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Leipzig, kurz vor der Wende: Lebenshungrig und mit künstlerischen Ambitionen im Gepäck zieht die namenlose Ich-Erzählerin von »Oktober okay« aus der brandenburgischen Provinz in die Großstadt, Brandherd der Montagsdemonstrationen. Dort gerät sie über ihren Jugendfreund Heiko Jaskulke schnell in einen illustren Kreis aus Lebenskünstler:innen und Bohemiens. Mit einem Mal öffnet sich der Anfang Zwanzigjährigen eine kleine Welt, in der scheinbar Raum zu Selbstentfaltung, Solidarität und Subversion besteht. Doch in anfängliche Euphorie mischen sich bald erste Rückschläge und quälende Selbstzweifel. Als sie sich mit dem charismatischen und deutlich älteren Maler Achim Kyssler einlässt, löst sie schließlich Verwerfungen aus, die nicht zuletzt in ihr selbst traumatische Spuren hinterlassen. Indessen mehren sich in der Friedlichen Revolution die Anzeichen einer gewaltvollen Eskalation … Mit leichter Hand und poetischer Dringlichkeit zeichnet Fiona Lehmann ein Panorama der »Heldenstadt« Leipzig, das sich der Wendezeit fernab abgenutzter Schablonen nähert. Ihr Debütroman ist eine zeitlose Coming-of-Age-Geschichte im Gewand des revolutionären Geschehens, die Nischen des Glücks im falschen Ganzen auslotet. Mit atmosphärischen Illustrationen des Leipziger Malers Philipp Orlowski.
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Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2024
FIONA LEHMANN
ROMAN
Mit Illustrationen von Philipp Orlowski
© Ventil Verlag UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG, Mainz 2024. Alle Rechte vorbehalten.
1. Auflage November 2024
ISBN print 978-3-95575-229-3
ISBN epub 978-3-95575-639-0
Covergestaltung: Oliver Schmitt, unter Verwendung einer Illustration von Philipp Orlowski
Ventil Verlag, Boppstraße 25, 55118 Mainz
www.ventil-verlag.de
Erster Teil
Zweiter Teil
Epilog
Dank
Die Sonne setzte der Schlagsahne zu. Der weiße Klecks zerrann auf meinem Stück Pflaumenkuchen, verdarb mir den Appetit und hinterließ zähe Wehmütigkeit. Gleichgültig, aber dennoch grob zerdrückte Jaskulke die Krümel auf seinem Teller mit dem Zeigefinger. Schließlich erbarmte er sich und trug seinen Aufheiterungsversuch mit Fassung zurück in die Küche. Ich lehnte mich über das Balkongeländer und spuckte trotzig die Kerne der übrig gebliebenen Pflaumen runter in den verödeten Hinterhof.
Er hatte es ja gut gemeint, das konnte man einem Heiko Jaskulke nicht nehmen. Sicherlich war er mit seinem Moped bis nach Mölkau gefahren, über Mauern geklettert, an Schutzstreifen entlang geschlichen, auf Streuobstwiesen umher und durch Hintergärten gestreunt, um an die verdammten Pflaumen zu kommen.
Doch die Schwere des sich neigenden Spätsommers umfing mich mit solch einer Traurigkeit, dass ich zu keiner Zuneigung oder gar großen Geste imstande war. Dabei hatte ich es in diesem Jahr wirklich versucht, ich hatte dem Sommer persönlich die Hand gegeben, mich zusammengerissen und versucht zu genießen. Ich griff nach den Zigaretten, die wir aus Polen mitgebracht hatten, und steckte mir eine an.
»Weißt du«, stöhnte Jaskulke zu mir auf den Balkon hinaus, »du bist wie ein Strohfeuer. Du bist einfach aufgetaucht, hast alles angezündet und zum Lodern gebracht. Und jetzt lässt du nach, ziehst dich zurück. Du verebbst.« Er spielte mit der knarzenden Balkontür, sah mich an und machte weiter: »Ich bewundere dich. Aber du hast Verbrennungen verursacht, die so schnell nicht wieder heilen werden. Das muss dir klar sein.«
Die Worte trafen mich. Jaskulke hatte recht. Ich grinste aber bloß. Die Zündhölzer zückend lehnte ich mich in die Küche und fragte albern: »Na, und jetzt brauchst du mein Feuer wohl?« Genüsslich brachte ich die Zigarette, die seit ein paar Minuten in seinem Mundwinkel wartete, zum Qualmen.
