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Sie ist eine sozial weniger engagierte Blumenliebhaberin, macht viel Sport und bemuht sich Karriere zu machen. Er, ebenso sportlich, findet wenig Muhe darin andere Menschen zu verstehen und ihnen ein wohliges Gefuhl zu verleihen. Gefunden haben die beiden sich auf der Arbeit, und lernten sich relativ schnell näher kennen. Sie werden ohne grosse Muhe zu einem klassischen Vorzeigepärchen, doch wie so oft versteckt sich hinter einer perfekten Illusion eine bittere Wahrheit, die langsam aber unaufhaltsam auf sie zu rast.
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Seitenzahl: 61
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ohne dich…?
Eine Novelle von Sandro Reich
ImpressumBuchtitel: Ohne dich?Autorenname: Sandro Reich© 2020 ict-Atelier Alle Rechte vorbehalten.Autor: Sandro Reich, Saluferstrasse 36, 7000 Chur
ISBN: 978-3-9691-745-62
6. Juli, 2020 Johanna de Bodeaux
Wow. Einfach wow.
Einen Mann wie diesen Jonas habe ich schon lange nicht mehr gesehen. War mir das peinlich, als er mir die Hand entgegenstreckte. Noch nie hat ein Lächeln mich so berührt wie das seine, als meine feuchte, verschwitzte Hand, die seine ergriff, die sich rau anfühlte.
Jonas Kirchmann stellte er sich vor, neuer Co-Moderator bei den Kultur- und Politikbeiträgen. Ich werde in Zukunft wohl öfters in Zusammenarbeit mit ihm sein. Beinahe bekam ich Nackenschmerzen, so sehr musste ich zu ihm aufschauen, doch ich konnte meinen Blick nicht abwenden von dem aschblonden Haar und seinen markanten Gesichtszügen. Eine dezente, wohlriechende Brise wurde in mein Gesicht getragen, als er an mir vorbeischritt, um die Kollegen zu begrüssen. Dem Rhythmus seiner Schritte lauschend schaute ich verträumt seinen breitgewachsenen Schultern nach. Erst ein rostiges Kichern von Anita, der alten Lästertante am Büroplatz nebenan weckte mich aus meiner Trance. Völlig errötet, merkte ich, wie lächerlich das Schauspiel mitanzusehen gewesen sein musste.
16. September, 2021
Noch bevor mein Wecker klingelte, fielen mir die ersten Sonnenstrahlen ins Gesicht. Genervt runzelte ich die Stirn, da ich wieder einmal die Vorhänge nicht ganz zugezogen hatte. Schnell hievte ich das Kissen über mich und entspannte mich aufs Neue nur um es kurze Zeit später auf Grund von Hitze und Atemnot wieder von meinem Gesicht wegzunehmen. Gerade hatte mein Rücken es geschafft sich aufzurichten, da drängte das schrille Geräusch auch schon in meine Ohren hinein. Rasch rieb ich mir die Müdigkeit aus dem Gesicht, machte den Wecker aus und schwang mich aus dem Bett. Ich bin ein Mensch der Routine. So tappte ich wie jeden Morgen zuerst ins Badezimmer. Nach einer kalten Dusche, einer gesunden Hautpflege und einem geübten Vorgang, bei welchem ich meine Haare zu einem Zopf band, fühlte ich mich bereits viel frischer. Noch während meine Frühstückseier in der Pfanne brutzelten, begann ich meinen üblichen Rundgang durch die Wohnung. Ich genoss die verschiedenen Farben der Gewächse, welche in den bunten Töpfen am Gedeihen waren. Mit einer fast schon mütterlichen Fürsorglichkeit goss ich die durstigen Pflanzen. Sie waren überall, in jeder Ecke des Apartments. Die einen bereits älter, andere noch in der Form junger Knospen. Sie waren mein ganzer Stolz. Schon immer fand ich etwas Beruhigendes in ihrem Anblick und startete deshalb bereits früh mit den ersten Versuchen, Anemonen oder Enziane zu züchten. Mit der Zeit wurden es immer mehr, was schliesslich zu einem katastrophalen Aufwand bei meinem ersten Umzug führte. Auch gewisse Kräuter, welche ich für gewöhnlich beim Kochen verwende liessen sich zwischen den verschiedenen Gewächsen erkennen. Für Gemüse und Obst fehlte mir leider der benötigte Platz. Als ich dann fertig war, musste ich mein Frühstück herunterschlingen. Ich war spät dran. Schnell schlüpfte ich in eine Hose, zog mir eine gebügelte Bluse und einen Blazer über und machte mich auf den Weg.
Der Radiosender, bei welchem ich arbeitete, war nicht sonderlich weit entfernt und sofern ich alleine war ging ich meistens zu Fuss. Oft jedoch war mein Freund Jonas mit dabei, der seit etwas mehr als einem Jahr auch bei uns arbeitete. So haben wir uns kennen gelernt. Der neue gutaussehende Mitarbeiter, welcher mir den Hof machte. Eigentlich ziemlich klischeehaft.
