2,99 €
2014 kommt Said, ein 13-jähriger Somalier, in Deutschland an. Hier endet seine Flucht. Er hat seine Heimat verlassen, nachdem Al-Shabaab-Rebellen seinen Vater getötet hatten und ihn zum Selbstmordattentäter ausbilden wollten. Said hat Lebensbedrohliches durchgemacht: Sklaverei, Gefängnisaufenthalt, unterwegs in der Wüste und auf dem Meer. Am Ende hat er überlebt. 1961 erlebt Anna im gleichen Alter den Bau der Berliner Mauer. Ihr Vater ist als Spion im geteilten Deutschland unterwegs. Auch sie erfährt, was Entfremdung, Angst und Verlust bedeuten. Said und Anna treffen sich, sie bringt ihm Deutsch bei. Die beiden lernen miteinander und voneinander. Sie teilen ihre Erfahrungen. Anfangs sind sie sich fremd, doch sie nähern sich einander an. Neugierig nehmen sie die Kultur des anderen wahr, finden eine gemeinsame Sprache und gehen ein Stück des Lebenswegs zusammen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2018
Ohne Handy bin ich tot
Barbara Renner-Wiest
Ohne Handy bin ich tot
Heimat finden in der Fremde
© 2018 Barbara Renner-Wiest Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg
Paperback:
ISBN 978-3-7469-5881-1
Hardcover:
ISBN 978-3-7469-5882-8
e-Book:
ISBN 978-3-7469-5883-5
Umschlag: Ben Renner Lektorat und Satz: Cornelia Rüping, traum-vom-buch.de
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Nicht müde werdensondern dem Wunderleisewie einem Vogeldie Hand hinhalten.Hilde Domin
Inhalt
Prolog
Wechsel
Entscheidung
Der Falke
Veränderung
Zerstörung
Geld auf der Bank
Traum
Im Labyrinth lernen
Warten
Wenn ich könnte, dann hätte ich – eine Gitarre
Was war, das bleibt
Hobby
Gleichzeitig
Zweifel
Der Falke
»Willkommen in Deutschland«
Kunst
Der Kalte Krieg
Gott hilft, wo er kann
Anhörung mit Guglhupf
Höflichkeit
Erwischt werden
Wasser
Die Wüste
Winter
Wie das Leben durch die Welt wandert
Widersprüche
Beerdigungen
Zu viel ist auch zu wenig
Der Freund
Der König geht essen
Die Brille
Narben
Geburtstag
Manchmal müssen Vögel Federn lassen
Ohne Handy bin ich tot
Grenzen
Der listige Schakal
Gummibären
Zu viele Fragen
Lebenskarawane der Freiheit – unterwegs
Nachtrag
Danksagung
Prolog
»Wo befreundete Wege zusammenlaufen,da sieht eine Stunde lang die Welt wie Heimat aus.«Hermann Hesse, »Demian«
Es war einmal und wird noch sein
Es war einmal vor langer Zeit
Als mein Vater noch Matrosenanzüge trug
Meine Großmutter ihre Locken mit der Brennschere modellierte
Und sie danach mit dem feinen Haarnetz schützte
Da verließ meine väterliche Familie das Land des Zaren
Ich erinnere mich nicht, die Worte »vertrieben«, »ausgewandert«
Oder gar das Wort »geflüchtet« gehört zu haben
Nein, sie nannten es schlicht und einfach:
»Als wir von Petersburg nach Berlin gezogen sind«
Sie sprachen genauso gut Deutsch wie Russisch
Weil das Wünschen damals noch half
Gründete mein Großvater einen Großhandel für Fischkonserven
Das Geschäft florierte, Sardinen und Sprotten waren begehrt
Sowohl in Petersburg als auch in Berlin
So trug es sich zu
