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Eine Kindheit zwischen Idyll und Hakenkreuzfähnchen Liselotte erinnert sich. Da war das windschiefe Häuschen ihrer Großmutter voller Geheimnisse und Magie. Da war die Kristallkugel, mit der man beinahe in die Zukunft sehen konnte. Da waren die Nachbarin und ihr schwarzer Kater, das Zirkusmädchen Olympia und der kirgisische Kriegsgefangene, dessen Stiefel ihr das Leben retteten. Und da war der Held ihrer Mutter, der Adolf Hitler hieß. Lisl wächst in einem Marktflecken in Schwaben auf. Dass um sie herum das Dritte Reich entsteht, kümmert sie viel weniger als die Abenteuer ihrer Kindheit, die verbotenen Bücher, die sie verschlingt, und die Grausamkeit ihres Vaters. Doch dann ist plötzlich Krieg, Bomber fliegen über Schwaben und der Himmel über dem Lechfeld färbt sich rot. Lisl weiß nur noch eins: Ich will leben. Aus Tagebucheinträgen und Rückschau webt Liselotte Foster ein anrührendes, authentisches Buch zwischen Erinnerung und Poesie. Sie erzählt die Geschichte einer Generation, die im Dritten Reich groß wurde und Krieg, Indoktrination und Bombennächte überstand.
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2014
Liselotte Foster
Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: //dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-89639-978-6 © Wißner-Verlag, Augsburg, 2014 | www.wissner.com
Auch als gebundenes Buch unter der ISBN 978-3-89639-937-3 erhältlich.
Lektorat: Katharina Maier, www.skriptorium-online.de Gestaltung, Satz und Cover: Lisa Schwenk
© Coverabbildung: Ashley Whitworth, Zoltan Katona und Jakub Krechowicz, Benutzung unter Lizenz von Shutterstock.com, 2014, Composing Lisa Schwenk
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Für Tassilo, meinen Enkelsohn
Inhalt
Die Kristallkugel
In der Sackgasse
Rosenkranzkettler und erste Liebe
Sankt Salvator
Beim Präparator
Rückkehr eines Fremden
Düstere Zeiten
In der Bahnhofstrasse
Nachbarn
Olympia
Vorboten des Unheils
Reiche und Geächtete
Verirrungen
Internat – Krieg – Verwirrung
Verirrungen – Claudia
Ein frischer Wind – Heldenverehrung
Freunde erzählen
Ich will leben
Aus dem Tagebuch
Nach dem Krieg
Amerika
Die Kristallkugel
In der Sackgasse
Eine hügelan führende Gasse, ungeteert, die Häuser niedrig mit kleinen Vorgärten, in denen, von grünen Staketenzäunen umgeben, Dahlien und Flox blühen, – dort, überschattet von einer mächtigen Tanne, steht das Haus meiner Großmutter, in dem ich mit meiner Mutter wohne. Mein Vater befindet sich auf Kuba, er arbeitet bei Bacardi, der Rumfabrik. Da er jahrelang unsichtbar bleibt, wird allgemein angenommen, dass ich ein uneheliches Kind bin, und da in meiner Heimatstadt ledige Kinder ein Schandmal sind, ärgert es meine Mutter, dass ich mit einem solchen bedacht werde, wo ich doch in Wirklichkeit einen Vater habe, mit dem meine Mutter auch richtig verheiratet ist. Nur kenne ich ihn nicht.
Die Großmutter besitzt in dem viertausend Seelen zählenden Marktflecken dieses sehr kleine, ein wenig heruntergekommene Haus. Im Parterre befindet sich ein »gutes« Wohnzimmer, dem ein »gewöhnliches« gegenüberliegt, ein größerer Schlafraum sowie eine mit grüner Abwaschfarbe gestrichene Küche mit einem schwarz emaillierten Kohleherd und einem abgewetzten Ledersofa. Im Flur säumen im Winter Geranientöpfe auf Holzstellagen die Wände, ein leichter Erdgeruch entströmt ihnen, dem der zarte Maiglöckchenduft aus den Kommoden der Großmutter einen Frühlingshauch verleiht. Schwarz gerahmte Scherenschnittbildchen, feine Schwarzarabesken, die Märchenmotive darstellen, tanzen spielend an den grau mit Stockflecken gesprenkelten Wänden, – sehr lebendig sind sie und oft, wenn ich die schmale Holztreppe ins obere Stockwerk hinauflaufe, ist mir, als glitten sie aus ihren Rahmen, die Kavaliere und bereiften Damen, um mir in das Zimmer hinauf zu folgen, in dem meine Mutter und ich schlafen.
