Ohne Fluchtpunkt 2 - Winfried Klose - E-Book

Ohne Fluchtpunkt 2 E-Book

Winfried Klose

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Beschreibung

Die dreizehn Erzählungen, Augenblicke des Bodenlosen, sind Blicke auf ein falsches Leben. Die Protagonisten der einzelnen Texte sind meist der Schicht der Bildungsbürger zuzuordnen. Einige der Figuren sind dabei, sich von der Ideologie der Leistung und materiellen Sicherheit loszusagen, stehen für einen Moment an einem Wendepunkt: einer eigenen Wahl, einem verdrängten Lebenswunsch, einer erkannten Schuld. … Sie scheitern meist an Normen der globalen Tauschgesellschaft, die in einzelne der Warenform scheinbar enthobene Bereiche, wie Kunst, Musik, Ethik, … vordringen, alle Werte einebnen, ebenso Sprache, Psyche und Zusammenleben der Menschen tangieren und sie an der Entfaltung zu selbstverantwortlichen Subjekten hindern. - Mit ihrem Scheitern in entscheidenden Situationen wird die Identität einzelner Figuren in Frage gestellt. Vor der gleichen Frage steht der Leser. Gelingt es ihm, in der Welt der Erzählungen Fuß zu fassen, sieht er sich mehr oder weniger beschädigten, gleichwohl achtbaren Individualitäten gegenübergestellt. Da einzelne Episoden im Widerspruch zueinander stehen, keineswegs einer zu einem Ziel führenden Handlung folgen, vermag der Leser eigene Mutmaßungen über ein Davonkommen oder Scheitern der Protagonisten anzustellen.

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Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Winfried Klose

Ohne Fluchtpunkt 2

In der Tauschgesellschaft

13 Augenblicke des Bodenlosen

© 2020 Winfried Klose

Layout: Christian Manhart

Titelbild: Francisco José de Goya y Lucientes – Der Schlaf der

Vernunft gebiert Ungeheuer (aus Los Caprichos),

Quelle: UtCon Collection / Alamy Stock Foto

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

978-3-347-06487-4 (Paperback)

978-3-347-08728-6 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Kurt Lenk, der mir Mut zusprach,bestimmte Erzählungenmit soziologisch-philosophischen Fragestellungen

zu grundieren.

Die dreizehn Erzählungen, Augenblicke des Bodenlosen, sind Blicke auf ein falsches Leben. Die Protagonisten der einzelnen Texte sind meist der Schicht der Bildungsbürger zuzuordnen. Einige der Figuren sind dabei, sich von der Ideologie der Leistung und materiellen Sicherheit loszusagen, stehen für einen Moment an einem Wendepunkt: einer eigenen Wahl, einem verdrängten Lebenswunsch, einer erkannten Schuld. … Sie scheitern meist an Normen der globalen Tauschgesellschaft, die in einzelne der Warenform scheinbar enthobene Bereiche, wie Kunst, Musik, Ethik, … vordringen, alle Werte einebnen, ebenso Sprache, Psyche und Zusammenleben der Menschen tangieren und sie an der Entfaltung zu selbstverantwortlichen Subjekten hindern. – Mit ihrem Scheitern in entscheidenden Situationen wird die Identität einzelner Figuren in Frage gestellt. Vor der gleichen Frage steht der Leser. Gelingt es ihm, in der Welt der Erzählungen Fuß zu fassen, sieht er sich mehr oder weniger beschädigten, gleichwohl achtbaren Individualitäten gegenübergestellt. Da einzelne Episoden im Widerspruch zueinander stehen, keineswegs einer zu einem Ziel führenden Handlung folgen, vermag der Leser eigene Mutmaßungen über ein Davonkommen oder Scheitern der Protagonisten anzustellen.

