Offenes Grab - Kjell Eriksson - E-Book
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Kjell Eriksson

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Beschreibung

Mit dem beschaulichen Leben in dem Villenviertel von Uppsala ist es vorbei, als dem scheuen Medizinprofessor Bertram von Ohler der Nobelpreis verliehen wird. Besonders sein Nachbar und ehemaliger Kollege Johansson beobachtet von seinem Haus aus misstrauisch das Treiben vor dem Haus des Preisträgers. Eines Nachts landet ein Stein auf dem Dach der Villa, und in seinem Briefkasten liegt ein Totenschädel. Bestürzt alarmiert von Ohler die Polizei, die ihre Suche jedoch bald erfolglos einstellt. Als kurz darauf ein junger Gärtner auf dem Grundstück spurlos verschwindet, nimmt der Fall für Ann Lindell und ihr Team ungeahnte Ausmaße an ...

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Buch

Mit dem beschaulichen Leben in dem Villenviertel von Uppsala ist es vorbei, als dem scheuen Medizinprofessor Bertram von Ohler der Nobelpreis verliehen wird. Besonders sein Nachbar und ehemaliger Kollege Johansson beobachtet von seinem Haus aus misstrauisch das Treiben vor dem Haus des Preisträgers. Eines Nachts landet ein Stein auf dem Dach der Villa, und in seinem Briefkasten liegt ein Totenschädel. Bestürzt alarmiert von Ohler die Polizei, die ihre Suche jedoch bald erfolglos einstellt. Als kurz darauf ein junger Gärtner auf dem Grundstück spurlos verschwindet, nimmt der Fall für Ann Lindell und ihr Team ungeahnte Ausmaße an ...

Über Kjell Eriksson

Kjell Eriksson, geboren 1953, hat Erfahrungen in mehreren Berufen gesammelt. Er lebt in der Nähe von Uppsala. Für seinen ersten Kriminalroman um die Ermittlerin Ann Lindell »Den upplysta stigen« erhielt er 1999 den schwedischen »Krimipreis für Debütanten«. Sein Roman »Der Tote im Schnee« wurde zum »Kriminalroman des Jahres 2002« gekürt, eine Ehrung, die bereits Autoren wie Liza Marklund, Henning Mankell und Håkan Nesser bekommen hatten.

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Kjell Eriksson

Offenes Grab

Ein Fall für Ann Lindell

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Epilog

Impressum

1

Die Nachricht kam unerwartet. Bertram von Ohler war immerhin vierundachtzig Jahre alt, ein wenig hinfällig, die Beine trugen ihn nicht mehr zuverlässig, und die Taubheit in den Händen brachte vor allem am Esstisch Probleme mit sich. Die Schwindelanfälle am Abend wurden zu einer Plage und bewirkten, dass er, abgesehen von den Bridgeabenden, die ihm heilig waren, immer weniger am gesellschaftlichen Leben teilnahm. Es gab durchaus Leute, die meinten, ihm würde nicht mehr viel Zeit bleiben, und man tuschelte über seine abnehmende Gesundheit.

Vor allem ehemalige Kollegen und Konkurrenten hatten ihre Freude daran, hinter dem Rücken des alten Professors zu tratschen, oder es waren ganz einfach Bekannte, die in Ermangelung eines anderen Zeitvertreibs unausgegorene Reden verbreiteten. Einmal war es eine neurologische Krankheit, die ihn bald aufs Lager werfen würde, dann wieder hieß es, das Problem sei Prostatakrebs in fortgeschrittenem Stadium. Und es gab auch Freunde in seiner Umgebung, die gern zuhörten, vielleicht ein Detail oder eine Episode beisteuerten, und auf diese Weise die Gerüchteküche in Gang hielten.

Es war, als würden der Anblick des Alten oder die Zeitungsmeldungen, die immer zur Zeit der herbstlichen üblichen Spekulationen erschienen, automatisch Bemerkungen über sein direkt bevorstehendes Hinscheiden ins Kraut schießen lassen.

Von den wirklichen Freunden waren ihm nicht mehr viele geblieben. Einige hatten bereits das Zeitliche gesegnet, andere waren senil und saßen im Altersheim. Ein Professor einer angrenzenden Disziplin war wegen offenkundigen Wahnsinns auf einen Familiensitz nach Skåne verfrachtet worden. Und die wenigen, mit denen von Ohler noch Umgang pflegte, waren entsetzt.

»Ich bin das gewohnt, im Laufe der Jahre haben viele versucht, mir Ehre und Schneid abzukaufen, und jetzt ist es eben mein Leben, auf das sie aus sind«, lautete sein gelassener Kommentar, wenn sich die Freunde beklagten. Doch in seinem Innersten war er betrübt, traurig und manchmal richtiggehend wütend über den herrschenden Kleingeist und die Missgunst.

Er hatte sich mit vielem abgefunden. Alter Groll wurde begraben, Ungerechtigkeiten, die sich jahrzehntelang aufgetürmt hatten, versanken in gnädigem Vergessen. Sogar Dozent Johansson, der nur einen Steinwurf entfernt wohnte, brachte es inzwischen fertig, ein paar Worte mit dem einstigen Rivalen zu wechseln. Kürzlich erst hatten sie über Obama und »den anderen« diskutiert – keiner von beiden wollte zugeben, dass ihm der Name kurzzeitig entfallen war. Der Professor hatte auf dem Bürgersteig gestanden, der Dozent mit einem Rechen in der Hand auf der anderen Seite der Ligusterhecke.

Sogar die Erinnerung an seine vor vielen Jahren verstorbene Ehefrau hatte etwas Versöhnliches bekommen. Bertram von Ohler hatte eine Theorie entwickelt, nach der er in Wirklichkeit ihr alle seine Erfolge zu verdanken hatte, zwar indirekt und ohne ihr bewusstes Mitwirken, aber dennoch. Und das, wo sie ihm die letzten dreißig Jahre ihres gemeinsamen Lebens zur Qual gemacht hatte.

Wie hatte sich ein so wunderbares Wesen, wie es Dagmar einmal gewesen war, nur zu einem derartigen Monster entwickeln können? Er hatte Kollegen konsultiert, um mit Hilfe eines Expertenrats eine Erklärung für ihr Verhalten zu erlangen, doch konnte man nie eine Diagnose stellen. »Es gibt gemeine Menschen, so ist das einfach«, hatte ein Professor der Psychologie konstatiert, nachdem von Ohler einmal angedeutet hatte, mit was für einem Hausdrachen er zusammenlebte.

Jedes Frühstück im Hause von Ohler war wie ein Minenfeld gewesen: ein falscher Schritt, und der morgendliche Frieden war ruiniert. Jedes Abendessen hatte sich zu einem Stellungskrieg mit Scharfschützen und Hinterhalt entwickelt, und an richtig schlechten Tagen eskalierte es zu großflächigen Bombardements mit Vorwürfen und Misstrauensbeweisen.

Er desertierte nicht aus seiner Ehe, wie sogar seine Kinder es ihm geraten hatten, aber er floh, sooft es möglich war, ins Institut und blieb bis spät abends dort. Manchmal übernachtete er auch in einem kleinen Nebenraum.

Vielleicht hatte diese Tatsache, dass er sich von zu Hause und von seiner Ehefrau fernhalten musste, die Grundlage für seine Erfolge auf dem Gebiet der Medizin gelegt. Er hatte Dagmars Streitsucht und ihrem Misstrauen die Forschungsergebnisse und die Professur zu verdanken, und nun auch diese späte Krönung seiner Laufbahn.

