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»Wolff ist tot«, sagte er. Er, Christian Lenz, der Notarzt dieser Nacht, war zum Ort des Suizids gerufen worden und hatte dort die Leiche seines Kollegen Martin Wolff gefunden. Seine Kollegen sind bestürzt. Bitte nicht Wolff. Er war ein so guter Arzt, ein so menschlicher. War die Klinik der Grund, dass er sich selbst das Leben genommen hat? Oder doch seine schöne Geliebte?
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Seitenzahl: 333
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Ich hätte ohne die Ärzte Dr. Jürgen Gundlack, Dr. Ferenc Steidl, und Dr. Axel Walz, nicht eine Geschichte über die Welt im Krankenhaus erzählen können. Ihnen will ich den Roman widmen.
Christiane Barz, die mir eine ausserordentliche Freundschaft schenkt, und Reinhold Schubert, der das Lektorat machte, möchte ich Danke sagen.
Leah Rudolph
Es gibt kein wahres Leben im falschen.
Theodor W. Adorno
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
»Wolff ist tot«, sagte er.
Worauf einer lachte.
Und er stand da, verdammt elend, aber auch kalt genug, und sagte ihm - ihnen deshalb noch hart: »Er hat sich umgebracht«, und niemand lachte mehr. Niemand seiner Kollegen. Nur: »Scheisse«, ging einem durch den Kopf.
Sie waren in ihrem Dienstzimmer. Zehn Ärzte in ihren weissgrauen Kitteln. Hier in ihrem Zimmer, das zwei Fenster hatte und in der Mitte einen grossen Tisch, um den sie wie immer sassen oder standen. Und sie hatten gerade davon geredet, was es im Laufe des gestrigen Tages und der Nacht im Dienst auf der Intensivstation gegeben hatte. Dass einer der beiden Oberärzte von ihnen schon seit zwei Stunden im OP stand, weil ein schwerer Unfall gewesen war. Und sie wollten noch darüber sprechen, was es weiterhin für Operationen gab - wie sonst so ihr Tag im Hospital aussah.
Ihr Kollege Christian Lenz, der die Nacht Notdienst gehabt hatte, trug noch seine andere Dienstkleidung. Weisse Hosen, weisses T-Shirt und die rot-blaue Jacke mit der Aufschrift: Notarzt.
Sie hatten schon auf ihn und Wolff gewartet. Und jetzt sahen sie ihn in der Tür stehen - zwanzig oder fünfundzwanzig Minuten zu spät - und mussten hören, dass einer von ihnen, und dann noch Wolff, sich das Leben genommen haben soll.
Kurt Schaad, ein grosser, kräftiger Mittvierziger und Facharzt, der gerade hatte sagen wollen, dass Herr Meyer, ein älterer Herr, den er gestern noch für eine Narkose vorbereitet hat, heute eine Hemikolektomie links bei stenosierendem Sigmatumor bekommt, sagte nichts. Ihm blieb das Wort Hemikolektomie im Hals stecken.
Der Chefarzt, Prof. Detlef Klink, sass auch am Tisch. Er war eigentlich noch nicht ungeduldig gewesen oder nur ein wenig, weil er glaubte, dass Christian Lenz, der Notarzt gefahren war, noch unterwegs sein konnte. Nur bei dem viel zu pünktlichen Martin Wolff, da hatte er schon vorhin zu sich gesagt, er werde, wenn Kurt Schaad seine Narkosen mitgeteilt hat, bei ihm anrufen und fragen lassen, warum er noch nicht hier ist. Er sah Lenz an und wollte es nochmal ganz genau wissen: »Sie sind sich da sicher, Herr Kollege?«
»Ich kam zu spät.«
Und jetzt war eine Stille im Raum, die man nur fühlte.
Tiefste Stille.
Sie schauten alle einander an. Immer wieder an. Und schauten auch zu ihm, wie er noch in der Tür stand und in den Raum und zu einem der Fenster sah, die nach Osten gingen. Es war ein besonders frühlingshaftes Wetter an diesem Montagmorgen gegen Ende April. Sehr weisse Sonnenstrahlen kamen herein. Er sah aber nicht das Licht, in dem sich geladener Staub bewegte.
Sein Chef, der so am Tisch sass, dass er die Sonne im Rücken hatte, deutete dann mit einer kleinen Handbewegung auf einen leeren Stuhl neben sich: »Setzen Sie sich lieber.«
Und nun trat er in den Raum und schloss die Tür hinter sich. Er trat an den Tisch und sank auf den Stuhl.
»Berichten Sie.«
Er berichtete nicht. Er sass da - nun wie vereist - weil ... Wolff im Kopf. Er presste den Mund zusammen und nahm sein Gesicht zwischen die Hände.
Der Professor wartete.
Ein paar Kollegen dachten, dass er gleich zusammenbrechen würde. Doch er raffte sich auf. Brutal nüchtern suchte er jetzt nach einem Anfang: »Ein Jogger hat ihn gefunden. Nicht weit von hier.«
Der Jogger, der jeden Morgen lief, war kurz nach sechs auf ein Auto gestossen, das da stand, und hatte, als er weiterlaufen wollte, einen Mann gesehen, der sich nicht rührte, und ihm war klar, als er ihn anschaute, dass er da hinter dem Wagenfenster zum erstenmal in seinem Leben einen Toten zu sehen bekam. Er hatte sein Smartphone dabei und rief sofort die 112 an.
»Und wir waren innerhalb weniger Minuten da. Wie auch die Sanitäter. Als wir aus dem Audi stiegen, sahen wir seinen Wagen unter einem Baum stehen. Und ich sagte mir: Mann, der Typ hätte doch wenigstens die Wagentür öffnen und den Motor abstellen können - sah dann aber, dass Wolff die Tür verriegelt hatte«.
Und seine Worte - seine Gedanken - waren noch einmal von dem Gefühl begleitet, das er gehabt hatte, als er auf den Wagen zuging. Jenes unheimliche Gefühl, das nicht genau weiss - aber sicher ist - und auch darauf besteht, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.»... und als wir ihn in seinem Auto sitzen sahen, in seiner schwarzen Jeans und seiner schwarzen Lederjacke, wusste ich ...«, und allen, die vor ihm sassen oder standen, fuhr es durch den Kopf: »... dass er tot war.«
Nun schaute er auf. Vor sich seine Kollegen, die ihrerseits die Augen auf ihn gerichtet hatten. Irgendwie weinte einer einmal. Er fror plötzlich. Und jetzt biss er sich auf die Lippen. In seinem Kopf wieder die Bilder, wie er nähergekommen war und es gleichzeitig gesehen hatte: Wolffs Kopf - auf das Lenkrad gesunken. Ein Arm hing mit offener Hand herab.