Dass ich etwas später die Berliner Lebensbühne betrat
Ich übte die Muttersprache meiner fränkischen Mutter
Das weiche, rollende R
Das schlingernde L in der Mundhöhle
Meine Vatersprache dagegen war Russisch
Mit einem gleichfalls klangvollen R
Die Zunge flattert dabei unter dem Gaumen
Der warme Laut der väterlichen Sprache hinten im Rachen
Das geheimnisvolle Schwingen hinter dem Zäpfchen
Bei dem der Nicht-Muttersprachler sich die Zunge bricht
Doch unwiderstehlich erwärmt die russische Sprache das Herz
So passiert das mit den Wanderungen und den Sprachen
In allen Zeiten der Weltgeschichte
(Es mischen sich Menschen und Völker aller Kulturen)
Auch in meiner Familie hat sich das zugetragen
Das war, wie schon erwähnt, vor langer Zeit
Zu dieser Art von Erzählungen gehört immer das Wünschen
Auch das Glück und der Zufall
Im Sommer 2015, als alle Welt über Flüchten und Auswandern
Ankommen und Migration diskutierte
Von Wirtschaftsflüchtlingen und politischen Flüchtlingen
Von Kindern mit und ohne erwachsene Begleitung redete
Erinnerte ich mich an das Wünschen und
Wünschte mir das Ende des Darüber-Redens herbei
Ich war der vielfältigen Meinungen überdrüssig
Da holte ich den Zauberstab aus der Tasche und beschloss:
Tun!
Ich wollte etwas tun
Konkret! – Aber was und wie?
Mit meiner Nähmaschine ging ich in ein Haus mit 80 Kindern
Achtjährige, zehnjährige und 14-jährige Kinder
Mädchen und Jungen, fröhlich, manche mit schwerem Blick
Alle mit einem Mobiltelefon in den Händen
Kinder, die ohne Eltern, aber mit Tanten, Onkeln und Brüdern
Oder auch allein, über Berge und Meere geflohen waren
Unterwegs nicht ertrunken und nicht gestorben
Leben sie nun bei uns
Sie wollen gern spielen
Die Welt erkunden
Sie sind neugierig
Alle Kinder sind so
»Stellen Sie mal die Nähmaschine dorthin«
Sagten die Betreuer
»Schreiben Sie Ihren Namen dazu und kommen Sie wieder
Besorgen Sie sich ein spezielles Führungszeugnis!«
Ich besorgte
Fünf Wochen lang durchlief ich die Wege der Bürokratie
Danach durfte ich mit den Kindern spielen: Fußball
Verstecken, Basteln, Nähen, Malen, Fahrrad fahren
Manchmal lachten wir ausgelassen miteinander
Manchmal waren ihre Blicke weit weg
Vom vergangenen Leben trüb und glanzlos
Im vergangenen Leben gefangen
Je größer die Kinder waren, umso klarer verstand ich:
»In-Deutschland-Ankommen« und »Dazugehören«
Geht nur mit der deutschen Sprache
Also machte ich einen Kurs in »Deutsch als Fremdsprache«
Eine wunderbare Lehrkraft brachte mir im ersten Unterricht
Zahlen in der finnischen Sprache bei
Yksi, kaksi, kolme, neljä, viisi, kuusi, seitsemän
Nie zuvor gehörte, unbekannte Klänge
Eine zutiefst fremde Aktivität für meine grauen Zellen
Ich begriff schnell:
Wenn man Deutsch nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat
Lernt es sich mindestens so schwer wie Finnisch
Am Ende des Unterrichts konnte ich meine Mobiltelefonnummer
Sprechen und schreiben – auf Finnisch
Unter Geflüchteten in unserer Zeit eine Lebensnotwendigkeit
