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Dieser unbeschwert und witzig geschriebene Roman macht gute Laune und weckt die Reiselust. Das Buch ist nicht einfach nur eine Liebesgeschichte, sondern eine Liebeserklärung an Südfrankreich mit all seinem Charme, seiner Lebensfreude und - seinen Chansons! Alle Schauplätze und traditionellen Feste werden authentisch beschrieben. Die Lehrerin Julia, alleinerziehende Mutter zweier heranwachsender Söhne, reist von Hamburg mit ihrem altersschwachen Auto bis in die Camargue, nach Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, um sich vom Alltagsstress zu erholen. Mit dabei sind, ausser den beiden Söhnen Alex und Julius, auch Julius' Freundin Aphrodite und Familienhund Bonnie, ein leicht neurotischer Irischer Setter. Die Vier geniessen ihren Urlaub, jeder nach seiner Façon: Während Alex erfolgreich Kontakt zur weiblichen Bevölkerung sucht, geniesst das junge Liebespaar seine Zweisamkeit. Julia, als leidenschaftliche Reiterin, durchstreift täglich die wilde Camargue-Landschaft auf dem Pferderücken. So lernt sie den wesentlich jüngeren, glutäugigen Rancher Serge kennen, in den sie sich, wider alle Vernunft, unsterblich verliebt. Es folgen Abende bei Zigeunermusik und romantische Picknicks am Strand. Leider muss Julia nur allzu bald entdecken, dass Serge nicht ehrlich zu ihr war... In ihrem Kummer unternimmt sie einen halsbrecherischen Ausritt und stürzt. Rettung naht in Gestalt des Tierarztes Joachim, den Julia tatsächlich aus Hamburg kennt und der ihr bisher immer höchst unsympathisch war. In den folgenden Tagen lernt Julia den hilfsbereiten Joachim jedoch von einer ganz anderen Seite kennen und -schätzen. Aber ist er wirklich frei? Bei einem Zusammentreffen im Café mit Serge, der Julia nicht aufgeben will, kommt es fast zu einer Schlägerei zwischen Serge und Joachim. Als, just in diesem Moment, auch noch Julias Exmann Hanno im Ferienort auftaucht, ist die Verwirrung komplett. Am Ende muss Julia sich tatsächlich zwischen den drei sehr unterschiedlichen Bewerbern entscheiden...
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2021
Stefanie Carstens
Ohlala, Julia!
Buch
Julia, alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen, reist in den langersehnten Sommerferien mit der Familie nach Südfrankreich, in die Camargue, eigentlich nur zur Erholung.
Wer hätte gedacht, dass sich ausgerechnet die seriöse Lehrerin in mehr als ein Liebesabenteuer verstrickt? So verliebt sie sich beim Reiten unsterblich in den glutäugigen Rancher Serge, muss jedoch schon bald an seiner Aufrichtigkeit zweifeln. Aber da ist auch noch der interessante und hilfsbereite deutsche Tierarzt Joachim…
Die Jugendlichen mit Familienhund Bonnie tragen durch etliche Abenteuer nicht unwesentlich zu den Turbulenzen bei.
Als auch noch Julias Ex, begleitet von seiner neuen Partnerin sowie die Exfreundin von Joachim auf der Bildfläche erscheinen, ist das Chaos komplett…
Autorin
Stefanie Carstens, selbst Mutter von drei Söhnen, wuchs in Hamburg auf und arbeitete als Sprachlehrerin und Übersetzerin. Mit ihrer Heldin Julia teilt sie die Liebe zu Südfrankreich und zu den Pferden. Heute lebt Stefanie Carstens in der Schweiz. Der vorliegende Roman ist ihr Erstlingswerk.
Stefanie Carstens
Ohlala, Julia!
Südfrankreichreise, Liebe inbegriffen
Roman
tredition
© 2020 Stefanie Carstens
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Umschlaggestaltung: Stefanie Carstens
Übersetzung der Liedtexte: Stefanie Carstens
ISBN: 978-3-17783-3 (Paperback)
978-3-17784-0 (Hardcover)
978-3-17785-7 (e-Book)
Das Werk, einschliesslich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für meine drei JungsIn Liebe
Kapitel 1
Vorfreude ist die allerschönste Freude!
„Was, das willst du noch anziehen?“ fragt mein verschlafen in die Küche schlurfender Sohn und mustert das türkisfarbene Trägerkleid mit Volants, von mir soeben triumphierend aus der schicken Boutique-Tüte gezogen.