Am Morgen lässt dort das hereinströmende Licht die Marmorplatte des weißen Toilettentisches perlig aufleuchten und verwandelt die Seerosentapete in ein zartblaues Meer. Ein Fremdenzimmer und eine kleine Dienstbotenkammer, die auf den Garten hinausblickt, befinden sich gleich nebenan. Im Winter sind alle Fenster des Hauses mit phantastischen Eisblumengespinsten überzogen, zarte Farngebilde legen sich über die Scheiben, die gusseisernen Röhrenöfen knistern und gurgeln, halten der Kälte aber nie wirklich stand.
Im rückwärtigen Teil des Hauses befindet sich eine Waschküche. Von dort aus führt eine Holztreppe in einen geräumigen Dachboden, von dem zwei Zimmer abzweigen, nur je ein karges Bett mit blau-weiß kariertem Plumeau, ein rohhölzerner Kleiderschrank und ein Gusseisenofen stehen dort auf den abgetretenen Dielenböden. Von diesem Dachboden aus kann über eine gusseiserne Wendeltreppe auf einen mit Blech abgedeckten Altan geklettert und auf den grauen viereckigen Turm des Hauses gegenüber geschaut werden, das mit seinen asphaltgrauen Mauern und der dunklen Efeuüberwachsung sich düster abweisend zeigt.
In den Dachbodenzimmern leben Zimmerherren, die oft nur ein paar Wochen, manchmal nur Tage, bleiben und so unmerklich verschwinden, wie sie eingezogen sind. Meine Großmutter vermietet an alleinstehende Herren: ein Zimmer für die »besseren« Herren im ersten Stock, eines im Parterre neben der Waschküche und zwei auf dem Dachboden für einfache, oft in abgewetzten Anzügen und geflickten Hosen erscheinende Männer mittleren Alters, Arbeiter, die Jobs suchen. Nur einer der Zimmerherren lebt länger bei uns, der Michel, ein etwa fünfzigjähriger Mann, der es »auf der Lunge hat«, oft einige Wochen im Krankenhaus verbringt, wo es ihm, wie er erzählt, so gut geht, dass er am liebsten bleiben würde. Er lebt von einer winzigen Rente und meine Großmutter vermietet ihm das Zimmer zum halben Preis.
Meist sitzt der Michel auf der grünen Gartenbank an der Hauswand, auch im Sommer in seinen braunen Schlafrock gehüllt, denn, sagt er, es friere ihn halt immer. Vierzig Jahre, sagt er, habe er in der Fabrik hier gearbeitet, einer Weberei, gespart habe er, damit es seine kleine Tochter einmal besser habe, dann, schon früh, seien ihm Frau und Tochter gestorben an der Lungensucht und dann die Inflation – »und alles«, sagt der Michel, »war hin, über Nacht, als hätte das Geld jemand gestohlen, ja, gerade so als hätt’s jemand geklaut.« Und er lächelt.
Braunhaarig, mit wässerig blauen Augen in einem dichten Faltengewebe, scheint er überhaupt immer zu lächeln, das Lächeln hat sich in seine Falten gegraben und nur seine traurigen Augen verraten, dass er eigentlich gar nicht lächeln will. Ich mag den Michel sehr und würde mich gern zu ihm setzten, aber da er es »auf der Lunge hat«, werde ich immer schnell von ihm entfernt.
Natürlich ist mit diesen Vermietungen nicht viel verdient – meine Großmutter lebt von einer kleinen Pension und meine Mutter bezieht lediglich von ihren Schwiegereltern, die in Niederbayern eine Brauerei besitzen, eine kleine Apanage von 50 RM im Monat. Trifft das Geld aus St. Salvator ein, ist es ein Festtag: Dann läuft sie mit mir singend zur etwas unterhalb unseres Hauses gelegenen Bäckerei Vögelchen und kauft Brezeln oder ein Eis für mich.
Es ist der Sommer des Jahres ’34, als ein sehr eleganter schwarzhaariger junger Mann im Haus der Großmutter einzieht, ein liebenswürdiger Mensch, der sehr viel Zeit zu haben scheint – er sagt, er warte auf einen Kompagnon. Er spielt im Garten Ball mit mir, zeigt großes Interesse an Großmama und ich erzähle ihm gewichtig und geschmeichelt, so viel Aufmerksamkeit zu erhalten, von ihren Gewohnheiten. »Er ist etwas Feineres«, sagt meine Großmutter, »er hat ausgezeichnete Manieren, ein Geschäft will er aufmachen mit diesem Kompagnon – Konfektion sagt er – das passt, so elegant wie er immer angezogen ist«, – und sie kocht Tee für ihn. Einige Wochen später ist Großmamas Sekretär aufgebrochen und der neue Zimmerherr mit einigen Hundertern verschwunden. Wir waren diesem Felix Krull schon sehr erlegen gewesen und ich weine bitterlich, dass er nun eingesperrt würde, und auch, dass er, wie die Großmutter sagt, ein betrügerischer Hochstapler sei, tröstet mich nicht.
