierservietten geworfen, Frauen dazu überredet, Modell zu stehen. Hier saßen all jene, die noch träumten und hofften. Bei Entrecôte und schwerem Rotwein überkam Adrienne unter diesen Menschen eine tiefe innere Ruhe. Überrascht stellte sie fest, dass sie Suzanne nicht länger vermisste. Die neue Bewegung, die in ihr Leben gekommen war, hatte sie in eine andere Richtung geführt, auf einen Weg, der sich gut anfühlte.

Apollinaire betrat das Lokal, ihm galoppierte ein junger Mann mit einem sperrigen Ölbild hinterher. Zielstrebig kamen sie an den Tisch der beiden Frauen. Mit seiner Stirnbinde, die den Einschlag eines Schrapnellsplitters verdeckte, wirkte Apollinaire weniger wie ein Kriegsveteran, sondern eher wie eine Kunstfigur des aufkommenden Dadaismus. Mehrere Operationen waren nötig gewesen seit seiner schweren Verletzung an der Front. Fortan trug Apollinaire den Wundverband über seinem »blutigen Stern« nicht nur als Lorbeerkranz des Dichters, sondern auch als blutdurchtränkte Märtyrerkrone, zu der die ihm verliehene Tapferkeitsmedaille gut passte.

»Die brachliegende Welt, von Dogmen blutig geschlagen, holt leise Atem, verbirgt noch die neue Kraft aus tiefstem Kern. Ein Heer von kreativen Rebellen wird kommen, definiert die Kunst in neuer Form«, deklarierte er mit erhobenem Zeigefinger. Sein junger Begleiter reckte dazu das Gemälde in seinen Händen, hob es für alle sichtbar in den Raum.

»Seht her! Seht diese Kloake aus Blut, Torheit und Dreck! Wir können nicht länger glauben, die alte Welt bliebe. Nieder mit ihr!«

Das Bild sah aus, als hätte der Dichter seinen Stirnverband abgenommen: Durch einen Kopf mit offener Schädeldecke stampften Soldaten. Panzerwagen, Kanonen, stumme Schreie aus zerfetzten Gesichtern mit hohlen Wangen, ein Skelett mit Pickelhaube. Einer der aufgerissenen Münder erbrach abstrakte Bilder. Sinnfreie Worte flogen wie Vögel zwischen den Motiven umher: Apollinaire schrieb Lautgedichte, das Malen lag ihm weniger.

Adrienne musste lächeln, als er nun weihevoll sein bekränztes Haupt senkte und ihr einen Handkuss gab. Raymonde begegnete er mit einer Verbeugung.

»Dürfen wir Ihnen Gesellschaft leisten, die Damen?«

Der junge Mann wartete nicht auf eine Einladung, sondern nahm freimütig Platz.

»Gestatten, André Breton!« Aus der Tasche seines verschlissenen Jacketts zog er eine Packung Zigaretten und bot ihnen an, zuzugreifen. »Heute ist mein Geburtstag und ich habe mich selbst beschenkt. Mit diesem großartigen Bild!«

Apollinaire hatte den Heißsporn im Lazarett kennengelernt. Ein junger Medizinstudent, der nach den menschlichen Abgründen suchte und sie in diesem Krieg zweifelsohne fand, war dort auf einen glühenden Dichter italienisch-polnischer Herkunft getroffen, der darauf brannte, Frankreich zu dienen, und den eine Granate an der Schläfe verletzt hatte, kaum dass er offiziell eingebürgert worden war.

»Möchten Sie mein Alphabet-Gedicht hören?«

Wieder wartete er nicht auf Erlaubnis, sondern begann in gewichtiger Stimmlage die ganze Buchstabenreihe vorzutragen. Adrienne und Raymonde sahen einander an und prusteten los. Apollinaire hielt vor Lachen seinen Stirnverband fest. Irritiert stockte André zwischen R und S. Die beiden Frauen waren sich einig, dass der junge Dichter dringend gleich nächsten Samstag sein Gedicht im ›La Maison‹ zum Besten geben musste.

Nach dem Z setzte Breton zu erneutem Luftholen an und wandte sich Raymonde zu.

»Ist das die berühmte Bibi-la-Bibiste? Verehrteste, zeigen Sie mir die begnadete Hand, mit der Sie ein solches Werk niederschreiben konnten!«

Sie reichte ihm amüsiert ihre Linke und nahm einen Schluck von dem Vermouth Cassis.

