Ohne Handy bin ich tot - Barbara Renner-Wiest - E-Book

Ohne Handy bin ich tot E-Book

Barbara Renner-Wiest

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Beschreibung

2014 kommt Said, ein 13-jähriger Somalier, in Deutschland an. Hier endet seine Flucht. Er hat seine Heimat verlassen, nachdem Al-Shabaab-Rebellen seinen Vater getötet hatten und ihn zum Selbstmordattentäter ausbilden wollten. Said hat Lebensbedrohliches durchgemacht: Sklaverei, Gefängnisaufenthalt, unterwegs in der Wüste und auf dem Meer. Am Ende hat er überlebt. 1961 erlebt Anna im gleichen Alter den Bau der Berliner Mauer. Ihr Vater ist als Spion im geteilten Deutschland unterwegs. Auch sie erfährt, was Entfremdung, Angst und Verlust bedeuten. Said und Anna treffen sich, sie bringt ihm Deutsch bei. Die beiden lernen miteinander und voneinander. Sie teilen ihre Erfahrungen. Anfangs sind sie sich fremd, doch sie nähern sich einander an. Neugierig nehmen sie die Kultur des anderen wahr, finden eine gemeinsame Sprache und gehen ein Stück des Lebenswegs zusammen.

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ohne Handy bin ich tot

Barbara Renner-Wiest

Ohne Handy bin ich tot

Heimat finden in der Fremde

© 2018 Barbara Renner-Wiest Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg

Paperback:

ISBN 978-3-7469-5881-1

Hardcover:

ISBN 978-3-7469-5882-8

e-Book:

ISBN 978-3-7469-5883-5

Umschlag: Ben Renner Lektorat und Satz: Cornelia Rüping, traum-vom-buch.de

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Nicht müde werdensondern dem Wunderleisewie einem Vogeldie Hand hinhalten.Hilde Domin

Inhalt

Prolog

Wechsel

Entscheidung

Der Falke

Veränderung

Zerstörung

Geld auf der Bank

Traum

Im Labyrinth lernen

Warten

Wenn ich könnte, dann hätte ich – eine Gitarre

Was war, das bleibt

Hobby

Gleichzeitig

Zweifel

Der Falke

»Willkommen in Deutschland«

Kunst

Der Kalte Krieg

Gott hilft, wo er kann

Anhörung mit Guglhupf

Höflichkeit

Erwischt werden

Wasser

Die Wüste

Winter

Wie das Leben durch die Welt wandert

Widersprüche

Beerdigungen

Zu viel ist auch zu wenig

Der Freund

Der König geht essen

Die Brille

Narben

Geburtstag

Manchmal müssen Vögel Federn lassen

Ohne Handy bin ich tot

Grenzen

Der listige Schakal

Gummibären

Zu viele Fragen

Lebenskarawane der Freiheit – unterwegs

Nachtrag

Danksagung

Prolog

»Wo befreundete Wege zusammenlaufen,da sieht eine Stunde lang die Welt wie Heimat aus.«Hermann Hesse, »Demian«

Es war einmal und wird noch sein

Es war einmal vor langer Zeit

Als mein Vater noch Matrosenanzüge trug

Meine Großmutter ihre Locken mit der Brennschere modellierte

Und sie danach mit dem feinen Haarnetz schützte

Da verließ meine väterliche Familie das Land des Zaren

Ich erinnere mich nicht, die Worte »vertrieben«, »ausgewandert«

Oder gar das Wort »geflüchtet« gehört zu haben

Nein, sie nannten es schlicht und einfach:

»Als wir von Petersburg nach Berlin gezogen sind«

Sie sprachen genauso gut Deutsch wie Russisch

Weil das Wünschen damals noch half

Gründete mein Großvater einen Großhandel für Fischkonserven

Das Geschäft florierte, Sardinen und Sprotten waren begehrt

Sowohl in Petersburg als auch in Berlin

So trug es sich zu

Dass ich etwas später die Berliner Lebensbühne betrat

Ich übte die Muttersprache meiner fränkischen Mutter

Das weiche, rollende R

Das schlingernde L in der Mundhöhle

Meine Vatersprache dagegen war Russisch

Mit einem gleichfalls klangvollen R

Die Zunge flattert dabei unter dem Gaumen

Der warme Laut der väterlichen Sprache hinten im Rachen

Das geheimnisvolle Schwingen hinter dem Zäpfchen

Bei dem der Nicht-Muttersprachler sich die Zunge bricht

Doch unwiderstehlich erwärmt die russische Sprache das Herz

So passiert das mit den Wanderungen und den Sprachen

In allen Zeiten der Weltgeschichte

(Es mischen sich Menschen und Völker aller Kulturen)

Auch in meiner Familie hat sich das zugetragen

Das war, wie schon erwähnt, vor langer Zeit

Zu dieser Art von Erzählungen gehört immer das Wünschen

Auch das Glück und der Zufall

Im Sommer 2015, als alle Welt über Flüchten und Auswandern

Ankommen und Migration diskutierte

Von Wirtschaftsflüchtlingen und politischen Flüchtlingen

Von Kindern mit und ohne erwachsene Begleitung redete

Erinnerte ich mich an das Wünschen und

Wünschte mir das Ende des Darüber-Redens herbei

Ich war der vielfältigen Meinungen überdrüssig

Da holte ich den Zauberstab aus der Tasche und beschloss:

Tun!

Ich wollte etwas tun

Konkret! – Aber was und wie?

Mit meiner Nähmaschine ging ich in ein Haus mit 80 Kindern

Achtjährige, zehnjährige und 14-jährige Kinder

Mädchen und Jungen, fröhlich, manche mit schwerem Blick

Alle mit einem Mobiltelefon in den Händen

Kinder, die ohne Eltern, aber mit Tanten, Onkeln und Brüdern

Oder auch allein, über Berge und Meere geflohen waren

Unterwegs nicht ertrunken und nicht gestorben

Leben sie nun bei uns

Sie wollen gern spielen

Die Welt erkunden

Sie sind neugierig

Alle Kinder sind so

»Stellen Sie mal die Nähmaschine dorthin«

Sagten die Betreuer

»Schreiben Sie Ihren Namen dazu und kommen Sie wieder

Besorgen Sie sich ein spezielles Führungszeugnis!«

Ich besorgte

Fünf Wochen lang durchlief ich die Wege der Bürokratie

Danach durfte ich mit den Kindern spielen: Fußball

Verstecken, Basteln, Nähen, Malen, Fahrrad fahren

Manchmal lachten wir ausgelassen miteinander

Manchmal waren ihre Blicke weit weg

Vom vergangenen Leben trüb und glanzlos

Im vergangenen Leben gefangen

Je größer die Kinder waren, umso klarer verstand ich:

»In-Deutschland-Ankommen« und »Dazugehören«

Geht nur mit der deutschen Sprache

Also machte ich einen Kurs in »Deutsch als Fremdsprache«

Eine wunderbare Lehrkraft brachte mir im ersten Unterricht

Zahlen in der finnischen Sprache bei

Yksi, kaksi, kolme, neljä, viisi, kuusi, seitsemän

Nie zuvor gehörte, unbekannte Klänge

Eine zutiefst fremde Aktivität für meine grauen Zellen

Ich begriff schnell:

Wenn man Deutsch nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat

Lernt es sich mindestens so schwer wie Finnisch

Am Ende des Unterrichts konnte ich meine Mobiltelefonnummer

Sprechen und schreiben – auf Finnisch

Unter Geflüchteten in unserer Zeit eine Lebensnotwendigkeit

Ich war begeistert und nass geschwitzt

Schon kamen erste Anfragen für meine wenigen Kenntnisse

Ich wünschte, dass mir k e i n Afrikaner vermittelt würde

Dieser ferne, mir unbekannte Kontinent

Ich hatte ihn noch nie bereist

Und schon war er da, der Afrikaner

Fröhlich schaute er aus dem fünften Stockwerk seines Hauses

Eine Unterkunft voll mit jugendlichen Flüchtlingen

Er begrüßte mich und rief in den Hof hinunter:

»Hallo, hier oben ich sein – Fahrstuhl kaputt«

So lernte ich Said kennen

Er saß in der Küche des »Betreuten Wohnens für Flüchtlinge«

Sehr dünn und groß, mit kalten Händen begrüßte er mich

Mit offenem Blick und dankbar, nun eine Nachhilfe zu haben

Er riet mir, lieber nicht das WC zu benutzen:

»Musst du wissen, Hassan Putzdienst haben und … naja …«

Das war einmal und ist noch immer

Und wird auch weiterhin sein

Ich wünsche Said und mir, dass Lernen Freude macht

Und Unterwegs-Sein ein wichtiges Thema bleibt

Wechsel

Ist »Wechsel« das richtige Wort für ein Hüben und ein Drüben

Für ein »dort unten« und »hier oben«

Said kommt aus Afrika

Das ist dort unten

Jetzt lebt er hier oben

Auf der Landkarte ist Deutschland für ihn oben

Hier wollte er hin

So weit, so hoch, wollte er reisen

In der Schule lernen können

Ankommen – frei sein

Afrika war früher für mich Albert Schweitzer

Hungrige, dünne Kinder und Missionarin werden

»Iss deinen Teller leer«

Sagte die Mutter

»Die Kinder dort unten haben nichts zu essen«

Mahnte sie

»Du solltest wissen, wie gut es dir geht«

Die Stiefel aus der Kleiderkammer der Kirche drückten

Sie waren Reichtum und das Klagen erstarb mir im Mund

Im Kopf des Negerkindes war ein Schlitz – meine Sparbüchse

Der Kopf nickte zustimmend bei jedem Geldstück

Viele kostbare Groschen steckte ich hinein

Ich hörte sie auf andere fallen

»Was ist schon dein Kaugummi gegen den Hunger der Negerkinder«

Sagte die Mutter

Heute sagt man nicht mehr Negerkind

Heute sind die Kinder »schwarz«, die zu uns kommen

Wir gehen nicht mehr zu ihnen runter

Sie kommen zu uns hoch, die Schwarzen

Als Said hier ankam, war er 16 Jahre alt

Jetzt ist er derjenige, für den ich gerne gebe

Meine Mutter würde frohlocken

Said hat das Land gewechselt

Er hat die Familie gewechselt

Doch so wie ein Zebra seine Streifen im Fell

Nicht in die Streifen eines Tigers wechseln kann

So wenig kann er seine Heimat wechseln

»Du bist jetzt meine Familie«

Sagt Said

Er ist oft traurig

Ich wechsle die Seiten

Manchmal bin ich Lehrerin, manchmal Mutter

Manchmal Fremdenführerin

Ich tröste mein Kind

Ich zeige ihm das Werk

Eines deutschen Malers im Museum

Wir üben die deutsche Sprache, die Aussprache

Ich weiß doch so wenig von dem Kind

Noch viel weniger von dem jungen afrikanischen Mann

Nichts von seiner Familiengeschichte, nichts von seinem Land

Ich gebe erst einmal deutsche Nachhilfe:

Artikel, Personalpronomen, die Uhrzeit

Modalverben, Konjugieren, Deklinieren

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Kleine Buchstaben und Großschreibung