Er sah kurz zu der Tür, in der er vorhin gestanden hatte. Er schaute zu seinem Chef. Er atmete einmal tief und sagte, ihm zugewandt: »Als einer der Sanitäter eines der Fenster einschlagen wollte, kam schon die Polizei. Ich erklärte, dass wir dienstlich hier sind. Ich sagte ihnen, dass der Tote ein Kollege von mir war, nannte dann seinen Namen und die Adresse der Klinik dazu.«
Nun sagte er, und mit diesen Worten wandte er sich wieder an alle: »Dann kamen zwei Kriminalbeamte. Ein Typ um die vierzig«, dem er in einer anderen Laune ein kinoreifes Gesicht gegeben hätte, weil er ein gleichmässiges, auch schönes Gesicht hatte, »und ein junger Kerl. Sie stellten die üblichen Fragen.«
Obwohl die Fragen der Kriminalbeamten noch in seinem Kopf waren, hielt er sich nicht bei ihnen auf. Er sagte als nächstes: »Unsere Sanitäter sind gleich wieder gefahren. Einer der Polizisten hat einen Leichenwagen herbeigerufen. Ein anderer schlug ein Fenster ein und öffnete alle Türen.« Und er atmete ein, und hatte wieder die erdrückende Luft, die aus dem Wagen gekommen war, in der Nase - und aus, und sprach weiter: »Ich setzte Wolff auf. Seine Augen waren starr und auf seinen Händen konnte man schon Leichenflecken sehen. Er musste seit Stunden tot sein.«
Jetzt bedeckte er sich wenige Sekunden lang die Augen. Seine Kollegen warteten. Niemand sagte etwas. Auch Kurt Schaad stand da und bedeckte mit einer Hand die Augen.
»Ich konnte der Polizei nur noch versichern, dass Wolff tot ist.« Er wurde eiskalt: »Irgendwer legte die Leiche ins Freie und die Kriminalbeamten begannen sie zu durchsuchen, nachdem sie sich von uns Latexhandschuhe geborgt hatten.«
Jetzt wollte er den ganzen Ablauf nur noch loswerden: »Sie durchsuchten sein Auto. Wolff hatte einen langen Schlauch vom Auspuff in eines der beiden Fenster hinten gesteckt. Auf dem Beifahrersitz lag eine leere Flasche Rotwein. Das Beruhigungsmittel aber unter dem Beifahrersitz. Ich erkannte, dass das Valium aus der Klinik war und sagte das. Er hatte alle zehn Tabletten genommen. Ich sagte dann, dass es wohl so aussieht, als ob Wolff sich selbst das Leben genommen hätte. Einer der Kriminalbeamten antwortete mir, auch sie sähen keinen Hinweis auf ein Tötungsdelikt, nur wüssten sie es noch nicht sicher: »Wir werden es aber bald wissen.«
Er holte nach diesen Worten erneut tief Luft. Dann erwähnte er, dass sie den Jogger gehen liessen. Und danach kam er zum Ende: »Inzwischen war der Leichenwagen gekommen, und zwei Männer nahmen Wolff, um ihn in die Pathologie zu bringen. Ich beantwortete noch ein paar Fragen. Danach stiegen mein Fahrer und ich ins Auto und fuhren wieder hierher.«
Und nun stellte er die Frage, die ihn beschäftigte, seitdem er die Klinik wieder erreicht hatte: »Verdammt, warum hat Wolff das getan?« stiess er hervor und hob den Kopf und schaute dabei in den Kreis. Aber es hatte niemand eine Antwort.
Man hatte Martin Wolff gemocht, weil er fachlich sehr kompetent und sehr kollegial gewesen war. Und es tat allen jetzt leid, hören zu müssen, dass er tot war. Aber man war keine Familie. Ihr gemeinsamer Kollege, den man fast jeden Tag gesehen hatte, er hatte nicht verändert gewirkt. Auch nicht schwermütig. Also, wie hätte man erkennen können, dass es so schlecht um ihn gestanden hatte?
Der Kollege, der Christian gegenüber sass, der wie er Bob Dylan liebte und zu allen seinen Konzerten fuhr, die dieser noch gab, nahm seine Brille ab und bewegte sie wie wahnsinnig hin und her.
Ein Assistenzarzt, der sich auf seine Facharztprüfung vorbereitete, grübelte: »Wolffs Stelle wird frei. Wer weiss, vielleicht gibt mir Klink seinen Vertrag.« Und überlegte, wen er unauffällig danach fragen könnte, nach der Stelle, die sie wieder würden besetzen müssen.
»Wie furchtbar«, sagte jemand.
Eine junge Kollegin, die auf dem Bett sass, das in der Ecke stand, schluchzte: »Mein Gott, und dann noch Wolff.«
Der Assistenzarzt, der mit ihr auf dem Bett sass, griff nach ihrer Hand.
Und einer der Fachärzte, der einen Mund hatte, der etwas schief war, versuchte irgendwie eine erste Erklärung zu finden: »Wolff war sehr sensibel«, sagte er. »So grossherzig. Keiner der Patienten war für ihn x-beliebig.«
»Es gibt noch andere hier, für die keiner der Patienten x-beliebig ist«, kam von einem der Kollegen unberührt.
»Wolff war aber auch menschlich für sie da.«
»Aber offenbar liess ihn das nicht am Leben. Und selbst jemand wie Wolff hatte wohl eine Geschichte; eine heimliche, die keiner kannte.« Er zögerte und sagte dann mit Absicht: »Und deswegen musste er sterben.«
»Warum sagst du sowas?« wollte nun eine Ärztin, die mit Vornamen Katja hiess, wissen.
Andere hoben die Brauen.
Kurt Schaad entgegnete ihm, nun ohne die Hand vor seinen Augen:
»Ich versteh‘ auch nicht, warum Sie jetzt in Wollfs Suizid einen Mord suchen.«
»Nun, schliesslich ist er tot.«
»Das ist undenkbar! Ein Mord an Wolff, der ein hervorragender Arzt und einfach ein richtig guter Mensch gewesen war. Der hatte mehr Grösse als wir alle zusammen.«
»Finden Sie?«
»Ja, finde ich», sagte Schaad und schaute ihn an und er schaute Schaad an und es war, als hätten sie beide zuviel getrunken.