»Nun, Monsieur? Können Sie etwas Außergewöhnliches erkennen?«

»Geben Sie mir eine Nacht und ich könnte darin eine wilde Poesie entdecken!«

Apollinaire hob die Augenbrauen und kratzte sich unter der Binde.

»Du Hurensohn, willst du dich wohl entschuldigen!?«

»Pardon, pardon, pardon, pardon, pardon«, stammelte Breton ohne Unterlass, bis Apollinaire ihm eine schmetterte, mit der flachen Hand. André schüttelte sich wie ein nasser Hund und tat so, als wäre nichts geschehen.

»Bereite dich gefälligst auf deine Prüfung vor, damit aus dir ein guter Arzt wird! Als Poet bist du lausig.«

Adrienne wusste, dass Apollinaire es nicht ernst meinte. Der Bursche hatte Talent.

»Ich arbeite seit sechs Monaten in der Irrenanstalt! Was glaubt ihr, was ich da erlebe? Menschliche Körper, sie kommen von den Schlachtfeldern. Ich suche nach einer Versform, die nicht länger das moderne, kriegsgeschädigte Ohr irritiert. Was liegt da näher als DA, DA, DA, die Sprache des unschuldigen Kindes?! Liegt nicht etwas Beruhigendes in der Wiederholung, im Wort ohne Sinn?«

Der junge Mann gefiel Raymonde. Er inspirierte sie auf archaische Weise, gern wollte sie ihn in seiner ganzen Leidenschaft erleben. Zu dem Hotel, in dem sie wohnte, waren es zu Fuß nur fünf Minuten, nichts sprach dagegen, sich gleich auf den Weg zu machen.

»Breton, notier dir die wichtigsten Dinge für deine Verse!«, rief Apollinaire ihnen nach. Im Hinausgehen zog der Angesprochene sein schwarzes Notizbuch aus der Manteltasche und winkte damit seinem Mentor und dem Tisch seiner Freunde auf der anderen Seite zu.

Kaum waren sie fort, nahm Apollinaire fast zärtlich Adriennes kleine Hand zwischen seine großen, dicken Finger, wobei sie sich unwillkürlich vorstellen musste, wie er damit die Frauen berührte und zur Ekstase brachte. Ihr Fall war das nicht, doch es hieß, sie lägen oft und gerne in seinen Armen, wenn er nicht gerade malte oder schrieb. Manchmal tat er alles zugleich, so erzählten die Damen sich. Bei Adrienne konnte er sich entspannen, so sein, wie er war. Seit seiner Verletzung hatte er in Wahrheit oft Schmerzen, fühlte sich müde und niedergeschlagen.

»Geht es dir gut, ma petite?«

Seit der Eröffnung des ›La Maison des Amis des Livres‹ hatte der Freund keine Lesung ausgelassen, sofern er auf Fronturlaub vorbeischauen konnte. In immer der gleichen Ecke stand sein Stuhl, das freigeräumte Fach für den Sherry und ein Blatt Papier in Reichweite, auf dem er seine Gedichte in Kreisform schrieb. Eines von ihnen hatte Adrienne eingerahmt, um es am Vorabend von Apollinaires Rückkehr an die Front feierlich an die Wand zu hängen. Als er schließlich zurückkam, trug er einen Granatsplitter im Kopf, war aber wie durch ein Wunder überhaupt noch am Leben und bei Sinnen. Solch ein Ding im Schädel, frotzelte sein Freund Pablo, hätte jeden anderen das Hirn gekostet, nicht aber den großen Meister des Wortes.

»Es geht mir gut, mein lieber Freund.«

Apollinaire war ihr ans Herz gewachsen. Als sie von seiner Verletzung hörte, war sie tief erschüttert gewesen und hatte nicht geglaubt, ihn lebend wiederzusehen.

»Lass mich dich einladen, wer weiß schon, wann uns das Schicksal erlaubt, wieder beisammenzusitzen.«

Er tätschelte ihren Arm und nickte ihr bittend zu. Dem wollte und konnte sie nicht widerstehen.

Es wurde spät an diesem Abend und er sollte für Adrienne unvergesslich bleiben, denn es war das letzte Mal, dass sie Apollinaire sah. Er erkrankte kurz darauf an der Spanischen Grippe, einer durch die amerikanischen Truppenbewegungen nach Europa übertragenen Massenepidemie, die im April 1918 Frankreich erreichte, und starb drei Tage, bevor der Krieg zu Ende war.