Vor einem Jahr hatte ich Zossen verlassen. Die Erinnerung an die kalten, dunklen Flure der Polytechnischen Oberschule verdrängte ich leidenschaftlich. Die an den Zorn meiner Mutter und die Hilflosigkeit meines Vaters eher bekümmert. An meinen Bruder dachte ich gern. Manchmal schrieben wir uns Briefe, ich fand, er machte sich.
Meine Ankunft in Leipzig hatte sich möglicherweise wirklich wie ein Strohfeuer gestaltet. Ich hatte mich zum ersten Mal so klar, unabhängig und nahezu unsterblich gefühlt, dass ich vermutlich viele Menschen vereinnahmt hatte, die ich gar nicht vereinnahmen wollte. Oder hatten sie mich vereinnahmt und ich hatte sie nicht daran gehindert? Ein zages Schaudern kroch in mir hoch. Ein Bewusstsein von Schuld, ein Bewusstsein, Fehler gemacht zu haben. Doch noch wollte ich naiv, rein und vor allen Dingen glücklich sein.
»Wir müssen los jetzt!« Jaskulke zog sich die Schirmmütze tief in die Stirn, warf sich das Jackett über die Schulter und pochte nervös an den Türrahmen der Küche. Ich schluckte den Kern der letzten Pflaume herunter, einfach weil ich so etwas schon lange nicht mehr getan hatte, hüpfte leichtfüßig von der Balustrade und erklärte mich bereit zu gehen.
Annett Handke hatte in ihre Wohnung am Südplatz zu einem Leseabend eingeladen. Da musste man sich zeigen und mithalten, schick sein und Bier trinken, reden und rauchen. Die Dichterinnen und Dichter waren immer die Bestgekleideten und hielten ihre Bierflaschen auf Bauchnabelhöhe. Ich hielt mich lieber zurück. Ich war es leid, das ewige Augenbrauenhochziehen, die Gespräche über Umgestaltung und Offenheit, über Heiner Müller und Johanna Schall, und überhaupt der verdrossene Vergleich zu Berlin. Es hieß immer: »Leipzig bringt einfach nichts Eigenes, nichts Kritisches auf die Beine.« Daher fuhr man gesammelt nach Berlin, um sich Inszenierungen am Deutschen Theater oder an der Volksbühne anzusehen. Auch mir war aufgefallen, wie verkrustet und angepasst hier meist inszeniert wurde, dennoch wollte ich nicht in den Kanon einstimmen, der auf Leipzig schimpfte. Denn immerhin gab es hier jede Menge Musikgruppen, die auftraten und ihre Kassetten verteilten, obwohl sie keine Einstufung bekommen hatten oder sich gar nicht erst einstufen ließen. Gewissermaßen zählte auch ich zu ihnen. Ich fand, dass genau dort, fernab der Institutionalisierung, weitaus mehr Potential zur Umgestaltung lag als auf den großen Bühnen. Doch mischte ich mich nicht sonderlich gerne in diese Gespräche ein, ich gab mich nahezu apathisch. Es mangelte mir an Vitalität und Entschlossenheit, um mir dem Ausmaß und der Relevanz unserer Wut bewusst zu werden. Kurzum: Ich konnte und wollte es weder ausnoch verstehen. Gleichzeitig genoss ich es, dazuzugehören und zuzuhören. Die Kleine zu sein, die für eine ganz Große gehalten wurde. Ich war zwanzig Jahre alt und schlief mit Männern, die beinahe vierzig waren und mich für eine erwachsene Frau hielten. Dennoch war ich oft traurig und beschämt. Ich hielt mich nicht für eine erwachsene Frau, ich hielt mich für ein grobes Stück Plastilina, das meine Hände als Kind zwar liebevoll und mit viel Fantasie gestaltet, aus mangelnder Begeisterung jedoch mit den Jahren vernachlässigt und vergessen hatten. Ja, ein rohes, kaltes, hartes Stück Knetmasse war ich, das sich nach warmen, kräftigen Händen sehnte, die es zurechtformen würden.
Ich zog die Wohnungstür hinter uns zu und trabte neben Jaskulke die vier Stockwerke nach unten in den Spätnachmittag. Es wimmelte nur so von hüpfenden Kindern, schraubenden Halbstarken und Fürst-Pückler-Eis essenden Müttern. Sonntags traf sich scheinbar halb Leipzig vor unserer baufälligen Haustür auf der Richard-Lehmann-Straße. Gedankenverloren blieb ich neben Jaskulkes Simson stehen und wartete darauf, dass er die Sicherung löste.