Im allgemeinen Wohnzimmer stehen ein schwarzes Ledersofa, eine dunkle Kommode mit einem Spitzendeckchen darauf und ein brauner Sekretär, der mit seinem gotischen Aufbau an einen Altar erinnert. Die Schubladen der Kommode sind vollgestopft mit interessanten Dingen: vielschichtig gewundene Wachsstöckchen mit aufgeklebten Heiligenbildchen, Rosenkränze aus exotischen Samen mit filigranen Kreuzen, vergilbte weiße Stulpenhandschuhe mit einer Reihe schwarz glänzender Knöpfchen, mit Strass gespickte riesige Haarspangen, Gebetbücher, in Perlmutt eingeschlagen, und, unter all den Dingen halb versteckt, ein großes, rotsamtenes Fotoalbum mit in den Umschlag gepressten Zinnarabesken, in dem auf steifen Kartonbildern ernst die Gesichter der Vorfahren blicken. Manchmal liegt es neben den Spielkarten auf dem großen Tisch vor dem Sofa, die Großmutter schlägt dann die steifen Seiten um, hält bei einem der vergilbten Bilder inne und erzählt: »Dies, siehst du«, sagt sie, »ist die Tante Berta, meine Stiefschwester, schon an den großen, traurigen Augen kannst du sehen, dass sie eine Dichterin sein wollte. Sie hat sich gern schön angezogen, weinrote und bernsteinfarbene Taftkleider waren damals modern, – ihr standen sie gut, – ach, ich höre noch das Rascheln der schweren Seide, wenn sie ein Zimmer betrat, – sie ist Lehrerin geworden, aber dann hat sie ein lediges Kind bekommen und musste ihren Lehrerberuf aufgeben, weil das damals halt so war und auch heute noch so ist, dass ein Lehrerin kein lediges Kind haben darf. Sie hat dann einen Fotografen geheiratet, deshalb haben wir auch so viele Bilder von ihr, immer zu Weihnachten schickte sie eine Postkarte mit ihrem Porträt und immer hält sie einen großen Blumenstrauß – hier, siehst du, ist wieder so ein Bild. Dann aber ist sie ganz jung am Krebs gestorben, erst fünfunddreißig Jahre war sie alt. – Und dies ist die Lina, meine zweite Stiefschwester, sie war ein wenig beschränkt, hat dann aber doch noch einen Schullehrer bekommen.«
»Und wer ist diese alte Frau, die so aussieht, als habe sie ihre Zähne verloren?« – Einen Augenblick hält die Großmutter inne, streicht mit der Hand über das Bild, schüttelt leicht den Kopf und sagt: »Es ist deine Urgroßmutter, meine richtige Mutter. Aber ich kannte sie nicht, erst als sie schon sehr alt war, habe ich sie endlich gefunden, und aus dieser Zeit stammt auch dieses Foto. Sie wurde von meinem Vater verstoßen, als ich drei Jahre alt war, denn sie hatte sich in einen anderen Mann verliebt. Er hat sie einfach aus dem Haus gejagt und ich habe sie nie mehr gesehen. Schon nach einem Jahr hat er wieder geheiratet, er brauchte ja eine Mutter für mich. Und dann kamen die Lina und die Berta – und meine Stiefmutter hat halt ihre eigenen Kinder immer lieber gemocht und mein Vater, der ein Nähmaschinengeschäft besaß, in Augsburg, der konnte sich auch nicht um mich kümmern. So bin ich dann später zu den Fischacher Juden, den Herschels, gekommen.«
»Und was ist mit deiner echten Mutter passiert?«
»Sie sei gestorben, erzählten sie mir als Kind und erst später, als ich durch hingeworfene Bemerkungen meiner Stiefmutter erfuhr, dass sie noch lebte, fragte ich meinen Vater. Schlecht sei sie gewesen, sagte er, leider schlecht, denn sie habe ihn betrogen, und da musste er sie wegschicken.« Die Großmutter schüttelt sanft den Kopf. »Er setzte sie einfach auf die Straße, nahm sie nicht wieder auf, als sie ihn darum bat und ihren Irrtum einsah, denn ein Irrtum war diese andere Liebe, aber er war selbstgerecht – hüte dich davor, Kind, selbstgerecht zu sein. – Später, im Alter, ist mein Vater ganz sanft geworden, vielleicht hat es ihn ja gereut, so hart gewesen zu sein, aber gesagt hat er es nie. Ja, und so habe ich sie erst kurz vor ihrem Tod gefunden, in einem Altenheim. Ein Leben lang hat sie Dienstarbeiten verrichtet, nicht wieder geheiratet, und da sie bei der Scheidung schuldig gesprochen worden war, hatte sie auch keinen Pfennig von meinem Vater