Ohne Dich Ist's Schon Viel Besser - Raphael Buchrucker - E-Book

Ohne Dich Ist's Schon Viel Besser E-Book

Raphael Buchrucker

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Beschreibung

Haben sie auch das Gefühl, dass es gar nicht so einfach ist dem oder der Richtigen zu begegnen? Der Roman erzählt von einer jungen Frau und einem jungen Mann die sich auf dem Weg zu sich selbst kennen lernen. Dies scheint oftmals die Voraussetzung zu sein um das wirklich passende, auch, oder gerade in der Liebe zu finden. Dabei erleben die beiden eine spannende Reise zueinander, mit vielen aufregenden Momenten und spannenden Erkenntnissen über sich selbst.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2021

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OHNE DICH

ist‘s schon viel besser

 

Roman

von

Raphael Buchrucker

 

 

 

 

Alle Rechte Vorbehalten

Copyright © 2021 Buchrucker Prints

Verlag Feiyr.com

www.feiyr.com

ISBN 978 3 985 51513 4

Lektorat: Edda Schöneck

 

1

Laura stürmte die Treppen hinunter und stieß die Tür auf. Endlich stand sie im Freien, jetzt nur noch weg hier. Wie paralysiert stieg sie in ihren Wagen, steckte den Schlüssel ins Schloss und drückte den Start Knopf. Sie legte den Rückwärtsgang ein und dachte: „Wie konnte er mich nach diesem Geständnis noch so ruhig zur Türe bringen und mir zu allem Überfluss noch einen Abschiedskuss auf die Wange drücken?“

Mit „er“ meinte sie Julian, mit welchem sie bisher eine, wie sie glaubte, glückliche Beziehung geführt hatte. Und nun hatte er ihr soeben erklärt, dass sie sich heute und morgen nicht sehen könnten, da Carolin aus Berlin ihn besuchen käme und sie Zeit füreinander bräuchten. Sie hatte vor Überraschung nur stammeln können: „Wer ist Carolin?“, worauf er ihr ganz gelassen eröffnete, dass er Carolin vor fünf Monaten auf einer Geschäftsreise kennengelernt habe und sie sich seither sehr gut verstanden. Und wie sie seinen weiteren Ausführungen entnehmen konnte, auch ein leidenschaftliches Verhältnis pflegten. Ihm schien dies nicht im Geringsten unangenehm oder peinlich zu sein und sie saß auf seinem Sofa wie vom Blitz getroffen und konnte nicht begreifen, was er da gerade zu ihr gesagt hatte. Sie war nur noch in der Lage gewesen aufzustehen, ihren Mantel zu nehmen und die Treppe hinunterzustürzen.

So hatte sie sich ihre Beziehung nicht vorgestellt. Und wenn schon ein Ende, dann hätte sie sich definitiv ein Anderes gewünscht.

Ein sehr plötzliches Ende der Rückwärtsfahrt riss sie aus ihren Gedanken und brachte sie in die Realität zurück. Langsam realisierte sie auch den Ton, welcher den abrupten Halt ihrer kaum begonnen Abfahrt begleitet hatte. Irgendwie eine Mischung aus einem dumpfen, fast hohlen Klang und berstendem Kunststoff. Als sie in den Rückspiegel schaute, erkannte sie nur ein gelbes Dach, wohl von einem sehr niedrigen Auto. Sie stieg aus dem Wagen, um das störende Hindernis, welches sie am Fortkommen von diesem schrecklichen Ort behinderte, zu begutachten und Zorn loderte in ihr auf. Dass ihr so etwas ausgerechnet jetzt passieren musste.