„Warum denn nicht?“ reagiere ich leicht pikiert und packe das, verglichen mit meiner als Lehrerin sonst eher konservativ-seriösen Berufsaufmachung zugegeben etwas kürzere Kleidchen, schnell wieder ein.
„Naja, ich mein ja nur, in deinem Alter…“, murmelt Alex charmant. „Is‘ keine Milch mehr da?“ Er steht, wie üblich, in der weit geöffneten Kühlschranktür, obwohl der schon ordentlich Alarm piept. Es ist zwölf Uhr mittags, er will frühstücken. „Oh Mann, wir haben überhaupt nichts zu essen“, stöhnt er verzweifelt.
„Wieso, ich war doch gestern gerade einkaufen.“
„Alles nur dieses ungeniessbare Aldi- und Lidlzeug!“ Misstrauisch mustert er einen Joghurt. „Ist der abgelaufen?“ Diesen Tick hat er von meinem Ex übernommen.
„Ich koch jetzt sowieso gleich was Richtiges zum Mittagessen“, lenke ich freundlich ein. Er gibt sich vorerst schmollend mit ein paar Cornflakes zufrieden.
Auf dem Flur begegne ich einem mir unbekannten weiblichen Wesen in bauchfreiem, schwarzen Top mit Totenkopfaufdruck. In ihrem Bauchnabel prangt ein glitzerndes Piercing. Ihr Gesicht ist wegen der darüber fallenden, langen lila Haare nicht deutlich erkennbar. Sonst trägt sie, ausser einem lila Stringtanga, gar nichts. „Das ist Conny“, stellt mein Sohn vor. „Kann sie mitessen?“ „Na klar“, antworte ich, meinem Hotel-Mama-Image entsprechend, pflichtschuldig. „Wo ist eigentlich Julius?“
„Wahrscheinlich bei Aphrodite.“ Alex streicht sich über seinen, mit 5 mm
dunklen Haarstoppeln bedeckten, Schädel. Mein ältester Sohn studiert Politologie und Phisolophie, ohne bis jetzt genau zu wissen, welchen Beruf er damit später einmal ergreifen will, hat momentan jedoch Semesterferien. Die Zeit nutzt er vorwiegend für Partys und zum ‚Chillen‘, um sich von den anstrengenden letzten Monaten zu erholen.
Für Julius, meinen 17- jährigen, jüngeren Sohn, haben gerade die Schulferien begonnen, genau wie für mich. Er verbringt jede freie Minute mit seiner ersten Liebe, Aphrodite, einer Klassenkameradin. Ihren geschichtsträchtigen Namen verdankt sie meinem geschätzten Kollegen Paul, seines Zeichens Geschichtslehrer und begeisterter Anhänger der griechischen Mythologie.
Bevor ich mich in die Küchenarbeit stürze, probiere ich vor dem Schlafzimmerspiegel in Ruhe nochmal mein neues Kleid an, welches ich mir, voller Vorfreude auf unsere lang ersehnte Reise nach Südfrankreich, bei meiner vormittäglichen Shoppingtour geleistet habe.
Ich mustere mich kritisch. Bin ich mit 42 für so was wirklich schon zu alt? Mit meiner Figur bin ich eigentlich nicht unzufrieden, auch meine Beine sind lang und schlank wie früher. Braune, schulterlange glatte Haare mit goldenen Reflexen, grosse, graugrüne Augen, natürlich nicht ohne Fältchen drum herum. Für die Kosmetikerin hat’s seit der Scheidung auch nie mehr gereicht… Was mir Kummer macht, ist mein kleines Kugelbäuchlein… Wenn ich nur 200 Gramm zunehme, setzen die sich garantiert nur dort ab…
Ich versuche, den Bauch einzuziehen. Der Ausschnitt des Kleidchens ist vielleicht wirklich etwas zu gewagt? Ach, was soll’s, im Urlaub ist das ok.
Ich rufe noch schnell Julius an. Combox, wie meistens, seit er im Status des Frischverliebten ständig auf Wolke 7 schwebt und nur für SIE lebt, die übrige Menschheit, engste Familienangehörige inbegriffen, nimmt er nur noch schemenhaft wahr und hat keinerlei Interesse, mit ihr zu kommunizieren.