erhalten. Mich durfte sie nie sehen. – Ach ja, sie hat geweint, als ich sie in diesem kahlen, armen Zimmer fand, aber sie war mir eben eine Fremde geworden. Da sie keine Verwandten mehr hatte, ging, was ihre spärlichen Besitztümer waren, an mich. Alles, was ich von ihr noch habe, ist dieser Friedberger Holzherrgott hier an der Wand«, – und sie blickt hoch zu der kleinen Figur auf einem Wandpodest, die, blutbefleckt, auf einem Holzstoß sitzt, den Ellenbogen derjenigen Hand, die die Wange hält, auf ein Knie gestützt, – »Ja, diesen Herrgott hatte sie in ihrem Zimmer und eine Postkartensammlung, in der die meisten Karten von einer Schwester stammten, die in einem Zirkus beschäftigt war – meine richtige Tante, weißt du – es muss ein kleiner Wanderzirkus gewesen sein, denn auf den Bildern sind oft neben Akrobaten deformierte Menschen abgebildet, siamesische Zwillinge, Zwerge – arme Wesen. Sie muss auf diese Schwester stolz gewesen sein, denn gerade diese Karten waren mit einem goldenen Bändchen zusammengebunden. – Und siehst du, hier, das ist mein Vater, dein Urgroßvater.«
Ein älterer Herr mit Spitzbart und schmalem Gesicht blickt ernsten Auges im schwarzen Anzug mit Schleife aus dem Papprahmen. »Er hat«, sagt die Großmutter, »auch gedichtet, aber nicht so gut wie die Berta. Auch hat er viel gelesen, und das war damals für einen Nähmaschinenhändler doch sehr ungewöhnlich. – Und dies hier ist dein Großvater, mein Mann.« – Ein dunkelhaariger junger Mann blickt uns ernst an, er sieht südländisch aus, ein aufgezwirbelter Bart gibt ihm etwas Theatralisches. – »Auch er hat seine Mutter früh verloren«, sagt die Großmutter, »erst vier Jahre war er alt, als sie starb. Aber ich will dir die Wahrheit sagen, obgleich es damals verleugnet wurde, weil sie sonst nicht christlich begraben hätte werden können: Sie hat sich selbst umgebracht. Mit einer Überdosis Schlafmittel. Zweiunddreißig Jahre war sie alt und die Leute sagten, es sei Liebeskummer gewesen. In ihrer Todesurkunde wurden schwarze Blattern angegeben, die Dienstboten aber berichteten, an ihrem toten Körper sei kein Makel gewesen. Dein Urgroßvater war ein reicher Mann in Griesbach, die Posthalterei gehörte ihm, aber er war dreißig Jahre älter als seine schöne Frau, und das war wohl das Unglück. Ein paar Jahre später starb auch er, dein Großvater und seine Schwester wurden Waisen, der Besitz Verwandten in Treuhand übergeben, und schließlich war durch Veruntreuung fast nichts mehr vorhanden. – Alle starben sie früh, die Lina, die Berta, auch mein Mann. Erst vierundvierzig Jahre war er alt, als die Herzwassersucht ihn dahinraffte. Und da war ich dann mit zwei Töchtern, deiner Mama und der Fanny, ganz allein und da musste ich zusehen, dass Geld ins Haus kam. Die Fanny war gerade einundzwanzig, als der Erste Weltkrieg ausbrach, und gottlob schon verheiratet. Deine Mama schickte ich in ein Internat nach Passau, und so hatte ich die Hände frei, um zu arbeiten. Ich eröffnete ein Hutgeschäft, die Hüte schneiderte ich selbst, und das ging so ganz gut, bis die Zeiten schlechter wurden und auch ein dazu gekommener Pelzhandel kaum noch etwas einbrachte. – Nach dem Krieg eröffnete ich ein Café. Bei mir gab es den besten Zwetschgenkuchen, und den Zwetschgenschnaps, den braute ich selbst. Wenn davon ein paar Gläser getrunken waren, wurden sie leichtsinnig und bestellten immer mehr davon. Dann, nach einigen Jahren, eröffnete ich in einem gemieteten Gasthaussaal das erste Kino Griesbachs. Das war ein Bombenerfolg. Das Geld legte ich auf die Bank, und das kann ich dir sagen, es war ein schöner Batzen, zwei gute Häuser hätte man leicht dafür kaufen können, wenn nicht die Inflation dann alles aufgefressen hätte.«
Das Album liegt nun zugeschlagen vor uns, ihre Hand ruht darauf, sie klopft leise auf den samtenen Deckel, als wolle sie diese Vergangenheit, die da aufgestiegen war, beruhigen, die Toten, für Augenblicke lebendig geworden, wieder zurückschicken in ihre vergilbten Rahmen.