»Nein, wir laufen, ich will trinken«, sagte er, amüsiert über meine Kopflosigkeit. Bis zum Südplatz war es nicht allzu weit. Die Karl-Liebknecht-Straße hinauf gingen wir ohne ein Wort zu wechseln.
Die gesamte Lesung über hatte ich an der Schiebetür zur Wohnstube gelehnt, mir waren die Beine müde und die Knie steif geworden. In der Hand hielt ich noch immer mein erstes Bier, das inzwischen ganz warm war und matschig schmeckte. Es war wohl nicht viel los mit mir, wenn ich drei Stunden für ein Bier brauchte. Von den vier Beiträgen der Lesung hatte mich vor allem ein längerer Text von Ramona beeindruckt, die ich vom Sehen kannte. Ihr Text, eine Art Tagebucheintrag oder Bericht, war eindringlich und beklemmend und hatte gleichzeitig ein euphorisches Kribbeln in meiner Brust ausgelöst, sodass ich mir auch ohne viel Bier ganz berauscht vorkam. Ramona schrieb so aufrichtig und schöpferisch von Arbeit, Alltag und ihren Kindern, dass es mich an Maxie Wander erinnerte. Ich bekam Lust, mal wieder die Tagebücher und Briefe zu lesen und suchte gedanklich meine Bücherregale nach dem kleinen Taschenbuch ab. Vielleicht hatte ich es auch verliehen?
Es wunderte mich, dass hinterher niemand so richtig über den Text sprach, sondern wieder nur irgendwelche Sprüche gerissen wurden.
»Hätt’ ich nicht erwartet, hat sie ja echt fein gemacht«, ließ jemand verlauten, der breitbeinig neben mir im Türrahmen saß. Ich hatte mit den Augen gerollt und ihn möglicherweise etwas zu abschätzig angestarrt. Aber es war wirklich grotesk, Ramona war doch kein Kleinkind, das die Gebote der Jungpioniere auswendig vorgetragen hatte.
Annetts Wohnung hatte sich mittlerweile ein wenig geleert und ich hatte mich auf einen grünen, federnden Sessel neben eine hübsche Stehlampe gesetzt. Teilnahmslos, aber doch hellwach ließ ich meinen Blick schweifen. Obwohl der Qualm der Zigaretten die Sicht sehr verschleierte, konnte ich Jaskulke am Küchentisch ausmachen. Ich erschrak, er sprach mit Moni. Dabei hatte ich doch sorgfältig und aufmerksam alle Gesichter erfasst und mich in Sicherheit gewägt, ihr hier keinesfalls zu begegnen. Auch dass Jaskulke mich, ohne mich zu warnen, allein gelassen und sich zu ihr gesellt hatte, versetzte mir einen kleinen Stich. Seine Parteilosigkeit konnte mitunter sehr verletzend sein.
Moni und ich, wir hatten uns unvereinbar zerstritten und seither nicht mehr miteinander gesprochen. Und das alles wegen dieses Blödsinns mit Achim. Tiefer Gram begann wieder an mir zu nagen. Moni war meine beste Freundin, meine Komplizin gewesen. Ich vermisste die Nachmittage, an denen wir auf ihrem Teppich herumgelegen, eine Kassette nach der anderen in das Deck gesteckt und uns gegenseitig aus Büchern vorgelesen hatten. Es durchzuckte mich, Moni hatte ich mein Maxie-Wander-Buch ausgeliehen. Verdammt, das würde ich so schnell nicht wiedersehen. Die bildhübsche Monika Heiderich, der alle zu Füßen lagen, die nur mit den Wimpern zu zucken und ihre Lippen aufeinanderzupressen brauchte, um ihren Willen zu bekommen. Ich hatte sie im Stich gelassen. Oder sie mich? Es hatte ihr nicht mehr gefallen, Umgang mit einem unanständigen Flittchen zu haben.
Ich war nicht unanständig und ein Flittchen war ich sowieso nicht. Ich war nur ein wenig mutiger als sie gewesen und hatte das alles als ein Spiel gesehen. Ein Spiel, das ich nun offenbar verloren hatte.
Mit Achim war ich zu weit gegangen, das war mir bewusst. Achim war Monis Vater und er hätte niemals in meinen Kader geraten dürfen. Doch Moni tat nun so, als wäre das alles mein Verschulden, als hätte ich ihn verführt, ihren armen, ahnungslosen Vater. Das machte mich so wütend und ohnmächtig. Ihr musste doch klar sein, dass Achim kein unschuldiger, fehlerfreier Held war. Er war die größte Hure der Stadt. Und ich war blauäugig genug gewesen, sein und mein Spiel aufeinandertreffen zu lassen.