Eine Stunde später rufe ich Alex und seine Neuerrungenschaft zum Essen. In Gedanken schon in Frankreich, habe ich Ratatouille und Côtes de Porc aux Herbes de Provence gekocht.
Jenny, die jetzt erkennbaren Augen mit dicken schwarzen Balken umrandet, hat
inzwischen ihr Outfit noch mit Supermini und löcherigen Netzstrümpfen ergänzt. Sie rümpft misstrauisch das mit einem Ring verzierte Näschen. „Eigentlich esse ich kein Fleisch…“ Alex wiederum findet das Gemüse exotisch. „Kein Problem, ich schieb‘ uns ‚ne Pizza rein“, beruhigt er sein Schätzchen. Na super…
Ich hoffe im Stillen, dass wenigstens Julius meine Kochkünste zu schätzen weiss, wenn er denn mal kommt. Im nächsten Moment winselt Frau von Bonn, unsere Irish-Setter-Hündin, freudig auf: Julius öffnet die Tür. „Hmm, hier riecht’s aber gut! Hab‘ auch Riesenhunger!“ ruft er begeistert. „Gut gekocht, Mami!“ Julius nimmt mich in die Arme und schwenkt mich herum. Na, also!
Mit funkelnden Augen schüttelt er seine dunklen Locken und schaufelt sich den Teller randvoll.
„Ich dachte, Verliebte leben von Luft und Liebe?“ provoziert der grosse Bruder. Julius ignoriert ihn weltmännisch und lässt es sich munden.
„Geht einer von euch dann bitte noch mit Frau von Bonn?“ wage ich zu fragen.
„Kannst nicht du, du hast doch jetzt Ferien“, argumentiert Alex schlau. „Ausserdem war ich gestern.“ Der Hund, ursprünglich seiner, wird selbstverständlich fast ausschliesslich von mir ausgeführt und gefüttert.
„Ich war heute Morgen mit ihr Gassi und jetzt muss ich gleich noch das Auto in den Urlaubs-Check bringen“, kontere ich.
Frau von Bonn, meistens zärtlich ‚Bonnie‘ gerufen, eine leicht neurotische, weil überzüchtete Dame, merkt, dass von ihr die Rede ist und hüpft, durchdringende Winseltöne ausstossend, von einem zum anderen. Sie stammt aus der Zucht derer ‚von Bonn‘, weil mein Exmann meinte, ohne renommierte Ahnengalerie käme ihm kein Hund ins Haus.
„Na gut, ich geh‘ später“, stöhnt Alex. „Später hat sie auf dem Balkon Pipi gemacht“, mahne ich. „Warum haben wir auch keinen Garten mehr…“, lamentiert Alex.
„Weil wir nicht mehr in Blankenese wohnen, sondern in Barmbek.“
Julius bringt unsere Lage sachlich auf den Punkt. Vor allem für die Jungs war es
anfangs nicht leicht, sich an die neue Wohnsituation im Block zu gewöhnen. Dazu die neuen Schulen, weg von den alten Freunden und nicht mehr der gewohnte Luxus. Wenn meine Söhne ihren Vater auch nur selten zu Gesicht bekommen hatten, da er meistens irgendwo am anderen Ende der Welt auf Geschäftsreise war, so genossen sie doch ein sorgenfreies Leben in unserer Villa an der Elbe. Das alles ist jetzt jedoch einige Jahre her und ich bin dankbar, dass wir uns inzwischen alle an die neue Situation gewöhnt haben und ein mehr oder weniger zufriedenes, wenn auch nicht sorgenfreies Leben führen.
Frau von Bonn muss sich noch 20 Minuten gedulden, bis ihr Herrchen sich mit Märtyrermiene die Leine schnappt
Laut und hysterisch bellend, führt Bonnie einen Freudentanz auf. „Ich bring dann gleich Jenny noch zum Bus.“ So galant kenne ich meinen Ältesten gar nicht!
Conny bringt ein schwaches „Tschüss“ zu Stande und entschwebt , Alex auf den Fersen.
Kapitel 2
Wie der Herr, so‘s Gescherr 1
„Der Nächste, bitte!“ tönt es energisch aus dem Sprechzimmer des Tierarztes. Nanu, das ist doch nicht die sanfte Stimme von Dr. Würsch, unseres betagten und achsobeliebten Doktors?