»Und deine Schwiegermutter, die sich umgebracht hat?«
»Nun ja, sie soll sehr schön gewesen sein, man nannte sie die Perle des Rottals. Bei ihrer Trauung, so erzählten die Leute, soll der Bischof sein Gebetbuch fallen gelassen haben, so sehr soll ihn ihr schönes Gesicht erschreckt haben. Ein italienischer Wandermaler hat sie 1830 gemalt, ein bisschen hat sie ausgesehen wie die Lola Montez, ganz schwarzhaarig mit tiefblauen Augen. Aber was hat es ihr genützt? Nichts, gar nichts. Manchmal«, sagt die Großmutter, »ist es mir, als seien sie alle wieder da, dann blicken sie mich still an und nie sagen sie etwas, es ist, als scheuten sie sich vor den Lebenden, und ihre Gesichter sind immer ein bisschen traurig.« Und dabei sieht sie mich an und ihre Haut ist wie ein welkes Magnolienblatt und eines ihrer blassblauen Augen verliert wandernd ein wenig die Achse.
Oft begegnen auch mir die Menschen aus dem weinroten Samtalbum in meinen Träumen, die Tante Berta am häufigsten. Immer blickt sie mit ihren großen ernsten Augen über einen Blumenstrauß hinweg auf mich, bewegt leise die Lippen, entschwindet dann in einen grauen Nebel hinein, und von fern höre ich nur noch das leise Rascheln ihres Taftkleides.
Auf demselben Tisch, auf dem so oft das rotsamtene Album liegt, legt die Großmutter Patiencen, mit deren Hilfe sie unsere Zukunft voraussieht. Die, so sagt sie meiner Mutter wiederholt, nichts Gutes verspricht.
Und da ist Anita. Anita stammt aus dem Bayerischen Wald, wo alle unsere Dienstmädchen herkommen. Meine Großmutter besteht darauf, dass sie von dort requiriert werden, denn Hausmädchen aus dem Bayerischen Wald, so sagt man, sind ehrlich, arbeitsam und bescheiden. Ein Inserat in den Zwiesler Nachrichten bringt denn auch immer die gewünschte Niederbayerin ins Haus.
Anita hat lange schwarze Haare und sehr dunkle Augen und in ihren Kleidern muss die Farbe Rot vorgeherrscht haben, denn wenn ich an Anita denke, sehe ich wehende rote Schals und rote Mützchen. Dann wieder beugt sich Anita in einem rot-schwarz karierten Pullover über einen dampfenden Wasserzuber und ich höre ihre helle Stimme in der Küche, die singt: »Oh, du lieber Augustin, alles mein Geld ist hin …«, und ich sehe sie, wie sie am Morgen, vor meinem Stuhl kniend, mir die Stiefel anzieht und ihr langes schwarzes Haar wie ein Fransenschal über ihr Gesicht fällt. Dann wieder suche ich sie in der Waschküche und ich kann sie inmitten der weißen Dampfschwaden kaum erkennen, in denen manchmal eine dunkle, schemenhafte Gestalt die Treppe zum Dachboden hinaufsteigt: einer der Zimmerherren. Gespenstisch verliert er sich in wolkigem Dampf und obgleich ich ihn kenne, fürchte ich mich ein wenig, und später, als ich den Golem lese, sehe ich sie wieder vor mir, diese dunklen Gestalten, die in unserem Haus wohnen und von denen wir meist wenig wissen.
Wenn die Großmutter erzählt und besonders dann, wenn das weinrote Samtalbum aufgeschlagen ist, und das ist es oft, bleibt Anita mitten in der Wohnstube mit einem Staubtuch in der Hand stehen und lauscht interessiert all den verwobenen Familiengeschichten. Meine Mutter hingegen, die mit einem schwarzen Pullover meines Vaters beschäftigt ist, in den sie unzählige winzige rote Hakenkreuze stickt, schüttelt, die Nadel zwischen den Lippen, ihre braunen Locken. »Was erzählst du dem Kind da von den alten Geschichten – es wird sich noch fürchten vor all den Toten!« – Anita aber, die sehr zur Familie gehört, lacht und sagt: »Vor den Toten braucht man sich nicht zu fürchten, nur vor den Lebenden!«
Sie liebt Volksweisheiten und besonders Moritaten: »Wenn das Abendglöcklein läutet, die Natur senkt sich zur Ruh …«, singt Anita gern während des Kochens.