Ich war begeistert und nass geschwitzt
Schon kamen erste Anfragen für meine wenigen Kenntnisse
Ich wünschte, dass mir k e i n Afrikaner vermittelt würde
Dieser ferne, mir unbekannte Kontinent
Ich hatte ihn noch nie bereist
Und schon war er da, der Afrikaner
Fröhlich schaute er aus dem fünften Stockwerk seines Hauses
Eine Unterkunft voll mit jugendlichen Flüchtlingen
Er begrüßte mich und rief in den Hof hinunter:
»Hallo, hier oben ich sein – Fahrstuhl kaputt«
So lernte ich Said kennen
Er saß in der Küche des »Betreuten Wohnens für Flüchtlinge«
Sehr dünn und groß, mit kalten Händen begrüßte er mich
Mit offenem Blick und dankbar, nun eine Nachhilfe zu haben
Er riet mir, lieber nicht das WC zu benutzen:
»Musst du wissen, Hassan Putzdienst haben und … naja …«
Das war einmal und ist noch immer
Und wird auch weiterhin sein
Ich wünsche Said und mir, dass Lernen Freude macht
Und Unterwegs-Sein ein wichtiges Thema bleibt
Wechsel
Ist »Wechsel« das richtige Wort für ein Hüben und ein Drüben
Für ein »dort unten« und »hier oben«
Said kommt aus Afrika
Das ist dort unten
Jetzt lebt er hier oben
Auf der Landkarte ist Deutschland für ihn oben
Hier wollte er hin
So weit, so hoch, wollte er reisen
In der Schule lernen können
Ankommen – frei sein
Afrika war früher für mich Albert Schweitzer
Hungrige, dünne Kinder und Missionarin werden
»Iss deinen Teller leer«
Sagte die Mutter
»Die Kinder dort unten haben nichts zu essen«
Mahnte sie
»Du solltest wissen, wie gut es dir geht«
Die Stiefel aus der Kleiderkammer der Kirche drückten
Sie waren Reichtum und das Klagen erstarb mir im Mund
Im Kopf des Negerkindes war ein Schlitz – meine Sparbüchse
Der Kopf nickte zustimmend bei jedem Geldstück
Viele kostbare Groschen steckte ich hinein
Ich hörte sie auf andere fallen
»Was ist schon dein Kaugummi gegen den Hunger der Negerkinder«
Sagte die Mutter
Heute sagt man nicht mehr Negerkind
Heute sind die Kinder »schwarz«, die zu uns kommen
Wir gehen nicht mehr zu ihnen runter
Sie kommen zu uns hoch, die Schwarzen
Als Said hier ankam, war er 16 Jahre alt
Jetzt ist er derjenige, für den ich gerne gebe
Meine Mutter würde frohlocken
Said hat das Land gewechselt
Er hat die Familie gewechselt
Doch so wie ein Zebra seine Streifen im Fell
Nicht in die Streifen eines Tigers wechseln kann
So wenig kann er seine Heimat wechseln
»Du bist jetzt meine Familie«
Sagt Said
Er ist oft traurig
Ich wechsle die Seiten
Manchmal bin ich Lehrerin, manchmal Mutter
Manchmal Fremdenführerin
Ich tröste mein Kind
Ich zeige ihm das Werk
Eines deutschen Malers im Museum
Wir üben die deutsche Sprache, die Aussprache
Ich weiß doch so wenig von dem Kind
Noch viel weniger von dem jungen afrikanischen Mann
Nichts von seiner Familiengeschichte, nichts von seinem Land
Ich gebe erst einmal deutsche Nachhilfe:
Artikel, Personalpronomen, die Uhrzeit
Modalverben, Konjugieren, Deklinieren
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Kleine Buchstaben und Großschreibung
Schreiben, Lesen, Erzählen, Zuhören