2. Kapitel

Das ganze Leben eines Menschen ist nichts als ein Augenblick. Genießen wir ihn.

Plutarch

Gemeinsam mit ihrer Schwester beschloss Sylvia Beach, ihren in Paris verbrachten Fronturlaub zu verlängern. Die Sanitätsarbeit in Serbien war für beendet erklärt worden, ein neuer Einsatzplan sollte ihnen in der Hauptkommandantur auf dem Boulevard du Montparnasse ausgehändigt werden. Nur zwei, drei Nächte länger in Saint-Germain bleiben, Freunde treffen und mit ihnen ein Glas Wein trinken, nichts wollte Sylvia lieber!

Im Viertel wimmelte es von amerikanischen Soldaten, meist in Begleitung junger Französinnen. Dollarscheine öffneten jede Tür, auch die teurer Restaurants und angesagter Nachtclubs. Paris lebte und überlebte von den Verbündeten.

Kaum hatten sie das ›Deux Magots‹ erreicht, eilte Sylvia zu einem freien Tisch unter den Platanen, erntete bei ihrer Begleiterin aber nur ein entschiedenes Kopfschütteln.

»Komm Schwesterherz, lass uns reingehen.«

»Aber Cypa!« Sylvia breitete die Arme aus und öffnete demonstrativ zwei Knöpfe an ihrer Uniformjacke. »Es ist fast Sommer!«

Ohne weitere Erklärungen wies Cyprian auf die weißen Blütenknäuel am Boden.

»Oh! Entschuldige, ich vergaß deinen Heuschnupfen.«

Einen Dollar Trinkgeld nahm Bernard für einen Tisch in der ersten Reihe, doch Sylvia wollte kein Aufsehen, sondern nur ihre Ruhe. Im Inneren waren trotz des warmen Wetters alle Tische besetzt. Manche standen auch an der Bar oder hockten zu zweit auf einem der Stühle. Ein Mann winkte ihnen zu.

»Kommen Sie!«

Sylvia drehte sich um in Erwartung von Leuten, die hinter ihr kamen, aber nein, da stand niemand, er meinte sie. Cyprian nickte ihr auffordernd zu.

»Mademoiselles!« Drei junge Männer erhoben sich von ihren Stühlen. »Bitte! Es ist uns eine Ehre, setzen Sie sich zu uns!«, sagte der Kleinste.

»Kein amerikanischer Soldat soll sein Bier im Stehen trinken müssen!«, konstatierte sein Freund, der sich ihnen als Philippe vorstellte. Sylvia zögerte, doch Cyprian nahm bereitwillig Platz.

»Gestatten, André Breton!« Er bot ihr eine Zigarette an.

»Jetzt setz dich schon.« Sylvias Schwester blies belustigt den Rauch des ersten Zuges über ihre Lippen.

Drüben am Klavier hämmerte ein Mann mit Hut in die Tasten, als ob die Welt unterginge. War sie nicht wirklich dabei, in den Abgrund zu stürzen?

Der dritte ihrer Tischgenossen schlug die Hacken zusammen. »Louis Aragon! Untauglich fürs Gemetzel!«

Der Kleine deutete einen Handkuss für Sylvia an.

»Philippe Soupault.«

»Seid ihr die drei Musketiere?«

Aragon nickte. »Ich schon!«

Alle lachten.

»Bernard, bring den Ladies aus Ameeeeeerica etwas zu trinken. Sie zahlen in Dollar.«

»Natürlich sind die Damen unsere Gäste.«

»Auf keinen Fall!« Sylvia holte ein paar Noten aus der Hosentasche. »Das machen wir heute mal anders herum.«

In Anerkennung dessen bekam sie auch eine Zigarette angeboten.

»Wir feiern heute Bretons Geburtstag. Möge es nicht der letzte sein! Morgen muss er wieder an die Front.«

Der Ober brachte eine Karaffe Wein, das Beste vom Besten, und Cyprian goss die Gläser voll.