 

Johannes fuhr in bester Stimmung die Straße Richtung Meer hinunter. Schon lange hatte er sich nicht mehr so glücklich gefühlt. Tief in seinem Inneren hätte er sich gerne auch noch etwa zufriedener mit seinem Leben und den Aufgaben, die er darin bisher gefunden hatte, gefühlt. Jedoch ahnte er, dass dies nur noch eine Frage der Zeit war. Bis vor wenigen Tagen wäre ihm eine solche Ahnung eher als eine Unmöglichkeit erschienen, so dachte er. Es hatte ihn bereits viele Jahre gekostet ein Thema zu finden, in dem er einen Sinn verspürte und welches ihn auch ansprach. Ja, einen Sinn musste es für ihn schon haben, wenn man etwas studierte und später in diesem Themengebiet arbeiten wollte. Und dann hatte ihn lange Zeit eine Depression immer wieder gequält. Sie war meistens wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatte in seinem Leben jegliche Gefühle von Glück und Freude verhindert. Seit er vor sechs Jahren zumindest das passende Thema für sich gefunden hatte war sie deutlich seltener und auch weniger heftig aufgetaucht. Gerade jetzt war sie scheinbar ganz verschwunden. Johannes spürte, dass dies daran lag, dass er den letzten Grund für die depressiven Gefühle oder sollte er besser sagen „Nicht-Gefühle“, neulich bei einem Vortrag, zu dem ihn Großvater mitnahm, entdeckt hatte. Durch den Inhalt des Vortrags war ein Sehnen in ihm entstanden, welches nun den Platz dieser „Nicht-Gefühle“ einnahm. Es war ein zartes, vorsichtiges Sehnen, welches ihm nur durch den Umstand seiner guten Stimmung ins Bewusstsein kam. Um dies so bewusst wie möglich wahrzunehmen fuhr er besonders langsam. Plötzlich machte sein Auto einen seitwärts Ruck, begleitet von dem unschönen Geräusch splitternder Kunststoff- Fasern und dem hohlen Tönen sich verbiegenden, sehr dünnen Metalls. Wie von selbst reagierte sein Fuß und brachte den Wagen sofort zum Stehen. Wie praktisch waren doch solche geistesgegenwärtigen Reflexe.

Das Heck des weißen Audi A3 Sportback, welches er zu seiner Rechten erblickte, war also der Grund für die Unterbrechung seiner Fahrt und Gedanken. Sofort war ihm klar, dass das Geräusch des splitternden Kunststoffes von Stoßstange und Rücklicht des A3‘s gekommen sein musste und die Metallverformungen jetzt ziemlich sicher das vom Hersteller mit viel Kunstfertigkeit erdachte Design in seinem Ferrari F112 unterbrachen. Er freute sich an dem Gedanken, dass er gleich bei der zweiten Fahrt Dellen in das Geschenk seines Vaters fuhr und besonders gut daran fand er, dass er nicht einmal der Verursacher war. Ach! In der letzten Zeit war das Leben so schön und gut zu ihm.

Vor fünf Wochen hatte er den F112 zu seinem Geburtstag bekommen und musste dann gleich darauf mit seinem Vater die erste Fahrt machen. Zunächst versuchte er seinem Vater zu erklären, warum er sich nicht wirklich über das Geschenk freute und weshalb er damit ganz sicher nicht jeden Morgen zur Universität fahren würde. Sein Vater war etwas betroffen gewesen, doch hatte er ihn auch nicht so richtig verstehen können - so verschieden waren die Wertevorstellungen zwischen ihnen geworden. Sein Vater hatte es nur gut mit ihm gemeint und ihm den Sportwagen als Anerkennung dafür schenken wollen, dass er nun endlich etwas gefunden zu haben schien was er mit Ernsthaftigkeit im Leben tat. Und auch wenn es nicht genau das war, was der Meinung seines Vaters nach sinnvoll wäre zu tun, unterstützte er ihn darin und war sogar stolz, wenn er gute Noten an der Uni schrieb. Nur die Sache mit der nichtvorhandenen Freundin oder besser noch Frau, war für seinen Vater die größte Sorge, das wusste er. Wie er seinen Vater kannte, war genau das auch der Grund für dieses Geschenk gewesen. Sein Vater dachte, dass er so mehr Aufmerksamkeit bei der weiblichen Studentenschaft finden würde. Ja bestimmt, aber eine Frau, die ihn in erster Linie wegen eines tollen Autos mögen würde, wollte er ganz bestimmt nicht. Deshalb fuhr er auch weiterhin mit dem Fahrrad und nicht mit dem Ferrari zur Uni, auch wenn es jetzt noch Januar war.