Oft muss sie berichten, mit wem sie am Sonntag ausgeht, denn da ist nach dem Kirchgang ihr freier Nachmittag. Meist passen meiner Großmutter die Kandidaten nicht – denn sie betrachtet Anita als eine dritte Tochter, nachdem ihre eigenen beiden Töchter sich viel zu schnell ihrer Beaufsichtigung entzogen haben. Mich aber nimmt Anita manchmal am Sonntagnachmittag mit ins Café Lämmer, wo sie ihren jeweiligen Verehrer trifft. Der Grad an Wertschätzung, den ich diesem zuteilwerden lasse, bemisst sich an der Anzahl der bestellten Kuchenstücke. Müssen Anita und ich uns ein Stück teilen, fällt er in meiner Anerkennung und ich sage: »Anita, den nimmst du nicht, der ist ein Geizkragen.« Bis dann Bruno kommt, der immer zwei Stücke bestellt, und wenn mehr gewünscht wird, auch noch eine Zugabe gibt. Aber mit Bruno nahm es leider kein gutes Ende.
Es kommen auch regelmäßig ganz fremde Leute zu uns, steigen mit einem Handtuchbündel unter dem Arm die Treppe hinauf, verschwinden im ersten Stock, in dem geräumigen Badezimmer mit seiner gewaltigen, auf Löwenfüßen stehenden, eisernen Badewanne und dem röhrenförmigen gusseisernen Ofen, der zu jedem Bad angeheizt wird. Badezimmer sind eine Seltenheit in unserem kleinen Ort und meine Großmutter vermietet das ihre für 50 Pfennige die Stunde. Vor dem Badezimmer befinden sich niedrige Türchen, durch die gebückt in winzige Dachböden, die Böderl, gestiegen werden kann. Die Letzteren sind vollgestopft mit alten Büchern, Gartenlaubebänden, Ausgaben des Simplizissimus und mit Alben voller architektonischen Zeichnungen. Da sind schwere, vergilbte und oft zerfledderte Sammelbände mit romantischen Stichen: Ophelia, mit aufgelöstem Haar auf treibenden Wasserpflanzen in einem von Trauerweiden überhangenen Fluss, mit Blumen beladene Boote, in denen Liebespaare in Rokokokleidern auf dunklem Gewässer segeln – besonders aber faszinieren mich die Stiche bezopfter Chinesen, die Hinrichtungsarten in China zeigen – es wurde ihnen da immer, bevor das Beil auf ihre Nacken sauste, der Zopf abgeschnitten, sodass nur ein armer Stumpf, wie die Borsten eines Rasierpinsels, übrig blieb.
Um unseren Marktflecken bilden die Auen des Wertachflusses einen wilden Waldgürtel aus Weiden, Birken, Erlen und Tannen; im Frühling blühen dort Seidelbast, Leberblümchen, Türkenbund und Maiglöckchen. Die Pfade dort werden dann so eng, dass einem die Zweige ins Gesicht schlagen. Wieder fahre ich mit meiner Mutter durch die Auen, ich sitze auf ihrem Gepäckständer, sie singt leise vor sich hin, oft steigen wir ab, legen das Rad ins hohe Gras – wenn etwa eine sanfthaarige Raupe, ein brauner Bär, auf dem Rücken kleine Haarbürstchen, leuchtend wie dunkler Bernstein, sich über den Pfad wellt oder am Wegrand eine silbrige Blindschleiche aufleuchtet. Und wenn dann am Abend ein großer orangener Mond hinter den Bäumen steht, wird meine Mutter ganz still, zeigt nur mit ihrem Arm hinauf zu ihm, während wir schweigend durch leicht sich im Abendhauch bewegende Blätter gleiten.
Zu dieser Zeit spielt sie viel Klavier. Das Klavier steht im guten Wohnzimmer und hat eine moosgrüne Filzdecke über den Tasten, mit zarten rosaroten und goldenen Stickereien durchwirkt, die mir geheimnisvoll erscheinen und mit den Schubertliedern, die meine Mutter singt, verwandt. Und sie spielt Schlager, die sie leise mitsingt, Volkslieder, oft Moritaten, deren Texte traurig-kitschig sind, mich aber zum Weinen bringen.