Dabei war mir dummerweise eine Fatalität unterlaufen. Bei der Erinnerung daran wurde mir übel, ich begann zu zittern. Schnell wandte ich meinen Blick von der Küchentür ab und ließ ihn weiterwandern.
Am rechten Fenster stand ein adretter, recht junger Mann, den ich schon ein paarmal in unseren Runden gesehen hatte. Er unterhielt sich angeregt mit zwei Frauen, aber ich konnte nicht hören, worüber. Eigentlich war er nicht mein Typ, eigentlich langweilte er mich schon allein durch sein Auftreten. Ich wusste nicht einmal, wie er hieß. Ulrich oder so. Vielleicht auch Frank oder Steffen. Ich musste kichern. Dafür, dass ich mir gerade dargestellt hatte, wie uninteressant ich ihn fand, machte ich mir ganz schön viele Gedanken über ihn.
Immer wieder suchte er meinen Blick und hielt ihm dann lächerlich lange stand. Auch jetzt, von meinem Kichern alarmiert, schossen seine Augen zu mir. Ich beobachtete, wie er die letzte Zigarette seiner Packung anzündete und beschloss, dass dies mein Auftritt sein würde. Ich würde gefragt sein, meine Zigaretten würden gefragt sein und ich würde helfen. Bis dahin würde ich hier auf meinem Thron ausharren. Hier hatte ich alles gut im Blick.
Plötzlich strich mir sanft eine Hand übers Knie. Vor Schreck entwirrte ich meine Beine, die ich übereinandergeschlagen hatte, und setzte mich kerzengerade auf. Es war Annett, die sich vor mir aufbaute und mich mit ihrer sanftmütigen Art musterte. »Möchtest du noch ein Bier, Liebes?«, fragte sie säuselnd. Ich bejahte, denn eine Verweigerung hätte sie gewiss nicht ohne Kränkung oder zumindest nicht ohne Erklärung hingenommen. Und ich konnte mir ja nicht einmal selbst erklären, wieso ich schon wieder so abwesend und unheilvoll in die Ferne glotzte und mir der Alkohol nicht recht munden wollte.
Ausgerüstet mit einer neuen, kühlen, braunen Glasflasche löste ich mich aus Annetts fürsorglichen Fängen und suchte das Weite auf dem gegenüberliegenden Fensterbrett. Hier stand zumindest ein Aschenbecher. Sogleich zelebrierte ich meinen Perspektivwechsel mit einer Zigarette, während ich das Ernst-Barlach-Plakat studierte, das an der Wand über dem Sessel hing, in dem ich gerade noch gesessen hatte. Es zeigte ein Selbstporträt von ihm und kündigte eine Gedenkausstellung vor sechsundzwanzig Jahren in der Deutschen Akademie der Künste in Berlin an. Ich hatte Barlach nie so ganz begriffen, oder eher den Kultstatus nicht, der ihm anhaftete. Dabei gefiel mir die Stimmung seiner Figuren und Bilder grundsätzlich ganz gut und seine nihilistische Tendenz sagte mir selbstredend zu. Vielleicht hatte ich mich nur noch nicht ausreichend mit ihm befasst, um ihm und seinen Werken die angemessene Bewunderung entgegenzubringen. Es schreckte mich eben immer ein wenig ab, wenn fanatisch und treuherzig gesprochen wurde. Doch umso länger ich das Plakat prüfte und sein abgedrucktes Antlitz betrachtete, umso vertrauter und sympathischer wurde er mir. Obgleich er sehr zurückhaltend wirkte, stach er heraus, von seinem Platz an der Wand aus warf er einen ernüchterten Blick auf Annetts Gäste. Mich überkam das dringende Bedürfnis, Annett mitzuteilen, dass die Abbildung ganz fabelhaft in ihre Wohnung passte. Allerdings war sie schon längst in die Küche weitergezogen und bediente Jaskulke und Moni mit Bier. Ich wandte mich nach links, um immerhin dem adretten jungen Mann mit dem Zigarettenmangel meinen neu gewonnenen Freund Ernst Barlach vorzustellen. Jedoch musste ich entsetzt feststellen, dass ich meinen Einsatz verpasst hatte. Er war fort. Vielleicht besorgte er einfach nur ein neues Päckchen Zigaretten. Aber eigentlich vermutete ich stark, dass er gegangen war und das sicherlich in Begleitung einer oder vielleicht auch beider Frauen, mit denen er sich unterhalten hatte. Denn auch keine der beiden konnte ich mehr ausfindig machen.