Aussprache trainieren und wiederholen
Adjektive, Fragenquiz und Diktate berichtigen
16 Bundesländer für die Einbürgerung pauken
»Hör mal«
Sage ich
»Das Geld auf dem Handy heißt Guthaben
Nicht gute Abend«
»Ach so«
Sagt Said
»Ohne Handy bin ich tot«
Als ich 14 Jahre alt war
Wurde Berlin durch eine Mauer aus Stein in zwei Hälften getrennt
Es gab »ein Hüben und ein Drüben«
Die von Drüben wollten fliehen Manchen gelang es
Sie wechselten dann in den Westen hinüber
Wir von »hüben« waren auch eingesperrt
Andere wechselten aus Überzeugung nach »drüben«
Allen gemeinsam war die Trauer
Sowohl hüben als auch drüben war die Trennung schmerzhaft
Traurigkeit lag wie ein Schleier über der Stadt
Die Trauer – sie kannte keine Grenze
»Erst die Dinge werden wesentlich,die einander vollkommen ausschließen.«Hans Arndt
Entscheidung
Du erzählst:
Die Al-Shabaab-Miliz durchkämmte die Häuser eurer Straße
Mogadischu war ein brodelnder Topf voller Angst
Das Meer gehörte den Piraten
Zuerst war der Horizont eine Rauchwolke
Dann nahmen sie eure Straße in Besitz
Jeden Tag weiteten sie ihre Macht aus
Du hattest nur noch Angst,
Du konntest vor Erschrecken und Panik nicht mehr schlafen
»Ich war doch noch ein Kind«
Sagst du immer wieder
Donqo, deine älteste Schwester
Bewachte die Eingangstür eures Hauses
Die rabiaten Schreie der Rebellen hallten die Straße hinauf
Donqo scheuchte die kleineren Geschwister in die Küche
Arif, Ismael, Axmed und Fatima verschwanden weinend
Todeswind wehte vor den Rebellen her
Du kamst mit Wasserkanistern vom Strand
Jeden Tag übtest du dort das Schwimmen
Fünf Tage zuvor hatten sie deinen Vater erschossen
Anschließend drückten sie dir das Gewehr in die Hand
Durch einen Nebel hindurch hörtest du sie schreien:
»Schieß oder wir erschießen dich!«
Deine Mutter fiel in Ohnmacht
Du konntest deine Hände nicht mehr bewegen
Das schwere Gewehr fiel auf den Boden
Du ranntest weg
Abends bist du zitternd zum Haus zurückgeschlichen
Deine Mutter schrie und schrie und schrie
Ihr habt den Vater in ein weißes Tuch gewickelt
Gemeinsam habt ihr ihn aus dem Haus getragen
Im Dämmerlicht sahst du einen Falken über den Hütten kreisen
»Ich gehe weg«
Riefst du ihm leise entgegen:
»Ich gehe weg, Falke«
Das war dein Schwur, die Faust in der Tasche war fest geballt:
»Ich muss weg«
Während Said erzählt
Sehe ich die zugemauerten Häuser in der Bornholmer Straße
Eine Mauer beginnt Berlin zu trennen
Wir schreiben Sonntag, den 13. August 1961
Ich habe Ferien und fahre mit der Mutter an die Grenze
Schreie gellen uns am provisorischen Stacheldraht entgegen
Hinter den ersten gemauerten Steinen beginnt »das Drüben«
Wir stehen »im Hüben«
Ich bin so alt wie Said, als er seine Familie verließ
Von drüben winken Menschen aus offenen Fenstern
Manche Fenster sind schon zugemauert
Die von drüben winken mit weißen Tüchern
Gelähmt beobachte ich das Geschehen
Die Mauer wächst, Stein auf Stein, dazwischen Beton
»Langsam mauern sie uns ein«
Sagt die Mutter