»Mutter«, singt sie – und sagt der heimkehrende verlorene Sohn – »stell wieder die Ofenbank, wie sie vor Jahren gestanden …«
Aber da rufe ich schon: »Nicht dieses Lied, Mama«, – und renne aus dem Zimmer. Der verlorene Sohn – könnte das Leben so grausam sein und mich vielleicht einmal zur verlorenen Tochter machen?
Leidenschaftlich ist sie jetzt mit dem Nationalsozialismus beschäftigt und zum ersten Mal höre auch ich den Namen Hitler. Früh schon wurde sie Kreisfrauenschaftsleiterin und jetzt besucht sie im Winter arme Leute, bringt ihnen Lebensmittel und Kleidungsstücke. Oft darf ich sie begleiten und die Armut, der ich dort begegne, gibt mir das Gefühl, dass wir doch sehr wohlhabend sein müssen. Da sind kahle Räume, ungeheizt in der strengsten Kälte, aufgesprungene Riemenböden und nur mit einem Hemdchen bekleidete, barfüßige Kinder mit glänzend rot geschwollenen Frostbeulen an den Füßchen, deren Mütter, die meiner Mutter die Hand küssen, mir hager und hässlich erscheinen.
Von meinem Vater sehe ich in jenen Tagen noch wenig, einige Male kommt er, ein großer, dunkelhaariger, schlanker Mann, der nie lächelt, ich mag ihn nicht und lösche ihn immer schnell wieder aus meinem Gedächtnis. Es bleibt noch einige Tage ein unangenehmes Gefühl in den Abendstunden, in denen meine Mutter mich bittet, ihm einen Gute-Nacht-Kuss zu geben, was ich stets nur widerwillig tue. Ich empfinde ihn als fremden Mann, der störend in dieses schöne Leben mit Mutter und Großmutter einbricht.
Der Markt hat eine katholische und eine evangelische Kirche, die Einwohner sind überwiegend katholisch. Industrie ist außer einer Weberei nicht vorhanden, es leben meist Bauern, ein paar kleinere Geschäftsleute und Handwerker hier. Früher einmal war der Ort ein Strickereizentrum, aus jener Zeit stammen die hohen Gründerzeithäuser in der Hauptstraße mit ihren eleganten Fassaden – die meisten werden in den Sechzigerjahren einer Modernisierungswelle weichen müssen. Von der »Bautertätigkeit« wiederum sind nur noch ein paar Rosenkranzkettler geblieben.
Bigotterie herrscht überall und auch meine Großmutter, trotz Horoskopen und Karmagläubigkeit, kann sich ihr nicht ganz entziehen. Sie geht in die Kirche, ist aber mehr an der apogryphischen Seite des Katholizismus interessiert, an dem, was im Laufe der Jahrhunderte an Volksaberglauben hinzugekommen ist. Astrologie ist für sie ein Hinweis Gottes – Horoskope geben Einblick in ein Schicksal, das zwar vorbestimmt ist, aber durch Vorherwissen doch leicht gesteuert werden kann. Auch glaubt sie, hellseherische Fähigkeiten zu besitzen, und sagt deshalb oft: »Das habe ich kommen sehen.«
Eine in unserer Gegend bekannte Hellseherin wird oft besucht – eine korpulente hellhäutige Dame mit schütterem, blonden Haar – sie schaut in eine Kristallkugel und sieht die erstaunlichsten Dinge darin. Auch Großmama besitzt so eine glitzernde Kugel mit kompliziertem Facettenschliff, – die, sagt sie, habe ihrer Schwester, der Berta, gehört, die schon als Kind seltsame Gesichter gesehen habe.
Als ich acht Jahre alt werde, schenkt mir die Großmutter die Kristallkugel. »Mir hat sie gar nichts gezeigt«, sagt sie, »aber vielleicht kannst du ihr ja Bilder entlocken, und wer weiß, eines Tages schaut da plötzlich das Gesicht deines zukünftigen Mannes heraus!«
Die Kugel wird mein Talisman, oft umschließe ich sie lange mit beiden Händen, bis sie ganz warm wird, und dann ist mir, als fließe ein geheimnisvoller Strom durch meine Hände, gleich muss ein Bild kommen – gleich – aber immer zerfließt mir nach einer Weile ihre Form, ach, nur noch eine Minute, so glaube ich, und meine Zukunft hätte sich gezeigt!