Diese Gedanken im Sinn öffnete er freudestrahlend die Türe, stieg aus und lief vorne um den Wagen. Der Schaden hielt sich in Grenzen, fand er, und war an seinem Auto jedoch deutlich genug zu sehen, dass seine Freude darüber anhielt. Am A3 waren, wie er schon voraus gedacht hatte, lediglich die Stoßstange und das rechte Rücklicht etwas beschädigt. Eine weibliche Stimme sagte in diesem Moment, dass es ihr leidtäte und sie ihn nicht gesehen hätte. Die Stimme klang für ihn bezaubernd. Nach einer Mischung aus innerer Klarheit und Stärke, aber auch Sehnsucht, gepaart mit Lebensfreude. In diesem Moment jedoch klang in ihr auch etwas Ärger mit. Noch nie hatte er beim Hören einer Stimme so viele innere Regungen gleichzeitig empfunden. Es war als würde diese Stimme Frequenzen in seiner Seele in Schwingung bringen, die er bis dahin teilweise selbst nicht gekannt hatte. Für einen kurzen Moment zogen Sehnsüchte, Gedanken und Gefühle in einer atemberaubenden Geschwindigkeit durch seine Seele.

Er hob den Blick und sah in sicher auf ihn gerichtete Augen. Braun-Grün gesprenkelte Augen waren es, die ihn jetzt, so schien ihm auf einmal, doch unsicher anblickten. Diesen Widerspruch in ihren Augen konnte er sich im Augenblick nicht erklären. Sie streckte ihm die Hand entgegen und während der Wind ihr halblanges rötliches Haar umschmeichelte, formten ihre schön geschwungenen Lippen die Worte: „Hi, ich bin übrigens Laura.“

 

Laura war selbst ganz überrascht von ihrer lockeren Art in diesem Moment. In Gegenwart dieses fremden Mannes fühlte sie sich seltsam ruhig, sicher und entspannt. Er hatte braunes Haar, welches er unauffällig kurz trug. Markante Gesichtszüge, jedoch mit zarten Unterbrechungen, das konnte sie unter seinem kurzen Bart erkennen. Seine ebenfalls braunen Augen machten einen in sich ruhenden, fröhlichen, gerade auch etwas fragenden Eindruck auf sie. Schön proportionierte, starke Hände erwiderten ihre Begrüßung und eine wohlklingende Stimme sagte: „Hallo, ich bin Johannes.“

 

Johannes dachte, das klang doch irgendwie zu einfach, hätte er nicht irgendetwas sagen sollen, was ihn besser dastehen ließ? Aber hätte es da etwas gegeben? Was hätte er sagen sollen? Irgendetwas in ihm wollte ihr gefallen, das merkte er.

Und plötzlich verstand er; sie wollte er gerne wiedersehen.

Schon begann ein Plan in seinem Kopf zu entstehen. Er sagte, dass er leider dringend wegmüsse, was ja auch stimmte, schließlich erwartete man ihn auf einer Familienfeier und dass er daher diese kleine Angelegenheit ohne Polizei und etwas später klären würde. Sie stimmte zu und ihm fiel auf, dass sie irgendwie erleichtert schien.

Ohne darüber nachzudenken gab Laura ihm ihre Arbeitsvisitenkarte und sagte dazu: „Melden Sie sich einfach bei mir, meine Daten stehen hier drauf.“ Sie spürte, wie erleichtert sie sich fühlte, hier jetzt endlich weg zu können.

Johannes überflog kurz ihre Visitenkarte - Psychotherapeutische Praxis Laura Worrior und Kollegen; Schwerpunkte Schulverweigerung, Kinder- Elternbeziehung und Sterbebegleitung. Seine Gedanken blieben bei „Sterbebegleitung“ hängen und er fragte sich, wie alt sie sein mochte. Aber darüber konnte er gleich noch nachdenken. Laura hatte ihn mit Sie angesprochen. Sie sah doch bestimmt, dass sie nicht sehr verschieden alt waren. Ach, das lag sicher wieder an diesem blöden Wagen, der einem einen Status in der Gesellschaft einbrachte auf den er besonders in diesem Moment gerne verzichtet hätte. Er gab sich einen Ruck und antwortete ganz förmlich: „Danke für Ihr Entgegenkommen, ich werde mich in den nächsten Tagen bei Ihnen melden.“ „Ihr Entgegenkommen“, äffte er sich innerlich nach. Er wollte ihr gegenüber nicht so distanziert sein. Darum wollte er das Zusammentreffen so wie es jetzt war möglichst schnell beenden, ging wieder um den Wagen herum, setzte sich hinters Lenkrad des 112ers und versuchte keinen allzu schnellen Start hinzulegen, was ihm aber nur so halb gelang.