Inhalt

Von Anfang an

Nirgendwohin

Die Gleichgültigen

Freier Fall

Abstieg

Räsonnement

Ohne zu suchen

Versäumnis

Der Wurf

Verlorene Wünsche

Mummenschanz

Marokko-Disneyland

Ohne Fluchtpunkt

Von Anfang an

„Das Visier ohne Widerschein, im Helm fängt sich das leise Summen, die Tachonadel pendelt ruhig – selbst vor und nach Kurven, nicht ganz das Maximum für diese Strecke. Ich bleibe hinter Gerard – leicht versetzt, hätte an ihm in einigen Kurven leicht vorbeiziehen können. Auf die Schwingungen der Straße antwortet eine reflexartige Reaktion, sich zu verlagern und zu schalten, zu schalten und sich zu verlagern – immer im Fluss. Mein Blick kontrolliert die Straße, ich zähle die weißen Streifen in der Mitte, die ein elektronisch gesteuertes Fahrzeug in der Nacht auf die Fahrbahn aufgetragen hat. – Unwägbarkeiten auf der Fahrbahn – brüchiges Bankett zieht vorbei, Geröll deutet auf Steinschlag – können mein Zählen nicht unterbrechen, ich bin jetzt bei 517, das Zählen ist mein Herzschlag.

Nach einer Kurve gerät Gerard doch noch ins Schleudern, touchiert eine Felswand mit dem Vorderrad, tariert den Schlenker in einer Rinne aus, die Fahrt zu stabilisieren… Blinker, Gerard rollt langsam auf das mit braunen Nadeln beworfene Bankett, reißt sich den Helm vom Kopf. Wir staksen zur Kurve zurück – mit kalten Knien, es ist sehr heiß. Gerard kniet neben einem weißen Mittelstreifen, kann weder Öl noch eine Spur Sand aufnehmen. Ich starre – kann nicht zuschauen – auf die wimmelnde Fahrbahn. Ich würde nicht mehr mit Gerard unterwegs sein.

Solange ich auf der Maschine allein unterwegs bin, füllt mich die Perspektive als Biker aus, erweitert meine Sicht. Zu nichts habe ich dieses innige Verhältnis, die Maschine hebt mich über die Hügel, auf sie ist Verlass, einem dieser großen Vögel gleich durchschwebe ich die Landschaft. – Dann hatten sie begonnen, mich zu jagen. Verfolgt sehe ich mich von außen.“

Die Strecke zum Meer war früh vor fünf Uhr kaum befahren. Jean war allein unterwegs, sehr schnell: All die Abzweigungen, Erkundungswege entlegener, oft aufgegebener Pfade, Schneisen, trocken gefallener Bäche, Sumpfzonen, Furten… zogen vorbei. Jean kannte mittlerweile die gesamte Region um Collobrières besser als die Waldarbeiter. Die Flics waren nur auf den Straßen zuhause.

Das Massif de Maures, Teil der apulischen Platte, gilt als ein bizarr zerklüfteter Gebirgsstock, nur wenige Straßen verbinden Orte. Plattentektonik hat Granite und anderes Tiefengestein hochgestemmt, vielfach bewegt, zerbrochen und weiter aufgetürmt; die drei großen Rücken zum Meer hin sind mehrfach zerklüftet und schwer zugänglich; jähe Schluchten, Felstrichter, Abbrüche und tief eingeschnittene Bachläufe erschweren eine Durchquerung auch nur eines Teilgebietes. Allzu oft muss der Eindringling Umwege auf schmalen Graten suchen. – Große Temperaturunterschiede, Gewitter und Feuersbrünste verändern einzelne Bereiche bis zur Unkenntlichkeit, verheert ragen dann schwarze Klippen und Gestumpf in den Himmel. Gleich daneben überwuchert Macchia und Garriquesvegetation Pfade und Steige, verwehrt jedes Vordringen.