Christian Lenz sah in das Gesicht von Prof. Klink, in ein Gesicht mit zusammengewachsenen Brauen, grauen Augen und vollen Lippen. Sein Chef strich sich das Nackenhaar, sagte nun: »Lassen Sie uns jetzt in den Tag gehen.«
Dann fragte er ihn: »Was hätten Sie heute zu tun.«
»Aussendienst.«
Der Professor sah ihn überlegend an: »Das Anlegen von Venen- und Schmerzkatherdern könnten wir für Sie mitmachen. Und Ihre Lungenfunktionsuntersuchungen, die können Sie auch morgen machen.«
Dann wandte er sich an die anderen und fragte: »Wo waren wir vorhin stehengeblieben?«
Und Kurt Schaad sagte, dass bei dem alten Herrn Meyer, den er gestern prämediziert hat, heute die linke Hälfte vom Dickdarm entfernt wird.
Detlef Klink nickte.
»Was hätte Wolff heute alles gemacht?« fragte er dann und schaute zu dem Assistenten, der ihm zur Rechten stand. Der blickte auf ein Blatt und las, dass Wolff, der heute im OP gestanden wäre, als erstes bei einem zehnjährigen Jungen, dem die Mandeln entfernt werden sollten, die Narkose gemacht hätte. Er nannte die weiteren Eingriffe.
»Wer macht den Saal?«
»Ich«, sagte der leitende Oberarzt, der sich heute eigentlich in allen Operationssälen aufhalten sollte, vertretend und kontrollierend; der selbst nur Narkose machen sollte, falls eine Komplikation auftrat und Hilfe gebraucht wurde, oder wenn jemand eine Kaffeepause machen oder essen gehen wollte.
»Dann werden Sie bei dem Buben die Tonsillektomie machen«, wies Detlef Klink ihn jetzt an.
Er wandte sich wieder an Christian Lenz: »Wie viele Einsätze hat es heute Nacht gegeben?«
»Zwei. Eine Frau mit einer Herzinsuffizienz und Wolff.«
»Haben Sie beide Einsatzprotokolle schon geschrieben?«
»Das erste habe ich. Aber Wolffs Protokoll noch nicht. Und die Formulare liegen noch im Auto.«
Darauf sagte ihm der Chefarzt: »Holen Sie sich ein Ersatzformular bei meiner Sekretärin, füllen Sie es aus, und dann gehen Sie nach Hause und ins Bett.«
Danach erhob er sich und wünschte allen einen guten Tag. Er drückte Christian Lenz die Hand. Dann ging er. Der Arzt mit dem schiefen Mund folgte ihm.
Und auch die anderen erhoben sich und verliessen den Raum. Sie fuhren im Lift nach unten in die Etage, wo die Operationssäle lagen, oder begaben sich auf die Intensivstation, die zwölf Betten hatte. Christian Lenz ging zuerst in die Abteilung der Chirurgie, um dem Kollegen, der die nächsten Stunden Notarzt fahren wird, seinen Piepser zu übergeben. Dann besorgte er sich das Ersatzformular.
Und jetzt sass er für sich allein im Dienstzimmer am grossen Tisch, um das Notarzteinsatzprotokoll zu schreiben. Er begann das Formular auszufüllen. Ein Informationsblatt für Ärzte diente als Unterlage. Er schrieb das Datum des heutigen Morgens, das Todesdatum Wolffs, dann die Daten seines Kollegen. Es war das letzte Mal, dass er Wolffs Namen schrieb.
Das Schreiben strengte ihn an. Er blickte ein paar Mal zu den Fenstern. Er las das Protokoll und konnte kaum glauben, was er da geschrieben hatte:
Patienten auf Fahrersitz sitzend aufgefunden, vermutlich Suizid mit sicheren Todeszeichen wie Leichenflecken.
Er hatte einen Patienten beschrieben, der gestern Abend gegen sechs Uhr noch sein Kollege gewesen war. Der nun, am nächsten Morgen, nicht mehr war. Und was hatte er selbst in Wolffs tödlicher Stunde getan? Er war angezogen auf diesem Bett gelegen. Im Dunkeln, bis zum Alarm des Piepsers. Nachdem er gehört hatte, dass an einem nahen Waldrand, fünf Minuten von hier, ein Mann in seinem Wagen gesehen worden war, war er sofort nach unten gegangen.
Er war in den Audi gestiegen und mit seinem Fahrer dorthin gefahren. Er hatte gemeint, er werde irgendeinen Patienten untersuchen; dann diesen Mann - oder Frau - notversorgen, während sie im Krankenwagen in die Klinik zurückfuhren. Mit Martin Wolff hatte er nicht gerechnet.
Er sah plötzlich Wolff vor sich, wie er gestern noch Vorbehalte gegenüber einem weiteren Behandlungsverlauf bei einem alten Mann geäussert hatte, der an der Dialyse hing.
Martin Wolff, der hier und mit einer Frau in einer anderen Stadt gelebt hatte; den jeder nur bei seinem Nachnamen gerufen hatte.
Nun war er mit dem Protokoll fertig. Mit seiner Unterschrift beendete er es. Die Unterschrift fiel ihm schwer, denn sie liess Wolffs Tod ganz gelten. Ein einmaliges Leben brachte er jetzt mit ein paar Buchstaben nochmals zum Sterben. Wie, wenn einer ein Todesurteil fällt. Und es war ein Todesurteil. Das machte sein Name. Dieses fahrige Lenz.
Er sass dann zusammengesunken. Er war total am Ende. Er könnte heute keinen Toten mehr berühren. Weil er in jedem Toten mehr sehen würde als einen Patienten; nämlich Martin Wolff.
Nach einem Blick auf seine Unterschrift richtete er sich auf und sah sich um. Er schaute zum Waschbecken. Er schaute einfach nur hin und sah einen Kunststoffbecher, der da stand. Ihre Zahnbürsten waren in ihm verteilt. Und was er auch sah, war seine Zahnbürste.
Stimmen tönten auf dem Flur, tönten in sein Zimmer, erreichten ihn. Jemand rief einen Namen. Dann wurde es plötzlich wieder still. Und in dieses Stillwerden spürte er innerlich: es gab zwei Möglichkeiten: Dass er sich fallen liess, oder jetzt ging.