Sie sah Johannes etwas überrascht zu, wie schnell er wieder verschwand, eigentlich genauso schnell wie er aufgetaucht war und verstand nicht ganz, wie dieser interessante Mann in dieses Auto passte.

Da waren sie wieder, die Vorurteile, welche sie auch bei ihren Patienten zu bekämpfen versuchte, weil sie doch so viel Unwahrheit und Unfrieden in die Welt brachten. Immer wenn man genauer hinschaute, merkte man, dass sich die meisten Meinungen, die auf solchen Urteilen aufbauten, in Luft auflösten. Das Bild, das sich dann meist ergab, war immer wesentlich komplexer und ließ mehr Raum für Verständnis und Lösungen. Genau darum ging es ihr auch im Leben. Verständnis für die inneren menschlichen Verschiedenheiten und Herausforderungen zu schaffen. Doch nun geschah es ihr selbst, dass sie so vorschnell in Klischees rutschte, wo sie doch gedacht hatte, in anderen Kategorien zu denken. Sie konnte also gespannt auf den nächsten Kontakt mit ihm sein, um genaueres herauszufindenden. Ein schneller Blick nach oben, zum Glück, Julian hatte nicht zugesehen. Nicht einmal für ihr Gehen interessierte er sich. Er war wirklich sehr von sich eingenommen und sie wünschte ihm innerlich viel Glück mit seiner Nächsten, ob mit Caroline oder einer anderen war ihr egal. Schnell setzte sie sich in ihr Auto und fuhr zu ihrer Wohnung.

 

2

Zu Hause angekommen, schloss Laura erst einmal die Türe hinter sich, setzte sich aufs Sofa und holte tief Luft.

Nach einer Weile stand sie wieder auf, ging zum Schrank, holte sich ein Glas heraus, füllte es unter dem Wasserhahn und trank es gierig in einem Zug aus. Langsam kam wieder Leben in sie und ihre Gedanken begannen, das heute Geschehene zu bewegen. Julian hatte also eine Andere und das schon seit fünf Monaten. Wieso hatte sie das nicht bemerkt? Hatte er ihr etwas gut vorgespielt oder hatte sie einfach die kleinen Anzeichen, die doch da gewesen sein mussten, übersehen? Und wenn ja, wieso? War sie unsensibel geworden oder hatte sie einfach in ihren Träumen gelebt und die Realität nicht sehen wollen? Oder, bei dem Gedanken wurde ihr fast übel, hatte sie von Anfang an nur das sehen wollen, was ihren Vorstellungen entsprach von einer perfekten Beziehung? Hatte sie dabei ganz viele Teile der Realität großzügig unterschlagen? Eine leise, unangenehme Ahnung stieg in ihr auf, dass dies wohl vieles erklären würde und plötzlich wünschte sie sich, eine ihrer Bekannten zu sein, welche die Schuld immer im Außen und bei den Anderen suchten und nie bei sich selbst. Leider hatte ihr das Psychologie Studium diese Art von selbstgerechter Unreflektiertheit genommen, sodass sie immer auch ihren eigenen Anteil, der zu einer Situation geführt hatte, erkennen wollte. Ja, das wollte sie und sie wusste, dass sie dies auch um ihretwillen tat, denn jedes Mal kam sie dann zu Erkenntnissen, die sie näher zu sich selbst brachten.