Später hatte Jean die Karte im Kopf, auf der unzählige Fluchtwege eingetragen waren; sie mussten ständig abgefahren werden; als sei er verfolgt, auf der Flucht, durchraste er Bachläufe, übersprang kleine Schluchten, kannte die präparierten Stellen für die Landung. Niemand konnte ihm folgen, auf der Ducati war er kein Biker, war er Gejagter, der alle hinter sich ließ, auf der Ducati gab es überall ein Durchkommen, durch Macchia, Schluchten, Felsspalten, Baumkronen, er hob ab, wie wenn die laute Musik immer wieder Tore vor ihm aufstieß, immer neue Tore, mit Fanfaren in das Azurblau, am Ende blieb der ganz große Sprung…

„In dieser Phase der Ausritte bleiben die Strecken begrenzt, werden durchflogen. Es ist schon Märzlicht, ich atme – an Halstuch und Haaren zerrt Wind – volle Luft, ein Auftanken für den Aufbruch. Ich registriere kein Gefühl, mag nicht die Arme ausbreiten, mich aufrichten, die Maschine aufbäumen. Die zweite Haut gibt mir Halt, hält zusammen, zügelt, etwas freizulassen. Finger, Arme, Schultern, Kopf… alles ist gerichtet, nur von der Maschine kommt etwas zurück, die bewältigt die Strecke, nicht nur auf Schenkeldruck, dazu gehört das Einschätzen der Steigung, des Gefälles, das ritualisierte Zucken des linken Fußes, Schalten wie im Traum – an der entscheidenden Stelle, und die abgerufene Kraft muss im gleichen Moment ziehen, wegziehen, genauso entscheidend das leichte Anbremsen und Loslassen – von 1000 Hufen, mit dem Hinterrad auf dem Asphalt zu haften… Bei der Geschwindigkeit jetzt ist die Ausrichtung jedes Körperteils unerlässlich, das Zusammenspiel der Teile überträgt sich auf die Maschine, die nun – in schwerem Gelände – tänzelt, in den Stoßfängern schwingt, sich verwindet, bockt… Querfeld ist die Lenkung Drehpunkt fürs Durchkommen, alles ist auf die Lenkung abgestimmt, und der Blick auf den Boden zoomt heran, sondiert, entscheidet über Sand, Geröll, lose Steine, Nässe, Untiefen… Zum Registrieren, Abrufen, Greifen, Zucken, Verlagern kommt das Spiel des Abschüttelns, Verhoffens, Hinter-sich-Lassens, In-die-Irre-Führens, des Mitnehmens – in den großen Sprung, in den einen die Euphorie hebt, ohne auf einen Gedanken, ein Hindernis zu treffen, alles gleich gültig, hier ist dann drüben – und drüben hier…“

Die Herrschaft über Maschine und Raum musste bestätigt werden, Jean musste gejagt werden, wusste Cécile. Bei den großen Jagden war Jean in dem Planquadrat Collobrières – zwischen Autobahn und Küstenstraße – geblieben, hatte sich nicht abdrängen lassen in unbekanntes Gelände. Einmal hatten sie ihn eingekreist, aber die Flics kannten nur die großen Straßen und Wege, er wusste, in der Macchia, in Bachläufen zu verschwinden. – In der Zwischenzeit waren die Zeitungen des Departments voll von Spekulationen, Hypothesen, Verdächtigungen. Dieser zu allem entschlossene, kaltblütige Raser war kein Wahnsinniger, war Kurier, da drehten in Marseille welche das ganz große Rad. Bis jetzt hatte es nur Unfälle bei Polizeiaktionen gegeben, die glimpflich ausgegangen waren. Zwei PKWs waren bei Ausweichmanövern von der Straße abgekommen, Personen wurden leicht verletzt.