»Auf dass er gesund heimkehrt!«

Sie prosteten einander zu. Mittendrin setzte Breton plötzlich sein Glas ab und sprang auf und davon, in der rechten Hand ein Ölgemälde, das er mit schnellem Griff unter dem Tisch hervorgezogen hatte. Ein großer, rundlicher Mann mit einem Kopfverband war eben ins Lokal gekommen. Schon tauchte André an seiner Seite auf und folgte ihm wie ein Pferd seinem Reiter. Gemeinsam blieben sie vor einem Tisch mit zwei jungen Frauen stehen, wo er das Bild hoch in die Luft reckte. Die eine der beiden trug eine weiße Bluse, darüber eine schwarze Herrenweste. Wie sie ihr Kinn abstützte und die Männer mit einem warmen Lächeln begrüßte, erweckte sofort Sylvias Aufmerksamkeit.

»Hörst du vielleicht einmal zu, Jolly Joker?«, eine wohlbekannte Stimme drang vage an Sylvias Ohr.

»Was?«

»Sylvia Beach! Die Herren fragen, ob du noch ein Glas Wein möchtest«, wiederholte Cyprian energisch, erntete von ihrer Schwester aber nur eine Gegenfrage.

»Wer ist diese Frau?«

Philippe folgte Sylvias Blick.

»Welche von beiden meinen Sie?«

»Die Mademoiselle in der weißen Bluse.«

Soupault fuhr sich erstaunt über das Kinn. »Das ist Adrienne Monnier!«

Er sagte es mit einer Betonung, als müsse einfach jeder in Paris wissen, wen er da vor sich hatte.

»Und?«

»Eh bien – sie ist ›La Maison des Amis des Livres‹!«

Von der Buchhandlung hatte Sylvia immerhin schon gehört. Dort konnte man nicht nur Bücher kaufen, sondern sie sich auch ausborgen. Eine Leihbücherei! Was für eine fantastische Idee in diesen harten Zeiten! Immerhin 75 Centimes zahlte man am Ufer der Seine für ein gebundenes Buch; vom selben Betrag wurde eine vierköpfige Familie drei Tage lang satt. Dieser Adrienne Monnier lag scheinbar nicht so viel daran, Geld zu verdienen. Wichtiger war ihr, Literatur auch an die kleinen Leute zu bringen. – Ob ihre Begleiterin mehr war als nur das?

»In der Little Review steht ein Artikel von ihr«, ergänzte Aragon.

»Sie schreibt auch selbst?«

Das wachsende Interesse stand Sylvia ins Gesicht geschrieben. Unentwegt sah sie zum Tisch der Frauen hinüber, bis es ihrer Schwester langsam peinlich wurde.

»Was ist denn los mit dir?«

»Entschuldige, Cypa.« Sylvia stand auf und erhob ihr Glas. »Auf das Ende des Krieges! Mögen alle zur Vernunft kommen.«

Mit einem Satz sprangen Louis und Philippe auf die Füße und riefen zu Breton hinüber: »Hey André, wir trinken auf das Ende!«

Der Kriegsverletzte neben Breton salutierte im Stehen, mit der Hand an seiner Stirnbinde, die Frauen und Breton erhoben sich ebenfalls. Nach und nach taten es ihnen alle im ›Deux Magots‹ gleich und für einen Moment trafen sich die Blicke von Sylvia und Adrienne.

Damals bei Trudi, der Nachbarstochter in Baltimore, hatte Sylvia ähnliche Anflüge von kurzen, wohligen Schaudern empfunden. Den ersten Kuss, in dem sie mit Trudi auf der Empore der presbyterianischen Kirche in Baltimore versunken war, würde sie nie vergessen. Der Vater las die Predigt, Trudis Mutter spielte die Orgel und die Mädchen traten den riesigen Blasebalg, der für den nötigen Winddruck sorgte. Da verlor Sylvia mit einem Mal das Gleichgewicht und fiel direkt in Trudis Arme. Alles ging sehr schnell, ein kurz aussetzender Orgelton, zwei feuchte Lippenpaare und zwei Monate später Sylvias Umzug nach Paris.

Ein Ort, der ihr so weit weg schien wie die Sterne am Firmament. Sylvia fragte sich oft, ob der Vater, ein strenger Pfarrer, von ihren unreinen Gedanken wusste und sie deshalb ans Ende der Welt verfrachtete. Nachdem sie Jules Verne verschlungen hatte, nannte sie Paris allerdings den Mittelpunkt der Erde; das klang irgendwie abenteuerlicher. Die Schwestern mussten gleich mit. Doch der Vater ließ seine drei Töchter – Holly, die Älteste, Cyprian und die kleine Sylvia – nicht in der sündigen Hauptstadt aufwachsen, er verteilte sie auf Freunde der Familie in der französischen Provinz.