Die Nachricht hatte ihn am späten Vormittag erreicht. Bertram von Ohler war eben von einem kurzen Spaziergang zurückgekehrt und wollte gerade den Nudelsalat essen, den die Haushälterin Agnes am Tag zuvor für ihn vorbereitet hatte, als das Telefon klingelte. Es war Professor Skarp vom Karolinska Institutet in Stockholm.

Von Ohler hatte Skarp nur flüchtig bei einigen wenigen Veranstaltungen kennengelernt. Deshalb erstaunte es ihn, dass dieser ihn nach der einleitenden Begrüßung mit »Bruder« ansprach, als ob sie Ordensbrüder wären, was von Ohler doch stark bezweifelte.

»Bruder, ich habe die große Ehre und Freude, Ihnen mitzuteilen, dass Professor Emeritus Bertram von Ohler der diesjährige Nobelpreis für Medizin verliehen werden wird.«

»Wie schön für ihn«, war das Einzige, was von Ohler herausbringen konnte, denn es war ihm unmöglich, diese einfachen Fakten zu einem begreifbaren Satz zu verbinden.

»Wie?«, fragte Skarp.

Bertram von Ohler, aber das bin doch ich!, durchfuhr es von Ohler mit einemmal.

»Wie?«, echote er hilflos.

Professor Skarp ließ jetzt den »Bruder« aus, wiederholte aber ansonsten den Satz noch einmal Wort für Wort. Als er auch diesmal keine andere Antwort als einige schwere Atemzüge erhielt, fügte er etwas hinzu in der Art, dass er natürlich wisse, dass dies eine überwältigende Neuigkeit sei, zwar nicht völlig unerwartet, aber dann wieder doch überraschend und nicht leicht zu verarbeiten.

»Professor von Ohler, werter Kollege … wie geht es Ihnen?«

»Danke, gut. Und dabei wollte ich gerade meinen Nudelsalat essen.«

»Ja, da wird es nun wohl etwas Festlicheres geben müssen«, sagte Skarp und lachte erleichtert.

»Ich muss sogleich meine Kinder anrufen. Bitte, darf ich Sie zurückrufen?«

»Aber natürlich. Der werte Bruder darf nun sicher mit einem Ansturm von Gesprächen und Besuchern rechnen, und da ist es vielleicht klug, zuerst einmal die nächsten Angehörigen zu unterrichten.«

Als ob jemand gestorben wäre, dachte von Ohler.

»Möchte der Bruder nicht die Begründung hören?«

»Nein, danke, ich glaube, die kenne ich schon. Bitte entschuldigen Sie mich.«

Sie beendeten das Gespräch, und er eilte zur Toilette.

»Jetzt pisse ich als Nobelpreisträger«, sagte er laut, und es gelang ihm, seinem schrumpeligen Geschlechtsteil ein paar Tropfen abzupressen.

Anstatt seine beiden Söhne anzurufen, die beide Professoren waren, der eine in Lund, der andere in Los Angeles, oder seine Tochter, die wissenschaftliche Leiterin eines Pharmaunternehmens in der Stadt, zog er den Telefonstecker heraus, verschlang schnell etwas von dem Nudelsalat, trank ein paar Schlucke Wasser und verließ das Haus.

Es war ein strahlender Tag, und deshalb fand er Dozent Johansson wie erwartet bei der Gartenarbeit. Das Tor zu öffnen und zu klingeln kam ihm jedoch zu dreist vor, auf so gutem Fuß standen sie nicht miteinander.

Der Dozent sah fast glücklich aus, wie er da von parallel verlaufenden Laubschneisen umgeben mit dem Rechen in der Hand auf der Wiese stand. Ohler hatte vom Dozenten schon einmal erklärt bekommen, dass Laubharken mit System zu geschehen habe, und wusste deshalb, dass der Nachbar nun im Begriff war, die Schneisen zu anmutigen kleinen Haufen zusammenzurechen.

»Nur gut, dass es nicht windig ist«, begann der Professor, begriff aber sofort, dass es eine selten dumme Bemerkung war.

»Wenn das so wäre, würde ich heute niemals Laub rechen«, erwiderte der Dozent.

»Nein, selbstverständlich nicht.«

Der Dozent unternahm noch ein paar Bewegungen mit dem Rechen, von Ohler merkte, dass er sich nicht zu viel Zeit lassen konnte, und so beschloss er, direkt zur Sache zu kommen.

»Ich habe vor ein paar Minuten eine frohe Nachricht erhalten, und ich habe mich entschieden, diese zuallererst mit Ihnen zu teilen.«

Der Dozent sah auf.

»Ach so?«

»Nun, wir sind schließlich Kollegen, viele Jahre lang haben wir ein Labor geteilt, wir haben gemeinsam an Projekten gearbeitet und Erfolge und Misserfolge miteinander erlebt, an all das müsste ich natürlich nicht weiter erinnern, aber ich tue es dennoch, dem besonderen Tag zu Ehren.«

Der Dozent hielt in der Arbeit inne, lehnte den Rechen an den Stamm einer Blutbuche und machte ein paar Schritte auf das Gartentor zu.

»Das ist ein fantastischer Baum«, sagte der Professor und zeigte auf die Buche. »Ohne Frage der prächtigste, den wir hier in der Gegend haben.«

Nun sah der Dozent noch verblüffter aus, und es war nicht ganz klar, ob das an dem unerwarteten Lob lag oder daran, dass der Professor das Wort »wir« benutzt hatte, als wäre das ganze Stadtviertel Besitzer des Baumes.

»Ich möchte vermuten, dass er ebenso alt ist wie das Haus«, fuhr der Professor fort.

Jetzt stand der Dozent direkt am Gartentor. Sein langes und schmales Gesicht drückte eine Spur Ungeduld, vielleicht auch Verärgerung aus, aber er versuchte trotzdem – aus Unsicherheit darüber, was wohl diese Charmeoffensive ausgelöst haben könnte – ein wenig zu lächeln. Doch wurde aus dem Lächeln nicht viel mehr als ein Zucken des Gesichts.

»Ich habe den Nobelpreis bekommen.«

Die von Sonne und Wind rosafarbenen Wangen, die wässrigen Augen, das schmale Bärtchen, das wie ein kaum sichtbarer Strich über einem offenen Mund wirkte, aus dem ein paar Hauer schimmerten, die schmalen, hängenden Schultern und der mager gebaute Brustkorb, alles, was von dem Dozenten oberhalb des Gartentors sichtbar war, strahlte entsetztes Misstrauen aus.

»Den Nobelpreis«, wiederholte er dämlich.

Der Professor nickte.

»Für Medizin?«

»Ja, was sonst?«

»Für das IDD?«

»Das nehme ich an«, erwiderte der Professor.

IDD war die Abkürzung, die sie untereinander für die Entdeckung benutzt hatten, die vor ungefähr zwanzig Jahren der Öffentlichkeit präsentiert worden war und für die dem Professor jetzt die Ehre zuteil wurde.

»Sie nehmen an?«

»Ich habe nicht gefragt, denn ich musste, als Skarp anrief, plötzlich ganz dringend pissen.«

Dozent Johansson schüttelte den Kopf.

Er glaubt, jetzt bin ich durchgedreht, dachte von Ohler, und im selben Augenblick durchfuhr es ihn, dass er ja vielleicht auch einem groben Scherz zum Opfer gefallen sein könnte. Er kannte Skarp kaum, sie hatten nie so viel Kontakt gehabt, dass der Professor für sich in Anspruch nehmen könnte, seine Stimme mit Sicherheit zu erkennen. Es hätte also sonstwer sein können, der sich hier als Sprecher der Wissenschaftsakademie ausgab. Jemand, der seinen Hintergrund, seine Forschungsgebiete und die Prozedur, wie die Preisträger für Medizin ausgewählt wurden, gut genug kannte. Jemand, der ihm einen Streich spielen wollte, um auf seine Kosten mal so richtig zu lachen. Dass sich der Anrufer der Anrede »Bruder« befleißigt hatte, war nur ein Hinweis darauf, dass das alles nicht mit rechten Dingen zuging.

