Ohne Hirn bist halt ein Depp - Johann Eckerl - E-Book

Ohne Hirn bist halt ein Depp E-Book

Johann Eckerl

0,0

Beschreibung

DER WAHNSINN GEHT WEITER: BAND 2 MIT SIEBEN NEUEN KURZGESCHICHTEN UND ERZÄHLUNGEN. Böse und unappetitlich wird's in Teufels Küche, ein alter Mann baut ein fragwürdiges Ding auf seiner Ziegenweide, die Ortsfeuerwehren ziehen in eine außergewöhnliche Schlacht gegeneinander und im Beichtstuhl erwartet den Herrn Pfarrer eine bitterböse Überraschung. Schließlich führt ein skurriler Krankentransport in einem merkwürdigen Fahrzeug zu unerwarteten Verwicklungen und am Dorfplatz bringt eine Statue den Frauenbund auf die Barrikaden. Und wieder einmal verzweifelt der Wirt an seinen zwei alten Streithanseln. In leicht lesbarer und launiger bajuwarischer Plaudersprache, mit viel Lokalkolorit und Wortwitz, hier und da mit satirischen Spitzen gespickt und auch mal schwarz und böse sind die humorvollen Geschichten aus Augsee, einer fiktiven Dorfgemeinde in Niederbayern. *** Teufels Küche *** Der Alois baut ein Ding *** Kampf der Feuerwehren *** Die böse Beichte *** Von Fröschen und Särgen *** Gertrud greift ein *** Xaver und Vitus im Wirtshaus (Folge 2).

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Dorfgeschichten aus Niederbayern

Teufels Küche

Der Alois baut ein Ding

Kampf der Feuerwehren

Die böse Beichte

Von Fröschen und Särgen

Gertrud greift ein

Dorfgeschichten aus Niederbayern

Band 2

Ohne Hirn bist halt ein Depp

Teufels Küche – Der Alois baut ein Ding – Kampf der Feuerwehren – Die böse Beichte – Von Fröschen und Särgen – Gertrud greift ein – Xaver und Vitus im Wirtshaus (2)

Alle Personen und Vorkommnisse in den Erzählungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Die Erzählungen sind in jeder Hinsicht rein fiktiv.

Teufels Küche

„Den Schwanninger Herbert fand der Fritz erst später beim Aufräumen unter einem der Tische. Der Herbert selber wusste aber nicht, dass er dort lag, weil er war wohl verstorben, sonst hätte er noch gelebt, der Herbert!“

Im niederbayerischen Augsee zieht der ehemalige Schaffner Jakob ins alte Bahnwärterhäuschen ein und verdingt sich bald als Aushilfskoch im Ort. Trotz zweifelhafter Kochkünste werden seine Dienste erfreut in Anspruch genommen – mit ebenso merkwürdigen wie denkwürdigen Ergebnissen. Bis die Augseeer Feuerwehr sich gar nicht mehr auskennt.

„Der natürliche Feind des Bahnwärters ist ja der Bus!“

Der Murauer Sepp, der hatte Busse ja nie gemocht. Die Leute sollten lieber mit der Bahn fahren, hatte er immer gemeint, weil die Bahn würde viel weniger Unfälle bauen, als die stinkenden Autobusse. Womit er ja recht hatte, weil von einem Zug war er nie überfahren worden, aber von einem Bus schon.

Er war der letzte Augseeer Bahnwärter, der Murauer Sepp. Viele Jahre lang hatte er dafür gesorgt, dass am Bahnsteig im niederbayerischen Augsee alles seine Ordnung hatte. Mehrmals am Tag drehte er die Schranke am Bahnübergang runter und vergaß nur manchmal, sie wieder hochzudrehen, nachdem der Zug durchgefahren war. Er verkaufte Fahrkarten, schimpfte mit Kindern, die am Bahnsteig zu heftig rumtobten und schickte den Zugführer mit einem selbstbewussten Trillerpfeifen wieder des Weges. Eine wichtige Autoritätsperson war der Sepp am Bahnsteig in Augsee gewesen.

Da es nach dem Sepp keinen Bahnwärter mehr brauchte in der kleinen Landgemeinde, durfte er die letzten Jahre seines Ruhestandes mit seiner Resi zur Miete im ehemaligen Bahnwärterhäuschen verleben. Bis er vom Bus erwischt worden war. Weil der Busfahrer damals, der war recht in Eile gewesen und der Sepp nicht so sehr. Und das trifft sich halt manchmal ein wenig saudumm, wenn der eine schneller fährt als der andere geht.