Frau von Bonn, die knurrend, mit gesträubten Nackenhaaren (und mit eingeklemmtem Schwanz), argwöhnisch einen winzigen Rehpinscher beäugt, will sich trotz aller Überredungskünste meinerseits nicht ins Sprechzimmer führen lassen. Seitdem sie vor zwei Jahren von einem Raser leicht angefahren wurde und dann einige unangenehme Prozeduren beim Tierarzt ertragen musste, hat sie eine panische Angst vor allem, was auch nur im entferntesten nach Tierarzt riecht, entwickelt. Schon auf der Strasse schnuppert sie argwöhnisch, bleibt auf der Schwelle zur Praxis stocksteif stehen und winselt. Nur mit grosser List und zahlreichen Leckerchen konnte ich sie ins Wartezimmer bugsieren, aber jetzt versagen meine Überredungskünste.
„Also, was ist nun, kommt noch einer?“ ertönt es sonor von drinnen. „Ja, wir sind gleich bei Ihnen“, rufe ich und schaffe es, zumindest mit einem Fuss ins Zimmer zu treten, worauf ich erstarre: Ich stehe einem äusserst attraktiven, sehr grossen und breitschultrig gebauten Mann gegenüber, der mich aus leuchtend blauen Augen unter zusammengezogenen, dunklen Augenbrauen hervor, kritisch mustert. Auf meine verwirrte Frage nach Dr. Würsch antwortet er knapp: “Bin die Urlaubsvertretung. Ritter mein Name. Vorwärts bitte, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“ Ich versuche, der charmanten Aufforderung Folge zu leisten. „Komm schon, Frau von Bonn“, schmeichle ich, „nachher kriegst du noch was ganz Feines.“ „Sind Sie in Begleitung?“ Herr Doktor blickt den Flur entlang.
„Nein, so heisst mein Hund“, erkläre ich. Flackert da kurz ein belustigtes Funkeln in seinen Augen auf? „Dann bringen Sie Ihre Frau von Bonn mal rein. Was fehlt der Dame denn?“ Mit aller Kraft schiebe ich die in ihrer Panik dreimal so starke Bonnie durch die Tür.
„Nur die Tollwutimpfung“, keuche ich , „wir verreisen nächste Woche nach Südfrankreich.“
„Nächste Woche? Und da kommen Sie jetzt erst?“
„Ja, ich war so im Stress“, stottere ich, “ ich dachte… also, Dr. Würsch hat in solchen Fällen immer ein Auge zugedrückt und die Impfung vordatiert.“
Dr. Ritter - wie treffend der Name doch ist, durchfährt es mich - betrachtet mich und meinen Hund wortlos und mit undurchdringlicher Miene. Er hat schöne, schwarzgewellte Haare…
„Dann heben Sie sie bitte auf den Tisch!“ befiehlt er. Bonnie geht rückwärts, heult auf und wehrt sich mit allen Kräften. Statt mir behilflich zu sein, den schweren Hund zu packen und hochzuheben, verharrt Dr. Ritter reglos, beobachtet jedoch interessiert meinen Kampf mit dem Hund. Wenn er auch imposant wie ein Ritter wirkt, ritterlich ist er nicht.
Als ich Bonnie fast am Tisch habe, windet sie sich in einem letzten, verzweifelten Aufbäumen aus dem Halsband, flieht Richtung Tür und versucht, letztere zu öffnen, ein Kunststück, das sie gut beherrscht. Ich hechte ihr gekonnt nach und verhindere gerade noch die Flucht aus dem Zimmer. Inzwischen bin ich schweissgebadet, meine Frisur ist keine mehr und ich fühle mich den Tränen nahe. Wie peinlich, und das alles vor diesem selbstherrlichen Schönling… Vor Scham möchte ich im Erdboden versinken.
„Die Hysterie des Hundes hat immer mit dem Besitzer zu tun. Ist der nervös, überträgt sich das sofort,“ stellt Herr Doktor lakonisch fest.
„Ich bin von Natur aus ruhig und ausgeglichen“, wage ich einzuwenden. Der Kerl schüchtert mich richtig ein!
„Auch innerlich?“ Ist der etwa auch noch ein verkappter Psychologe? Wieder meine ich, ein ironisches Aufblitzen in seinen Augen zu entdecken. Macht der sich über mich lustig?
„Wie der Herr, so’s Gescherr!“ trumpft er da salbungsvoll auf. Jetzt kommt er auch noch mit Sprichwörtern, so was konnte ich noch nie leiden!
