Oktobernächte - Gérard Nerval, de - E-Book

Oktobernächte E-Book

Gérard Nerval, de

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Beschreibung

Den Rahmen um die Geschichte spannt eine Reise im Oktober, die Nerval aus Paris in umliegende Dörfer führt. Abenteuerliche Personen an faszinierenden Orten kreuzen seine Wege und wir dürfen ihn dabei begleiten. Wir treffen auf längst vergessene oder unbekannte Personen, seltsame Gestalten, verruchte Etablissements abseits der feinen Gesellschaft und lernen ein anderes Paris und das damalige, noch ländliche Umland durch die eigenwillige Sprache Nervals kennen. Es spiegelt das echte Leben wider und bleibt doch auch ein Traum; eine Zeitreise, die kurzweilig und doch lange unvergessen bleibt. Eine Erzählung für alle Fans von Nerval und für jene, die es noch werden möchten.

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Seitenzahl: 68

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Gérard de Nerval nach einer Aufnahme von Félix Nadar (1820 - 1910)

Inhaltsverzeichnis

PARIS · PANTIN · MEAUX

DER REALISMUS

MEIN FREUND

NACHT AM MONTMARTRE

DIE CAUSERIE

LONDONER NÄCHTE

ZWEI WEISE

DAS CAFÉ DER BLINDEN

PANTIN

DAS GOGUETTE

DER RÔTISSEUR

DIE HALLE

DER MARKT DER UNSCHULDIGEN

DIE CHARNIERS

DAS BARATTE

PAUL NIQUET

MEAUX

CAPHARNAUM

CHOR DER GNOME

ICH WACHE AUF

ÜBERLEGUNGEN

DIE MERINOFRAU

WEGBESCHREIBUNG

CRESPY-EN-VALOIS

IM GEFÄNGNIS

EIN WEITERER TRAUM

DIE MORAL

NACHWORT

PARIS · PANTIN · MEAUX

DER REALISMUS

Mit der Zeit erlischt die Leidenschaft für große Reisen, es sei denn, man war lange genug unterwegs, um im eigenen Land ein Fremder zu werden. Der Kreis verkleinert sich zunehmend, und nähert sich nach und nach dem Heim an. Da ich mich diesen Herbst nicht weit entfernen konnte, habe ich mich zu einer einfachen Reise nach Meaux entschlossen.

Es bleibt noch zu erwähnen, dass ich Pontoise bereits gesehen habe.

Diese kleinen Städte, die wie bescheidene Planeten etwa zehn Meilen vom strahlenden Zentrum Paris entfernt liegen, gefallen mir recht gut. Zehn Meilen sind genug, um nicht in Versuchung zu kommen, am Abend wieder die Heimfahrt anzutreten, aber auch um sicher zu gehen, nicht vom selben Glockenschlag am nächsten Tag geweckt zu werden. So findet man zwischen zwei geschäftigen Tagen einen besonnenen Vormittag.

Ich bedaure all jene, die auf der Suche nach Ruhe und Einsamkeit arglos in Asnières aufwachen.

Als mir diese Idee kam, war es bereits nach Mittag. Ich habe nicht bedacht, dass man am Ersten des Monats die Abfahrtszeiten nach Strasbourg geändert hatte. Ich musste deshalb bis halb vier warten und ging zurück zur Rue d’Hauteville. Dort traf ich auf einen Flaneur, den ich nicht bemerkt hätte, wäre ich nicht ohne Beschäftigung gewesen, und der, nach dem ersten Wortwechsel über den Regen und das schöne Wetter, eine Diskussion über ein philosophisches Thema begann. Mitten in meiner Gegenargumentation verpasste ich den Bus um drei Uhr. Das war am Boulevard Montmartre, als es passierte. Das Einfachste war es demnach, ins Café Vachette zu gehen, ein Glas Absinth zu trinken und danach entspannt im Désiré et Baurain zu dinieren.

Die Tagespolitik war bald zu Ende gelesen, und so begann ich nachlässig in der Revue Britannique zu blättern. Einige von Charles Dickens übersetzte Seiten weckten mein Interesse, daher entschloss ich mich den ganzen Artikel mit dem Titel La clef de la rue zu lesen.

Glücklich können sie sich schätzen, die Engländer, die ganze Kapitel reiner Beobachtungen schreiben und lesen können, und das gänzlich frei von phantastischen Beimischungen! In Paris würde man uns auffordern, jede Geschichte mit Anekdoten und Sentimentalitäten zu überhäufen, die entweder mit einem Todesfall oder Hochzeitsglocken enden soll. Der realistische Verstand unserer Nachbarn hingegen gibt sich mit der absoluten Wahrheit zufrieden.

Tatsächlich gibt ein Roman nie die bizarren Verflechtungen des Lebens wieder! Man erfindet den Menschen, weil man ihn nicht zu beobachten weiß. Welche Romane sind denn schon den komischen oder tragischen Geschichten eines Gerichtsjournals vorzuziehen?

Cicero kritisierte einst einen weitschweifigen Advokaten, der, wenn er sagen wollte, dass sein Klient an Bord ging, es wie folgt ausdrückte:

„Er steht auf, er zieht sich an, er öffnet die Tür, er steigt über die Türschwelle, er folgt rechts dem Weg Flaminia, um zum Platz der Thermen zu gelangen etc. etc.“

Man fragt sich, ob dieser Reisende je den Hafen erreichen wird, aber schon ist das Interesse an ihm geweckt, und, weit davon entfernt, den redseligen Anwalt weitschweifig zu finden, hätte ich das Porträt des Klienten, die Beschreibung seines Hauses und das Stadtbild der Straßen angefordert. Ich würde selbst die exakte Uhrzeit und das Wetter wissen wollen. Aber Cicero war nun mal ein konventioneller Rhetoriker und der andere kein geborener Redner.