Die Resi überlebte den Sepp noch um fast zehn Jahre, bis auch sie schließlich auf den Augseeer Friedhof umzog. Mit ein wenig Verspätung, könnte man sagen. Denn als man sie damals fand, da war sie wohl schon ein paar Wochen tot in der kleinen Küche auf dem Stuhl gesessen und war darauf schon recht arg festgeklebt. Vornüber gebeugt lag ihr Kopf auf dem Küchentisch in einer rotbraunen, klebrig eingetrockneten Lache. Dem Feuerwehrmann, der sie damals gefunden hatte, dem war ja gleich recht schlecht geworden bei dem Anblick, hatte gar gemeint, sie hätte sich selber was angetan, wegen dem vielen getrockneten Blut auf dem Tisch. Aber das war nur der Saft vom Beerenkompott gewesen. Wie sie zusammengebrochen war, hatte sie wohl versehentlich das große Glas eingemachter Beeren umgestoßen, welches vor ihr auf dem Tisch gestanden war.

Ihr schrumpeliges Kinn lag auf dem Glasschälchen, aus dem sie ihr letztes Kompott gelöffelt hatte und welches bereits irgendwie ein wenig mit ihrer linken Wange verwachsen war. Ihre Fußknöchel waren von Ratten angenagt und überall um Tisch und Stuhl herum waren Beerenreste am Boden verstreut; manche etwas aufgedunsen von schleimiger Körperflüssigkeit, die über die Wochen an den Stuhlbeinen entlang zäh auf den Boden gekrochen war.

Nach dem Tod ihres Mannes, dem Sepp, wäre die Resi ja eine rechte „Kräuterhexe“ geworden, hieß es im Dorf. Immer im Wald auf der Suche nach Kräutern, Beeren und Schwammerln wäre sie gewesen – sogar in der Nacht – und sie hätte kaum mehr mit jemandem gesprochen, wurde erzählt. Und in die Kirche wäre sie auch nie mehr gegangen.

Seit Resis Tod vor etwa fünfzehn Jahren wohnte niemand mehr in dem alten Häuschen und keiner kümmerte sich mehr darum. Die Bahn – Besitzerin des Bahnwärter-Anwesens – erledigte nur die allernötigsten Reparaturen am Dach oder hie und da an einem kaputten Fenster. Ein paar Ratten-Großfamilien bevölkerten seither das unbehelligte Anwesen. Die wurden von den Augseeer Gemeindearbeitern zwischendurch mit Giftködern versorgt. Die Ratten wurden dadurch zwar nicht weniger, dafür gab‘s eine Zeit lang weniger Katzen in Augsee.

„Der hätt‘ ja gleich sagen können, was er meint. Und nicht, was er nicht meint!“

Der Jakob war bei der Eisenbahn angestellt gewesen und hatte sich für sein einsames Pensionistendasein ein beschauliches Plätzchen gewünscht. Ein Häuschen in einem kleinen Ort, in der Nähe einer Bahnlinie sollte es sein. Die zuständigen Damen und Herren der Bahn verkauften ihm das Bahnwärterhäuschen in Augsee gleich recht gerne und auch recht billig, damit da endlich mal ein Ende herginge mit den ständigen Anfeindungen des Bürgermeisters von Augsee.

Der Bürgermeister Haberecht ist ja von Natur aus ein zorniger Mann. Ein aufg‘stellter Mausdreck sei er, heißt es manchmal am Kirchenwirt-Stammtisch, weil der Helmut Haberecht ist ja eher klein für seine Größe. Und manchmal erinnert er ein wenig an selbst gebastelte Kastanienmännchen, mit den dünnen Beinen, dem dicken Bauch und der glänzenden Glatze – vor allem im Sommer, wenn er mit kurzen Hosen und hochrotem Kopf seinen Rasen mäht.

Das heruntergekommene Bahnwärteranwesen in seiner Gemeinde war ihm schon lange ein Dorn im Auge gewesen. Deshalb hatte er sich regelmäßig in Wort und Schrift und auch in eigener Person an die Bahn gewandt und nachdrücklich nach Renovierung oder Abriss des Schandfleckes am Augseeer Bahnsteig verlangt. Was den Herrschaften von der Bahn schon recht lästig geworden war.