Nach den Ausritten auf seiner Multistrada – den Reservetank fast leer gefahren – hockte Jean in Lederkluft noch vor einem dieser Gehöfte… In diesen heruntergewirtschafteten Immobilien waren kaum Vorräte, manchmal Wein; Cécile berichtete, dass er dann ein oder zwei Joints reinzog und – den Nacken über der Lehne eines Korbstuhls – über den Tag sinnierte, brisante Begegnungen in jeder Einzelheit durchspielte, sich irgendwo im Dach verkroch und oft noch stundenlang grübelte. In seine Welt ließ er niemanden ein: Je enger das Netz von Beobachtern, Kameras, Posten, elektronischen Fallen, Ortung von Details, Spuren der Maschine, Farbe der Helme, Ausscheidungen, Kippen… sich zuzog, desto weniger Fehler durfte er machen, desto vielfältiger seine Vorbereitungen, Verkleidungen, Übertretungen. Er ging alle Typen seiner Maschinen durch, die wechselnden Kennzeichen, er war oft ein anderer; fühlte sich als anderer genauso unfrei, wusste sich beobachtet, fuhr dennoch umsichtig, ging lässig, ruderte zu stark mit den Armen, nahm die Sonnenbrille häufig ab, saß – auf den ersten Blick ausgekühlt von durchrasten Strecken – vor Bistros, fror in der Sonne… Von einem Unterschlupf brach er früh auf, Häusern, die er vertrieb; er hatte Zugriff auf zwei geschlossene Kleintransporter, eine Pferdebox, kurvte auf der ewig gleichen Multistrada durch die großen Städte, die zugelassene Maschine stand in einer Stallung, in der Macchia eine Enduro für die Jagden. Je größer die Herausforderung, desto akribischer seine Planungen, desto tiefer versank er in Bereitstellungen, Vorkehrungen, desto grandioser die Auferstehung auf der Strecke; die ganze Region war hinter ihm her, er spürte die Faust im Nacken. In einer Mitteilung an Cécile war zu lesen: „ … alle Augen sind auf mich gerichtet. Die Strecke, die ich durchfliege, ist die Bühne – ich trete auf – gibt dem Ganzen einen Sinn, alles ist auf mich ausgerichtet. Fortan gibt es keinen Halt, ich reiße alles mit. Solange ich stillhalte, kriecht das Chaos hoch, ich muss sie herausfordern, immer wieder…“

Von einem Tag auf den anderen hielt Jean auf den Straßen nichts mehr auf, am Anfang hätten sie ihn noch stellen können. Jetzt kannte er weder Regeln noch Verbote. Vormals war er leicht zu erkennen, fuhr eine einzige Multistrada, ohne Helm… Jetzt überholte er, wo es ihm einfiel, bei versteckten Kontrollen kehrte er nicht mehr um, er bremste an zu beschleunigen, tauchte ab, täuschte Volten vor, durchraste Untiefen, schob bergauf, kam Verfolgern entgegen, holperte über erkundete Pfade, durchwatete Geröllfelder, hob ab über Schrunde, Abgründe…

„Es geht schon lange nicht mehr um das Beherrschen der Maschine, der Situation, es geht um Durchbruch, beim Schieben bergauf – mit heißem Atem, Fluchten durch Macchia, es geht um den Blutgeschmack am Gaumen, den Schmerz im Sprunggelenk wegzustecken; nichts darf hindern… Einmal an einer Leitplanke vorbei, setze ich auf Geröll auf, verziehe, Schulter und Motorblock schrammen Fels, und ich stürze bergab, da ist Karstgestein, das Vibrieren der Maschine, keine Stille… das Gesicht auf den Händen pulsiert der Herzschlag im Kopf, die Fahrt geht weiter, das Schweben hält an. Mit der Nachtkälte kommen erste Gedankenreihen, Wärmebildkameras könnten mich finden…“

Lenz à Aix – une premiere en France“ hatten Tübinger Studenten ihr Stück euphorisch plakatiert. Jean tritt auf als verlorener Sohn – in der Streichholzfabrik. Lenzens Hin und Her zwischen Welten scheint Jean auf den Leib geschrieben. Cécile ist gekommen, und Jean begrüßt die Mitspieler wie aus weiter Ferne. Der Auftritt – mit schweren Beinen schreitend – ist nicht abwegig; aber nicht nur Cécile weiß um Medikamente und Alkohol. Jean kann die Trennung der Welten, das Hin und Her – in fremder Sprache und wie mit schwerer Zunge vorgetragen – nicht halten, lässt Gefühlen hier wie dort freien Lauf, er blutet vor allen aus, hätte den Lenz nie spielen dürfen. Das stille Tableau am Schluss, Lenz hinein in die Eiswelten der Vogesen, reist nichts raus, hilft nicht über die verstörende Stille. Einige Zuschauer schon wie auf der Flucht, Cécile unter den ersten, mit jedem ihrer verstohlenen Schritte – noch im Dunklen – wächst unwiderruflich der Abstand. – Jean durchrast wenig später die erleuchteten Straßen, die Ducati ist mit gelähmten Beinen schwer zu schalten, dazu Regen, grell aufleuchtende Lichtpunkte auf dem Visier, draußen glänzt Asphalt, Rücklichter… Ampeln im Tunnelblick, innen die alten Bilder, Lenz aus der Perspektive von Jean läuft ab, Jean auf dem Prüfstand vor Hunderten von Augen, das wäre der Lenz.