Auf einmal kam ich mir so albern vor. Es war denkbar, dass er mich gar nicht angesehen und meinen Blick gesucht hatte, sondern dass ich mir dies aus Sehnsucht nach Aufmerksamkeit eingebildet hatte. Und überhaupt, was tat ich auf solch einem Leseabend? Ich wagte es ja nicht einmal, meine Texte bei Literaturzeitschriften einzusenden, geschweige denn, sie vorzutragen.
Ich sagte mir, dass ich womöglich geisteskrank sei und verordnete mir eine Ruhepause, in der ich mich mit mir selbst aussöhnen wollte. Außerdem musste ich am nächsten Morgen wieder zur Arbeit, da war es weise, rechtzeitig zu Bett zu gehen. Mein Brigadeleiter duldete keine verschlafenen Verzögerungen.
Ich stahl mich, nachdem ich das auferlegte Bier durch meine Kehle gespült hatte, klammheimlich davon und schritt den nasskalten, bereits ein wenig mit Laub gespickten Gehsteig in Richtung Süden hinab. Es wurde also wieder Herbst in meinem grauen, aschfahlen Leipzig. Ich war mir unsicher, ob mich das freute oder ob es mir Angst machte. Es fühlte sich an, als hätte ich noch eine Rechnung mit dem Sommer offen. Irgendetwas war er mir noch schuldig, ich hatte mir doch solche Mühe mit ihm gegeben. Ich dachte an den Pflaumenkuchen, den Jaskulke mir am Nachmittag versucht hatte zu verabreichen, und entschied dann doch, dass dies der letzte Gruß des Sommers gewesen sein sollte. Ewig konnte ich nicht warten, dann sollte der Herbst eben loslegen und zeigen, was er mir zu bieten hatte. Ich wechselte die Straßenseite, um links vor dem großen Haus der SED-Bezirksleitung in unsere Straße abzubiegen und beschloss, dass es so nicht mit mir weitergehen konnte. Etwas musste geschehen, es war wirklich jämmerlich.
Es war also, genau wie jetzt, Ende September, als ich letztes Jahr endlich bei meinen Eltern ausgezogen war. Mein Vater hatte mich hierher kutschiert. Der Wartburg war so vollgestopft mit meinen Sachen, dass er fast aus allen Nähten platzte.
Mein Vater bedauerte sich sehr, sein niedergeschlagenes Ratschlagen und Schweigen stimmte mich beinahe mitleidig. Ich war ihm dankbar, dass er mir half, aber ich verspürte auch eine starke Abneigung – wir hatten uns nichts zu sagen. Seitdem ich begonnen hatte zu schreiben, mir Brüste gewachsen waren und ich nachts bei Gewitter nicht mehr in das Bett meiner Eltern gekrochen kam, hatte er sich mir gegenüber verschlossen und sich zurückgezogen. Oft hatte ich das Gefühl, er fürchtete mich. Vielleicht fürchtete er aber auch nur die Weiblichkeit, die da in mir herangewachsen war und mit der er nicht umgehen konnte, weshalb er sich mir, wie auch meiner Mutter, selbstlos unterwarf und sich dann dafür bemitleidete.
In der Dübener Heide hielten wir kurz am Straßenrand und vertraten uns die Beine. Ich rauchte, er trottete stumm neben mir her. Ich wusste, dass er es nicht mochte – das Rauchen und meinen Genuss daran. Ich steckte mir gleich die Nächste an.
Dann ließ ich ihn los.
Ich konnte ihn nicht retten und er konnte mir nichts Bedeutsames mehr mit auf den Weg geben.
So trugen wir in der Richard-Lehmann-Straße meine Kommode, das Bett und all die Kisten mit Büchern und Schallplatten nach oben, als hätten wir uns bereits endgültig Adieu gesagt.
Für eine Nacht war mein Vater dennoch bei mir geblieben. Am nächsten Morgen half er mir dabei, die Gardinenstangen anzubringen, und zog großspurig eine Fuge aus Cenupaste um das Waschbecken in der Küche.
Nach dem Mittagessen, Jaskulke hatte einen vorzüglichen Eintopf zubereitet, fuhr er zurück nach Zossen. Ich begann mit einem erlösten Gefühl, mein Zimmer einzurichten. Als ich die Bücher sortierte, um sie in der richtigen Anordnung in meinen Regalen unterzubringen, stieß ich auf das Sonderheft des Poetenseminars 1983. Dort, während des Poetenseminars, hatte ich Jaskulke kennengelernt!