Der Bürgermeister Haberecht nahm den Jakob sogleich in die Pflicht, als dieser neuer Besitzer des Bahnwärterhäuschens geworden war:

„Da müssens jetzt aber schon schauen, dass das Ganze da mal ein G‘sicht kriegt, gell! Weil so kann das natürlich nicht bleiben. Und um die Ratten müssen Sie sich auch gleich kümmern!“, hatte er dem Jakob mit auf den Weg gegeben.

Manchmal sagen die Leute ja ganz was anderes, als was sie meinen. Das kennt man ja. Wenn jetzt zum Beispiel gerade Ihre Frau oder Ihre Freundin zu Ihnen ins Auto steigen möchte und sagt: „Stell mir doch bitte den Sitz vor!“, dann wissen Sie ja auch erstmal nicht, was sie wieder meint. Und wenn Sie dann sagen: „Ja, also Renate, das ist Sitz, Sitz, das ist Renate!“, dann ist‘s vielleicht auch wieder verkehrt und Sie sind der Depp, obwohl Sie gar nichts dafür können.

Der Jakob hatte das mit den Ratten auch anders verstanden, als der Bürgermeister das wohl gemeint hatte. Und als er beim Entrümpeln des alten Häuschens im Keller große Regale voller Eingemachtem gefunden hatte, da dachte er sich, das wäre gerade recht für die Ratten. Die würden sich gewiss darüber freuen, wenn er sie mit diesen Leckereien versorgen würde. Bisher hatten sie sich hier selbst bedient, wie der Jakob aus den zerborstenen Gläsern schloss, die vor dem Regal auf dem klebrigen Fußboden verstreut waren.

So fütterte er also die nacktschwänzigen Nager regelmäßig mit Gulasch, Krautwickerln und diversen Eintöpfen, hatte doch der Bürgermeister selbst den Jakob aufgefordert, sich um die Ratten zu kümmern.

Ein wenig saudumm war jetzt aber, dass auch die Augseeer Katzen bald auf die neuen Futterquellen aufmerksam wurden, die der Jakob rund ums Bahnwärterhäuschen angerichtet hatte. Das war den Ratten jedoch gar nicht recht. Und man glaubt es ja nicht, wie arm so eine Katze dran sein kann, wenn sie mit zornigen Ratten um deren Futter rauft. Da kam es dann schon mal vor, dass sich die Leute fragten, wo denn ihr Stubentiger plötzlich das Ohr oder gar die Nasenspitze verloren hätte. Weil den Ratten war das ja völlig wurscht, wie so eine Katze ohne Ohr oder ohne Nasenspitze ausschaute. Kampferprobte Katzen wiederum hatten bald einen rechten Spaß daran gefunden, die pelzigen Gefährten im heiteren Spiel zu blutigen Klumpen zu hauen. Verspeist hatten sie die Kadaver aber nicht, bevorzugten Gulasch und Krautwickerl als Mahlzeit.

„Am Stammtisch, da sitzen ja die da, die da immer dasitzen!“

„Wer ist jetzt er?“, fragte der Armlehner Bertl laut, als er beim Kirchenwirt den Jakob am Stammtisch sitzen sah.

Der Bertl kam gerade vom Stockschießen und gesellte sich zu den Stammtischlern, unter denen heute auch der Jakob saß. Noch bevor er eine Antwort bekam, rief er dem Wirt zu:

„Hast was zum Essen da, Fritz? Mich tät‘s recht hungern!“

„Heiße Würstl kannst haben.“

Beim Kirchenwirt in Augsee wird ja nur auf Bestellung gekocht, wenn‘s gar sein muss. Bei Vereinsversammlungen oder für eine Hochzeit oder auch für einen Leichenschmaus, wenn mal wieder einer im Friedhof nebenan eingezogen ist. Da gibt‘s dann Schweinsbraten, Schnitzel oder Ochsenfleisch oder so was eben. Aber sonst gibt‘s beim Kirchenwirt nur eine kleine Brotzeit. Oder eben gar nichts, wenn gerade nichts da ist.

„Du immer mit deinen Würstln!“, meinte der Bertl mürrisch, bestellte aber mangels Alternative drei Paar davon zu seinem Bier.

„Und? Wer bist jetzt du?“, wandte er sich dann dem Jakob zu.

„Jakob! Der Jakob bin ich“, lächelte dieser ihm entgegen.

„Wer bist?“, fragte der Bertl mit lauter Stimme nach.

Der Armlehner Bertl, der spricht ja immer recht laut, auch wenn er sich gerade nicht aufregt, weil sonst würde er wegen seiner Schwerhörigkeit ja selber nicht hören, was er gerade sagt.