Die nächste Ampel – Place de la Rótende – lässt ihn bremsen, und dann ist da schon die Schieflage von Anfang an und das endlose Schlittern, und Jean mit dem Schlittern einverstanden, lässt sich schlittern. Dann klemmt der rechte Fuß zwischen Mast und Maschine, kein Schmerz.

„Auf der Unfallstation werde ich den Schlusssatz der Diagnose nicht los: …on ne peut pas aller bien loin – pausenlos im Ohr. Gegen Morgen die bekannten Bilder, Helga baut um Knut ihren Wall; ich ein Hänschen klein, wer führt mich in die Welt hinein? Ich rücke nicht aus, zuhause ein Kommen und Gehen, ich dabei, alle spielen mit, alle spielen Theater, spielen Rollen, heute so, morgen so, alle sind freundlich, alles steht gleich wichtig nebeneinander, genauso gleich unwichtig: Lachen und Weinen, Wachsein und Träumen, Trennung und Treue, Nähe und Ferne…, mich umarmt das Einerlei, dann schon im Strom der Dinge: Figuren aus Plastilin, Bilderbücher, Marionetten… Knut spielt alleweil mit, bringt Requisiten vorbei: das blaue Clownskostüm, eine Plastikschlange, Masken, Beffchen, Turban, Teddy mit einem Glasauge, das Xylophon…, der Strom reißt nicht ab, ich sehe mich Auffälliges bestaunen, nichts auseinandernehmen, zusammensetzen, und doch wächst es hoch, mir über den Kopf, und ich bin schon am Versinken, die anderen weit weg, winken…, da bin ich schon unten, im Wabern der Dinge, unten in Schieflage, im Kies, Schlick…, da hat es den Fuß schon umfasst, und es nutzt nichts, den freien nach unten zu stoßen, bei jedem Auftritt in Schieflage, die Bühne, der Ort zu straucheln, Widersinn schon beim stillen Deklamieren, auf der einen Seite die Gabe, aus einem Text mühelos herauszulesen, was trägt, und andererseits die sich ausbreitende Verzagtheit zu entscheiden, worauf die leeren Sätze zielen. Dazwischen kann ich nichts ausspielen, jeder Satz ein Spagat. Unversehrt vermag ich niemandem entgegentreten, nicht einmal im Spiel, er würde mich klein machen, erkennen, dass ich auf der Flucht bin, nicht gegenhalten kann, er würde sich Teile von mir einverleiben, meine Aufzeichnungen ausspähen, ist im Netz weltweit längst hinter mir her, hat einzelne Gedanken abgeglichen, Ängste und Vorlieben gespeichert, meine Vorstellungen von Gut und Böse in Relation gesetzt, weiß, dass ich Teile von mir leicht über Bord werfe, ihnen entgegenschleudere. Um etwas tief im Inneren vor mir zu retten, eine letzte Bastion, etwas Verlässliches zu halten, setze ich mein gefrorenes Lächeln gegen verbrauchte Mimik, bizarre Körpersprache, mein Stolpern und Zucken, gegen bekannte Gesten, Sprachformeln gegen Pathos… – Knut dagegen schützt dieser abwesende Blick, nach innen gerichtet, seiner Innerlichkeit nach, entfalteten Lebensträumen, spontanen Entwürfen; Knut hat die Gabe