Trotzdem, in diesem Moment wünschte sie sich auch ein kleines bisschen weniger wahrhaftig zu sein und einfach schmollend und voller Selbstmitleid, zu Recht ganz enttäuscht und wütend auf Julian sein zu können. So könnte sie sich gleich dem nächsten an den Hals werfen und dieselben Fehler genussvoll noch einmal machen. Schade, dachte sie, dabei wäre da doch gleich schon ein potentieller neuer Typ gewesen. Er hatte in ihren Augen nicht nur ein tolles Äußeres, sondern offensichtlich auch mehr Geld als Julian, was sie zwar nicht glücklich machen würde, aber zumindest Julian gekränkt hätte, das wusste sie. Sie unterbrach sich ein bisschen ungehalten in diesem Gedanken- und Gefühlstreiben, füllte sich noch ein Glas Wasser und trank ein paar Schlucke. Dann begann sie liebevoll, jedoch mit so viel Ehrlichkeit ihr selbst gegenüber, wie sie nur konnte, herauszufinden, was wirklich geschehen war, so dass sie sich heute in dieser Situation wiedergefunden hatte. Außerdem wollte sie auch herausfinden was sie sich unbedingt von einer Beziehung wünschte und auf was sie auch verzichten könnte.

 

Johannes errötete innerlich bei seinem etwas zu schnellen Start und hoffte, dass sie diesen beinahe hastigen Abgang nicht als Geringschätzung auffasste. Irgendwie fühlte es sich jedoch nicht so an und das beruhigte ihn etwas.

Nun beschäftigten sich seine Gedanken einen Augenblick damit, wie er seinem Vater so von der Delle in seinem 112er berichten könnte, dass dieser sich nur über Johannes Unbekümmertheit aufregen und nicht seine heimliche Freude darüber bemerken würde. Schnell kehrten seine Gedanken jedoch zurück zu Laura. Seine Gefühle machten einen Satz vor Freude und Aufregung. Am liebsten würde er die nächsten Stunden und den Anfang des nächsten Tages überspringen, denn am Nachmittag würde er zu ihr in die Praxis fahren. Ja, und dann? Dies galt es genau zu überlegen, denn es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass er sie treffen würde, so hoffte er. Ihre Ausstrahlung, ihre Erscheinung und besonders ihre Stimme, ließen in ihm zarte Gefühle der Hoffnung entstehen, die aber so machtvoll waren, dass er ihnen nachgehen musste.

Er würde sie einfach ganz direkt fragen, ob er sie auf einen Kaffee einladen durfte. Nein, was, wenn sie ablehnen würde, dann hätte alles ein schnelles Ende ohne eine zweite Gelegenheit. Er brauchte eine bessere Idee, die ihm ein zweites Treffen garantierte. Aber wenn sie ihn total unsympathisch fand und auf keinen Fall länger als notwendig sehen wollte? Nicht schon wieder diese Angst und Bedenkenträgerei dachte er, die ewig das Leben verhindert und auf Sicherheit pocht, statt sich dem Leben mit mutigem Herzen zu stellen und das maximal mögliche zu versuchen. Also, wie sollte er es nun anstellen? Gerade hatte er jedoch keine Idee und er war auch schon fast da. Ihm würde schon noch etwas Gutes einfallen, sagte er sich, und bog von der Hauptstraße, die gleich an die Küste entlangführte, in die gleichnamige steile Bergstraße ab, für die es sicher auch einen kreativeren Namen gegeben hätte. Z.B. „Unter den Pinien“ oder einen der Namen der berühmten Vorfahren der Familienbesitztümer in dieser Straße. Denn hier standen einige Anwesen bedeutender Familien. Seine eigene war dabei eher unbedeutend und hatte weder durch geniale Erfindungen, noch politisch bedeutende Taten viel Geld gemacht. Sein Großvater mütterlicherseits hatte einen kleinen Laden mit allerlei Esswaren, jedoch spezialisiert auf die Küstenfische von hier, von seinem Vater geerbt und daraus ein Handelsimperium geschaffen. Sie verkauften bzw. handelten irgendwann mit fast allem, was viel Gewinn brachte. Damals war ja alles noch viel weniger vernetzt und man konnte gut Geld mit seltenen Gütern, die nicht so einfach zu bekommen waren, machen. Die Logistik für so ein Unternehmen war enorm und daher entwickelte sich gerade in diesem Sektor eine große Expertise. Und als schließlich der Punkt erreicht war, an welchem alles auf Grund der Größe zu zerfallen drohte, wurden einzelne Firmen daraus gebildet. Zu diesem Zeitpunkt war auch schon Johannes Vater in die Familie gekommen. Da seine Stärke im Lenken und Überblicken von Finanzströmen lag, wurde erst eine Bank gegründet und bald danach sogar eine zweite, die sich auf Währungstransfers spezialisierte. Als Großvater dann nach und nach weniger arbeiten wollte, wurden die meisten der inzwischen eigenständigen Firmen verkauft. Lediglich die beiden Banken, sowie der Logistikkonzern blieben im aktiven Familienbesitz. Inzwischen leitete sein Vater die beiden Banken alleine und Großvater und Vater hatten nur noch einen Posten im Aufsichtsrat der Logistik Firma, den sie sich teilten.