Viele Spatzen bevölkern den Bürgersteig
Spatzen hüben und Spatzen drüben
Ich dachte:
Sie finden überall Essbares
Sie fliegen von hüben nach drüben
Der Falke
Du warst ein Kind und 13 Jahre alt
Straßen waren dein Spielplatz
Du drehtest schon Zigaretten
Du inhaliertest den Rauch gegen den Hunger
Nachts schliefst du in der Moschee
Tagsüber lebtest du auf der Straße
Du hattest in der Moschee eine Matratze
Ein Kissen für den Kopf
Manchmal gab dir der Imam etwas zu essen
In der Moschee lerntest du den Koran zu lesen und zu schreiben
In einer Sprache, die nicht die deine war
Hattest du ein Wort vergessen
Schlug dich der Imam mit der hohlen Hand auf den Hinterkopf
Mit dem Stock auf Hände und Rücken
Du wolltest lernen, viel lernen
Über die Zeit und die Ewigkeit
Über das Leben und die weite Welt
Eines Tages lauerten dir die Piraten im Hafen auf
Sie warben dich für die nächste Kaperfahrt an und drohten:
»Kämpfe für dein Land oder es kostet dich dein Leben«
Sie hatten deinen Vater erschossen
Sie hatten deine Mutter verletzt
Du ranntest weg und lebtest weiterhin auf der Straße
Angst und Trauer waren dein täglich Brot
Der Falke ist ein stolzer Vogel
Er fängt Mäuse, Hasen und Kaninchen
Im Hunger jagt er erbarmungslos und schnell
Alles, was ihm in den scharfen Blick kommt
Ergreift er sekundenschnell
Er stürzt aus großer Höhe hinab
Und krallt sich an seiner Beute fest
Er lässt sie nicht mehr los
Am Rande von Kismayo sahst du den ersten Falken
Du hattest bereits 13 Sommer erlebt
Du kanntest deinen Falken
Er zeichnete große Kreise am blauen Himmel
Er flog über die fernen Hügel hinweg
Du hörtest ihn schreien
Hungrig drang sein gellender Ruf zu dir
Du konntest ihn verstehen
Das war auch deine Sprache
Dir war, als hättest du seinen Ruf schon immer gehört
Du wolltest weg
Du wolltest nach Deutschland
Du wolltest satt werden
Du wolltest für die Geschwister und die Mutter sorgen
Sie sollten nicht mehr hungern
Du wolltest Fußball spielen
Du wolltest leben
Leben wie Schweinsteiger
Du wolltest kicken wie Podolski
Tore schießen wie Lahm und Müller
Auf deiner Reise verbrachtest du ein Jahr im Gefängnis
Die Wüste war weit und einsam, ob zu Fuß oder im Auto
Du heuertest mit zu wenig Geld bei den Schleusern an
Das Boot fuhr über das große Meer
Du warst noch ein Kind, dünn und ausgemergelt
Du brauchtest wenig Platz
Deswegen nahmen sie dich mit weniger Geld an Bord
25 Menschen ertranken
Du gehörtest nicht dazu
Du warst einer von den 90 im Boot
Die drei Tage ohne Nahrung und Wasser überlebten
»Die letzten zwei Stunden auf dem Meer waren die schlimmsten«
Sagst du
Das überladene Boot kenterte
Du konntest schwimmen!
Als kleiner Junge drückte ein Freund
Deinen Kopf oft unter Wasser
Eines Tages fiel deine Entscheidung
Du brachtest dir das Schwimmen selbst bei
Du übtest solange, bis dich das Wasser trug
Du bist am Meer aufgewachsen
»Neben mir schwamm eine Frau«
Erzählst du unter Tränen:
»Sie hat sich auf den letzten Metern an mich geklammert
Ich habe sie angefleht
Lass mich los!