MEIN FREUND

Und was beweist das dann?“, pflegte Denis Diderot zu sagen.

Das beweist, dass der Freund, dessen Bekanntschaft ich gemacht habe, einer dieser tiefverwurzelten badauds ist, die Dickens cockneys nennen würde, ein recht gewöhnliches Produkt unserer Gesellschaft und Hauptstadt. Man hat ihn zwanzig Mal gesehen, man ist sein Freund, und doch erkennt er einen nicht wieder. Er schreitet in einem Traum dahin, wie die Götter der Ilias manchmal in einer Wolke wanderten, bloß herrscht hier das gegenteilige Szenario – ihr seht ihn, aber er sieht euch nicht.

Er blieb eine Stunde bei der Tür eines Vogelhändlers stehen, während er versuchte, die Vogellaute mithilfe des phonetischen Wörterbuchs von Dupont (de Nemours) zu verstehen, der alleine in der Sprache der Nachtigall fünfzehnhundert Wörter bestimmt hatte.

Nicht eine Menschenmenge, die sich um Sänger oder Schuhcrèmeverkäufer versammelt, nicht eine Rauferei, nicht ein Hundekampf, wo seine zerstreute Betrachtung nicht hängen bliebe. Der Taschenspieler leiht ihm stets sein Taschentuch, das er manchmal hat, oder das 100-Sous-Stück, das er nicht immer hat.

Sprecht ihn an, und er ist entzückt, ein Publikum für sein Geschwätz, seine endlosen Erörterungen, seine Erzählungen der anderen Welt zu finden. Er redet mit euch de omni re scibili et quibusdam aliis, vier Stunden lang, mit Lungen, die aus diesen Erregungen ihre Kraft schöpfen, und er hört erst auf, wenn er merkt, dass die Passanten Grüppchen bilden oder die Kellner des Cafés ihre Betten machen. Er wartet noch darauf, dass sie das Gas ausschalten. Dann aber sollte man endgültig gehen und ihn mit dem berauschenden Triumphgefühl, das ihn bald überkommen wird, zurücklassen, denn er beherrscht alle Mittel der Dialektik und hat immer das letzte Wort, ganz ungeachtet, um welches Thema sich die Gespräche drehen. Um Mitternacht denkt jeder mit Schrecken an seinen Portier. Der Schwätzer hat seinen schon in den Wind geschrieben und wird durch einige Ortschaften, oder aber einfach auf den Montmartre spazieren.

Welch ein schöner Spaziergang, nämlich jener über den Hügeln des Montmartre, um Mitternacht, wenn die Sterne funkeln und man sie im Meridian von Louis XIII. beobachten kann, nahe dem Moulin de Beurre1!

Solch ein Mensch fürchtet die Diebe nicht, denn sie kennen ihn. Es ist nicht so, dass er immer arm ist, manchmal ist er reich, aber die Diebe wissen, dass er im Notfall mit einem Messer umzugehen wüsste oder sie mithilfe des erstbesten Steckens durch wildes, in vier Richtungen heischendes Gefuchtel fortjagen könnte. Den Fußtritten nach zu urteilen ist er der Schüler von Lozès. Fechten beherrscht er nicht, weil er keine Spitzen mag und Schießen hat er nie ernsthaft gelernt, weil er glaubt, dass die Kugeln ihre Nummern tragen.

1 Alte Mühle in Paris

NACHT AM MONTMARTRE

Es ist ja nicht so, dass er in den Steinbrüchen des Montmartre übernachten wollte, aber er führte stets endlose Gespräche mit den Kalkbrennern. Er holte bei den Steinbrucharbeitern Auskünfte über vorsintflutliche Tiere ein, während er sich über ehemalige Arbeiter erkundigte, die Cuvier bei dessen geologischen Exkursionen begleiteten. Diese gab es noch. Diese schroffen, aber intelligenten Männer lauschten bei loderndem Feuer eines Reisigbündels stundenlang den Geschichten über Monster, wovon sie noch Überreste fanden, und den Schilderungen über urzeitliche Revolutionen der Erde. Manchmal erwachte ein Vagabund und bat um Ruhe, aber man brachte ihn schnell zum Schweigen.

Leider sind die großen Steinbrüche inzwischen geschlossen. Einen gab es neben dem Château Rouge, der mit seinen hohen Säulen, die von eckigen Gewölben gestützt wurden, wie ein druidischer Tempel wirkte. Das Auge tauchte in die Tiefen ein, sodass man davor erschauderte, Esus, Thot oder Cernunnos herauskommen zu sehen, die unzweifelhaften Götter unserer Väter.

Heute existieren nur noch zwei bewohnbare Steinbrüche auf der Seite von Clignancourt. Aber alles ist voll von Arbeitern, wovon die eine Hälfte schläft, um später die andere abzulösen. So geht das Kolorit verloren! Ein Dieb weiß immer, wo man sich am besten schlafen legt. Man übernachtet normalerweise nicht in den Steinbrüchen, abgesehen von den ehrlichen Landstreichern, die sich nicht um Asyl bei der Wache zu fragen trauen, oder Betrunkenen, die vom Hügel kommen und es nicht mehr weiter schaffen.

Manchmal lagen auf der Seite von Clichy