Die plötzliche Einsicht, dass es sich bei dem Ganzen vielleicht um Betrug handelte, machte ihn glauben, dass der Boden unter seinen Füßen schwankte. Er packte das Gartentor und versuchte den Schwindel zurückzudrängen, indem er die Augen schloss und ein wenig mit gebeugten Knien und geradem Rücken in sich zusammensackte. Das war die Technik, die er in solchen Fällen anzuwenden pflegte. Die Funken hinter seinen Augenlidern glühten in blitzschnellen grellen Strichen auf, es sang in seinem Kopf, und er verspürte einen leichten Eisengeschmack im Mund.

Als der Anfall vorüber war und er die Augen aufschlug, bemerkte er, dass ihm der Dozent hasserfüllt auf die Hand starrte, als sei der Griff nach dem Gartenzaun eine Verletzung von Johannsons Privatleben und Eigentum. Aber der Professor wagte nicht, das Tor loszulassen.

»Entschuldigen Sie«, erklärte er, »ich habe heute noch nichts Richtiges gegessen.«

Der Dozent erwiderte nichts.

»Könnte es ein Scherz gewesen sein? Ich meine, der Anruf?«

»Schon möglich«, sagte der Dozent, und jetzt erschien die Andeutung eines Lächelns in einem seiner Mundwinkel.

»Sie glauben, ich wäre nicht ganz bei Verstand, oder?«

»Wie kommen Sie denn darauf? Natürlich nicht.«

»Sie glauben, ich bluffe, oder? Aber Skarp hat mich angerufen!«

Er starrte den Dozenten an, dessen Adamsapfel auf und nieder hüpfte. Ja, ja, du schluckst deine Worte runter, dachte der Professor verbittert. Er starrte auf den faltigen Hals, der Speiseröhre und Luftröhre beherbergte, und die Adern, in denen das Blut zum Gehirn gepumpt wurde. Du traust dich nicht, was zu sagen, weil du Angst hast, zu viel oder zu wenig zu sagen. Du bist dir treu geblieben.

Er hatte entschieden, den Dozenten aufzusuchen, um ihm seine Bereitwilligkeit zu signalisieren, die Ehre mit ihm zu teilen. Ich besuche ihn, um das Licht auf die ganze Forschergruppe zu richten, als würde ich sagen: Der Verdienst gebührt nicht mir allein, wir waren ein Team. Und nun begegnet mir nur Hohn.

Von Ohler rüttelte am Gartentor. Vom Lächeln des Dozenten war nur mehr eine Grimasse übrig.

Er hatte das nicht mit Berechnung getan, so war es doch, oder? Der Gedanke war ihm ganz spontan gekommen, was könnte man sonst auch tun, wenn man nicht zu den selbstsicheren Personen gehörte, die schon im Voraus ihre Kommentare und Sprüche eingeübt hatten, um sie dann parat zu haben, falls mal das Nobelpreiskomitee anrief. Oder war auf einer unbewussten Ebene doch ein gewisses Maß an Berechnung dabei gewesen? Hatte er nicht augenblicklich in Gedanken seine erste Ansprache an die Medien formuliert: Ich bin überwältigt und natürlich sehr dankbar. Irgendetwas in der Art als Einleitung, und dann der Haken, an den er seine eigene Großartigkeit hängen konnte: Als Erstes bin ich zu meinem Nachbarn gegangen, einem lieben Freund und Wissenschaftskollegen, dem Dozenten Johansson, um meine Freude mit ihm zu teilen, denn der Preis gehört nicht nur mir, ich teile ihn mit einem ganzen Stab von unermüdlichen und pflichtbewussten Mitarbeitern. Ohne sie wäre ich nichts. Und als ich wieder zu Hause war, habe ich erst mal meine Kinder angerufen.

So buchstabiert man Demut. Da bleibt kein Auge trocken. Sollte er vielleicht noch den Nudelsalat erwähnen?

Der Dozent riss ihn aus seinen Gedanken.

»Wenn er es war.«

»Ich kenne ihn.«

Jetzt würde ihm niemand mehr den Preis wegnehmen!

»Und was ist mit Ferguson?«

Allan Ferguson war ein amerikanischer Wissenschaftler, der in den Achtzigerjahren in Deutschland tätig gewesen und zu ähnlichen Forschungsergebnissen gekommen war wie die Kollegen an der Universitätsklinik in Uppsala. Es gab durchaus Stimmen, die sagten, dass seine Erkenntnisse bahnbrechend gewesen seien und dass er zudem eine Spur schneller gewesen sei.

»Ferguson hat seine Ergebnisse auf unsere Forschungen gegründet, das wissen Sie sehr wohl.«

Ein kleines Lächeln spielte wieder um den Mund des Dozenten.

»Ich werde Ferguson erwähnen«, zischte der Professor.

»Sie werden ziemlich viele erwähnen müssen.«

»Ich dachte, Sie würden sich freuen«, entgegnete der Professor, »aber da habe ich mich offenkundig getäuscht. Selbstverständlich werde ich viele erwähnen. Darunter auch Ihren Namen.«

»Meinen?«

»Warum so erstaunt?«

Der Dozent lachte ein Lachen, das an den schrillen Laut einer Waldschnepfe erinnerte. Er machte eine Grimasse und verzog den Mund zu einem höhnischen Lächeln.

Wo wird das hinführen?, dachte von Ohler, beschloss aber, einen weiteren Versuch zu unternehmen. Er war derjenige, der es sich leisten konnte, großzügig zu sein, und der das auch sein musste.

»Ihre Beiträge waren entscheidend, das wissen wir beide. Warum also die Heuchelei? Wir sind beide alt, ich werde im Dezember fünfundachtzig Jahre, und Sie sind bald achtzig, schneller, als wir es ahnen, können wir von dieser Erde verschwunden sein, warum also diese Verstellung, wozu das Theater? Wir wissen doch beide, wie es funktioniert. Es gibt überhaupt keine Gerechtigkeit, vor allem nicht in unserer Welt. Es hätte ein Ferguson werden können oder ein Johansson, und nun ist es ein von Ohler geworden.«

»Ein von Oben.«

»Wie meinen?«

In diesem Moment bog ein Taxi in die Straße ein. Die beiden alten Männer sahen zu, wie es sich langsam näherte, um dann schließlich vor von Ohlers Auffahrt zu halten. Auf dem Rücksitz des Wagens konnte man eine Person erkennen, die einen Arm vorstreckte, wahrscheinlich um zu bezahlen. Der Fahrer lachte, nahm das Geld entgegen, und in den folgenden Augenblicken beobachtete das Duo am Gartenzaun atemlos das Geschehen. Der Dozent hatte sich, um besser sehen zu können, vorgelehnt und hielt sich am Gartentor fest, sodass seine Hand fast die des Professors berührte. Dieser Nähe oder fast Intimität zum Trotz, die vielleicht sogar daran erinnerte, wie es vor zwanzig, dreißig Jahren gewesen war, als sie sich gemeinsam über einen flimmernden Bildschirm, ein Diagramm oder einen Bericht gebeugt hatten, beobachteten sie, wie der Fahrer immer noch lachend aus dem Auto stieg und die hintere Tür öffnete.

Bertram von Ohlers getrübter Blick konnte nicht mehr erfassen, als dass sich eine Gestalt aus dem Taxi schälte. Doch er vernahm, wie der Dozent tief Luft holte, und schloss daraus, dass dieser den Passagier erkannt hatte.

