Oh Bumerang - Ildikó Noémi Nagy - E-Book

Oh Bumerang E-Book

Ildikó Noémi Nagy

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Beschreibung

Mit Tempo und Witz erzählt: Short cuts aus dem wirklichen Leben.Was liegt zwischen Neu England und Budapest? Jede Menge Kilometer, aber auch jede Menge Stoff für Geschichten. Ildikó Noémi Nagy, in Vancouver geborene und in Connecticut und New York aufgewachsene amerikanisch-ungarische Schriftstellerin, hat das Leben zwischen den Welten in minimalistische Bilder gebracht, sie hat die Paradiese der Kindheit und die süßen Höllen der Liebe in einem Ton beschrieben, der souverän und tastend zugleich ist. Oh Bumerang heißen die Stories, die alle miteinander fast schon wieder einen ganzen Roman ergeben. Lakonischer kann man über Hochzeitsreisen mit der Schwiegermutter zu den Niagarafällen, über Budapester Hinterhoftristessen oder grandios gescheiterten Sex nicht schreiben. So amerikanisch war die ungarische Literatur noch nie – und die amerikanische noch nie so ungarisch. Mit Oh Bumerang, der ersten Übersetzung ins Deutsche, ist Ildikó Noémi Nagy unbedingt zu entdecken.Aus dem Ungarischen von György Buda.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2013

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© 2013 Jung und Jung, Salzburg und WienDie Originalausgabe erschien unter dem Titel»Eggyétörve« bei Palatinus© 2010 Ildikó Noémi NagyUmschlaggestaltung unter Verwendung eines Bildes von Alex PragerAlle Rechte vorbehaltenISBN print: 978-3-99027-034-9ISBN E-Book: 978-3-99027-102-5

ILDIKÓ NOÉMI NAGY

Oh Bumerang

Stories

Aus dem Ungarischen vonGyörgy Buda

Inhalt

Epic

Herbst, New England

Metronom

Dämmerung, Erwachen

Martha

Haare

Von Bethlehem zum Mississippi

Wenn du etwas Schönes träumst

Noelle

In den Tiefen meiner Tasche

Orale Hygiene

Silentium

Weiterhin Grillen

Der Schwarm aller Mädchen

Bumerang

Nüchternheit

Monster unter dem Bett

Ich kreische

The Lady with the Spinning Wheel

Só Danço Samba

Dea darf alles

Jungfernpuszta

Gina

Atme mit mir

Epic

Magst du nicht mit mir ins Bett gehen?

Echt? Du meinst: jetzt?

Klar, warum nicht?

Er legt mir die Hand um die Schulter. Dabei sind wir gar nicht befreundet. Nur unsere Eltern. Wir sitzen herum und warten, während sie sich unterhalten. Sex bedeutet nichts. Ein interessanter Zeitvertreib. Trotzdem ist er überrascht. Wir kennen uns seit unserer Kindheit, und er scheint zu meinen, ich sei keine, die so etwas vorschlägt.

Wir fangen an, uns zu küssen. Er schiebt die Zunge in meinen Mund. Sie ist feucht und kalt. Ein Aal. Seine Nähe ist ungewohnt. Seine Hand dringt unter meine Bluse vor. Er küsst schrecklich ungeschickt. Begrapscht mich ohne Zärtlichkeit … Ich kann mich nicht konzentrieren, höre immerzu nur die Musik von Faith No More, die hinter uns auf MTV läuft. Ich ziehe mich zurück.

Willst du’s doch nicht?

Ich weiß nicht. Ich glaub, ich hab’s mir anders überlegt.

Georgie wendet sich dem Fernsehgerät zu.

Toller Clip.

Ich bin also doch nicht so eine. Er ist beleidigt. Ich schaue seinen kahlen Kopf an, die Sommersprossen. Die halb geschlossenen Lider.

Jaja. Die Szene am Ende, wo das Klavier explodiert, ist super.

Soll ich’s erzwingen? Aus Trotz? Ob es beim zweiten Anlauf besser geht? Ich nehme seine Hand. Er lächelt mich an.

Lassen wir das. Du hast Recht. Ist wirklich keine gute Idee.

Wir sitzen auf dem Bett. Starren auf die Mattscheibe. Reden über Bands.