Total geschafft und ebenso derangiert wie demoralisiert versuche ich verzweifelt, die sich windende Bonnie wieder ins Halsband zu zwängen. Wie sie mir Leid tut! Schliesslich schaffe ich es, sie in eine Ecke zu drängen.
„Bitte, könnten Sie nicht einfach hier schnell, die Spritze?“ bettele ich, alle Selbstachtung über Bord werfend, am Ende meiner Nervenkraft.
„Dann halten Sie sie gefälligst gut fest!“, lässt sich Herr Neunmalklug herab und kommt endlich mit seiner Spritze, die Bonnie in ihrer Panik tatsächlich gar nicht mitbekommt.
„Übrigens,“ das ist die Krönung seiner belehrenden Reden ,“das mit dem Vordatieren geht nur klar, weil Dr. Würsch es angeblich so macht, das verstösst gegen mein Prinzip. Den Impfausweis können Sie dann vorn bei meiner Assistentin nachtragen lassen.“
Am Ende meiner Kräfte verlasse ich mit der mich freudig Richtung Auto zerrenden Bonnie die Praxis. So ein aufgeblasener, unsympathischer Besserwisser! Bonnie springt an der Autotür hoch und versucht sie zu öffnen. Auf einen Kratzer mehr oder weniger kommt es bei meinen alten Ford Mondeo nicht mehr an, denke ich resigniert und lasse Bonnie auf den Rücksitz springen.
1 altes deutsches Sprichwort
Kapitel 3
Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein, und dann nischt wie raus nach Wannsee… 1
Erschöpft sitze ich auf dem Sofa, ein Glas Rotwein vor mir, die lang ausgestreckte Bonnie neben mir. Sie ist ebenso geschafft wie ich und hat den Kopf auf meinen Schoss gelegt. „Unser Herr Superveterinär hätte seine helle Freude an dir, du unerziehbarer Hund“, murmele ich zärtlich und kraule Bonnie hinter dem Ohr.
„Mami? Mit wem sprichst du? Kochst du noch was?“ Alex stürmt ins Zimmer und stört uns aus unserem friedlichen Tête-à-tête auf. Er betrachtet die Sofa-Idylle und ruft vorwurfsvoll: „Also Mami, du trinkst am hellichten Nachmittag?“ Und, mit einem Seitenblick auf Bonnie und zischendem Unterton: “Runter vom Sofa, Frau von Bonn!“ Seit Alex dem Kindesalter entwachsen ist, übernimmt er gern die Rolle des väterlichen Erziehers, wahrscheinlich, um den fehlenden Mann im Haus zu ersetzen.
„Wir waren beim Tierarzt“, erkläre ich und blicke schuldbewusst, wie ein kleines Schulmädchen, zu meinem Sohn auf. Das Klingeln des Telefons erlöst mich von weiteren Ermahnungen. „Bitte, geh du. Kann im Moment mit niemand sprechen.“
Alex nimmt ab. Aus seinen einsilbigen Antworten errate ich sofort, wer dran ist. „Ja. …Ja…. Nee, alles bestens…. Muss noch zwei Seminararbeiten fertigmachen.“ Das waren die Standardfragen, wie es denn mit dem Studium laufe. „Nee, der ist beim Aphro. Äh, bei Aphrodite, verbessert er sich schnell, wohl wissend, was sein Vater sonst wieder falsch verstehen könnte. Kurze Pause. „Ja, die ist hier.“ Alex ignoriert mein gestenreiches, verzweifeltes Abwinken und stummes „Neiiin!“ und reicht mir den Hörer.
„Hallo, Julia. Ich hab gehört, ihr verreist nächste Woche.“
„Danke der Nachfrage, ich hoffe, dir geht es auch gut.“
Heute fühle ich mich nicht mehr zum Austausch höflicher Floskeln in der Lage.
Hanno überhört meine Ironie und fährt fort: „Sag mal, ist alles in Ordnung bei euch? Hat Alex was getrunken? Er schien mir so verwirrt.“
Ich betrachte das Rotweinglas in meiner Hand und kichere hilflos. „Der Alex?“ „Julia, das ist nicht witzig. Pass bitte in Frankreich auf die Jungs auf. Du weisst, wie anfällig Jugendliche in dem Alter sind. Ich sage nur Drogen.“
„Unsere Söhne nehmen keine Drogen“, stelle ich mit Überzeugung fest.