Er wollte gehen. Er las noch einmal das Protokoll. Dann erhob er sich aus seinem Stuhl. Er ging kurzentschlossen zum Waschbecken. Er drehte den Wasserhahn auf und benetzte sein Gesicht. Nah waren die Zahnbürsten. Nah seine eingesunkenen Augen. Und dazu wieder das Bild des Kollegen, der sich in dieser Nacht das Leben genommen hatte.
Er hatte das Gefühl, alles in ihm drehte sich. Etwas zersprang und einen Atemzug später weinte er. Und während er weinte, begann sich in der Klinik die Nachricht zu verbreiten, die man morgen in der Zeitung dieser süddeutschen Kleinstadt, die etwa dreissigtausend Einwohner hat, lesen würde: dass der vierunddreissigjährige Anästhesist M.W., vom städtischen Klinikum, sich in der Nacht von Sonntag auf Montag das Leben genommen hatte.
Diese Klinik mit dreihundertfünfundsiebzig Betten verfügte über zehn medizinische Abteilungen. Das waren die Anästhesie und interdisziplinäre Intensivmedizin, sowie die Unfall- und Allgemeinchirurgie, die Neurochirurgie, die innere Medizin und Onkologie, die HNO-Heilkunde und die Gynäkologie und Geburtshilfe. Und es war eine Zahnarztpraxis für Oral- und Kieferchirurgie mit acht Belegbetten angeschlossen.
In der ersten Etage waren zwei Waschräume und fünf Operationssäle, die von den Ärzten und Krankenpflegern Zellen genannt wurden. Und der erste der beiden allgemein chirurgischen Säle war heute ausnahmsweise für die Mund-Gesichts-Kieferchirurgie eingerichtet worden. Es wurde dort bereits seit zwei Stunden operiert, um bei einer Frau eine schlimme Gesichtsfraktur zu beheben.
Im zweiten Operationssaal wird der alte Herr mit der Hemikolektomie operiert werden, von dem vorhin Kurt Schaad gesprochen hatte und im dritten, im Saal der Hals-Nasen-Ohrenärzte, in dem normalerweise auch die Oral und Kieferchirurgen operierten, dem Buben, den Martin Wolff hätte narkotisieren sollen, die Mandeln herausgenommen werden, weil diese chronisch entzündet waren. Im vierten, in der Unfallchirurgie, lag eine sehr alte Frau mit einer Schenkelhalsfraktur. Und im fünften Saal, dem gynäkologischen, eine Frau um die fünfzig mit einer sogenannten vaginalen Hysterektomie. Das heisst, dieser Patientin wird in etwa einer halben Stunde von einem Mann, der Bogart genannt wurde, die Bauchdecke aufgeschnitten und die Gebärmutter herausoperiert werden.
Als Kurt Schaad mit seinen Kollegen vor der Tür stand, die in eine der beiden Schleusen führte, das waren längliche Räume mit einer Reihe Spinde, in denen die Männer und Frauen der Operationsteams sich umzogen, kam einer der Chefärzte der chirurgischen Abteilung vorbei. Prof. Robert Bergmann, ein grosser, strenger Mann um die fünfzig. Er wurde von Schaad gar nicht, von anderen sehr höflich gegrüsst. Dieser Professor zeigte wie immer kaum eine Mundbewegung. Sie sahen ihn verschwinden.
Jetzt machte Schaad die Tür auf und war in der Schleuse. Er zog seine Kleidung für den Operationssaal an. Blaue Hosen, ein blaues Hemd, leichte Socken, OP-Schuhe. Dann die blaue Schürze. Und noch den Mundschutz. Er wusch sich die Hände. Anschliessend ging er in den Einleitungsraum, in dem die Patienten narkotisiert werden. Der alte Herr Meyer war bereits in den Raum geschleust worden und lag schon vorbereitet auf dem OP-Tisch. Er lag gewaschen und unbekleidet unter einem OP-Tuch. Er sah bange zum Arzt. Schaad nickte ihm zu und sagte, dass er keine Angst haben müsse. Er erwog, ihm über den Kopf zu streichen. Aber konnte es nicht. Er musste an Martin Wolff denken, der ebenso wie er dem einen oder anderen Patienten über den Kopf gestrichen hatte. Er versuchte dafür ein kleines Lächeln. Der alte Herr schloss darauf tapfer die Augen. Er gab ihm dann die vier üblichen Injektionen in die gelegte Plastikkanüle.
Nun legte er ihm die Zunge beiseite und fasste nach dem Beatmungsschlauch. Er musste erneut an Martin Wolff denken, während er den Beatmungsschlauch in die Luftröhre legte. Er sagte jetzt mit leisen Worten seinem Anästhesistenpfleger, was passiert war.
»Das glaube ich Ihnen nicht«, reagierte der Anästhesistenpfleger.
Kurt Schaad schaute ihn nur an.
»Mein Gott. Unser Wolff«, murmelte der jetzt.
Sie sahen dann beide zu dem alten Herrn. Er war in seinen zweistündigen Schlaf gefallen. Kurt Schaad sagte: »Wir müssen. Wir sind spät.« Und sie brachten ihren ersten Patienten in den blaugrün gekachelten Saal zwei.
Alle waren schon da, und der Operateur, kleiner als Kurt Schaad, sagte, als sie noch kaum eingetreten waren: »Wir warten schon seit zehn Minuten auf euch, Kurt.«
Schaad zeigte ein verzerrtes Lächeln. Und der Chirurg sah an seinem Gesichtsausdruck, dass etwas geschehen sein musste, was ihm nahe ging, und fragte: »Ist alles in Ordnung?«
Kurt Schaad schwieg.
Der Chirurg fragte noch einmal: »Ist alles in Ordnung, Kurt.«
»Er weiss es noch nicht«, dachte Schaad und schaute ihm in die Augen und sagte ihm: »Wolff ist tot«, und sagte noch: »Christian hat ihn vor einer guten Stunde in seinem Wagen gefunden.« Pause.
»Scheisse«, bemerkte der Operateur dann und trat an den Operationstisch. Der Leib des Alten war schon von seinem Assistenten gestreckt, seine Beine auf einen Beinhalter gelegt worden. Auch Schaad und sein Anästesistenpfleger stellten sich an den Tisch. Der Chirurg sah auf das OP-Gebiet, auf den gespannten Bauch des Patienten.