Ich bin gestern Abend nach Hause gekommen, nach Connecticut. Ich bin Rita, die Schläfrigkeit. Ich erkenne meine Eltern auf dem Kennedy an ihrem Duft: Vater Drakkar Noir, Mutter Diorissimo. Drei Stunden Fahrt vom Flugplatz nach Hause. Ich sehe das algenfarbene Display des Radios, die phosphoreszierenden Wegweiser auf der Autobahn, dann schlafe ich ein.

Gebückt stehe ich in der Mitte des finsteren Wohnzimmers. Wie tief die Zimmerdecke ist. Hast du dem Kind das Bett gemacht?, fragt Vater irgendwo in der Tiefe des Hauses.

Im Badezimmer vor dem Spiegel: Meine Haut ist wächsern, das verschmierte Kajal hebt die zwei kleinen Falten unterhalb der Augen hervor. Ich lasse mein professionelles Rezeptionistinnenlächeln aufblitzen. Ich bin dreißig Jahre alt, sage ich laut. Ich bin zu Hause. Warte darauf, dass auf meine Worte hin etwas geschieht. Fußbodenheizung, bordeauxfarbener Badezimmerteppich, das Bettzeug weich und duftend vom Trockner, ein rosafarbenes gestreiftes Nachthemd. Ich brauche zwei Wochen lang nichts zu tun. Ich bin wieder ein Kind.

Ich zwinge mich, an Ungarn zu denken, an die Wohnung, wo in jedem Zimmer eine andere Temperatur herrscht und die Kuckucksuhr des Nachbarn durch die Wand tönt. Gelbe Fliesen auf dem Hausflur. Die Frauen vor dem Wurststand im Kaufhaus Rothschild. Die weiße Lampenreihe des Kaffeehauses Zu den zwei Sarazenen. Der Eislaufplatz auf der Dachterrasse des Westend.

Am Morgen sickert Sonnenlicht durch die erdbeerfarbenen Verdunklungsgardinen, von der Küche her Geschirrklappern. Es riecht nach angebranntem Toast und Kaffee. Bevor sie zur Arbeit gehen, küssen die Eltern mich auf beide Wangen. An den Küsschen fühle ich, dass sie sich schon wegen etwas gestritten haben, leise, in der Küche.

In der ganzen Wohnung herrscht Ordnung, trockenes, weißes Sonnenlicht liegt in den Räumen. Ich berühre das warme Glas der Kaffeemaschine. Ich öffne den Kühlschrank, betätige den Eiswürfelspender in der Tür. Ein gurgelndes Geräusch. Ein paar Würfel kullern auf das Gitter herunter. Ich schlendere in den Wintergarten hinaus. Schaue durch das Glas auf das leere Schwimmbecken. Okay. Ich bin zu Hause. Now what? Ich bleibe in der Küche vor der Spüle stehen. Schaue durch das Fenster, zwei rechteckige Konturen auf dem Schotter. Der Stellplatz der Autos. Ohne Auto existierst du nicht. Ich blicke auf die Anrichte hinunter. Ameisen marschieren in einem dünnen Band auf den Honigtopf zu. Ich setze mich ins Wohnzimmer zum ausgeschalteten Fernseher. Es ist sieben Uhr morgens. Acht Uhr morgens. Neun Uhr morgens. Nichts geschieht. Vollkommene Stille.

Ich betrachte mich im Spiegel des Vorzimmers, als das Telefon läutet. Oh Gott, nur niemand, der mich sucht, niemand, der mich treffen will. Meine Socken auf dem dicken Teppichboden wie Raupen im Gras. Das Telefon versetzt mir einen elektrostatischen Schlag, als ich den Hörer abhebe. Mein Unterkiefer verkrampft sich.

Bist du aufgewacht?

Ja. Wann kommt ihr?

Wir machen um sechs herum Schluss, so sind wir um sieben zu Hause. Du findest chicken im fridge, wenn du das magst, zum Mittagessen.

Ja, okay.

Am Abend fahren wir rüber zu den Szerepis. Kommst du mit?

Ich leere mir einen Löffel Reis auf einen durchsichtigen Glasteller. Dann nehme ich mir mit einem anderen Löffel vom Huhn. Mutter mag es nicht, wenn ich mit demselben Löffel in verschiedene Speisen hineinfahre. Ich stoße die Kühlschranktür mit der Hüfte zu. Dann sitze ich da und starre das Essen an. Meine Hand auf dem karierten Wachstuch. Ich stehe auf und gehe ins Badezimmer. Ich kippe den Teller, das Essen klatscht ins Klo. Wassertropfen auf dem Sitz. Ein amerikanisches WC, ich hasse es. Ich schaue auf die Wassertropfen, auf das aufgelöste Essen im Becken.