sich anderen im Moment bis in letzte Winkel zuzuwenden, zu folgen, mit Empathie – genauso freilich seinem Lebenstraum nach, den großen Wunsch aus der Kindheit freizuschaufeln, sich treu zu bleiben, nie im Augenblick verloren, Anhäger von Kristeva – vergisst er die Suche nach Glück; ich lange Zeit hinter ihm her, an ihm vorbeizukommen, auf der Ducati vor ihm her, mich zu lösen, von ihm, der Biker nicht mag, übersieht, nicht kennt, wie meine Behausungen – immerhin provenzalische Steinhäuser – für ihn kein Ort zum Verweilen, Objekte, seit Monaten, Jahren verwaist, so wie die Eigentümer starben, wegzogen, verkauften…, dabei von mir hergerichtet, auf mich zugeschnitten, dort spiele ich mit meinen Verfolgern, den Flics, den Schnüfflern von Interpol, die mich aufsuchen. Schon vor dem Anwesen Zeichen meines Schaffens, Anpflanzungen, Schafe in den Höfen, Habseligkeiten auf der Terrasse, als sei einer anwesend und lasse es sich gut gehen, täusche ich Wohnlichkeit, Lebensart eines Provenzalen vor, Gartengerät, Familientisch, Korbsessel, Wolldecken, Espressomaschine… laden ein, niemals ist einer näher getreten; wer genau hinschaute, sähe, dass einer auf dem Sprung vorbeikommt; Getier hat sich allenthalben eingenistet und vieles steht verbraucht, ein ferngesteuertes Programm sorgt zeitweise für Beleuchtung und leise Musik. – Bin ich zwei oder drei Tage anwesend, fühle ich mich fast zuhause; solange ich die nächsten Ausritte vorbereite, hat alles einen Sinn, bin ich Mittelpunkt dieser Welt der Vorbereitung. In zwei Objekten habe ich eine Art Werkstätte eingerichtet, die Multistrada auf Brusthöhe aufzubocken bzw. anzuheben. Zu überprüfen sind nur wenige relevante Teile, Teilsysteme der Maschine sind mehr und mehr gekapselt oder lassen sich nur mit elektronischem Zugriff herrichten. Meine Vorbereitungen verfolgen mich bis in den Schlaf, so gleichen sich Wachsein und Traumphasen, gleichwohl beschließe ich – oft in der Nacht, wenn ich das Spiegelkabinett der Bilder bis in alle Einzelheiten durchgehe – einen weiteren Sektor aus meinem Leben herauszuschneiden: Biker dürfen mich nicht mehr interessieren, die sind hinter etwas her, ich lasse mich jagen; die Niederlagen meiner Theaterarbeit kommen kaum noch vor, auch Mutter, die Geschwister – tauchen kaum noch auf, von Cécile komme ich nicht so leicht los, auch sie hat mich – wie ich glaube – nicht so leicht abgeschrieben. Aus Berichten von Helga weiß Cécile von Knuts immer neuen Engagements und meinen Kinderjahren mehr als ich. Meine Begegnung mit zahllosen Figuren des Theaterlebens und unsere Stippvisiten in 100 Städten kenne ich aus Schilderungen von Cécile. Cécile nennt die Zeit – Jahre ohne Fluchtpunkt, ziemlich rasant und hauruck über die Bühne gezogen. –