»Ich glaube, ich muss mal dringend pissen«, sagte der Dozent, und dieser unerwartete Satz, den der Professor sogleich als eine ausgestreckte Hand und versöhnende Geste wahrnahm, ließ ihn seufzen:

»Großartig, Gregor«, sagte er, »einfach großartig.«

Der Fahrer stürzte herbei.

»Mr. Olon?«

Der Professor nickte verwirrt. Der Fahrer packte seine freie Hand und schüttelte sie frenetisch, während er mit der anderen Hand dem Nobelpreisträger auf die Schulter schlug. Sein breites Grinsen und sein ganzer Gesichtsausdruck zeugten von großer Erregung und unvorstellbarer Freude.

»Ein guter Tag«, sagte er.

Der Passagier, zunächst etwas ins Hintertreffen geraten, hatte nun aufgeschlossen.

»Ich möchte Ihnen im Namen der gesamten Universität gratulieren.«

Der Taxifahrer erinnerte an die Blumen.

»Wie wahr!«

Wenn Bertram von Ohler später diesen Tag Revue passieren ließ, sollte die Gratulation auf der Straße als das am meisten geglückte Bild herausragen. Erst die Ehrerbietung des Volkes, vertreten durch den Taxifahrer Andrew Kimongo, danach die akademischen, blutroten Rosen und der Redefluss des Rektors, und schließlich die lange Reihe der Gratulanten, die dann Schlag auf Schlag kamen.

Die Nacht verlief unruhig, er wurde ständig aus dem nervösen Schlummer gerissen, der Personen auszeichnet, die im Sternzeichen Schütze ihren Geburtstag feiern; in von Ohlers Fall war es der 15. Dezember. Diese Theorie wurde von seiner Tochter Birgitta verfochten: Schützen schlummern die ganze Nacht nur, Stiere schlafen fest, Waagen sind Frühaufsteher. Sie selbst gehörte zu den Wassermännern, deren hervorstechender Zug war, intensiv zu träumen.

Bertram von Ohler war ein wenig bekümmert, schließlich war seine Tochter in die Schule der Naturwissenschaften gegangen, war Doktor der Medizin und dennoch der intellektuell leichtgewichtigen und stupiden Lehre von der Astrologie verhaftet. Das passte nicht zusammen.

Zu allem Überfluss war sie lesbisch – in diesen Zeiten männlicher Gewalt, wie sie behauptete, eine reine Überlebensstrategie – und lebte seit nahezu zehn Jahren mit einer Krankenschwester finnischer Herkunft zusammen. Bertram mochte diese Frau nicht, was vielleicht an dem finnischen Akzent lag. Liisa Lehtonen war eine begabte Sportschützin gewesen und hatte mit Erfolg an mehreren internationalen Meisterschaften teilgenommen.

Der Professor hatte zu bedenken gegeben, dass Waffen doch vor allen Dingen wohl mit Gewalt verknüpft werden könnten, doch die Tochter meinte, hier ginge es einzig und allein um Ausgeglichenheit und psychische Energie. Liisa war Jungfrau.

Trotz der Astrologie und den manchmal recht beschwerlichen Lebensratschlägen, die sich um Ernährung, Bewegung, Weinkonsum, offene Fenster bei Nacht oder im Grunde alles Mögliche drehen konnten, und trotz der unvermeidlichen Liisa mit ihrem Akzent und den Waffen und damit einer selbst gewählten Kinderlosigkeit, trotz alldem liebte Bertram von Ohler seine Tochter.

Sie war die Jüngste in der Kinderschar und hatte dadurch auch am meisten unter den verhängnisvollen Launen und der zunehmenden Menschenfeindlichkeit der Mutter gelitten. Die beiden zehn beziehungsweise dreizehn Jahre älteren Söhne waren, so schnell es ging, von zu Hause geflohen und damit dem schlimmsten Zirkus entronnen.

Der Älteste war als ein Zugeständnis an die Mutter auf den Namen Abraham getauft worden. Er hatte in Lund studiert, war dort geblieben und hatte sich sogar einen Skåne-Akzent zugelegt.

Carl, nach dem Großvater benannt, war in Uppsala in eine Studentenwohnung der Studentenvereinigung Kalmar gezogen, in die man aus alter Familientradition eingeschrieben war, denn Bertrams Ur-Urgroßvater väterlicherseits stammte aus einer Apothekerfamilie in Kalmar.

Carl studierte ebenso wie sein Bruder Medizin und landete nach Zwischenstationen in verschiedenen schwedischen Krankenhäusern am Ende in Kalifornien, wo er einigermaßen erfolgreich über Diabetes forschte. Sein Vater hielt das für ein völlig sinnloses Forschungsgebiet, doch diese Ansicht teilte er natürlich niemandem mit.

Er war stolz auf seine Kinder, prahlte gern mit ihnen, wie Väter es so tun, und vergaß keinen ihrer Geburtstage, auch nicht die der Ehefrauen und der Enkel. Abraham hatte drei Kinder, Carl zwei. Allerdings hatte der Professor keine Ahnung, wann Liisa Geburtstag hatte.

Eigentlich hatte er seinen Kindern, wenn man mal von den Kosten für das jeweilige Universitätsstudium absah, niemals Geld zuschießen müssen, nachdem sie von zu Hause ausgezogen waren. Überhaupt sprachen sie in der Familie nie über Geld. Das war da und war seit dem 17. Jahrhundert schon immer da gewesen.

Der Urahn des schwedischen Teils der von Ohlers stammte ursprünglich aus Hannover und war von Axel Oxenstierna zum Aufbau der Münzverwaltung rekrutiert worden. Das war offensichtlich ein einträgliches Geschäft gewesen, denn schon nach einem Jahrzehnt hatte Heinrich Ohler ein ansehnliches Vermögen angesammelt, und es war den angenehmen Umständen nicht abträglich, dass Königin Kristina noch ein paar Güter auf Öland und vor den Toren von Västervik zuschoss.

Aus diesem Grund erhob sich der Stammbaum derer von Ohler, und ein Zweig davon wurde »Apotheker/Mediziner« genannt. Dazu gab es noch einen Priesterzweig, einen Offizierszweig und einen Bauernzweig.

Ebenso gern wie Bertram von seinen Kindern und Enkelkindern sprach, konnte er nicht ohne Stolz die Geschichte vom armen Heinrich ausbreiten, der mit leeren Händen und nur einem Beutel auf dem Rücken nach Stockholm gekommen war.

In seinem Bett, dessen Gestell eine Kriegsbeute aus Bratislava war, räsonierte der Professor mit einigen ausgewählten Repräsentanten des umfangreichen Stammbaums und kam zu dem Schluss, dass der Nobelpreis alles überstrahlte, was dem Geschlecht ansonsten schon verehrt worden war: der Adelsstand, eine Menge Medaillen und Orden und im Laufe der Jahrhunderte die Mitgliedschaft in einer Reihe ehrwürdig verwitterter Gesellschaften.

Diesen Schluss hätte sogar sein Vater Carl unterschrieben – das war der letzte triumphierende Gedanke des Professors, ehe er gegen vier Uhr morgens einschlief.

2

Die Stimme ähnelte keiner, die er schon einmal gehört hätte, sie war scharf und aggressiv, aber gleichzeitig ängstlich.

Es war eine schwedische Stimme, ohne jeden offenkundigen Dialekt oder Akzent, auf so etwas achtete er immer, aber dennoch war ihm die Stimme so fremd, dass er, als er seiner Tochter ein paar Stunden später am Telefon von der Episode erzählte, nicht mehr sicher war, ob es nicht eine ausländische Stimme gewesen war.