Der Tag vergeht, niemand ruft an, mir ist auch nicht nach fraternisieren mit den alten Freunden. Es langweilt mich, wenn sie über sich erzählen, und es langweilt mich noch mehr, wenn ich über mich erzählen muss. Nebenbei schreiben sie SMS. Meine Gedanken schweifen ab, der Satz, den ich angefangen habe, interessiert mich nicht mehr.

Um acht Uhr fangen wir an, uns fertig zu machen. Das Licht aus den Badezimmern und Schlafzimmern schimmert auf den Gang heraus. In der Küche leuchtet der winzige rote Knopf der Kaffeemaschine. Draußen, auf dem Boden des Pools, liegen reglos braune Blätter. Ich spucke ins Waschbecken. Im Mund Kaffeegeschmack, die Zähne sind belegt. Vater rasiert sich, er hört sich die Abendnachrichten an, Mutter „legt sich ihr Gesicht auf“. Das Telefon läutet. Mutter hebt in ihrem Zimmer ab.

Hello? Oh, Matthew, hi! Yes, she’s here. Oh, I mean, she’s not in right now, but she gonna call you tomorrow. How’s your Mom? Good! Okay! Bye-bye.

Sie steht da im Halbdunkel, im Büstenhalter.

Du hast Matt gesagt, dass ich zu Hause bin?!

Du rufst ihn morgen an und machst Schluss mit ihm.

Ich erblicke mich in Mutters teakholzgerahmtem Spiegel. Schnell wende ich den Blick ab.

Sie schaltet ihre Lampe mit dem gelblichen Licht an, zieht eine Schublade auf, sucht nach Strümpfen. Ich setze mich auf das Bett und lehne mich zurück. Das ganze Bett bewegt sich. Ich habe vergessen, dass sie ein Wasserbett hat.

Verzeih, dass ich dich angeschrien habe.

Kein Problem. Aber jetzt zieh dich an, wir fahren gleich.

Wir treten aus dem Haus, frisch und duftend, Kaschmir-Pullover, butterweiche Lederjacken, glänzende Haare und saubere Schuhe auf dem knirschenden Kies, das Wetter ist unglaublich schön, wir steigen in den Volvo.

Du warst noch nicht im neuen Haus der Szerepis? Und hast Georgie seitdem auch nicht gesehen, wie? Er hat sich sehr verändert.

Das Auto macht einen kleinen Satz über eine Stuttgarter Schwelle. Ich versuche auf die Landschaft zu achten, auf die Häuser, auf die anderen Autos. Das Kennzeichen des unseren ist in die Ecke der Fenster eingraviert. Ich lasse die Scheibe ein wenig herunter und versuche den Duft des Frühlings einzuatmen, aber mir schlägt bloß Zugluft ins Gesicht.

Die Gegend ist mir unbekannt, Bäume wölben sich über die Straße, die unendlich dahinkurvt. Dann ein einstöckiges graues Einfamilienhaus auf einem Hügel. Davor ein betonierter Vorplatz mit einer Betonmischmaschine, daneben ein ovales Becken, das mit einer Plane abgedeckt ist. Auch drinnen ist alles grau, die Möbel sind alle noch die alten. Ein ausgestopfter Babyhai über dem offenen Kamin, Teller von Endre Szász in der Vitrine, die flimmernde Uhr des Videogerätes. Am Boden vor dem Fernseher liegt eine Playstation.

Es ist kalt, die Ledersitzgarnitur kracht, als wir uns hineinsetzen. Wir unterhalten uns darüber, wie das Leben in Ungarn, in der alten Heimat ist, Herr Gyuri und Frau Erzsi sind schlaff und dick geworden. In meinem Kopf heißen sie noch immer Herr und Frau, ich konzentriere mich auf Gyuri und Erzsi. Erzsi in Pantoffeln. Sie hat hufartige Zehennägel.

Wir essen. Dass Georgie nicht am Tisch sitzt, fällt keinem auf. Für ihn ist gar nicht gedeckt. Nach dem Abendessen gibt es die allgegenwärtigen ungarischen Gerbeaud-Schnitten. Amerika als Hintergrundkulisse für die ungarischen Emigranten, die nach dem Gulasch Gerbeaud-Schnitten verzehren. Ich lege die zweite Schnitte wieder zu den Krümeln zurück.

Ist Georgie zu Hause?

Ja, er ist oben.