Dorthin schickte der liebe Gott, wie Sylvia dachte, eine weitere Versuchung: Carlotta Welles. In Alassio in Bella Italia geboren, war sie der Inbegriff einer amerikanischen Patriotin. Es ärgerte sie maßlos, wenn ihr Vater, der gute Mister Welles, sie als »meine kleine Italienerin« vorstellte. Welles leitete die Dependance eines Unternehmens in Dakota, war in der Elektrikbranche und besaß einen Landsitz in der Touraine, am Fluss Cher. Die Leidenschaft des Mister Welles war das Sammeln von Büchern. Nach Herzenslust stöberte Sylvia darin herum. Carlotta hingegen saß im höchsten Baum des Anwesens und beobachtete mit einem Fernstecher stundenlang Vögel. So kam es, dass Sylvias pubertierendes Herz wegen einer unerwiderten Liebe von der Lyrik Walt Whitmans ergriffen wurde.

Irgendwo auf dieser Welt brauchte man immer Sanitäter – mehr und mehr Sanitäter, aber Sylvia wollte Paris nicht verlassen. Die Verletzten nahmen zu, die Verstümmelungen wurden schlimmer, die Schreie lauter. Nein, sie ertrug diesen Wahnsinn nicht mehr. Niemand rief noch länger nach dem Sieg. Die Einschläge der Kanonen hatten die Soldaten taub gemacht gegen heroische Reden. Der Krieg war von der Geliebten zur Furie geworden, die einem beim Abschied das Herz aus der Brust riss.

Der Abend im ›Deux Magots‹ hatte Sylvia gezeigt, was Leben war. Das hier in Paris, diese Frau mit Augen, so strahlend wie ein Sonnenaufgang am Meer, das war Leben. Jeder Blick aus diesen Augen wurde zu einer sanften Welle, die Sylvias Körper umspülte. Sie wollte spüren, dass sie am Leben war, keine Halbtoten pflegen, sie wollte Literatur in Paris studieren, nicht auf ihren nächsten Marschbefehl warten.

Auf dem Nachhauseweg ins Palais Royal redeten die Schwestern lange nichts. Erst als sie die Seine überquerten, blieb Sylvia plötzlich stehen.

»Unsere Schwester Holly hat doch was zu sagen beim Roten Kreuz. Können wir nicht irgendwo auf den Feldern in Frankreich eingesetzt werden?«

»Wohin willst du, Sylvia? Etwa nach Verdun?« Cyprian stand das pure Entsetzen im Gesicht.

»Oh Jesus, nein, ich meine doch keine Schlachtfelder, sondern Kornfelder. Als Landarbeiterinnen und Erntehelferinnen. Die Männer sind schließlich alle an der Front.« Solange sie in Frankreich bleiben konnte, hatte sie das Gefühl, sie sei Adrienne näher. »So ein Blödsinn«, Sylvia schlug sich vor die Stirn. Beschämt merkte sie, dass sie laut gedacht hatte.

»So blöd finde ich die Idee gar nicht«, ließ sich Cyprian vernehmen. »Lass uns Holly ein Telegramm schicken.«

Sylvia nickte. Gut, dass sie in ihrer Benommenheit nicht auch noch Adriennes Namen gesäuselt hatte …

Aus einer Bar drang eine sanfte Melodie. Eine Männerstimme sang »You’re the cream in my coffee«, der Klang der Klarinette führte die anderen Instrumente an. Sylvia tänzelte über die Straße.

»Komm! Noch auf einen Drink!«

Der Trompeter lockte mit einem seichten Rag. Und entlockte Cyprian ein bereitwilliges Lächeln.

»Okay – schlafen können wir auch auf einem Heuschober in den Ardennen, wenn alles gut geht.«

Die beiden Schwestern ließen sich von den Rhythmen Schritt für Schritt ins Innere der Bar führen. Nichts schien selbstverständlicher als dort hineinzugehen, auf ein letztes Glas. Nichts war befreiender als der Gedanke, dass das, was sie hier taten, in Amerika für Damen ohne Herrenbegleitung unmöglich gewesen wäre.