»Irgendwie schon«, sagte er, »vielleicht war es ein Einwanderer, jemand, der schon lange hier lebt.«

»Vielleicht hat jemand, den du kennst, seine Stimme verstellt«, schlug die Tochter vor.

»Wer sollte das sein?«

»Hast du die Polizei angerufen?«

Da lachte Bertram von Ohler, obwohl ihm selbst schon der Gedanke gekommen war, denn schlaftrunken und in den frühen Morgenstunden hatte er den Anruf als eine echte Bedrohung aufgefasst, so als würde jemand mit einer erhobenen Axt direkt vor ihm stehen.

»Mit solchen Sachen muss man rechnen.«

»Aber was hat er denn eigentlich gesagt, hast du es nicht vielleicht falsch gehört?«

Ihm war klar, dass seine Tochter eigentlich »falsch verstanden« meinte.

»Nein, er hat gesagt, dass er dafür sorgen würde, dass ich den Preis niemals entgegennehmen könne, und dann hat er noch irgendwelche Geschmacklosigkeiten gemurmelt.«

»Was denn genau?«

»Das wirst du nicht hören wollen.«

»Doch, natürlich will ich das!«

»Schmutzige Wörter verdienen es niemals, wiederholt zu werden, und außerdem waren sie bedeutungslos.«

Tatsache war, dass das, was er hier schmutzige Wörter nannte, ihn am meisten an der Sache verwirrte, aber es gab nicht die geringste Veranlassung, die Tochter hineinzuziehen.

Er bereute schon, dass er ihr überhaupt von der Episode erzählt hatte, und versuchte, das Gespräch auf etwas anderes zu lenken; er erzählte, dass Agnes aufgetaucht war, obwohl sie doch frei hatte. Selbstverständlich hatte sie ihm gratuliert, jedoch geschah dies auf jene abschätzige Weise, wie es nur eine Person von einer Insel im äußeren Schärengarten tun konnte, wo der Nobelpreis weder in Norddorf noch in Süddorf von besonderer Bedeutung war.

Nein, sie hatte die Sache rein geschäftlich betrachtet. Das Haus musste saniert oder wenigstens renoviert werden, und zwar viel grundlegender, als von Ohler es bisher bewilligt hatte. Sie hatte sogar gedroht, ihre Schwester Greta zu Hilfe zu holen.

»Da habe ich ihr völlig freie Hand gewährt, wenn sie nur nicht diese alte Krähe mitbringt.«

Birgitta lachte herzlich, und der Professor merkte, dass er die Gefahr für diesmal abgewendet hatte, doch um sicherzugehen, legte er noch eins drauf:

»Agnes will in Salon und Bibliothek neue Gardinen aufhängen und alle Fußböden ›polischieren‹, wie sie sagt. Danach ist das Silber dran.«

»Wie gut, dass du sie hast.«

»Ohne Frage«, erwiderte der Professor.

»Das hast du sehr schön gesagt, da im Fernsehen. Aber die Haare standen dir zu Berge, die musst du vorher kämmen.«

»Es war windig.«

»Warum seid ihr denn nicht reingegangen?«

»Agnes hat mich angerufen und mir verboten, irgendjemanden ins Haus zu lassen. Wenn sie nicht gerade zu Besuch bei ihrer Schwester auf Gräsö gewesen wäre, dann wäre sie hierhergekommen und hätte die Weltpresse rundgemacht.«

Er wurde mit einem weiteren Lachen belohnt. Irgendwie hatte er das Gefühl, die Tochter bei Laune halten zu müssen, vielleicht aus schlechtem Gewissen, weil er nicht die ganze Wahrheit über das Telefongespräch am frühen Morgen gesagt hatte.

»Aber das hast du schön ausgedrückt, dass du nicht allein warst.«

Ich war aber allein, dachte er.

»Was Mama wohl dazu gesagt hätte?«

Der Professor sah keine Veranlassung, über diese Frage zu spekulieren.

»Vermisst du sie manchmal?«

»Nein.«

Vielleicht hätte er an dieser Stelle etwas Nettes sagen sollen, selbst wenn es nicht der Wahrheit entsprach. Er wusste, dass die Haltung seiner Tochter zu ihrer Mutter gespalten war.

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie aufgeregt sie bei mir im Büro sind«, fuhr sie von der kurzangebundenen Antwort des Vaters scheinbar unberührt fort. »Angerman hat aus Mailand angerufen, um mir zu gratulieren, aber ich glaube, er denkt hauptsächlich an den Betrieb, denn er hat irgendwas davon geredet, dass es doch gut sei, dass ich meinen Mädchennamen noch habe, das würde uns bei den Kunden, vor allem in den USA, nutzen. Er hat mir angeboten, nächste Woche mit nach Boston zu reisen.«

»Pillendreher«, schnappte der Professor.

»Wenn sie das wenigstens wären«, seufzte Birgitta.

Normalerweise hätte er gefragt, was sie damit meinte, aber er war noch irritiert von ihrer Bemerkung über Dagmar.

Er hatte überhaupt nicht an Dagmar gedacht, nicht an einem solchen Tag. Selbst als er des Nachts den Familienstammbaum durchdekliniert hatte, war sie nicht in seinen Gedanken aufgetaucht. Sie war wie ausradiert, und das hatte er noch nie zuvor so deutlich empfunden.

»Ich werde keine von ihren Verwandten einladen!«, versetzte er unerwartet heftig.

»Aber Papa! Nicht einmal Dorothy?«

Er wusste, dass seine Tochter noch Kontakt zu Dorothy Wilkins, der Witwe von Dagmars Bruder Henrik, hielt. Er selbst verabscheute sie, was er jedoch nie laut sagte. Er war überzeugt davon, dass Dorothy die Verbindung zu seiner Tochter nur deshalb pflegte, um sich über den Klan der von Ohlers im Allgemeinen und über den Patriarchen im Besonderen auf dem Laufenden zu halten. Deshalb bedachte er sie jetzt wie sonst auch mit Schweigen.

Birgitta von Ohler seufzte.

»Sie ist alt«, sagte sie.

»Sie erhält sich nur deshalb am Leben, um mich sterben sehen zu können«, murmelte er. »Sie hat was von einem Aasgeier.«

»Das ist nicht wahr!«, rief die Tochter. »Du könntest jetzt mal großzügig sein.«

Nie im Leben lade ich sie ein, dachte er mit zunehmender Verbitterung, und er begriff, dass er das Gespräch beenden musste, ehe es aus dem Ruder lief.

Auf der anderen Seite war Dorothy eine seiner ältesten Weggefährtinnen, noch aus der Studienzeit in den Vierzigerjahren. Sie war die Tochter eines britischen Jugendfreundes seines Vaters und war schon im Mai 1945, direkt nach Kriegsende nach Uppsala gekommen. Vielleicht hatte dahinter ja die Absicht des Vaters gestanden, die Tochter mit dem jungen und vielversprechenden Bertram zu verheiraten, doch, was auch immer es war, so war es daran gescheitert, dass kein Interesse füreinander entstanden war. Zumindest nicht von seiner Seite.

Dorothy reiste zurück nach England, kam aber noch einmal wieder und wurde Dagmars Bruder vorgestellt. Man gefiel einander, und nur wenige Monate später heirateten sie und Henrik.

Früh verwitwet und kinderlos war sie, solange Dagmar noch lebte, zu allen Familienfesten im von Ohler’schen Hause eingeladen worden. Nach Dagmars Tod war sie immer seltener gekommen, und inzwischen war es sicher zehn Jahre her, dass sie zuletzt das Haus besucht hatte.

Sollte er sie jetzt wieder reinlassen? Niemals! Nicht einmal ein Nobelpreis und eine große Portion Großzügigkeit konnten ihn veranlassen, seine Einstellung zu ändern.