Ich kann die Treppe kaum erklimmen, sie ist hoch und steil. Die Stufen bedeckt ein tiefer, zotteliger Teppich. Der Gang scheint endlos, viele Türen, ich öffne die erste, weiße Kacheln, eine Eckbadewanne, neben der Wanne ein Shampoofläschchen. Es gibt nicht einmal Handtücher.

Vom Ende des Ganges dröhnt ein Fernseher. Ich klopfe an. Strubbelige graue Haare auf der Rückenlehne des Lehnstuhles. An der Armlehne eine runzlige Hand. Alte, wässerige Augen. Für einen Augenblick verliere ich das Bewusstsein. Die Gravitation lässt mich los.

Tante Anna, wie geht es Ihnen?

Tante Anna ist die Mutter Onkel Gyuris. Sie lebt noch. Sitzt da. Starrt mich verständnislos an.

Ich suche Georgie. Wo ist sein Zimmer?

Tante Anna hebt die Hand und zeigt in den Himmel. Sie öffnet den Mund, ihre obere Prothese sackt zwei Millimeter ab.

Wieder auf dem grauen Gang. Ein neuer Fernsehton. Eine halb offene Tür. Sie geht schon vom Anklopfen auf. Im Fernsehen läuft eine Schießerei. Georgie sitzt mit dem Rücken zu mir auf dem Bett. Er ist dünn und kahl. Chemotherapie. Ich gewöhne mich sofort an den Anblick. Er schaut über die Schulter zurück. Kein bisschen überrascht.

Hi.

Reflexartig würde ich auf Englisch weitermachen, aber ich zwinge mich, das nicht zu tun. Ich ordne die Worte in meinem Mund neu, damit sie auf Ungarisch herauskommen.

Ich hab dich mit deiner Großmutter verwechselt.

Danke.

Georgie stützt sich auf die Ellbogen. Ich lehne mich an die Wand. Die Möbel im Zimmer sind mir unbekannt. Die Unpersönlichkeit eines Hotelzimmers. Über dem Bett ein Landschaftsbild mit Ziehbrunnen. Auf dem Spiegelschrank ein weißes T-Shirt, hingeworfen. Im Fenster liegt eine ungarische Zeitung, 168 óra, aufgeschlagen.

Ist das dein Zimmer?

Nein, es gehört meinem Alten.

Er rückt ein bisschen zur Seite, ich setze mich auf die Bettkante. Wir glotzen auf die Mattscheibe.

Was siehst du?

Weiß ich nicht. Ich zappe nur herum.

Du hast auf meinen Brief nicht geantwortet.

Auf was für einen Brief?

Stille. Den haben sicher seine Eltern gestohlen.

Ich höre, du arbeitest im Rundhotel, sagt er.

Ich freue mich, dass wir Ungarisch sprechen. Er schaut wie verloren auf den Fernseher. Seine Eltern, die sind so, wenn einer von ihnen krank ist, lässt ihn der andere im Stich.

Auch dieser Tag geht einmal zu Ende, ich muss nur noch fünf Minuten aushalten, und dann wieder fünf, und so weiter, bis mir die Eltern sagen, dass wir gehen. Ich setze mich gehorsam in den Volvo, der uns in unser riesiges Haus zurückbringt, dort lege ich mich in das weiche Bett. Morgen rufe ich Matthew an, lasse zu, dass er mir den Hof macht, und noch fünf Minuten und noch fünf Minuten, bis meine Maschine startet. Am Montag begrüße ich die ankommenden Gäste im Rundhotel mit einem perfekten amerikanischen Akzent, und wenn sie fragen, woher ich so gut Englisch kann, sage ich, ich bin Amerikanerin.

Ich stehe von der Bettkante auf. Georgie sieht sich um, doch als er sieht, dass ich zum Nachtkästchen gehe und ein Papiertaschentuch aus der Box reiße, krümmt sich sein Rücken zurück und er wendet den Kopf wieder dem Fernsehgerät zu. Der Duft des Papiertaschentuchs, als es mein Gesicht berührt. Georgie zappt. Sie haben einen Satellitenempfänger. Er wird die Kanäle nie bis zum Ende durchzappen können. Ich stehe eine Weile mit dem Gesicht zur Wand. Ein amorphes Endre-Szász-Gesicht. Ich zwinge mich, ihm in die Augen zu schauen. Ich sehe mein eigenes Gesicht, wie es sich im Glas spiegelt.

Ich setze mich zurück auf die Bettkante, starre in den Fernseher, die Hände zwischen den Knien.