„Jakob heiß‘ ich! Ich wohn‘ drunten im alten Bahnwärterhäusl“, prostete der Jakob dem Bertl zu und nahm einen großen Schluck aus seinem Weißbierglas.

„Ja, der Jakob vom Bahnwärterhäusl ist er. Wie kommst jetzt du zu dem alten Bahnhäusl da drunten?“

„Ich bin letztes Jahr hergezogen. Wie ich noch g‘arbeitet hab‘, da hab ich in Passau zur Miete g‘wohnt. Aber jetzt bin ich in Rente und da hab‘ ich mir halt das kleine Häusl hergerichtet.“

Schaffner bei der Bahn wäre er gewesen, erklärte der Jakob etwas lauter, weil er gemerkt hatte, dass der Bertl sich immer weiter über den Tisch zu ihm herüberbeugte – mit dem linken Ohr voraus, weil das noch das bessere von den beiden war.

Am Nebentisch saß die Trautmannsdorfer Marianne mit der Gaisbauer Getrud bei einem Glas Wein. Die Marianne war ganz froh, dass jetzt lauter gesprochen wurde am Stammtisch, denn ihr ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis brauchte ja regelmäßigen Nachschub an Neuigkeiten. Und im Vergleich zu so einem Stammtisch ist ja jede Nachrichtensendung im Fernsehen nur so spannend wie eine Maiandacht. Angeregt von den ersten Erkenntnissen über den Zugezogenen brachte sich die Marianne nun in die weitere Befragung des Jakobs ein und wandte sich mit drängender Stimme an den Nachbartisch:

„Ja, da schau her! Im Bahnwärterhäusl wohnt er. Ja, jetzt kann man‘s wirklich wieder anschauen das alte Haus. Schaut gar recht nett aus jetzt.“

Nachdem der Jakob sich zu ihr umgewandt hatte, meinte sie gleich weiter:

„Aber ist ja schon ein bisserl klein, das Häusl, gell? Was sagt denn da die Frau dazu, zu dem kleinen Häuserl?“

„Ich bin nicht verheiratet. Mich hat nie Eine heiraten mögen, weil ich als Schaffner immer so viel unterwegs g‘wesen bin, weißt eh!“, erklärte der Jakob lachend.

„Ach, ganz alleine bist? Ja, wer kocht dir denn dann? Nicht, dass du uns da verhungerst in deinem Häusl! Bist eh ein bisserl mager“, scherzte die Marianne und stupste die alleinstehende Gaisbauer Gertrud an, die sich verlegen wegdrehte.

„Geh, das mach‘ ich schon selber. Sonst wär‘ ich ja längst verhungert“, lachte der Jakob.

„Marianne heiß‘ ich. Und du bist der Jakob, hab ich schon g‘hört, gell?“, reichte ihm die Marianne die Hand und schüttelte ihn heftig. Die Marianne ist ja ein recht ein g‘standenes Weibsbild, wie man so sagt, wenn es eine Dame von eher kräftiger Statur ist, die einen schüttelt.

„Ja, schön, Marianne, dann Prost!“, meinte der Jakob, nachdem er seine Hand wieder zurück hatte.

Die Marianne nippte an ihrem Wein und der Jakob leerte sein Bierglas. Dann sagte er:

„Nein, wirklich, Marianne, brauchst nicht meinen, dass ich das nicht könnt‘. Ich mach‘ das recht gern, das Kochen. Musst einmal mein Gulasch probieren, da wirst schauen! Oder mein Lüngerl.“

„Ach, da schau her!“, tat die Marianne überrascht und lachte, während die Gertrud mit gesenktem Kopf den Tisch ankicherte und ihre große Hornbrille etwas zurechtrückte.

„He, Jakob. Kannst vielleicht gar schafkopfen?“, brachte sich der Bertl wieder mit unleiser Stimme ins Gespräch ein.

„Ja freilich kann ich schafkopfen, Bertl!“

„Ja, dann pack mas! Der Heini und der Franzl sind auch dabei, gell? ... Fritz, bring uns doch ein Packerl Karten!“

„Manchmal, da mag‘s schon recht saudumm hergeh‘n, glaubst es!“

„Was wird jetzt da der Bürgermeister dazu sagen?“, war es dem Jakob recht unangenehm, dass es wohl gar keine Ratten mehr gab, rund ums Bahnwärteranwesen. Die hätten sich bestimmt eine andere Unterkunft gesucht, vermutete er, weil ihnen die Kämpfe mit den vielen Katzen sicher schon recht lästig geworden wären. „So ein Ratz ist halt auch nur ein Mensch und will einfach seine Ruhe haben“, dachte er sich.