»Ich liebe Paris!« Sylvia wiegte sich in den Hüften. Sie dachte an Adrienne. Wäre sie doch jetzt hier …

»Darling, möchtest du auch eine Zigarette?« Ein amerikanischer Soldat, kräftig gebaut, schwarze Locken, kleiner Oberlippenbart, grinste über sein breites Gesicht.

»Ladies, darf ich Sie einladen?«

Er zwinkerte Cyprian zu, durchaus charmant, ganz wie ein Gentleman aus der Bostoner Oberschicht.

»Ich schätze, wir werden heute Abend kein Geld mehr ausgeben«, raunte Sylvia leise ihrer Schwester ins Ohr, doch der Mann hatte jedes Wort verstanden.

»Ladies, wir werden unsere Dollar in diesem Fronturlaub auch nicht mehr los. Morgen geht’s zurück in die Hölle. Anyway! Wie heißt das hier? Champäiine! Come on, so what!«

Soldaten wie sie hatten nichts mehr zu verlieren, ihre Seelen lagen bereits im Sterben, kaum einer glaubte mehr daran, lebendig und heil aus dem Krieg zu kommen. Vielleicht schafften sie es noch, ihrer Liebsten einen Brief zu schreiben, eine letzte aufregende Nacht zu erleben oder doch wenigstens ein gutes Gespräch über Kunst zu führen. Cyprian tanzte mit einem der Fremden und Sylvia debattierte mit einem anderen, einem jungen Kerl von kaum zwanzig Jahren, bei billigem Whisky über amerikanische Literatur.

»Ich will über all das hier schreiben, wenn ich überlebe. Weil«, er legte eine lange Atempause ein, »… weil ich sonst an meinen Gedanken krepiere!«

Sylvia stieß mit dem Soldaten an und nickte ihm zu.

»Verstehen Sie, was ich meine?«

»Absolut.«

Der junge Mann zog an seiner Zigarette, obwohl er den Stummel kaum noch halten konnte, so weit war sie heruntergebrannt. Sie qualmte direkt zwischen seinen gelben, zitternden Fingern. Sylvia blickte zu ihrer Schwester, die sich immer noch im Takt drehte, den Kopf vertrauensvoll an die fremde Schulter gelehnt. Was hatte der Krieg aus den Menschen gemacht? Einerseits schossen Fremde aufeinander, deren Befehl es war, Menschen zu töten ohne jeden Anlass; gleichzeitig lagen sie sich in den Armen auf der Suche nach Nähe.

»He, wie heißt du, Soldat?«

»Ernest.«

»Und wo geht es hin für dich?«

»Nach Venedig. Genauer gesagt, Fossalta di Piave. Aber eigentlich Venedig. Eine Stadt der Liebe, wie Paris! Hier hat man sie erfunden und in Venedig zelebriert man sie.«

Sylvia sah zu Cyprian hinüber und formte mit den Lippen ein Komm. Die Musik klang nicht länger melodisch, sondern dröhnte jetzt in ihren Ohren. Eine bleierne Müdigkeit fesselte ihre Gliedmaßen.

»Ich wünsche dir ein langes Leben, Ernest! Und schreib! Für dich, für mich und all die anderen auf der Welt. Lass uns das hier alles nicht vergessen.«

Er küsste sie zum Abschied auf die Wange.

»Passt auf euch auf«, hauchte er in ihr Ohr.

Draußen auf der Straße klangen seine Worte noch in Sylvia nach. Eine fremde Stadt ist nicht länger fremd, wenn du dort Bücher in deiner Sprache lesen kannst …

Schläfrig und leicht betrunken, legte Cyprian den Kopf nunmehr an die Schulter ihrer Schwester und sang leise den Potomac-River-Blues.

»Hast du Heimweh, Cypa?«

»Manchmal.« Sie murmelte es mehr in ihre Armbeuge, kaum hörbar.

»Wonach genau?«

»Nach einem Häuschen im Grünen, zwei entzückenden Babys und einem Mann, der mich auf Händen trägt. Noch Fragen?« Schon fühlte Cyprian sich ertappt. Es musste am Alkohol liegen, dass sie ihre Schwächen verriet. Schnell richtete sie sich das Haar, indem sie die Locken mit der flachen Hand stützte. Dabei spitzte sie die Lippen. »Aber ich will ja auf die Bühne! Also, wie soll das gehen?«