»Er liegt zu hoch. Stellt mir den Tisch tiefer«, sagte er jetzt.
Alle am Tisch schauten zu Schaad. Und alle dachten dasselbe. Ob er auch heute antworten würde: Ja, auf chirurgisches Niveau bitte. Er machte immer diesen Witz. Doch heute schwieg er.
Der Operateur nickte ihnen zu. Dann zeigte er auf das gedeckte OP-Besteck. Die OP-Schwester reichte ihm ein Messer. Er setzte das Messer an, seine Hand war gespannt. Er durchtrennte die ersten beiden Hautschichten. Er gab das Messer wieder ab. Er bekam ein anderes, man nennt es das tiefe Messer. Damit konnte er die Hautschichten bis zum Bauchfell durchtrennen.
Im kleineren Einleitungsraum lag auf dem Operationstisch der Junge. er lag blass wie eine Opferkerze. Er lag zum erstenmal im Krankenhaus. Und gerade kam der Oberarzt in den Raum und lächelte dem Patienten zu. Sein Anästhesistenpfleger versuchte den Buben zu beruhigen. Er redete ihm gut zu.
Während der Oberarzt narkotisierte, betrat der Operateur den OP-Saal, um sich des jungen Patienten anzunehmen. Er hiess August Lehmann und war als Belegarzt an dieser Klinik.
Er hatte selbst eine Praxis, weil er nicht den repressiven Strukturen einer Klinik ausgesetzt sein wollte. Er wollte seine eigenen Entscheidungen treffen.
Er behandelte und operierte Kassenpatienten wie Privatversicherte. Er kannte Kollegen, die nur noch Privatpatienten operierten und kleine Operationen leichter nahmen; während für ihn jeder Eingriff gleich konzentriert durchzuführen war. Und er war jemand, der nicht nur gerne zuhörte; er redete auch gerne. Er liebte es, sich zu unterhalten. Auch bei einer OP, wenn möglich. Und auch er hatte noch nicht erfahren, dass Martin Wolff nicht mehr am Leben war. Allerdings hatte ihm der Anästhesistenpfleger schon gesagt, dass der Anästhesist sich heute etwas verspäten würde.
Und jetzt sah er den leitenden Oberarzt mit dem Buben in den Saal kommen. Er wusste, dass heute eigentlich Christian Lenz mit ihm im Saal stehen sollte, und fragte deshalb den Kollegen, nachdem er ihn gegrüsst hatte: »Was machen Sie denn hier?«
»Ich komme, weil Wolff gestorben ist.«
»Sie sagen sofort, dass das nicht wahr ist.«
»Christian Lenz hat ihn gefunden, als er einen Notarzteinsatz fuhr.«
Zwei drei Sekunden verrannen.
Jetzt fragte August Lehmann: »War es ein Unfall?«
»Vermutlich Selbstmord.«
Sie atmeten nun beide ein wenig schwer.
Und dann richtete August Lehmann seine Augen auf den Jungen, der abgedeckt vor ihm lag. Er sagte: »Darf ich bitten.« Er legte den Kopf des kleinen Patienten zurück, nickte dann seinem Operationspfleger zu; der wusste, dass er ihm als erstes den Mundsperrer zu reichen hatte.
Er operierte schweigend.
Während seine Kollegen in den Operationssälen standen, in dieser Welt ohne Tageslicht, oder auf der Intensivstation oder auch auf anderen Stationen zu tun hatten, hatte Christian Lenz das Einsatzprotokoll bei der Sekretärin des Professors abgegeben.
Anschliessend lief er Treppen nach oben, um sich umzuziehen. Er lief mit gesenktem Kopf durch lange Gänge. Vorbei an schweren Türen. Ein abgeschiedener Flur. Eine Tür, die in einen kleinen Raum führte. Hier hängte er seine Notarzt-Sachen in einen Spind, zog seine blauen Jeans an, einen blauen Pullover; seine anderen Schuhe. Er nahm seine Jacke und ging wieder. Junge Krankenschwestern kamen ihm entgegen. Sie hatten von dem Unglück schon gehört. Sie sahen ihn. Sie wollten ihn eigentlich grüssen. Aber wurden unsicher. Er kam ihnen verstört vor. Sie nickten dann flüchtig. Er sah sie nicht. Sie schauten ihm nach.
Er lief jetzt treppab und dann aus dem Gebäude mit dem flachen Dach. Er hielt sich rechts. Ging langsam einen kleinen Weg. An Bäumen und blühendem Buschwerk vorbei.
Ein paar Minuten später führte der Weg zu drei Häusern. Ärzte wie er konnten hier einfach möblierte Zimmer mieten. Jedes Zimmer hatte ein Keramikwaschbecken mit Spiegel, die Möbel waren alle im gleichen Stil, auch die Anordnung war ungefähr gleich. Ein Bett, das nicht das eigene Bett war, auf der einen, ein grosser wuchtiger Schrank auf der anderen Seite. Ein Tisch und zwei Stühle vor einem Fenster. Für viele waren die Zimmer nur eine Möglichkeit, um zu übernachten. Man fühlte sich nicht zu Hause. Die Mitbewohner waren austauschbar. Man sagte guten Morgen, guten Abend. Man wusste von vornherein, wie lange man blieb. Ein paar Monate. Ein, zwei Jahre zur Weiterbildung. Und wer in dieser Klinik länger blieb und sich dazu in dieser Kleinstadt heimisch fühlte, der suchte eine angenehme Wohnung, ein angenehmes Haus.
Christian Lenz wohnte unter dem Dach. Mit Donald, einem Chirurgen, der nur selten mehr als einmal in der Woche da war, und mit einer Frau - sie arbeitete nicht in der Klinilk - mit der er sich aber ganz gut verstand, die hier zwei der vier Zimmer bewohnte und mit eigenen Möbeln eingerichtet hatte. Denn bevor in diesem Wohnheim Zimmer leerstanden, wurden sie ab und zu auch an Fremde vermietet.