Etwas ratlos stand er in seinem Gärtchen, mit einem geöffneten Einmachglas Lüngerl aus seinem Keller in der Hand und sah sich um, ob er nicht doch noch irgendwelche Spuren der pelzigen Nager entdecken könnte. Da näherte sich die Trautmannsdorfer Marianne, die gerade mit dem Zug aus Mühldorf angekommen war und beim Aussteigen den Jakob in seinem Garten entdeckt hatte.

„Ja, schön, dass ich dich grad‘ treff‘, Jakob!“, begrüßte sie ihn am Gartenzaun und meinte sogleich zu ihm:

„Du Jakob, du kennst doch bestimmt die Hinterholzer Elfriede, gell?“

„Ja, ich weiß nicht so genau. ... Ich mein‘ eher nicht!“, war der Jakob ein wenig unsicher.

„Man glaubt‘s ja nicht, was die für einen saudummen Unfall g‘habt hat, die Elfriede. Stell dir vor, der Max, ihr Mann, ist ihr über den Arm drüberg‘fahren! Mit dem Bulldog ist er ihr über den Arm drüberg‘fahren. Jetzt ist er natürlich hin, der Arm!“

„Ja, um Gott‘s Willen, wie ist denn das passiert?“, fragte der Jakob entsetzt.

„Beim Heueinfahren hat sich so ein Heuballen, ... weißt schon so ein runder, der ist ins Rollen gekommen und hat die Elfriede überrollt. Und dann wollt‘ der Max den Ballen aufhalten und ist ihm mit dem Bulldog rücklings entgegeng‘fahren und hat ihn dann zurückg‘schoben. Grad‘ wieder über die Elfriede drüber. Weil die ist ja noch ganz damisch dagelegen und deshalb hat sie der Max ja nicht g‘sehen. Ja, und wie er den Ballen dann zurückg‘rollt g‘habt hat, über die Elfriede drüber, da ist jetzt ihr Arm so saudumm rumgelegen, dass der Max ihn überfahr‘n hat, den Arm!“

„Jessas, und wie geht‘s ihr denn jetzt, der Elfriede?“, fragte der Jakob mitfühlend.

„Ja, mei, gell. Er ist halt hin, der Arm, der rechte. Mehr zerquetscht, als wie gebrochen, weißt! Und ein paar Rippen sind auch hin. Aber das war nicht der Max, sondern der Heuballen! Weißt eh, der hat ja gleich mal vier-, fünfhundert Kilo, so ein Ballen“, antwortete sie und ergänzte seufzend:

„Ja, der arme Fritz!“

„Welcher Fritz? Was meinst jetzt mit dem Fritz. Ich hab g‘meint Max heißt ihr Mann?“

„Ja, ja, schon. Aber die Elfriede hat ja dem Fritz, ... weißt schon, dem Wirt, dem hat sie immer in der Küche g‘holfen, wenn er eine Veranstaltung g‘habt hat“, erklärte sie und meinte, dass ja am nächsten Sonntag beim Kirchenwirt die Jahreshauptversammlung vom Frauenbund wäre und der Pfarrgemeinderat und der Herr Pfarrer Wohlfahrt wären da auch dabei und der Fritz hätte doch jetzt gar keine Hilfe mehr.

Nachdem die Marianne ihr neues Wissen mit dem Jakob geteilt hatte, blickte sie auf das Glas, das er in der Hand hielt.

„Was hast denn da? Hast dir was gekocht? Was ist es denn?“, fragte sie, und kaum dass der Jakob das Glas anhob und etwas zögerlich meinte:

„Ja, ... ein Lüngerl ist das“, da fuhr die Marianne mit dem Finger ins offene Glas und lutschte sogleich die grau-braune, geleeartige Masse von ihrem Zeigefinger.