Im Mai stehen weiß-blaue Biskuit-Porzellanmadonnen zwischen Blumensträußen aus Flieder, Buschwindröschen und Schlüsselblumen im Wohnzimmer. Ich bekomme ein Blumenkörbchen, aus dem ich bei den Prozessionen bei jedem an den Hausfassaden lehnenden Altar Blumen verstreue. – »Jungfrau Maria«, leiert es in Wellen ansteigend und abschwellend, »bitte für uns! Gebenedeit sei dein Leib!« Ein Zug schwarz gekleideter Menschen, meist Frauen, bewegt sich jeden Tag zur Kirche, – leicht gebückt gehen sie, sie nehmen ihre Plätze ein und vergewissern sich, dass sie auch gesehen werden, – fleißige Kirchengänger sind gut, sind akzeptiert. Meine Mutter bleibt davon unberührt. Ihr Gott ist zu dieser Zeit Adolf Hitler. Wenn sie von ihm spricht, erwächst in mir das Bild eines Helden aus Grimms Märchen, eines edlen Ritters, der eines Tages auf einem weißen Pferd daher reiten und all diese armen und frierenden Leute, die wir so oft besuchen, reich machen wird.
Da sind Parteitage in Nürnberg und Frauenschaftsausflüge nach Coburg (eine Adolf-Hitler-Kadettenschule), an denen sie teilnimmt. 1937 fährt sie mit der Reichsfrauenschaftsleiterin und einigen erwählten Damen zum Nürnberger Reichsparteitag, sie darf an einem Essen mit Hitler teilnehmen, sitzt ihm gegenüber, spricht mit ihm – da kennt ihre Begeisterung keine Grenzen. Er ist humorvoll und ritterlich, sagt sie, seine Augen seien von einem wunderbaren Blau, das auf sie eine hypnotische Wirkung ausgeübt habe. Sie sieht ihn als den Retter Deutschlands, er ist Siegfried aus der Nibelungensage. Meine Großmutter streitet mit ihr, nichts will sie wissen von solcher Heldenverehrung, »er ist ein gewöhnlicher Mensch«, sagt sie, »ein Volksverhetzer und was er da über die Juden sagt – da weiß ich besser Bescheid. Und ich habe dir oft gesagt, wie das damals war. Ich hatte keine Mutter mehr, wurde von einer Stiefmutter erzogen, bei der die eigenen Kinder stets bevorzugt wurden, die durften studieren, nur ich musste bei fremden Leuten arbeiten, bis ich deinen Großvater kennenlernte, der, wie du weißt, ein Rechtskonsulent war und nicht schlecht verdiente. Und wo fühlte ich mich wohl, wurde behandelt wie eine Tochter? Bei den Fischacher Juden, meine Liebe, der Viehhändlerfamilie. Und die haben sich noch um mich gekümmert, als ich längst verheiratet war. Und wo ist heute die ganze Familie? Ausgewandert sind sie, weil sie das Großmaul Hitler fürchten müssen.«
Während solcher Auseinandersetzungen läuft meine Großmutter energisch im Zimmer auf und ab, nie erhebt sie dabei die Stimme, dies überlässt sie meiner temperamentvollen Mutter. Sie ist Monarchistin und träumt von einem bayerischen Königreich unter den Wittelsbachern. Dazu kommt, dass sie Hitler auch deshalb nicht mag, weil mein Vater von ihm begeistert ist, denn ihr Schwiegersohn, der »alte Kämpfer«, gefällt ihr immer weniger. Schon 1924, in der »Kampfzeit«, hatte er, nachdem Hitlers Reden ihn in München begeisterten, sich ihm angeschlossen.
Jeden Tag kommen jetzt Bettler an unsere Türe, abgerissene Gestalten, die immer ein paar Pfennige erhalten, und meine Mutter sagt, dass all dies aufhören wird, wenn Hitler erst einmal an der Macht ist – da lacht die Großmutter ihr helles Stakatolachen. »Natürlich«, sagt sie, »an der Macht, und dann wird es Goldstücke regnen«, – und ihr aus der Achse geratenes Auge erhält sarkastische Unterstützung durch einen hochgezogenen Mundwinkel.
Dann, 1935, bekommen wir ein Radio. Eine Stimme dringt aus einem mit braunem Stoff bespannten Kreis in der Mitte des schwarz lackierten Kastens. Von ihr vernehme ich zum ersten Mal das Wort Russland, von einer Hungersnot erzählt sie und von Kindern, die aus Abfallhaufen Sardinendosen auslecken, einer schrecklichen Welt, die, wie mir meine Mutter sagt, kein Märchen, sondern Wirklichkeit ist. Das Radio und ein Grammofon mit einem riesigen Trompetenaufsatz aus grünem Blech sind in jenem Sommer aufregende Neuheiten, oft wird das Grammofon in den Garten gebracht, sodass auch unsere Nachbarn an einem Schlagerkonzert teilnehmen können.