Schreiben, Lesen, Erzählen, Zuhören

Aussprache trainieren und wiederholen

Adjektive, Fragenquiz und Diktate berichtigen

16 Bundesländer für die Einbürgerung pauken

»Hör mal«

Sage ich

»Das Geld auf dem Handy heißt Guthaben

Nicht gute Abend«

»Ach so«

Sagt Said

»Ohne Handy bin ich tot«

Als ich 14 Jahre alt war

Wurde Berlin durch eine Mauer aus Stein in zwei Hälften getrennt

Es gab »ein Hüben und ein Drüben«

Die von Drüben wollten fliehen Manchen gelang es

Sie wechselten dann in den Westen hinüber

Wir von »hüben« waren auch eingesperrt

Andere wechselten aus Überzeugung nach »drüben«

Allen gemeinsam war die Trauer

Sowohl hüben als auch drüben war die Trennung schmerzhaft

Traurigkeit lag wie ein Schleier über der Stadt

Die Trauer – sie kannte keine Grenze

»Erst die Dinge werden wesentlich,die einander vollkommen ausschließen.«Hans Arndt

Entscheidung

Du erzählst:

Die Al-Shabaab-Miliz durchkämmte die Häuser eurer Straße

Mogadischu war ein brodelnder Topf voller Angst

Das Meer gehörte den Piraten

Zuerst war der Horizont eine Rauchwolke

Dann nahmen sie eure Straße in Besitz

Jeden Tag weiteten sie ihre Macht aus

Du hattest nur noch Angst,

Du konntest vor Erschrecken und Panik nicht mehr schlafen

»Ich war doch noch ein Kind«

Sagst du immer wieder

Donqo, deine älteste Schwester

Bewachte die Eingangstür eures Hauses

Die rabiaten Schreie der Rebellen hallten die Straße hinauf

Donqo scheuchte die kleineren Geschwister in die Küche

Arif, Ismael, Axmed und Fatima verschwanden weinend

Todeswind wehte vor den Rebellen her

Du kamst mit Wasserkanistern vom Strand

Jeden Tag übtest du dort das Schwimmen

Fünf Tage zuvor hatten sie deinen Vater erschossen

Anschließend drückten sie dir das Gewehr in die Hand

Durch einen Nebel hindurch hörtest du sie schreien:

»Schieß oder wir erschießen dich!«

Deine Mutter fiel in Ohnmacht

Du konntest deine Hände nicht mehr bewegen

Das schwere Gewehr fiel auf den Boden

Du ranntest weg

Abends bist du zitternd zum Haus zurückgeschlichen

Deine Mutter schrie und schrie und schrie

Ihr habt den Vater in ein weißes Tuch gewickelt

Gemeinsam habt ihr ihn aus dem Haus getragen

Im Dämmerlicht sahst du einen Falken über den Hütten kreisen

»Ich gehe weg«

Riefst du ihm leise entgegen:

»Ich gehe weg, Falke«

Das war dein Schwur, die Faust in der Tasche war fest geballt:

»Ich muss weg«

Während Said erzählt

Sehe ich die zugemauerten Häuser in der Bornholmer Straße

Eine Mauer beginnt Berlin zu trennen

Wir schreiben Sonntag, den 13. August 1961

Ich habe Ferien und fahre mit der Mutter an die Grenze

Schreie gellen uns am provisorischen Stacheldraht entgegen

Hinter den ersten gemauerten Steinen beginnt »das Drüben«

Wir stehen »im Hüben«

Ich bin so alt wie Said, als er seine Familie verließ

Von drüben winken Menschen aus offenen Fenstern

Manche Fenster sind schon zugemauert

Die von drüben winken mit weißen Tüchern

Gelähmt beobachte ich das Geschehen

Die Mauer wächst, Stein auf Stein, dazwischen Beton

»Langsam mauern sie uns ein«

Sagt die Mutter

Viele Spatzen bevölkern den Bürgersteig

Spatzen hüben und Spatzen drüben

Ich dachte:

Sie finden überall Essbares

Sie fliegen von hüben nach drüben

Der Falke

Du warst ein Kind und 13 Jahre alt

Straßen waren dein Spielplatz

Du drehtest schon Zigaretten

Du inhaliertest den Rauch gegen den Hunger

Nachts schliefst du in der Moschee

Tagsüber lebtest du auf der Straße

Du hattest in der Moschee eine Matratze

Ein Kissen für den Kopf

Manchmal gab dir der Imam etwas zu essen

In der Moschee lerntest du den Koran zu lesen und zu schreiben

In einer Sprache, die nicht die deine war

Hattest du ein Wort vergessen

Schlug dich der Imam mit der hohlen Hand auf den Hinterkopf

Mit dem Stock auf Hände und Rücken

Du wolltest lernen, viel lernen

Über die Zeit und die Ewigkeit

Über das Leben und die weite Welt

Eines Tages lauerten dir die Piraten im Hafen auf

Sie warben dich für die nächste Kaperfahrt an und drohten:

»Kämpfe für dein Land oder es kostet dich dein Leben«

Sie hatten deinen Vater erschossen

Sie hatten deine Mutter verletzt

Du ranntest weg und lebtest weiterhin auf der Straße

Angst und Trauer waren dein täglich Brot

Der Falke ist ein stolzer Vogel

Er fängt Mäuse, Hasen und Kaninchen

Im Hunger jagt er erbarmungslos und schnell

Alles, was ihm in den scharfen Blick kommt

Ergreift er sekundenschnell

Er stürzt aus großer Höhe hinab

Und krallt sich an seiner Beute fest

Er lässt sie nicht mehr los

Am Rande von Kismayo sahst du den ersten Falken

Du hattest bereits 13 Sommer erlebt

Du kanntest deinen Falken

Er zeichnete große Kreise am blauen Himmel

Er flog über die fernen Hügel hinweg

Du hörtest ihn schreien

Hungrig drang sein gellender Ruf zu dir

Du konntest ihn verstehen

Das war auch deine Sprache

Dir war, als hättest du seinen Ruf schon immer gehört

Du wolltest weg

Du wolltest nach Deutschland

Du wolltest satt werden

Du wolltest für die Geschwister und die Mutter sorgen

Sie sollten nicht mehr hungern

Du wolltest Fußball spielen

Du wolltest leben

Leben wie Schweinsteiger

Du wolltest kicken wie Podolski

Tore schießen wie Lahm und Müller

Auf deiner Reise verbrachtest du ein Jahr im Gefängnis

Die Wüste war weit und einsam, ob zu Fuß oder im Auto

Du heuertest mit zu wenig Geld bei den Schleusern an

Das Boot fuhr über das große Meer

Du warst noch ein Kind, dünn und ausgemergelt

Du brauchtest wenig Platz

Deswegen nahmen sie dich mit weniger Geld an Bord

25 Menschen ertranken

Du gehörtest nicht dazu

Du warst einer von den 90 im Boot

Die drei Tage ohne Nahrung und Wasser überlebten

»Die letzten zwei Stunden auf dem Meer waren die schlimmsten«

Sagst du

Das überladene Boot kenterte

Du konntest schwimmen!

Als kleiner Junge drückte ein Freund

Deinen Kopf oft unter Wasser

Eines Tages fiel deine Entscheidung

Du brachtest dir das Schwimmen selbst bei

Du übtest solange, bis dich das Wasser trug

Du bist am Meer aufgewachsen

»Neben mir schwamm eine Frau«

Erzählst du unter Tränen:

»Sie hat sich auf den letzten Metern an mich geklammert

Ich habe sie angefleht

Lass mich los!