Seit ein paar Jahren also hatte Großvater viel freie Zeit zur Verfügung. Diese verbrachte er anfangs viel mit Großmutter auf Reisen. Doch als Chef eines großen Logistikunternehmens und anderer Handelsfirmen hatte er schon zuvor viel gesehen und Großmutter war oft mit ihm oder wegen ihrer Konzerte gereist. Außerdem wollte sich Großmutter wieder mehr der Jugend- Musikförderung widmen und auch selbst wieder mehr musizieren.

Nachdem sie als Fagottistin während und nach ihres Studiums viele Preise und Auszeichnungen gewonnen hatte, bekam sie die Möglichkeit in einem renommierten Orchester, dem hiesigen Philharmonie Orchester, zu spielen. In ihrem Vertrag handelte sie aus, dass sie bei Stücken, in welchen dem Fagott eine Nebenrolle zukam, nur zu den Haupt- und Generalproben erscheinen musste, wodurch sie mit Großvater viel auf Dienstreisen gehen konnte. Nun unterstützte sie talentierte Fagottisten mit einer Organisation, die sie selbst aus Spendengeldern, vornehmlich aus Großvaters Firmen, gegründet hatte. Da sie sich in der Musik weiterbilden wollte, hatte sie schon vor vielen Jahren wieder mit dem Klavier spielen angefangen und konnte so oft junge Fagottisten mit der Orchesterversion begleiten, was ihr riesige Freude bereitete.

Großvater ging in dieser Zeit in den Garten, um sich seinem Gärtner- Hobby zu widmen. Bis vor fünf Jahren hatte ihm das genügt. Doch dann hatte er aus seinem Umfeld, in welchem er schon seit langem philosophisch aktiv war, Anregungen erhalten, die er mit diesen Freunden gemeinsam in einer kleinen ganzheitlichen Biologisch-Dynamischen Landwirtschaft umsetzten wollte. In diesem Zusammenhang waren sie neulich gemeinsam auf dem Vortrag gewesen, der Johannes so hatte aufhorchen lassen. Es war um ganzheitliche Betrachtungen des Lebens in Bezug auf die menschliche Gesundheit, aber auch der Natur gegangen. Außerdem welche Ansätze in der Landwirtschaft helfen konnten, die Gesundheit auf allen Ebenen zu erhalten und sogar zu fördern.

Wie von selbst fuhr er die Auffahrt zum Familienanwesen hinauf und wurde dadurch aus seinen Gedanken gerissen. Wieder bemerkte er den Unwillen in sich aufkommen, zu diesem Geburtstagsfest seiner Tante erscheinen zu müssen. Doch er hatte es Mama und Papa versprochen und nur weil die Schwester seines Vaters nicht so mit Geld umging, wie er es für angemessen hielt - sie war die einzige, die in der Familie eine Luxusmotorjacht unterhielt - war sie im Grunde doch eine nette und liebenswerte Person. Irgendwie hatte er manchmal das Gefühl der Pubertät noch immer nicht so ganz entwachsen zu sein. Darum hatte er als Geschenk für sie das Buch „Leben im Jetzt“ von Eckhart Tolle besorgt, um ihr die Gedanken der Befreiung von materiellen Gütern etwas näher zu bringen. Naja, er mochte sie ja, aber solche kleinen Sticheleien konnte er sich einfach nicht verkneifen. Er parkte hinter dem Mini seiner Schwester, sie war also auch gerade angekommen. Dann ging erst mal um das Haus herum, in der Hoffnung, Großvater im Garten anzutreffen. Bis zum offiziellen Beginn hatte er noch eine viertel Stunde und die wollte er gerne draußen verbringen.