»Nun gut, jetzt muss ich mich mal ein wenig hinlegen«, sagte er. Dagegen konnte die Tochter kaum etwas einwenden, bestand sie doch oft selbst darauf, dass er sich mehr schonen müsse. »Heute Nachmittag treffe ich ein paar Journalisten. Ich habe es so arrangiert, dass es heute nur einen einzigen Pressetermin gibt.«

»Möchtest du, dass ich vorbeikomme?«

»Das ist nicht nötig. Ich habe ja Agnes, die zählt für drei. Und außerdem ist das Treffen auf meinen Wunsch ins Krankenhaus verlegt worden.«

Nachdem er aufgelegt hatte, überlegte er, ob er vielleicht zu grob zu ihr gewesen war. Sie wollte ihm doch nur wohl und war neben Agnes eigentlich die Einzige, die sich wirklich darum scherte, wie es ihm ging. Die Söhne bewiesen ein formelles Interesse, riefen in regelmäßigen Abständen an und fragten nach, wie »die Lage« sei, erzählten vielleicht etwas Neues von Arbeit oder Familie, aber das war auch schon alles. Niemals hatten sie eine wissenschaftliche Frage oder baten um Rat. Wahrscheinlich betrachteten sie sein Wissen als antiquiert. Weder Abraham noch Carl drückten jemals eine Sohnesliebe aus, nicht einmal im übertragenen Sinne. Das erstaunte Bertram nicht, und es bekümmerte ihn auch nicht sonderlich. So war es in der Familie von Ohler seit jeher.

Obwohl er das einzige Kind gewesen war, hatten seine Eltern auch ihn niemals in Watte gepackt. Eher im Gegenteil. Wenn es für notwendig erachtet worden war, Bertram zu einem anständigen Sohn und Staatsbürger zu formen, dann hatte Vater Carl Züchtigungen verordnet, die Mutter Lydia ausführte. »Anständig« und »proper« hatten zu den Lieblingsworten des Vaters gehört.

Doch Bertram war darüber nicht verbittert. Die Zeiten waren damals so gewesen, und seine Eltern hatten es nicht besser gewusst. Als er selbst Vater wurde, waren andere Erziehungsmethoden an die Stelle von physischen Strafen getreten, und deshalb hatte er seine Kinder niemals geschlagen.

Die Sonne schien durch die nach Südost weisenden Fenster und entlarvte das Arbeitszimmer eines alten Mannes. Die Berge von Büchern und altmodischen Aktenmappen in einem deprimierenden, schmutzigen Braun, die ein paar halbhohe Schränke belagerten, strahlten etwas tragisch Vergessenes aus. Das Glas des Bücherschranks war nicht einmal bei den Griffen verschmiert – hier hatte seit Langem niemand mehr ein medizinisches Werk zurate gezogen. Nur die Fliegen waren kreuz und quer über das matte Glas marschiert und hatten ihre Spuren hinterlassen.

Ein ausgestopfter, mottenzerfressener Rotmilan, ein Geschenk der Klinik-Kollegen zu seinem sechzigsten Geburtstag, ließ den Kopf erschöpft hängen, die Augen hatten ihren früheren Glanz verloren. Erst nach einigen Jahren hatte von Ohler begriffen, dass es eine gewisse Spitze hatte, ihm ausgerechnet einen Milan zu schenken, hatte den Vogel aber trotzdem auf seinem Ast über dem Barschrank sitzen lassen, welcher jetzt nur mehr eine einsame Flasche Portwein und eine letzte Pfütze Cognac enthielt.

Vielleicht hätte er seinen alten Freund Hjalmar den Milan restaurieren lassen sollen? Doch dann erinnerte er sich an die Todesanzeige. Der Konservator war verstorben. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie sich getroffen und über Dinge aus der Natur diskutiert hatten.

Er beschloss, die Gardinen zuzuziehen, drehte aber stattdessen eine Runde um den Schreibtisch, ließ sich auf einem beiseitegeschobenen Besucherstuhl, von wem und wann der auch zuletzt benutzt worden war, nieder und betrachtete das Zimmer aus einem anderen Blickwinkel. Er sah zu dem Vogel hoch, der auch aus dieser Perspektive nicht lebendiger wirkte.

Das Arbeitszimmer eines Nobelpreisträgers, in dem er während eines ganzen Arbeitslebens an seinen Theorien gefeilt hatte. Hier hatte er misstraut und war plötzlich optimistisch gewesen, war herumgewandert, hatte in einem Moment brillanten Scharfblicks mit den Handflächen auf den Tisch geschlagen oder sich an die Stirn gefasst, wenn er eingesehen hatte, dass der Gedankenfluss abgerissen war.

So könnte er es darstellen. Er sah das Arbeitszimmer und das ganze Haus als ein zukünftiges Museum vor sich. Und er würde immer dort sein, wenn schon nicht physisch, so doch durch die Gegenstände und die Art, in der sie arrangiert waren. Die Genialität, das Originelle und die Strebsamkeit würden alles überstrahlen, aber in sanfteren Farben. Ein von Ohler hatte es nicht nötig, laut zu werden. Es genügte schon, auf all die Zweige des gerahmten Stammbaums hinzuweisen, den sein Vater Carl in den Vierzigerjahren hatte erstellen lassen. Das Denken, das Führen, das Wort waren vertreten durch Reichtagsabgeordnete, Beamte und Priester. Apotheker und Mediziner waren für die Naturwissenschaften und die Systematik zuständig – ein Julius von Ohler war Linné behilflich gewesen. Der Beitrag der Junker waren Wohlstand und Verbesserung der Agrarwirtschaft – ein Gustaf von Ohler war offenbar an der Entwicklung der schwedischen Pflanzenveredlung beteiligt gewesen. Und zur Verteidigung dieses Gebäudes standen die Offiziere von Ohler bereit, die sowohl bei Narva wie auch in Kopenhagen und dem finnischen Schärengarten gekämpft hatten.

Sie hingen sämtlich als leicht gekräuselte Blättchen in einer umfangreichen Krone. Er selbst hockte in der rechten oberen Ecke des Bildes. Als der Stammbaum in Auftrag gegeben worden war, war er ein unbeschriebenes Blatt gewesen, jetzt war er Nobelpreisträger.

Der Baum sprach für sich, Agnes würde nur ein wenig das Glas polieren und den Rahmen abstauben müssen. Aber hing das Bild nicht schief?

Alles andere musste sie natürlich auch putzen, spann er seine Überlegungen fort, doch nicht zu sorgfältig, es durfte ruhig ein bisschen unordentlich sein, in diesem Arbeitszimmer hier konnte er der Horde Journalisten, die über ihn hereinbrechen würde, begegnen. Er würde ein Tablett mit einer Teetasse, einer Kanne und einem Schüsselchen Kekse bringen und auf den Serviertisch – ein nettes kleines Möbel, das irgendein Verwandter mal aus China mitgebracht hatte – stellen lassen, so konnte er Aktivität vortäuschen. Die Zeit reichte einfach nicht, um das Arbeitszimmer zu verlassen, denn sogar im Herbst seines Lebens, da seine Altersgenossen entweder schon unter der Erde oder der Langzeitpflege ausgeliefert waren, war Bertram von Ohler noch tätig.

Er musste über seine eigenen kindischen Ideen lächeln. Der Nobelpreis an sich war doch schon gut genug, wozu noch dieses Gedankentheater?

3

Das Haus von Dozent Johansson hatte einen vier Meter hohen verglasten Turmanbau, in dem der Dozent seine lichthungrigen Pflanzen kultivierte. Im Winter sorgte ein Thermostat dafür, dass die Temperaturen um die zwölf Grad und somit günstig für die Mittelmeerflora lagen. Ein prächtiger Olivenbaum war der besondere Stolz des Dozenten.