Nun sperrte er die Haustür auf und ging nach oben. Dort angekommen, öffnete er eine Glastür. Kaffeegeruch strömte durch den Gang. Er ging nicht, wie er vorgehabt hatte, in sein Zimmer, das sich gegenüber der Glastür befand. Er ging auf die Küchentür zu, die auf der rechten Seite vom Gang war. Seine Mitbewohnerin sass in der Küche und frühstückte. Sie grüsste ihn. Er grüsste nicht zurück. Sie schaute ihn an und erfasste im selben Moment, dass etwas passiert sein musste, und fragte erschrocken: »Was ist denn passiert, Christian?«
»Wolff ist tot.«
»Tot?«
Sie sprach das Wort nicht. Sie flüsterte es beinahe. Sie buchstabierte es.
»Begreifst du, Luisa?«
Farbe wich aus ihrem Gesicht. Sie schaute auf und stand im selben Moment auf.
Er setzte sich. Er sprach dann noch einmal von seinem Erlebnis. Er sprach heiser. Er sagte dann: »Klink hat mir freigegeben.«
»Es gibt noch anständige Chefärzte.«
»Es gibt keine anständigen Chefärzte«, erwiderte er. »Aber Klink ist wenigstens ein anständiger Mensch.«
Er schloss die Augen.
Sie dachte: »Mein Gott, was hast du heute Morgen erlebt, Christian.« Ihr nächster Gedanke war: »Julian.«
Julian Sanders war mehr als nur ein Freund von Wolff. Sie waren beste Freunde gewesen. Er war der Kieferchirurg, der an diesem Tag bei der Frau die Gesichtsfraktur operierte. Er war zweiunddreissig.
Er hatte wie Luisa graublaue Augen und ein erfrischendes Äusseres. Er lebte, wenn er nicht hier war, mit seiner Familie in einer Stadt in Ostdeutschland.
Mit Luisa hatte sich ein guter Kontakt entwickelt, und sie kannten sich sogar schon ganz gut. Und er hatte sie gern. Aber er kam nicht auf die Idee, mit ihr eine Affäre haben zu wollen - obwohl er ihr immer mal nachschaute. Doch er war jemand, der zurückhaltend war.
Auch Luisa war zurückhaltend. Dabei war er ein Mensch, für den sie Gefühle hatte. Aber er war ihr vor allem als Mensch wichtig. Sie dachte nicht darüber nach, was das war, was sie für ihn empfand. Nun ja, sie wollte auch gar nicht darüber nachdenken. Sie fühlte sich so wohl. Die Abende mit ihm waren amüsant. Die Gespräche besonders.
Julian Sanders hatte noch seine Jugend. Sie war erwachsen und fühlte sich auch so. Sie war jetzt in einem Alter, in dem man spürt, dass man älter wird. Sie war zweiundvierzig Jahre. Und von denen sah man ihr in diesem Augenblick jedes Jahr an.
Luisas Welt bestand aus Bildern. Sie war Malerin. Sie hatte September letzten Jahres im Wohnheim zwei unmöblierte Zimmer gemietet. Einen kleinen und einen grossen Raum, der nach Norden schaute. Sie lebte und arbeitete in diesen zwei Zimmern.
Sie verklärte ihr Leben als Künstlerin nicht. Sie konnte - nach langer Zeit - davon leben. Ihre ruhigen Bilder gefielen. Und im Herbst packte sie immer ihre Koffer. Es gab eine Insel in Griechenland, mit der sie ein Verhältnis hatte, wie sie sagte. Sie lebte dann in einem Haus am Meer.
»Mensch, Luisa ...«, sagte er und sah auf.
Und sie, die eben an Julian Sanders gedacht hatte, sie kam wieder hierher, wo sie war. In diese Küche mit diesem Mann, der bleich auf dem Stuhl sass, mit Rändern unter den Augen.
»... ich hab mir schon einige Tote anschauen müssen. Nur wenn man einen Toten betrachtet, den man kennt und für den man Sympathie hat, das tut weh.«
Sie schluckte. Dann streichelte sie ihn, was sie nie tat, über das Gesicht. Aber in diesem Moment gab sie einfach ihrem Gefühl nach. Sie streichelte über Stoppeln.
Ihr erzählte er, dass die Kriminalbeamten Fragen gestellt hatten.
»Und was haben die so gefragt?«
»Wie mein Verhältnis zu Wolff war. Und ob er mit einer Frau lebte. Ausserdem fragten sie, was Wolff für Freunde hatte. Ich habe ihnen erzählt, dass er mit Julian befreundet war.« Er fragte: »Ob sie Julian vernehmen werden?«
»Sie werden.«
Er seufzte.
»Wann haben dein Fahrer und du ihn gefunden?« fragte sie jetzt.
»In aller Frühe.«
Er ging in Gedanken zu der Stunde zurück, als der Tag bereits angebrochen, am Himmel bereits ein helles Blau war. »Vögel hatten geschrien«, fiel ihm plötzlich ein.
»Möchtest du vielleicht einen Kaffee?« fragte sie.
Er schwieg.
»Ein Glas Orangensaft?«
»Ja.«
Sie holte ihm ein Glas Orangensaft und reichte es ihm. Er trank und gab ihr das Glas zurück, sagte: »Am Waldrand hörte ich Vögel.« Und nach einem kleinen Zögern: »Ich hätte nie gedacht, dass Wolff sich das Leben nimmt. Ich habe immer gedacht, Wolff hat alles, was er sich wünscht. Er hatte eine tolle Frau. Er gehörte zu den Kollegen, die geschätzt waren. Er war sogar beliebt.«
Er schaute sie an.
»Vielleicht war es eine Krankheit?« fragte sie.
»Wenn es eine Krankheit gewesen wäre, wüsste das die ganze Abteilung«, erwiderte er.
»Vielleicht war die Klinik ein Grund?«
»Das möchte ich nicht glauben. Aber es ist denkbar.«
»Denke, Christian, wie oft er gesagt hat, dass er mit der Trostlosigkeit einer Intensivstation nicht gut zurechtkommt.«
»Dienste auf der Intensivstation sind ja auch schlimm«, sagte er.