„Das haben schon viele Eltern gedacht, die erfahren es immer zuletzt“, orakelt mein Ex. „Achte also in Frankreich auf ihren Umgang und lass sie nicht die ganze Nacht in der Disco abhängen. Und Julius soll mich bitte noch zurückrufen. Der ist ja wohl überhaupt nicht mehr zu Hause. Hast du überhaupt noch den Überblick, wo er sich aufhält?“
„Ja, bei seiner Freundin“, entgegne ich.
„Sag mal, verhütet die - äh- Aphrodite, was ist das überhaupt für ein Name, eigentlich? Nicht auszudenken, wenn da was passieren würde. Da musst du wirklich mal durchgreifen.“ Damit legt er auf. Der hat auch schon bessere Umgangsformen gehabt…
Die Eingangstür öffnet sich, Julius! „Hast du immer Schwein, gerade hat Papi angerufen , informiert Alex seinen Bruder.
„Du möchtest ihn bitte noch zurückrufen“, ergänze ich.
Julius stöhnt. „Ja, nachher dann…“ Zu mir gewandt, mit seinem üblichen Charme: „Mamilein, du wäscht vor Frankreich doch noch alles?! Alle meine Klamotten sind schmutzig.“
„Ja, ich hab auch nichts mehr anzuziehen. Du hast ja jetzt Zeit, nicht?“ kommt es von Alex.
Heute ist definitiv nicht mein Tag. Warum glauben eigentlich alle, ich hätte in meinen Ferien nichts Besseres zu tun, als lästige, überfällige Haushaltsarbeiten zu erledigen und andere Besorgungen, vor denen sich alle drücken? Ich beschliesse, mich nach dem Essen in die Badewanne zu legen und anschliessend eine meiner Lieblings-DVDs zu gucken. Schliesslich habe ich ja Ferien!!
Wie sollen wir das bloss alles ins Auto kriegen? Ich raufe mir die Haare. Ich stehe in meinem Schlafzimmer, inmitten eines grandiosen Chaos‘, bestehend aus Kleidern, Kosmetikartikeln, Büchern, Strandmatten, Sonnenschirmen, Picknickkörben, Reitstiefeln, Sonnenhüten, dem Hundekörbchen und gefühlten 1000 anderen Kleinigkeiten, die alle absolut unentbehrlich für den perfekten Familienurlaub sind.
Es klingelt an der Tür. Frau von Bonn bellt, wie immer, undamenhaft laut. Auch das noch, meine Mutter! Wie aus dem Ei gepellt, mit grauem Pepita-Kostüm und dauergewellten Haaren mit modischer Blautönung, rauscht sie herein. Bonnie springt an ihr hoch. „Bitte, halt mir doch dieses Tier vom Leib! Ich wollte euch nur schnell eine gute Reise wünschen, du meldest dich von allein ja nicht.“
Sie wirkt wie ein einziger lebender Vorwurf… „Tut mir Leid, Mutti, aber du siehst doch, was ich noch alles zu tun hab‘.“
„Du musst eben besser organisieren und nicht alles auf die letzte Minute verschieben. Wir wollten doch auch endlich mal wieder in den Alsterpavillon, schön Kaffee trinken. Oder nach Planten un Blomen zu den Wasserlichtspielen.“
Sie schenkt mir den typischen Falkenhorst-Blick, gleichzeitig missbilligend und beleidigt. „Dabei hast du doch jetzt Ferien.“
Jetzt fängt die auch noch an! „Mutti, ich hatte noch ganz viel zu erledigen, aber wenn wir zurück sind, machen wir das, versprochen“
Meine Mutter mustert mich seufzend. Ich trage meine Wohlfühlklamotten, verwaschene Jeans und ein etwas löcheriges, weites T-Shirt.