Erschrocken zog der Jakob das Glas zurück und meinte:

„Geh, Marianne! Das ist doch ... kalt! Ganz kalt ist das ja, das schmeckt ja nicht!“

Sie probiere auch das hausgemachte Lüngerl beim Metzger immer kalt, bevor sie sich eins kaufen würde, belehrte sie ihn und versicherte:

„Ganz fein ist das, Jakob, wirklich ganz fein! Richtig g‘schmackig!“

Und plötzlich meinte sie überschwänglich:

„Ja, Jakob! Du bist doch so ein leidenschaftlicher Koch, hast ja g‘sagt! Könnst nicht du dem Fritz helfen, wenn die Versammlung vom Frauenbund ist? Die Gertrud würd‘ sich bestimmt recht freuen, wenn du ihr was kochen würd‘st. Weißt, die Gaisbauer Gertrud ist ja die Vorsitzende vom Augseeer Frauenbund.“

„Ja, ich weiß jetzt auch nicht“, war der Jakob ein wenig überrumpelt und wusste auch gerade nicht, wer denn die Gaisbauer Gertrud wäre.

„Zeit hätt‘ ich vielleicht schon. Aber im Wirtshaus hab ich noch nie gekocht, weißt. Nur daheim, für mich halt.“

Das würde schon werden, meinte die Marianne, während sie sich winkend auf den Weg nach Hause machte, und sie würde dem Fritz gleich Bescheid sagen.

Der Jakob war etwas verunsichert, als er mit seinem Glas in der Hand zurück ins Haus ging. Er schnupperte vorsichtig am Inhalt und musterte dann das kleine vergilbte Etikett: LÜNGERL 1993.

„Wenn einmal was gar zu alt ist, dann ist‘s ja oft nicht mehr ganz frisch!“

Die Idee, sich mit den eingemachten Leckereien von der Murauer Resi zu behelfen, war dem Jakob gekommen, als er am Tag der Frauenbund-Versammlung gemerkt hatte, dass beim Kirchenwirt gar nichts da war, womit er überhaupt irgendetwas hätte kochen können. Außer alte, trockene Semmeln. Weil, der Fritz hatte ja gemeint, da würde sich der Jakob drum kümmern und der Jakob hatte dasselbe gemeint – nur mit dem Fritz am Ende halt. Und das war jetzt ein wenig deppert gewesen, weil man am Sonntag Nachmittag nur noch an der Tankstelle in Sonnberg einkaufen hatte können, aber da gab‘s dann nur noch Grillkohle.

Der Jakob war ganz froh gewesen, dass immer noch so viele Katzen auf der Suche nach ihren pelzigen Spielgefährten und nach gefüllten Futternäpfen um das Bahnwärterhäuschen strichen. Die ließ er nämlich vorkosten, bevor er die Töpfe mit dem Inhalt der Einmachgläser befüllte, um das Essen später in der Kirchenwirt-Küche aufzuwärmen. Weil, wenn etwas fünfzehn, zwanzig Jahre im Keller gestanden hatte, dann könnte es schon sein, dass was nicht mehr ganz frisch wäre, wusste er.

Keiner Katze war schlecht geworden. Und was für eine Katze gut wäre, könnte auch für den Frauenbund recht sein, war er sich sicher. Nur das Beerenkompott wollten die Katzen nicht probieren. Das lag jetzt aber weniger am Kompott, als vielmehr an den Katzen. Weil so eine Katze, die mag ja von Natur aus ein Kompott lieber nicht.

***

Die Knödel waren ihm nicht ganz rund geraten, dem Jakob. Eher unrund. Aber geschmeckt haben sie den Leuten, die Semmelknödel. Dazu gab‘s Rindergulasch, Jahrgang 1996. Und die Krautwickerl waren ihm auch ganz gut gelungen, weil er sie ganz langsam aufgewärmt hatte, nachdem er einige Gläser mit der Aufschrift „KRAUTWIGGERL 1998“ auf mehrere Töpfe aufgeteilt hatte.

Die Damen vom Frauenbund und die Herrschaften vom Pfarrgemeinderat waren dann auch recht zufrieden und es wurde ein recht lustiger, langer Abend, weil die Gesellschaft sich arg viel zu erzählen hatte. Nur hin und wieder begann eine der Damen, vor Rührung ein wenig zu weinen und der Pfarrer Wohlfahrt hatte einen rechten Durst und putzte dauernd seine Brille. Sein Blick wäre getrübt von so viel anwesender Schönheit, meinte er mit Tränen in den Augen.

Die Marold Margarete musste nicht weinen. Aber einen rechten Durst hatte sie bekommen. Spät in der Nacht hat sie ihr Mann noch ins Krankenhaus gebracht, weil sie einen rechten Bluthochdruck bekam, wie man dort feststellte. Sie hätte wohl den Marillenlikör nicht so gut vertragen, meinte der Max, ihr Mann.