»Aber Wolff war ja fast nur im OP gestanden und da stand er an seinem Monitor und konzentrierte sich auf die Atemwegsicherung und die Lagerung seines Patienten. Sein Platz war ja am Kopf des Patienten.«
»Hat er da von einer OP nichts mitbekommen?«
»Na, ja«, sagte er, »falls er von einer Operation nichts sehen wollte, konnte er sich hinter dem OP-Tuch verstecken.«
»Du weisst, wie sensibel er war.«
»Ja, schon.«
»Er verschanzte sich nicht einmal hinter so rüden Sprüchen wie andere von euch.«
»Das bildest du dir ein, auch Wolff hat so gesprochen. Vielleicht nicht ganz so krass. Aber was willst du machen, wenn du immer wieder Menschen unglaublich leiden siehst, Luisa? Du bekommst das ja auch mit.«
»Nicht wirklich.«
»Doch, schon ein wenig«, meinte er und nickte ihr zu: »Also, gestern zum Beispiel kam einer, der einen Unfall überlebt hatte, aber ohne seine Beine. Die lagen zerschmettert beim Unfallort. In welcher Verfassung, glaubst du, befindet sich dieser Mensch?«, fragte er und schaute sie wieder an.
Sein Blick traf sie.
»Solche Bilder sehen Klinikärzte jeden Tag.«
»Ist es nicht möglich, dass Wolff aufgrund solcher Bilder ...« Beide schwiegen.
»Ihr habt einen harten Job«, sagte sie dann.
»Ja, der Job laugt aus«, bestätigte er.
Pause.
»Irgendeinen Grund muss es gegeben haben, dass Wolff sich einfach das Leben nahm«, sagte sie dann in die lange Pause hinein. »Und das kann doch mit der Klinik zusammenhängen. Er könnte sich das Leben nicht nur wegen der Klinik genommen haben, aber auch deswegen.«
»Ja, vielleicht«, sagte er.
Sie sagte nichts.
»Der letzte Sinn in Wolffs Leben war der Tod«, dachte sie.
Sie sah zu ihm hin.
»Was ist?« fragte er.
»Wolff hatte wohl nicht allmählich, sondern eher ganz plötzlich beschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen«, sagte sie.
»Hätte er dann das Valium aus der Klinik genommen?« fragte er.
»Aber ich weiss es nicht«, sagte er dann ermüdet und lehnte sich zurück. »Ich bin jetzt doch müde«, sagte er im nächsten Augenblick und gähnte plötzlich.
»Komm, Christian, leg dich hin.«
»Ich leg mich auch hin«, erwiderte er und stand auf. Er griff nach ihr und zog sie zu sich. Sie hielten sich; hielten sich einen langen Moment in völliger Reglosigkeit.
Dann gingen sie in den Vorraum.
»Stört es dich, wenn ich mich einfach auf das Sofa lege?« fragte er, der gern auf diesem Sofa sass.
»Nein.«
Sie sah nach einer Decke. Er nahm die Rückenpolster weg. Er wickelte sich in Luisas Wolldecke und liess sich in ein Kissen fallen.
»Schlaf gut«, sagte sie.
»Mhm«, kam von ihm.
Sie machte noch in der Küche das Fenster auf. Dann zog sie sich in ihr grosses Zimmer zurück, das drei Glastüren hatte, mit Blick auf eine Apfelbaumwiese. Sie ging auf eine der Glastüren zu. Sie verschränkte die Arme. Sie richtete ihre Augen auf einen grossen Baum. Der Wind wiegte den Baum ein wenig. Sie stand eine ganze Weile in diesen Anblick versunken und dachte an den toten Wolff.
Inzwischen war es Mittag geworden und in der Krankenhauskantine, sprach man an allen Tischen nur von Martin Wolffs Tod. Dass er in seinem Wagen an einem Waldrand gefunden worden war, dass es sich vermutlich um Selbstmord handelt. Man schleuderte die Nachricht quer durch den Raum, die dann gekaut wurde und wieder zurückkam.
Julian Sanders, der Mund-Gesichts-Kieferchirurg und Freund des Toten, hörte von dessen Selbstmord, als er gegen ein Uhr mittags in die Kantine kam.
Normalerweise wäre es unmöglich gewesen, diese Neuigkeit nicht zu erfahren, er aber war ohne Pause fast sechs Stunden im OP gestanden.Die Klinik hatte ihn nachts gegen vier angerufen und man hatte ihm mitgeteilt, er müsse sofort in die chirurgische Ambulanz. Eine Patientin, die einen schweren Motorradunfall gehabt hätte, käme gleich mit dem Hubschrauber. Und er war mit schlechter Laune aufgestanden, hatte sich eine Minute gewaschen, sich eine Minute die Zähne geputzt, sich in seine Anziehsachen gequält.
Es war zum drittenmal seit zwei Wochen, dass es ihn um diese Zeit, in der der Himmel noch schwarz war, getroffen hatte. Er war dann an der Zimmertür seines Freundes vorbeigekommen und hatte in Gedanken zu ihm gesagt: »Und du schläfst noch faul«, und schwach dazu gelächelt.
Dann sah er seine Füsse Steinstufen laufen, vor das Haus treten und um keine Zeit zu verlieren den kleinen Weg bis zum Krankenhaus rennen, weil sein Rad, das vor dem Haus stand, einen Platten hatte. Nicht nur er fand sich kurze Zeit später in der chirurgischen Ambulanz. Da waren neben den Ambulanzschwestern schon zwei Pfleger, einer der Oberärzte von Prof. Klink, ein Unfallchirurg, ein Allgemeinchirurg, und auch ein Neurochirurg. Sie redeten. Sie fluchten. Jeder wäre lieber im Bett geblieben. Sie erzählten. Einer der Chirurgen erzählte von seinem geplanten Urlaub. Julian Sanders gähnte.
Sie mussten eine ganze Weile warten. Sie tranken Kaffee, den eine der Schwestern anbot, eine Person mit nettem Augenaufschlag.
Julian Sanders wartete mit geschlossenen Augen. Er würde sofort wieder einschlafen, wenn nicht etwas geschieht. Er hörte, wie einmal eine der Schwestern erschien und sagte, der Hubschrauber käme gleich. Aber weder eine Patientin - noch ein Hubschrauber kamen.
»Das dauert wieder ewig«, sagte der Neurochirurg.
»Woher kommt sie überhaupt?«
»Ich weiss nicht.«
»Es hiess, der Unfall war auf der Autobahn.«
»Wo auch immer, sie könnten wirklich kommen“ sagte der Unfallchirurg. Julian Sanders stand bei geschlossenen Augen und sagte nichts. Aber er dachte dasselbe.
Zwanzig Minuten warteten sie schon. Doch dann hörten er und die anderen plötzlich hinterm Haus das Geknatter des Hubschraubers und sie gingen alle in den Schockraum.