Magst du nicht mit mir ins Bett gehen?, frage ich.

Echt? Du meinst jetzt?

Er schaltet weiter, auf MTV. Faith No More: Epic.

Herbst, New England

Ich liege auf dem Bett, über die Augen habe ich eine Schlafbrille gelegt, wie sie in Flugzeugen verteilt werden, wenn du bei Sonnenschein schlafen willst. Auch in Filmen kann man sie sehen, reiche alte Frauen tragen so etwas in Beverly Hills zum Schlafen, mit einem rosafarbenen Flaumbesatz. Sie hat meinem Papa gehört, er hatte sie auf einem Flug nach Singapur bekommen. Gestern sagte er, er würde mir das Ticket bezahlen, wenn ich damit endlich nach Hause flöge und meine Mama besuchte, die ich seit anderthalb Jahren nicht gesehen habe. Auf dem Bett liegend, denke ich, vielleicht fliege ich doch nach Hause. Herbst in Neuengland! In Neuengland gibt es keine Großstädte, nur viele kleine Ansiedlungen nebeneinander. Die Schulen sind große Gymnasien mit Internat, wie im Film Klub der toten Dichter. Ich habe versucht, mir immer die unmöglichsten Sportarten auszusuchen, das höchste der Gefühle war Tennis. Es gab auch so was wie rec. biking, so etwas wie Genussradeln. Du schnappst dir das Rad, erscheinst damit vor dem Lehrer, der Zeitung liest und Kaffee schlürft, oder gar nicht dort ist, unterschreibst ein Papier und das war’s. Du musst zwei Stunden radeln, aber keiner kontrolliert dich. Gehst du in eine Internatsschule, die du nur manchmal gemeinsam mit den Eltern verlässt, dann hast du auch Angst, allein weit weg zu gehen. Das Schulgelände zu verlassen und gegen Autos zu kämpfen. Ich trug einen Wendemantel, bis zur Taille, mit Kapuze. Ende Oktober auch Handschuhe. Manchmal fuhr ich auf den Hügel hinauf, zur Tara-Farm, dort wurden die großen orangefarbenen Kürbisse verkauft, zu Halloween. Ich war Räder mit Rücktrittsbremse gewohnt, kurbelte statt zu bremsen rückwärts, und die Kette fiel mir dabei immer hinunter. Dann kam ich doch oben an. Und da war der Herbst. Eine frische, beißende Kälte oben auf dem Hügel, ich konnte die ganze Stadt sehen, die Schule. Der Geruch nach verbranntem Laub.

In Neuengland gibt es ein Wochenendprogramm, das heißt leaf watching. Das ist so etwas wie das bird watching, nur mit Blättern. Die Familien packen am Samstagmorgen ihr Zeug in ihren grauen Volvo Kombi, Mutti, Vati, zwei Kinder und der Labrador. Sie nehmen Sandwiches mit und das Fernglas, sie fahren hinaus auf eine Wiese mit Bäumen und verfolgen durch den Gucker wie die verschiedenfarbigen Blätter von den Bäumen fallen. Beim bird watching schauen sie die Vögel an, beim leaf watching die Blätter. Dann gehen sie Äpfel pflücken. Sie zahlen eine fixe Summe und pflücken so viele Äpfel wie sie wollen. Dabei erfrieren ihnen die Hände. Dann zurück in den Volvo, zu Hause trinken sie apple cider. Das ist ein dicker Apfelsaft, aufgekocht. Auch wir haben das gemacht, obgleich mein Papa, im Gegensatz zu meiner Mutti, kein Fan der Sache war.

Nach dem Radfahren ging ich ins leere Schulbuffet. Es war leer, weil jeder beim Sport war. Ich sah dem Springbrunnen zu, aß ein Bagel mit Cream cheese, schlug noch ein bisschen Zeit tot, dann übte ich mit meinen erfrorenen Fingern, weil ich mich auf die Aufnahmsprüfung der Musikakademie in Budapest vorbereitete, um nie wieder den Herbst in New England zu sehen, nur noch den in Budapest. Darum fliege ich nicht mehr „nach Hause“. Auch das Gymnasium ist nicht mehr das Alte, wozu sollte ich mich dort herumtreiben, und bei der Mutti habe ich gar kein Fahrrad. Ich fahre lieber zum Balaton hinunter, lasse die Füße ins Wasser hängen, vielleicht kommt der Sommer noch für eine Minute zurück.

Metronom