„Ach, Julchen, du siehst schlecht aus. So findest du nie wieder einen Mann. Du solltest wirklich mehr aus dir machen. Du könntest vielleicht mal eine Rottönung ausprobieren? Oder eine schöne Dauerwelle?“
„Im Moment hab ich alles andere als Männer im Kopf“, entgegne ich etwas eingeschnappt. „Guck dich doch um, ich weiss nicht, wo mir der Kopf steht.“
„Der Hanno mag ja seine Fehler gehabt haben, unkultiviert wie er war. Ich weiss noch, wie er Pfirsiche immer über dem Ausguss gegessen hat. Aber wenigstens hat er gut verdient und ihr hattet ein sorgenfreies Leben,“ nimmt sie unbeirrt den Faden wieder auf. Verlieb‘ dich in Frankreich bloss nicht wieder in den Falschen, wie du das so gern machst.“
„Ich möchte mit dir jetzt wirklich nicht meine vergangenen oder möglichen zukünftigen Beziehungen diskutieren“, versuche ich die mütterliche Predigt in beherrschtem Ton zu beenden, obwohl ich innerlich fast platze. Vielleicht hatte der Hobbypsychologe Dr. Ritter doch Recht?
„Männer kennen lernen ist gar nicht so schwer“, tut sie jetzt kund. „Sogar ich habe eine reizende Bekanntschaft gemacht.“
Ich traue meinen Ohren kaum. „Du? Wo denn? Und wie?“ Meine Mutter ist seit 12 Jahren verwitwet und hatte nie etwas mit Männern im Sinn.
„Im Internet. Damit müsstest du als moderne Frau dich doch auskennen. Hartmut ist General a. D. und ein vollendeter Gentleman. So was kennt ihr heutzutage gar nicht mehr. Oder wann hat dir zuletzt mal ein Mann die Autotür aufgehalten?“
Ich muss zugeben, dass mir das möglicherweise noch nie passiert ist. „Warum lässt du dich dann nicht von deinem Hartmut zu den Wasserspielen ausführen?“ Diese Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen.
„Kind, nichts und niemand kann das eigene Fleisch und Blut ersetzten,“ predigt Mutti salbungsvoll.
Es dauert noch fast eine Stunde, bis ich meine Frau Mama endlich abwimmeln kann. Wir wollen doch morgen in aller Frühe los, wie soll ich das nur schaffen?
1 Cornelia Froboess, deutsche Schlagersängerin, 1951
Kapitel 4
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen 1
Hurra, endlich geht’s los! Auch wenn wir, statt wie vorgesehen um 6 Uhr morgens, frisch und in der Morgenkühle, unsere lange Fahrt antreten, stehen wir immerhin um 8 Uhr abfahrbereit ums Auto versammelt vor dem Haus. Die halbe Nacht war ich damit beschäftigt, alles ein- und mehrmals wieder umzupacken. Entsprechend geschafft fühle ich mich jetzt, aber das Reisefieber versorgt mich mit ausreichend Adrenalin, der Fahrt freudig entgegenzusehen. Mit viel Geschick haben wir die vielen verschiedenen Gepäckstücke ins Auto gequetscht. Frau Piepenbrink, unsere herzensgute, ältere Nachbarin, ist angetreten, uns zum Abschied zu winken.
„Denn fahren Sie man bloss vorsichtig, Frau Hansen,“ ermahnt sie mich. „Bei den vielen Verrückten auf der S-trasse, und die Franzosen sollen ja man auch ziemlich forsch rasen. Und keine Sorge von wegen die Blomen, um die kümmer ich mir.“ Ich umarme Frau Piepenbrink und bedanke mich nochmals.
„Da kommt ja auch die Lütte!“ Unsere Nachbarin deutet auf Aphrodite, die um die Ecke gehetzt kommt, in letzter Minute, wie meist. Diese Eigenschaft hat sie mit mir gemein… Sie ist mit einer unförmig-riesigen Reisetasche beladen. Wie wir die noch ins Auto kriegen sollen?
Julius versinkt in einer minutenlangen Umarmung mit seiner Geliebten. Zum Glück darf sie mit uns in die Ferien fahren, sonst wäre mein Sohn garantiert zu Hause geblieben. Ich beglückwünsche mich selbst zu meinem taktisch-schlauen Manöver.
„Beeilung,“ knurrt Alex, „Du kannst dein Schätzchen auf der Fahrt weiter abknutschen.“
Natürlich müssen wir fast alles wieder aus- und umräumen, um
Didis Reisetasche auch noch unterzubringen. Frau Piepenbrink reicht mir ein Päckchen, in Butterbrotpapier eingewickelt.
„Da sind noch ein paar S-tullen, die Jungs kriegen doch Hunger, und auf der Autobahn is alns so teuer.“ Gerührt bedanke ich mich und frage mich im Stillen, wie wir den ganzen Proviant verzehren sollen. Unser Picknickkorb ist randvoll.