Und in diesem Augenblick wurde die Patientin, die etwas über vierzig Jahre alt war, auf einer Liege in den Schockraum getragen. Und eine Unfallärztin, die Art Frau, die Julian gefiel, kam mit ihr. Sie hatte rötliches Haar und einen blassen Teint. Und helle Augen, die Julian Sanders flüchtig musterten. Dann ging ihr Blick wieder über die Patientin: »Ihr Kreislauf ist stabil, der Blutdruck war immer normal«, sagte sie.
Nun übernahm der Oberarzt von Prof. Klink die Patientin. Er hing sie an ein Beatmungsgerät, prüfte nach, ob sie sich gut beatmen liess. Er fragte die Ärztin, wie die Intubation gewesen war.
»Es gab keine Probleme«, erwiderte diese.
Alle schauten auf die Patientin.
Julian Sanders sah auf sie, die Arme verschränkt, während die Ärztin noch hinzufügte: »Mit 50% Sauerstoff hat sie eine sehr gute Sättigung.«
Er wurde wacher. Er dachte: »Dishface.«
Man könnte auch Tellergesicht sagen. Das Jochbein in ihrem Gesicht war nach hinten weggerutscht; die Augen quollen zwischen einem zertrümmerten Nasenbein heraus. Ihre Wangen waren teils herausgerissen. Ihre Gesichtswunden tief.
Er vergass seine Müdigkeit. Er wusste, diese Patientin gehörte ihm. Er murmelte: »Frakturen in der Lé Fort III Ebene.«
Er sah zum Anästhesisten. Der stand am Kopf der Patientin und verband gerade die Schläuche der Beatmungsmaschine mit ihrem Tubus. Seine anderen Kollegen sahen auf ihre OP-Gebiete. Die Augen des Allgemeinchirurgen suchten ihren Bauch, die des Unfallchirurgen ihren Thorax. Der Neurochirurg fragte die Unfallärztin, ob die Frau am Unfallort wach ansprechbar oder bewusstlos gewesen war. Die Frau wäre bewusstlos gewesen, sagte sie ihm.
Sie verschafften sich alle genau Gewissheit, ob es nicht einen Anhalt für innere Verletzungen, sowie Knochenbrüche gab.
Der Kollegin wurde noch gedankt, und sie ging wieder.
Und nach etwa zwanzig Minuten sah der Unfallchirurg zu Julian Sanders und meinte: »Ich denke, dass ist eure Patientin.«
Julian Sanders griff sich ins wirre Haar und erwiderte nickend: »Wir brauchen ein CT.«
Auch der Neurochirurg brauchte eine Computertomographie des Schädels. »Für alle Fälle«, meinte er.
Der Anästhesist erklärte jetzt, dass ihr Allgemeinzustand stabil sei, und die Patientin kam hoch ins CT.
Julian Sanders ging auf seine Station und trank dort noch einen Kaffee, weil er sich noch zerschlagen fühlte.
Eine halbe Stunde später standen alle Ärzte in der Radiologie und warteten auf den röntgenologischen Befund.
Draussen wurde es langsam hell. Die Ärzte in dem Flur, sie standen herum. Halbe Abwesenheit mischte sich mit Neugier. Und dann erschien der Radiologe, ein sportlicher Mensch, und hob die Aufnahme und erklärte den Befund. Er sprach fast eine Viertelstunde lang. Und es war so, wie Julian Sanders vermutet hatte: Eine schlimme Gesichtsfraktur.
»Ich will dann mal«, sagte der Neurochirurg. »Der Thorax ist frei«, und beeilte sich, zu gehen.
»Viel Spass, Julian«, sagte der Unfallchirurg. Dann ging auch er. Und auch die anderen verabschiedeten sich - zogen sich auf ihre Stationen oder in ihre Betten zurück.
Julian Sanders, nun hellwach, sagte einer dicken Schwester: »Ruft im Zentral-OP an und sagt der Schwester, dass wir eine Gesichtsfraktur haben und eine Primärversorgung durchführen wollen.«
Dann rief er die diensthabende Schwester an, richtete ihr aus, was passiert war, und sagte ihr noch: »Und stell mir das grosse Fraktur-Instrument bereit«, hörte ein Okay und legte auf.
Dem Anästhesisten sagte er, dass die Operation etwa vier Stunden dauern wird.
»Sechs«, dachte dieser und nickte. Es ist ein beherrschendes Wissen bei jedem Anästhesisten, dass es kaum einen Chirurgen gibt, bei dem eine OP-Minute nicht 90 Sekunden dauert. Aber er verlor kein Wort darüber. Er würde die Patientin für eine sechsstündige OP vorbereiten.
Sie begaben sich dann in die Schleuse, um sich für diese Operation umzuziehen.
Dann war der Anästhesist im Einleitungsraum und Julian Sanders im Waschraum. Er zog seinen Mundschutz an. Dann wusch er sich die Handflächen; sagte zu sich, als er dann nach der sterilen Wurzelbürste griff: »Es dauert ja nur sieben Minuten.«
Er konnte das Bürsten nicht leiden. Und ein zwei Minuten liess er denn auch die Handwaschung früher enden und begab sich in den OP. Man erwartete ihn. Die Patientin war auf den OP-Tisch gelegt worden. Der Oberarzt sass bereits hinter dem OP-Tuch, die Augen auf dem Monitor.
Der Pfleger, mit dem Julian Sanders schon lange zusammenarbeitete, und der etwas älter war als er, nickte ein Guten Morgen. Die Schwester hielt ihm die Latexhandschuhe hin. Er zog sie an. Er kam an den OP-Tisch. Er machte eine Pause. Dann nickte er allen zu und fragte: »Also, wollen wir?«
Der Pfleger und der Anästhesist nickten zurück. Die Schwester, die neben ihm stand, schaute nach den Instrumenten, die sie ihm zu reichen hatte. Er fasste nach dem Oberkiefer und rüttelte. Er nickte noch einmal. Das war das Zeichen, ihm das Skalpell zu reichen und er griff es und zog links und rechts einen schnellen Schnitt an der lateralen Augenbraue, schnitt auch beidseitig am unteren Auge entlang, bis unter die Haut.
Und nun schauten sie auf kalkblasse Frakturknochen, die gleich mehrmals zertrümmert und an den Enden verschoben waren. Sie hatten was von einem zersplitterten Stück Holz. Die Schwester erschrak richtiggehend.
»Sie wäre besser nicht Motorrad gefahren«, sagte sein Pfleger.