Er lehnte sich an das Steingeländer und ließ seinen Blick über das Meer und schließlich in die Ferne zu der schönen Bucht gleiten und freute sich auf das morgige Wiedersehen mit Laura. Lina, seine Schwester, stupste ihn von der Seite an, grinste und fragte, ob er noch wichtige Chemierätsel löse. Heute nicht mehr, antwortete er und freute sich, sie zu sehen. Großvater tauchte auf und sie gingen gemeinsam noch einige Stellen im Garten besichtigen, die Großvater erst kürzlich umgestaltet hatte.

Die Geburtstagsparty startete mit den üblichen Reden und Toasten und wurde noch ganz nett. Er war eben doch ein Familienmensch. Besonders genoss er die Nähe seiner Eltern und Schwester, als sie für eine kurze Weile eine schön zusammengestellte Couch- Garnitur in Beschlag nahmen. Sie plauderten viel über ihren gemeinsamen Segelturn im letzten Jahr. Plötzlich kündigte Johannes Vater Thomas an, er wolle dieses Jahr wieder zehn Tage mit allen segeln gehen und fragte mit bittendem Blick, ob sie sich dafür Zeit nehmen würden. Lina verhandelte sofort, dass ihr Freund Mario auch mitkommen durfte. Johannes wollte wissen, wann die Reise stattfinden solle. Thomas, wie immer sehr beschäftigt, hatte es geschafft, sich zehn Tage um Pfingsten herum frei zu nehmen. Er sagte, er wolle diesmal durch die Ägäis oder um die kanarischen Inseln segeln und fragte, was ihnen lieber sei. Lina antwortete verschmitzt: „Ganz klar, Bermudas!“, und Johannes fragte, was Margarethe, seine Mutter, dazu denke? Die plädierte zu seiner Überraschung für die Kanaren, denn Thomas und sie waren, bevor ihre Kinder geboren wurden, viel in der Ägäis gesegelt und sie wollte gerne Neues entdecken. Johannes war es egal und Lina im Prinzip auch. Damit war die Sache fast schon entschieden und weil sich nun andere Gäste zu ihnen gesellten war das Thema für diesen Abend beendet.

Johannes quatschte noch mit seiner Lieblingscousine Vanni und vielen weiteren Gästen, überreichte Tante Yvonne ihr Buch-Geschenk und verabschiedete sich gegen 23 Uhr, mit der Begründung, dass er am nächsten morgen früh raus müsse.

3

Am nächsten Morgen schwirrten Johannes Gedanken permanent zu Laura. Er fragte sich, wie sie wohl in so jungen Jahren zum Thema der Sterbebegleitung gekommen war. Es beeindruckte ihn sehr, auch wenn er sich für das Thema Schulverweigerung mehr interessierte. Noch mehr hielten ihn jedoch die Gedanken daran gefangen, wie er Laura dazu bringen konnte sich mit ihm zu treffen. Viele Ideen gingen ihm durch den Kopf, aber keine davon schien ihm wirklich geeignet. Eigentlich sollte er sich gerade auf die Planung seiner Experimente für die nächste Phase seiner Doktorarbeit konzentrieren.

Nach dem Master in Chemie hatte er letztes Jahr mit einer Promotion bei Professor Dr. Kingston begonnen und versuchte hierbei mit stabiler Isotopenanalytik den Herkunftsnachweis von verschiedenen Lebensmitteln so kostengünstig wie möglich zu machen. Nachdem er die gängigsten Lebensmittel in ca. 30 Kategorien eingeteilt hatte, testete er nun typische Lebensmittel jeder Gruppe und entwickelte möglichst schnelle und kostengünstige Methoden mit den benötigten Nachweisgrenzen. In der nächsten Phase waren weitere Verifikationstests geplant.