Das Klammern macht mir Angst
Es zieht mich in die Tiefe hinunter«
Du packtest die Frau an ihren Kleidern
Du konntest sie wie ein Kaninchen im Nacken halten
Du zogst sie neben dir her
Nicht lange genug
Dir fehlte die Kraft nach den Tagen ohne Nahrung und Wasser
Um dich herum gingen viele Freunde unter
Ihr habt euch gekannt
Drei Tage lang habt ihr gemeinsam im Boot gekauert
Gestapelt wie Stühle – übereinander – untereinander
Ihr wart Freunde der Kälte, der Enge
Ihr wart Freunde des Durstes und des Hungers geworden
Drei-Tage-Freunde – steif und schmutzig
Die Rettungsboote suchten euch vor Sizilien
Für dich kamen sie rechtzeitig
Manchmal erzählst du davon
Du hast überlebt
Die Ertrunkenen verfolgen dich im Traum
Von Weitem entdecktest du die Berge von Sizilien
Schon bald sahst du ihn wieder
Den Falken – er kreiste, stand in der Luft
Er schrie in schrägen Tönen
Er begrüßte dich auf der anderen Seite des großen Meeres
Er erwartete dich
Jetzt wohnst du in einem Haus mit vielen Jugendlichen
Du hast im fünften Stock ein eigenes kleines Zimmer
Morgens unterhältst du dich mit dem Falken
Er besucht dich regelmäßig – noch in der Dämmerung
Mit scharfen, gelben Augen sitzt er auf deinem Fensterbrett
Ruhig verharrt er dort und horcht und äugt
Unter dem Federkleid hebt und senkt sich sein Atem
Du erzählst ihm dein neues Leben
Berichtest ihm von deinem Alltag
In der großen deutschen Stadt
Manchmal bringt er dir seine Beute
Aber du isst am liebsten nichts
Du hungerst wie deine Familie in der Ferne
Erzählst ihnen nicht von deiner jahrelangen Reise
Du ziehst immer noch fest an der Zigarette gegen den Hunger
»Ich denke klarer, wenn ich hungrig bin«
Sagst du
»Ich lerne besser, wenn mein Bauch leer ist«
Du bekommst jeden Monat 298 Euro
Das meiste Geld des Wenigen schickst du nach Hause
Per Post – deine Mutter hat kein Konto
Der Falke lebt in einem Kirchturm
Du lebst jetzt in einer deutschen großen Stadt
Der Falke ist meistens wohlgenährt
Mit wachem Auge segelt er seine Kreise
Über hohe Häuser, bei Tag und bei Nacht
Der Falke ist dir vertraut und nah
Du stehst am Fenster deines kleinen Zimmers
Und verfolgst ihn mit aufmerksamem Blick
Veränderung
»Wenn wir wollen, daß alles bleibt, wie es ist,
Dann ist nötig, dass alles sich verändert«1
Sagt der Schriftsteller
»So ist das Leben«
Sagst du
Wenn du nicht mehr weiterweißt
Innerlich brichst du dabei in Tränen aus
Äußerlich bleibst du höflich und respektvoll
»So ist das Leben«
Tröstest du dich selbst
»So ist das Leben«
Ist deine Übung in Geduld
Seit zweieinhalb Jahren wartest du auf deine Anhörung
Wir gehen zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Kurz: BAMF – was für ein Wort
Wir fahren mit der U-Bahn dorthin
Ich weiß, welche Linie zum BAMF fährt
Klärst du mich auf
Du bist schon oft mit dem Finger auf dem Plan hingefahren
Vielleicht hast du auch schon davor gestanden und gehofft
Denke ich
Wir sind ordentlich gekleidet für das BAMF
Security vor dem Eingang – freundliche Männer in Schwarz
An der Pforte hinter dem Tresen zwei Männer
Sie sprechen Arabisch und Somalisch, sie wollen helfen
»Nein – Sie werden hier nicht vorgelassen«
»Nein – Sie müssen warten, bis Sie angeschrieben werden«
»Nein – Ihre Akte liegt in Nürnberg«
»Nein – Wir können nichts für Sie tun«
»Nein – viele warten schon seit fünf Jahren«
»Ja – die Somalier haben schon demonstriert«
Draußen ist es warm, du hast Schulferien
Ich lade dich zu einem Kaffee ein
Unterwegs schauen wir in einen kleinen Laden hinein
Ein Steinway-Flügel steht mitten im Raum
Zwei Stühle davor
An der Wand ein Zitat von Friedrich Nietzsche:
»Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum«
»Was ist ein Irrtum?«
Fragst du mich
Der Duden sagt:
Irrtum bezeichnet eine falsche Annahme