„Alles einsteigen!“ brüllt Alex ungeduldig. Er sitzt vorn neben mir, das händchenhaltende Liebespärchen mit Frau von Bonn hinten. Hupend und winkend fahren wir an, Frau Piepenbrink wedelt mit einem rotkarierten Herrentaschentuch. Ihr „Tschühüüüüss!“ ist noch weithin hörbar.
Ja, tschüss Nieselregen und grauer Himmel, Camargue, wir kommen!
Hamburg, Hannover, Kassel, Frankfurt, die Reise, bei sengender Sonne, nimmt kein Ende.. Trotz Klimaanlage leiden wir unter der auf die Scheiben knallenden Sonne.
Natürlich brauchen die Jugendlichen, trotz selbst hergestellter, delikater Sandwiches und etlicher mitgenommerer Getränke noch Fast-Food Unterstützung und kalte Drinks (statt der inzwischen lauwarmen, also wirklich, Mami!), sodass schon bald der erste Stopp- es sollte nicht der letzte bleiben- eingelegt werden muss… Dabei muss auf den Raststätten immer erst abgecheckt werden, ob kein anderer Hund in der Nähe ist, damit Frau von Bonn in Ruhe ihr Geschäft verrichten kann.
Vor Frankfurt stehen wir lange im Stau, die Stimmung sinkt. „Mann, mach dich nicht so dick!“ murrt Julius und knufft Bonnie, die daraufhin beleidigt den nächsten Teil der Reise stehend und nach vorne, zwischen die beiden Vordersitze ragend, zurücklegt. Ihre lange, hechelnde Zunge ist dabei etwa 10 cm von meinem Gesicht entfernt. Von aussen betrachtet, jedenfalls von rechts, muss es fast aussehen, als ob ein Hund fahren würde. Als sie sich endlich wieder hinlegt, benutzt sie den CD-Fachdeckel zwischen den Sitzen als Kopfablage. Aus dieser Position löst sie sich nur, wenn in einem anderen Auto ein Hund erkennbar ist. (Und dann heisst es, Hunde haben schlechte Augen… ) Dann bellt sie tief und maskulin, direkt in mein Ohr, und kratzt geifernd an der Scheibe.
Endlich löst sich der Stau auf, wir erreichen Karlsruhe, aber bis wir in Basel ankommen, ist es 21 Uhr. Mir tun der Nacken und die Schultern weh, da hilft auch Julius‘ freundliche Massage von hinten nicht mehr viel.
Erschöpft beschliessen wir, in Basel, stattwie geplant, in Lausanne bei einer alten Freundin zu übernachten, was ich wirklich bedaure. Sabine ist vor fünfzehn Jahren, wegen eines Mannes (natürlich!) in die Schweiz gezogen. Inzwischen haben sie sich getrennt und Sabine lebt mit einem Berhardinerhund auf einem alten Bauernhof. Schon allein deshalb hätte ich dort gern Zwischenstation gemacht, muss ich doch an jeder Schafweide anhalten und verzückt die Bocksprünge der jungen Lämmer betrachten oder auch mit jungen Kälbern freundlich sprechen, wobei Bonnie mich dann argwöhnisch und eifersüchtig beobachtet. Sogar Hühnern schnalze ich zu(!)… Falls einer meiner Söhne zufällig dabei ist, findet er das natürlich total peinlich („Ich kenne diese Frau nicht!“). Ich beschliesse, den Besuch bei Sabine auf alle Fälle bei der Rückfahrt nachzuholen.
1 Mattias Claudius, 1740-1815
Kapitel 5
Grüezi wohl, Frau Stirnimaa! 1
„Hoffentlich finden wir ‚ne billige Pension,“ murmele ich. „ Papi ist immer ins Baur en ville gegangen, wenn er hier auf Geschäftsreise war!“ ruft Julius von hinten. „Vergiss es,“ wirft Alex lakonisch ein, „ für uns liegt höchstens die Jugendherberge drin.“ Die Idee finde ich gar nicht so schlecht, aber wie finden wir die jetzt mal so eben? „Das kommt davon, wenn man kein Navi anschaffen will!“ „Lass nur, Julius, den Weg nach Saintes-Maries kenne ich nun wirklich auswendig!“ rechtfertige ich mich, obwohl ich ihm im stillen Recht gebe. Warum bin ich manchmal so halsstarrig und altmodisch?