Die Theaterarbeit in Aix ist weniger turbulent. Obgleich ich die Sprache beherrsche und keine traditionelle Schauspielausbildung durchlaufen habe, ist mir die Art, hier als Schauspieler aufzutreten, fremd. Mimik und gestische Darstellung der Mitspieler weichen in entscheidenden Nuancen von meinen Vorstellungen ab. Begleitende Darstellung neben der Sprache läuft kaum Gefühlen oder der Handlung parallel, eher entgegen. Ein Sensus für die Stellung einer Figur in Raum und Zeit, für Determination oder Herrschaft durch Sprache, spielt – in Stücken der offenen Form – eine große Rolle.

Aus dem Kreis der Theaterleute in Aix trat kein Freund hervor, in Frankreich lässt der intellektuelle Drang nach Erkenntnis den Eros der Darstellung hinter sich. Hinter die Figuren des absurden Theaters fällt so leicht kein großer Aktor zurück, das Subjekt ist für sie abgetreten, kaum einer versucht, eine schlüssige Handlung oder eine mit sich identische Person herauszuspielen. Sie haben gelernt, von Zeichen an den Zuschauer abzusehen, sie suchen vom Fragmentarischen aus, vom Paradoxen her zu agieren. Sie sind da nahe bei Knut, der sich nirgends festlegt, er stellt mir vieles frei, es allein zu finden, wie er als Regisseur den Spielern alle Freiheit lässt, das Begehren der zu verkörpernden Figur selber zu finden. Von Anfang an fand ich fast alle Rollen, die vor mir lagen, besetzt. So bleibt mir, mich auf freie Posten zurückzuziehen: die Ausritte, mein jeweiliger Unterschlupf, Cécile. – Cécile, die nach wie vor eine Immobilie an den Mann bringt, ist in jedem Ressort schnell zuhause. Ich könnte keinem Interessenten gegenübertreten, wüsste Boden und Bausubstanz nicht einzuschätzen, könnte keine Preisvereinbarung treffen, ihren Forderungen nicht standhalten; als Verwalter der Objekte halte ich sie gerademal recht und schlecht in Schuss. Eigentlich makelt Cécile nicht – oder nur so nebenbei, neben ihrer Theaterarbeit, aber gerade deshalb ist Cécile erfolgreich; so hat sie zu schließende oder geschlossene Vereinbarungen den Erwerb betreffend sehr vereinfacht. Sie verfügt über ein funktionierendes Netzwerk von Verbindungen und hat alles bis auf die Unterschrift vorbereiten lassen. Ihre Hinweise auf Mängel eines Objekts sind ohne Arg, jeder bemerkt freilich, dass diese Mängel leicht zu beheben sind. Cécile vergibt manches Objekt unter Wert. Sie hat nicht nur bei Anbietern einen guten Ruf.

Noch deckt Cécile meine Ausritte, von dem Leben, das ich führe, will sie gleichwohl nichts wissen, für sie habe ich längst abgehoben. Deshalb endet meine Suche nach ihrer Nähe, wenn ich sie dann doch wie ein Trabant von Ferne umkreise, wie die Begegnungen in Gedanken – nun ohne die obsessiven Schübe. Nach den großen Auseinandersetzungen gab es für sie nie den Bruch, sie hat sich langsam zurückgezogen, bis auf das Geschäftliche. Dabei ist Cécile – mit keinem allzu üppigen Vermögen im Hintergrund – äußerst großzügig. Geld, Überweisungen bedeuten aber für mich große Distanz.“

Nach dem Unfall in Aix hatten Cécile und Jean das Haus im Hinterland der Côtes d’Azur bezogen. Cécile arbeitete anfangs als Bühnenbildnerin in Toulon, hatte dann Erfolg in Stücken, in denen sie Figuren aus der zweiten Reihe spielte. Nicht dass sie durch ihr Spiel die Gewichtung der Figurenkonstellation verschob, in eher flauen Inszenierungen gelang ihr gleichwohl manches Kabinettstück. Dank häufiger Hervorhebungen ihrer gelungenen Auftritte und Fotos in Zeitungen war Cécile eine feste Größe am Theater und selbst in Collobrières ziemlich bekannt.

Damals baten Freunde Cécile, ihr aufwändiges Haus für sie zu verkaufen. Seit dieser Zeit saß Jean auf einigen repräsentativen Objekten, mit der Zeit auch auf Einödhöfen, Fabrikgebäuden, Dependancen von Weingütern, Kellerbehausungen… Nach dem Zerwürfnis mit Cécile kam er selten nach Collobrières, bewohnte reihum eine dieser Immobilien, die er zum Teil ausbauen ließ. Gäste, selbst Helga und Knut lud er in eine restaurierte Ölmühle.

Bei dem letzten Besuch – nach einer Pause von viereinhalb Jahren, betonte Helga – saß Knut oft allein im weitläufigen Garten oder war in den Bergen unterwegs, während Helga Jean ein Stück seiner Kindheit nachtrug. Für sie war Jan – in Frankreich Jean genannt – zu früh aus dem Haus gegangen. Jan hörte gern Einzelheiten von früher. Er