Wäre ich früher dran gewesen, hätte ich den Weg durch den Park gewählt. Die lila Herbstzeitlose, welche in dieser Jahreszeit blühte, versetzte mich immer in besonders gute Laune. Doch dafür war keine Zeit mehr übrig. Mit raschen und grossen Schritten ging ich direkt der Strasse entlang, zweimal um die Ecke und auf das grosse Hauptgebäude zu. Alle anderen waren bereits hier und einige hatten auch schon mit ihren Tätigkeiten begonnen. Nach einer wie immer herzlichen Begrüssung durch die sanften Worte und lieblichen Blicke von Jonas ging ich zu meinem Büro. Er wusste, dass ich es nicht mochte, viele Berührungen auszutauschen, besonders nicht in der Öffentlichkeit. Ich war äusserst dankbar dafür, dass er dies respektierte. Etwas verwundert bemerkte ich, dass Anita meine Büropartnerin noch nicht da war. Hastig schaltete ich den Computer ein und begann mit meiner Arbeit. Ich sollte einen Artikel über irgendeine neue Partei, die einen besonders raschen Zuwachs von Wählern erfuhr, schreiben. Kaum hatte ich mit meinen Recherchen begonnen, wurde die Türe aufgerissen und Anitas erschöpftes Keuchen erfüllte den Raum. Keine Sekunde wollte sie verschwenden und quatschte mich mit all den verrückten und vor allem absolut irrelevanten Neuigkeiten über das Kollegium zu. Ich hörte nicht wirklich hin. Dies hat sich in der Vergangenheit als totale Zeitverschwendung herausgestellt.
Den Rest des Tages glitt ich eigentlich wie so oft durch die Stunden, mit meinen Gedanken mehr in meiner eigenen kleinen Welt als in diesem stereotypen Büro. Einmal hatte ich versucht, es mit ein paar wenigen Pflanzen etwas aufzupeppen. Zu schade, dass das Vorhaben etwas ausartete und ich zu viel Arbeitszeit nutzte, um mich um all die Gewächse zu kümmern. Schliesslich führte dies dazu, dass jeder Mitarbeiter nur noch höchstens eine Zimmerpflanze in seinem Büro besitzen durfte. Diese Ehre gebührte bei uns einem kleinen, besonders gut umsorgten Bonsai.
Nach der Arbeit fuhr Jonas uns beide wie jeden Donnerstag zum Sport. Unsere drei Trainingseinheiten pro Woche im selben Fitnessstudio trugen ihren Part dazu bei, dass wir uns näherkamen. Dementsprechend legten wir auch viel Wert darauf, diese Routine beizubehalten. Ich spürte seinen keck grinsenden Blick auf mir. «Woran denkst du?» Tief und ruhig drang seine Stimme zu mir. «Schau besser auf die Strasse. Ein Unfall ist das Letzte, was wir brauchen.» Er drehte den Kopf wieder in Fahrtrichtung. Ohne zu sprechen fuhren wir weiter. Nichts Ungewöhnliches, zumal wir nie viele Worte brauchten, um unsere Zuneigung füreinander zum Ausdruck zu bringen. Allein neben ihm zu sitzen, zu wissen, dass er da war, versetzte meinen Gefühlen eine erfüllende Wärme und liess meinen Körper entspannen. «Es sind keine zwei Wochen mehr bis zu unserem Jahrestag.» Dies lediglich auszusprechen machte mich stolz.
Es gab lange eine Zeit, in welcher ich geglaubt hatte, dieses Glück wäre mir nicht vergönnt. Noch immer gab es diese Gedanken in mir, schliesslich wusste ich, dass ich Jonas niemals alles geben könnte, was er sich wünschte oder sogar brauchte. «Keine Sorge, ich habe mich bereits um alles gekümmert.» Nicht, dass mich das überraschen würde. Jonas ohne einen Plan ist wie ein verlorener Pudel in Paris. «Was haben wir denn vor?» Meine Vorfreude zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. «Erinnerst du dich noch an das kleine Restaurant neben dem Sonnenstudio?» Wie könnte ich es vergessen, dort hatten wir unser erstes gemeinsames Date. Ohne zu zögern erwiderte ich: «Ja, natürlich.». Auf seinem Gesicht zeigte sich ebenfalls ein freudiges Strahlen. «Ich habe dafür gesorgt, dass wir denselben Tisch um dieselbe Uhrzeit erhalten. Sogar die gleichen Gerichte, die wir damals hatten, konnte ich vorbestellen.» Ich wusste nicht mehr, ob das Grinsen nur von der Vorfreude oder auch von seiner Zufriedenheit, dass das alles so gut geklappt hatte, ausgelöst wurde. «Wenn das so ist! Ich denke, ich erinnere mich auch noch an das Kleid, das ich trug. Das sollte mir noch passen.»