Von seinem Turm aus hatte er die Nachbarschaft gut im Blick und konnte halb hinter Blattwerk verborgen das geruhsame Leben im Viertel beobachten.

Oft trank er seinen Morgenkaffee da oben, las die Zeitung und werkelte vor sich hin. So auch an diesem Morgen. Die erste Seite der Upsala Nya Tidning bestimmte natürlich in ihrer Gänze die Nachricht vom Nobelpreis.

Der Dozent wohnte in Haus Nummer sieben und Professor von Ohler in Nummer drei. Zwischen diesen beiden Naturwissenschaftlern eingeklemmt lebte ein wahrer Humanist, Torben Bunde, seines Zeichens Literaturwissenschaftler und Autor, der von Zeit zu Zeit die Bewohner von Uppsala mit Zeitungsglossen unterhielt. Das konnten Gedankenspiele über allerhand Fragen sein, zum Beispiel, warum die Glocken der Vaksala Kirche in Dur gestimmt waren, während die der Heiligen Dreifaltigkeit in Moll ertönten, oder aber es flossen in die Zeitung einschmeichelnde Stückchen über irgendeinen Repräsentanten des lokalen Landadels ein, welcher zufällig ein Gemälde besaß, dessen Signatur Torben Bunde interessant fand, oder der ganz einfach von Interesse war, weil Bunde in seinem Hause Bridge zu spielen pflegte.

Doch vorzugsweise bestand seine Mitarbeit in sehr seriösen Bemerkungen zu Büchern, wobei er gern Werke behandelte, von denen nur wenige andere je gehört und die noch weniger gelesen hatten.

Dozent Johansson war überzeugt davon, dass Bunde in Nummer Fünf in diesem Moment mit erheblichen Problemen zu kämpfen hatte. Er hatte ihn die Zeitung aus dem Postkasten an der Straße ziehen sehen, hatte beobachtet, wie er das Blatt sogleich aufschlug, um dann wie erstarrt stehen zu bleiben. Offenkundig hatte er erst in diesem Augenblick die Nachricht vernommen, dass seinem Nachbarn der angesehenste wissenschaftliche Preis der Welt zuerkannt worden war.

Wie würde Bunde sich verhalten? Würde er Blumen schicken, wie es so viele schon getan hatten? Zu teuer. Würde er seinen Nachbarn aufsuchen? Ziemlich barocke Idee, zumal das noch nie geschehen war. Würde er anrufen? Unwahrscheinlich, denn Bunde war schwerhörig. Würde er einen Huldigungsartikel verfassen? Wenig wahrscheinlich, da er trotz seines uneingeschränkten Selbstvertrauens sicher ein Gespür dafür hatte, dass er in das Thema nicht gut eingearbeitet war. Würde er einen abwertenden Artikel schreiben, in dem er die Wahl des Preisträgers kritisierte? Eher möglich, und das auch gern, obwohl er, wie gesagt, in das Thema nicht gut eingearbeitet war.

Vielleicht würde er ja über alles schweigend hinweggehen. Und wenn irgendein Bekannter das Thema ansprach, dann konnte er lächeln, den Kopf schief legen und etwas Allgemeines murmeln, das so oder so ausgelegt werden konnte.

Indem er nicht einmal die Winzigkeit eines Willens an den Tag legte, sich im Glanz zu sonnen, der jetzt auf die ganze Straße fiel, würde er auf raffinierte Weise die Wahl des Preisträgers ablehnen und doch gleichzeitig ganz großzügig sein und nichts Unvorteilhaftes über ihn äußern. Vielleicht würde es genügen, ein paar Worte über die kritische Gesundheit des Professors fallen zu lassen.

Es standen also mehrere Möglichkeiten zur Wahl, und der Dozent ahnte von seinem Aussichtspunkt aus, dass Bundes Inneres in Aufruhr war. Nach dem ersten Schock hatte der Nachbar den Blick zu von Ohlers Haus gehoben, und seine Miene hatte so erstaunt gewirkt, als würde er das Gebäude zum ersten Mal sehen.

Der Dozent verblieb in seinem Turm. An diesem Vormittag würde es in der ansonsten recht verschlafenen Straße sicherlich etwas lebendiger zugehen als gewöhnlich. Es hatten schon eine Reihe von Boten Blumenarrangements geliefert, und Neugierige waren langsam in ihren Autos vorbeigerollt. Die Haushälterin des Professors, die es schon gab, solange der Dozent denken konnte, war offensichtlich dabei, alles in Vasen zu verteilen. Der Dozent hatte sie mehrere Male am Fenster gesehen.

Sie pflegte manchmal auf dem Bürgersteig vor seinem Haus stehen zu bleiben und seine Beete zu bewundern, und dann sagte sie etwas über das Wetter oder ein anderes belangloses Ereignis. Vor ungefähr zehn Jahren hatte er einmal ein Kompliment von ihr erhalten. Das war, als er ihr ein paar Zwiebeln für lilafarbene Tulpen schenkte, die sie im Frühjahr bewundert hatte.

»Der Herr Dozent ist ein guter Mensch«, sagte sie, als sie etwas schamhaft, aber doch sehr erfreut die Tüte mit den Zwiebeln entgegengenommen hatte.

Es war ihm klar, dass dies für Agnes Andersson eine ungewöhnlich großzügige Bemerkung war. Vielleicht schwang darin auch eine versteckte Kritik an dem Professor mit, denn hatte sie nicht das Wort »Dozent« ein wenig stärker betont? Das wollte er nur zu gern glauben.

Jetzt konnte er sie im ersten Stock im Arbeitszimmer des Professors erkennen, wo sie die dunkelbraunen Gardinen aufzog und das Fenster weit aufmachte und festhakte. Der Dozent hätte gerne das sinnlose Unterfangen, all das Alte im von Ohler’schen Haus auslüften zu wollen, mit einem Lächeln bedacht, doch es wurde kein überzeugendes Lächeln daraus, sondern mehr eine Grimasse, die nur der Betrübtheit Ausdruck verlieh, die er empfand.

Er sollte eigentlich stolz sein, schließlich konnte er sich als Beteiligter an dem Durchbruch des IDD-Projekts etwas von der Ehre des Preises an die eigene Brust heften. Doch es wollte sich keine wirkliche Freude einfinden. Vor zweiundzwanzig Jahren – es war ein Donnerstag im Mai gewesen, und er erinnerte sich, dass es zum Mittagessen Erbsensuppe gegeben hatte – da hatte er die dreißigseitige Zusammenfassung in The Lancet gelesen. Der Artikel schlug ein wie eine Bombe, und er musste feststellen, dass sein eigener Name darin fehlte.

Jahrzehnte der Schufterei, und sein Name fehlte. Eine unglaubliche Kränkung. Als würde es da nur Platz für einen geben. Einen Einzigen, der glänzen konnte, der die Glückwunschtelegramme und Telefongespräche aus nah und fern und jetzt auch noch den Nobelpreis entgegennehmen durfte.

An jenem Tag wurde das Weltbild des Dozenten Johansson auf den Kopf gestellt. Im Grunde genommen kannte er die akademischen Ränkeschmiede, wusste, wie hinter dem Rücken geredet wurde, um Kollegen aus dem Weg zu schaffen, wusste vom ruchlosen Krieg um die Haushaltsmittel. Aber nun war er persönlich betroffen, und zwar mit einer solchen Macht, dass er seine eigene wissenschaftliche Arbeit, seine ganze Karriere infrage stellte. Zudem interpretierte er die Schmach, unerwähnt geblieben zu sein, als ein Zeichen für eine gewisse allgemeine gesellschaftliche Fäulnis.