Das Klammern macht mir Angst

Es zieht mich in die Tiefe hinunter«

Du packtest die Frau an ihren Kleidern

Du konntest sie wie ein Kaninchen im Nacken halten

Du zogst sie neben dir her

Nicht lange genug

Dir fehlte die Kraft nach den Tagen ohne Nahrung und Wasser

Um dich herum gingen viele Freunde unter

Ihr habt euch gekannt

Drei Tage lang habt ihr gemeinsam im Boot gekauert

Gestapelt wie Stühle – übereinander – untereinander

Ihr wart Freunde der Kälte, der Enge

Ihr wart Freunde des Durstes und des Hungers geworden

Drei-Tage-Freunde – steif und schmutzig

Die Rettungsboote suchten euch vor Sizilien

Für dich kamen sie rechtzeitig

Manchmal erzählst du davon

Du hast überlebt

Die Ertrunkenen verfolgen dich im Traum

Von Weitem entdecktest du die Berge von Sizilien

Schon bald sahst du ihn wieder

Den Falken – er kreiste, stand in der Luft

Er schrie in schrägen Tönen

Er begrüßte dich auf der anderen Seite des großen Meeres

Er erwartete dich

Jetzt wohnst du in einem Haus mit vielen Jugendlichen

Du hast im fünften Stock ein eigenes kleines Zimmer

Morgens unterhältst du dich mit dem Falken

Er besucht dich regelmäßig – noch in der Dämmerung

Mit scharfen, gelben Augen sitzt er auf deinem Fensterbrett

Ruhig verharrt er dort und horcht und äugt

Unter dem Federkleid hebt und senkt sich sein Atem

Du erzählst ihm dein neues Leben

Berichtest ihm von deinem Alltag

In der großen deutschen Stadt

Manchmal bringt er dir seine Beute

Aber du isst am liebsten nichts

Du hungerst wie deine Familie in der Ferne

Erzählst ihnen nicht von deiner jahrelangen Reise

Du ziehst immer noch fest an der Zigarette gegen den Hunger

»Ich denke klarer, wenn ich hungrig bin«

Sagst du

»Ich lerne besser, wenn mein Bauch leer ist«

Du bekommst jeden Monat 298 Euro

Das meiste Geld des Wenigen schickst du nach Hause

Per Post – deine Mutter hat kein Konto

Der Falke lebt in einem Kirchturm

Du lebst jetzt in einer deutschen großen Stadt

Der Falke ist meistens wohlgenährt

Mit wachem Auge segelt er seine Kreise

Über hohe Häuser, bei Tag und bei Nacht

Der Falke ist dir vertraut und nah

Du stehst am Fenster deines kleinen Zimmers

Und verfolgst ihn mit aufmerksamem Blick

Veränderung

»Wenn wir wollen, daß alles bleibt, wie es ist,

Dann ist nötig, dass alles sich verändert«1

Sagt der Schriftsteller

»So ist das Leben«

Sagst du

Wenn du nicht mehr weiterweißt

Innerlich brichst du dabei in Tränen aus

Äußerlich bleibst du höflich und respektvoll

»So ist das Leben«

Tröstest du dich selbst

»So ist das Leben«

Ist deine Übung in Geduld

Seit zweieinhalb Jahren wartest du auf deine Anhörung

Wir gehen zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Kurz: BAMF – was für ein Wort

Wir fahren mit der U-Bahn dorthin

Ich weiß, welche Linie zum BAMF fährt

Klärst du mich auf

Du bist schon oft mit dem Finger auf dem Plan hingefahren

Vielleicht hast du auch schon davor gestanden und gehofft

Denke ich

Wir sind ordentlich gekleidet für das BAMF

Security vor dem Eingang – freundliche Männer in Schwarz

An der Pforte hinter dem Tresen zwei Männer

Sie sprechen Arabisch und Somalisch, sie wollen helfen

»Nein – Sie werden hier nicht vorgelassen«

»Nein – Sie müssen warten, bis Sie angeschrieben werden«

»Nein – Ihre Akte liegt in Nürnberg«

»Nein – Wir können nichts für Sie tun«

»Nein – viele warten schon seit fünf Jahren«

»Ja – die Somalier haben schon demonstriert«

Draußen ist es warm, du hast Schulferien

Ich lade dich zu einem Kaffee ein

Unterwegs schauen wir in einen kleinen Laden hinein

Ein Steinway-Flügel steht mitten im Raum

Zwei Stühle davor

An der Wand ein Zitat von Friedrich Nietzsche:

»Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum«

»Was ist ein Irrtum?«

Fragst du mich

Der Duden sagt:

Irrtum bezeichnet eine falsche Annahme