Von diesem Tag an sollte er allem und jedem misstrauen. Nie wieder würde er Erbsensuppe essen, denn diese Suppe und die darauf folgenden Pfannkuchen wurden für ihn zum Symbol für die Verlogenheit der Welt.

Die Jahre bis zu seiner Pensionierung waren von großer Gleichgültigkeit gekennzeichnet. Alle Spannung und Begeisterung waren verschwunden, er ging wie im Leerlauf.

Eine Vortragsreise nach Göttingen, Hamburg und Berlin war die einzige Gelegenheit für ihn, etwas von der Süße des Sieges zu kosten. Eigentlich hätte von Ohler nach Deutschland reisen sollen, aber der Tod von dessen Frau kam dem Dozenten sehr gelegen. Er wurde als Ersatz geschickt und durfte viele persönliche Beweise der Wertschätzung durch die deutschen Kollegen erfahren. Zu einem von ihnen hatte er immer noch Kontakt, und ihm gegenüber konnte er vollkommen offen sein. Die Gespräche und Briefwechsel mit Horst Bubb waren das Ventil, wo er mal Dampf ablassen konnte, wenn der Druck zu hoch wurde.

Horst hatte auch an diesem Morgen angerufen, was inzwischen sonst nur noch am Geburtstag des Dozenten geschah, und hatte versucht, ihn aufzumuntern. Der Deutsche hatte am Max-Planck-Institut fünfzehn Jahre lang mit Ferguson zusammengearbeitet und konnte die Gefühle des Dozenten nur zu gut verstehen.

Das Gespräch war auch auf den inzwischen pensionierten und in Vermont lebenden Ferguson gekommen, der nach Horsts Worten sehr vergrämt war. Der Dozent hatte das Gefühl, dass sein Freund die Betrübnis ein wenig zu lindern suchte, indem er die Verbitterung auf mehrere beteiligte Forscher verteilte und somit ein wenig verdünnte.

Außerdem hatte sein Kollege etwas von einem Artikel gesagt, der möglicherweise in einer bedeutenden Zeitung erscheinen würde und eine unterschwellige, aber doch recht deutliche Kritik an der Wahl des Preisträgers enthielt. Horst sagte, der Initiator sei ein gewisser Wolfgang Schimmel, ein einflussreicher Mediziner aus München, der plane, eine Reihe von wichtigen Namen hinter sich zu versammeln.

Dieses Gerede über die Ungerechtigkeit, die hier geschah, ließ den Dozenten trotz seiner persönlichen Frustration erstaunlicherweise kalt. Er war das alles schon leid und wünschte sich nur, dass die Festivitäten am 10. Dezember bald vorüber wären, dass die Schreibereien aufhören würden und dass von Ohler nicht mehr der Name des Tages wäre, sondern nur einer in einer langen Reihe von Preisträgern, an den sich in ein paar Jahren nur noch die nächsten Angehörigen erinnern würden.

Von Ohler ist kein Einstein, kein Bohr und keine Curie, die Wissenschaftsgeschichte geschrieben haben, also lass das alles einfach nur vorbeigehen, dachte er in seinem Turm.

»Lass es vorübergehen, lass uns sterben«, murmelte er.

Der Zitronenbaum vor ihm antwortete, indem er in just diesem Moment ein Blatt fallen ließ.

4

Kurz vor zwölf klingelte es an der Haustür des Dozenten, das war zwar kein sensationelles Ereignis, aber dennoch sehr ungewöhnlich. Das letzte Mal hatte es geklingelt, als ein Verkäufer von Alarmanlagen vorbeikam.

Der Dozent befand sich gerade in der Küche und bereitete sein übliches Mittagessen zu: zwei beidseitig gebratene Eier, ein paar Scheiben Essiggurke und ein Käsebrot. So sah seit der Pensionierung sein Menü aus.

Dem ersten Klingeln folgte ein zweites, langgezogenes mit schärferem Ton.

Der Dozent kam in Bedrängnis. Sollte er jetzt die Eier fertig braten oder die Pfanne von der Platte ziehen und die Tür öffnen? In seiner Verwirrung tat er nichts von beidem, sondern blieb mit dem Bratenwender in der Hand stehen, während sich die Eier in der Pfanne in ungenießbare, trockene Flocken verwandelten.

Er kam wieder zu Sinnen, als es aus der Pfanne zu qualmen begann, stellte die Platte aus, legte die Schürze ab und eilte in den Flur.

Der Dozent schaute durch den Türspion: Torben Bunde. Er sah ungeduldig aus und starrte stur auf die Tür. Der Dozent hatte plötzlich das Gefühl, als würde er selbst beobachtet. Der Nachbar hob die Hand, und erneut schallte ein Klingeln durchs Haus. Jetzt, da er wusste, wer der Besucher war, empfand er das Klingeln als noch durchdringender.

Er weiß, dass ich zu Hause bin, dachte der Dozent, da packe ich den Stier am besten gleich bei den Hörnern. Er hakte die Sicherheitskette los und öffnete die Tür.

»Das sind ja schöne Aussichten.«

Der Doktor der Philosophie Torben Bunde trug etwas, was man nach Wissen des Dozenten wohl Hausjacke nannte, zumindest war es in früheren Zeiten so gewesen, als man sich noch in Rauchsalons organisiert hatte.

Er war hochrot im Gesicht und zeigte mit einer unklaren Gebärde in Richtung auf sein Haus, dabei stampfte er mit dem Fuß auf die Steinplatten.

»Wieso?«

Bunde wedelte mit den Armen.

»Ein Mann«, keuchte er, »da schleicht ein Mann mit einer Axt in der Hand herum.«

»Auf Ihrem Grundstück, Herr Bunde?«

Es war ein merkwürdiges Gefühl, Bunde so persönlich anzusprechen. Der Dozent hatte niemals Probleme damit gehabt, in der Anrede auf Titel zu verzichten, hier fühlte es sich dennoch falsch an.

»Ich hab nicht so gut gesehen, ob es auf meinem oder auf Ihrem oder …« Offenkundig kam auch Bunde die unerwartete nachbarschaftliche Berührung und die persönliche Anrede sehr merkwürdig vor, denn plötzlich zögerte er. »Oder ob es nun bei Lundströms war, oder wie der heißt, der Neue.«

Alexander Lundquist war erst vor fünf Jahren eingezogen und wurde deshalb mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Niemand wusste so genau, was er machte, aber es wurde von einer Art verlegerischer Tätigkeit gemunkelt. Bunde, dessen Grundstück an das des Neuzugezogenen grenzte, hatte die Umgebung wissen lassen, dass es sich wahrscheinlich um pornografische Druckwerke handelte.

»Aha«, sagte der Dozent, der nicht so recht wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte.

»Das sind ja schöne Aussichten«, wiederholte Bunde, »jede Menge Rumgerenne im Gebüsch, Fotografen und anderes Gesocks, und diese Papirossis oder wie die heißen.«

»Aber Fotografen haben doch keine Äxte bei sich. Vielleicht war es jemand, der auf Lundquists Grundstück arbeitet?«

»Ausgerechnet! Dessen Garten ähnelt mehr einer kommunistischen Mülltrennung!«

Bunde nannte alles, was mit kommunalen Einrichtungen zu tun hatte, inklusive Recyclinganlagen, »kommunistisch«.

»Umso mehr Grund, jemanden anzustellen«, gab der Dozent zu bedenken.

Das Gespräch bereitete ihm unerwarteten Genuss.

»Ich bin ziemlich sicher, dass er etwas in der Art erwähnt hat.«

»Haben Sie mit ihm geredet?«